Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Zweiter Band

Part 13

Chapter 133,337 wordsPublic domain

[_Unsittlichkeit der schönen Literatur Englands._] Unsere Schriftsteller würden wohl gethan haben, wenn sie auch den Anstand nachgeahmt hätten, den ihre großen französischen Zeitgenossen mit wenigen Ausnahmen beobachteten, denn die Unsittlichkeit der englischen Schauspiele, Satiren, Lieder und Romane jener Zeit ist ein arger Flecken auf unsrem Nationalruhm. Die Quelle des Übels ist leicht zu finden. Die Schöngeister und die Puritaner standen nie auf freundlichem Fuße mit einander, es fand keine Sympathie zwischen diesen beiden Klassen statt. Sie betrachteten das ganze System des menschlichen Lebens aus verschiedenen Gesichtspunkten und in verschiedenem Lichte. Der Ernst der einen war der andern Spott, die Vergnügungen jeder von beiden waren der andren ein Greuel. Dem finstren Rigoristen dünkte selbst das unschuldige Spiel der Phantasie ein Verbrechen, und den leichteren und lebenslustigeren Characteren bot das feierliche Wesen der eifernden Brüder reichen Stoff zu Spötteleien. Von der Reformation bis zu dem Bürgerkriege hatte fast jeder mit einem feinen Scharfblicke zur Auffindung des Lächerlichen begabte Schriftsteller eine Gelegenheit ergriffen, um den glatthaarigen, näselnden und weinerlichen Heiligen, die ihre Kinder nach dem Buche Nehemia tauften, die beim Anblick des Hans im Grünen[145] im Stillen seufzten und die es für gottlos hielten, am Weihnachtstage Rosinensuppe zu essen, etwas anzuhaben. Es kam jedoch eine Zeit, wo auch an die Lacher die Reihe kommen sollte, ein ernstes Gesicht zu machen. Nachdem die strengen, abstoßenden Zeloten zwei Generationen hindurch reichen Stoff zu Witzeleien geliefert hatten, erhoben sie sich mit bewaffneter Hand, siegten, herrschten und traten mit schadenfrohem Lächeln die ganze Schaar der Spötter unter die Füße. Die Wunden, welche der heitere Muthwille geschlagen, wurden mit der finstren, unerbittlichen Rachgier vergolten, welche Frömmlern eigen ist, die ihren Groll für Tugend halten. Die Theater wurden geschlossen und die Schauspieler gestäupt. Die Presse ward unter die Aufsicht strenger Censoren gestellt, die Musen von ihren Lieblingssitzen, Cambridge und Oxford vertrieben. Cowley, Crashaw und Cleveland wurden ihrer Lehrstühle entsetzt, der junge Candidat für akademische Würden mußte nicht mehr ovidische Briefe oder virgilische Hirtengedichte schreiben, sondern er wurde von einer Synode finstrer Supralapsarier genau über Tag und Stunde seiner Wiedergeburt befragt. Ein solches System mußte natürlich eine Menge Heuchler hervorbringen. Unter dem schlichten Rocke und hinter der Maske des strengen Ernstes verbarg sich viele Jahre lang das glühende Verlangen nach zügelloser Freiheit und Rache. Dieses Verlangen wurde endlich gestillt. Die Restauration befreiete Tausende von Geistern von einem unerträglich gewordenen Joche. Der alte Kampf begann von neuem und zwar mit nie gekannter Erbitterung; es war kein Kampf des Scherzes mehr, sondern ein Krieg auf Tod und Leben. Der Rundkopf hatte von Denen, die er verfolgt, keine bessere Behandlung zu erwarten, als ein grausamer Sklaventreiber von aufständischen Sklaven, welche die Spuren seiner Halseisen und seiner Peitschen noch an sich tragen.

Der Krieg zwischen Verstand und Puritanismus wurde bald ein Krieg zwischen Verstand und Moralität. Die durch eine lächerliche Karrikirung der Tugend hervorgerufene Erbitterung verschonte auch die wirkliche Tugend nicht mehr. Alles was der näselnde Rundkopf mit Ehrfurcht betrachtet hatte, wurde verhöhnt, und was er verdammt hatte, ward begünstigt. Weil er gegen die geringfügigsten Kleinigkeiten Bedenken erhoben hatte, würde jeder Gewissensskrupel ins Lächerliche gezogen. Weil er seine Fehler mit der Maske der Frömmigkeit verhüllt hatte, so wurde Jedermann dazu aufgemuntert, mit cynischer Frechheit die abscheulichsten Laster dem Blicke des Publikums preiszugeben. Weil er unerlaubte Liebe mit herzloser Strenge bestraft hatte, wurden jungfräuliche Unschuld und eheliche Treue schamlos verspottet. Dem scheinheiligen Jargon, der sein Schibboleth war, wurde ein anderer, nicht minder widerlicher und häßlicher Jargon gegenübergestellt. Wie er den Mund nicht öffnete, ohne sich biblischer Worte zu bedienen, so öffnete die neue Brut von Schöngeistern und Gentlemen nie den Mund, ohne Zoten hervorzubringen, deren sich jetzt ein Lastträger schämen würde, und ohne den Schöpfer anzurufen, daß er die Heuchler verfluchen, verderben, vernichten und verdammen möge.

Es ist daher kein Wunder, daß unsre schöne Literatur, als sie zugleich mit der früheren bürgerlichen und kirchlichen Verfassung wieder auflebte, eine beispiellose Unsittlichkeit zur Schau trug. Nur wenige ausgezeichnete Männer, die einer früheren und besseren Periode angehörten, blieben frei von der allgemeinen Ansteckung. Waller's Poesien athmeten noch immer die Gefühle, welche ein ritterlicheres Geschlecht beseelt hatten. Cowley, der sich als treuer Anhänger des Thrones und als Gelehrter auszeichnete, erhob muthig seine Stimme gegen die Unsittlichkeit, welche die Literatur wie die Loyalität schändete. Ein noch größerer Dichter, durch Leiden, Gefahren, Armuth, Schmähungen und Blindheit zu gleicher Zeit hart geprüft,[146] ließ, nicht achtend des wüsten Lärms, der rings um ihn tobte, einen so erhabenen und heiligen Gesang ertönen, daß er die Lippen der hehren Tugenden nicht entweiht haben würde, die er mit seinem geistigen Blicke, den kein Ungemach verdunkeln konnte, ihre amaranthnen und goldenen Kronen auf das Jaspispflaster herabwerfen sah. Butler's starker und fruchtbarer Genius entging zwar nicht ganz der herrschenden Ansteckung, nahm aber die Seuche nur in milderer Form in sich auf. Aber dies waren Männer, deren Geist in einer vergangenen Welt gebildet worden war. An ihre Stelle trat bald eine jüngere Generation von Schöngeistern, und der vorherrschende Character dieses Geschlechts, von Dryden bis herab zu Durfey, war eine gefühl- und schamlose, prahlerische und dabei geschmacklose, inhumane Unzüchtigkeit. Der Einfluß dieser Schriftsteller war ohne Zweifel schädlich; aber er hätte noch weit schädlicher werden können, wenn sie minder verderbt gewesen wären. Das Gift, welches sie gaben, war so stark, daß es nach kurzer Zeit mit Ekel wieder ausgeworfen wurde. Keiner von ihnen verstand die gefährliche Kunst, Bilder unerlaubter Lust in ein anziehendes und edles Gewand zu kleiden, keiner von ihnen sah ein, daß auch die Wollust ein gewisses Decorum verlangt, daß Verhüllung lockender sein kann als Nacktheit, und daß die Phantasie durch leise Andeutungen, die sie zu eigner Thätigkeit reizen, mächtiger erregt wird, als durch plumpe Schilderungen, die sie gedankenlos in sich aufnimmt.

Der Geist der antipuritanischen Reaction weht fast durch die ganze schöne Literatur der Regierungsepoche Karl's II. Die wahre Quintessenz dieses Geistes aber findet sich im komischen Drama. Die Schauspielhäuser, welche die rücksichtslosen Fanatiker in den Tagen ihrer Herrschaft geschlossen hätten, waren wieder gefüllt und zu ihren früheren Reizen hatten sich neue und mächtigere gesellt. Scenerien, Kostüme und Dekorationen, die zwar heutzutage für dürftig und geschmacklos gelten würden, die aber dem Blicke Derer, welche zu Anfang des siebzehnten Jahrhunderts auf den schmutzigen Bänken der »Hoffnung« oder unter dem Strohdache der »Rose« gesessen hatten, von unglaublicher Pracht erschienen sein würden, entzückten die Augen der Menge. Der Zauber des schönen Geschlechts wurde herbeigerufen, um den Zauber der Kunst zu unterstützen, und der junge Schauspieler sah mit einer den Zeitgenossen Shakespeare's und Jonson's unbekannten Gefühlserregung liebende und muthige Heldinnen durch holde Damen dargestellt. Von dem Augenblicke ihrer Wiedereröffnung an wurden die Theater Pflanzstätten des Lasters, und das Übel griff immer weiter um sich. Die Unsittlichkeit der Darstellungen verscheuchte bald die anständigen Leute, und die Frivolen und Schamlosen, welche zurückblieben, verlangten mit jedem Jahre stärkere Reizmittel. So verdarben die Künstler die Zuschauer und umgekehrt die Zuschauer die Künstler, bis endlich die Unsittlichkeit der Bühne einen Grad erreichte, der Jeden in Erstaunen setzen muß, welcher nicht berücksichtigt, daß äußerste Erschlaffung die natürliche Folge höchster Anspannung ist und daß nach dem regelmäßigen Laufe der Dinge auf ein Zeitalter der Heuchelei ein Zeitalter der Schamlosigkeit folgen mußte.

Nichts characterisirt jene Zeit besser als das angelegentliche Bestreben der Dichter, ihre lockersten Verse Frauen in den Mund zu legen. Am weitesten trieb man die Frechheit in den Epilogen, welche fast stets von den beliebtesten Schauspielerinnen gesprochen wurden, und es war ein Hochgenuß für das verderbte Publikum, die unanständigsten Zeilen aus dem Munde eines schönen Mädchens zu hören, von der man annehmen kennte, daß sie ihre Unschuld noch nicht verloren hatte.[147]

Unser damaliges Theater entlehnte viele seiner Intriguen und Charactere den Spaniern, den Franzosen und den alten englischen Meistern; aber was unsere dramatischen Dichter berührten, das beschmutzten sie auch. In ihren Nachahmungen wurden die Häuser der ehrenwerthen und hochherzigen kastilianischen Herren Calderon's Pfühle des Lasters, Shakespeare's Viola eine Kupplerin, Molière's Menschenfeind ein Ehrenräuber, Molière's Agnes eine Ehebrecherin. Nichts war so rein und heroisch, daß es bei der Verarbeitung durch jene schmutzigen und gemeinen Hände nicht schmutzig und gemein geworden wäre.

So stand es mit dem Schauspiel, und das Schauspiel war derjenige Zweig der schönen Literatur, in welchem der Dichter die meiste Aussicht hatte, sich mit der Feder seinen Unterhalt zu erwerben. Bücher wurden so wenig gekauft, daß selbst ein Mann mit dem berühmtesten Namen für das Verlagsrecht des besten Werkes nur ein geringes Honorar erwarten durfte. Es giebt keinen sprechenderen Beleg für diese Behauptung, als das Schicksal von Dryden's letztem Geistesproducte, seinen Fabeln. Dieser Band erschien zu einer Zeit, wo Dryden allgemein als der erste lebende Dichter Englands anerkannt war. Derselbe enthält ungefähr zwölftausend Zeilen. Der Versbau ist wunderschön, die Erzählungen und Schilderungen voll Leben. Noch heutzutage entzücken »Palamon und Arcite«, »Cymon und Iphigenia«, »Theodora und Honoria« jeden Kritiker wie jeden Schulknaben. Die Sammlung enthält auch das »Fest Alexanders«, die herrlichste Ode in unsrer Sprache. Dryden erhielt für das Verlagsrecht funfzig Pfund Sterling, das heißt weniger als heutzutage zuweilen für zwei Beiträge für eine Zeitschrift bezahlt wird.[148] Dessenungeachtet scheint das Honorar im Verhältniß nicht niedrig gewesen zu sein, denn das Buch ging nur langsam und erst zehn Jahre nach dem Tode des Verfassers wurde eine zweite Auflage nöthig. Wer für die Bühne schrieb, konnte mit weit geringerer Anstrengung viel größere Summen erwerben. So erhielt Southern für ein einziges Stück siebenhundert Pfund;[149] Otway schwang sich durch den Erfolg seines »Don Carlos« aus tiefster Armuth zu vorübergehendem Reichthum empor;[150] Shadwell bekam für eine einzige Vorstellung seines »Squire of Alsatia« hundertdreißig Pfund,[151] Die Folge davon war, daß Jedermann, der von dem Ertrage seiner Geistesproducte leben mußte, Theaterstücke schrieb, gleichviel ob er inneren Beruf dazu hatte oder nicht. So auch Dryden. Als Satyriker wetteiferte er mit Juvenal, als didactischer Dichter hätte er, bei Sorgfalt und Studium, vielleicht Lucretius an die Seite gestellt werden können, und außerdem ist er unter den lyrischen Dichtern, wenn nicht der erhabenste, doch der glänzendste und ergreifendste. Aber die Natur, die ihn mit so vielen seltenen Gaben reich ausgestattet, hatte ihm das dramatische Talent versagt. Dennoch vergeudete er die ganze Kraft seiner besten Jahre an dramatische Werke. Er war zu einsichtsvoll, um nicht zu erkennen, daß ihm die Fähigkeit mangelte, Charactere durch den Dialog zu zeichnen, und er that sein Möglichstes, um diesen Mangel bald durch überraschende und ergötzliche Wendungen, bald durch edle Deklamation, bald durch wohllautende Verse; bald durch schlüpfrige Zweideutigkeiten, zu verdecken, welche dem Geschmack eines profanen und sittenlosen Publikums nur zu wohl entsprachen. Dennoch erlangte er nie einen dramatischen Erfolg, ähnlich denen, welche die Anstrengungen einiger Männer belohnten, die an Talent überhaupt tief unter ihm standen. Er schätzte sich glücklich, wenn er hundert Guineen für ein Stück erhielt, ein karger, aber jedenfalls höherer Lohn, als ihm jede andre literarische Arbeit von gleichem Umfange eingebracht, haben wurde,[152]

Die Unterstützung, welche den Schöngeistern jener Zeit von Seiten des Publikums zu Theil wurde, war so gering, daß sie sich gezwungen sahen, ihr Einkommen zu erhöhen, indem sie die Börsen der Großen in Contribution setzten. Jeder reiche und gutherzige Lord wurde daher von den Autoren mit so zudringlicher Bettelei und so kriechender Schmeichelei belästigt, wie sie unsrer Zeit unglaublich erscheinen müssen. Von dem Gönner, dem ein Werk gewidmet wurde, erwartete der Verfasser, daß er ihn mit einer goldgefüllten Börse belohnen werde. Das für die Widmung eines Buches bewilligte Geschenk war oft bedeutender, als die Summe, welche irgend ein Verleger für das Verlagsrecht bezahlt haben würde. Es wurden daher oft Bücher lediglich um der Zuneigung willen gedruckt. Dieser Handel mit Lob hatte die Wirkung, welche davon zu erwarten war. Eine an Unsinn, ja zuweilen an Gottlosigkeit streifende Schmeichelei war keine Schande für den Dichter, die Welt verlangte keine Unabhängigkeit, Wahrhaftigkeit und Selbstachtung von ihm, kurz, er war in moralischer Beziehung ein Mittelding zwischen einem Kuppler und einem Bettler.

Zu den anderen Fehlern, welche den literarischen Character schändeten, kam gegen das Ende der Regierung Karl's II. die maßloseste Heftigkeit des Parteigeistes. Die Schöngeister als Stand waren durch ihren alten Haß gegen den Puritanismus bewogen worden, auf die Seite des Hofes zu treten, und hatten sich als nützliche Bundesgenossen erwiesen. Dryden insbesondere hatte dem Hofe gute Dienste geleistet. Sein »Absalom und Achitophel«, die größte Satire der neueren Zeit, hatte die Hauptstadt in Erstaunen gesetzt, mit beispielloser Schnelligkeit selbst in ländliche Bezirke den Weg gefunden und allenthalben, wo sie erschien, die Exclusionisten tief gekränkt und den Muth der Tories gehoben. Wir dürfen jedoch über die Bewunderung, die wir der edlen Diction und dem schönen Versbau zollen, die wichtige Unterscheidung zwischen Gutem und Bösem nicht außer Acht lassen. Der Geist, von welchem Dryden und viele seiner Standesgenossen damals gegen die Whigs beseelt waren, verdient hämische Bosheit genannt zu werden. Die servilen Richter und Sheriffs jener schlimmen Zeit konnten das Blut nicht so schnell vergießen, als die Dichter danach schrieen. Das Verlangen von mehr Opfern, abscheuliche Späße über den Strang und bittere Verhöhnung Derjenigen, welche, nachdem sie dem Könige in der Stunde der Gefahr treu zur Seite gestanden, ihm jetzt zu einer nachsichtigen und großmüthigen Behandlung seiner besiegten Feinde riethen, wurden auf offener Bühne ausgesprochen, und zwar, damit das Maß der Schuld und Schande voll werde, von Frauen, in denen man so jeden Funken von Mitgefühl zu ersticken suchte, nachdem sie schon längst gelernt hatten, alle Sittlichkeit von sich zu werfen.[153]

[Anmerkung 145: +Jack in the Green+, ein Scherz der Essenkehrer, den sie am 1. Mai vorzunehmen pflegen und welcher darin besteht, daß sie den Längsten von ihnen in ein mit Blumen und grünen Zweigen umgebenes taugliches Korbgeflecht stecken, so daß man fast nichts von ihm sieht. D. Übers.]

[Anmerkung 146: Milton. Der Übers.]

[Anmerkung 147: Jeremias Collier hat diese schmachvolle Unsitte mit gewohnter Kraft und Schärfe gegeißelt.]

[Anmerkung 148: Der Contract findet sich in Sir Walter Scott's Ausgabe von Dryden's Werken.]

[Anmerkung 149: Siehe +Shiels's Life of Southern.+]

[Anmerkung 150: Siehe +Rochester's Trial of the Poets.+]

[Anmerkung 151: Aus einem Bericht über die englische Bühne.]

[Anmerkung 152: +Life of Southern by Shiels.+]

[Anmerkung 153: Sollte dieser oder jener Leser meine Ausdrücke zu stark finden, so rathe ich ihm, Dryden's Epilog in seinem »Herzog von Guise« zu lesen und dabei im Auge zu behalten, daß derselbe von einer Dame gesprochen wurde.]

[_Zustand der Wissenschaft in England._] Es ist eine bemerkenswerthe Thatsache, daß, während die leichtere Literatur Englands auf diese Art ein wunder Fleck und eine Schmach der Nation wurde, der englische Genius in der Wissenschaft eine Umwälzung bewirkte, die bis an's Ende aller Zeiten zu den glänzendsten Leistungen des menschlichen Geistes gezählt werden wird. Bacon hatte den guten Samen zu ungünstiger Zeit in einen trägen Boden gesäet. Auch hatte er keine frühzeitige Ernte erwartet und in seinem letzten Testamente seinen Ruhm feierlich dem nächsten Zeitalter vermacht. Während einer ganzen Generation war seine Philosophie trotz aller Unruhen, Kriege und Verbannungen in einigen wenigen reich begabten Köpfen langsam gereift. Während Parteien um die Herrschaft über einander kämpften, hatte sich eine kleine Schaar von Weisen mit lobenswerther Verachtung von dem Kampfe zurückgezogen und sich dem edleren Zwecke gewidmet, die Herrschaft des Menschen über die Materie zu erweitern. Sobald die Ruhe wieder hergestellt war, fanden diese Lehrer ohne Mühe aufmerksame Zuhörer, denn die Schule, durch welche die Nation gegangen war, hatte den öffentlichen Geist in eine Stimmung versetzt, die ihn zur Aufnahme der Verulamischen Lehren wohl geeignet machte. Die bürgerlichen Unruhen hatten die Fähigkeiten der gebildeten Klassen geweckt und eine rastlose Thätigkeit und eine unersättliche Wißbegierde hervorgerufen, wie sie unter uns nie zuvor gekannt war. Jene Unruhen hatten jedoch auch die Wirkung gehabt, daß politische und religiöse Reformpläne in der Regel mit Argwohn und Verachtung angesehen wurden. Zwanzig Jahre lang hatten sich rührige und scharfsinnige Männer vorzugsweise damit beschäftigt, Verfassungen mit und ohne höchste Beamten, mit erblichen Senaten, mit durch das Loos zu wählenden Senaten, mit jährlich wechselnden Senaten oder mit bleibenden Senaten zu entwerfen. Nichts war bei diesen Plänen vergessen. Alle Einzelnheiten, die ganze Nomenclatur, das ganze Ceremonial der imaginären Regierung war vollständig ausgeführt: Polemarchen und Phylarchen, Tribus und Galaxien,[154] der Lord Archon und der Lord Strategus, welche Wahlurnen grün und welche roth, welche Kugeln von Gold und welche von Silber sein, welche Beamten Hüte und welche schwarze Sammtkappen mit Troddeln tragen, wie das Scepter gehalten werden und wann die Herolde sich entblößen sollten; alle diese und noch hundert andere derartige Kleinigkeiten waren von Männern nicht gewöhnlicher Fähigkeiten und wissenschaftlicher Bildung ernstlich erwogen und festgestellt.[155] Aber die Zeit für solche Träume war vorüber, und wenn wirklich noch hier und da ein zäher Republikaner sich damit beschäftigte, so bewog ihn doch die Furcht, öffentlich ausgelacht und des Hochverraths angeklagt zu werden, in der Regel zur sorgfältigsten Geheimhaltung seiner Phantasiegebilde. Es war jetzt unpopulär und gefährlich, nur ein Wort gegen die Grundgesetze der Monarchie laut werden zu lassen, aber kühne und erfinderische Köpfe konnten sich dafür entschädigen, indem sie auf die bisherigen Grundgesetze der Natur mit mitleidiger Geringschätzung herabsahen. Der in dem einen Bette gedämmte Strom suchte sich gewaltsam ein andres; der revolutionäre Geist konnte in der Politik nicht mehr thätig sein und fing daher an, sich mit noch nicht dagewesener Kraft und Regsamkeit in jedem Zweige der Naturwissenschaften zu rühren. Das Jahr 1660, die Epoche der Wiedereinsetzung der alten Verfassung, ist zugleich auch der Zeitpunkt, mit dem der Einfluß der neuen Philosophie beginnt. In diesem Jahre wurde die königliche Societät gegründet, welche das Hauptwerkzeug einer langen Reihe von rühmlichen und heilsamen Reformen werden sollte.[156] Binnen wenigen Monaten wurde die Experimentalwissenschaft allenthalben Mode. Die Transfusion des Blutes, das Wägen der Luft und die Fixirung des Quecksilbers nahmen im Geiste des Publikums die Stelle ein, welche bis vor Kurzem die Controversen der Rota ausgefüllt hatten. Ideen über vollkommenere Verfassungsformen machten Träumen von Flügeln, mit denen man vom Tower bis zur Abtei fliegen konnte, und von doppelkieligen Schiffen Platz, bei denen ein Scheitern, selbst im heftigsten Sturme, nicht möglich sein sollte. Die herrschende Stimmung riß alle Klassen mit sich fort, Kavalier und Rundkopf, Staats-, Kirchenmann und Puritaner waren mit einem Male wieder einig. Theologen, Juristen, Staatsmänner, Edelleute und Fürsten erhöhten den Sieg der Bacon'schen Philosophie. Die Dichter verkündeten mit wetteiferndem Feuer das Herannahen des goldenen Zeitalters. Cowley forderte in sinnvollen und glänzenden Versen die Auserwählten auf, Besitz zu nehmen von dem gelobten Lande, wo Milch und Honig flössen, von dem Lande, das ihr großer Befreier und Gesetzgeber wie vom Gipfel des Pisgah herab gesehen, aber nicht habe betreten dürfen.[157] Dryden stimmte mit mehr Begeisterung als Sachkenntniß in den allgemeinen Jubel ein und weissagte Dinge, die er so wenig als irgend Jemand verstand. Die Königliche Societät, prophezeiete er, werde uns bald an den äußersten Rand des Erdballs führen und uns dort mit einer besseren Ansicht des Mondes überraschen.[158] Zwei gebildete und strebsame Prälaten, Ward, Bischof von Salisbury, und Wilkins, Bischof von Chester, gehörten zu den Führern der Bewegung. Die Geschichte derselben wurde in beredter Sprache von einem jüngern Theologen geschrieben, der sich in seinem Berufe zu hoher Auszeichnung emporschwang, von Thomas Sprat, nachmals Bischof von Rochester. Auch der Oberrichter Hale und der Lordsiegelbewahrer Guildford stahlen ihren richterlichen Geschäften einige Stunden ab, um Schriften über die Hydrostatik zu schreiben. In der That waren die ersten Barometer, welche in London zum Verkauf gestellt wurden, unter Guildford's unmittelbarer Leitung verfertigt.[159] Die Chemie theilte auf kurze Zeit mit dem Wein und der Liebe, mit der Bühne und dem Spieltische, mit den Hofintriguen und den demagogischen Umtrieben die Aufmerksamkeit des ruhelosen Buckingham. Dem Prinzen Ruprecht wurde die Erfindung der schwarzen Kunst zugeschrieben, und nach ihm ist die seltsame Glasblase benannt, welche so lange die Kinder unterhalten und die Philosophen in Verlegenheit gesetzt hat.[160] Karl selbst hatte in Whitehall ein Laboratorium und war dort viel thätiger und aufmerksamer als im Staatsrathe. Es gehörte fast zu den Erfordernissen eines gebildeten Gentleman, daß er über Luftpumpen und Teleskope zu sprechen verstand, und selbst seine Damen hielten es zuweilen für passend, Neigung zu den Wissenschaften zur Schau zu tragen, fuhren mit Sechsen nach den Greshamer Sehenswürdigkeiten und stießen einen Freudenruf aus, wenn sie sahen, daß ein Magnet wirklich eine Nadel anzog und daß eine Fliege unter dem Mikroskop so groß aussah wie ein Sperling.[161]