Part 20
Der Master von Stair war einer der ersten Männer seiner Zeit, ein Jurist, ein Staatsmann, ein tüchtiger Gelehrter und ein gewandter Redner. Sein feines Benehmen und seine lebendige Conversation machten ihn zu einem Liebling der aristokratischen Zirkel, und wer ihn in einer solchen Gesellschaft sah, würde es nicht für möglich gehalten haben, daß er bei einem abscheulichen Verbrechen die Hauptrolle spielen könne. Seine politischen Grundsätze waren lax, doch nicht laxer als die der meisten schottischen Staatsmänner jener Zeit. Grausamkeit hatte man ihm nie vorwerfen können. Selbst Diejenigen, die ihm am wenigsten gewogen waren, ließen ihm die Gerechtigkeit widerfahren zuzugestehen, daß er, wo seine politischen Pläne nicht ins Spiel kämen, ein sehr gutherziger Mann sei.[78] Man hat nicht den geringsten Grund anzunehmen, daß er durch die That, die seinen Namen mit Schande bedeckt hat, ein einziges Pfund Schottisch gewann. Er hatte keinen persönlichen Grund, den Leuten von Glencoe Böses zu wünschen. Es hatte keine Fehde zwischen ihm und seiner Familie bestanden. Seine Güter lagen in einem Districte, wo ihr Tartan nie gesehen wurde. Und dennoch haßte er sie mit einem so heftigen und unversöhnlichen Hasse, als hätten sie seine Felder verwüstet, sein Haus angezündet, sein Kind in der Wiege ermordet.
Welcher Ursache sollen wir eine so sonderbare Antipathie zuschreiben? Diese Frage setzte schon des Masters Zeitgenossen in Verlegenheit, und jede Antwort, die sich jetzt darauf geben läßt, muß mit Vorsicht gegeben werden.[79] Die wahrscheinlichste Vermuthung ist die, daß er von einem überspannten, rücksichtslosen, ungezügelten Eifer für das was ihm das Interesse des Staats dünkte, getrieben wurde. Diese Erklärung wird Diejenigen in Erstaunen setzen, welche nie erwogen haben, ein wie großer Theil der schwärzesten Verbrechen, von denen uns die Geschichte erzählt, einem verkehrten Gemeinsinne zugeschrieben werden muß. Wir sehen täglich Leute für ihre Partei, für ihre Secte, für ihr Vaterland, für ihre politischen und socialen Lieblingsreformpläne Dinge thun, die sie nicht thun würden, um sich zu bereichern oder zu rächen. Bei einer Versuchung, die sich direct an unsre persönliche Habgier oder an unsren Privathaß richtet, wird alle Tugend, die wir besitzen, alarmirt. Aber die Tugend selbst kann zum Falle Desjenigen beitragen, der da glaubt, es stehe in seiner Macht, durch Verletzung einer allgemeinen Vorschrift der Moral einer Kirche, einem Staate, oder der ganzen Menschheit einen wichtigen Dienst zu leisten. Er bringt die Mahnungen seines Gewissens zum Schweigen und verhärtet sein Herz gegen die erschütterndsten Scenen des Elends, indem er sich beständig wiederholt, daß seine Absichten lauter, daß seine Zwecke edel sind, daß er eine kleine Sünde um eines großen Guten willen thut. So gelangt er nach und nach dahin, daß er die Schändlichkeit der Mittel über die Vortrefflichkeit des Zweckes gänzlich vergißt, und verübt schließlich ohne einen Gewissensbiß Thaten, vor denen ein Seeräuber zurückbeben würde. Man hat keinen Grund anzunehmen, daß Dominicus um des besten Erzbisthums der Christenheit halber wilde Räuber angereizt haben würde, eine friedliche und betriebsame Bevölkerung auszuplündern und niederzumetzeln, daß Eberhard Digby für ein Herzogthum eine zahlreiche Versammlung von Menschen in die Luft gesprengt, oder daß Robespierre für Geld einen Einzigen von den Tausenden gemordet haben würde, die er aus Philanthropie mordete.
Der Master von Stair scheint einen wahrhaft großen und edlen Zweck in Auge gehabt zu haben: die Pacifirung und Civilisirung der Hochlande. Er war, wie selbst Diejenigen zugaben, die ihn am meisten haßten, ein Mann von weitgreifenden Plänen. Er hielt es mit Recht für monströs, daß ein Dritttheil von Schottland sich in einem kaum minder rohen Zustande befand als Neuguinea, daß Brand- und Mordbriefe in einem Dritttheil von Schottland Jahrhunderte lang als eine Art gesetzlichen Verfahrens betrachtet wurden und daß Niemand den Versuch machte, ein radikales Heilmittel gegen solche Uebelstände anzuwenden. Die Unabhängigkeit, die sich ein Haufe kleiner Souveraine anmaßen wollte, der hartnäckige Widerstand, den sie der Autorität der Krone und des Court of Session zu leisten pflegten, ihre Kriege, ihre Räubereien, ihre Brandstiftungen, ihre Gewohnheit, friedlichere und nützlichere Leute als sie zu brandschatzen: dies Alles mußte nothwendig den Abscheu und den Unwillen eines aufgeklärten und einsichtsvollen Mannes des Friedens erwecken, der sowohl seinem Character als den Gewohnheiten seines Berufs nach ein Freund des Gesetzes und der Ordnung war. Sein Zweck war nichts Geringeres als eine vollständige Auflösung und Umgestaltung der Gesellschaft in den Hochlanden, eine Auflösung und Umgestaltung, wie sie zwei Generationen später auf die Schlacht von Culloden folgte. In seinen Augen waren die Clans so wie sie zur Zeit bestanden, die Plage des Landes, und der schlimmste von allen Clans war der, welcher Glencoe bewohnte. Ein haarsträubendes Beispiel von der Gesetzlosigkeit und Grausamkeit dieser Räuber sollte ihn besonders ergriffen haben. Einer von ihnen, der an irgend einem Acte der Gewaltthätigkeit oder des Raubes Theil genommen, hatte seine Genossen angezeigt. Er war an einen Baum gebunden und ermordet worden. Der alte Häuptling hatte ihm den ersten Stoß gegeben und der Körper des Unglücklichen war dann von mehr als zwanzig Dolchen durchbohrt worden.[80] Der Gebirgsbewohner betrachtete einen solchen Act wahrscheinlich als eine rechtmäßige Ausübung patriarchalischer Justiz. Der Master von Stair aber war der Meinung, daß Leute, unter denen solche Dinge geschahen und zugelassen wurden, wie eine Heerde Wölfe behandelt, durch jede List in die Falle gelockt und ohne Gnade niedergemetzelt werden müßten. Er war wohl belesen in der Geschichte und wußte wahrscheinlich, wie große Regenten in seinem eignen und in anderen Ländern mit solchen Banditen verfahren sind. Er wußte wahrscheinlich mit welcher Energie und mit welcher Strenge Jakob V. die Straßenräuber des Grenzlandes unterdrückt hatte, wie der Häuptling von Henderland über dem Thore des Schlosses, in welchem er ein Gastmahl für den König hergerichtet hatte, aufgeknüpft worden war, wie Johann Armstrong und seinen sechsunddreißig Reitern, als sie herbeikamen, um ihren Souverain zu bewillkommnen, kaum so viel Zeit gelassen wurde, um ein einziges Gebet zu sprechen, bevor sie alle aufgehängt wurden. Ebenso waren dem Sekretär wahrscheinlich die Mittel nicht unbekannt, durch welche Sixtus V. den Kirchenstaat von Banditen gesäubert hatte. Die Lobredner dieses großen Pontifex erzählen uns von einer gefürchteten Bande, die aus einer Feste in den Apenninen nicht zu vertreiben war. Es wurden daher Saumthiere mit vergifteten Speisen und Wein beladen und auf einem nahe bei der Festung vorüberführenden Wege abgeschickt. Die Räuber kamen heraus, bemächtigten sich der Beute, schmausten und starben, und der greise Papst freute sich höchlich als er erfuhr, daß die Leichen von dreißig Räubern, die der Schrecken vieler friedlicher Dörfer gewesen waren, unter den Maulthieren und Packereien umherliegend gefunden worden waren. Die Pläne des Masters von Stair waren im Geiste Jakob’s und Sixtus’ entworfen, und die Empörung der Gebirgsbewohner bot anscheinend eine vortreffliche Gelegenheit zur Ausführung dieser Pläne. Bloße Empörung hätte er allerdings leicht vergeben können. Gegen die Jakobiten als solche zeigte er niemals irgend Lust, hart zu verfahren. Er haßte die Hochländer nicht als Feinde dieser oder jener Dynastie, sondern als Feinde des Gesetzes, der Industrie und des Handels. In seiner Privatcorrespondenz wendete er auf sie die kurze und schreckliche Phrase an, mit der der unversöhnliche Römer den Fluch über Karthago aussprach. Sein Plan bestand in nichts Geringerem, als daß das ganze Gebirgsland von einer Meeresküste zur andren, sowie die benachbarten Inseln durch Feuer und Schwert verwüstet, daß die Camerons, die Macleans und alle Zweige des Stammes Macdonald vertilgt werden sollten. Er betrachtete daher Aussöhnungspläne nicht mit freundlichem Auge, und während Andere hofften, daß etwas Geld Alles ordnen werde, deutete er sehr verständlich seine Meinung an, daß das Geld, welches man auf die Clans verwenden wolle, besser in der Gestalt von Kugeln und Bajonetten verwendet werden würde. Bis zum letzten Augenblicke schmeichelte er sich, daß die Rebellen unbeugsam bleiben und ihm dadurch einen Vorwand liefern würden, die große sociale Revolution zu bewerkstelligen, die er sich in den Kopf gesetzt hatte.[81] Der Brief ist noch vorhanden, in welchem er die Befehlshaber der Truppen in Schottland instruirt, was sie zu thun hätten, wenn sich die jakobitischen Häuptlinge nicht vor Ende December zur Vereidigung stellen sollten. Es liegt etwas Grauenhaftes in der Ruhe und bündigen Kürze, mit der die Instructionen ertheilt wurden. „Ihre Truppen werden den District Lochaber, Lochiel’s, Keppoch’s, Glengarry’s und Glencoe’s Ländereien, gänzlich verwüsten. Ihr Corps wird stark genug sein. Ich hoffe, die Soldaten werden die Regierung nicht mit Gefangenen beschweren.”[82]
Diese Depesche war kaum abgesandt, als in London die Nachricht eintraf, daß die widerspenstigen Häuptlinge, nachdem sie lange fest geblieben, endlich vor den Sheriffs erschienen waren und die Eide geleistet hatten. Lochiel, der angesehenste unter ihnen, hatte nicht nur erklärt, daß er als ein treuer Unterthan König Wilhelm’s leben und sterben wolle, sondern hatte auch die Absicht angekündigt, England zu besuchen, in der Hoffnung, daß es ihm gestattet werde, Sr. Majestät die Hand zu küssen. In London wurde mit Jubel verkündet, daß alle Clans, ohne Ausnahme, sich rechtzeitig unterworfen hätten, und die Ankündigung wurde allgemein für höchst befriedigend gehalten.[83] Aber der Master von Stair war schmerzlich enttäuscht. Die Hochlande sollten also bleiben was sie gewesen waren, die Schande und der Fluch Schottland’s. Eine kostbare Gelegenheit, sie dem Gesetze zu unterwerfen, hatte man sich entgehen lassen, und sie kehrte vielleicht nie wieder. Wenn nur die Macdonalds ausgehalten hätten; wenn nur wenigstens an den beiden schlimmsten Macdonalds, Keppoch und Glencoe, ein Exempel hätte statuirt werden können, so wäre es doch etwas gewesen. Aber selbst Keppoch und Glencoe, Räuber, die in jedem wohl regierten Lande schon vor dreißig Jahren aufgehängt worden wären, seien, wie es scheine, in Sicherheit.[84] Während der Master über solche Gedanken brütete, brachte ihm Argyle einigen Trost. Die Nachricht, daß Mac Ian die Eide innerhalb der vorgeschriebenen Zeit geleistet, war irrig. Der Sekretär war getröstet. Also war doch ein Clan in den Händen der Regierung, und dieser Clan war der gesetzloseste von Allen. Ein großer Act der Gerechtigkeit, nein der Barmherzigkeit, konnte vollzogen, ein furchtbares und denkwürdiges Exempel konnte statuirt werden.
Eine Schwierigkeit gab es indeß noch. Mac Ian hatte die Eide geleistet. Er hatte sie zwar zu spät geleistet, um den Buchstaben des königlichen Versprechens zu seinen Gunsten geltend machen zu können; aber die Thatsache, daß er die Eide geleistet, durfte offenbar Denen nicht verschwiegen werden, die über sein Schicksal zu entscheiden hatten. Durch eine schwarze Intrigue, deren Geschichte nur unvollkommen bekannt ist, die aber aller Wahrscheinlichkeit nach vom Master von Stair geleitet wurde, ward der Beweis von Mac Ian’s verspäteter Unterwerfung beseitigt. Das Certificat, welches der Sheriff von Argyleshire dem Geheimen Rathe zu Edinburg übersandt, wurde der Behörde nie vorgelegt, sondern nur privatim einigen hochgestellten Personen, insbesondere dem Lordpräsidenten Stair, dem Vater des Sekretärs, mitgetheilt. Diese Personen erklärten das Certifikat für ordnungswidrig, ja für durchaus nichtig, und es wurde cassirt.
Unterdessen entwarf der Master von Stair in Gemeinschaft mit Breadalbane und Argyle einen Plan zur Vernichtung der Leute von Glencoe. Es war nöthig, die Bewilligung des Königs einzuholen, zwar nicht bezüglich der Einzelheiten dessen was geschehen sollte, wohl aber in Betreff der Frage, ob Mac Ian und seine Leute als Rebellen behandelt werden sollten, die außer dem Bereiche des ordentlichen Gesetzes standen, oder ob nicht. Der Master von Stair stieß im königlichen Cabinet auf keine Schwierigkeit. Wilhelm hatte aller Wahrscheinlichkeit nach die Leute von Glencoe nie anders als Banditen nennen hören. Er wußte, daß sie sich bis zu dem vorgeschriebenen Tage nicht gestellt hatten; aber daß sie sich nach diesem Tage noch gestellt hatten, wußte er nicht. Wenn er der Sache einige Aufmerksamkeit schenkte, so mußte er der Meinung sein, daß man eine so günstige Gelegenheit, den Verwüstungen und Räubereien, von denen eine friedliche und betriebsame Bevölkerung soviel gelitten hatte, ein Ende zu machen, nicht unbenutzt vorübergehen lassen dürfe.
Es wurde ihm ein Befehl zur Unterzeichnung vorgelegt. Er unterzeichnete denselben, aber, wenn man Burnet glauben darf, ohne ihn zu lesen. Wer einige Kenntniß von den Staatsgeschäften hat, weiß, daß Fürsten und Minister täglich Schriftstücke unterzeichnen und in der That unterzeichnen müssen, die sie nicht gelesen haben, und von allen Schriftstücken war eines, das sich auf einen kleinen Stamm Gebirgsbewohner bezog, der eine auf keiner Karte angegebene Wildniß bewohnte, am wenigsten geeignet, einen Souverain zu interessiren, dessen Kopf mit Plänen angefüllt war, von denen das Geschick Europa’s abhängen konnte.[85] Aber selbst wenn man annimmt, daß er den Befehl gelesen, unter den er seinen Namen setzte, ist kein Grund vorhanden, ihn zu tadeln. Der an den Commandeur der Truppen in Schottland gerichtete Befehl lautet folgendermaßen: „Anlangend Mac Ian von Glencoe und diesen Stamm, so wird es, wenn sie von den anderen Hochländern streng unterschieden werden können, angemessen sein, diese Räuberbande zur Behauptung der öffentlichen Gerechtigkeit zu vertilgen.” Der Sinn dieser Worte ist an sich völlig unschuldig und sie würden ohne das entsetzliche Ereigniß welches folgte, allgemein in diesem Sinne verstanden worden sein. Es ist unzweifelhaft eine der ersten Pflichten jeder Regierung Räuberbanden auszurotten. Damit ist aber nicht gesagt, daß jeder Räuber meuchlings im Schlafe ermordet, ja nicht einmal, daß jeder Räuber nach einer ordentlichen Untersuchung öffentlich hingerichtet werden müsse, sondern nur daß jede Bande als solche vollständig aufzulösen und jede zur Erreichung dieses Zweckes unerläßlich nothwendig erscheinende Strenge anzuwenden sei. Hätte Wilhelm die Worte, die ihm sein Sekretär unterbreitete, gelesen und erwogen, so würde er sie wahrscheinlich so verstanden haben, daß Glencoe von Truppen besetzt, daß Widerstand, wenn solcher versucht würde, mit kräftiger Hand niedergeworfen, daß die vornehmsten Mitglieder des Clans, welche großer Verbrechen überführt werden könnten, streng bestraft, daß einige thätige junge Freibeuter, die mehr gewohnt waren, mit dem Breitschwerte umzugehen als mit dem Pfluge, und von denen nicht zu erwarten stand, daß sie sich entschließen würden, als friedliche Arbeiter zu leben, zur Armee in den Niederlanden versetzt, daß andere nach amerikanischen Pflanzungen transportirt und daß diejenigen Macdonalds, die man in ihrem heimathlichen Thale ließe, entwaffnet und angehalten werden sollten, für ihre Aufführung Geißeln zu stellen. Ein diesem sehr ähnlicher Plan war wirklich in den politischen Kreisen Edinburg’s vielfach berathen worden.[86] Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß Wilhelm sich um sein Volk sehr verdient gemacht haben würde, wenn er in dieser Weise nicht nur den Stamm Mac Ian’s, sondern überhaupt jeden hochländischen Stamm, dessen einzige Beschäftigung darin bestand, Vieh zu stehlen und Häuser anzuzünden, ausgerottet hätte.
Die Ausrottung, welche der Master von Stair im Sinne hatte, war ganz andrer Art. Sein Plan war, das ganze fluchwürdige Räubergezücht zu vertilgen. So lautete die Sprache, in der sein Haß sich Luft machte. Er studirte die Geographie der wilden Gegend um Glencoe und traf seine Anordnungen mit teuflischem Scharfsinn. Der Schlag mußte wo möglich rasch, vernichtend und gänzlich unerwartet sein. Wenn Mac Ian aber die Gefahr ahnen und versuchen sollte, auf den Gebieten seiner Nachbarn eine Zufluchtsstätte zu suchen, mußte er jeden Weg versperrt finden. Der Paß von Rannoch mußte besetzt werden. Dem Laird von Weems, der in Strath Tay große Macht hatte, mußte gesagt werden, daß, wenn er die Räuber bei sich aufnehme, er dies auf seine Gefahr thue. Breadalbane versprach, den Fliehenden auf einer Seite den Rückzug abzuschneiden, Mac Callum More auf einer andren. Es sei ein Glück, schrieb der Sekretär, daß Winter sei. Dies sei die rechte Zeit, um die Schurken zu züchtigen. Die Nächte seien so lang, die Berggipfel so kalt und stürmisch, daß auch die abgehärtetsten Männer den Aufenthalt im Freien ohne Obdach oder Feuer nicht lange aushalten könnten. Daß die Frauen und Kinder in dieser Wildniß Schutz fänden, sei ganz unmöglich. Während er so schrieb, kam ihm nicht im Entferntesten der Gedanke, daß er eine große Abscheulichkeit begehe. Er war glücklich in der Billigung seines eigenen Gewissens. Pflicht, Gerechtigkeit, ja Nächstenliebe und Erbarmen waren die Namen, die er seiner Grausamkeit als Mantel umhing, und es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß er sich selbst durch die Maske täuschen ließ.[87]
Hill, welcher die im Fort William versammelten Truppen befehligte, wurde nicht mit der Ausführung des Planes beauftragt. Er scheint ein menschenfreundlicher Mann gewesen zu sein, denn er war tief betrübt, als er erfuhr, daß die Regierung sich zur Strenge entschlossen habe, und man fürchtete wahrscheinlich, daß ihm im entscheidendsten Momente der Muth sinken werde. Er erhielt deshalb die Weisung, ein starkes Detachement unter die Befehle seines Untercommandeurs, des Oberstleutnants Hamilton zu stellen. Diesem wurde sehr verständlich angedeutet, daß er jetzt eine vortreffliche Gelegenheit habe, seinen Ruf in den Augen der am Ruder Stehenden zu befestigen. Ein großer Theil der ihm anvertrauten Truppen waren Campbells und gehörten zu einem unlängst von Argyle errichteten und nach ihm benannten Regimente. Man glaubte wahrscheinlich, daß bei einer solchen Gelegenheit die Humanität sich der bloßen Gewohnheit des militärischen Gehorsams gegenüber als zu stark erweisen möchte und daß man sich wenig auf Herzen würde verlassen können, die nicht durch eine Fehde verhärtet seien, wie sie seit langer Zeit zwischen den Leuten Mac Ian’s und den Leuten Mac Callum More’s wüthete.
Wäre Hamilton offen gegen die Leute von Glencoe marschirt und hätte sie über die Klinge springen lassen, so würde es seiner That wahrscheinlich nicht an Vertheidigern und sicherlich wenigstens nicht an Präcedenzfällen gefehlt haben. Aber der Master von Stair hatte sehr nachdrücklich ein andres Verfahren empfohlen. Bei dem geringsten Alarm würde man das Nest der Räuber leer finden und in einer so unwirthbaren Gegend Jagd auf sie zu machen, würde selbst mit allem Beistande Breadalbane’s und Argyle’s ein langwieriges und schweres Stück Arbeit sein. „Besser,” schrieb er, „man bindet gar nicht mit ihnen an, als man bindet vergebens mit ihnen an. Wenn die Sache beschlossen ist, muß sie im Geheimen und unverhofft geschehen.[88]” Man folgte seinem Rathe und beschloß, daß die Leute von Glencoe nicht durch militärische Execution, sondern durch die feigste und niederträchtigste Form des Meuchelmordes umkommen sollten.
Am 1. Februar marschirten hundertzwanzig Soldaten von Argyle’s Regiment unter den Befehlen eines Hauptmanns Namens Campbell und eines Leutnants Namens Lindsay nach Glencoe. Hauptmann Campbell wurde in Schottland nach dem Gebirgspasse, in welchem seine Besitzung lag, gewöhnlich Glenlyon genannt. Er besaß jede erforderliche Eigenschaft für den Dienst zu dem er verwendet wurde: eine schamlose Stirn, eine glatte, lügnerische Zunge und ein demanthartes Herz. Auch war er einer von den wenigen Campbells, von denen man erwarten durfte, daß die Macdonalds ihnen trauen und sie willkommen heißen würden, denn seine Nichte war mit Alexander, dem zweiten Sohne Mac Ian’s, vermählt.
Der Anblick der herannahenden Rothröcke erregte einige Besorgniß unter der Bevölkerung des Thales. Johann, der älteste Sohn des Häuptlings, ging mit zwanzig Clansleuten den Fremden entgegen und fragte sie, was dieser Besuch zu bedeuten habe. Leutnant Lindsay antwortete, die Soldaten kämen als Freunde und verlangten nichts weiter als Quartier. Sie wurden freundlich aufgenommen und unter den Strohdächern der kleinen Commun einlogirt. Glenlyon fand mit mehreren seiner Leute Aufnahme in dem Hause eines Tacksman, der nach dem Häuflein Hütten, das unter seiner Autorität stand, Inverriggen genannt wurde. Lindsay fand näher bei der Wohnung des alten Häuptlings ein Unterkommen. Auchintriater, einer der vornehmsten Männer des Clans, der das kleine Dorf Auchnaion verwaltete, fand daselbst Raum für eine von einem Sergeanten, Namens Barbour, commandirte Abtheilung. Lebensmittel wurden in reichlicher Menge geliefert. Es fehlte nicht an Rindfleisch, das wahrscheinlich auf fremden Weiden fett geworden, und man verlangte keine Bezahlung, denn in der Gastfreundschaft wie in der Raublust wetteiferten die gälischen Banditen mit den Beduinen. Zwölf Tage lang lebten die Soldaten ganz gemüthlich unter den Bewohnern der Schlucht. Der alte Mac Ian, der wegen des Verhältnisses, in dem er zur Regierung stand, anfangs nichts Gutes geahnet hatte, schien jetzt Gefallen an dem Besuche zu finden. Die Offiziere brachten einen großen Theil ihrer Zeit bei ihm und seiner Familie zu. Die langen Winterabende wurden mit Hülfe einiger Spiele Karten, die sich nach diesem entlegenen Winkel der Welt verlaufen hatten, und etwas Franzbranntwein, der wahrscheinlich ein Theil von Jakob’s Abschiedspräsent an seine hochländischen Anhänger war, heiter und vergnügt am Torffeuer hingebracht. Glenlyon schien seiner Nichte und deren Gatten Alexander mit inniger Liebe zugethan. Jeden Tag kam er in ihr Haus, um dort zu frühstücken. Währenddem erforschte er mit der größten Aufmerksamkeit alle Zu- und Ausgänge, auf denen die Macdonalds, wenn das Signal zum Gemetzel erfolgte, versuchen konnten, ins Gebirge zu entkommen, und berichtete Hamilton das Ergebniß seiner Beobachtungen.
Hamilton bestimmte den 13. Februar, fünf Uhr Morgens, zur Ausführung der That. Er hoffte, daß er bis dahin Glencoe mit vierhundert Mann erreichen und alle Baue verstopft haben würde, in die sich der alte Fuchs und seine beiden Jungen -- so wurden Mac Ian und seine Söhne spottweise von den Mördern genannt -- flüchten konnten. Schlag fünf Uhr aber sollte Glenlyon, mochte Hamilton eingetroffen sein oder nicht, aufbrechen und jeden Macdonald unter siebzig Jahren ermorden.
Die Nacht war rauh. Hamilton und seine Truppen kamen nur langsam vorwärts und verspätigten sich bedeutend. Während sie mit Wind und Schnee kämpften, speiste Glenlyon mit Denen, die er vor Tagesanbruch niederzumetzeln gedachte, und spielte Karten mit ihnen. Er und Leutnant Lindsay hatten versprochen, am folgenden Tage bei dem alten Häuptlinge zu Mittag zu essen.