Geschichte Von England Seit Der Thronbesteigung Jakob S Des Zwe

Chapter 23

Chapter 233,137 wordsPublic domain

So verfolgte der Souverain ein System auswärtiger Politik, dem des Ministers diametral entgegen. Allerdings besaßen weder der Souverain noch der Minister den Charakter danach, irgend einen Plan stätig zu verfolgen, jeder gab bei Gelegenheit dem Drängen des Andern nach, und ihre abweichenden Neigungen und gegenseitigen Zugeständnisse verliehen der ganzen Verwaltung einen sonderbaren Anstrich. Aus Leichtsinn und Indolenz erlaubte der König zuweilen, daß Danby Maßregeln traf, welche Ludwig bitter beleidigen mußten; ebenso fügte sich Danby ehe er seinen hohen Posten aufgegeben hätte, bisweilen lieber in Gefälligkeiten, die ihm schwere Sorge und Schande verursachten. Der König wurde dahin gebracht, seine Erlaubniß zu einer Vermählung zwischen Maria, der ältesten Tochter und muthmaßlichen Erbin des Herzogs von York, und Wilhelm von Oranien, dem Todfeinde Frankreichs und erblichen Kämpfer der Reformation, zu geben; ja der tapfre Earl von Ossory, Ormonds Sohn, eilte den Holländern zum Beistande mit einigen britischen Truppen herbei, welche an dem blutigsten Tage des ganzen Krieges den Ruf des kühnsten Muthes trefflich bewährten. Auf der anderen Seite mußte der Schatzmeister bei einigen schimpflichen Geldgeschäften, die zwischen seinem Gebieter und dem Hofe von Versailles abgemacht wurden, nicht nur die Augen zudrücken, sondern auch -- obgleich mit Verdruß und Widerstreben -- dabei mitwirken.

[_Verwickelte Lage der Vaterlandspartei._] Mittlerweile wurde die Vaterlandspartei durch zwei gewaltige Gefühle nach zwei verschiedenen Richtungen hin getrieben. Die Leiter des Volks hatten Furcht vor der Größe Ludwigs, der nicht nur der ganzen Stärke der continentalen Allianz Widerstand leistete, sondern sogar Boden gewann; ebenso wagten sie es aber auch nicht, ihrem eigenen Könige die Mittel zur Demüthigung Frankreichs anzuvertrauen, damit dieselben nicht zur Vernichtung der Freiheit Englands verwendet würden. Der Widerstreit zwischen diesen beiden Befürchtungen, welche vollkommen gerechtfertigt waren, ließ die Opposition eben so haltlos und wankelmüthig erscheinen, wie die des Hofes. Die Gemeinen forderten Krieg mit Frankreich, bis der König, von Danby zur Nachgiebigkeit vermocht, sich zu fügen schien, und eine Armee auszuheben begann. Als sie aber sahen, daß man mit den Werbungen fortschritt, wurde ihre Furcht vor Ludwig durch eine noch näher liegende Furcht verdrängt. Sie glaubten nämlich, daß diese neuen Truppen in einem Dienste verwendet werden möchten, für den Karl größere Theilnahme hegte als für die Vertheidigung Flanderns, verweigerten deshalb alle Geldbewilligungen, und verlangten jetzt ebenso laut die Entlassung der Truppen, als sie kurz vorher die Bildung einer Armee gefordert hatten. Diejenigen Geschichtschreiber, welche sich über diese Unbeständigkeit mit strengem Tadel ausgesprochen, scheinen nicht die gehörige Rücksicht auf die verzweifelte Lage von Leuten genommen zu haben, welche von dem Glauben durchdrungen waren, ihr Fürst vereinige sich mit einer auswärtigen feindlichen Macht zur Unterdrückung ihrer Freiheiten. Ihm militairische Hilfsmittel verweigern hieß den Staat wehrlos machen; gab man ihm dieselben, so benutzte er sie vielleicht gegen den Staat. Bei solcher Bewandtniß kann die Unentschlossenheit nicht als Beweis von Mangel an Ehrgefühl oder gar von Schwäche betrachtet werden.

[_Verkehr dieser Partei mit der französischen Gesandtschaft._] Dieser Argwohn wurde von dem französischen König eifrig genährt. Er hatte England geraume Zeit in Unthätigkeit erhalten, indem er den Thron gegen das Parlament zu unterstützen versprach, aber jetzt gewann er die beunruhigende Überzeugung, daß die patriotischen Rathschläge Danby's im Cabinet Anklang fanden, und nun begann er das Parlament gegen den Thron zu hetzen. Ludwig und die Vaterlandspartei trafen in einem, aber auch nur in diesem einen Punkte zusammen, nämlich in dem tiefen Mißtrauen gegen Karl. Hätte die Vaterlandspartei die Überzeugung erhalten können, daß ihr Souverain wirklich einen Krieg gegen Frankreich im Sinne hatte, so würde sie ihn auf's Eifrigste unterstützt haben. Hätte Ludwig die Gewißheit gehabt, daß die neuen Rüstungen nur der Verfassung von England galten, so würde er sie nicht zu verhindern gesucht haben. Die Charakterlosigkeit Karls aber und seine Treulosigkeit waren so groß, daß die französische Regierung und die englische Opposition -- sonst in allen Ansichten von einander abweichend -- wenigstens darin übereinstimmten, daß seinen Worten nicht zu trauen sei, und beide den Wunsch theilten, ihn ohne Geld und Heer zu lassen. Es fanden Verhandlungen statt zwischen Barillon, dem französischen Gesandten, und solchen englischen Staatsmännern, welche stets Abneigung und Furcht vor dem französischen Übergewicht gezeigt und in der That auch aufrichtig empfunden hatten. Das redlichste Mitglied der Vaterlandspartei, Lord Wilhelm Russel, Sohn des Earl von Bedford, besprach sich unbedenklich mit einem fremden Gesandten zu dem Zweck, seinem eigenen Souveraine Verlegenheiten zu bereiten. Soweit ging Russels Fehltritt. Seine Grundsätze sowohl wie sein großes Vermögen erheben ihn über den Verdacht schmutziger Absichten; allein man hat nur zu viel Grund anzunehmen, daß mehrere seiner Verbündeten weniger Bedenklichkeit zeigten. Man würde ihnen Unrecht thun, wollte man sie der Niederträchtigkeit beschuldigen, Geld angenommen zu haben, um ihrem Vaterlande zu schaden, sie meinten ihm im Gegentheil nützlich zu sein; es ist aber nicht in Abrede zu stellen, daß sie unehrenhaft und unzart genug waren, von einem fremden Fürsten dafür Bezahlung anzunehmen, daß sie dem eigenen Lande dienten. Einer von denen, welche diese erniedrigende Anklage mit Recht trifft, war ein Mann, der nach der Meinung des Volkes der personifizirte Gemeinsinn war, und welcher trotz einiger großen moralischen und geistigen Schwächen mit Recht ein Held, ein Philosoph und ein Patriot genannt zu werden verdient. Es erregt schmerzliche Empfindungen, einen derartigen Namen auf der Liste der Pensionaire Frankreichs zu finden, und doch liegt einiger Trost in dem Gedanken, daß in unserer Zeit ein öffentlicher Charakter der nicht einer Versuchung widerstände, welcher die Tugend und der Stolz Algernon Sidney's unterlagen, als alles Pflicht- und Schamgefühls bar betrachtet werden würde.

[_Frieden von Nimwegen._] Die Folge dieser Intriguen war, daß England, wenn es gleich bei Gelegenheit eine drohende Haltung zeigte, unthätig blieb, bis der continentale Krieg nach fast siebenjähriger Dauer 1678 durch den Frieden von Nimwegen sein Ende fand. Die Vereinigten Provinzen, 1672 am äußersten Rande des Verderbens stehend, erlangten ehrenvolle und vortheilhafte Bedingungen. Daß sie mit genauer Noth dem Untergange entrannen, wurde allgemein der Geschicklichkeit und Tapferkeit des jungen Statthalters zugeschrieben. Er besaß in Europa einen bedeutenden Ruf, und insbesondere bei den Engländern, welche ihn als einen ihrer eigenen Prinzen betrachteten, und denen es Freude machte, in ihm den Gemahl ihrer zukünftigen Königin zu sehen. Frankreich erwarb mehrere wichtige Städte in Belgien und die bedeutende Provinz Franche Comté; die sinkende spanische Monarchie aber hatte fast den ganzen Verlust zu tragen.

[_Große Unzufriedenheit in England._] Kaum waren die Feindseligkeiten auf dem Festlande einige Monate vorüber, so trat eine große Krisis in der englischen Politik ein, welche durch den Gang der Verhältnisse seit bereits achtzehn Jahren vorbereitet worden war. Das ganze Capital von Popularität, welches der König beim Antritt seiner Regierung besaß, war verschwendet, und dem loyalen Enthusiasmus tiefe Abneigung gefolgt. Die öffentliche Meinung war die Strecke zurückgegangen, die sie zwischen 1640 und 1660 durchlaufen hatte, und befand sich noch einmal auf demselben Standpunkte, den sie einnahm, als das Lange Parlament zusammentrat.

Die herrschende Unzufriedenheit bestand aus einem Gemisch der verschiedenartigsten Empfindungen. Eins dieser Gefühle war verletzter Nationalstolz. Die damalige Generation kannte England, wie es, auf gleiche Bedingungen mit Frankreich verbündet, Siegerin über Holland und Spanien, Beherrscherin des Meeres, der Schrecken Roms, der Schutzgeist des protestantischen Europa's war. Seine Hilfsquellen waren nicht schwächer geworden, und es stand zu erwarten, daß unter dem Scepter eines legitimen Königs, der die Liebe und den völligen Gehorsam seiner Unterthanen besaß, es in Europa zum Wenigsten eben so hervorragend dastehen müsse, wie unter der Herrschaft eines Usurpators, der mit größter Wachsamkeit und Energie ein rebellisches Volk niederzuhalten hatte. Und doch war es durch die Schwäche und Erbärmlichkeit seines Oberhauptes so tief gesunken, daß jedes deutsche oder italienische Ländchen, welches fünftausend Soldaten in's Feld schicken konnte, ein wichtigeres Glied unter den Nationen Europa's bildete.

Mit der bitteren Empfindung nationaler Demüthigung verband sich die Besorgniß um die bürgerliche Freiheit. Unbestimmte Gerüchte, um so beunruhigender weil sie unbestimmt waren, schrieben dem Hofe einen überdachten Plan gegen alle constitutionellen Rechte der Engländer zu; man raunte sich sogar in's Ohr, daß die Ausführung dieses Planes mit Hilfe fremder Waffen geschehen solle. Selbst den Cavalieren kochte bei dem Gedanken an solche Einmischung das Blut in den Adern, und einige, die stets die Lehre von der Unzulässigkeit des Widerstandes im Munde hatten, murrten jetzt, daß diese Lehre auch eine Grenze habe! Wollte man eine fremde Macht herüberführen, um der Nation Zwang anzuthun, so möchten sie nicht für die eigene Geduld einstehen!

Weder Nationalstolz noch Besorgniß um die öffentliche Freiheit aber hatten auf die Stimmung des Volkes einen solchen Einfluß, wie der Haß gegen die römisch-katholische Kirche. Dieser Haß war eine herrschende Leidenschaft des Volkes geworden und bei Unwissenden und Profanen eben so gewaltig wie bei den Protestanten von Überzeugung. Die Unmenschlichkeiten während der Regierung Maria's, Unmenschlichkeiten, die selbst bei der unbefangensten, klarsten Darstellung Grauen erregen und in den volksthümlichen Erzählungen von Märtyrern weder genau, noch vorurtheilslos berichtet wurden, die Verschwörung gegen Elisabeth, und namentlich die Pulververschwörung hatten in der Erinnerung des Volkes ein nicht zu löschendes, bitteres Gefühl hinterlassen, das durch jährliche Erinnerungsfeste, Gebete, Freudenfeuer und Prozessionen immer wieder neue Nahrung erhielt.

Es ist hierbei nicht zu vergessen, daß diejenigen Klassen, welche dem Throne insbesondere anhingen, der Klerus und der grundbesitzende Adel, hauptsächlich Ursache hatten, die katholische Kirche zu hassen. Der Klerus zitterte für seine Pfründen, der Adel mit Grundbesitz für seine Abteien und hohen Zehnten. So lange die Regierung der Heiligen noch in frischem Andenken war, hatte der Haß gegen das Papstthum in etwas dem Hasse gegen den Puritanismus Platz gemacht; aber während der achtzehn Jahre, welche seit der Restauration verflossen waren, hatte die Feindseligkeit gegen den Puritanismus abgenommen, wogegen die Abneigung gegen das Papstthum gewachsen war. Zwar waren die Bedingungen des Vertrags von Dover nur Wenigen genauer bekannt, aber einige Andeutungen doch laut genug geworden. Der allgemeine Glaube war, daß ein großer, vernichtender Schlag gegen den Protestantismus geführt werden solle. Viele hatten den König in Verdacht, daß er sich Rom zuwende, sein Bruder und muthmaßlicher Thronerbe war als ein bigotter Katholik bekannt. Die erste Herzogin von York war als Katholikin gestorben, und Jacob hatte darauf, trotz der Gegenvorstellungen des Hauses der Gemeinen, die Prinzessin Maria von Modena, auch eine Katholikin, geheirathet; wenn aus dieser Ehe Söhne hervorgingen, so stand zu fürchten, daß dieselben als Katholiken erzogen werden möchten, und dann eine lange Reihe von Fürsten auf dem Throne sitzen würden, welche Feindschaft gegen die herrschende Staatskirche im Herzen trügen; man hatte neuerdings die Verfassung verletzt, um die Katholiken gegen das Strafgesetz in Schutz zu nehmen; der Bundesgenosse, dessen Politik England seit Jahren beherrscht hatte, war nicht blos ein Katholik, sondern auch ein Verfolger des Protestantismus. Unter allen diesen Umständen war es zu rechtfertigen, wenn der gemeine Mann eine Wiederkehr der Zeiten jener Fürstin fürchtete, welche er die blutige Maria nannte.

Die Nation war demgemäß in einer Stimmung, bei der jeder Funke zur Flamme werden konnte. Da wurde mit einem Male an zwei Stellen Feuer an die ungeheure Masse des Zündstoffes gelegt, und augenblicklich stand Alles in Flammen.

[_Danby's Sturz._] Der französische Hof, welcher Danby als seinen bittersten Feind kannte, ersann den listigen Plan, ihn dadurch zu stürzen, daß er ihn für seinen Freund gelten ließ. Ludwig bewies dem Hause der Gemeinen mit Hilfe Ralphs von Montague, eines unredlichen, schamlosen Menschen, der als Gesandter in Frankreich gewesen war, daß der Schatzmeister bei einem Geldgesuche sich betheiligt, welches der Hof von Whitehall an den von Versailles gerichtet. Diese Entdeckung hatte ihre berechneten Folgen, indem der Schatzmeister, nicht seiner Verbrechen sondern seiner Verdienste wegen, nicht als Theilhaber an einer strafbaren Verhandlung, sondern als entschiedener Gegner derselben, der Verfolgung des Parlaments anheim fiel. Seine Zeitgenossen kannten die Umstände nicht, welche in den Augen der Nachwelt die ihm zur Last gelegte Schuld so sehr verringert erscheinen lassen, sie sahen in ihm einen Mäkler, welcher England an Frankreich verkauft hatte. Seine Größe war offenbar vorüber, und sein Kopf in nicht geringer Gefahr.

[_Die papistische Verschwörung._] Die Aufregung, welche die erwähnte Entdeckung verursachte, war jedoch unbedeutend im Vergleich zu der heftigen Bewegung, die das Gerücht hervorrief, es sei ein großes papistisches Complot entdeckt worden. Ein gewisser Titus Oates, Geistlicher der englischen Kirche, war von seinen kirchlichen Vorgesetzten gezwungen worden, wegen unordentlichen Lebenswandels und heterodoxer Lehre seine Pfründe zu verlassen, und führte seitdem ein lasterhaftes und unstätes Leben. Er hatte sich einmal als Katholiken bekannt und auf dem Kontinent einige Zeit in englischen Kollegien des Jesuitenordens zugebracht. In diesen Seminarien hatte er viel wirres Geschrei vernommen über die geeignetsten Mittel, England wieder in den Schooß der wahren Kirche zurückzuführen. Aus den Andeutungen, welche ihm hier geworden, setzte er nun einen schauderhaften Roman zusammen, der mehr den Phantasieen eines Fieberkranken als Ereignissen glich, die sich jemals in der Wirklichkeit zugetragen. Der Papst, versicherte er, hätte die Regierung Englands den Jesuiten in die Hände gegeben. Diese hätten durch Bestallungen, ausgefertigt unter dem Siegel ihrer Gesellschaft, katholische Priester sowie Personen des hohen und niederen Adels zu den höchsten Posten in Kirche und Staat bestimmt. Schon einmal hätten die Papisten London niedergebrannt, sie hätten bereits einen zweiten Versuch dazu gemacht, und gingen jetzt mit dem Plane um, alle Schiffe auf der Themse anzuzünden. Auf ein gegebenes Zeichen würden sie über die Protestanten herfallen und sie niedermachen, zu gleicher Zeit würde eine französische Armee an der Küste von Irland erscheinen. Alle leitenden Staatsmänner und Geistlichen Englands sollten umgebracht werden, und zur Ermordung des Königs habe man drei oder vier Pläne entworfen; er sollte erdolcht, oder durch Medizin vergiftet oder mit silbernen Kugeln erschossen werden. Die öffentliche Meinung war so empfindlich und reizbar, daß diese Lügen bei dem gemeinen Manne leicht Eingang fanden, und zwei einander rasch folgende Vorgänge erregten selbst bei besonnenen Männern einen Argwohn, daß die Erzählung, wenn auch entstellt und übertrieben, doch nicht ganz ohne Grund sein möge.

Eduard Coleman, ein sehr thätiger, aber nicht eben achtungswerther katholischer Intriguant, befand sich unter den angeklagten Personen. Man forschte nach seinen Papieren, und es zeigte sich, daß er so eben den größten Theil derselben vernichtet hatte, einige aber, die gerettet worden waren, enthielten Stellen, welche befangenen Gemüthern die Anschuldigung Oates' zu rechtfertigen schien. Ruhig und vorurtheilsfrei betrachtet, sprachen diese Stellen freilich blos die Hoffnung aus, welche der Stand der Dinge, die Neigungen Karls, die noch stärkeren Neigungen Jacobs und die, zwischen dem französischen und englischen Hofe bestehenden Verbindungen sehr natürlich in der Brust eines Katholiken erwecken mußten, der den Interessen seiner Kirche eifrig ergeben war. Unser Vaterland aber hatte damals keine Lust, Schreiben von Papisten unbefangen zu deuten, und es wurde nicht ganz ohne rechtlichen Anschein geschlossen, daß, wenn die als unwichtig übersehenen Papiere so bedenklichen Inhalts wären, diejenigen Documente, welche man in das Feuer geworfen, vermuthlich das Geheimniß eines großen Verbrechens enthalten haben müßten.

Nach einigen Tagen wurde bekannt, daß Sir Edmondsbury Godfrey, ein vorzüglicher Friedensrichter, welcher die Aussagen des Oates gegen Coleman niedergeschrieben, verschwunden sei. Durch die angestellten Nachforschungen entdeckte man Godfrey's Leichnam auf einem Felde in der Nähe Londons, und es unterlag keinem Zweifel, daß er zwar gewaltsam getödtet, nicht aber von Räubern angegriffen worden sei. Sein Schicksal ist bis auf diesen Tag ein Geheimniß geblieben. Manche glauben, er habe sich selbst entleibt, Andere sagen, er sei durch einen Privatfeind ermordet worden; am unwahrscheinlichsten aber ist die Annahme, die dem Hofe feindliche Partei habe ihn getödtet, um der Verschwörungsgeschichte einen Anhalt zu geben. Im Ganzen genommen scheint die Annahme am richtigsten zu sein, daß einige erhitzte Katholiken durch die lügenhaften Beschuldigungen Oates' und die Beleidigungen der Menge zur höchsten Wuth gereizt, zwischen dem meineidigen Ankläger und der schuldlosen Gerichtsperson nicht genau unterschieden, und eine Rache ausübten, von der die Geschichte verfolgter Sekten nur zu viele Beispiele darbietet. Ist es so gewesen, dann muß der Mörder in einer späteren Zeit seine Schlechtigkeit und Thorheit bitter bereut haben. Die Hauptstadt und die ganze Nation waren von Haß und Furcht erfüllt. Die Strafgesetze, welche in ihrer Strenge etwas gemäßigt worden waren, wurden von Neuem verschärft, überall waren Richter in Thätigkeit, Häuser zu durchsuchen und Papiere in Beschlag zu nehmen; die Gefängnisse waren mit Katholiken angefüllt. London gewährte das Bild einer Stadt im Belagerungszustande. Die Miliz war jede Nacht unter den Waffen; Vorkehrungen wurden getroffen, die großen Durchgänge zu verbarrikadiren, Patrouillen durchzogen die Straßen nach allen Richtungen. Rings um Whitehall waren Kanonen aufgefahren, und kein Bürger glaubte sich sicher, wenn er nicht unter dem Mantel einen mit Blei gefüllten kleinen Dreschflegel trug, um den katholischen Meuchelmördern den Kopf einzuschlagen. Die Leiche des ermordeten Friedensrichters war mehrere Tage der Neugierde der Masse ausgestellt, und wurde dann mit unsinnigen und seltsamen Ceremonien, welche mehr Haß und Rachedurst, als Schmerz und religiöse Hoffnung andeuteten, zu Grabe gebracht. Die Häuser verlangten, daß man in den Gewölben, über denen sie saßen, eine Wache legen sollte, damit sie keine zweite Pulververschwörung zu fürchten hätten. Alle ihre Maßregeln stimmten mit diesem Verlangen überein. Seit der Regierung Elisabeths hatten die Mitglieder des Hauses der Gemeinen immer den Suprematseid leisten müssen, einige Katholiken aber hatten es verstanden, diesem Eide eine solche Auslegung zu geben, daß sie ihn ohne Bedenken leisten konnten. Es wurde jetzt ein noch strengerer Eid hinzugefügt, und die katholischen Lords sahen sich zum ersten Male von ihren Sitzen im Parlament ausgeschlossen. Strenge Maßregeln gegen die Königin wurden beschlossen. Einen Staatssecretair ließen die Gemeinen in's Gefängniß bringen, weil er Bestallungen für gewisse Personen, welche keine guten Protestanten waren, contrasignirt hatte, den Lord Schatzmeister beschuldigten sie des Hochverraths; ja sie vergaßen die während und nach dem Bürgerkriege offen bekannte Lehre soweit, daß sie einen Versuch machten, den Oberbefehl der Miliz den Händen des Königs zu entreißen. In solchem Zustand hatte eine achtzehnjährige schlechte Regierung das loyalste Parlament gebracht, das je in England bestanden hatte.

Auffallend ist es, daß der König selbst in dieser höchsten Noth es wagte, Berufung an sein Volk einzulegen, denn das Volk war noch erhitzter als seine Repräsentanten. Das Unterhaus, so unzufrieden es auch war, enthielt eine größere Zahl von Cavalieren, als nach aller Wahrscheinlichkeit jemals wieder darin sitzen würden, aber man gedachte durch eine Auflösung die Anklage gegen den Lord Schatzmeister zu sistiren, durch welche alle strafwürdigen Geheimnisse der französischen Allianz an's Licht kommen, und dem König persönliche Verlegenheit und Widerwärtigkeit bereiten mußten. Das Parlament wurde daher im Januar des Jahres 1679 aufgelöst. -- Es hatte seit Anfang des Jahres 1661 bestanden, -- und eine allgemeine Wahl wurde angeordnet.

[_Erste allgemeine Wahl von 1679._] Während mehrerer Wochen wurde der Wahlkampf im ganzen Lande mit beispielloser Heftigkeit und Hartnäckigkeit geführt, bedeutendere Summen als je zuvor wurden auf denselben verwandt, und ganz neue Kunstgriffe in Anwendung gebracht. Die Verfasser von Flugschriften aus damaliger Zeit erwähnen als etwas ganz Außergewöhnliches, daß mit großen Kosten Pferde zur Beförderung der Wähler gemiethet wurden. Der Kunstgriff, Freisassengüter zu zerstückeln, um die Wahlstimmen zu vervielfältigen, verdankt jenem merkwürdigen Kampfe seine Entstehung. Dissenterprediger, welche sich vor der Verfolgung in stille, entlegene Winkel geflüchtet hatten, kamen jetzt aus ihren Schlupfwinkeln hervor und wanderten auf den Dörfern umher, um den Eifer des zerstreuten Volkes Gottes wieder anzufachen. Die Fluth stieg hoch gegen die Regierung. Die meisten der neugewählten Mitglieder kamen in einer Stimmung nach Westminster, welche nicht sehr von der ihrer Vorgänger abwich, welche Strafford und Laud in den Tower gesperrt hatten.