Geschichte des Zigeunermädchens: Eine Novelle

Part 6

Chapter 63,765 wordsPublic domain

Klemens, sieh das Sterngewimmel, Das im kühlen Hauch der Nächte, Greifend in des Tages Rechte, Lichtumflossen schmückt den Himmel. Und in diesen holden Zügen -- Wenn so hoch dein Geist kann fliegen -- Mög das Antlitz dir erscheinen, Wo der Schönheit Höhen sich vereinen.

Klemens

Wo der Schönheit Höhen sich vereinen Und worin die frohe Jugend Und der spröde Reiz der Tugend Sich zur süßsten Milde reinen: Dies in Menschenlob zu bringen, Wird dem Geiste nie gelingen, Wenn er nicht sich himmelan geschwungen In den höchsten Dichterzungen.

Andres

In den höchsten Dichterzungen Nie gebrauchter Redeweise, Wie empor zum Sternenkreise Nie ein Weg noch ist gedrungen, Mögst du, Mädchen, dich erheben! Wär mir Wunderkraft gegeben, O daß ich der Ruhm dann wäre, Dich zu tragen so zur Himmelssphäre!

Klemens

Dich zu tragen so zur Himmelssphäre Hieße nur das Rechte singen, Hieß dem Himmel Freude bringen, Wenn dein Name ihm erklungen wäre; Und wenn in des Staubes Enge Dann herab der holde Name klänge, Würde Wohllaut in das Ohr sich gießen, Ruh das Herz und Lust den Sinn durchfließen.

Andres

Ruh das Herz und Lust den Sinn durchfließen, Wann des holden Liedes Töne Also anstimmt die Sirene, Daß die Klügsten selbst das Ohr erschließen! Doch von ihres Wesens Grunde Gibt selbst Schönheit nur geringe Kunde: Sie ist höchste aller Seelenwonnen, Von der Anmut holdem Kleid umsponnen.

Klemens

Von der Anmut holdem Kleid umsponnen, Schönste der Zigeunerinnen, Purpur bei des Tags Beginnen, Milder Zephir in der heißen Sonnen; Strahl, durch den das Herz erblindet Und das kältste wird entzündet; Kraft, der solcher Zauber ist gegeben, Daß sie tötet und durchhaucht mit Leben.

Allem Anschein nach hätten sowohl der Freie wie der Liebessklave so bald noch nicht in ihrem Gesange innegehalten, wäre nicht hinter ihnen eine Stimme erklungen: es war Preziosa, die ihr Lied mitangehört hatte. Beide verstummten, und bewegungslos horchten sie mit gespannter Aufmerksamkeit. Wunderbar lieblich sang sie wie zur Antwort folgende Verse, von denen ich nicht weiß, ob sie sie in jener Stunde erfand, oder ob irgend jemand sie ihr früher gewidmet hatte:

In dem Liebesunterfangen, Draus die Liebe mir entsprungen, Hab ich mehr des Ruhms errungen Mir durch Zucht als schöne Wangen.

Selbst die allerkleinste Pflanze -- Finde aufwärts sie nur Wege, Sei's Natur, sei's Menschenpflege! -- Steigt empor zum Himmelsglanze.

Meiner armen Kupferwürde Leiht die Reinheit Goldesschimmer, Und mein Herz entbehret nimmer Großen Reichtums schwere Bürde.

Nimmer stört es meinen Frieden, Wenn man mich nicht ehrt noch achtet, Denn ich habe stets getrachtet, Mir mein eigen Glück zu schmieden.

Sei nur stets von mir geübet, Was da führt zum Tugendpfade, Und dann mag des Himmels Gnade Tun, was ihr zu tun beliebet.

Möchte doch wahrhaftig sehen, Obs der Schönheit sei gegeben, Auf die Höhe mich zu heben, Drauf ich wünsche einst zu stehen.

Wenn von gleichem Stoff die Seelen, Kann, wer mit dem Pflug sich nährte, Wohl nach seinem innern Werte Gleich sich einem Kaiser zählen!

Preziosa unterbrach ihren Gesang, und die beiden erhoben sich, um ihr entgegenzugehn. Ein anziehendes Gespräch entspann sich zwischen den dreien, und Preziosa verriet so viel Klugheit, Anmut und Geist, daß Klemens seines Gefährten Tun völlig begriff, was bisher nicht ganz der Fall war, da er seinen kühnen Entschluß mehr der Jugend als der Überlegung zuschrieb.

Am folgenden Morgen brach die Truppe auf und zog bis zu einem Dorfe weiter, das zur Gerichtsbarkeit von Murcia gehörte und drei Stunden von der Stadt entfernt lag. Hier begegnete Andres ein Unfall, der ihm beinahe das Leben gekostet hätte. Nachdem man der Sitte gemäß einige silberne Gefäße als Sicherheitspfand hinterlegt hatte, nahmen Preziosa, deren Großmutter, Christina, zwei andre Zigeunermädchen, Klemens und Andres in dem Hause einer reichen Wirtin Wohnung, einer Witwe, deren Tochter, ein Mädchen von siebzehn bis achtzehn Jahren, nicht sowohl schön wie von etwas lockern Sitten war und, wohl aus diesem Grunde, Juana Carducha[4] hieß. Als nun diese die Zigeuner und Zigeunerinnen tanzen sah, plagte sie der Teufel, und sie verliebte sich so sehr in Andres, daß sie beschloß, es ihm geradeheraus zu sagen und ihn, wenn er selbst wollte, all ihren Verwandten zum Trotz als Mann zu nehmen. Sie suchte deshalb eine Gelegenheit, mit ihm zu sprechen, und fand sie in einem Hof, wohin Andres sich begeben hatte, um zwei Esel zu besorgen. Dort trat sie auf ihn zu und sagte in aller Eile, damit kein Zeuge sie störte: »Andres« (sie wußte seinen Namen bereits), »ich bin noch unverheiratet und reich, denn meine Mutter hat kein andres Kind als mich, dies Wirtshaus gehört ihr, und außerdem hat sie noch viele Weinberge und zwei andre ebenso große Häuser. Du gefällst mir, und wenn du mich zur Frau willst, so steht es bei dir. Gib mir schnell Antwort, und wenn du gescheit bist, so bleibe bei mir, da sollst du sehn, was für ein Leben wir führen werden.«

[4] Hanne Wollkratze.

Andres war über die Entschlossenheit Carduchas nicht wenig erstaunt und antwortete so schnell, wie sie es verlangt hatte: »Teure Jungfer, ich bin schon versagt, und wir Zigeuner heiraten nur Zigeunerinnen. Segne Gott Sie für die Gnade, die Sie mir angedeihen lassen wollte und deren ich nicht würdig bin.«

Es fehlte wenig, so wäre Carducha ob Andres' bitterer Antwort tot zu Boden gesunken. Eben wollte sie entgegnen, als sie einige Zigeunerinnen in den Hof treten sah. Beschämt und bestürzt eilte sie fort, fest entschlossen, sich sobald wie möglich zu rächen. Andres beschloß als verständiger Mensch, sich aus dem Staube zu machen und dieser Schlinge, die ihm der Teufel legte, aus dem Wege zu gehn; denn er las in Carduchas Augen, daß sie sich ihm auch ohne die Bande der Ehe hingeben würde, und es gelüstete ihn keineswegs, sich allein in diesen Kampf einzulassen. So bat er denn die andern Zigeuner, noch am nämlichen Abend aufzubrechen. Sie trafen sogleich, wie sie ihm stets Folge leisteten, die nötige Veranstaltung, holten ihre Pfänder noch am Abend ab und machten sich auf den Weg. Carducha, die fühlte, daß mit Andres die Hälfte ihres Lebens wegzog, und sah, daß ihr keine Zeit blieb, um das Ziel ihrer Wünsche zu erreichen, beschloß, den Geliebten mit Gewalt zurückzuhalten, da es ihr mit guten Worten nicht gelingen wollte. Sie schmuggelte also heimlich und listig, wie ihr arger Plan es verlangte, in Andres' Gepäck, das sie kannte, einige wertvolle Korallen sowie zwei silberne Schaumünzen und noch andre von ihren Kostbarkeiten ein. Kaum waren die Gäste aus dem Hause, als sie lautes Geschrei erhob: die Zigeuner hätten ihr ihren Schmuck gestohlen, worauf die Büttel und Dorfbewohner herbeieilten. Die Zigeuner machten halt und schworen, sie hätten nicht die geringste Kleinigkeit mitgenommen, und sie wollten alle Säcke und Behältnisse der Truppe öffnen. Die alte Zigeunerin geriet in nicht geringe Angst, bei dieser Durchsuchung möchten Preziosens Geld und Andres' Kleider, die sie in strengster Heimlichkeit und Vorsicht verbarg, zutage kommen. Allein die gute Carducha benahm ihr die Sorge auf kürzestem Wege, indem sie schon bei Besichtigung des zweiten Päckchens sagte, man möchte nur fragen, wo das Gepäck des großen Tänzers sei, denn diesen habe sie zweimal in ihr Zimmer treten sehn, und es sei daher gar wohl möglich, daß er ihr die Sachen gestohlen habe. Andres merkte wohl, daß er gemeint sei, und sagte lächelnd: »Werte Jungfer, da ist mein Reisegerät, und da ist mein Esel! Findet Sie in jenem oder auf diesem, was Ihr fehlt, so will ichs Ihr siebenfach ersetzen und mich überdies der Strafe unterwerfen, die das Gesetz den Dieben zuerkennt.«

Die Büttel eilten sogleich herbei, um den Esel abzupacken, und hatten nach wenigen Griffen das gestohlene Gut gefunden, worüber Andres so bestürzt und erstaunt war, daß er stumm wie eine Bildsäule dastand.

»Habe ich nicht recht gehabt?« rief Carducha. »Seht doch, hinter welch ehrlichem Gesicht sich ein solcher Spitzbube verstecken kann!«

Der Schulze, der zugegen war, überschüttete Andres und alle Zigeuner sogleich mit tausend Schmähworten und nannte sie Diebe und Straßenräuber. Andres schwieg zu allem, stand sinnend und in sich versunken da, erriet aber mit keinem Gedanken Carduchas Verräterei. Inzwischen kam ein stolzierender Soldat, ein Neffe des Schulzen, herbei und rief:

»Seht einmal, welche Angst dem Zigeuner da sein eigner Diebstahl macht! Ich will wetten, er macht noch Umstände und leugnet den Raub auch dann noch, wenn er ihn schon in den Händen davonträgt. Es wäre am besten, man schickte das ganze Gesindel auf die Galeeren. Wäre es nicht besser, der Schurke da diente Seiner Majestät, als daß er von Dorf zu Dorf tanzt und von Wirtshaus zu Wirtshaus stiehlt? Auf Soldatenehre, ich will ihm eine Ohrfeige geben, daß er vor mir zu Boden stürzt!«

Damit hob er ohne weiteres die Hand und gab Andres einen solchen Backenstreich, daß er aus seiner Betäubung erwachte und sich plötzlich entsann, daß er nicht der Herren-Andres war, sondern Don Juan und ein Kavalier. Mit unglaublicher Schnelligkeit und noch größerer Wut stürzte er sich auf den Soldaten, riß ihm den eignen Degen aus der Scheide und stieß ihn ihm in den Leib, so daß er tot zu Boden fiel. Doch nun, wie schrie das Volk, und wie tobte der Oheim! Preziosa fiel in Ohnmacht, und Andres graute, sie so zu sehn. Alles griff zu den Waffen und fiel über den Mörder her. Die Verwirrung und der Lärm wuchsen; Andres eilte der ohnmächtigen Preziosa zu Hilfe und dachte nicht mehr an seine Verteidigung. Überdies wollte das Schicksal, daß Klemens bei dem unglücklichen Ereignis nicht zugegen war, da er mit seinem Gepäck das Dorf schon verlassen hatte. Kurz man fiel in solcher Zahl über den Mörder her, daß er überwältigt und mit zwei schweren Ketten gefesselt wurde. Der Schulze hätte ihn gern auf der Stelle hängen lassen, wenn es in seiner Macht gelegen wäre, aber so mußte er ihn nach Murcia abliefern, in dessen Gerichtssprengel das Dorf gehörte. Erst am folgenden Tage führte man ihn dorthin, und inzwischen hatte der Gefangene genug der Qualen und Schmähungen zu erdulden, die der entrüstete Schulze und sein Büttel sowie die ganze Einwohnerschaft des Fleckens über ihn ausgossen. Jener nahm alle Zigeuner und Zigeunerinnen, deren er habhaft werden konnte, gefangen; die Mehrzahl jedoch war entflohen, unter ihnen auch Klemens, der bei einer Verhaftung erkannt zu werden fürchtete. Kurz der Schulze zog mit dem Protokoll über den Hergang und einer Karawane von Zigeunern, in der sich Preziosa und auf einem Esel der arme, mit Ketten, Handschellen und Fußeisen gefesselte Andres befanden, umgeben von Bütteln und vielen andern bewaffneten Leuten in Murcia ein. Die ganze Stadt strömte heraus, um die Gefangenen zu sehn, denn schon hatte man von der Tötung des Soldaten gehört. Preziosa strahlte jedoch an diesem Tage in solcher Schönheit, daß jeder, der sie gewahr wurde, in Lobeserhebungen ausbrach, und das Gerücht von ihrem Reize gelangte denn auch der Frau Stadtrichterin zu Ohren. Begierig, das Wunder zu sehn, bat sie ihren Mann, den Stadtrichter, diese Zigeunerin nicht in das Gefängnis zu sperren, in das alle übrigen kamen. Andres dagegen warf man in ein enges Loch, wo ihm die Finsternis und die Trennung von seiner zweiten Sonne, von Preziosa, so bedrückten, daß er nicht mehr hoffte, das Licht des Tages vor seinem Todesgange wiederzusehn.

Preziosa und ihre Großmutter führte man sofort der Stadtrichterin vor, die, als sie sie kaum gesehn hatte, schon rief: »Mit Recht preist man ihre Schönheit!« Damit trat sie auf Preziosa zu, umarmte sie und konnte sich an ihr nicht satt sehn und fragte die Großmutter, wie alt die Kleine sei.

»Ein paar Monate mehr oder weniger als fünfzehn Jahre,« antwortete die Zigeunerin.

»So alt wäre jetzt eben auch meine arme Constanza!« entgegnete die Stadtrichterin. »Ach, ihr guten Leute, wie ruft mir dies Mädchen mein Unglück zurück!«

Da ergriff Preziosa die Hände der Dame, küßte sie zu wiederholten Malen, bedeckte sie mit ihren Tränen und sprach:

»Gnädige Frau, der verhaftete Zigeuner trägt keine Schuld, denn er wurde sehr gereizt. Man nannte ihn einen Dieb, was er doch nicht ist, und gab ihm einen Streich in das Gesicht, auf dem seine Herzensgüte so deutlich geschrieben steht. Um Gottes und Eurer selbst willen, gnädige Frau, sorgt, daß man ihm Gerechtigkeit widerfahren lasse und daß der Herr Stadtrichter sich nicht zu sehr beeile, die Strafe, mit der die Gesetze ihn bedrohn, an ihm zu vollziehn. Wenn meine Schönheit Euer Wohlgefallen erregt, so erhaltet sie mir, indem Ihr den Gefangenen erhaltet, denn sein Tod würde auch meinen herbeiführen. Er soll mein Gatte werden, aber Recht und Ehre haben uns bis jetzt gehindert, einander die Hände zu reichen. Sollte Geld vonnöten sein, um die Begnadigung zu erlangen, so soll unser ganzes Lager in öffentlicher Versteigerung verkauft und noch mehr gegeben werden, als man verlangt. Ach, gnädige Frau, wenn Ihr wißt, was Liebe ist, und wenn Ihr sie je empfunden habt und noch jetzt gegen Euern Gemahl empfindet, so erbarmt Euch meiner, die ich meinem Verlobten mit zärtlicher und reiner Liebe zugetan bin.«

Während sie dies sprach, ließ sie die Hände der Frau keinen Augenblick los und sah sie unverwandt unter Strömen bitterer, schmerzlicher Tränen an. Doch auch die Stadtrichterin hielt Preziosa bei den Händen und sah sie nicht weniger aufmerksam und unter nicht minder zahlreichen Tränen an. Da trat der Stadtrichter ein, und als er das Mädchen und seine Frau in dieser Situation erblickte, blieb er, ergriffen von den Tränen wie von der Schönheit der Fremden, stehn. Er fragte nach der Ursache ihrer Bewegung, und zur Antwort ließ Preziosa die Hände der Stadtrichterin fahren, umschlang die Füße des Stadtrichters und rief: »Erbarmen, gnädiger Herr, Erbarmen! Wenn mein Verlobter stirbt, so bin auch ich des Todes. Er ist schuldlos; und ist er es nicht, so treffe die Strafe mich; und kann dies nicht sein, so werde wenigstens der Prozeß so lange hingehalten, bis man alles aufgeboten hat, ihn zu befreien: denn es ist ja möglich, daß der Himmel dem, der nicht aus bösem Willen fehlte, das Heil der Gnade sendet.«

Der Stadtrichter war gerührt durch die treffenden Worte des Zigeunermädchens, und hätte er sich nicht geschämt, ein Zeichen der Schwäche zu verraten, so hätten seine Tränen sich mit den ihrigen gemischt. Inzwischen stand die alte Zigeunerin in mannigfaltige Betrachtungen verloren da und rief endlich nach langem Sinnen aus: »Wollet die Gnade haben, meine Herrschaften, einen Augenblick zu warten; ich will diese Tränen in Lachen verwandeln, und sollte es mich auch das Leben kosten.«

Damit eilte sie raschen Schrittes hinaus und ließ die Anwesenden in Verwunderung über ihre Worte zurück. Bis zu ihrer Rückkehr hörte Preziosa nicht auf, unter Weinen und Bitten darauf zu dringen, man möge das Urteil über ihren Verlobten hinausschieben; denn sie beabsichtigte im stillen, seinem Vater Nachricht zu geben, damit er komme und eingreife. Bald kehrte die Zigeunerin mit einem Kästchen unterm Arm zurück und bat den Stadtrichter, mit seiner Gemahlin und ihr in ein andres Zimmer zu treten, da sie ihm insgeheim etwas sehr Wichtiges mitzuteilen habe. Der Stadtrichter glaubte, sie wollte ihm irgendeinen Diebstahl der Zigeuner entdecken, um ihn dadurch für den Prozeß des Gefangenen günstig zu stimmen, und so zog er sich denn mit ihr und seiner Frau in sein Kabinett zurück, wo die Alte sich vor den beiden auf die Knie warf und also begann:

»Sollte die frohe Nachricht, die ich Euch geben will, gnädige Herrschaften, mir nicht zum Dank Verzeihung für ein schweres Vergehen verschaffen, so mag mich auch jede Züchtigung treffen, die Ihr mir auferlegen wollt. Ehe ich mich jedoch genauer erkläre, möchte ich, daß Ihr mir sagtet, ob Ihr diesen Schmuck kennt.« Damit zog sie das Kästchen hervor, in dem sich Preziosas Kostbarkeiten befanden, und überreichte es dem Stadtrichter, der es öffnete und einen Kinderschmuck darin erblickte, jedoch ohne daß ihm deutlich wurde, was für eine Bewandtnis es damit habe. Auch die Stadtrichterin betrachtete die Schatulle verständnislos und bemerkte nur: »Das ist der Putz eines kleinen Mädchens.«

»Ganz recht,« erwiderte die Zigeunerin, »und welches Mädchens, das sagt die Schrift in diesem zusammengelegten Papier.«

Hastig öffnete der Stadtrichter es und las wie folgt: »Die Kleine heißt Doña Constanza de Acevedo und de Meneses; ihre Mutter ist Doña Guiomar de Meneses und ihr Vater Don Fernando de Acevedo, Ritter des Calatrava-Ordens. Sie ward geraubt am Himmelfahrtstage, morgens um acht Uhr, im Jahr Eintausend fünfhundert und fünfundneunzig. Sie hatte den Schmuck an, den dieses Kästchen enthält.«

Kaum hatte die Stadtrichterin den Inhalt des Papiers vernommen, als sie den Schmuck plötzlich wiedererkannte und, indem sie ihn an den Mund drückte und mit unzähligen Küssen bedeckte, ohnmächtig niedersank. Der Stadtrichter eilte ihr erst zu Hilfe, ehe er die Zigeunerin weiter nach seinem Kinde fragte; sie aber rief, sobald sie wieder zu sich gekommen war: »Liebstes Mütterchen, mehr Engel als Zigeunerin, wo ist die Besitzerin, ich meine das Kind, dem dieser Putz gehörte?«

»Wo, gnädige Frau?« erwiderte die Zigeunerin. »In Eurem Hause habt Ihr sie; dem Zigeunermädchen, das Euch die Tränen in die Augen trieb, gehört der Putz, und sie ist ohne Zweifel Eure Tochter, die ich in Madrid an dem Tage und zu der Stunde, die der Zettel angibt, aus Eurem Hause gestohlen habe.«

Als die erregte Dame das hörte, schleuderte sie in der Eile die Pantoffeln von sich und eilte in vollem Lauf in den Saal, wo sie Preziosa zurückgelassen hatte und sie nun, umgeben von ihren Mädchen und Dienerinnen, immer noch weinend fand. Sie stürzte auf sie zu, entblößte ihr in voller Hast, ohne ein Wort zu sagen, den Busen und sah nach, ob sie unter der linken Brust ein kleines Mal in Form eines weißen Fleckes habe, mit dem sie auf die Welt gekommen war. Wirklich fand sie es noch, wenn auch durch die Zeit bedeutend größer geworden. Dann zog sie ihr ebenso schnell den Schuh aus, enthüllte einen Fuß, der wie aus Schnee und Elfenbein gedrechselt war, und entdeckte auch dort, was sie suchte, nämlich daß die zwei letzten Zehen des rechten Fußes in der Mitte durch ein wenig Fleisch verbunden waren, das man ihr als Kind nicht hatte durchschneiden wollen, um ihr keinen Schmerz zu machen.

Brust, Zehen, Schmuck, Tag des Diebstahls, das Geständnis der Zigeunerin und endlich der freudige Schreck, den die Eltern bei ihrem Anblick empfunden hatten -- all das ließ in der Seele der Stadtrichterin keinen Zweifel mehr übrig, daß Preziosa ihre Tochter war. Sie schloß sie daher in die Arme und kehrte mit ihr zum Stadtrichter und der Zigeunerin zurück. Preziosa war ganz verwirrt, da sie nicht wußte, weshalb man diese Untersuchung mit ihr vorgenommen hatte, zumal die Stadtrichterin sie jetzt gar in ihre Arme schloß und sie mit Küssen bedeckte. Endlich kam Doña Guiomar mit ihrer kostbaren Bürde bei ihrem Gatten an, legte sie ihm in die Arme und sprach:

»Empfanget hier, mein Gemahl, Eure Tochter Constanza; sie ist es, Ihr dürft nicht den geringsten Zweifel hegen, denn ich habe das Zeichen an den Zehen und an der Brust gesehn, und mehr noch als diese hat mein Herz es mir gesagt, vom ersten Augenblick an, da meine Augen sie sahen.«

»Ich zweifle nicht daran,« entgegnete der Stadtrichter, als er Preziosa in den Armen hielt, »denn dieselben Gefühle sind auch durch mein Herz gegangen; und überdies könnten so viele Einzelheiten bei einer, die nicht unser Kind wäre, nur durch ein Wunder zusammentreffen.«

Sämtliche Diener im Hause waren der Verwunderung voll, und die einen fragten die andern, was dies denn heißen sollte. Keiner aber traf das Rechte, und wer hätte sich auch denken können, daß das Zigeunermädchen die Tochter der Herrschaft sei? Der Stadtrichter ermahnte Frau und Kind und die alte Zigeunerin, die Sache so lange geheimzuhalten, bis er selbst sie kundtun würde. Zugleich versicherte er der Alten, daß er ihr alles, was sie ihm durch den Raub seines Kindes angetan, verzeihe; ja die Entschädigung, die sie ihm durch dies Wiedersehn gewähre, verdiene noch obendrein Lohn. Es kränke ihn nur, daß sie, die doch von Preziosens Stande gewußt, sie mit einem Zigeuner, ja einem Räuber und Mörder verlobt habe.

»Ach, mein Vater,« rief Preziosa, »er ist weder ein Zigeuner noch ein Räuber, wenn er auch einen Menschen erschlagen hat; denn er erschlug nur den, der ihm seine Ehre rauben wollte; und um zu zeigen, wer er sei, konnte er nichts Geringeres tun, als ihn töten.«

»Wie, er ist kein Zigeuner, mein Kind?« fragte Doña Guiomar.

Da erzählte die alte Zigeunerin kurz die Geschichte des Herren-Andres: daß er der Sohn des Don Francisco de Carcamo, Ritters von Sant Jago, sei, Don Juan de Carcamo heiße und denselben Orden trage, wie sie denn seine Ordenstracht, die er gegen die Zigeunerkleider umgetauscht, noch bei sich habe. Ebenso berichtete sie von der zwischen Preziosa und Don Juan getroffenen Abrede, nach der er vor der Verlobung eine Probezeit von zwei Jahren bestehen sollte, und pries die Sittsamkeit beider und Don Juans liebenswürdigen Charakter. Die beiden wunderten sich hierüber fast ebensosehr wie über das Wiedersehn mit ihrer Tochter, und der Stadtrichter ließ deshalb die Alte Don Juans Kleider holen. Sie ging und kehrte bald mit einem andern Zigeuner zurück, der sie trug.

Während ihrer Abwesenheit hatten die Eltern hunderttausend Fragen an Preziosa gerichtet, die sie mit so viel Verstand und Anmut beantwortete, daß sie das ganze Herz der Fragenden gewonnen hätte, wenn sie auch nicht gewußt hätten, daß sie ihre Tochter war. Sie fragten, ob sie Don Juan liebte, und sie erwiderte: nicht mehr, als sie aus Erkenntlichkeit einen Menschen lieben müßte, der um ihretwillen bis zum Zigeuner herabgestiegen sei; sie werde jedoch ihre Dankbarkeit nie weiter ausdehnen, als ihre verehrten Eltern ihr gestatten würden.

»Still, meine Preziosa,« erwiderte der Vater, »denn dieser an das Kostbarste erinnernde Name soll dir zur Erinnerung an dein Verschwinden und deine Wiederauffindung bleiben; ich als dein Vater nehme es auf mich, einen Gemahl für dich auszuwählen, der deines Standes nicht unwürdig ist.«

Preziosa seufzte, und ihre Mutter merkte, zartfühlend wie sie war, daß dieser Seufzer auf Liebe zu Don Juan deutete, daher sagte sie zu ihrem Gatten: »Mein Gemahl, da Don Juan de Carcamo von so gutem Hause und unsrer Tochter so ergeben ist, so würde es uns nicht zur Unehre gereichen, wenn wir sie ihm zur Frau gäben.«

Er erwiderte: »Erst heute haben wir sie gefunden, und Ihr wollt schon, daß wir sie verlieren? Erfreuen wir uns ihrer eine Zeitlang, denn wenn Ihr sie verheiratet, gehört sie nicht mehr Euch, sondern Ihrem Manne an.«

»Ihr habt recht, mein Gemahl,« versetzte sie; »aber gebt mindestens Befehl, daß Don Juan, der sich sicher in einem unterirdischen Kerker befindet, an einen andern Ort gebracht werde.«

»Gewiß befindet er sich in einem solchen,« rief Preziosa, »denn einem Räuber und Mörder, der obendrein ein Zigeuner ist, hat man schwerlich einen bessern Aufenthaltsort eingeräumt.«

»Ich will selbst zu ihm gehn,« erwiderte der Stadtrichter, »als wollte ich ihn ins Verhör nehmen. Noch einmal trage ich Euch auf, meine Gemahlin, daß niemand etwas von dieser Geschichte erfahre, bis ich es für gut halte.«