Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Neunter Band: enthaltend Kapitel 17 und 18.

Part 23

Chapter 233,525 wordsPublic domain

Es gelang Jakob in Gemeinschaft mit seinem Günstling Melfort, die Hoffnungen, die er hegte, Ludwig und dessen Ministern einzuflößen.[117] Ohne diese Hoffnungen würde in der That wahrscheinlich jeder Gedanke, noch im Laufe dieses Jahres in England einzufallen, aufgegeben worden sein. Denn der im Winter entworfene großartige Plan war im Laufe des Frühjahrs durch eine Reihe von unglücklichen Zufällen, wie sie keine menschliche Weisheit voraussehen kann, vereitelt worden. Der zum Zusammentreffen aller französischen Seestreitkräfte bei Ushant festgesetzte Zeitpunkt war längst vorüber und noch war nicht ein einziges Segel auf dem Versammlungsplatze zu sehen. Das atlantische Geschwader wurde noch durch schlechtes Wetter im Hafen von Brest zurückgehalten. Das Geschwader des mittelländischen Meeres kämpfte vergebens gegen einen starken Westwind, um die Herkulessäulen zu passiren. Zwei prächtige Schiffe waren bereits an den Felsen von Ceuta zerschellt.[118] Mittlerweile waren die Admiralitäten der verbündeten Mächte sehr thätig gewesen, und noch vor Ende April war die englische Flotte zum Auslaufen bereit. Drei stolze Linienschiffe, so eben von unseren Werften vom Stapel gelassen, erschienen zum ersten Male auf dem Wasser.[119] Wilhelm hatte die Seerüstungen der Vereinigten Provinzen eilig betrieben, und seine Bemühungen waren von Erfolg gewesen. Am 29. April erschien ein stattliches Geschwader aus dem Texel in den Dünen. Bald darauf kamen auch das nordholländische Geschwader, das Maasgeschwader und das Seelandgeschwader an.[120]

[_Die englische und die holländische Flotte vereinigen sich._] In der zweiten Maiwoche war die gesammte Flotte der verbündeten Mächte, bestehend aus mehr als neunzig Linienschiffen mit einer Bemannung von dreißig- bis vierzigtausend der besten Seeleute der beiden großen maritimen Nationen, bei Saint-Helen versammelt. Russell führte das Obercommando. Ihm zur Seite standen Sir Ralph Delaval, Sir John Ashley, Sir Cloudesley Shovel, Contreadmiral Carter und Contreadmiral Rooke. Unter den holländischen Offizieren war Van Almonde der im Range am höchsten stehende.

[_Stimmung der englischen Flotte._] Eine gewaltigere Flotte war noch nie im britischen Kanal erschienen. Man hatte wenig Ursache zu befürchten, daß eine solche Streitmacht in einem ehrlichen Kampfe geschlagen werden könnte. Gleichwohl herrschte in London große Besorgniß. Es war bekannt, daß es eine jakobitische Partei in der Flotte gab. Beunruhigende Gerüchte waren von Frankreich aus in Umlauf gekommen. Man erzählte sich, der Feind habe auf die Mitwirkung einiger von denjenigen Offizieren gerechnet, von deren Treue in dieser kritischen Lage das Wohl des Staats abhängen konnte. Auf Russell hatte man, so weit es sich jetzt ermitteln läßt, noch keinen Verdacht. Aber andere, wahrscheinlich minder Strafbare, waren indiscreter gewesen. In alten Kaffeehäusern wurden Admirale und Kapitäne mit Namen als Verräther bezeichnet, die sofort cassirt, wenn nicht erschossen werden sollten. Es wurde sogar mit Bestimmtheit behauptet, daß einige der Schuldigen in Arrest gebracht, andere aus dem Dienste entfernt worden seien. Die Königin und ihre Rathgeber waren in großer Verlegenheit. Es war schwer zu sagen, ob es gefährlicher sein würde, den verdächtigen Personen zu trauen oder sie zu entlassen. Marie beschloß unter vielen bangen Ahnungen, und die Folge bewies, daß ihr Entschluß sehr weise war, die schlimmen Gerüchte als Verleumdungen zu betrachten, an die Ehre der angeschuldigten Generäle feierlich zu appelliren und dann das Wohl und Wehe des Königreichs ihrem National- und Berufsgeiste anzuvertrauen.

Am 15. Mai wurde eine zahlreiche Versammlung von Offizieren bei Saint-Helen an Bord der „Britannia,” eines schönen Dreideckers, auf welchem Russell’s Flagge wehte, berufen. Der Admiral sagte ihnen, daß er eine Depesche erhalten habe, die er ihnen vorzulesen beauftragt sei. Sie war von Nottingham. Die Königin, schrieb der Staatssekretär, habe in Erfahrung gebracht, daß Geschichten circulirten, welche den Ruf der Flotte sehr nahe berührten. Es sei sogar behauptet worden, daß sie sich genöthigt gesehen habe, viele Offiziere zu entlassen. Allein Ihre Majestät sei entschlossen nichts zu glauben, was gegen die Treue dieser wackeren Diener des Staats spreche. Die so schändlich verleumdeten Gentlemen könnten versichert sein, daß sie volles Vertrauen in sie setze. Dieser Brief war vortrefflich berechnet, auf Diejenigen, an die er gerichtet war, einen tiefen Eindruck zu machen. Wahrscheinlich hatten sich nur sehr wenige unter ihnen etwas Schlimmeres zu schulden kommen lassen, als daß sie beim Weine in aufgeregtem Zustande unbesonnene Worte gesprochen. Sie waren bis jetzt nur Mißvergnügte. Hätten sie geglaubt verdächtig zu sein, so wären sie vielleicht aus Nothwehr Verräther geworden. Sie wurden enthusiastisch loyal, sobald sie überzeugt waren, daß die Königin volles Vertrauen in ihre Loyalität setzte. Bereitwilligst unterzeichneten sie eine Adresse, in der sie sie baten zu glauben, daß sie mit der äußersten Entschlossenheit und Freudigkeit ihr Leben zur Vertheidigung ihrer Rechte, der englischen Freiheit und der protestantischen Religion gegen alle fremden und papistischen Feinde aufs Spiel setzen würden. „Gott,” setzten sie hinzu, „erhalte Ihre Person, leite Ihre Rathgeber und gebe Ihren Waffen Glück, und möge Ihr ganzes Volk Amen sagen.”[121]

Die Aufrichtigkeit dieser Betheuerungen wurde bald auf die Probe gestellt. Wenige Stunden nach der Zusammenkunft an Bord der Britannia sah man von den Klippen von Portland die Masten von Tourville’s Geschwader. Ein Bote sprengte mit der Nachricht von Weymouth nach London und weckte Whitehall um drei Uhr Morgens aus dem Schlafe. Ein andrer schlug den Küstenweg ein und brachte die Nachricht Russell. Alles war bereit, und am Morgen des 17. Mai stach die verbündete Flotte in See.[122]

[_Schlacht bei La Hogue._] Tourville hatte nur sein eignes, aus vierundvierzig Linienschiffen bestehendes Geschwader bei sich. Aber er hatte bestimmten Befehl, die Landung in England zu decken und eine Schlacht nicht abzulehnen. Obgleich er diese Befehle erhalten, ehe man in Versailles wußte, daß die holländische und die englische Flotte sich vereinigt, hatte er doch nicht Lust, die Verantwortlichkeit für die Nichtbefolgung derselben auf sich zu nehmen. Er erinnerte sich noch mit Bitterkeit des Verweises, den seine übergroße Vorsicht ihm nach dem Gefecht von Beachy Head zugezogen hatte. Er wollte sich nicht zum zweiten Male sagen lassen, daß er ein zaghafter Commandeur sei und keinen andren Muth habe als den gewöhnlichen Muth eines gemeinen Matrosen. Auch war er überzeugt, daß die Uebermacht, mit der er es zu thun haben sollte, mehr scheinbar als wirklich sei. Er glaubte auf Jakob’s und Melfort’s Versicherung hin, daß die englischen Seeleute, von den Flaggenoffizieren bis herab zu den Kajütenjungen, Jakobiten seien, daß die, welche kämpften, nur mit halben Herzen kämpfen und daß im entscheidendsten Augenblicke wahrscheinlich viele Desertionen stattfinden würden. Von solchen Hoffnungen erfüllt, segelte er von Brest ab, steuerte zuerst gegen Nordosten, gelangte in Sicht der Küste von Dorsetshire und fuhr dann über den Kanal auf La Hogue zu, wo die Armee, die er nach England convoyiren sollte, bereits angefangen hatte, sich auf den Transportfahrzeugen einzuschiffen. Als er sich noch einige Meilen von Barfleur befand, sah er am Morgen des 19. Mai vor Tagesanbruch die große Flotte der Verbündeten am östlichen Horizont entlang segeln. Er beschloß auf sie abzuhalten. Um acht Uhr waren die beiden Schlachtlinien formirt, das Feuer aber begann erst um elf. Es wurde bald klar, daß die Engländer, vom Admiral abwärts, entschlossen waren, ihre Pflicht zu thun. Russell hatte alle seine Schiffe besucht und eine Ansprache an alle seine Mannschaften gehalten. „Wenn Eure Commandeurs falsches Spiel spielen,” sagte er, „dann über Bord mit ihnen, und mit mir zuerst.” Es gab keine Desertion und keine Lauheit. Carter war der Erste, der die französische Schlachtlinie durchbrach. Er wurde von einem Splitter einer seiner eigenen Raaen getroffen und fiel sterbend aufs Verdeck nieder. Er wollte nicht hinuntergetragen sein, ja er wollte nicht einmal seinen Degen loslassen. „Kämpft für das Schiff,” waren seine letzten Worte, „so lange es schwimmen kann.” Die Schlacht währte bis vier Uhr Nachmittags. Der Kanonendonner wurde mehr als zwanzig Meilen weit entfernt ganz deutlich von der Armee gehört, welche an der Küste der Normandie lagerte. Während des ersten Theils des Tages war der Wind den Franzosen günstig; sie hatten es mit der Hälfte der verbündeten Flotte zu thun und gegen diese Hälfte bestanden sie den Kampf mit ihrer gewohnten Tapferkeit und mit mehr als gewohnter seemännischer Tüchtigkeit. Nach einem heißen und zweifelhaften Kampfe von fünf Stunden dachte Tourville es sei genug gethan um die Ehre der weißen Flagge aufrecht zu erhalten, und er begann sich zurückzuziehen. Mittlerweile aber war der Wind umgesprungen und den Alliirten günstig geworden, so daß diese jetzt ihre große Ueberlegenheit an Streitkräften nützen konnten. Sie kamen rasch heran, und der Rückzug der Franzosen verwandelte sich in eine Flucht. Tourville vertheidigte sein eignes Schiff mit verzweifeltem Muthe. Es hieß, in Anspielung auf Ludwig’s Lieblingsemblem, der „Soleil Royal” und war weit und breit als das schönste Kriegsschiff der Welt berühmt. Die englischen Seeleute erzählten sich, daß es mit einem Bilde des großen Königs geschmückt und daß er auf demselben so dargestellt sei wie er auf der Place de la Victoire erschien: mit besiegten Nationen in Ketten unter seinen Füßen. Das stolze Schiff lag, von Feinden umringt, wie eine große Festung auf dem Wasser, von allen Seiten aus seinen hundertvier Stückpforten Tod und Verderben ausspeiend. Es war so stark bemannt, daß alle Versuche, es zu entern, scheiterten. Lange nach Sonnenuntergang machte es sich von seinen Angreifern los und segelte, alle seine Speigate von Blut triefend, nach der Küste der Normandie. Es hatte so viel gelitten, daß Tourville seine Flagge schleunigst auf ein Schiff von neunzig Kanonen verlegte, das der „Ambitieux” hieß. Seine Flotte war inzwischen weit über das Meer verstreut. Ungefähr zwanzig seiner kleinsten Schiffe entkamen auf einem Wege, der für jeden andren Muth als den der Verzweiflung zu gefährlich gewesen wäre. Unter dem Schutze der zweifachen Dunkelheit der Nacht und eines dichten Seenebels entflohen sie durch die brausenden Wogen und die verrätherischen Felsen des Strudels von Alderney und erreichten mit merkwürdigem Glück ohne einen einzigen Unfall St. Malo. Bis in diese gefährliche Meerenge, den Schauplatz zahlloser Schiffbrüche, wagten die Verfolger den Fliehenden nicht nachzusetzen.[123]

Diejenigen französischen Schiffe, welche zu groß waren, um sich in den Strudel von Alderney wagen zu können, stoben in die Häfen des Cotentin. Der Soleil Royal nebst zwei anderen Dreideckern kamen glücklich nach Cherbourg. Der Ambitieux und zwölf andere Schiffe, lauter Fahrzeuge ersten und zweiten Ranges, flüchteten sich in die Bai von La Hogue, nahe bei dem Hauptquartiere der Armee Jakob’s.

Den drei Schiffen, welche nach Cherbourg flohen, war ein englisches Geschwader unter Delaval’s Commando dicht auf den Fersen. Er fand sie in seichtem Wasser liegend, wo kein großes Kriegsschiff ihnen beikommen konnte, und beschloß daher, sie mit seinen Brandern und Booten anzugreifen. Die Operation wurde mit Muth und Erfolg ausgeführt. In kurzer Zeit waren der Soleil Royal und seine beiden Gefährten zu Asche verbrannt. Ein Theil des Schiffsvolks rettete sich ans Land, ein andrer fiel den Engländern in die Hände.[124]

Mittlerweile hatte Russell mit dem größeren Theile seiner siegreichen Flotte die Bai von La Hogue blockirt. Hier, wie bei Cherbourg, waren die französischen Kriegsschiffe in seichtes Wasser gezogen worden. Sie lagen nahe bei dem Lager der Armee, die zur Invasion England’s bestimmt war. Sechs von ihnen waren unter einem Fort, Namens Lisset, vor Anker gegangen. Die übrigen lagen unter den Kanonen eines andren Forts, genannt Saint-Vaast, wo Jakob sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte und wo die Unionsflagge, mit dem St. Georgs- und dem St. Andreaskreuze geschmückt, neben der weißen Flagge Frankreich’s hing. Der Marschall Bellefonds hatte mehrere Batterien aufgefahren, von denen man glaubte, daß sie auch den kühnsten Feind abschrecken würden, sich dem Fort Lisset oder dem Fort Saint-Vaast zu nähern. Jakob indessen, der die englischen Seeleute ein wenig kannte, war nicht ganz unbesorgt und schlug vor, starke Truppencorps an Bord der Schiffe zu bringen. Aber Tourville wollte sich nicht dazu verstehen, eine solche Schmach auf seinen Stand zu laden.

Inzwischen traf Russell Vorbereitungen zu einem Angriffe. Am Nachmittag des 23. Mai war Alles fertig. Eine aus Sloops, Brandern und zweihundert Booten bestehende Flotte wurde dem Commando Rooke’s anvertraut. Die ganze Flotte war vom höchsten Muthe beseelt. Die Ruderer, durch den schon errungenen Sieg angefeuert und von dem Gedanken erfüllt, daß sie unter den Augen französischer und irischer Truppen kämpfen sollten, welche gekommen waren, um England zu unterjochen, steuerten muthig und unter lauten Hurrahs auf die sechs gewaltigen hölzernen Kastelle zu, welche dicht bei dem Fort Lisset lagen. Die Franzosen, obgleich ein ausgezeichnet tapferes Volk, sind stets empfänglicher für plötzliche Anfälle von panischem Schrecken gewesen als ihre phlegmatischen Nachbarn, die Engländer und Deutschen. An diesem Tage bemächtigte sich der Flotte wie der Armee ein panischer Schrecken. Tourville befahl seinen Matrosen ihre Boote zu bemannen, um sie dem Feinde entgegen in die Bai hinaus zu führen. Aber sein Beispiel und seine Ermahnungen blieben erfolglos. Die Boote machten Kehrt und flohen in völliger Verwirrung. Die Schiffe wurden im Stich gelassen, die Kanonade vom Fort Lisset war so schwach und schlecht dirigirt, daß sie keine Wirkung that, und die am Strande lagernden Regimenter zogen sich zurück, nachdem sie aufs Gerathewohl einige Flintenschüsse abgefeuert hatten. Die Engländer enterten die Schiffe, steckten sie in Brand und zogen, nachdem sie diese wichtige Operation ohne den Verlust eines einzigen Menschenlebens ausgeführt, mit der zurückgehenden Fluth wieder ab. Die Bai glich während der ganzen Nacht einem Feuermeere und dann und wann verkündete eine heftige Explosion, daß die Flammen eine Pulverkammer oder eine Reihe geladener Geschütze ergriffen hatten. Am andern Morgen um acht Uhr mit der wiederkehrenden Fluth kamen Rooke und seine zweihundert Boote nochmals in die Bai. Der Feind machte einen schwachen Versuch, die in der Nähe des Forts St. Vaast liegenden Schiffe zu vertheidigen. Wenige Minuten lang spielten die Batterien mit einiger Wirkung gegen die Mannschaften unserer Boote; aber der Kampf war bald vorüber. Die Franzosen stürzten hastig auf der einen Seite aus ihren Schiffen, die Engländer drangen eben so schnell auf der andren Seite hinein und richteten unter lautem Jubel die genommenen Kanonen gegen das Ufer. Die Batterien waren bald zum Schweigen gebracht. Jakob und Melfort, Bellefonds und Tourville sahen in hülfloser Verzweiflung der zweiten Verbrennung zu. Die Sieger ließen die Kriegsschiffe ruhig brennen und drangen in eine innere Bucht vor, in der viele Transportschiffe lagen. Acht von diesen Schiffen wurden ebenfalls in Brand gesteckt, mehrere andere wurden ins Schlepptau genommen und der Rest würde auch noch entweder angezündet oder mit fortgeführt worden sein, wenn nicht die Ebbe eingetreten wäre. Es war unmöglich noch mehr zu thun und die siegreiche Flotille zog sich langsam zurück, das feindliche Lager mit dem donnernden Gesange des +God save the king+ verhöhnend.

So endete am Nachmittage des 24. Mai der große Kampf, der fünf Tage lang in weiter Ausdehnung auf der See und an der Küste gewüthet hatte. Ein englischer Brander war in der Ausübung seiner Pflicht zu Grunde gegangen. Sechzehn französische Kriegsschiffe, lauter prächtige Fahrzeuge, darunter acht Dreidecker, waren versenkt oder bis auf den Kiel niedergebrannt. Die Schlacht wird nach der Stelle, wo sie endigte, die Schlacht von La Hogue genannt.[125]

[_Freude in England._] Die Nachricht wurde in London mit grenzenlosem Jubel aufgenommen. In dem Kampfe auf offener See war die numerische Uebermacht der Alliirten allerdings so groß gewesen, daß sie wenig Ursache hatten, sich auf ihren Sieg etwas einzubilden. Aber der Muth und die Geschicklichkeit, womit die Mannschaften der englischen Boote in einem französischen Hafen, im Angesicht einer französischen Armee und unter dem Feuer französischer Batterien eine imposante französische Flotte zerstört hatten, rechtfertigte vollkommen den Stolz, mit dem unsere Vorfahren den Namen La Hogue aussprachen. Um uns ganz in ihre Gefühle hineindenken zu können, müssen wir uns erinnern, daß dies der erste große Schlag war, der den Waffen Ludwig’s XIV. versetzt wurde, und der erste große Sieg, den die Engländer seit der Schlacht von Agincourt über die Franzosen davontrugen. Der Flecken, den die schmachvolle Niederlage bei Beachy Head auf unsren Namen gebracht, war verwischt, und diesmal war der Ruhm ganz unser. Die Holländer hatten zwar ihre Pflicht gethan, wie sie sie im Seekriege jederzeit gethan haben, mochten sie mit uns oder gegen uns fechten, mochten sie siegen oder besiegt werden. Die Engländer aber hatten die Hauptlast des Kampfes getragen. Russell, der das Obercommando führte, war ein Engländer. Delaval, der den Angriff auf Cherbourg leitete, war ein Engländer. Rooke, der die Flotille in die Bai von La Hogue führte, war ein Engländer. Die beiden einzigen hohen Offiziere, welche gefallen waren, Admiral Carter und Kapitain Hastings vom „Sandwich”, waren Engländer. Die Freude, mit der die gute Nachricht bei uns aufgenommen wurde, darf indessen nicht ausschließlich, nicht einmal hauptsächlich dem Nationalstolze zugeschrieben werden. Die Insel war außer Gefahr. Die herrlichen Weiden, Kornfelder und Landgüter von Hampshire und Surrey sollten nicht der Schauplatz eines Krieges werden. Die Häuser und Gärten, die Küchen und Milchkammern, die Keller und Geschirrschränke, die Frauen und Töchter unserer Gentry und unserer Geistlichkeit, sollten nicht den Händen irischer Rapparees, die den Engländern von Leinster die Häuser angezündet und das Vieh abgezogen hatten, oder französischen Dragonern, die gewohnt waren, auf Kosten der Protestanten von Auvergne zu leben, preisgegeben werden. Whigs und Tories dankten Gott für die Errettung aus dieser großen Gefahr, und die achtungswertheren Eidverweigerer mußten nothwendig im Herzen froh sein, daß der rechtmäßige König nicht durch eine Armee von Ausländern zurückgebracht werden sollte.

Die öffentliche Freude war demnach fast allgemein. Mehrere Tage lang läuteten die Glocken London’s unaufhörlich. Flaggen wehten auf allen Kirchthürmen, Reihen von Lichtern standen in allen Fenstern, Freudenfeuer brannten an allen Straßenecken.[126] Die Meinung, welche die Regierung von den Diensten der Flotte hegte, wurde rasch und in verständiger und angenehmer Weise kund gethan. Sidney und Portland wurden nach Portsmouth zur Flotte abgeschickt, begleitet von Rochester, als Repräsentanten der Tories. Die drei Lords nahmen siebenunddreißigtausend Pfund baares Geld mit, die sie als Geschenk unter die Mannschaften vertheilen sollten.[127] Die Offiziere erhielten goldne Medaillen.[128] Hastings’ und Carter’s Ueberreste wurden mit allen Ehrenbezeigungen ans Land gebracht; Carter wurde mit großem militärischen Gepränge in Portsmouth begraben;[129] die Leiche Hastings’ wurde nach London abgeführt und mit ungewöhnlicher Feierlichkeit unter den Steinplatten von Saint James Church beigesetzt. Die Gardeinfanterie folgte der Bahre mit umgekehrten Gewehren, vier königliche Galawagen, jeder von sechs Pferden gezogen, fuhren im Zuge, eine Menge vornehmer Leute in Trauerkleidung füllte die Kirchenstühle, und der Bischof von Lincoln hielt die Leichenrede.[130] Während man den Gefallenen solche Ehre erzeigte, vergaß man auch der Verwundeten nicht. Funfzig Aerzte, reichlich versehen mit Instrumenten, Bandagen und Medikamenten, wurden schleunigst von Lincoln nach Portsmouth geschickt.[131] Wir können uns nicht leicht einen Begriff davon machen, mit welchen Schwierigkeiten es damals verknüpft war, Hunderten von verstümmelten und zerfleischten Menschen eine bequeme Unterkunft und geschickte Pflege zu verschaffen. Gegenwärtig kann sich jede Grafschaft, jede große Stadt eines geräumigen Palastes rühmen, in welchem der ärmste Arbeiter, der ein Glied gebrochen, ein vortreffliches Bett, einen geschickten Arzt, eine aufmerksame Wärterin, Arzeneien von bester Qualität und die einem Kranken nöthige Kost findet. Damals aber gab es im ganzen Reiche nicht ein einziges durch freiwillige Beiträge unterhaltenes Krankenhaus. Selbst in der Hauptstadt waren die beiden einzigen Gebäude, in denen Verwundete Aufnahme finden konnten, die beiden alten Hospitäler zu St. Thomas und zu St. Bartholomäus. Die Königin gab Befehl, daß in diesen beiden Hospitälern auf Staatskosten Vorkehrungen zur Aufnahme von Kranken von der Flotte getroffen werden sollten.[132] Zu gleicher Zeit wurde bekannt gemacht, daß ein würdiges und dauerndes Erinnerungszeichen der Dankbarkeit England’s für den Muth und Patriotismus seiner Seeleute sich bald auf einer vorzüglich geeigneten Stelle erheben werde. Unter den außerhalb der Stadt gelegenen Residenzen unserer Könige nahm die zu Greenwich lange einen ausgezeichneten Platz ein. Karl II. liebte diesen Wohnsitz und er beschloß das Haus umzubauen und die Gärten zu verschönern. Bald nach seiner Restauration begann er an einem Punkte, der bei hochgehender Fluth fast von der Themse bespült wurde, einen Palast von großem Umfange mit bedeutendem Kostenaufwande zu erbauen. Hinter dem Palaste wurden lange Alleen von Bäumen angelegt, welche unter der Regierung Wilhelm’s kaum mehr als Schößlinge waren, die aber jetzt mit ihren gigantischen Laubkronen die Lustpartien mehrerer Generationen beschattet haben. An dem Hügelabhange, welcher lange Zeit der Schauplatz der Feiertagsbelustigungen der Londoner gewesen ist, wurden zahlreiche Terrassen angelegt, deren Spuren noch jetzt zu erkennen sind. Die Königin erklärte jetzt öffentlich im Namen ihres Gemahls, daß das von Karl angefangene Gebäude vollendet und eine Zufluchtsstätte für Seeleute werden sollte, die im Dienste für ihr Vaterland invalid geworden waren.[133]

Eine der glücklichsten Wirkungen der erfreulichen Nachricht war die Beruhigung des Volks. Seit ungefähr einem Monate hatte die Nation stündlich eine Invasion und einen Aufstand erwartet und war in Folge dessen beständig in einer reizbaren und argwöhnischen Stimmung gewesen. In vielen Gegenden England’s konnte ein Eidverweigerer sich nicht blicken lassen, ohne die größte Gefahr insultirt zu werden. Das Gerücht, daß in einem Hause Waffen verborgen seien, genügte, um einen wüthenden Pöbelhaufen an die Thür zu ziehen. Das Schloß eines jakobitischen Gentleman in Kent war angegriffen und nach einem Kampfe, bei dem mehrere Schüsse fielen, erstürmt und niedergerissen worden.[134] Indessen waren derartige Tumulte noch keineswegs die schlimmsten Symptome des Fiebers, das die ganze Gesellschaft ergriffen hatte. Die Ausstellung Fuller’s im Februar schien dem Treiben des schändlichen Gesindels, dessen Patriarch Oates war, ein Ende gemacht zu haben. Einige Wochen lang war die Welt sogar geneigt in Bezug auf Complotte übermäßig ungläubig zu sein. Im April aber trat eine Reaction ein. Die Franzosen und Irländer sollten kommen, und man hatte nur zu guten Grund zu glauben, das es Verräther auf der Insel gebe. Wer da behauptete, daß er diese Verräther bezeichnen könne, der konnte gewiß sein, aufmerksames Gehör zu finden, und es fehlte nicht an einem falschen Ankläger, der sich diese vortreffliche Gelegenheit zu Nutze machte.