Part 9
Ginkell hielt einen kurzen Kriegsrath mit seinen vornehmsten Offizieren. Sollte er sofort angreifen, oder bis zum nächsten Morgen warten? Mackay war für den sofortigen Angriff, und seine Meinung behielt die Oberhand. Um fünf Uhr begann die Schlacht. Das englische Fußvolk rückte in so guter Ordnung als es auf dem verrätherischen und unebenen Terrain beobachten konnte, bei jedem Schritte tief in den Schlamm einsinkend, gegen die irischen Verschanzungen vor. Aber diese Verschanzungen wurden mit einer Entschlossenheit vertheidigt, die selbst Männern, welche am stärksten gegen den celtischen Stamm eingenommen waren, einige Worte unwilligen Lobes abzwang.[107] Immer und immer wieder kehrten sie zum Kampfe zurück. Einmal wurden sie durchbrochen und über den Morast zurückgetrieben; aber Talmash sammelte sie wieder und zwang die Verfolger zum Rückzuge. Schon zwei Stunden hatte der Kampf gedauert, der Abend brach herein und noch immer war der Vortheil auf Seiten der Irländer. Ginkell begann auf den Rückzug zu denken. Saint-Ruth’s Hoffnung wuchs. „Der Sieg ist unser, meine Jungen,” rief er, den Hut in der Luft schwenkend. „Wir wollen sie vor uns hertreiben bis unter die Mauern von Dublin.” Aber das Glück hatte sich schon zu wenden begonnen. Mackay und Ruvigny war es gelungen, mit der englischen und hugenottischen Reiterei den Sumpf an einer Stelle zu passiren, wo kaum zwei Mann nebeneinander reiten konnten. Saint-Ruth lachte anfangs, als er die Blauen einzeln hintereinander sich unter einem Feuer, das jeden Augenblick einen tapferen Federhut zu Boden streckte, durch den Morast arbeiten sah. „Was wollen sie?” fragte er und setzte dann mit einem Schwure hinzu, daß es doch jammerschade sei, so prächtige Burschen dem sicheren Untergange entgegengehen zu sehen. „Doch laßt sie nur herüberkommen,” sagte er weiter; „je mehr ihrer sind, um so mehr werden wir niedermachen.” Bald aber sah er sie Schanzkörbe auf dem Sumpfboden aufrichten. Es wurde ein breiterer und festerer Weg hergestellt, Schwadron nach Schwadron erreichte trocknen Boden, und die Flanke der irischen Armee wurde bald geworfen. Der französische General eilte zur Unterstützung herbei, als eine Kanonenkugel ihm den Kopf wegriß. Seine Umgebung hielt es für gefährlich, sein Schicksal bekannt zu machen. Sein Leichnam wurde daher in einen Mantel gehüllt, vom Schlachtfelde getragen und in aller Stille zwischen den Ruinen des ehemaligen Klosters Loughrea in geweihter Erde bestattet. Bis nach beendigtem Kampfe wußte keine der beiden Armeen, daß er nicht mehr war. Seinen Tod den gemeinen Soldaten zu verbergen, mag vielleicht klug gewesen sein. Ihn seinen Offizieren zu verbergen, war Thorheit. Der entscheidende Moment der Schlacht war gekommen, und es war Niemand da, um die Operationen zu leiten. Sarsfield commandirte die Reserve; aber er hatte strenge Weisung von Saint-Ruth, ohne Befehl nicht von der Stelle zu gehen, und der Befehl kam nicht. Mackay und Ruvigny griffen mit ihren Reitern die Irländer in der Flanke an; Talmash und seine Infanterie kehrten mit grimmiger Entschlossenheit nochmals zum Frontangriff zurück. Das Schanzwerk wurde genommen. Die Irländer zogen sich, noch immer fechtend, von Zaun zu Zaun zurück; aber ein Zaun nach dem andren ward genommen und ihre Anstrengungen wurden immer schwächer und schwächer. Endlich lösten sie sich auf und flohen. Und nun folgte ein entsetzliches Blutbad. Die Sieger waren in einer wüthenden Stimmung, denn es hatte sich unter ihnen das Gerücht verbreitet, daß einige englische Gefangene, denen Pardon gegeben worden war, niedergehauen worden seien. Es wurden nur vierhundert Gefangene gemacht. Die Anzahl der Gefallenen war im Verhältniß zu der Zahl der Kämpfenden größer als in irgend einer Schlacht der damaligen Zeit. Wäre nicht eine mondscheinlose Nacht hereingebrochen, die ein feiner Regen noch dunkler machte, so würde kaum ein Mann davon gekommen sein. Die Finsterniß setzte Sarsfield in den Stand, mit einigen wenigen noch zusammenhaltenden Schwadronen den Rückzug zu decken. Die Sieger hatten ungefähr sechshundert Todte und tausend Verwundete.
Die Engländer schliefen diese Nacht auf dem Schlachtfelde. Am folgenden Tage begruben sie ihre Waffengefährten und marschirten dann westwärts. Die Leichen der Besiegten wurden unter freiem Himmel liegen gelassen, ein seltsamer und schauerlicher Anblick! Man zählte viertausend irische Leichname auf dem Schlachtfelde. Hundertfunfzig lagen in einer kleinen Umzäunung, hundertzwanzig in einer andren. Aber das Gemetzel hatte sich nicht auf das Schlachtfeld allein beschränkt. Ein Augenzeuge erzählt uns, daß er auf dem Gipfel des Berges, an dessen Abhange das celtische Lager aufgeschlagen gewesen war, die Umgegend, auf eine Entfernung von beinahe vier Meilen mit den nackten Leichnamen der Erschlagenen bedeckt gesehen habe. Die Ebene, sagt er, sah aus, wie eine mit Schafheerden bedeckte ungeheure Weide. Wie gewöhnlich differirten selbst die Schätzungen von Augenzeugen; aber es ist wahrscheinlich, daß die Zahl der gefallenen Irländer nicht weniger als siebentausend betrug. Bald fanden sich eine Menge Hunde ein, um die Leichen zu verzehren. Diese Thiere wurden dadurch so wild und fanden einen solchen Geschmack an Menschenfleisch, daß es lange gefährlich war, anders als in Gesellschaft durch diese Gegend zu reisen.[108]
Die geschlagene Armee hatte jetzt ganz und gar das Aussehen einer Armee verloren, und glich einem Pöbelhaufen, der von einer Jahrmarktsschlägerei in wilder Unordnung zurückkehrt. Ein mächtiger Strom von Fliehenden wälzte sich gegen Galway, ein andrer gegen Limerick. Die nach diesen beiden Städten führenden Straßen waren mit weggeworfenen Waffen bedeckt. Ginkell bot sechs Pence für jede Muskete. In kurzer Zeit waren so viel Wagenladungen eingebracht, daß er den Preis auf zwei Pence reducirte, und immer noch kamen große Massen von Gewehren an.[109]
[_Fall von Galway._] Die Sieger marschirten zuerst auf Galway. D’Usson war mit sieben Regimentern dort, welche durch das Gemetzel von Aghrim gelichtet und völlig desorganisirt und entmuthigt waren. Die letzte Hoffnung der Besatzung und der katholischen Einwohner war, daß Baldearg O’Donnel, der verheißene Befreier ihres Stammes, sie zu befreien kommen werde. Aber Baldearg O’Donnel ließ sich durch die abergläubische Verehrung, die man ihm zollte, nicht täuschen. So lange der Ausgang des Kampfes zwischen den Engländern und Irländern zweifelhaft war, hatte er sich abseits gehalten. Am Tage der Schlacht war er mit seiner tumultuarischen Armee in sicherer Entfernung geblieben, und sobald er erfuhr, daß seine Landsleute geworfen waren, floh er, auf dem ganzen Wege plündernd und sengend, in die Gebirge von Mayo. Von dort aus bot er Ginkell seine Unterwerfung und seine Dienste an. Ginkell ergriff mit Freuden die Gelegenheit, eine furchtbare Räuberhorde aufzulösen, und den Einfluß, den der Name einer celtischen Dynastie noch immer auf den celtischen Volksstamm ausübte, zum Guten zu wenden. Die Unterhandlung hatte jedoch ihre Schwierigkeiten. Der fahrende Ritter verlangte zuerst nichts Geringeres als den Earltitel. Nach einigem Feilschen verstand er sich dazu, die Liebe eines ganzen Volks und seine Ansprüche auf die Königswürde für ein Jahrgeld von fünfhundert Pfund zu verkaufen. Dennoch war der Zauber, der seine Anhänger an ihn fesselte, noch nicht ganz gebrochen. Einige Fanatiker aus Ulster waren bereit, unter dem O’Donnel gegen ihre eigne Zunge und gegen ihre eigne Religion zu kämpfen. Mit einer kleinen Schaar dieser ergebenen Anhänger schloß er sich einer Division der englischen Armee an und leistete Wilhelm bei verschiedenen Gelegenheiten nützliche Dienste.[110]
Als es bekannt wurde, daß keine Unterstützung von dem Helden zu erwarten war, dessen Ankunft von so vielen Sehern verkündet worden, verloren die in Galway eingeschlossenen Irländer allen Muth. D’Usson hatte auf die erste Aufforderung der Belagerer eine trotzige Antwort gegeben; aber er sah bald, daß jeder Widerstand unmöglich war, und er beeilte sich daher zu kapituliren. Die Garnison durfte sich mit militärischen Ehren nach Limerick zurückziehen, den Bürgern wurde vollständige Amnestie für frühere Vergehen bewilligt, und stipulirt, daß es den katholischen Priestern innerhalb der Mauern gestattet sein solle, ihre religiösen Gebräuche privatim zu üben. Unter diesen Bedingungen wurden die Thore geöffnet. Ginkell wurde von dem Mayor und den Aldermen mit tiefer Ehrerbietung empfangen und vom Recorder mit einer Ansprache begrüßt. D’Usson marschirte mit ungefähr zweitausenddreihundert Mann ungehindert nach Limerick.[111]
In Limerick, dem letzten Asyl des besiegten Volksstammes, war Tyrconnel die höchste Autorität. Es gab jetzt keinen General, welcher behaupten konnte, daß seine Bestallung ihn vom Vicekönig unabhängig mache; auch war der Vicekönig jetzt nicht mehr so unpopulär wie er vierzehn Tage früher gewesen war. Nach der Schlacht war ein Umschwung der öffentlichen Meinung eingetreten. Dem Vicekönig konnte keine Schuld an diesem großen Unglück beigemessen werden. Er war in der That dagegen gewesen, das Glück einer Feldschlacht zu versuchen und er konnte mit einem Anschein von Wahrheit behaupten, daß die Nichtbeachtung seiner Rathschläge den Untergang Irland’s herbeigeführt habe.[112]
Er traf einige Anstalten zur Vertheidigung Limerick’s, besserte die Festungswerke aus und entsendete Truppenabtheilungen, um Lebensmittel herbeizuschaffen. Die Gegend wurde von diesen Detachements auf viele Meilen im Umkreise rein ausgeplündert und eine bedeutende Quantität Vieh und Fourage innerhalb der Mauern aufgehäuft. Außerdem hatte man einen großen Vorrath von Zwieback aus Frankreich. Die in Limerick versammelte Infanterie belief sich auf etwa funfzehntausend Mann. Die irischen Reiter und Dragoner, drei- bis viertausend an der Zahl, campirten auf der Clareseite des Shannon. Die Communication zwischen ihrem Lager und der Stadt wurde durch eine von einem Fort beschützte Brücke, Thomond Bridge genannt, unterbrochen. Diese Vertheidigungsmittel waren nicht zu verachten. Aber der Fall von Athlone und das Gemetzel von Aghrim hatte den Muth der Armee gebrochen. Eine kleine Partei, an deren Spitze Sarsfield und ein tapferer schottischer Offizier, Namens Wauchop standen, nährte die Hoffnung, daß der Siegeszug Ginkell’s durch die Mauern aufgehalten werden würde, von denen Wilhelm das Jahr vorher hatte abziehen müssen. Aber viele von den irischen Anführern erklärten laut, daß es Zeit sei an eine Kapitulation zu denken. Heinrich Luttrell, der jederzeit eine dunkle und krumme Politik liebte, trat heimlich in Unterhandlung mit den Engländern. Einer seiner Briefe wurde aufgefangen und er wurde in Arrest gebracht; aber Viele, die seine Treulosigkeit tadelten, stimmten gleichwohl mit ihm darin überein, daß es nutzlos sei, den Kampf zu verlängern. Tyrconnel selbst war überzeugt, daß Alles verloren sei. Seine einzige Hoffnung beruhte noch darauf, daß er im Stande sein werde, den Kampf so lange hinauszuziehen bis er von Saint-Germains die Erlaubniß erhielt zu unterhandeln. Er erbat sich in einem Schreiben diese Erlaubniß und bewog mit einiger Mühe seine verzweifelnden Landsleute, sich durch einen Eid zu verpflichten, nicht zu kapituliren, bis eine Antwort von Jakob anlangte.[113]
[_Tyrconnel’s Tod._] Wenige Tage nachdem der Eid geleistet worden, war Tyrconnel nicht mehr. Am 11. August speiste er bei D’Usson. Die Gesellschaft war sehr heiter. Der Lord Lieutenant schien die Last, die seinen Körper und Geist niederdrückte, abgeschüttelt zu haben; er trank und scherzte und war wieder der Dick Talbot, der mit Grammont gewürfelt und gezecht hatte. Bald nachdem er vom Tische aufgestanden war, beraubte ihn ein Schlaganfall der Sprache und der Besinnung. Am 14. hauchte er seinen Geist aus. Die entseelten Reste des Körpers, der einst Bildhauern zum Modell gedient hatte, wurden unter den Steinplatten der Kathedrale begraben; aber keine Inschrift und keine Tradition bezeichnet der Nachwelt die Ruhestätte.[114]
Sobald der Vicekönig verschieden war, präsentirte Plowden, der die irischen Finanzen verwaltet hatte, so lange es irische Finanzen zu verwalten gab, ein mit dem großen Siegel Jakob’s versehenes Vollmachtspatent, durch welches Plowden selbst, Fitton und Nagle für den Fall von Tyrconnel’s Tode zu Lords Justices ernannt wurden. Die Bekanntmachung der Namen erregte viel Murren, denn Plowden und Fitton waren Sachsen. Die Bestallung erwies sich jedoch als eine bloße Formalität, denn sie war von Instructionen begleitet, welche den Lords Justices jede Einmischung in die Führung des Kriegs untersagten, und in dem kleinen Raume, auf den Jakob’s Gebiet jetzt reducirt war, gab es nichts weiter zu thun als Krieg zu führen. Die Verwaltung war daher thatsächlich in den Händen D’Usson’s und Sarsfield’s.[115]
[_Zweite Belagerung von Limerick._] An dem Tage an welchem Tyrconnel starb kam die Vorhut der englischen Armee vor Limerick an, und Ginkell schlug sein Lager auf dem nämlichen Boden auf, den zwölf Monate früher Wilhelm innegehabt hatte. Die Batterien, welche jetzt aus ganz anderen Kanonen und Mörsern bestanden, als Wilhelm sich ihrer hatte bedienen müssen, spielten Tag und Nacht und bald sah man an allen Ecken und Enden der Stadt Dächer brennen und Mauern einstürzen. Ganze Straßen wurden in Asche gelegt. Mittlerweile kamen mehrere englische Kriegsschiffe den Shannon herauf und gingen ungefähr eine Meile unterhalb der Stadt vor Anker.[116]
Der Platz hielt sich indessen noch immer. Die Besatzung stand der Belagerungsarmee an numerischer Stärke wenig nach, und es schien nicht unmöglich, daß die Vertheidigung verlängert werden könnte, bis die Aequinoctialregen die Engländer zum zweiten Male zwangen, sich zurückzuziehen. Ginkell beschloß, einen kühnen Schlag zu thun. Kein Punkt auf der ganzen Befestigungslinie war wichtiger und kein Punkt schien gesicherter zu sein als die Thomondbrücke, welche die Stadt mit dem Lager der irischen Reiterei auf dem Clareufer des Shannon verband. Der Plan des holländischen Generals ging dahin, die innerhalb der Wälle befindliche Infanterie von der außerhalb liegenden Cavallerie abzuschneiden und er führte diesen Plan mit großer Geschicklichkeit, Energie und gutem Erfolge aus. Er schlug eine Brücke von blechernen Booten über den Fluß, passirte denselben mit einem starken Truppencorps, trieb funfzehnhundert Dragoner, welche schwachen Widerstand leisteten, in Verwirrung vor sich her und marschirte auf die Quartiere der irischen Reiterei zu. Die irischen Reiter machten an diesem Tage dem Rufe, den sie sich am Boyne erworben, keine große Ehre. Dieser Ruf war allerdings mit der fast gänzlichen Vernichtung der besten Regimenter erkauft worden. Rekruten hatte man zwar ohne große Mühe gefunden, aber der Verlust von funfzehnhundert vortrefflichen Soldaten war nicht zu ersetzen. Das Lager wurde ohne Schwertstreich aufgegeben. Ein Theil der Reiter floh in die Stadt, die übrigen zogen sich, soviel Vieh als sie in diesem Augenblicke panischen Schreckens zusammenbringen konnten, vor sich her treibend, in die Berge zurück. Man fand in den Magazinen einen reichen Vorrath von Rindfleisch, Branntwein und Monturstücken, und die sumpfige Ebene des Shannon war mit Gewehren und Granaten bedeckt, welche die Fliehenden weggeworfen hatten.[117]
Die Sieger kehrten im Triumph in ihr Lager zurück. Aber Ginkell war mit dem gewonnenen Vortheile noch nicht zufrieden. Er wollte gern jede Verbindung zwischen Limerick und der Grafschaft Clare abschneiden. Nach einigen Tagen überschritt er zu dem Ende nochmals an der Spitze mehrerer Regimenter den Fluß und griff das Fort an, das die Thomondbrücke deckte. In kurzer Zeit war das Fort erstürmt. Die Soldaten, welche darin gelegen hatten, flohen in Verwirrung in die Stadt. Der Platzmajor, ein französischer Offizier, der am Thomondthore commandirte, ließ aus Besorgniß, daß mit den Fliehenden zugleich auch die Verfolger hereinkommen würden, den der Stadt zunächst gelegenen Theil der Brücke aufziehen. Viele von den Irländern stürzten kopfüber in den Strom und ertranken; andere riefen um Pardon und schwenkten ihre Taschentücher zum Zeichen der Unterwerfung. Aber die Sieger waren rasend vor Wuth, ihr Blutdurst konnte nicht sogleich gezügelt werden und es wurden nicht eher Gefangene gemacht, als bis die Haufen der Leichen bis über die Brustwehren der Brücke gingen. Die Besatzung des Forts hatte aus ungefähr achthundert Mann bestanden. Von diesen entkamen nur hundertzwanzig nach Limerick.[118]
Diese Niederlage schien eine allgemeine Meuterei in der Stadt hervorrufen zu wollen. Die Irländer schrien nach dem Blute des Platzmajors, der angesichts ihrer fliehenden Landsleute die Brücke aufzuziehen befohlen hatte. Seine Vorgesetzten mußten versprechen, daß er vor ein Kriegsgericht gestellt werden solle. Zu seinem Glücke war er beim Verschließen des Thomondthores tödtlich verwundet worden, und der Soldatentod rettete ihn vor der Wuth der Menge.[119]
[_Die Irländer wollen kapituliren._] Das Geschrei nach einer Kapitulation wurde so laut und dringend, daß die Generäle demselben nicht widerstehen konnten. D’Usson benachrichtigte seine Regierung, das Gefecht auf der Brücke habe den Muth der Garnison so vollständig vernichtet, daß es unmöglich sei den Kampf länger fortzusetzen.[120] Gegen D’Usson’s Aussage muß man vielleicht einiges Mißtrauen hegen, denn er war ohne Zweifel, wie alle Franzosen, die ein Commando in der irischen Armee bekleidet hatten, seiner Verbannung überdrüssig und sehnte sich nach Paris zurück. Es ist jedoch ausgemacht, daß selbst Sarsfield den Muth verloren hatte. Bis zu diesem Augenblicke hatte er beständig für hartnäckigen Widerstand gestimmt. Jetzt war er nicht nur bereit zu unterhandeln, sondern er verlangte sogar ungeduldig darnach.[121] Er hielt die Stadt für unrettbar verloren. Es war keine Hoffnung mehr weder auf einheimische noch auf fremde Hülfe. In jedem Theile Irland’s hatten die Sachsen den Fuß auf den Nacken der Eingebornen gesetzt. Sligo war gefallen. Selbst die wüsten Eilande, welche die mächtigen Wogen des atlantischen Oceans von der Galwaybucht abhalten, hatten Wilhelm’s Autorität anerkannt. Die Männer von Kerry, welche für den wildesten und unfügsamsten Theil der eingebornen Bevölkerung galten, hatten sich lange gehalten, waren aber doch endlich geschlagen und in ihre Wälder und Berge getrieben worden.[122] Eine französische Flotte, wenn eine solche jetzt an der Küste von Munster angekommen wäre, würde die Mündung des Shannon von englischen Kriegsschiffen bewacht gefunden haben. Die Lebensmittelvorräthe in Limerick gingen bereits zu Ende. Wurde die Belagerung fortgesetzt, so mußte die Stadt aller menschlichen Berechnung nach entweder durch Gewalt oder durch eine Blockade fallen. Und wenn Ginkell durch die Bresche eindringen oder von einer verhungernden Bevölkerung angefleht werden sollte seine eigenen Bedingungen vorzuschreiben, was konnte man dann anders erwarten als eine Tyrannei von noch unerbittlicherer Härte als die eines Cromwell? War es also nicht weise zu versuchen, was für Bedingungen zu erlangen waren so lange die Sieger noch etwas von der Wuth und Verzweiflung der Besiegten zu fürchten hatten, so lange die letzte irische Armee hinter den Wällen der letzten irischen Festung noch einigen Widerstand leisten konnte?
[_Unterhandlungen zwischen den irischen Generälen und den Belagerern._] Am Abend des Tages, welcher auf den Kampf am Thomondthore folgte, gaben die Trommeln von Limerick das Zeichen zum Parlamentiren, Wauchop rief von einem der Thürme die Belagerer an und ersuchte Ruvigny, Sarsfield eine Unterredung zu bewilligen. Der wackere Franzose, der wegen seiner Anhänglichkeit an die eine Religion ein Verbannter war, und der wackere Irländer, der im Begriff stand, wegen seiner Anhänglichkeit an eine andre ein Verbannter zu werden, kamen zusammen und conferirten miteinander, unzweifelhaft mit gegenseitiger Sympathie und Achtung.[123] Ginkell, dem Ruvigny den Verlauf der Unterredung berichtete, willigte gern in einen Waffenstillstand. Denn so andauernd auch sein Erfolg bis jetzt gewesen war, so hatte derselbe ihn doch noch nicht sicher gemacht. Die Chancen waren zwar entschieden auf seiner Seite, allein es war immerhin möglich, daß ein Versuch, die Stadt mit Sturm zu nehmen, scheiterte, wie ein ähnlicher Versuch zwölf Monate früher gescheitert war. Wenn die Belagerung in eine Belagerung verwandelt werden sollte, so war es wahrscheinlich, daß die Seuche, welche der Armee Schomberg’s verderblich geworden war, die Wilhelm zum Rückzuge gezwungen hatte und die selbst Marlborough’s Genie und Thatkraft beinahe zu Schanden gemacht hätte, das Blutbad von Aghrim sehr bald rächte. Es hatte neuerdings stark geregnet, die ganze Ebene konnte in Kurzem ein ungeheurer Pfuhl stehenden Wassers werden. Es konnte nöthig werden, die Truppen nach einer gesünderen Stellung als am Ufer des Shannon zu versetzen und ihnen ein wärmeres Obdach als das von Zelten zu verschaffen. Dann war der Feind bis zum Frühjahr sicher. Im Frühjahr konnte eine französische Armee in Irland landen, die Eingebornen konnten sich von Donegal bis Kerry aufs Neue bewaffnet erheben und der Krieg, der jetzt so gut wie beendigt war, konnte sich heftiger als je wieder entzünden.
Es wurde daher mit dem beiderseitigen aufrichtigen Wunsche, dem Kampfe ein Ziel zu setzen, eine Unterhandlung eröffnet. Die Anführer der irischen Armee hielten mehrere Berathungen, zu denen einige katholische Prälaten und einige ausgezeichnete Juristen eingeladen wurden. Man legte den Bischöfen eine vorläufige Frage vor, welche zarte Gewissen in Verlegenheit setzte. Der verstorbene Vicekönig hatte die Offiziere der Besatzung überredet zu schwören, daß sie Limerick nicht eher übergeben wollten, als bis sie eine Antwort auf das Schreiben erhalten haben würden, in dem ihre Lage Jakob geschildert worden war. Die Bischöfe waren der Meinung, daß der Eid nicht mehr bindend sei. Er sei zu einer Zeit wo die Communication mit Frankreich noch offen gewesen und in dem festen Glauben geleistet worden, daß Jakob’s Antwort binnen drei Wochen eintreffen werde. Jetzt sei mehr als das Doppelte dieser Zeit verstrichen. Jeder Zugang zur Stadt werde vom Feinde streng bewacht. Sr. Majestät getreue Unterthanen hätten im Sinne ihres Versprechens gehandelt, indem sie sich so lange gehalten, bis es ihm unmöglich geworden sei, ihnen seinen Willen kund zu thun.[124]
Die nächste Frage war, welche Bedingungen verlangt werden sollten. Eine Schrift, die Vorschläge enthielt, welche Staatsmänner unsrer Zeit für billig halten werden, welche aber selbst den humansten und liberalsten englischen Protestanten des 17. Jahrhunderts überspannt vorkamen, wurde ins Lager der Belagerer geschickt. Es wurde verlangt, daß alle Vergehen mit dem Mantel der Vergessenheit bedeckt, daß der eingebornen Bevölkerung vollkommene Freiheit der Gottesverehrung gewährt werden, daß jedes Kirchspiel seinen Priester haben und daß die irischen Katholiken befähigt sein sollten, alle Civil- und Militärämter zu bekleiden und alle municipalen Privilegien zu genießen.[125]