Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zweiter Band
Part 19
Ihr Einfluß war von nicht geringem Nutzen für ihre Anverwandten, keiner von ihnen gelangte aber zu so besonderem Glück wie ihr ältester Bruder, Johann, ein schöner junger Mann, der eine Offiziersstelle in der Garde zu Fuß bekleidete. Er avancirte rasch, am Hofe wie im Heere, und machte sich bald als ein Mann von Welt und Heiterkeit bemerkbar. Er besaß eine stattliche Gestalt, ein hübsches Antlitz und ein äußerst einnehmendes Betragen, jedoch mit solcher Würde gepaart, daß es dem naseweisesten Gecken nicht in den Sinn kam, sich Freiheiten gegen ihn zu erlauben, und dabei wußte er sein Temperament in den unangenehmsten und aufregendsten Fällen vollkommen zu beherrschen. Doch hatte, er eine so mangelhafte Erziehung genossen, daß er die gewöhnlichsten Worte seiner Muttersprache nicht richtig zu schreiben wußte, aber sein durchdringender, kräftiger Verstand ersetzte in hohem Grade die fehlende Büchergelehrsamkeit. Er war nicht gesprächig, aber bei der Nothwendigkeit öffentlich zu reden, wurde seine kunstlose Beredtsamkeit von den geübtesten Rhetoriken bewundert. Während vieler von Sorge und Gefahr begleiteten Jahre hat er auch in den kritischesten Augenblicken den vollkommenen Gebrauch seiner seltenen Urtheilskraft nicht einmal verloren.
Als er dreiundzwanzig Jahre alt war, stieß er mit seinem Regimente zu den französischen Truppen, welche damals gegen Holland operirten. Seine fröhliche Tapferkeit zeichnete ihn unter den Tausenden wackerer Soldaten aus, seine militairische Tüchtigkeit gewann ihm die Achtung der älteren Offiziere. Turenne, der damals das höchste militairische Ansehen genoß, dankte ihm einst öffentlich vor der Fronte des Heeres und gab ihm viele Beweise von Achtung und Vertrauen.
Unglücklicherweise waren die glänzenden Eigenschaften Churchhill's mit Fehlern der schmutzigsten Art verbunden. Einige Neigungen, welche bei der Jugend besonders widerwärtig sind, begannen sich bei ihm sehr zeitig zu entwickeln. Selbst bei seinen Lastern ließ er den Vortheil nicht aus den Augen, und bezog bedeutende Stipendien von Damen, welche sich durch die Geschenke freigebigerer Liebhaber bereicherten. Einige Zeit war er ein Gegenstand der heftigen aber vergänglichen Liebe der Herzogin von Cleveland. Als er einst vom König bei ihr angetroffen wurde, war er genöthigt, aus dem Fenster zu springen, und sie belohnte ihm diese ritterliche Galanterie mit einem Geschenk von fünftausend Pfund. Mit diesem Gelde kaufte sich der junge kluge Held sofort eine Leibrente von fünfhundert Pfund jährlich, welche durch Grundbesitz gesichert war.[32] In seinen geheimen Schubfächern befanden sich bereits Haufen von Goldstücken, welche nach funfzig Jahren, als er Herzog, Reichsfürst und der reichste Unterthan in Europa war, noch unberührt lagen.[33]
Nach beendigtem Kriege wurde er dem Hofstaate des Herzogs von York zugeordnet, ging mit seinem Gönner nach den Niederlanden und Edinburg und erhielt für seine Dienste eine schottische Pairschaft und den Befehl über das einzige Dragonerregiment, welches damals im englischen Heere sich befand.[34] Seine Gemahlin war im Hofstaate der jüngeren Tochter Jakob's, der Prinzessin von Dänemark, angestellt.
Lord Churchhill ging nun als außerordentlicher Gesandter nach Versailles. Er war beauftragt, die warme Dankbarkeit der englischen Regierung für das so freigebig gespendete Geld auszusprechen. Vorher hatte man den Plan gehabt, Ludwig um eine viel größere Geldsumme zu ersuchen, aber bei weiterem Nachdenken die Besorgniß gehegt, solch unzarte Gier könnte dem Wohlthäter, dessen unerbetene Freigebigkeit sich so glänzend gezeigt, unangenehm berühren, deshalb bekam Churchhill Befehl, blos den Dank für das Geschehene auszudrücken und über die Zukunft zu schweigen.[35]
Wahrend Jakob und seine Minister jeden Schein von Zudringlichkeit zu vermeiden suchten, wußten sie doch sehr verständlich anzudeuten, welche Wünsche und Hoffnungen sie noch hegten. Sie besaßen an dem französischen Gesandten einen gewandten, thätigen, wohl auch nicht uneigennützigen Unterhändler. Ludwig machte einige Schwierigkeiten, vermuthlich zu dem Zwecke, den Werth seiner Geschenke zu erhöhen, in einigen Wochen aber erhielt Barillon von Versailles fernere fünfzehnhunderttausend Livres, und bekam den Auftrag, diese Summe, welche ungefähr einhundertzwölftausend Pfund Sterling betrug, vorsichtig zu vertheilen. Er sollte der englischen Regierung dreißigtausend Pfund zur Bestechung von Mitgliedern des neuen Hauses der Gemeinen einhändigen, und den Rest für irgend einen außerordentlichen Fall, wie eine Auflösung des Parlaments oder eine Revolution, aufbewahren.[36]
Die Nichtswürdigkeit dieser Verhandlungen ist allgemein anerkannt, aber ihre wahre Natur scheint oft Mißdeutungen unterlegen zu haben, denn obgleich die auswärtige Politik der letzten zwei Könige der Stuart'schen Dynastie niemals, seit die Correspondenz Barillon's zur Kenntniß des Publikums gekommen ist, einen Vertheidiger unter uns gefunden hat, so existirt doch noch immer eine Partei, welche es sich angelegen sein läßt, ihre innere Politik zu beschönigen. Es besteht aber kein Zweifel, daß zwischen ihrer inneren und auswärtigen Politik ein nothwendiger und nicht zu trennender Zusammenhang stattfand. Hätten sie nur einige Monate lang die Ehre des Landes nach Außen vertreten, so mußten sie sich entschließen, das ganze System ihrer inneren Verwaltung einer Änderung zu unterwerfen. Sie zu rühmen, weil sie sich sträubten, in Übereinstimmung mit den Ansichten des Parlaments zu regieren, und sie doch zu tadeln, weil sie den Befehlen Ludwig's Folge leisteten, ist ein Widerspruch, denn sie hatten nur die Wahl, von Ludwig oder vom Parlamente abhängig zu sein.
Um gerecht zu sein, muß man sagen, daß Jakob gern einen dritten Weg eingeschlagen haben würde, aber es war keiner aufzufinden. Er wurde Frankreichs Sklave, aber man würde sich irren, wollte man glauben, er sei ein zufriedener Sklave gewesen. Er hatte Verstand genug, bisweilen sich selbst über solche Beugung unter das französische Joch zu zürnen und eine Befreiung davon zu wünschen, welche Absicht von den Agenten der fremden Mächte aufs Eifrigste unterstützt wurde.
[Anmerkung 32: Dartmouth's Note in Burnet, +I. 264+; +Chesterfield's Letters, Nov. 18. 1748.+ Chesterfield ist ein unverwerflicher Zeuge, denn die Leibrente ruhte auf dem Gute seines Großvaters Halifax. Ich hoffe, daß ein Zusatz zu dieser Geschichte, der sich bei Pope findet, keine Wahrheit enthält:
Der Ritter, dem sie diese Summe gab, Schlug später eine halbe Kron' ihr ab.
Curll nennt dies ein Stück wandernden Skandal.]
[Anmerkung 33: Pope in Spence's +Anecdotes.+]
[Anmerkung 34: Man sehe die geschichtlichen Nachrichten von dem ersten, oder königlichen Dragonerregimente. Die Ernennung Churchhill's zum Befehlshaber dieses Regiments wurde als Beispiel unsinniger Parteilichkeit verschrieen. Ein Spottgedicht jener Zeit, das ich nicht gedruckt gesehen zu haben mich erinnere, von dem aber ein Manuscript im britischen Museum sich befindet, enthält folgende Zeilen:
Schneidet mit Löffeln ins Fleisch So zeigt das mehr Verstand, Als daß Churchhill sollte sein Der Dragoner Commandant.]
[Anmerkung 35: Barillon, 16.(24.) Febr. 1685.]
[Anmerkung 36: Barillon, 6.(16.) April, Ludwig an Barillon, 14.(24.) April.]
[_Stimmung der Regierungen des Continents in Bezug auf England._] Sein Regierungsantritt hatte an jedem Hofe des Festlandes Hoffnungen und Befürchtungen hervorgerufen, und der Beginn seiner Regierung wurde von Fremden mit nicht weniger Aufmerksamkeit beobachtet, als von seinen eigenen Unterthanen. Eine einzige Regierung wünschte, daß die Unruhen, welche England drei Menschenalter hindurch erschüttert hatten, niemals aufhören möchten; alle übrigen Regierungen aber, republikanische wie monarchische, protestantische wie katholische, hofften, daß diese Zerwürfnisse bald ein glückliches Ende nehmen möchten.
Die Natur der langen Streitigkeiten zwischen den Stuarts und ihren Parlamenten wurde freilich von den auswärtigen Diplomaten nur sehr unvollkommen begriffen, aber keinem Staatsmanne konnte die Wirkung verborgen bleiben, welche diese Streitigkeiten auf das Gleichgewicht der europäischen Mächte ausübten. Nach dem gewöhnlichen Gange der Dinge würden die Sympathien der Höfe von Wien und Madrid ohne Zweifel einem Fürsten gehört haben, der gegen Unterthanen, und namentlich einem katholischen Fürsten, der gegen ketzerische Unterthanen kämpfte, aber alle diese Sympathien wurden jetzt durch ein mächtigeres Gefühl beherrscht. Die Besorgniß und der Haß, welche durch die Macht, die Ungerechtigkeit und den Stolz des französischen Königs hervorgerufen worden waren, befanden sich auf dem Culminationspunkte. Seine Nachbarn konnten wohl in Ungewißheit sein, ob es nachtheiliger sei, mit ihm in Krieg oder in Frieden zu leben, denn im Frieden hörte er nicht auf, sie zu berauben und zu verhöhnen, und Krieg hatten sie schon ohne allen Erfolg mit ihm geführt. In dieser bedrängten Lage richteten sie ihren Blick mit banger Erwartung auf England. Ließ sich annehmen, daß es nach den Grundsätzen der Tripleallianz oder denen des Vertrages von Dover handeln würde? Von dieser Entscheidung hing das Schicksal aller seiner Nachbarn ab. Mit Englands Beistand war es noch möglich, Ludwig Widerstand zu leisten, aber man konnte auf keine Hülfe von ihm rechnen, so lange es nicht mit sich selbst einig war. Bevor der Kampf zwischen dem Throne und dem Parlamente begann, war es eine Macht ersten Ranges; von dem Tage an, wo die Streitigkeiten ausgeglichen wurden, trat es wieder in die Reihe der Mächte höchsten Ranges, so lange aber der Zwiespalt fortdauerte, war es zu Unthätigkeit und Abhängigkeit verdammt. Zu den Zeiten der Plantagenets und Tudors war es groß gewesen, unter den Fürsten, welche nach der Revolution auf dem Throne saßen, war es wiederum groß, aber unter den Königen aus der Dynastie der Stuarts zeigte es auf der Karte von Europa eine leere Stelle. Während eine Gattung von Kräften versiegt war, hatte es eine andre noch nicht gewonnen. Die Art von Macht, welche es ihm im vierzehnten Jahrhunderte möglich machte, Frankreich und Spanien zu demüthigen, war verschwunden; die Art von Macht, welche im achtzehnten Jahrhundert Frankreich und Spanien wiederum niederwarf, noch nicht geschaffen. Die Regierung war nicht mehr eine beschränkte Monarchie, wie im Mittelalter, sie war auch noch nicht eine beschränkte nach der neueren Einrichtung geworden. Sie besaß die Mängel zweier verschiedener Systeme, aber nicht die Kraft eines derselben. Die Elemente dieser Staatseinrichtung, anstatt vereinigt zu wirken, hinderten und vernichteten sich gegenseitig. Überall herrschte Unschlüssigkeit, Hader und Unordnung. Das hauptsächliche Streben des Souverains zielte dahin, die Prärogative des gesetzgebenden Körpers zu beeinträchtigen, und das Streben des gesetzgebenden Körpers ging nach Übergriffen in die Hoheitsrechte des Souverains. Der König bediente sich unbedenklich auswärtiger Unterstützung, welche ihn von dem Elend frei machte, von einem aufrührerischen Parlamente abhängig zu sein. Das Parlament verweigerte dem König die Mittel, die Ehre der Nation nach Außen hin kräftig zu vertreten, weil es mit gutem Grunde befürchtete, diese Mittel möchten benutzt werden, um im Inlande Despotismus zu erzeugen. Die Folge dieses gegenseitigen Mißtrauens war, daß unser Vaterland trotz seiner bedeutenden Hülfsquellen eine so untergeordnete Stellung in der Christenheit einnahm wie das Herzogthum Savoyen, oder das Herzogthum Lothringen, und gewiß noch weniger Geltung hatte, wie die kleine Provinz Holland.
Frankreich hatte die begründetsten Ursachen, den Stand dieser Verhältnisse so lange wie möglich zu erhalten,[37] während alle übrigen Mächte dringend wünschen mußten, ihn beendigt zu sehen. Ganz Europa war von dem Wunsche durchdrungen, daß Jakob im Einverständniß mit dem Gesetz und der öffentlichen Meinung regieren möchte. Selbst vom Escurial langten Zuschriften an, welche in ernster Weise die Hoffnung aussprachen, daß der neue König in gutes Vernehmen mit seinem Volke und seinem Parlamente treten werde.[38] Auch der Vatikan sandte Warnungen gegen unweisen Eifer für den katholischen Glauben. Benedikt Odescalchi, welcher unter dem Namen Innocenz XI. auf dem päpstlichen Stuhle saß, empfand in seiner Stellung als weltlicher Souverain alle die Befürchtungen, mit denen andere Fürsten die Überhandnahme der französischen Macht betrachteten. Er hatte auch seine besonderen Gründe zur Besorgniß. Es war ein wohlthätiger Umstand für den Protestantismus, daß in dem Moment, wo der letzte katholische König von dem Throne Englands Besitz nahm, die katholische Kirche durch Uneinigkeit geschwächt und von einem Schisma bedroht war. Ein ähnlicher Kampf, wie im elften Jahrhundert die Kaiser und Päpste mit einander führten, war zwischen Innocenz und Ludwig ausgebrochen. Ludwig, dem Katholizismus bis zur Bigotterie ergeben, aber mit eiserner Consequenz an seiner königlichen Autorität haltend, beschuldigte den Papst der Eingriffe in die weltlichen Rechte der französischen Krone, und erhielt wiederum vom Papste den Vorwurf, daß er sich Eingriffe in das geistliche Amt der Schlüssel erlaubt habe. Welchen Hochmuth der König auch immer besaß, er fand hier einen noch entschlosseneren Geist, als den seinigen. Innocenz war in seinem Privatleben ein höchst sanfter und gutmüthiger Mann, wenn er aber amtlich vom Stuhle Petri sprach, so geschah es in einem Tone, wie ihn Gregor VII. und Sixtus V. zu gebrauchen pflegten. Der Streit wurde heftiger, Beauftragte des Königs wurden in den Bann gethan; Anhänger des Papstes verwiesen. Der König erhob die Vertheidiger seiner Autorität zu Bischöfen, der Papst versagte ihnen die Bestallung. Sie bewohnten die bischöflichen Paläste und bezogen die Einkünfte, aber sie waren nicht berechtigt, das bischöfliche Amt zu verrichten. Noch vor der Beendigung des Streites befanden sich in Frankreich dreißig Prälaten, welche nicht firmeln oder die Weihen ertheilen durften.[39]
Hätte zu damaliger Zeit ein andrer Fürst als Ludwig eine solche Streitigkeit mit dem Vatikan gehabt, so hätte er darauf rechnen können, daß alle protestantischen Regierungen für ihn Partei nehmen würden, aber die Besorgniß und der Mißmuth, welche der Ehrgeiz und Übermuth des Königs von Frankreich hervorgerufen hatte, waren so bedeutend, daß Jeder, der muthig genug war, ihm mannhaften Widerstand entgegenzusetzen, der allgemeinen Billigung gewiß sein durfte. Selbst Lutheraner und Calvinisten, welche gegen den Papst den tiefsten Haß fühlten, konnten nicht umhin, ihm gegen einen Tyrannen, der eine Universalmonarchie herzustellen beabsichtigte, glücklichen Erfolg zu wünschen. Auf gleiche Art billigten in unsrem Jahrhunderte Viele, welche in dem Papste den Antichrist erblickten, den Widerstand, den derselbe der ungeheuren Macht Napoleon's entgegenstellte.
Die Erbitterung Innocenz' gegen Frankreich veranlaßte ihn, die englischen Angelegenheiten mit Milde und Unbefangenheit aufzufassen. Die Rückkehr des englischen Volkes zur Heerde, die er hütete, würde ihn ohne Zweifel sehr glücklich gemacht haben, er war aber ein zu einsichtsvoller Mann, um zu erwarten, daß eine so kühne und trotzige Nation durch die gewaltthätige und verfassungswidrige Handhabung der königlichen Autorität in den Schooß der katholischen Kirche zurückgeleitet werden könne. Es war leicht vorauszusehen, daß ein Versuch Jakob's, die Interessen seiner Religion durch ungesetzliche und unpopuläre Mittel zu unterstützen, mißlingen würde, daß der Haß, den die ketzerischen Insulaner gegen den wahren Glauben hegten, heftiger und stärker als jemals emporlodern und sich bei ihnen eine nicht zu trennende Verbindung zwischen Protestantismus und bürgerlicher Freiheit, zwischen Katholizismus und Willkürherrschaft bilden müsse. Zu gleicher Zeit würde der König für sein Volk ein Gegenstand der Abneigung und des Verdachts sein. Wie zur Zeit Jakob's I., Karl's I. und Karl's II. würde England als eine Macht dritten Ranges dastehen, und Frankreich rücksichtslos über die Alpen und den Rhein hinaus seine Herrschaft ausüben. In anderer Hinsicht war es nicht unwahrscheinlich, daß Jakob bei klugem und gemäßigtem Benehmen, bei strenger Achtung vor dem Gesetz und wenn er sich bemühte, das Vertrauen des Parlaments zu erlangen, seinen Glaubensgenossen bedeutende Erleichterungen verschaffen konnte. Die Strafgesetze mußten sofort fallen, und die Gesetze, welche die Unfähigkeit zu bürgerlichen Ämtern bestimmten, bald nachfolgen. Indessen konnte der englische König und sein Volk an die Spitze der europäischen Coalition treten und den Gelüsten Ludwig's einen unübersteiglichen Damm entgegenstellen.
Innocenz wurde in seiner Ansicht durch die vornehmsten Engländer, welche an seinem Hofe lebten, unterstützt. Der bedeutendste unter ihnen war Philipp Howard, Abkömmling einer der edelsten Familien Britanniens, von einer Seite Enkel des Earl von Arundel, von der anderen des Herzogs von Lennox. Philipp war schon seit langer Zeit ein Mitglied des heiligen Collegiums, wurde gewöhnlich als der Cardinal von England bezeichnet, und war in Betreff aller Angelegenheiten, welche sein Vaterland betrafen, der wichtigste Rathgeber des heiligen Stuhles. Das Geschrei fanatischer Protestanten hatte ihn in die Verbannung getrieben, und ein Mitglied seiner Familie, der unglückliche Stafford, war als ein Opfer ihrer Wuth gefallen. Aber weder die eigenen Leiden des Cardinals, noch die seines Hauses hatten sein Gemüth so erbittert, daß er unbesonnene Rathschläge gegeben hätte, daher rieth jede Zuschrift, welche vom Vatikan nach Whitehall gesandt wurde, zu Geduld, Mäßigung und Rücksicht auf die Vorurtheile des englischen Volks.[40]
[Anmerkung 37: Es ließe sich die halbe Correspondenz Barillon's als Beweis dieser Behauptung abschreiben, ich werde jedoch blos eine Stelle angeben, worin die Absichten, welche die französische Politik rücksichtlich Englands leiteten, kurz und mit völliger Klarheit ausgesprochen sind. +»On peut tenir pour une maxime indubitable, que l'accord du Roy d'Angleterre avec son Parlament, en quelque manière qu'il se fasse, n'est pas conforme aux intérèts de V. M. Je me contente de penser cela sans m'en ouvrir à personne, et je cache avec soin mes sentiments à cet égard.«+ -- Barillon an Ludwig, 28. Febr. (10. März) 1687. Daß dieses das wirkliche Geheimniß der ganzen Politik Ludwig's in Bezug auf unser Vaterland war, wußte man in Wien recht gut. Kaiser Leopold schrieb am 30. März (9. April) 1689 an Jakob: +Galli id unum agebant, ut, perpetuas inter Serenitatem vestram et ejusdem populos fovendo simultates, reliquae Christianae Europe tanto securius insultarent.+]
[Anmerkung 38: +Que sea unido con su reyno, y en todo buena intelligencia con el parlamento.+ Depesche des Königs von Spanien an Don Pedro Ronquillo vom 16.(26.) März 1685. Diese Depesche ist in den Archiven von Simancas aufbewahrt, welche eine Menge Papiere enthalten, die sich auf englische Angelegenheiten beziehen. Copieen der interessantesten derselben besitzt Herr Guizot, welche er mir geliehen hat. Es macht mir ein besonderes Vergnügen, heute diesen Beweis der Freundschaft eines so großen Mannes erwähnen zu können.]
[Anmerkung 39: Wenige englische Leser werden ein tieferes Eingehen in die Geschichte dieses Handels beanspruchen. Übersichten finden sich in Cardinal Bausset's Leben, Bossuet's und in Voltaire's Zeitalter Ludwig's XIV.]
[Anmerkung 40: +Burnet, I. 661+ und Brief von Rom; +Dodd's Church History, part. VIII, book I, art. 1.+]
[_Innerer Kampf Jakob's II._] In Jakob's Seele fand ein heftiger Kampf statt. Man würde ihm Unrecht thun, wollte man glauben, daß ein Abhängigkeitszustand seiner Gemüthsart zugesagt hätte. Er liebte Ansehen und Beschäftigung und besaß einen hohen Begriff von seiner persönlichen Würde, ja es fehlte ihm nicht gänzlich eine Empfindung, welche Ähnlichkeit mit Vaterlandsliebe hatte. Tief quälte ihn der Gedanke, daß das von ihm beherrschte Königreich weit weniger Bedeutung in der Welt habe, als viele Staaten, welche geringere natürliche Vortheile besaßen, und er hörte mit Eifer auf die Rede der fremden Gesandten, wenn sie in ihn drangen, die Würde seines Ranges zu behaupten, sich an die Spitze eines großen Bündnisses zu stellen, der Schutzherr gekränkter Nationen zu werden und den Stolz jener Macht zu demüthigen, welche der Schrecken des Continents war. Solche Ermahnungen erregten in seiner Brust Regungen, wie sie sein leichtfertiger und üppiger Bruder nie gefühlt hatte. Jedoch wurden diese Regungen gar bald durch ein stärkeres Gefühl verdrängt. Eine kräftige, auswärtige Politik setzte natürlich eine versöhnliche innere voraus. Es war nicht denkbar, der Macht Frankreichs entgegentreten und zugleich die Freiheiten Englands angreifen zu wollen. Die ausübende Gewalt war nicht im Stande, ohne den Beistand der Gemeinen etwas Wichtiges zu unternehmen, und dieser Beistand war nur dadurch zu erreichen, daß sie in Übereinstimmung mit der Ansicht des Hauses handelte. So fand Jakob, daß die zwei Dinge, nach denen er vorzugsweise strebte, sich nicht zu gleicher Zeit besitzen ließen.
[_Schwankungen seiner Politik._] Sein andrer Wunsch war, im Auslande gefürchtet und geachtet, sein erster aber im eigenen Lande unumschränkter Gebieter zu sein. Zwischen den nicht zu vereinigten Zielpunkten, nach denen sein Sinn strebte, schwankte er lange unentschlossen hin und her. Der Kampf, der ihm am Herzen nagte, gab seinen öffentlichen Handlungen einen seltsamen Anstrich von Unentschlossenheit und Falschheit. Wer ohne nähere Kenntniß der Sache die Irrgänge seiner Politik zu durchschauen versuchte, war nicht im Stande, sich zu erklären, wie derselbe Mann in der nämlichen Woche so hochmüthig und so erniedrigend sich betragen konnte. Selbst Ludwig wurde durch das wunderliche Benehmen eines Bundesgenossen, der in wenigen Stunden von Huldigungen zu Trotz und von Trotz zu Huldigungen überging, aus der Fassung gebracht. Jetzt aber, wo das ganze Verfahren Jakob's klar vor uns liegt, scheint diese Unschlüssigkeit eine ganz einfache Deutung zuzulassen.