Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Sechster Band: enthaltend Kapitel 11 und 12

Part 15

Chapter 153,398 wordsPublic domain

Die Ansiedler hatten von Anfang an erkannt, daß sie darauf vorbereitet sein müßten, das Recht der Selbstvertheidigung in einer Ausdehnung zu üben, die in einem wohleingerichteten Staate unnöthig und unverantwortlich gewesen sein würde. In den Hochlanden südlich vom Thale von Tralee war das Gesetz völlig machtlos. Kein Justizbeamter wagte sich gern in diese Gegenden. Ein Staatsbote, der im Jahre 1680 dort einen gerichtlichen Befehl zu vollziehen versuchte, wurde ermordet. Es scheint jedoch, daß bis zu Ende des Jahres 1688 die Bewohner von Kenmare durch ihre Einigkeit, ihre Intelligenz und ihren Muth hinreichend geschützt waren. Um diese Zeit aber begannen sich die Wirkungen der Politik Tyrconnel's selbst in diesem entlegenen Winkel Irland's fühlbar zu machen. In den Augen des Landvolks von Munster waren die Colonisten Fremdlinge und Ketzer. Die Gebäude, die Böte, die Maschinen, die Kornspeicher, die Meiereien und Hohöfen wurden von der eingebornen Bevölkerung ohne Zweifel mit dem Gemisch von Neid und Geringschätzung betrachtet, mit dem der Unwissende ganz natürlich auf die Triumphe der Wissenschaft herabsieht. Auch ist es gar nicht unwahrscheinlich, daß die Einwanderer sich der Fehler schuldig gemacht hatten, von denen civilisirte Menschen, die sich unter einem uncivilisirtem Volke niederlassen, selten frei bleiben. Es läßt sich wohl annehmen, daß die aus höherer Intelligenz entspringende Macht bald rücksichtslos zur Schau getragen, bald ungerecht ausgeübt wurde. Als sich daher jetzt von Altar zu Altar und von Hütte zu Hütte die Nachricht verbreitete, daß die Fremden vertrieben und ihre Häuser und Grundstücke den Söhnen des Landes als Beute preisgegeben werden sollten, begann ein förmlicher Raubkrieg. Schaaren von Plünderern zu dreißig, vierzig, ja siebzig Köpfen, theils mit Schießgewehren, theils mit Piken bewaffnet, durchstreiften die Umgegend der Stadt. Die Scheunen wurden geplündert, und Pferde wurden gestohlen. Bei einem einzigen Raubzuge wurden hundertvierzig Stück Vieh weggenommen und durch die Schluchten von Glengariff fortgeführt. In einer Nacht wurden sechs Wohnungen erbrochen und ausgeplündert. Endlich beschlossen die auf's Äußerste getriebenen Colonisten, lieber wie Männer zu sterben, als sich in ihren Betten ermorden zu lassen. Das Haus, welches Petty für seinen Agenten erbaut hatte, war das größte im Orte. Es stand auf einer felsigen Landzunge, an deren Ufern die Wogen der Bucht sich brachen. Hier versammelte sich die ganze Einwohnerschaft, bestehend aus fünfundsiebzig streitbaren Männern mit etwa hundert Frauen und Kindern. Sie besaßen sechzig Feuergewehre und eine gleiche Anzahl Piken und Schwerter. In aller Eile wurde rings um das Haus des Agenten ein funfzehn Fuß hoher und zwölf Fuß dicker Erdwall aufgeworfen. Die so eingefriedigte Bodenfläche war etwa einen halben Acker groß. Innerhalb dieses Walles wurden sämmtliche Waffen, Munitions- und Lebensmittelvorräthe zusammengebracht und mehrere schwache Breterhütten errichtet. Als diese Vorbereitungen getroffen waren, begannen die Männer von Kenmare kräftige Repressalien gegen ihre irischen Nachbarn zu üben; sie ergriffen Räuber, nahmen gestohlenes Eigenthum wieder und verfuhren einige Wochen lang in allen Stücken wie eine unabhängige Gemeinschaft. Die obrigkeitlichen Functionen wurden durch erwählte Beamte verrichtet, denen jedes Mitglied der Commun auf das Evangelium Treue gelobte.[13]

Während die Bewohner des Städtchens Kenmare sich dergestalt regten, wurden von größeren Gemeinschaften ähnliche Vertheidigungsmaßregeln in größerem Maßstabe getroffen. Eine beträchtliche Anzahl Gentlemen und Freisassen verließ das platte Land und zog sich in die Städte, welche zu dem Zwecke gegründet und incorporirt worden waren, um die eingeborne Bevölkerung im Zaume zu halten, und die, obwohl unlängst unter das Regiment katholischer Behörden gestellt, doch noch hauptsächlich von Protestanten bewohnt waren. Eine ansehnliche Schaar bewaffneter Colonisten sammelte sich in Sligo, eine andre in Charleville, eine dritte in Mallow, eine vierte noch stärkere in Bandon.[14] Die wichtigsten Bollwerke der englischen Bevölkerung in dieser schlimmen Zeit waren jedoch Enniskillen und Londonderry.

[Anmerkung 10: In der Gegend von Killarney hat es Erdbeerbäume von dreißig Fuß Höhe und fünfthalb Fuß Umfang gegeben. Siehe die +Philosophical Transactions, 227.+]

[Anmerkung 11: In einer sehr ausführlichen Beschreibung der britischen Inseln, welche 1690 in Nürnberg erschien, ist Kerry als »an vielen Orten unwegsam und voller Wälder und Gebirge« geschildert. Wölfe hausten noch in Irland. »Kein schädlich Thier ist da außerhalb Wölff und Füchse.« Noch im Jahre 1710 wurde auf Antrag der großen Jury von Kerry eine Abgabe zum Behufe der Ausrottung der Wölfe in dieser Grafschaft erhoben. Siehe Smith's +Ancient and Modern State of the County of Kerry, 1750+. Es ist mir nie ein besseres Buch dieser Art und dieses Umfangs vorgekommen. In einem 1719 erschienenen Gedicht, betitelt: +Macdermot, or the Irish Fortune Hunter+, in sechs Gesängen, wird die Wolfsjagd als ein sehr gewöhnliches Sportvergnügen dargestellt. Unter Wilhelm's Regierung gab man Irland zuweilen den Spottnamen Wolfsland. So wird in einem Gedicht über die Schlacht von la Hogue, betitelt: +Advice to a Painter+, der Schrecken der irischen Armee wie folgt geschildert:

Ein Nebel, der das Blut erstarren macht Und Wolfland's Heulen dringt durch's ganze Lager.]

[Anmerkung 12: +Smith's Ancient and Modern State of Kerry.+]

[Anmerkung 13: +Exact Relation of the Persecution, Robberies, and Losses sustained by the Protestants of Killmare in Ireland, 1689+; +Smith's Ancient and Modern State of Kerry, 1756.+]

[Anmerkung 14: +Ireland's Lamentation, licensed May 18. 1689.+]

[_Enniskillen._] Enniskillen, obwohl die Hauptstadt der Grafschaft Fermanagh, war damals ein bloßes Dorf. Es war auf einer Insel des Flusses erbaut, welcher die unter dem gemeinschaftlichen Namen des Ernesees bekannten zwei schönen Wasserbecken mit einander verbindet. Der Strom und beide Seen waren auf allen Seiten von natürlichen Wäldern umgeben. Enniskillen bestand aus etwa achtzig Wohnhäusern, in deren Mitte sich ein altes Schloß erhob. Die Einwohner waren fast ohne Ausnahme Protestanten und stolz darauf, daß ihre Stadt während der furchtbaren Revolution, welche 1641 ausbrach, der protestantischen Sache treu geblieben. Anfangs December erhielten sie von Dublin die Anzeige, daß zwei Compagnien papistischer Infanterie demnächst bei ihnen ins Quartier gelegt werden würden. Die kleine Gemeinde war in der größten Bestürzung, um so mehr als man erfuhr, daß ein Predigermönch sich bemüht hatte, die irische Bevölkerung der Umgegend wider die Ketzer aufzureizen. Man faßte den kühnen Entschluß, die Truppen nicht einzulassen, mochte es kommen wie es wollte. Die Vertheidigungsmittel waren indessen sehr spärlich. Nicht zehn Pfund Pulver, nicht zwanzig brauchbare Schießgewehre konnten innerhalb der Festung aufgetrieben werden. Es wurden deshalb Boten mit dringenden Schreiben ausgesandt, welche die protestantische Gentry der Nachbarschaft aufforderten, zur Unterstützung herbeizueilen, und dem Aufrufe ward mit hochherziger Bereitwilligkeit Folge geleistet. Binnen wenigen Stunden hatten sich zweihundert Bewaffnete zu Fuß und hundertfunfzig Reiter versammelt. Tyrconnel's Soldaten waren schon im Anzuge. Sie führten einen beträchtlichen Vorrath von Waffen mit sich, welche unter das Landvolk vertheilt wurden. Die Bauern begrüßten das königliche Banner mit Jubel und schlossen sich in großer Anzahl dem Zuge an. Anstatt den Angriff zu erwarten, kamen die Bürger mit ihren Verbündeten muthig heraus und stellten sich den Eindringenden entgegen. Die Offiziere Jakob's hatten keinen Widerstand erwartet, und sie waren daher nicht wenig erstaunt, als sie eine Colonne Fußvolk, von einem starken Corps berittener Gentlemen und Freisassen flankirt, auf sich anrücken sahen. Die Bauern liefen entsetzt davon und die Soldaten traten den Rückzug so eilig an, daß er eine Flucht genannt werden konnte. Erst in Cavan, dreißig Meilen davon, machten sie wieder Halt.[15]

Durch diesen leichten Sieg kühn gemacht, trafen die Protestanten Anordnungen zur Regierung und Vertheidigung von Enniskillen und der umliegenden Ortschaften. Gustav Hamilton, ein Gentleman, der in der Armee gedient, dem aber Tyrconnel unlängst sein Offizierspatent entzogen hatte, und der seitdem auf einem Gute in Fermanagh lebte, wurde zum Gouverneur ernannt und nahm seine Residenz im Schlosse. Zuverlässige Männer wurden in aller Eil angeworben und bewaffnet. Da es an Schwertern und Piken fehlte, mußten die Schmiede improvisirte Waffen anfertigen, bestehend aus Sensenklingen, welche an Stangen befestigt wurden. Sämmtliche Landhäuser rings um den Ernesee erhielten Besatzungen. Kein Papist durfte frei in der Stadt umhergehen, und der Mönch, den man beschuldigte, seine Beredtsamkeit gegen die Engländer aufgeboten zu haben, wurde ins Gefängniß geworfen.[16]

[Anmerkung 15: +A True Relation of the Actions of the Inniskilling men, by Andrew Hamilton, Rector of Kilskerrie, and one of the Prebends of the Diocese of Clogher, an Eyewitness thereof and Actor therein, licensed Jan. 15. 1689/90. -- A Further Impartial Account of die Actions of the Inniskilling men, by Captain William Mac Cormick, one of the first that took up Arms, 1691.+]

[Anmerkung 16: +Hamilton's True Relation+; +Mac Cormick's Further Impartial Account.+]

[_Londonderry._] Die andre Hauptfeste des Protestantismus war eine Stadt von größerer Bedeutung. Achtzig Jahre früher, während der durch den letzten Kampf der Häuser O'Neil und O'Donnel gegen die Autorität Jakob's I. verursachten Unruhen war die ehemalige Stadt Derry von einem der eingebornen Häuptlinge überfallen, die Bewohner niedergemetzelt und die Häuser in Asche gelegt worden. Die Insurgenten wurden bald überwältigt und bestraft, die Regierung beschloß, die zerstörte Stadt wieder aufzubauen, der Lordmayor, die Aldermen und der Gemeinderath von London wurden zur Betheiligung an dem Werke aufgefordert und König Jakob I. überwies ihnen in ihrer corporativen Eigenschaft den von den Trümmern des alten Derry bedeckten Grund und Boden nebst ungefähr sechstausend englischen Ackern umliegenden Landes.[17]

Dieser damals unangebaute und unbewohnte District ist jetzt ein blühender Sitz des Gewerbfleißes und des guten Geschmacks und macht selbst auf Augen, welche an den Anblick der üppigen Fluren und stattlichen Schlösser England's gewöhnt sind, einen wohlthuenden Eindruck. Bald erhob sich eine neue Stadt, die wegen ihrer Connection mit der Hauptstadt des Reichs Londonderry genannt wurde. Die Gebäude bedeckten den Gipfel und den Abhang einer Anhöhe, welche den breiten Strom des Foyle beherrschte, der zu jener Zeit von Schaaren wilder Schwäne besucht wurde.[18] Auf dem höchsten Punkte stand die Kathedrale, eine Kirche, die, obwohl zu einer Zeit erbaut, wo das Geheimniß der gothischen Architectur verloren gegangen war, und wenn auch nicht geeignet, einen Vergleich mit den ehrwürdigen Tempeln des Mittelalters auszuhalten, doch nicht ohne Anmuth und stattliches Ansehen ist. Unweit der Kathedrale erhob sich der Palast des Bischofs, dessen Sitz einer der bedeutendsten in Irland war. Die Stadt hatte eine fast elliptische Form und die Hauptstraßen bildeten ein Kreuz, dessen Arme auf einem Platze zusammentrafen, welcher der Diamant hieß. Die ursprünglichen Häuser sind theils umgebaut, theils so verändert, daß ihr anfänglicher Character nicht mehr zu erkennen ist; mancher derselben aber können sich jetzt Lebende noch erinnern. Sie waren meist zwei Stock hoch und mehrere hatten steinerne Treppen an der Außenseite. Die Stadt war von einer Mauer umgeben, deren Umfang nicht viel weniger als eine Meile betrug. Auf den Bastionen waren Feldschlangen und Falkonetts aufgepflanzt, welche die reichen Gilden London's der Colonie zum Geschenk gemacht hatten. Auf einigen dieser alten Geschütze, welche einer großen Sache denkwürdige Dienste geleistet haben, kann man noch heute die Devisen der Fischhändlergilde, der Weinhändlergilde und der Kleiderhändlergilde erkennen.[19]

Die Einwohner waren Protestanten von angelsächsischem Geblüt. Zwar gehörten sie nicht alle einem Lande und einer Kirche an, aber Engländer und Schotten, Episkopalen und Presbyterianer scheinen im Allgemeinen in Freundschaft miteinander gelebt zu haben, eine Freundschaft, welche durch ihre gemeinsame Abneigung gegen die irische Race und gegen die papistische Religion genügend erklärt wird. Während des Aufstandes von 1641 hatte Londonderry muthig gegen die eingebornen Häuptlinge Stand gehalten und war zu wiederholten Malen vergebens belagert worden.[20] Seit der Restauration entwickelte sich die Stadt mehr und mehr. Zur Zeit der Fluth konnten schwer beladene Schiffe bis an den Quai fahren. Die Fischereien nahmen einen großartigen Aufschwung. Die Netze sollen zuweilen so voll gewesen sein, daß man Massen von Fischen wieder ins Wasser werfen mußte. Das Gewicht der alljährlich gefangenen Lachse wurde auf elfmalhunderttausend Pfund geschätzt.[21]

[Anmerkung 17: +Concise View of the Irish Society, 1822+; Mr. Heath's interessanter +Account of the Worshipful Company of Grocers, Appendix 17.+]

[Anmerkung 18: +The Interest of England in the Preservation of Ireland, licensed July 17. 1689.+]

[Anmerkung 19: Diese Dinge beobachtete oder erfuhr ich an Ort und Stelle.]

[Anmerkung 20: Die besten Mittheilungen über die Ereignisse in Londonderry während des 1641 begonnenen Kriegs habe ich in Dr. Reid's +History of the Presbyterian Church in Ireland+ gefunden.]

[Anmerkung 21: +The Interest of England in the Preservation of Ireland, 1689.+]

[_Schließung der Thore von Londonderry._] Die Bevölkerung von Londonderry theilte die Besorgniß, welche gegen das Ende des Jahres 1688 unter den in Irland ansässigen Protestanten allgemein verbreitet war. Es war bekannt, daß das eingeborne Landvolk der Umgegend sich mit Piken und Messern versah. Die Priester hatten in einem Tone, über den, wie sich nicht leugnen läßt, der puritanische Theil der angelsächsischen Bevölkerung wenig Recht hatte sich zu beklagen, über die Niedermetzelung der Amalekiter und über die Verdammungsurtheile, welche Saul sich dadurch zugezogen, daß er Einen von dem geachteten Stamme schonte, das Volk haranguirt. Gerüchte von verschiedenen Seiten und anonyme Briefe von verschiedener Hand bezeichneten den 9. December als den zur Vertilgung der Fremden festgesetzten Tag. Während die Gemüther der Bürger durch diese Gerüchte beunruhigt wurden, traf die Nachricht ein, daß ein Regiment von zwölfhundert Papisten unter dem Commando eines Papisten, Alexander Macdonnell, Earl von Antrim, von dem Vicekönig Befehl erhalten habe, Londonderry zu besetzen, und bereits von Coleraine abmarschirt sei. Die Bestürzung war groß. Einige waren für Schließung der Thore und Widerstand, Andere für Unterwerfung, noch Andere für Temporisiren. Der Gemeindekörper war, wie die anderen Corporationen Irland's, reorganisirt worden. Die Magistratsbeamten waren Männer von niederer Herkunft und unedlem Character. Nur ein einziges Mitglied von angelsächsischem Geblüt befand sich unter ihnen, und dieser Eine war Papist geworden. Zu einer solchen Behörde konnten die Einwohner kein Vertrauen haben.[22] Der Bischof, Hesekiel Hopkins, hielt fest an der Lehre vom Nichtwiderstande, die er viele Jahre gepredigt hatte, und ermahnte seine Herde, lieber geduldig zur Schlachtbank zu gehen, als die Schuld des Ungehorsams gegen den Gesalbten des Herrn auf sich zu laden.[23] Inzwischen rückte Antrim immer näher heran. Endlich sahen die Bürger von den Wällen herab seine Truppen auf dem jenseitigen Ufer des Foyle aufgestellt. Es existirte damals noch keine Brücke, nur eine Fähre unterhielt die regelmäßige Verbindung zwischen beiden Ufern, und vermittelst dieser Fähre setzte ein Detaschement von Antrim's Regiment über. Die Offiziere erschienen am Thore, zeigten einen an den Mayor und die Sheriffs gerichteten Befehl vor und begehrten Einlaß und Quartier für die Soldaten Seiner Majestät.

Gerade in diesem Augenblicke eilten dreizehn junge Handwerker, ihren Namen nach meist schottischer Geburt oder Abstammung, in die Wachtstube, bewaffneten sich, ergriffen die Schlüssel der Stadt, stürzten nach dem Fährthore, verschlossen es angesichts der königlichen Offiziere und ließen das Fallgatter nieder. Jakob Morison, ein Bürger in reiferen Jahren, redete nun die unwillkommenen Gäste von der Höhe des Walles an und rieth ihnen wieder abzuziehen. Sie blieben, unter einander berathschlagend, draußen am Thore stehen, bis sie ihn oben rufen hörten: »Bringt eine große Kanone hierher!« Da endlich hielten sie es für gerathen, sich aus der Schußweite zu entfernen. Sie zogen ab, schifften sich wieder ein und kehrten zu ihren Kameraden ans jenseitige Flußufer zurück. Inzwischen hatte sich die Nachricht wie ein Lauffeuer verbreitet, und die ganze Stadt war auf den Beinen. Die anderen Thore wurden ebenfalls verschlossen, überall auf den Wällen wurden Schildwachen ausgestellt, die Magazine wurden geöffnet, Gewehre und Schießpulver vertheilt und unter dem Schutze der einbrechenden Dunkelheit Boten an die protestantischen Gentlemen der benachbarten Grafschaften ausgesandt. Der Bischof machte vergeblich Vorstellungen. Die heftigen und waghalsigen jungen Schotten, welche bei dieser Gelegenheit mit kühnem Beispiele vorangegangen waren, scheinen in der That wenig Respect vor seinem Amte gehabt zu haben. Einer von ihnen unterbrach die Rede, durch welche er den militärischen Vorkehrungen Einhalt thun wollte, mit dem Ausrufe: »Eine gute Predigt, Mylord, eine sehr gute Predigt, wir haben nur jetzt gerade nicht Zeit sie anzuhören.«[24]

Die Protestanten der Umgegend leisteten der Aufforderung Londonderry's bereitwillig Folge. Innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden kamen Hunderte zu Roß und zu Fuß auf verschiedenen Wegen zur Stadt, und Antrim, der sich entweder nicht für stark genug hielt, um einen Angriff zu wagen, oder nicht Lust hatte, ohne weiteres die Verantwortlichkeit für den Anfang eines Bürgerkriegs auf sich zu nehmen, zog sich mit seinen Truppen nach Coleraine zurück.

[Anmerkung 22: Meine Autorität für diesen ungünstigen Bericht über die Corporation ist ein episches Gedicht, betitelt: +The Londeriad+. Dieses merkwürdige Gedicht muß bald nach den Ereignissen, auf die es Bezug hat, geschrieben sein, denn es ist Robert Rochfort, dem Sprecher des Hauses der Gemeinen, gewidmet, und Rochfort bekleidete dieses Amt von 1695 bis 1699. Der Dichter hatte kein Erfindungstalent und besaß augenscheinlich eine genaue Kenntniß der Stadt, die er besang; daher sind seine Knittelverse nicht ohne geschichtlichen Werth. Er sagt:

Sie wählten für des Parlamentes Pforten Nur Schuster, Fleischer und Consorten, Die ganze Körperschaft enthielt nicht einen Mann von brit'scher Abkunft, außer Buchanan.

Dieser Buchanan wird weiterhin geschildert als

Ein Schurke durch und durch, Der längst zuvor schon seinen Rosenkranz gebetet.]

[Anmerkung 23: Siehe eine von ihm am 31. Januar 1689 zu Dublin gehaltene Predigt. Der Text derselben ist: »Seid unterthan aller menschlichen Ordnung um des Herrn willen.«]

[Anmerkung 24: +Walker's Account of the Siege of Derry, 1689+; +Mackenzie's Narrative of the Siege of Londonderry, 1689+; +An Apology for the Failures charged on the Reverend Mr. Walker's Account of the late Siege of Derry, 1689+; +A Light to the Blind.+ Die letztgenannte Schrift, ein Manuscript im Besitze Lord Fingal's, ist das Werk eines eifrigen Katholiken und eines Todfeindes England's. Umfängliche Auszüge daraus finden sich unter den Mackintosh-Manuscripten. Auf dem Titelblatte steht die Jahrzahl 1711.]

[_Mountjoy wird abgesandt, um Ulster zu pacificieren._] Man hätte glauben können, daß der Widerstand Enniskillen's und Londonderry's Tyrconnel zu einem verzweifelten Schritte treiben werde. Und in der That wurde sein wildes und herrschsüchtiges Temperament auch anfangs durch die Nachricht in eine an Wahnsinn grenzende Wuth versetzt. Nachdem er aber seine Wuth, wie gewöhnlich, an seiner Perrücke ausgelassen, wurde er etwas ruhiger. Es waren ihm eben Nachrichten von sehr abkühlender Natur zugekommen. Der Prinz von Oranien marschirte unaufgehalten gegen London; fast jede Grafschaft und jede große Stadt hatte sich für ihn erklärt. Jakob, von seinen geschicktesten Heerführern und seinen nächsten Verwandten verlassen, hatte Commissarien abgeschickt, die mit den Eingedrungenen unterhandeln sollten, und hatte Ausschreiben zur Einberufung eines Parlaments erlassen. So lange das Ergebniß der in England schwebenden Unterhandlungen ungewiß war, durfte der Vicekönig es nicht wagen, an den widerspenstigen Protestanten Irland's blutige Rache zu nehmen. Er hielt es daher für gerathen, vorläufig eine Nachsicht und Mäßigung zu heucheln, die seinem Character durchaus fremd waren. William Stewart, Viscount von Mountjoy, wurde beauftragt, die englische Bevölkerung von Ulster zu beschwichtigen. Mountjoy, ein tapferer Soldat, ein ausgezeichneter Gelehrter, ein eifriger Protestant und dabei doch ein eifriger Tory, war eines von den wenigen Mitgliedern der Staatskirche, die in Irland noch ein Amt bekleideten. Er war Feldzeugmeister dieses Königreichs und Oberst eines Regiments, in welchem das englische Element noch ungewöhnlich stark vertreten war. In Dublin war er die Seele eines kleinen Kreises gelehrter und geistreicher Männer, die sich unter seinem Vorsitz zu einer Königlichen Societät vereinigt hatten, einer Nachbildung im Kleinen der Londoner Königlichen Societät. In Ulster, mit dem er in besonders enger Verbindung stand, genoß sein Name bei den Colonisten eines hohen Ansehens.[25] Er eilte mit seinem Regiment nach Londonderry und wurde mit offenen Armen empfangen, denn man wußte, daß er zwar ein entschiedener Anhänger der erblichen Monarchie, aber nicht minder ein treuer Freund des reformirten Glaubens war. Die Bürger gestatteten ihm bereitwillig, eine ausschließlich aus Protestanten bestehende kleine Garnison, unter dem Commando seines Oberstleutnants Robert Lundy, der den Titel eines Gouverneurs annahm, in der Stadt zurückzulassen.[26]

Die Nachricht von Mountjoy's Besuch in Ulster war den Vertheidigern von Enniskillen höchst angenehm. Einige von dieser Stadt abgeordnete Gentlemen machten ihm ihre Aufwartung, um seine Unterstützung zu erbitten, wurden aber durch den Empfang, der ihnen zu Theil ward, enttäuscht. »Ich kann Euch nur den Rath geben,« sagte er, »daß Ihr Euch der Autorität des Königs unterwerfet.« -- »Wie, Mylord?« versetzte einer der Abgeordneten, »sollen wir uns geduldig abschlachten lassen?« -- »Der König,« sagte Mountjoy, »wird Euch beschützen.« -- »Wenn Alles was uns zu Ohren kommt wahr ist, wird es Sr. Majestät schwer genug werden, sich selbst zu schützen.« So endete die Conferenz ohne befriedigendes Resultat. Enniskillen behielt seine trotzige Haltung bei und Mountjoy kehrte nach Dublin zurück.[27]

Unterdessen hatte es sich in der That klar herausgestellt, daß Jakob nicht einmal sich selbst schützen konnte. Man erfuhr in Irland, daß er geflohen, daß er angehalten worden, daß er wieder geflohen und daß der Prinz von Oranien im Triumph zu Westminster angelangt war, die Verwaltung des Reichs übernommen und eine Convention einberufen hatte.

[Anmerkung 25: Über Mountjoys Character und Stellung siehe Clarendon's Briefe aus Irland, besonders den an Lord Dartmouth vom 8. Febr. und den an Evelyn vom 24. Februar 1685/86. +»Bon officier et homme d'esprit,«+ sagt Avaux.]

[Anmerkung 26: +Walker's Account+; +Light to the Blind.+]

[Anmerkung 27: +Mac Cormick's Further Impartial Account.+]