Part 2
Wir würden denen, welche diese Sprache führten, sehr Unrecht thun, wenn wir annähmen, daß sie, als Gesammtheit, aufgehört hätten, den Papismus und Despotismus mit Abscheu zu betrachten. Wohl mag es einige Zeloten darunter gegeben haben, welche den Gedanken, ihrem Könige Bedingungen vorzuschreiben, nicht ertragen konnten und die bereit waren, ihn zurückzurufen ohne die geringste Zusicherung von seiner Seite, daß nicht augenblicklich die Indulgenzerklärung wieder publicirt, die hohe Commission wieder eingesetzt, Petre wieder in den Staatsrath berufen und die Fellows des Magdalenencollegiums wieder vertrieben werden sollten. Allein die Zahl dieser Männer war klein. Um so größer war dagegen die Zahl derjenigen Royalisten, welche bereit gewesen wären, sich aufs neue um Jakob zu schaaren, wenn er seine Irrthümer eingesehen und versprochen hätte, die Gesetze zu beobachten. Es ist eine bemerkenswerthe Thatsache, daß zwei talentvolle und erfahrene Staatsmänner, welche eine Hauptrolle in der Revolution gespielt hatten, wenige Tage nach derselben offen ihre Besorgniß äußerten, daß eine Restauration nahe bevorstehe. »Wenn König Jakob ein Protestant wäre,« sagte Halifax zu Reresby, »so könnten wir ihn keine vier Monate außer Landes halten.« -- »Wenn König Jakob,« sagte Danby um dieselbe Zeit zu dem nämlichen Manne, »dem Lande in Sachen der Religion nur einige Genugthuung geben wollte, was er leicht thun könnte, so würde es sehr schwer sein, ihm die Spitze zu bieten.«[10] Zum Glück für England war Jakob, wie immer, sein eigener schlimmster Feind. Kein Wort, aus dem man hätte abnehmen können, daß er sich wegen der Vergangenheit tadele oder daß er in Zukunft verfassunggemäß zu regieren gedenke, war aus ihm heraus zu bringen. Jeder Brief, jedes Gerücht, das seinen Weg von Saint-Germains nach England fand, ließ einsichtsvolle Männer fürchten, daß, wenn er in seiner gegenwärtigen Stimmung wieder zur Macht gelangen sollte, die zweite Tyrannei schlimmer sein würde, als die erste. So mußten denn die Tories in ihrer Gesammtheit, wenn auch ungern, eingestehen, daß sie für den Augenblick nur die Wahl hatten zwischen Wilhelm und dem öffentlichen Ruin. Daher ließen sie sich die neue Regierung unmuthig gefallen, ohne jedoch die Hoffnung ganz aufzugeben, daß der eigentlich rechtmäßige König früher oder später der Stimme der Vernunft noch Gehör geben werde, und ohne für den factischen König eine Spur von Loyalität zu empfinden.
[Anmerkung 10: +Reresby's Memoirs.+]
[_Stimmung der Whigs._] Es ist die Frage, ob der neuen Regierung während der ersten Monate ihres Bestehens die Zuneigung der Whigs nicht gefährlicher war als die Abneigung der Tories. Offene Feindschaft kann kaum nachtheiliger sein als mäkelnde, eifersüchtige, anspruchsvolle Zuneigung, und solcher Art war die, welche die Whigs dem Herrscher ihrer Wahl erwiesen. Sie lobten und priesen ihn laut, sie waren bereit, ihn mit Gut und Blut gegen fremde und einheimische Feinde zu unterstützen. Aber ihre Zuneigung zu ihm war eine ganz eigenthümliche. Eine Loyalität wie die, welche die tapferen Edelleute beseelte, die für Karl I. kämpften, oder wie die, welche Karl II. den durch eine zwanzigjährige schlechte Verwaltung hervorgerufenen Gefahren und Schwierigkeiten entrissen: einem solchen Gefühl waren die Lehren Milton's und Sidney's nicht günstig, so wenig als ein durch einen Aufstand eben erst zur Macht gelangter Fürst hoffen durfte, es einzuflößen. Die whiggistische Regierungstheorie geht dahin, daß der König für das Volk, nicht das Volk für den König da ist; daß das Recht eines Königs in keinem andren Sinne göttlich ist als wie das Recht eines Parlamentsmitgliedes, eines Richters, eines Geschwornen, eines Mayors und eines Constabels; daß, so lange der erste Beamte im Staate den Gesetzen gemäß regiert, ihm Gehorsam und Ehrerbietung bezeigt werden muß; daß aber, sobald er die Gesetze verletzt, ihm Widerstand geleistet werden darf, und daß er, wenn er die Gesetze gröblich, systematisch und beharrlich verletzt, abgesetzt werden muß. Von der Richtigkeit dieser Principien hing die Gerechtigkeit von Wilhelm's Anspruch auf den Thron ab. Es liegt auf der Hand, daß zwischen Unterthanen, welche diesen Principien huldigten, und einem Herrscher, dessen Thronbesteigung der Sieg dieser Principien gewesen war, ein ganz andres Verhältniß stattfinden mußte als das, welches zwischen den Stuarts und den Cavalieren bestand. Die Whigs liebten Wilhelm zwar, aber sie liebten ihn nicht als König, sondern als Parteiführer, und es war nicht schwer vorauszusehen, daß ihr Enthusiasmus bald nachlassen würde, wenn er sich etwa weigerte, der bloße Führer ihrer Partei zu sein, und versuchen sollte, den König der ganzen Nation zu spielen. Zum Dank für die Hingebung, die sie seiner Sache bewiesen, verlangten sie von ihm, daß er einer der Ihrigen, ein zuverlässiger, eifriger Whig sei, daß er seine Gunst nur Whigs zu Theil werden lasse, daß er allen alten Groll und Haß der Whigs zu seinem eignen mache, und es stand mit nur zu gutem Grunde zu befürchten, daß, wenn er diese Erwartung täuschte, der einzige Theil der Nation, der seiner Sache eifrig zugethan war, ihm entfremdet werden würde.[11]
Dies waren die Schwierigkeiten, von denen er sich im Augenblicke seiner Erhebung umringt sah. Wo es einen guten Ausweg gab, hatte er selten verfehlt, denselben zu wählen, jetzt aber hatte er nur die Wahl zwischen Wegen, die alle mit gleicher Wahrscheinlichkeit zum Verderben führten. Von der einen Partei durfte er keine aufrichtige Unterstützung erwarten, und die aufrichtige Unterstützung der andern konnte er sich nur dadurch erhalten, daß er selbst der entschiedenste Parteimann in seinem Königreiche, ein Shaftesbury auf dem Throne wurde. Verfolgte er die Tories, so verwandelte sich ihre Verstimmung unfehlbar in Wuth; gewährte er ihnen seine Gunst, so war es noch keineswegs gewiß, ob er dadurch ihre Zuneigung gewann, während es nur zu wahrscheinlich war, daß er dann seinen Halt im Herzen der Whigs verlieren werde. Etwas mußte er indeß thun, etwas mußte er wagen: es mußte ein Geheimrath vereidigt und alle wichtigen Staats- und Justizämter mußten besetzt werden. Es hierbei _Allen_ recht zu machen, war unmöglich, es war schon schwer genug, es _Jemandem_ recht zu machen; doch etwas mußte geschehen.
[Anmerkung 11: Hier, wie in vielen anderen Fällen, unterlasse ich es, meine Quellen anzuführen, weil ihrer zu viele sind. Meine Angaben über die Stimmung und gegenseitige Stellung der politischen und religiösen Parteien unter der Regierung Wilhelm's III. sind nicht aus einem einzelnen Werke, sondern aus Tausenden vergessener Abhandlungen, Predigten und Satyren, kurz aus ganzen Literatur geschöpft, die in alten Bibliotheken modert.]
[_Ministerielle Einrichtungen._] Was man jetzt ein Ministerium nennt, das gedachte er nicht zu bilden. Überhaupt lernte England ein solches Ministerium erst kennen, als er einige Jahre auf dem Throne saß. Unter den Plantagenets, den Tudors und den Stuarts hatte es wohl Minister, aber kein Ministerium gegeben. Die Diener der Krone standen nicht, wie jetzt, in einem solidarischen Verhältnisse zu einander, man erwartete nicht von ihnen, daß sie, selbst in Fragen von höchster Bedeutung, gleicher Meinung seien. Oft waren sie sogar politische und persönliche Feinde und machten kein Geheimniß aus ihrer Feindschaft. Es galt noch nicht für nachtheilig und unschicklich, daß sie einander schwerer Verbrechen beschuldigten und daß Einer des Andren Kopf verlangte. Niemand hatte den Lordkanzler Clarendon heftiger angeklagt als Coventry, ein Mitglied der Schatzcommission. Niemand hatte den Lordschatzmeister Danby heftiger angeklagt als Winnington, der Generalprokurator. Nur ein Einigungspunkt war zwischen den Regierungsmitgliedern: ihr gemeinsames Oberhaupt, der Souverain. Die Nation betrachtete ihn als das wirkliche Oberhaupt der Verwaltung und tadelte ihn streng, wenn er seine hohen Functionen auf einen Unterthan übertrug. Clarendon sagt uns, daß den Engländern seiner Zeit nichts so verhaßt gewesen sei als ein Premierminister. Sie würden, meint er, lieber unter einem Usurpator wie Oliver stehen, der factisch wie nominell erster Beamter im Staate war, als unter einem rechtmäßigen Könige, der sie an einen Großwessier verwies. Eine der Hauptbeschuldigungen, welche die Vaterlandspartei gegen Karl II. erhoben, bestand darin, daß er zu indolent und vergnügungssüchtig sei, um die Rechnungsablagen des Staatshaushaltes und die Inventuren der militärischen Vorrathsmagazine sorgfältig zu prüfen. Als Jakob auf den Thron kam, beschloß er, keinen Lordgroßadmiral, kein Admiralitätscollegium zu ernennen, sondern die ganze Leitung der Marineangelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, und diese Einrichtung, welche heutzutage von Männern aller Parteien für im höchsten Grade verfassungswidrig und nachtheilig erklärt werden würde, fand damals allgemeinen Beifall selbst bei Solchen, die nicht geneigt waren, seine Handlungsweise in einem günstigen Lichte zu betrachten. Wie vollständig das Verhältniß, in welchem der König zu seinem Parlamente und zu seinen Ministern stand, durch die Revolution verändert worden war, erkannten anfangs selbst die erleuchtetsten Staatsmänner nicht. Man glaubte allgemein, daß die Regierung, wie in früherer Zeit, wieder durch von einander unabhängige Beamte geleitet werden und daß Wilhelm die Oberaufsicht über dieselben führen werde. Auch erwartete man zuversichtlich, daß ein Fürst von Wilhelm's Befähigung und Erfahrung viele wichtige Geschäfte ohne allen fremden Rath und Beistand besorgen werde.
[_Wilhelm sein eigner Minister des Auswärtigen._] Man hatte daher nichts zu erinnern, als man erfuhr, daß Wilhelm die Leitung der auswärtigen Angelegenheiten sich selbst vorbehalten habe. Allerdings blieb auch kaum etwas Andres übrig, denn mit der einzigen Ausnahme Sir Wilhelm Temple's, den nichts bewogen haben würde, aus seiner Zurückgezogenheit wieder ins öffentliche Leben zu treten, gab es damals keinen Engländer, der sich als fähig erwiesen hatte, eine wichtige Unterhandlung mit fremden Mächten zu einem ersprießlichen und ehrenvollen Ende zu führen. Viele Jahre waren verstrichen, seit England sich mit Gewicht und Würde in die Angelegenheiten der großen Republik der Nationen eingemischt. Die Aufmerksamkeit der geschicktesten englischen Staatsmänner war lange fast ausschließlich durch Zerwürfnisse in Bezug auf die bürgerliche und kirchliche Verfassung ihres eigenen Landes in Anspruch genommen worden. Die Streitigkeiten wegen der papistischen Verschwörung und der Ausschließungsbill, wegen der Habeas-Corpusacte und der Testacte hatten einen Überfluß, man könnte fast sagen eine Fluth von solchen Talenten erzeugt, welche in einer durch innere Spaltungen zerrissenen Gesellschaft Männer zu Macht und Ansehen erheben. Das ganze Festland hatte keine so geschickten und schlauen Parteiführer, keine so gewandten parlamentarischen Taktiker, keine so schlagfertigen und beredten Wortführer aufzuweisen als in Westminster versammelt waren. Aber es bedurfte einer ganz andren Schule, um einen Minister des Auswärtigen zu bilden, und die Revolution hatte England plötzlich in eine Lage versetzt, in welcher die Dienste eines großen Ministers für die auswärtigen Angelegenheiten unentbehrlich waren.
Wilhelm eignete sich ganz vorzüglich zur Ausfüllung dieses Postens, dem die vollendetsten Staatsmänner seines Reiches nicht gewachsen waren. Er hatte sich schon seit geraumer Zeit als Unterhändler ausgezeichnet. Er war der Schöpfer und die Seele der europäischen Coalition gegen das Übergewicht Frankreichs. Der leitende Faden, ohne den es gefährlich war, das große und verwickelte Labyrinth der festländischen Politik zu betreten, war in seinen Händen. Daher wagten es seine englischen Räthe, so talentvoll und thätig sie sonst waren, während seiner Regierung nur selten, sich in den Theil der Staatsgeschäfte einzumischen, die er zu seinem speciellen Departement erwählt hatte.[12]
Die innere Verwaltung England's konnte dagegen nur unter dem Beirathe und der Mitwirkung englischer Minister geleitet werden. Die Wahl, welche Wilhelm bei Ernennung dieser Minister traf, bewies, daß er sich vorgenommen hatte, keine Partei auszuschließen, die geneigt war, seinen Thron zu stützen. Den Tag darauf, nachdem ihm im Bankethause die Krone überreicht worden, wurde der Geheime Rath vereidigt. Die meisten Räthe waren Whigs; doch standen auch die Namen mehrerer ausgezeichneter Tories auf der Liste.[13] Die vier höchsten Staatsämter wurden vier Edelleuten übertragen, welche die vier Hauptklassen der Politiker repräsentirten.
[Anmerkung 12: Folgende Stelle aus einer damaligen Schrift drückt die allgemeine Ansicht über diesen Punkt aus: »Die auswärtigen Angelegenheiten kennt er besser als wir; in Bezug auf die einheimischen Staatsgeschäfte aber bringt es ihm keine Unehre, wenn wir ihm über sein Verhältniß zu uns, über die Natur desselben und über das was er am zweckmäßigsten zu thun hat, unsre Meinung sagen.« -- +An Honest Commoner's Speech+.]
[Anmerkung 13: +London Gazette, Febr. 18. 1688/88.+]
[_Danby._] In praktischer Befähigung und geschäftlicher Erfahrung war keiner seiner Zeitgenossen Danby überlegen. Er hatte ein starkes Anrecht auf die Dankbarkeit des neuen Herrscherpaares, denn durch seine Geschicklichkeit war ihre Vermählung trotz unbesiegbar scheinender Schwierigkeiten zu Stande gebracht worden. Die Feindschaft, die er stets gegen Frankreich gehegt, war eine kaum minder gewichtige Empfehlung. Er hatte die Einladung vom 30. Juni unterzeichnet, hatte den Aufstand im Norden veranstaltet und geleitet und hatte in der Convention seinen ganzen Einfluß und seine ganze Beredtsamkeit wider den Regentschaftsplan aufgeboten. Trotzdem betrachteten ihn die Whigs mit unüberwindlichem Mißtrauen und Widerwillen. Sie konnten es nicht vergessen, daß er in schlimmen Tagen der erste Minister des Staats, das Haupt der Cavaliere, der Vorkämpfer der Prärogative, der Verfolger der Dissenters gewesen. Selbst indem er ein Rebell wurde, hatte er nicht aufgehört ein Tory zu sein. Wohl hatte er das Schwert gegen die Krone gezogen, aber nur zur Vertheidigung der Kirche. Wohl hatte er in der Convention durch seinen Widerstand gegen den Regentschaftsplan Gutes gewirkt, auf der andren Seite aber hatte er geschadet durch beharrliche Aufrechthaltung des Satzes, daß der Thron nicht erledigt und die Stände nicht berechtigt seien, über die Besetzung desselben zu entscheiden. Die Whigs waren daher der Meinung, er müsse sich für seine neuerlichen Verdienste dadurch reichlich belohnt erachten, daß man ihm die Strafe für die ihm zehn Jahre früher zur Last gelegten Vergehen erlasse. Er dagegen schätzte seine unleugbar eminenten Talente und Dienste nach ihrem vollen Werthe und hielt sich für berechtigt zu dem hohen Posten eines Lordschatzmeisters, den er früher bekleidet. Seine Erwartung wurde jedoch getäuscht. Wilhelm erachtete es grundsätzlich für wünschenswerth, die Macht und das Patronat des Schatzamts unter mehrere Commissarien zu theilen. Er war der erste König von England, der vom Beginn bis zum Schlusse seiner Regierung den weißen Stab niemals den Händen eines einzelnen Unterthanen anvertraute. Danby ward die Wahl freigestellt zwischen der Präsidentschaft im Geheimen Rathe und einem Staatssekretariat. Er entschied sich verdrüßlich für die Präsidentschaft und während die Whigs murrten, als sie ihn so hoch gestellt sahen, bemühte er sich kaum, seinen Aerger darüber zu verbergen, daß er nicht noch höher gestellt worden war.[14]
[Anmerkung 14: +London Gazette, Febr. 18. 1688/89; Reresby's Memoirs.+]
[_Halifax._] Halifax, der Ausgezeichnetste unter der kleinen Partei die sich rühmte, daß sie zwischen den Whigs und Tories das Gleichgewicht erhielt, übernahm das Geheimsiegel und blieb nach wie vor Sprecher im Hause der Lords.[15] Er hatte sich durch streng gesetzliche Opposition gegen die letzte Regierung hervorgethan und mit großer Gewandtheit gegen die Dispensationsgewalt gesprochen und geschrieben; aber er hatte von dem Invasionsplane nichts wissen wollen, er hatte, selbst als die Holländer schon auf dem vollen Marsche gegen London waren, noch darauf hingearbeitet, eine Versöhnung zu Stande zu bringen, und er hatte Jakob erst dann verlassen, als dieser den Thron verließ. Von dem Augenblicke der schimpflichen Flucht aber hatte der scharfblickende Trimmer in der Überzeugung, daß ein gütlicher Vergleich nicht mehr möglich sei, einen entscheidenden Entschluß gefaßt. Er hatte sich in der Convention glänzend hervorgethan, und es war ein besonders glücklicher Griff, daß man ihn zu dem Ehrenamte ernannt, dem Prinzen und der Prinzessin von Oranien im Namen aller Stände England's die Krone zu überreichen, denn soweit man überhaupt sagen kann, daß unsre Revolution den Charakter eines einzelnen Geistes trug, trug sie sicherlich den Charakter des großen, aber besonnenen Geistes Halifax'. Doch die Whigs waren nicht in der Stimmung, einen neueren Dienst als Ersatz für ein altes Vergehen anzunehmen, und das Vergehen Halifax' war in der That ein arges gewesen. Vor langer Zeit hatte er während eines harten Freiheitskampfes in ihren vordersten Reihen gestritten, und als sie endlich siegten, als Whitehall in ihrer Gewalt zu sein schien, als sich eine nahe Aussicht auf Herrschaft und Rache eröffnete, da war er, und mit ihm das Glück, ins feindliche Lager übergegangen. In der großen Debatte über die Ausschließungsbill hatte seine Beredtsamkeit sie zu Boden geschmettert und der verzagten Hofpartei neuen Lebensmuth eingeflößt. Allerdings war er, obgleich er sie in den Tagen ihres übermüthigen Glücks verlassen, zur Zeit der Noth in ihre Reihen zurückgekehrt; aber jetzt, da die Noth vorüber war, vergaßen sie, daß er zu ihnen zurückgekehrt, und erinnerten sich nur noch, daß er sie verlassen hatte.[16]
[Anmerkung 15: +London Gazette, Febr. 18. 1688/89; Lords' Journals.+]
[Anmerkung 16: +Burnet II. 4.+]
[_Nottingham._] Der Ärger, mit dem sie Danby im Staatsrathe präsidiren und Halifax das Geheimsiegel führen sahen, wurde nicht vermindert durch die Nachricht, daß Nottingham zum Staatssekretär ernannt sei. Einige von den eifrigen Kirchenmännern, welche nie aufgehört hatten, die Lehre vom Nichtwiderstande zu predigen, in deren Augen die Revolution nicht zu rechtfertigen war, die für eine Regentschaft gestimmt und bis zuletzt bei der Behauptung geblieben waren, daß der englische Thron nicht einen Augenblick erledigt sein könne, hielten es gleichwohl für ihre Pflicht, sich der Entscheidung der Convention zu unterwerfen. Sie hatten, sagten sie, sich nie gegen Jakob aufgelehnt und Wilhelm nicht gewählt; da sie aber jetzt einen Fürsten auf dem Thron sahen, den sie allerdings nie darauf gesetzt haben würden, waren sie der Meinung, daß kein göttliches oder menschliches Gesetz es ihnen zur Pflicht machte, den Kampf weiter fortzusetzen. Sie glaubten in der Bibel sowohl wie im Gesetzbuche Vorschriften zu finden, die nicht mißverstanden werden könnten. Die Bibel befiehlt Gehorsam gegen die bestehenden Gewalten an. Das Gesetzbuch enthält einen Paragraphen, welcher besagt, daß kein Unterthan deshalb als ein Übelthäter betrachtet werden solle, weil er sich dem im factischen Besitz des Thrones befindlichen Könige anschließe. Aus diesen Gründen glaubten Viele, die zur Einsetzung der neuen Regierung nicht mitgewirkt hatten, daß sie derselben ihre Unterstützung gewähren könnten, ohne weder Gott noch einen Menschen zu beleidigen. Einer der ausgezeichnetsten Staatsmänner dieser Schule war Nottingham. Auf sein Ansuchen hatte die Convention, bevor der Thron besetzt war, den Unterthaneneid dergestalt umgeändert, daß er und seine Meinungsgenossen diesen Eid unbedenklich leisten konnten. »Meine Grundsätze,« sagte er, »gestatten mir nicht, mich bei der Wahl eines Königs zu betheiligen. Ist aber ein König einmal gewählt, so gebieten mir meine Grundsätze, ihm einen strengeren Gehorsam zu bezeigen, als er von Denen erwarten darf, die ihn gewählt haben.« Zum Erstaunen einiger von Denen, die ihn am meisten schätzten, willigte er jetzt ein, im Staatsrathe zu sitzen und die Sekretariatssiegel anzunehmen. Wilhelm hoffte ohne Zweifel, diese Ernennung werde von der Geistlichkeit und der toryistischen Landgentry als eine genügende Bürgschaft dafür angesehen werden, daß er gegen die Kirche nichts Böses im Sinne habe. Selbst Burnet, der späterhin eine starke Abneigung gegen Nottingham fühlte, gestand in einigen bald nach der Revolution geschriebenen Abhandlungen, daß der König richtig geurtheilt und daß der zur Unterstützung der neuen Herrscher ehrlich verwendete Einfluß des toryistischen Staatssekretärs England vor großen Calamitäten bewahrt habe.[17]
[Anmerkung 17: Diese Abhandlungen finden sich in einem Handschriftenbande, der zur Harley'schen Sammlung gehört und mit der Nummer 6584 bezeichnet ist. Sie bilden thatsächlich die ersten Entwürfe zu einem großen Theile von Burnet's +History of His Own Times+. Die Zeitpunkte, zu welchen die verschiedenen Theile dieses höchst merkwürdigen und interessanten Werkes abgefaßt wurden, sind angegeben. Fast das Ganze wurde vor Mariens Tode geschrieben. Erst zehn Jahre später begann Burnet seine Geschichte der Regierung Wilhelm's für den Druck vorzubereiten. Während dieses Zeitraums hatten sich seine Ansichten, über Menschen sowohl als Dinge, sehr geändert. Deshalb ist der erste Entwurf so außerordentlich werthvoll, denn er enthält manche Thatsachen, die er nachher auszulassen für räthlich hielt, und einige Urtheile, welche er später zu ändern Ursache fand. Ich muß jedoch gestehen, daß mir seine ersten Ansichten gewöhnlich besser gefallen. Wenn seine Geschichte einmal neu gedruckt würde, sollte sie mit diesem Manuscriptbande sorgfältig verglichen werden. Überall wo ich mich auf diese Handschrift beziehe, kann der Leser annehmen, daß sie etwas enthält, was sich in seiner gedruckten Geschichte nicht findet.
Über Nottingham's Ernennung siehe +Burnet II. 8+, +London Gazette, March 7. 1688/89+ und +Clarendon's Diary, Febr. 15+.]
[_Shrewsbury._] Der andre Staatssekretär war Shrewsbury.[18] Seit Menschengedenken hatte kein so junger Mann einen so hohen Posten bei der Regierung bekleidet. Er hatte eben erst sein achtundzwanzigstes Lebensjahr zurückgelegt. Gleichwohl erblickte Niemand, mit Ausnahme der feierlichen Formalisten bei der spanischen Gesandtschaft, in seiner Jugend ein Hinderniß für seine Ernennung.[19] Er hatte sich schon durch die hervorragende Rolle, die er bei der Befreiung seines Vaterlandes gespielt, einen Platz in der Geschichte gesichert. Seine Talente, seine Kenntnisse, sein liebenswürdiges Benehmen und sein sanfter Charakter machten ihn allgemein beliebt. Besonders die Whigs beteten ihn fast an. Niemand ahnete, daß er mit vielen großen und gewinnenden Eigenschaften solche Fehler des Geistes und Herzens verband, welche den Rest seines unter so günstigen Auspicien begonnenen Lebens ihm selbst zur Last und seinem Lande fast nutzlos machen sollten.
[Anmerkung 18: +London Gazette, Febr. 18. 1688/89.+]
[Anmerkung 19: Don Pedro de Ronquillo macht diese Bemerkung.]