Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Sechster Band: enthaltend Kapitel 11 und 12

Part 18

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[_Wahl eines französischen Gesandten zum Begleiter Jakob's._] Welcher Franzos den König von England in der Eigenschaft eines Gesandten begleiten sollte, war ein Gegenstand ernster Berathung zu Versailles gewesen. Barillon konnte ohne auffallende Geringschätzung nicht übergangen werden. Aber seine Lässigkeit, sein Mangel an Energie und vor Allem die Leichtgläubigkeit, mit der er auf Sunderland's Versicherungen gehört, hatten auf Ludwig einen ungünstigen Eindruck gemacht. Was in Irland zu thun war, war keine Arbeit für einen Tändler oder Gimpel. Der Geschäftsträger Frankreich's in diesem Lande mußte mehr als den gewöhnlichen Functionen eines Gesandten gewachsen sein. Er war berechtigt und verpflichtet, in allen Zweigen der politischen und militärischen Verwaltung des Reichs, in welchem er den mächtigsten und freigebigsten Bundesgenossen vertreten sollte, gute Rathschläge zu geben. Barillon wurde daher übergangen. Er stellte sich als ob er seine Ungnade mit Fassung ertrüge. Wenn auch seine politische Laufbahn große Calamitäten über das Haus Stuart wie über das Haus Bourbon gebracht hatte, so war sie doch keineswegs ohne Gewinn für ihn selbst gewesen. Er sagte er sei alt und korpulent, er beneide jüngere Männer nicht um die Ehre, in den irischen Sümpfen von Kartoffeln und Whiskey zu leben, er wolle es versuchen, sich mit Rebhühnern, mit Champagner und mit der Gesellschaft der geistreichsten Männer und hübschesten Frauen von Paris zu trösten. Man sprach jedoch davon, daß er von sehr peinlichen Gefühlen gequält werde, die er zu verbergen sich bestrebte; seine Gesundheit und sein Frohsinn nahmen mehr und mehr ab und er versuchte es nun, in religiösen Übungen Trost zu finden. Manche Leute waren sehr erbaut durch die Frömmigkeit des alten Wüstlings; Andere aber schrieben seinen Tod, der bald nach seinem Rücktritt aus dem öffentlichen Leben erfolgte, der Scham und dem Ärger zu.[55]

[Anmerkung 55: Memoiren La Fare's und Saint-Simon's; Note von Renaudot über die englischen Angelegenheiten, 1697, in den französischen Archiven, Frau von Sévigné vom 20. Febr. (2. März) und vom 11.(21.) März 1689; Brief von Frau von Coulanges an Herrn von Coulanges vom 23. Juli 1691.]

[_Der Graf von Avaux._] Der Graf von Avaux, dessen Scharfblick alle Pläne Wilhelm's durchschaut und der vergebens zu einer Politik gerathen hatte, die jene Pläne wahrscheinlich vereitelt haben würde, war der Mann, auf den Ludwig's Wahl fiel. In Bezug auf Talent und Befähigung wurde Avaux von keinem der vielen geschickten Diplomaten, welche sein Vaterland damals besaß, übertroffen. Sein Benehmen war ungemein anziehend, seine persönliche Erscheinung angenehm und sein Gemüth sanft und liebreich. Seine Manieren und seine Conversation waren die eines Cavaliers, der an dem elegantesten und prächtigsten aller Höfe erzogen worden, der diesen Hof sowohl in katholischen wie in protestantischen Ländern vertreten und der auf seinen Wanderungen die Kunst erlernt hatte, den Ton jeder Gesellschaft zu treffen, in welche der Zufall ihn führen mochte. Dabei war er höchst umsichtig und gewandt, fruchtbar an Auskunftsmitteln und geschickt in Entdeckung der schwachen Seiten eines Characters. Indessen war sein eigner Character nicht frei von Schwächen. Der Gedanke von plebejischer Herkunft zu sein, war die Qual seines Lebens. Er schmachtete nach dem Adel mit einer eben so bedauernswerthen als lächerlichen Sehnsucht. Bei aller seiner Geschicklichkeit, Erfahrung und ausgezeichneten Bildung stieg er doch zuweilen unter dem Einflusse seines geheimen Grames auf das Niveau von Molière's Jourdain herab und ergötzte boshafte Beobachter durch Scenen, welche eben so komisch waren wie die, in der der ehrliche Tuchhändler zum Mamamuschi gemacht wird.[56] Es möchte noch sein, wenn dies das Schlimmste gewesen wäre. Aber es ist nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet, daß Avaux von dem Unterschiede zwischen Recht und Unrecht so wenig einen Begriff hatte wie ein unvernünftiges Thier. Ein Gefühl vertrat bei ihm die Stelle der Religion und Moral: eine abergläubische und unduldsame Ergebenheit für die Krone, der er diente. Dieses Gefühl durchdringt alle seine Depeschen und leuchtet aus allen seinen Gedanken und Worten hervor. Nichts was dem Interesse der französischen Monarchie förderlich sein konnte, schien ihm ein Verbrechen. Er hielt es in der That für ausgemacht, daß nicht nur die Franzosen, sondern alle Menschen dem Hause Bourbon eine natürliche Unterthanentreue schuldeten und daß Jeder, der Anstand nehme, das Glück und die Freiheit seines Vaterlandes dem Ruhme dieses Hauses aufzuopfern, ein Verräther sei. Während seines Aufenthalts im Haag bezeichnete er stets diejenigen Holländer, die sich Frankreich verkauft hatten, als den gutgesinnten Theil. In den Briefen, die er aus Irland schrieb, tritt das nämliche Gefühl noch stärker hervor. Er würde ein noch scharfsichtigerer Staatsmann gewesen sein, wenn er mehr mit den unter dem Volke herrschenden Gefühlen von moralischer Billigung und Mißbilligung sympathisirt hätte. Denn seine Gleichgültigkeit gegen alle Rücksichten der Gerechtigkeit und Nachsicht war so groß, daß er in seinen Plänen das Gewissen und das Zartgefühl seiner Mitmenschen gänzlich außer Acht ließ. Mehr als einmal empfahl er wissentlich so haarsträubende Abscheulichkeiten, daß selbst schlechte Menschen darüber empört waren. Es gelang ihnen aber nie, ihm ihre Bedenken nur begreiflich zu machen. Alle derartigen Vorstellungen hörte er mit einem cynischen Lächeln an und war selbst in Zweifel darüber, ob Die welche ihm den Text lasen wirklich solche Thoren waren, für die sie sich ausgaben, oder ob sie sich nur so stellten.

Dies war der Mann, den Ludwig zum Begleiter und Aufseher Jakob's erwählte. Avaux war beauftragt, sich womöglich mit den Mißvergnügten im englischen Parlament in Verbindung zu setzen, und war ermächtigt, nöthigenfalls etwa hunderttausend Kronen unter sie zu vertheilen.

[Anmerkung 56: Siehe Saint-Simon's Erzählung der List, durch welche Avaux sich in Stockholm für einen Ritter des Heiligen-Geistordens auszugeben versuchte.]

[_Jakob landet in Kinsale._] Jakob traf am 5. März in Brest ein, ging hier an Bord eines Kriegsschiffs, der St. Michael genannt, und segelte binnen achtundvierzig Stunden ab. Er hatte indessen bis zu seiner Abreise vollauf Zeit einige von den Fehlern zu zeigen, durch die er England und Schottland verloren hatte und durch die er auch Irland zu verlieren im Begriff stand. Avaux schrieb aus dem Hafen von Brest, daß es wohl nicht leicht sein werde, irgend eine wichtige Angelegenheit in Gemeinschaft mit dem König von England durchzuführen. Se. Majestät sei nicht im Stande ein Geheimniß zu bewahren, denn selbst die Matrosen des St. Michael hätten ihn bereits Dinge sagen hören, welche nur für die Ohren seiner vertrautesten Freunde hätten aufgespart werden sollen.[57]

Die Reise ging glücklich und ohne Störung von statten und am Nachmittag des 12. März landete Jakob im Hafen von Kinsale. Die katholische Bevölkerung empfing ihn mit Äußerungen ungeheuchelter Freude, und die wenigen Protestanten, welche in diesem Theile des Landes geblieben waren, schlossen sich ihnen, vielleicht ebenfalls nicht unaufrichtig, zu seiner Begrüßung an. Denn obgleich ein Feind ihrer Religion, war er doch kein Feind ihrer Nation, und sie durften vernünftigerweise hoffen, daß auch der schlechteste König etwas mehr Achtung vor Gesetz und Eigenthumsrechten zeigen werde als die Merry Boys und Rapparees gezeigt hatten. Der Vikar von Kinsale befand sich auch unter Denen, die ihm ihre Aufwartung machten; er wurde vom Bischof von Chester vorgestellt und nicht unfreundlich aufgenommen.[58]

Jakob erfuhr, daß seine Sache gut stehe. In den drei südlichen Provinzen des Landes waren die Protestanten entwaffnet und durch den Schrecken so wirksam niedergehalten, daß er von ihrer Seite nichts zu fürchten hatte. Im Norden zeigte sich ein Schein von Widerstand; aber Hamilton war im Anrücken gegen die Mißvergnügten, und es unterlag kaum einem Zweifel, daß sie leicht überwältigt werden würden. Ein Tag ward in Kinsale darauf verwendet, die Waffen und Munitionsvorräthe in Sicherheit zu bringen; nicht ohne Schwierigkeit verschaffte man sich die zur Beförderung einiger Reisenden nöthige Anzahl Pferde, und am 14. März brach Jakob nach Cork auf.[59]

[Anmerkung 57: Dieser Brief befindet sich in den Archiven des französischen Ministeriums des Auswärtigen, fehlt aber in dem sehr seltenen Bande, der in Downing Street gedruckt wurde.]

[Anmerkung 58: +A full and true Account of the Landing and Reception of the late King James at Kinsale, in a Letter from Bristol, licensed April 4. 1689+; +Leslie's Answer to King+; +Ireland's Lamentation+; Avaux vom 13.(23.) März.]

[Anmerkung 59: Avaux vom 13.(23.) März 1689; +Life of James, II. 327. Orig. Mem.+]

[_Jakob's Einzug in Cork._] Wir würden sehr irren, wenn wir glaubten, daß die Straße, durch welche er in diese Stadt einzog, die geringste Ähnlichkeit gehabt habe mit dem stattlichen Zugange, der den Reisenden des 19. Jahrhunderts mit Bewunderung erfüllt. Gegenwärtig nimmt Cork, obwohl noch durch manche häßliche Überbleibsel aus früherer Zeit verunziert, unter den Hafenplätzen des Reichs keine geringe Stelle ein. Der Schiffsverkehr ist mehr als halb so stark als der Schiffsverkehr London's zur Zeit der Revolution war. Der Ertrag der Zölle übersteigt das ganze Einkommen, welches das gesammte Königreich Irland in den ruhigsten und blühendsten Zeiten den Stuarts lieferte. Die Stadt besitzt breite und schön gebaute Straßen, reizende Gärten, einen korinthischen Porticus, der einem Palladio Ehre machen würde, und ein gothisches Collegium, das würdig wäre in High Street zu Oxford zu stehen. Im Jahre 1689 nahm die Stadt etwa den zehnten Theil der Bodenfläche ein, den sie jetzt bedeckt und war von schlammigen Wassergräben durchschnitten, welche längst überwölbt und bebaut sind. Ein öder Sumpf, in welchem der Jäger, der den Wasservögeln nachstellte, bei jedem Schritte tief in Wasser und Schlamm einsank, bedeckte das Areal, auf dem jetzt stattliche Gebäude und die Paläste großer Handelsgesellschaften stehen. Damals gab es nur eine einzige Straße, in der zwei Wagen einander ausweichen konnten. Von dieser Straße gingen zu beiden Seiten enge Gäßchen aus, schmutziger und übelriechender als selbst Diejenigen sich vorstellen können, die sich ihre Begriffe von Elend nach den ärmlichsten Theilen der Stadtviertel St. Giles und Whitechapel gebildet haben. Eines dieser Gäßchen, das vergleichsweise nicht mit Unrecht Broad Lane genannt wird, ist zehn Fuß breit. Aus diesen Straßen, gegenwärtig Sitzen von Hunger und Krankheit, die man der Hefe der Gesellschaft überlassen hat, strömten die Bürger herbei, um Jakob zu bewillkommnen. Er wurde von Macarthy, der in Munster das Obercommando führte, mit militärischen Ehren empfangen.

Es war dem Könige unmöglich, sofort nach Dublin weiter zu reisen, denn die südlichen Grafschaften waren durch das Gesindel, welches die Priester zu den Waffen gerufen hatten, so vollständig verwüstet, daß die Transportmittel nicht leicht zu beschaffen waren. Pferde waren eine Seltenheit geworden; in einem großen Districte gab es nur zwei Wagen und diese erklärte Avaux für unbrauchbar. Es dauerte mehrere Tage, bis das von Frankreich mitgebrachte Geld, obwohl eben keine so ungeheure Masse, die paar Meilen Wegs, welche Cork von Kinsale trennten, mühsam transportirt werden konnte.[60]

Während der König und sein Kriegsrath sich bemühten, Wagen und Pferde aufzutreiben, kam Tyrconnel von Dublin an. Seine Berichte lauteten ermuthigend. Den Widerstand Enniskillen's scheint er für kaum der Beachtung werth gehalten zu haben. Londonderry, sagte er, sei der einzige wichtige Punkt, den die Protestanten im Besitz hätten, und selbst Londonderry werde sich seiner Ansicht nach nur wenige Tage halten können.

[Anmerkung 60: Avaux vom 15.(25.) März 1689.]

[_Reise Jakob's von Cork nach Dublin._] Endlich war Jakob im Stande sich von Cork nach der Hauptstadt zu begeben. Unterwegs machte der kluge und wachsame Avaux mancherlei Bemerkungen. Zuerst ging die Reise durch wildes Hochland, wo man sich nicht wundern durfte, nur wenige Spuren von Kunst und Industrie zu finden. Von Kilkenny aber bis vor die Thore von Dublin führte der Weg durch eine wellenförmige Ebene mit reicher natürlicher Vegetation. Dieser fruchtbare Distrikt hätte mit Viehheerden, mit Gemüsegärten und mit Kornfeldern bedeckt sein sollen, war aber eine unbebaute und unbevölkerte Wüste. Selbst in den Städten gab es nur wenig Handwerker. Manufacte waren kaum zu sehen, und wo sich solche fanden, waren sie nur zu enormen Preisen zu erlangen.[61] Dies Alles kam daher, weil die meisten englischen Einwohner geflüchtet und Kunst, Industrie und Kapital mit ihnen gegangen waren.

Jakob erhielt auf seiner Reise vielfache Beweise von der Bereitwilligkeit des Landvolks, aber es waren Beweise, welche Männern, die an den Höfen Frankreich's und England's erzogen waren, sonderbar und unheilverkündend vorkommen mußten. Auf den Feldern sah man wenig Arbeiter; auf der Landstraße aber wimmelte es von mit Skeans, Knütteln und Halbpiken bewaffneten Rapparees, welche herbeiströmten, um den Befreier ihres Stammes zu sehen. Die Straße hatte ungefähr das Aussehen, als ob ein Jahrmarkt auf derselben gehalten würde. Spielleute kamen herbei und musicirten vor ihm in einer Weise, die sich stark von der der französischen Oper unterschied, und die Dorfbewohner führten nach dieser Musik wilde Tänze auf. Lange Friesmäntel, ähnlich denen, welche Spenser hundert Jahre früher als zu Lagerdecken für Rebellen und zu Mänteln für Diebe geeignet beschrieben hatte, waren auf den Weg gebreitet, den die Cavalcade ziehen mußte, und Kränze, in denen Krautstrünke die Stelle der Lorbeern vertraten, wurden der königlichen Hand dargereicht. Die Weiber wollten durchaus Se. Majestät küssen; aber sie müssen wenig Ähnlichkeit mit ihren heutigen Nachkommen gehabt haben, denn diese Aufmerksamkeit war ihm so widerlich, daß er seinem Gefolge befahl, sie in gemessener Entfernung zu halten.[62]

Am 24. März zog er in Dublin ein. Diese Stadt war damals nach Umfang und Einwohnerzahl die zweite auf den britischen Inseln. Sie bestand aus sechs- bis siebentausend Häusern und hatte wahrscheinlich über dreißigtausend Einwohner.[63] An Wohlstand und Schönheit stand jedoch Dublin vielen englischen Städten nach. Von den eleganten und prächtigen Gebäuden, welche gegenwärtig beide Seiten des Liffey zieren, war damals noch kaum eines nur projectirt. Die Universität, ein Gebäude, das ganz anders aussah als das, welches sich jetzt auf der nämlichen Stelle erhebt, lag völlig außerhalb der Stadt.[64] Der Flächenraum, den jetzt Leinster House und Charlemont House, Sackville Street und Merrion Square einnehmen, war eine unbebaute Wiese. Die meisten Wohnhäuser waren von Holz und haben längst massiveren Gebäuden Platz gemacht. Das Schloß war 1686 fast unbewohnbar gewesen. Clarendon hatte sich bitter beklagt, daß er keinen Gentleman in Pall Mall kenne, der nicht eine bequemere und freundlichere Wohnung habe, als der Vicekönig von Irland. Keine öffentliche Ceremonie könne unter dem viceköniglichen Dache auf anständige Weise abgehalten werden. Obgleich fortwährend neue Glasscheiben und Ziegel eingesetzt würden, dringe der Regen doch beständig in die Zimmer.[65] Tyrconnel hatte, seit er Vicekönig war, ein etwas bequemeres neues Gebäude aufführen lassen. Nach diesem Gebäude wurde der König mit festlichem Gepränge durch den südlichen Theil der Stadt geführt. Man hatte Alles aufgeboten, um dem Stadttheile, durch den er kommen mußte, einen festlichen und glänzenden Anstrich zu geben. Die gewöhnlich mit tiefem Koth bedeckten Straßen waren mit Sand und mit Zweigen und Blumen bestreut. Draperien und Teppiche hingen aus den Fenstern Derer, welche die Mittel zu solchem Luxus besaßen. Die Ärmeren ersetzten die kostbaren Stoffe durch Betttücher und Überzüge. Hier stand ein Trupp Mönche mit einem Kruzifix, dort eine Schaar von vierzig weißgekleideten Mädchen mit Blumensträußern, Stadtpfeifer und Harfner spielten die Melodie des Liedes: +»The King shall enjoy his own again.«+ Der Vicekönig trug das Staatsschwert vor seinem Gebieter her. Die Richter, die Herolde, der Lord Mayor und die Aldermen erschienen in dem ganzen Pomp ihrer Amtswürde. Zu beiden Seiten waren Soldaten aufgestellt, um die Passage frei zu halten. Eine Reihe von zwanzig Karossen, welche öffentlichen Beamten gehörten, folgte dem Zuge. Vor dem Eingange ins Schloß kam dem Könige die Hostie unter einem von vier Bischöfen seiner Kirche getragenen Baldachin entgegen. Als er derselben ansichtig wurde, kniete er nieder und betete eine Weile. Dann erhob er sich wieder und ward in die Kapelle seines Palastes geführt, einst -- so sonderbar ist der Wechsel alles Irdischen -- die Reitbahn Heinrich Cromwell's. Hier wurde zur Feier der Ankunft Sr. Majestät ein Te Deum abgehalten. Am folgenden Morgen hielt er eine Geheimrathssitzung, entband den Oberrichter Keating von jedem ferneren Besuche des Staatsraths, ließ Avaux und den Bischof Cartwright vereidigen und erließ eine Proklamation, welche auf den 7. Mai ein Parlament nach Dublin berief.[66]

[Anmerkung 61: Avaux, 25. März (4. April) 1689.]

[Anmerkung 62: +A full and true Account of the Landing and Reception of the late King James+; +Ireland's Lamentation+; +Light to the Blind.+]

[Anmerkung 63: Siehe die Berechnungen Petty's, King's und Davenant's. Wenn die durchschnittliche Zahl der Bewohner eines Hauses in Dublin die nämliche war wie in London, so würde die Bevölkerung von Dublin sich auf etwa vierunddreißigtausend Seelen belaufen haben.]

[Anmerkung 64: Johann Dunton spricht von College Green bei Dublin. Ich habe Briefe aus jener Zeit gesehen, die nach dem Collegium _bei_ Dublin adressirt waren. Im Britischen Museum befinden sich einige interessante alte Pläne von Dublin.]

[Anmerkung 65: Clarendon an Rochester, 8. Febr. 1685/86, 20. April, 12. August und 30. November 1686.]

[Anmerkung 66: +Clarke's Life of James, II. 330.+; +Full and True Account of the Landing and Reception etc.+; +Ireland's Lamentation.+]

[_Unzufriedenheit in England._] Als die Nachricht von Jakob's Ankunft in Irland in London eintraf, war die Angst und Bestürzung groß und mit ernster Unzufriedenheit gemischt. Der große Haufe, der den Schwierigkeiten, welche Wilhelm von allen Seiten umgaben, nicht hinreichend Rechnung trug, tadelte laut seine Sorglosigkeit. Allen Schmähungen der Unwissenden und Böswilligen setzte er, seiner Gewohnheit nach, nur eine unerschütterlich ernste Ruhe und das Stillschweigen der tiefsten Verachtung entgegen. Aber Wenige waren von der Natur mit einem so festen Character begabt wie der seinige und noch Wenigere hatten eine so lange und so harte Schule durchgemacht. Die Vorwürfe, welche seine von Jugend auf durch beide Extreme des Geschicks geprüfte Seelenstärke nicht zu erschüttern vermochten, schlugen einem weniger entschlossenen Herzen eine tiefe Wunde.

Während alle Kaffeehausclubs einstimmig erklärten, daß schon längst eine Flotte und eine Armee hätten nach Dublin geschickt werden sollen, und sich wunderten, wie ein so berühmter Staatsmann wie Se. Majestät sich von einem Hamilton und Tyrconnel habe täuschen lassen können, ging ein Gentleman zur Wassertreppe des Temple, rief ein Boot herbei und befahl, ihn nach Greenwich zu fahren. Er nahm ein Briefcouvert aus der Tasche, schrieb mit Bleistift einige Zeilen darauf und legte das Papier nebst einem Silberstück als Fahrlohn auf die Bank. Als das Boot durch den dunklen Mittelbogen der London-Brücke fuhr, sprang er in's Wasser und verschwand. Er hatte auf das Couvert die Worte geschrieben: »Meine Thorheit, etwas zu unternehmen, was ich nicht durchführen konnte, hat dem Könige großen Schaden gebracht, der nicht mehr gut zu machen ist. -- Es giebt keinen bequemeren Weg für mich als diesen. -- Möge er in seinen Unternehmungen glücklich sein. -- Möge der Himmel ihm seinen Segen geben.« Die Zeilen hatten keine Unterschrift, aber der Leichnam wurde bald gefunden und als der Johann Temple's erkannt. Er war jung und hochgebildet, war der Erbe eines angesehenen Namens, besaß eine liebenswürdige Gattin und ein großes Vermögen und die höchsten Staatsämter standen ihm offen. Das Publikum scheint überhaupt gar nicht gewußt zu haben, in welchem Umfange er für die Politik verantwortlich war, die der Regierung so viel Tadel zugezogen hatte. So streng der König auch war, besaß er doch ein viel zu edles Herz, als daß er einen Irrthum als ein Verbrechen hätte behandeln können. Er hatte den unglücklichen jungen Mann eben zum Kriegssekretär ernannt und seine Bestallung war in der Ausfertigung begriffen. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß gerade die kalte Großmuth des Gebieters die Reue des Dieners unerträglich machte.[67]

[Anmerkung 67: +Clarendon's Diary+; +Reresby's Memoirs+; +Narcissus Luttrell's Diary.+ Ich habe mich in Bezug auf Temple's letzte Worte an die Angabe Luttrell's gehalten. Sie stimmt im Wesentlichen mit der Clarendon's überein, hat aber mehr von der bei einer solchen Gelegenheit sehr natürlichen Hast. Wenn irgend etwas ein so tragisches Ereigniß lächerlich machen konnte, so waren es die Wehklagen des Verfassers der »Londeriade«:

Dem Freunde sendet einen Brief der arme Knab' und springt verzweifelnd in der Themse feuchtes Grab.]

[_Parteispaltungen im Dubliner Schlosse._] Doch so groß auch die Unannehmlichkeiten waren, mit denen Wilhelm zu kämpfen hatte, diejenigen durch welche der Gleichmuth seines Schwiegervaters damals geprüft wurde, waren noch größer. Kein Hof in Europa war von mehr Hader und Intriguen zerrissen als solche innerhalb der Mauern des Dubliner Schlosses zu finden waren. Die zahlreichen kleinen Cabalen, welche ihren Ursprung in der Habgier, der Eifersucht und der Böswilligkeit Einzelner hatten, sind kaum der Erwähnung werth. Aber es bestand eine Ursache zu Zwiespalt, welche zu wenig beachtet worden ist und durch die sich Vieles erklären läßt, was in der Geschichte der damaligen Zeiten für räthselhaft gehalten wurde.

Der englische Jakobitismus und der irische Jakobitismus hatten nichts mit einander gemein; der englische Jakobit war von hoher Begeisterung für das Haus Stuart beseelt, und in seinem Eifer für die Interessen dieses Hauses vergaß er nur zu oft die Interessen des Staats. Sieg, Frieden und Wohlstand erschienen dem unerschütterlichen Eidverweigerer als Übel, wenn sie darauf hinzielten, die Usurpation populär und permanent zu machen. Niederlage, Staatsbankerott, Hungersnoth und Invasion waren in seinen Augen öffentliche Wohlthaten, wenn sie die Aussicht auf eine Restauration vermehrten. Er würde lieber sein Vaterland als die letzte der Nationen unter Jakob II. oder Jakob III. gesehen haben, denn als den Beherrscher der Meere, den Schiedsrichter zwischen verfeindeten Potentaten, den Sitz der Künste und den Bienenstock der Industrie unter einem Prinzen des Hauses Nassau oder Braunschweig.