Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zweiter Band
Part 8
[_London._] London nahm im Verhältniß zu den anderen Städten des Königreichs zur Zeit Karl's II. einen viel höheren Rang ein als gegenwärtig. Seine Bevölkerung ist jetzt wenig mehr als sechsmal so stark wie die von Manchester oder Liverpool; unter Karl II. aber überstieg dieselbe die von Bristol oder Norwich um mehr als das Siebzehnfache. Ich glaube nicht, daß es noch eine andre Hauptstadt in der Welt giebt, deren Größe in einem ähnlichen Verhältnisse zu der zweiten Stadt des Landes steht. Man hat guten Grund zu glauben, daß London schon 1685 seit etwa einem halben Jahrhundert die volkreichste Stadt in Europa war. Die Einwohnerzahl, welche jetzt mindestens neunzehnhunderttausend Seelen beträgt, belief sich damals wahrscheinlich auf nicht viel über eine halbe Million.[76] Als Handelsstadt hatte London nur eine Nebenbuhlerin, die jedoch längst überflügelt ist: das mächtige, und reiche Amsterdam. Die englischen Schriftsteller rühmten den Wald von Masten, der von der Brücke bis zum Tower den Fluß bedeckte, und die enormen Summen, welche im Zollhause von Thames Street eingingen. Es unterliegt in der That keinem Zweifel, daß der Handel der Hauptstadt damals zu dem Handel des ganzen Landes in einem günstigeren Verhältnisse stand als jetzt; allein unserer Generation müssen die übrigens wohlbegründeten Lobpreisungen unserer Vorfahren doch ein wenig komisch vorkommen. Der Inhalt der der Stadt gehörenden Schiffe, den sie als ungeheuer betrachteten, scheint siebzigtausend Tonnen nicht überstiegen zu haben. Allerdings war dies damals mehr als ein Drittel des Tonnengehalts sämmtlicher Schiffe des Landes, gegenwärtig aber ist es nur ein Viertel von dem Tonnengehalte Newcastle's, und der Tonnengehalt der Themsedampfer allein dürfte ihm ziemlich gleichkommen. Der Ertrag der Zölle belief sich 1685 in London auf ungefähr dreihundertdreißigtausend Pfund jährlich; in unseren Tagen übersteigt der Reinertrag derselben zehn Millionen.[77]
Wenn man die zu Ende der Regierung Karl's II. erschienenen Pläne von London betrachtet, so findet man, daß damals nur erst der Kern der gegenwärtigen Hauptstadt existirte. Die Stadt erstreckte sich noch nicht in unmerklichen Abstufungen weit über die ländliche Umgegend. Es zogen sich noch keine langen Reihen von Landhäusern, umrankt von Hollunder und Bohnenbaum, von dem großen Mittelpunkte des Reichthums und der Civilisation bis zu den Grenzen von Middlesex und tief ins Herz von Kent und Surrey hinein. Man dachte noch nicht an die Anlage der endlosen Reihen von Waarenmagazinen und der künstlichen Seen, die sich jetzt im Osten der Stadt vom Tower bis Blackwall erstrecken. Im Westen sah man kaum eines von den stattlichen Häusern, in denen jetzt die Reichen und Vornehmen wohnen, und Chelsea, das gegenwärtig über vierzigtausend Einwohner zählt, war noch ein bloßes Dorf, dessen Bevölkerung tausend Seelen nicht überstieg.[78] Im Norden weidete das Vieh und Jäger streiften mit ihren Hunden und Flinten umher, wo sich jetzt der Borough Marylebone befindet, sowie auf der noch weit größeren Fläche, welche die Boroughs Finsbury und Tower Hamlets bedecken. Islington war fast noch eine Einöde, deren friedliche Stille die Dichter gern dem lärmenden Getümmel des Ungeheuers London gegenüberstellten.[79] Im Süden ist die Hauptstadt jetzt mit ihren Vorstädten durch mehrere Brücken verbunden, die an Schönheit und Festigkeit den stolzesten Bauwerken der Cäsaren nicht nachstehen. Im Jahre 1685 hemmte nur eine einzige Linie unregelmäßiger Bögen, mit einer Anzahl schmutziger und halb verfallener Häuser bedeckt und nach einer der nackten Barbaren von Dahomey würdigen Sitte mit etwa zwanzig verwesenden Köpfen verziert, die Schifffahrt auf dem Flusse.
[Anmerkung 76: Nach King fünfhundertdreißigtausend.]
[Anmerkung 77: +Macpherson's History of Commerce+; +Chalmers's Estimate+; +Chamberlayne's State of England, 1684.+ Der Gehalt der dem Londoner Hafen gehörenden Dampfer betrug zu Ende des Jahres 1847 etwa sechzigtausend Tonnen. Die jährlichen Zolleinnahmen beliefen sich von 1842--45 auf durchschnittlich elf Millionen Pfd. Sterl.]
[Anmerkung 78: +Lyson's Environs of London.+ Von 1680--90 wurden in Chelsea jährlich nicht mehr als zweiundvierzig Kinder getauft.]
[Anmerkung 79: +Cowley, Discourse of Solitude.+]
[_Die City._] Der wichtigste Theil der Hauptstadt war die City. Sie war zur Zeit der Restauration größtentheils aus Holz und Mörtel erbaut worden, die wenigen Backsteine, die man dazu verwendet, waren schlecht gebrannt, die Buden, in denen die Waaren feilgeboten wurden, traten weit in die Straße hervor und die oberen Stockwerke der Häuser hingen gleichsam über ihnen. Einige Beispiele von dieser Bauart kann man noch in den Straßen sehen, die bei dem großen Brande verschont geblieben waren. Diese Feuersbrunst hatte binnen wenigen Tagen einen Flächenraum von ziemlich einer Quadratmeile mit den Trümmern von neunundachtzig Kirchen und dreizehntausend Häusern bedeckt. Die City aber war mit einer Schnelligkeit wiedererstanden, welche die Bewunderung der Nachbarländer erweckte. Leider wurde die vorherige Richtung und Breite der Straßen zum großen Theile beibehalten und da sie ursprünglich zu einer Zeit angelegt waren, wo selbst die Prinzessinnen zu Pferde reisten, waren sie meist zu schmal, damit Räderfuhrwerke einander bequem ausweichen konnten. Reiche Leute konnten daher zu jener Zeit, wo sechsspännige Equipagen ein modischer Luxus waren, die City nicht gut bewohnen. Der Baustyl der neuen Häuser war übrigens weit schöner als der der niedergebrannten und das gewöhnliche Baumaterial waren Ziegelsteine von viel besserer Qualität, als die früher benutzten. An der Stelle der früheren Pfarrkirchen hatten sich eine Menge neuer Kathedralen, Thürme und Thürmchen erhoben, welche das fruchtbare Genie Wren's bekundeten. Überall, mit Ausnahme eines einzigen Punktes, waren die Spuren der verheerenden Feuersbrunst vollständig verschwunden, aber noch lange sah man unzählige Arbeiter, gigantische Gerüste und Massen behauener Steine an der Stelle, wo sich der stolzeste aller protestantischen Tempel langsam aus den Trümmern der alten St. Paulskathedrale erhob.[80]
Seit jener Zeit hat sich der ganze Character der City durchaus verändert. Gegenwärtig kommen die Bankiers, die Großhändler und die vornehmsten Detailhändler an den sechs Werktagen der Woche jeden Morgen dahin, um ihre Geschäfte zu besorgen, aber sie wohnen in anderen Theilen der Hauptstadt oder auf nahegelegenen Landsitzen mit schönen Parken und Gärten. Diese Umwälzung in den Privatgewohnheiten hat eine politische Veränderung von nicht geringer Wichtigkeit hervorgebracht. Die reichen Kaufleute hängen nicht mehr mit der Vorliebe, die Jedermann für seine Heimath empfindet, an der City und es knüpfen sich keine häuslichen Zuneigungen und Annehmlichkeiten mehr an diesen Namen, denn der häusliche Herd, die Kinderstube, die gesellige Tafel und das trauliche Bett befinden sich nicht mehr dort. Lombard Street und Threadneedle Street sind weiter nichts mehr als Lokalitäten zum Arbeiten und Geldverdienen; um das erworbene Geld auszugeben und zu genießen geht man anderswohin. Des Sonntags oder des Abends nach den Geschäftsstunden sind viele Höfe und Passagen, in denen es wenige Stunden zuvor von eiligen Füßen und ängstlichen Gesichtern wimmelte, still und einsam wie ein Friedhof. Die Häupter des Handelsstandes sind nicht mehr Bürger der City; sie vermeiden und verachten fast die städtischen Ehren und Pflichten und überlassen dieselben Anderen, welche zwar ebenfalls ganz nützliche und achtbare Männer sein mögen, aber doch nur selten den fürstlichen Handelshäusern angehören, deren Firmen in der ganzen Welt bekannt sind.
Im siebzehnten Jahrhunderte dagegen _wohnten_ die Kaufleute auch in der City. Die noch vorhandenen Wohnhäuser der ehemaligen reichen Bürger sind zu Comptoirs und Waarenmagazinen eingerichtet, aber man sieht es ihnen noch heute an, daß sie ursprünglich den Palästen des hohen Adels an Schönheit und Pracht nicht nachstanden. Sie stehen zum Theil in abgelegenen und düsteren Höfen und haben unbequeme Zugänge, aber ihr Umfang ist bedeutend und ihr Aussehen majestätisch. Ihre Eingänge sind mit reicher Bildhauerarbeit verziert, die Treppenhäuser und Vorplätze sind prächtig und die Fußböden zuweilen auf französische Art parquettirt. Der Palast Sir Robert Clayton's in der alten Judenstadt enthielt einen prachtvollen Speisesaal mit Wandgetäfel von Cedernholz und mit Frescogemälden, welche die Kämpfe der Götter und Titanen darstellten.[81] Sir Dudley North verwendete viertausend Pfund, eine Summe, welche damals für einen Herzog schon bedeutend gewesen wäre, auf die reiche Ausschmückung seiner Wohnzimmer in Basinghall Street.[82] In solchen Häusern entfalteten noch unter den letzten Stuarts die Häupter der großen Firmen eine außerordentliche Pracht und Gastfreundschaft, und die stärksten Bande des Interesses und des Herzens fesselten sie an dieselben. Hier hatten sie ihre Jugend verlebt, ihre Freundschaften geschlossen, ihre Gattinnen kennen gelernt und ihre Kinder heranwachsen sehen; hier ruhten die irdischen Überreste ihrer Eltern, an deren Seite sie ebenfalls einst ruhen wollten. Unter solchen Verhältnissen mußte sich in hohem Maße der glühende Patriotismus entwickeln, welcher Denen eigen ist, die auf einem engen Raume beisammenleben. London war dem Londoner, was Athen zu den Zeiten des Perikles dem Athener, was Florenz dem Florentiner des fünfzehnten Jahrhunderts war. Der Bürger war stolz auf die Größe seiner Stadt, legte hohen Werth auf die Wahrung ihres Ansehens wie auf die Bekleidung von städtischen Ehrenämtern und war eifersüchtig auf ihre Freiheiten.
Zu Ende der Regierung Karl's II. erfuhr der Stolz der Londoner eine schmerzliche Demüthigung. Ihr alter Freibrief war ihnen genommen und die Magistratur neu organisirt worden. Alle städtischen Beamten waren Tories und die Whigs, obgleich an Zahl und Reichthum ihren Gegnern überlegen, sahen sich von jedem Ehrenamte ausgeschlossen. Indessen hatte sich der äußere Glanz der städtischen Verwaltung durch diesen Wechsel eher noch vermehrt als vermindert. Unter der Herrschaft einiger Puritaner, welche unlängst an der Spitze der Behörden gestanden, hatte der alte Ruf der City hinsichtlich des heiteren Wohllebens in der That abgenommen, unter dem neuen Magistrate aber, der einer lebenslustigeren Partei angehörte und an dessen Tafel oft vornehme und angesehene Gäste von jenseit Temple Bar zu finden waren, wurden Guildhall und die Säle der großen Gesellschaften oft durch glänzende Gastmähler belebt. Bei diesen Banketten wurden Oden, die der gekrönte Dichter der Corporation zu Ehren des Königs, des Herzogs und des Mayors verfaßt hatte, unter Musikbegleitung gesungen. Es wurde stark getrunken und laut gejubelt. Ein toryistischer Beobachter, der oft an diesen Gelagen Theil genommen, bemerkt, daß die Sitte, nach ausgebrachten Toasten donnernde Hurrahs erschallen zu lassen, sich aus jener fröhlichen Zeit herschreibe.[83]
Der höchste städtische Beamte entfaltete eine fast königliche Pracht. Der vergoldete Staatswagen, welcher jetzt alljährlich von der gaffenden Menge bewundert wird, existirte damals allerdings noch nicht, denn bei feierlichen Gelegenheiten erschien der Lordmayor zu Pferde, begleitet von einer zahlreichen Cavalcade, die an Pracht nur dem Gefolge nachstand, das bei einer Krönung den Monarchen vom Tower nach Westminster geleitete. Er zeigte sich öffentlich nie ohne seinen prachtvollen Mantel, sein schwarzes Sammetbarett, seine goldene Kette, seine Juwelen und ein großes Gefolge von Läufern und Garden.[84] Dieser ihn beständig umgebende Pomp hatte auch durchaus nichts Lächerliches in den Augen der damaligen Zeitgenossen, denn er entsprach nur der Stellung, welche dieser Mann als Repräsentant der Macht und Würde der Stadt London im Staate einnahm. Diese Stadt, welche damals im ganzen Lande nicht ihres Gleichen, ja nicht einmal eine ihr nahekommende Rivalin hatte, übte fünfundvierzig Jahre lang einen fast eben so großen Einfluß auf die Politik Englands aus, wie Paris in unseren Zeiten auf die Politik Frankreichs. An Intelligenz war London allen übrigen Theilen des Königreichs weit überlegen, und eine Regierung, welche die Unterstützung und das Vertrauen der Hauptstadt besaß, konnte in einem Tage Geldmittel erlangen, zu deren Aufbringung in den übrigen Theilen der Insel viele Monate nöthig gewesen wären. Auch die militairischen Hülfsquellen der Hauptstadt waren nicht zu verachten. Die Gewalt, welche in anderen Theilen des Landes die Lordleutnants ausübten, war in London einer Commission von angesehenen Bürgern anvertraut. Unter den Befehlen dieser Commission standen zwölf Regimenter Infanterie und zwei Regimenter Kavalerie. Allerdings würde diese Armee von Handlungsdienern und Schneidergesellen, deren Hauptleute Gemeinderäthe und deren Obersten Aldermen waren, gegen reguläre Truppen nicht lange Stand gehalten haben, aber es gab damals auch nur sehr wenig reguläre Truppen im Lande. Daher mußte eine Stadt, die binnen einer Stunde zwanzigtausend von natürlichem Muthe beseelte und leidlich bewaffnete Streiter, denen es keineswegs ganz an militairischer Disciplin fehlte, ins Feld stellen konnte, eine eben so werthvolle Bundesgenossin als furchtbare Feindin sein. Man hatte noch nicht vergessen, daß Hampden und Pym durch die Londoner Miliz gegen gesetzwidrige Tyrannei vertheidigt worden, daß in der kritischen Zeit des Bürgerkrieges die Londoner Miliz nach Gloucester marschirt war, um die Belagerung dieser Stadt aufzuheben, noch daß sie bei der Bewegung gegen den Militairdespotismus, der auf den Sturz Richard Cromwell's folgte, eine sehr bedeutende Rolle gespielt hatte. Man kann ohne Übertreibung behaupten, daß Karl I. nie besiegt worden wäre, wenn er die City nicht gegen sich gehabt hätte, und daß Karl II. ohne den Beistand der City schwerlich hätte wiedereingesetzt werden können.
Aus diesen Verhältnissen läßt es sich auch erklären, warum trotz des Zuges, der seit einer langen Reihe von Jahren die Aristokratie allmälig nach der weltlichen Seite Londons führte, einige wenige Männer von hohem Range bis auf die neueste Zeit in der Nachbarschaft der Börse und von Guildhall wohnen blieben. Als Shaftesbury und Buckingham in heftiger und rücksichtsloser Opposition gegen die Regierung verwickelt waren, glaubten sie ihre Intriguen nirgends so sicher und bequem betreiben zu können, wie unter dem Schutze der städtischen Behörden und der Miliz. Shaftesbury wohnte daher in Aldersgate Street, in einem Hause, das noch jetzt an seinen Säulen und guirlandenartigen Verzierungen, dem geschmackvollen Werke Inigo's, leicht zu erkennen ist. Buckingham hatte seinen Palast unweit Charing Croß, die ehemalige Wohnung der Erzbischöfe von York, niederreißen lassen und während an dieser Stelle neue Straßen und Gassen entstanden, welche noch jetzt seinen Namen führen, zog er es vor, in Dowgate zu wohnen.[85]
[Anmerkung 80: Die ausführlichsten und glaubwürdigsten Aufschlüsse über den damaligen Zustand der Londoner Gebäude findet man auf den Plänen und Zeichnungen im Britischen Museum und in der Pepys'schen Bibliothek. Die schlechte Beschaffenheit der Backsteine, aus denen die alten Häuser von London bestehen, wird auch in den Reisen des Großherzogs Cosmus erwähnt. Einen Bericht über den Bau der St. Paulskirche findet man in Ward's London Spy. Ich schäme mich fast, derartige schlechte Literatur zu citiren, aber beim Forschen nach Materialien habe ich oft noch tiefer herabsteigen müssen, wenn dies überhaupt möglich ist.]
[Anmerkung 81: +Evelyn's Diary, Sept. 20. 1672.+]
[Anmerkung 82: +Roger North's Life of Sir Dudley North.+]
[Anmerkung 83: +North's Examen.+ Dieser höchst unterhaltende Schriftsteller hat uns eine kleine Probe von dem poetischen Entzücken hinterlassen, dem sich die Pindare der City zuweilen hingaben:
Zu dem verehrten Sir John Moore Blick' noch die Nachwelt stolz empor!]
[Anmerkung 84: +Chamberlayne's State of England, 1684+; +Angliae Metropolis, 1690+; +Seymour's London, 1734.+]
[Anmerkung 85: +North's Examen, 116. Wood, Ath. Ox. Shaftesbury. The Duke of Buckingham's Litany.+]
[_Der vornehme Theil der Hauptstadt._] Dies waren jedoch nur seltene Ausnahmen. Fast alle hochadeligen Familien Englands hatten die Mauern der City schon längst verlassen. Der Stadttheil, in dem sich die Mehrzahl ihrer Wohnhäuser befand, liegt zwischen der City und den Straßen, welche gegenwärtig als die vornehmsten gelten. Nur wenige Große behielten ihre ererbten Paläste zwischen dem Strand und dem Flusse inne. Am gesuchtesten waren damals die stattlichen Wohnungen südlich und westlich von Lincoln's Inn Fields, die Piazza of Coventgarden, Southampton Square, jetzt Bloomsbury Square genannt, und King's Square in Soho Fields, der gegenwärtig Soho Square heißt. Bloomsbury Square wurde selbst fremden Fürsten als eines der Wunder Englands gezeigt.[86] Soho Square, der eben erst angelegt war, wurde von unseren Vorfahren mit einem Stolze betrachtet, den ihre Nachkommen wohl schwerlich theilen werden. So lange das Glück des Herzogs von Monmouth blühte, dessen Palast sich auf der Südseite erhob, hatte der Platz den Namen Monmouth Square geführt. Die Façade dieses Palastes war zwar unschön, aber imposant und reich verziert. Die Wände der Prunkgemächer waren mit Schnitzwerk in Früchten, Laubgewinden und Wappenfiguren geschmückt und mit gesticktem Seidenstoffe ausgeschlagen.[87] Jetzt ist von dieser Pracht nichts mehr vorhanden und man findet in diesem ehedem aristokratischen Stadttheile nicht eine einzige aristokratische Wohnung mehr. Etwas weiter nördlich von Holborn, am Saume von Weiden und Kornfeldern, standen zwei berühmte Paläste, jeder mit einem großen Garten. Der eine davon, zu jener Zeit Southampton House und später Bedford House genannt, ward vor etwa fünfzig Jahren niedergerissen, um einem neuen Stadttheile Platz zu machen, der mit seinen Plätzen, Straßen und Kirchen eine große Fläche bedeckt, die im siebzehnten Jahrhundert ihrer Pfirsichen und Schnepfen wegen berühmt war. Der andre, Montague House, der sich durch seine Fresken und seine Möbeln auszeichnete, brannte einige Monate nach dem Tode Karl's II. bis auf den Grund nieder, wurde aber alsbald wieder durch ein neues und viel prächtigeres Montague House ersetzt, das, nachdem es lange Zeit so mannichfaltige und kostbare Schätze der Kunst, Wissenschaft und Literatur geborgen, wie sie schwerlich je zuvor unter einem Dache vereinigt waren, unlängst einem noch prachtvolleren Gebäude Platz gemacht hat.[88]
Dem Hofe näher, auf einem Platze mit Namen St. James Fields, waren vor Kurzem St. James' Square und Jermyn Street angelegt und zur Bequemlichkeit der Bewohner dieses Stadttheils die St. Jameskirche eröffnet worden.[89] Golden Square, der in der nächstfolgenden Generation von Lords und Staatsministern bewohnt wurde, war damals noch nicht begonnen. Überhaupt sah man im Norden von Piccadilly noch keine anderen Wohnungen als einige alleinstehende, fast ländlich aussehende Häuser, von denen das berühmteste der von Clarendon erbaute kostspielige Palast war, den man den Spottnamen Dunkirk House gegeben hatte. Nach dem Sturze seines Erbauers war er vom Herzoge von Albemarle angekauft worden. Das Hotel Clarendon und Albemarle Street erinnern noch an die Lage des Platzes.
Wer sich damals in die Gegend verlief, welche jetzt den schönsten und lebhaftesten Theil von Regent Street bildet, sah sich in einer Einöde, wo er vielleicht so glücklich war, eine Schnepfe schießen zu können.[90] Weiter nördlich zog sich die Straße nach Oxford zwischen Hecken hin. Einige hundert Yards gegen Süden sah man die Gartenmauern einiger großen Häuser, die nicht mehr als zur Stadt gehörend betrachtet wurden. Auf der Westseite befand sich eine Wiese, berühmt durch eine Quelle, welche später der Conduit Street (Wasserleitungsstraße) den Namen gab. Östlich war ein Feld, über welches damals kein Londoner ohne Grauen gehen kennte. An dieser von jeder menschlichen Wohnung entfernten Stelle war zwanzig Jahre früher, zur Zeit der großen Pest, eine ungeheure Grube angelegt worden, in welche die Leichenkarren allnächtlich Haufen von Todten warfen. Das Volk war der Meinung, die Erde sei dadurch verpestet und könne nicht ohne Gefahr für das menschliche Leben wieder ausgegraben werden. Erst nachdem zwei Generationen vorübergegangen waren, ohne daß die Pest zurückkehrte, und nachdem der unheimliche Platz schon auf allen Seiten von Häusern umgeben war, wagte man es endlich, ihn zu bebauen.[91]
Wir würden uns sehr irren, wenn wir glaubten, daß irgend eine der Straßen oder einer der Plätze so ausgesehen habe wie jetzt. Die große Mehrzahl der Häuser ist seitdem ganz oder theilweis neugebaut worden. Die vornehmsten Stadttheile würden, wenn sie uns jetzt in ihrer damaligen Gestalt vor Augen träten, uns durch ihr schmutziges Aussehen und durch ihre verdorbene Atmosphäre abstoßen. In Coventgarden wurde ganz nahe bei den Wohnungen der Großen ein unsauberer und lärmender Markt gehalten. Obstweiber riefen ihre Waare aus, Kärrner schlugen sich und Kohlstengel und verfaulte Äpfel lagen haufenweis vor den Hausthüren der Herzogin von Berkshire und des Bischofs von Durham.[92]
Der Mittelpunkt von Lincoln's Inn Fields war ein freier Platz, auf dem sich jeden Abend der Pöbel wenige Schritte von Cardigan House und Winchester House versammelte, um die Reden von Marktschreiern anzuhören und Bärentänze oder Kämpfe zwischen Hunden und Stieren anzusehen. Eine widerliche Unreinlichkeit herrschte auf dem ganzen Platze, Pferde wurden daselbst zugeritten und das Bettelvolk war dort so lärmend und zudringlich wie in den am schlechtesten verwalteten Städten des Continents. Die Bezeichnung »Lincoln's-Inn-Bettler« war sprichwörtlich. Die ganze Sippschaft kannte das Wappen und die Livree jedes mildthätigen Großen in der nächsten Umgebung und sobald die sechsspännige Equipage Seiner Herrlichkeit erschien, hinkten und krochen sie schaarenweis herbei, um ihn durch ihr Gewinsel zu belästigen. Diese Unordnungen währten trotz vielfacher Unfälle und jeweiligen gerichtlichen Einschreitens so lange, bis unter der Regierung Georg's II. der Staatsarchivar, Sir Joseph Jeckyll, mitten auf dem Platze zu Boden geschlagen und fast ermordet wurde. Jetzt endlich wurde er eingezäunt und durch freundliche Gartenanlagen verschönert.[93]
St. James Square war der Sammelplatz für allen Unrath, alle Asche und alle todten Katzen und Hunde von Westminster. Eine Zeitlang gab ein Stockkämpfer dort seine Vorstellungen; später erbaute ein frecher Mensch aus eigner Machtvollkommenheit einen Schuppen zur Aufbewahrung von Lumpen und anderen Abgängen, unter den Fenstern der vergoldeten Prunksäle, in denen die ersten Magnaten des Reichs, die Norfolk, die Ormond, die Kent und die Pembroke Gastmähler und Bälle gaben. Erst nachdem diese Unzuträglichkeiten ein ganzes Menschenalter gedauert hatten und viel darüber geschrieben worden war, wendeten sich die Bewohner an das Parlament und erhielten die Erlaubniß, den Platz einzäunen und einige Bäume auf demselben pflanzen zu dürfen.[94]