Geschichte Von England Seit Der Thronbesteigung Jakob S Des Zwe
Chapter 7
[_Monopolfrage._] In dem Parlamente von 1601 lieferte die Opposition, die seit vierzig Jahren im Stillen Kräfte gesammelt und gespart hatte, ihre erste große Schlacht, und gewann ihren ersten Sieg. -- Der Boden war gut gewählt. Die englischen Souveraine sind stets mit der obersten Leitung der Handelspolizei betraut gewesen; sie besaßen das unantastbare Recht der Münz-, Gewicht- und Maß-Regulirung, der Bestimmung der Messen, Märkte und Häfen. Die Grenzlinie ihrer Autorität in Handelsangelegenheiten war, wie gewöhnlich, sehr undeutlich gezeichnet; wie gewöhnlich machte sie daher Übergriffe in das Gebiet, das verfassungsmäßig der Gesetzgebung angehörte. Diese Übergriffe wurden, wie gewöhnlich, so lange geduldig ertragen, bis sie einen ernsten Charakter annahmen. Als endlich die Königin sich anmaßte, dutzendweis Patente zu Monopolen zu ertheilen, daß es kaum noch eine Familie im Reiche gab, die sich nicht über Bedrückungen und Erpressungen, die natürlich aus diesem Mißbrauche entstehen mußten, zu beklagen hatte; als Eisen, Öl, Essig, Kohlen, Salpeter, Blei, Stärke, Garn, Felle, Leder und Glas mit übermäßig hohen Preisen bezahlt werden mußten -- da versammelte sich das Haus der Gemeinen in einer sehr zornigen und entschlossenen Stimmung, und umsonst tadelte eine höfisch gestimmte Minderzahl den Sprecher, daß er die Handlungen der königlichen Hoheit in Frage stellen lasse. Die starke und drohende Sprache der mißvergnügten Partei fand in der Stimme der ganzen Nation ihren Wiederhall. -- Ein wüthender Volkshaufen umtobte den Wagen des ersten Ministers der Krone, verwünschte die Monopole, und rief aus, es dürfte nicht geduldet werden, daß die königlichen Hoheitsrechte die alten Freiheiten Englands antasteten. Einen Augenblick schien es, als ob die lange und ruhmreiche Regierung Elisabeths ein schmähliches, unglückliches Ende nehmen solle. Mit bewunderungswürdiger Klugheit und Fassung lehnte die Königin aber den Streit ab, stellte sich an die Spitze der reformirten Partei, entsprach den erhobenen Beschwerden, dankte den Gemeinen in einer ergreifenden und würdigen Ansprache für die eifrige Sorge um das öffentliche Wohl, gewann sich die Herzen des Volks wieder, und hinterließ ihren Nachfolgern ein denkwürdiges Beispiel von dem Verhalten eines Herrschers öffentlichen Bewegungen gegenüber, denen Widerstand zu leisten nicht möglich ist.
[_Schottland und Irland werden wieder mit England Theile ein und desselben Reichs._] Im Jahre 1603 starb die große Königin. In vielen Beziehungen ist dieses Jahr eine der wichtigsten Epochen unserer Geschichte. Schottland und Irland wurden damals wieder mit England vereinigt. Beide Länder waren zwar von den Plantagenets zur Unterwerfung gebracht, aber keines derselben hatte sich geduldig dem Joche gefügt. Schottland hatte mit heldenmüthiger Ausdauer seine Unabhängigkeit wieder erkämpft, war seit der Zeit des Robert Bruce ein besonderes Königreich gewesen, und ward nun mit dem südlichen Theile der Insel dergestalt vereinigt, daß sein Nationalstolz mehr befriedigt, als verletzt wurde. Irland hatte seit der Zeit Heinrichs II. nie die fremden Eroberer vertreiben können, obgleich es lange und heftig gegen sie gekämpft. Während des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts war die englische Macht auf dieser Insel stets gesunken, und in den Tagen Heinrichs VII. war sie bis zu dem niedrigsten Punkte gelangt. Die irischen Besitzungen dieses Fürsten bestanden nur aus den Grafschaften Dublin und Louth, einigen Theilen von Meath und Kildare, und aus einigen an der Küste zerstreut liegenden Seehäfen. Der größte Theil von Leinster selbst war noch nicht in Grafschaften eingetheilt. Munster, Ulster und Connaught standen unter kleinen souverainen Fürsten, die theils Celten, theils ausgeartete Normannen waren, ihren Ursprung vergessen, und celtische Sprache und Sitten angenommen hatten. Während des sechzehnten Jahrhunderts aber war die englische Macht wieder bedeutend gewachsen. Die halbwilden Häuptlinge, die jenseits der Grenzpfähle regierten, hatten sich einer nach dem andern den Statthaltern der Tudors unterworfen. Wenig Wochen vor Elisabeths Tode ward endlich durch Mountjoy die Eroberung vollendet, die Strongbow vor mehr als vierhundert Jahren begonnen hatte. Jakob I. hatte kaum den Thron bestiegen, als die letzten O'Donnell und O'Neill, die bisher in dem Range unabhängiger Fürsten gestanden, zu Whitehall seine Hand küßten. Von da an gewannen seine Erlasse in Irland Geltung, seine Richter hielten dort überall ihre Assisen, und das englische Gesetz trat an die Stelle der Gebräuche, die unter den eingeborenen Stämmen geherrscht hatten.
Schottland und Irland waren an Umfang einander fast gleich, und beide zusammen ziemlich so groß wie England; aber sie hatten eine weit geringere Bevölkerung und standen ihm an Wohlstand und Civilisation nach. Schottland war durch die Unfruchtbarkeit seines Bodens zurückgeblieben, und auf Irland ruhete noch immer, obgleich rings von Licht umgeben, die starre Finsterniß des Mittelalters.
Mit Ausnahme der celtischen Stämme, die dünn zerstreut die Hebriden und die gebirgigen Theile der nördlichen Grafschaften bewohnten, war die Bevölkerung Schottlands von demselben Blute wie die Englands, sie redete dieselbe Sprache, die sich von dem reinsten Englisch nicht mehr unterschied, als sich die Dialekte von Somersetshire und Lancashire von einander unterschieden. Die Bevölkerung Irlands dagegen war, mit Ausnahme der kleinen englischen Kolonie unfern der Küste, celtisch, und bewahrte noch immer celtische Sprache und Sitte.
Zu der Zeit ihrer Verbindung mit England zeichneten sich beide Nationen durch angeborenen Muth und durch Intelligenz aus. In Ausdauer, Selbstbeherrschung, Vorsicht, kurz in allen Eigenschaften, die im Leben Erfolge sichern, sind die Schotten nie übertroffen worden. Die Iren hingegen zeichneten sich durch Eigenschaften aus, die mehr interessant als glücklich machen. Ein feuriges und ungestümes Volk, waren sie leicht zum Weinen und zum Lachen, zur Wuth und zur Liebe zu bewegen. Von den Nationen des nördlichen Europa's besaßen sie allein die Empfänglichkeit, die Lebhaftigkeit und die natürlichen Anlagen zur Pantomime und Redekunst, die man unter Küstenbewohnern des mittelländischen Meeres heimisch findet. In geistiger Bildung stand Schottland unbestreitbar höher. War es auch damals das ärmste Königreich in der Christenheit, so wetteiferte es dennoch in jedem Zweige des Wissens mit den begünstigtesten Ländern. Schotten, deren Wohnung und Nahrung so elend waren, wie die der Isländer zu unserer Zeit, schrieben eben so schöne lateinische Verse als Vida, und machten wissenschaftliche Entdeckungen, die einem Galilei zum Ruhme gereicht haben würden. Irland hatte sich keines Buchanan oder Napier zu rühmen; das Genie, mit dem die Urbewohner desselben reich begabt waren, gab sich nur in Balladen kund, die obgleich roh und rauh, dem Kennerauge Spenser's dennoch eine schöne, reine Poesie zu enthalten schienen.
Schottland bewahrte seine ganze Würde, als es zu einem Theile der britischen Monarchie umgeschaffen wurde. Nachdem es den englischen Waffen Generationen hindurch muthigen Widerstand geleistet hatte, ward es mit seinem überlegenen Nachbar unter den ehrenvollsten Bedingungen vereinigt.
Es _gab_ einen König, anstatt einen zu _empfangen_; es behielt seine eigene Verfassung und seine eigenen Gesetze, und seine Gerichtshöfe und Parlamente blieben von denen zu Westminster völlig unabhängig. Die Verwaltung Schottland's lag in schottischen Händen, denn es fühlte sich kein Engländer geneigt, nach dem Norden auszuwandern, um mit dem schlauesten und beharrlichsten aller Stämme um das zu ringen, was sich in der ärmsten Schatzkammer zusammenraffen ließ. Dagegen strömten schottische Abenteurer nach dem Süden, wo sie auf allen Lebensbahnen zu einem Glücke gelangten, das zwar großen Neid erregte, im Allgemeinen aber nur der gerechte Lohn der Klugheit und des emsigen Fleißes war. Dessen ungeachtet erlag Schottland dem Geschicke, dem ein jedes Land, das mit einem andern an Hilfsquellen reichern zwar verbunden, ihm aber nicht einverleibt wird, unterworfen ist. War es auch dem Namen nach ein unabhängiges Königreich, so ward es doch länger als ein Jahrhundert in vielen Beziehungen nur wie eine unterjochte Provinz behandelt.
Irland ward offen als ein durch das Schwert erkämpftes Besitzthum regiert. Die rohen National-Institutionen existirten nicht mehr; die englischen Kolonisten unterwarfen sich den Bestimmungen des Mutterlandes, ohne dessen Schutz sie nicht bestehen konnten, und suchten Ersatz darin, daß sie das Volk, unter dem sie sich niedergelassen, mit Füßen traten. -- Das Parlament, das in Dublin zusammentrat, konnte ohne vorhergegangene Genehmigung des englischen Geheimen-Raths kein Gesetz erlassen; die Autorität der englischen Legislatur erstreckte sich über Irland. Die ausführende Verwaltung war Männern anvertraut, die entweder England selbst oder dem englischen Bezirke entnommen worden, und in beiden Fällen wurden diese von der celtischen Bevölkerung als Fremde, selbst als Feinde betrachtet.
Aber noch ist des Umstandes zu erwähnen, der die Verschiedenheit Irlands und Schottlands tiefer als ein anderer begründete: Schottland war protestantisch. Die Erregung des Volksgeistes gegen die römisch-katholische Kirche hatte sich in keinem andern Theile Europa's so rasch und heftig gezeigt. Die Reformatoren hatten ihre götzendienerische Herrscherin besiegt, abgesetzt und eingekerkert; nicht einmal auf einen Vergleich, wie er in England abgeschlossen, wollten sie eingehen. Sie hatten die Lehre, die Kirchenzucht und den Gottesdienst der Calvinisten eingeführt, und machten zwischen Papstthum und Prälatur, zwischen der Messe und dem allgemeinen Gebetbuche wenig Unterschied. Zu Schottlands Unglück war der Fürst, den es zur Regierung eines schönern Erblandes aussandte, durch die Hartnäckigkeit, mit der die schottischen Theologen die Privilegien der Synode und der Kanzel gegen ihn behauptet, der von den Schotten geliebten Kirchenverfassung so abhold geworden, als es seine weibische Natur nur irgend zuließ; und kaum hatte er den englischen Thron bestiegen, so begann er einen unduldsamen Eifer für das Regiment und Ritual der englischen Kirche an den Tag zu legen.
Die Iren waren das einzige Volk in dem nördlichen Europa, das der alten Religion treu geblieben. Dies ist zum Theil dem Umstande beizumessen, daß sie ihren Nachbarn an Kenntnissen um einige Jahrhunderte nachstanden. Aber auch andere Ursachen hatten mitgewirkt. Die Reformation war nicht minder eine rationelle, als eine moralische Erhebung, nicht nur ein Aufstand der Laien gegen die Geistlichkeit, sondern auch aller Zweige des großen germanischen Stammes gegen Fremdherrschaft gewesen. Es ist eine höchst merkwürdige Erscheinung, daß keine große Gesellschaft, deren Sprache nicht deutschen Ursprungs, je zum Protestantismus übergetreten ist, und daß überall, wo man eine Sprache redet, die von der des alten Rom abstammt, die Religion des neuern Rom bis auf diesen Tag die vorherrschende geblieben. Der Patriotismus der Iren hatte eine eigene Richtung genommen; -- sie waren nicht auf Rom, sondern auf England erbittert, und hatten besondere Gründe die englischen Fürsten zu hassen, welche die Häupter des großen Schisma gewesen: Heinrich VIII. und Elisabeth. Religiöse und nationale Begeisterung waren während des fruchtlosen Kampfes, den zwei Generationen milesischer Fürsten gegen die Tudors unterhalten hatten, in den Gemüthern des besiegten Volksstammes auf das Innigste verschmolzen. Der neue Hader zwischen Protestanten und Papisten fachte den alten zwischen Sachsen und Celten an. Die englischen Eroberer vernachlässigten dabei alle gesetzlichen Bekehrungsmittel; man sorgte weder für Lehrer, die der besiegten Nation sich verständlich machen konnten, noch für eine Übersetzung der Bibel in die ersische Sprache. Die Regierung begnügte sich mit der Einsetzung einer ausgedehnten Hierarchie protestantischer Erzbischöfe, Bischöfe und Rectoren, die nichts thaten, und für ihr Nichtsthun mit dem Raube bezahlt wurden, den man an einer von der großen Masse des Volks geliebten und verehrten Kirche verübte.
Sowohl in den Zuständen Schottlands als auch Irlands gab es Manches, das in einem scharfblickenden Staatsmann peinliche Besorgnisse zu erregen geeignet war. Einstweilen jedoch war ein Anschein von Ruhe da, denn alle britischen Inseln waren zum ersten Male friedlich unter einem Scepter vereinigt.
Man würde glauben können, der Einfluß Englands auf die europäischen Nationen hätte von dieser Epoche an bedeutend zunehmen müssen. Das Gebiet, das sein neuer König beherrschte, hatte fast den doppelten Umfang von dem, welches Elisabeth geerbt, und kein Reich der Welt war so in sich abgeschlossen, so vor Angriffen gesichert, als das seinige. Die Plantagenets und Tudors hatten sich wiederholt gegen Schottland vertheidigen müssen, während sie auf dem Festlande in Kriege verwickelt waren, und der lange Kampf in Irland hatte ihren Hilfsquellen einen empfindlichen und andauernden Abzug bewirkt; doch selbst unter so ungünstigen Verhältnissen hatten sich diese Fürsten einer hohen Achtung in der ganzen Christenheit zu erfreuen gehabt. Deshalb war nicht grundlos zu erwarten, daß England, Schottland und Irland vereint hätten einen Staat bilden müssen, der keinem andern seiner Zeit nachstände.
[_Verminderung des Einflusses Englands nach der Thronbesteigung Jakobs I._] In allen diesen Erwartungen wurde man jedoch arg getäuscht. Von dem Tage der Thronbesteigung Jakobs I. an sank unser Vaterland von der Höhe herab, in der es sich bis dahin gehalten, und man begann es als eine Macht kaum zweiten Ranges zu betrachten. Unter vier auf einander folgenden Fürsten aus dem Hause Stuart war die große britische Monarchie viele Jahre hindurch kaum ein wichtigeres Glied in dem europäischen Staatensysteme, als das kleine Königreich Schottland zuvor gewesen. Dies ist jedoch nicht zu bedauern. Man kann von Jakob I. wie von Johann sagen, daß seine Regierung, wäre sie tüchtig und glänzend gewesen, ohne Zweifel unserm Vaterlande Unheil gebracht hätte, und daß wir seinen Schwächen und Jämmerlichkeiten mehr verdanken, als der Weisheit und Kraft viel besserer Regenten. Er kam in einem kritischen Augenblicke zur Regierung. Der Zeitpunkt, wo entweder der König absolut werden, oder das Parlament die ganze ausführende Gewalt unter seine Autorität stellen mußte, rückte schnell heran. Wäre Jakob I. ein tapferer, thätiger und staatskluger Regent gewesen wie Heinrich IV., Moritz von Nassau oder wie Gustav Adolph, hätte er sich an die Spitze der Protestanten Europa's gestellt, hätte er große Siege über Tilly und Spinola erfochten, Westminster mit der Beute aus baierischen Klöstern und flamländischen Kathedralen geschmückt, hätte er österreichische und castilianische Fahnen in der St. Paulskirche aufgehängt und sich, nachdem er große Thaten ausgeführt, an der Spitze von fünfzigtausend tapfern, disciplinirten Truppen, die seiner Person treu anhingen, befunden -- das englische Parlament wäre bald nichts mehr als ein Name gewesen. Zum Glück war er nicht der Mann, der eine solche Rolle spielen konnte. Er begann seine Regierung damit, daß er dem Kriege, der viele Jahre lang zwischen England und Spanien gewüthet hatte, ein Ende machte, und von da an vermied er Feindseligkeiten mit einer Vorsicht, welche der Hohn seiner Nachbarn und das Geschrei seiner Unterthanen nicht zu erschüttern vermochten. Selbst der vereinigte Einfluß seines Sohnes, seines Günstlings, seines Parlaments und seines Volkes konnte ihm bis zu seinem letzten Lebensjahre nicht bewegen, den geringsten Schritt zur Vertheidigung seiner Familie und seiner Religion zu thun. Für die, welche er regierte, war es gut, daß er in dieser Beziehung ihren Wünschen kein Gehör gab. Seine friedliche Politik brachte die Wirkung hervor, daß die Vertheidigung unserer Insel immer noch der Miliz anvertraut blieb, während Frankreich, Spanien, Italien, Belgien und Deutschland von gemietheten Soldaten wimmelten.
[_Die Lehre vom göttlichen Rechte._] Da der König kein stehendes Heer besaß und nicht einmal versuchte, ein solches zu bilden, so hätte er klug gethan, jeden Konflikt mit dem Volke zu vermeiden. Aber seine Unbedachtsamkeit war so groß, daß er nicht nur die Mittel, die ihn allein wahrhaft unumschränkt machen konnten, versäumte, sondern daß er auch stets in der verletzendsten Weise Ansprüche machte, an die keiner seiner Vorgänger auch nur im Traume gedacht hatte. Damals tauchten jene seltsamen Theorien auf, welche Filmer später in ein System brachte und der heftigsten Klasse von Tories und Hochkirchenmännern zur Loosung wurden. Man behauptete in vollem Ernste, daß das höchste Wesen die erbliche Monarchie, im Gegensatze zu andern Regierungsformen, besonders wohlgefällig betrachte; daß das Gesetz der Erbfolge nach der Ordnung der Erstgeburt eine göttliche Einrichtung, und älter als die christliche Religion, selbst als die mosaische Gesetzgebung sei; daß keine menschliche Macht, selbst die der ganzen gesetzgebenden Gewalt, keine Dauer unrechtmäßigen Besitzes, und wenn sie zehn Jahrhunderte ausmache, dem gesetzlichen Fürsten seine Rechte rauben könne; daß seine Gewalt nothwendig stets despotisch sei; daß die das Hoheitsrecht beschränkenden Gesetze, sowohl in England wie in andern Ländern, nur eine vom Souverain freiwillig ertheilte Concession sei, die er nach Belieben zurückziehen könne; und daß endlich jeder Vertrag, den der König mit seinem Volke abschließt, nur eine Erklärung seiner augenblicklichen Absichten und nicht eine Verbindlichkeit sei, deren Erfüllung gefordert werden könne. Obwohl diese Theorie die Grundlagen der Regierung befestigen sollte, so ist es doch augenscheinlich, daß sie nur dazu beitrug, sie völlig wanken zu machen. Ließ das göttliche und unabänderliche Gesetz der Erstgeburt Frauen zu, oder schloß es dieselben aus? In der einen wie in der andern Voraussetzung wären die Hälfte der europäischen Regenten Usurpatoren, die trotz der Befehle des Himmels regierten und von den rechtmäßigen Erben außer Besitz gebracht werden könnten. Diese widersinnigen Theorien fanden keine Begründung in dem alten Testamente, denn wir lesen darin, daß das auserwählte Volk getadelt und bestraft ward, weil es einen König haben wollte, und daß es später den Befehl erhielt, ihm den Gehorsam zu verweigern. Die ganze Geschichte jenes Volks unterstützt nicht nur die Ansicht von der göttlichen Einsetzung des Erstgeburtsrechts nicht, sie scheint vielmehr anzudeuten, daß der Himmel die jüngern Brüder unter seinen besondern Schutz genommen habe. Isaak war nicht der älteste Sohn Abrahams, Jakob nicht der Isaaks, Juda nicht der Jakobs, David nicht der Isais, Salomon nicht der Davids. In den Ländern, wo die Vielweiberei herrscht, wird die Altersordnung unter den Kindern selten streng beobachtet. Durch die Stellen des neuen Testamentes, welche die Regierung als eine Anordnung Gottes bezeichnen, ward Filmers System eben so wenig unterstützt, denn die Regierung, unter der die Autoren des neuen Testaments lebten, war keine erbliche Monarchie. Die römischen Kaiser waren vom Senate ernannte Magistratspersonen, und keiner derselben behauptete, kraft des Rechtes der Geburt zu regieren; weder Tiberius, dem Zins zu zahlen Christus gebot, noch Nero, dem zu gehorchen Paulus den Römern befahl, waren der patriarchalischen Regierungstheorie nach faktisch Usurpatoren. Im Mittelalter würde man die Lehre vom unveräußerlichen Erbrechte für ketzerisch gehalten haben, denn sie war mit den großen Ansprüchen der römischen Kirche völlig unvereinbar. Auch den Gründern der englischen Kirche war sie unbekannt. Die Homilie über die vorsätzliche Empörung hatte den Gehorsam gegen die eingesetzte Obrigkeit kräftig, und wahrlich zu kräftig, eingeprägt; aber sie machte weder zwischen erblichen und Wahlmonarchien, noch zwischen Monarchien und Republiken einen Unterschied. Die meisten Vorgänger Jakobs würden gewißlich aus persönlichen Beweggründen der patriarchalischen Regierungstheorie abgeneigt gewesen sein. Wilhelm der Rothe, Heinrich I., Stephan, Johann, Heinrich IV., Heinrich V., Heinrich VI., Richard III. und Heinrich VII., alle hatten regiert, ohne sich an die strenge Ordnung der Erbfolge zu kehren. Über die Legitimität Maria's und Elisabeths schwebte ein ernster Zweifel ob. Daß Katharina von Aragonien und Anna Boleyn beide rechtmäßige Frauen Heinrichs VIII. gewesen, war unmöglich, und die höchste Autorität des Reichs hatte beide Fälle geleugnet. Die Tudors betrachteten das Erbfolgegesetz so wenig als eine göttliche unantastbare Einsetzung, daß sie stets daran zu ändern suchten. Heinrich VIII. erlangte einen Parlamentsbeschluß, wonach er ermächtigt war, testamentarisch über die Krone zu verfügen, und wirklich machte er auch zum Nachtheile der königlichen Familie von Schottland ein Testament. Eduard VI. nahm sich, ohne Ermächtigung vom Parlamente, ein ähnliches Recht, und die bedeutendsten Reformatoren billigten es. Elisabeth, überzeugt, daß ihr eigener Rechtsanspruch ernsten Anfechtungen ausgesetzt war, und nicht geneigt, ihrer Nebenbuhlerin und Feindin, der Königin von Schottland, auch nur das Recht der Anwartschaft zu belassen, wußte das Parlament zur Beschließung eines Gesetzes zu bewegen, wonach Jeder, der die Befugniß des regierenden Herrschers, mit Genehmigung der Reichsstände die Thronfolge zu ändern, anfechten würde, den Tod des Verräthers erleiden solle. Aber die Lage Jakobs war eine ganz andere, als die Elisabeths. Wenn auch an Fähigkeiten ihr nachstehend, und weniger bei dem Volke beliebt, wenn auch von den Engländern als ein Fremder betrachtet und durch das Testament Heinrichs VIII. vom Throne ausgeschlossen, war der König von Schottland dennoch der unzweifelhafte Erbe Wilhelms des Eroberers und Egberts. Deshalb hatte er ein naheliegendes Interesse, wenn er die abergläubische Ansicht einschärfte, die Geburt verleihe Rechte, die über dem Gesetze ständen, und das Gesetz könne diese Rechte nicht ändern. Diese Ansicht war übrigens seinem Verstande und seinem Charakter entsprechend, auch fand sie nicht nur bald viel Vertheidiger unter denen, die um seine Gunst buhlten, sondern machte auch schnelle Fortschritte unter den Geistlichen der Staatskirche.
So wurden die Ansprüche des Monarchen gerade in der Zeit, wo sich im Parlamente und im Lande der republikanische Geist stark zu regen begann, so ausgedehnt, daß sie selbst dem hochfahrendsten und eigenmächtigsten seiner Vorgänger auf dem Throne mißfallen haben würden.