Geschichte des Zigeunermädchens: Eine Novelle
Part 5
»Wie du dir das erklären sollst, Preziosa?« versetzte Andres. »Nicht anders, als daß die gleiche Gewalt, die mich zu einem Zigeuner machte, ihn, wie es scheint, in einen Müller verwandelt hat, um dich aufzusuchen. Ha, Preziosa, Preziosa, jetzt wird es mir klar, daß du dich rühmen willst, mehr als einen überwunden zu haben. Ist dies der Fall, so töte erst mich und dann diesen andern, aber opfere nicht uns beide zugleich auf dem Altar deiner Falschheit; denn ich kann nicht mehr sagen: deiner Schönheit.«
»Bei Gott,« entgegnete Preziosa, »du bist sehr leicht verletzt, Andres, und mußt deine Hoffnungen und den Glauben an mich an ein gar dünnes Haar gehängt haben, wenn das harte Schwert der Eifersucht deine Seele so leicht durchbohren kann. Sprich, Andres, wenn hier eine List oder ein Betrug im Spiel wäre, hätte ich nicht eher verschweigen müssen, wer dieser Jüngling ist? Bin ich so töricht, daß ich dir Anlaß geben sollte, meine Tugend und meine Aufrichtigkeit in Zweifel zu ziehn? Um des Himmels willen, schweig, Andres, und sieh, daß du morgen früh dem Gegenstand deines Schreckens das Geheimnis entlockst, wohin er gehe oder was er eigentlich suche; denn es wäre ja möglich, daß deine Vermutung ebenso falsch wäre, wie das, was ich von ihm gesagt habe, richtig ist. Und zu deiner noch größeren Beruhigung -- da ich nun schon einmal so weit gekommen bin, für deine Ruhe sorgen zu müssen -- verabschiede den jungen Menschen, welches auch die Art und Absicht seiner Reise sei, sogleich wieder und eile, daß er dir aus den Augen kommt. Die ganze Bande gehorcht dir ja, und niemand wird ihm gegen deinen Willen Aufenthalt im Zelt gewähren. Geschieht dies aber nicht, so gebe ich dir mein Wort, daß ich meine Hütte nicht verlassen und mich weder vor ihm noch vor irgend jemand werde blicken lassen, der dir nicht genehm ist.«
Und sie fügte noch hinzu: »Sieh, Andres, es tut mir nicht weh, dich eifersüchtig zu sehn, aber es würde mir sehr weh tun, wenn ich dich nicht mehr mit deiner bisherigen Klugheit handeln sähe.«
»Solange du mich noch nicht wahnsinnig siehst, Preziosa,« erwiderte Andres, »wird dir nichts die bittere, furchtbare Angst der Eifersucht noch die Qualen meiner Brust verraten können; indessen will ich tun, was du mir gebietest, und ich will, wenn möglich, zu erfahren suchen, was dieser Herr Page und Dichter will, wohin er geht und was er sucht, denn vielleicht bekomme ich durch irgendeinen unvorsichtig von ihm hingeworfenen Faden den ganzen Knäuel in die Hände, mit dem er mich, wie ich fürchte, umgarnen wollte.«
»Die Eifersucht,« entgegnete Preziosa, »scheint mir, läßt den Verstand niemals so frei, daß er die Dinge beurteilen könnte wie sie sind. Sie sieht immer durch Brillen, die kleine Dinge groß, Zwerge zu Riesen und Vermutungen zur unzweifelhaften Gewißheit machen. Bei deinem und meinem Leben beschwöre ich dich, Andres, handle in dieser Angelegenheit sowie in allem, was unsre Übereinkunft betrifft, vorsichtig und klug. Tust du dies, so stehe ich meinerseits dafür ein, daß du mir den Preis der Sittsamkeit, Vorsicht und Offenheit wirst zuerkennen müssen.«
Damit verabschiedete sie sich von Andres, der mit Verlangen dem Anbruch des Tages entgegensah, um dem Verwundeten seine Beichte abzunehmen. Die Seele voll tausend widersprechender Vorstellungen, vermochte er nicht, den Glauben zu bannen, der Page sei durch Preziosas Schönheit herbeigelockt worden; denn wer stiehlt, hält alle andern auch für Diebe. Er sagte sich jedoch, Preziosa habe ihm ein hinlänglich starkes Sicherheitspfand gegeben, so daß er sich beruhigen und sein ganzes Glück in die Hände ihrer Tugend legen könne.
Endlich brach nach, wie ihm schien, ungewöhnlich langem Zaudern der Tag an; er begab sich zu dem Fremden und fragte ihn, wie er heiße, wohin er gehe und warum er so spät und so abseits der Landstraße reise, doch hatte er sich zuvor nach seinem Befinden erkundigt und gefragt, ob die Bisse ihn noch schmerzten. Der junge Mensch erwiderte, er befinde sich nun besser und sei ohne allen Schmerz, so daß er sich wieder auf den Weg machen könne. Über seinen Namen und das Ziel seiner Reise sagte er weiter nichts, als daß er Alonso Hurtado heiße und in einer gewissen Angelegenheit zu »Unsrer Frau von Penna di Francia«[3] wandere. Um schneller dorthin zu kommen, reise er auch bei Nacht; er habe in der eben vergangenen den Weg verloren und sei zufällig in dieses Lager geraten, wo ihn die Wachthunde auf die geschilderte Art zugerichtet hätten. Andres hielt diese Erklärung keineswegs für wahrheitsgemäß; von neuem fuhr ihm sein Argwohn über die Seele, und er sprach:
[3] Ein Flecken in der Provinz Leon, elf Stunden südöstlich von Ciudad Rodrigo.
»Freund, wäre ich Richter, und Ihr wäret wegen irgendeines Vergehens meiner Gerichtsbarkeit verfallen, so daß ich Euch diese Fragen stellen müßte, ich wäre durch Eure Antwort genötigt, Gewalt gegen Euch zu gebrauchen. Ich will jetzt nicht mehr wissen, wer Ihr seid, wie Ihr heißet und wohin Ihr geht; aber ich rate Euch: wenn es Euch auf dieser Reise von Nutzen sein sollte zu lügen, so bringt Eure Lüge wahrscheinlicher vor. Ihr sagt, Ihr reiset nach Penna di Francia und habt diesen Ort doch hier, wo wir sind, schon volle dreißig Stunden rechts hinter Euch. Ihr reiset bei Nacht, um schneller anzukommen, und streicht doch außerhalb der Straße unter Büschen und Bäumen umher, wo es kaum Fußpfade, geschweige denn Landstraßen gibt. Steht auf, Freund, lernet lügen und geht mit Gott. Aber werdet Ihr mir für den guten Rat, den ich Euch hiermit gebe, nicht eine Wahrheit sagen? Ich denke wohl, da Ihr Euch ja doch so schlecht aufs Lügen versteht! Sagt mir denn, seid Ihr vielleicht ein Mensch, so in der Mitte zwischen Page und Kavalier, den ich oft in der Residenz gesehen habe, wo er in dem Rufe eines großen Dichters stand und eine Romanze und ein Sonett an ein Zigeunermädchen richtete, das unlängst in Madrid umherzog und als eine ausgezeichnete Schönheit galt? Sagt mirs; ich verspreche Euch auf Zigeunerehre, Euer Geheimnis so gut zu bewahren, wie Ihr es nur wünschen könnt. Bedenkt, daß es zu nichts führen kann, wenn Ihr die Wahrheit leugnet, da ich Euer Gesicht, das ich vor mir sehe, sicher erkenne; denn natürlich veranlaßte mich der Ruf Eurer ausgezeichneten Geistesgaben, Euch als einen seltenen und besondern Menschen mehr als einmal ins Auge zu fassen, und so habe ich mir denn Eure Gestalt so ins Gedächtnis eingeprägt, daß ich Euch wiedererkannte, obgleich Eure jetzige Tracht von Eurer damaligen so verschieden ist. Macht Euch deshalb keine Sorge, seid guten Muts und glaubt nicht unter einen Haufen Spitzbuben, sondern an einen Zufluchtsort geraten zu sein, an dem man Euch gegen die ganze Welt zu schützen und zu verteidigen weiß. Seht, ich denke mir etwas, und verhält es sich so, wie ich es mir denke, so hat Euch Euer guter Stern mit mir zusammengeführt. Ich denke mir nämlich, daß Ihr in Preziosa, das schöne Zigeunermädchen, auf das Ihr die Verse machtet, verliebt seid und hierherkamt, um sie aufzusuchen; ich schätze Euch darum auch nicht geringer, sondern um vieles höher. Bin ich auch nur ein Zigeuner, so weiß ich doch aus Erfahrung, wie weit die mächtige Gewalt der Liebe sich erstreckt, und welchen Verwandlungen sie alle unterwirft, die unter ihr Joch geraten. Verhält es sich wirklich so mit Euch, worüber denn wohl kaum ein Zweifel walten dürfte, so ist die kleine Zigeunerin hier.«
»Ja, sie ist hier,« erwiderte der Fremde, »ich habe sie heute nacht gesehn,« -- ein Wort, das Andres wie der Tod durchs Herz ging, denn es schien ihm seinen Argwohn zu bestätigen. »Ich habe sie heute nacht gesehn,« fuhr der Jüngling fort, »aber nicht gewagt, ihr zu sagen, wer ich bin, weil es mir nicht geraten schien.«
»So seid Ihr«, rief Andres, »wirklich der Dichter, von dem ich sprach?«
»Ja, ich bin es,« entgegnete der junge Mann, »ich kann und will es nicht leugnen. Vielleicht daß ich jetzt gerade da, wohin ich zu meinem Unglück gekommen zu sein glaubte, mein Glück finde, wenn anders man Treue in den Wäldern und gastliche Aufnahme in den Bergen trifft.«
»Die trifft man allerdings,« versetzte Andres, »und überdies unter uns Zigeunern die größte Verschwiegenheit. In dieser Zuversicht könnt Ihr mir Euer Herz eröffnen, Herr, denn Ihr werdet in meinem nicht die geringste Arglist finden. Das Zigeunermädchen ist meine Verwandte und unterwirft sich, falls Ihr sie etwa zur Frau haben wollt, ganz dem, was ich ihr rate; ich und all ihre übrigen Verwandten, wir hätten Vorteil davon und würden es gern sehn. Wollt Ihr sie nur zur Freundin, so werden wir auch gegen einen Mann nicht sonderlich heikel sein, der Geld hat, denn nie verläßt die Habgier unser Lager.«
»Geld habe ich,« antwortete der Jüngling; »in den Ärmeln des Hemdes da, das ich mir um den Leib geknüpft, bringe ich vierhundert Goldtaler mit.«
Das war für Andres ein zweiter Todesstreich, denn er glaubte, man werde nicht so viel Geld bei sich tragen, wenn man nicht eine teure Ware zu kaufen denke. Mit unsicherer Stimme sagte er:
»Das ist ein hübsches Sümmchen; Ihr braucht Euch nur noch zu entdecken, und dann ans Werk! Denn das Mädchen ist nicht auf den Kopf gefallen und wird wohl einsehn, wie gut es für sie ist, wenn sie die Eure wird.«
»Ach, Freund,« erwiderte der Jüngling, »die Gewalt, die mich genötigt hat, meine Tracht so zu ändern, ist weder die Liebe, von der Ihr sprecht, noch überhaupt eine Sehnsucht nach Preziosen, denn es gibt Schönheiten in Madrid, die einem ebensogut, ja besser als die reizendsten Zigeunerinnen das Herz rauben und die Seele gefangennehmen können, wenn ich auch zugeben muß, daß die Reize Eures Bäschens alles übertreffen, was ich je gesehn habe. In diese Kleidung aber, auf die Wanderschaft und unter die Zähne der Hunde hat mich nicht die Liebe, sondern mein Unglück getrieben.«
Bei diesen Worten kehrten Andres die verlorenen Lebensgeister wieder zurück, denn die Rede des jungen Mannes schien einem andern Ziele zuzulenken, als er hatte glauben müssen. Begierig, diese Verwirrung zu lösen, gab er dem Gaste von neuem die Versicherung, daß er sich ohne Rückhalt entdecken dürfe, und dieser fuhr also fort:
»Ich lebte in Madrid im Hause eines Herrn vom hohen Adel, dem ich jedoch nicht als einem Gebieter, sondern als meinem Verwandten diente. Er hatte einen einzigen Sohn zum Erben, der mich sowohl wegen unsrer Verwandtschaft, wie auch weil wir beide in einem Alter standen und gleichen Charakters waren, vertraulich als seinen Freund behandelte. Nun geschah es, daß dieser Kavalier sich in ein vornehmes Fräulein verliebte, welches er gern zur Gemahlin erwählt hätte; als guter Sohn jedoch unterwarf er seinen Willen dem seiner Eltern, die ihn noch höher zu verheiraten trachteten, machte aber jener, von allen Augen, die seine geheime Neigung hätten verraten können, unbemerkt, noch fortwährend die Aufwartung; nur ich war Zeuge seines Tuns. Nun sahen wir an einem Abend, den das Unglück für das Ereignis, das ich sogleich erzählen werde, eigens ausgewählt haben mußte, sahen wir, als wir eben aus dem Hause jener Dame traten, zwei Männer von scheinbar guter Herkunft an der Türe lehnen. Mein Vetter wollte sehn, wer sie seien; kaum aber war er auf sie zugetreten, als sie mit großer Schnelligkeit nach den Degen und nach zwei kleinen Schilden griffen und auf uns eindrangen. Natürlich zogen auch wir, und so griffen wir uns denn mit gleichen Waffen an. Der Kampf dauerte nicht lange, denn schnell war es um das Leben unsrer beiden Gegner getan; sie waren gleich nach den beiden ersten Streichen verloren. Meinem Vetter verlieh die Eifersucht und mir das Bestreben, ihn zu verteidigen, Kraft und Schwung -- gewiß ein wunderbarer und seltener Fall! Wir kehrten mit unserm ungesuchten Sieg nach Hause zurück, rafften so viel Geld zusammen, wie wir konnten, und begaben uns in das Kloster des heiligen Januarius, wo wir den Tag erwarteten, der den Vorfall ans Licht bringen und zeigen mußte, auf wen der Verdacht der Täterschaft fallen würde. Wir erfuhren jedoch, daß nicht das geringste Zeichen gegen uns spräche; daher rieten uns die klugen Geistlichen, nach Hause zurückzukehren, um nicht durch unsre Abwesenheit Verdacht zu erregen. Schon wollten wir ihrem Rate folgen, als wir Nachricht erhielten, die Herren Hofrichter hätten die Eltern des Fräuleins und das Fräulein selbst in ihrem Hause verhaftet, und von den Bedienten, die man ins Verhör genommen, habe eine Magd ausgesagt, mein Vetter sei bei Nacht und bei Tage oftmals bei ihrer Gebieterin gewesen. Auf diese Anzeige hin sei man sogleich davongeeilt, um uns herbeizuschaffen, und da man nicht uns, wohl aber viele Spuren unsrer Flucht gefunden, habe sich bei dem ganzen Gerichtshof die Ansicht festgesetzt, daß wir jene beiden Kavaliere (denn das waren sie, und zwar aus sehr angesehenen Häusern) getötet hätten. Kurz, auf den Rat des Grafen, meines Verwandten, und der Geistlichen wandte sich mein Gefährte, nachdem wir uns vierzehn Tage lang im Kloster aufgehalten hatten, in Mönchstracht, begleitet von einem andern Mönch, nach Aragonien, um sich dann nach Italien und von dort aus nach Flandern zu begeben, wo er den Verlauf der Sache abwarten wollte. Ich für mein Teil wollte mein Schicksal von dem seinen trennen und schlug daher, damit unser Geschick nicht den gleichen Lauf nähme, zu Fuß und in der Tracht eines Laienbruders einen andern Weg ein, begleitet von einem andern Geistlichen, der mich in Talavera verließ. Von dort bin ich allein und abseits von der Straße weitergezogen, bis ich bei Nacht zu Eurem Lager gelangte, wo mir begegnete, was Ihr ja wißt. Wenn ich von dem Wege nach Penna di Francia sprach, so geschah es nur, um Euch auf Eure Frage irgendeine Antwort zu geben, denn in Wahrheit weiß ich nichts weiter von jenem Orte, als daß er oberhalb Salamankas liegt.«
»Das ist richtig,« entgegnete Andres, »und Ihr habt es schon fast zwanzig Stunden weit von hier zur rechten Hand liegen lassen, und daraus könnt Ihr sehn, wie wunderlich mir Euer Weg erscheinen mußte, wenn Ihr wirklich dorthin wolltet.«
»Eigentlich wollte ich nach Sevilla,« versetzte der Jüngling, »denn ich kenne dort einen vertrauten Freund des Grafen, meines Vetters, einen genuesischen Kavalier, der große Silbersendungen nach Genua zu schicken pflegt. Ich wollte ihn bitten, mich den Leuten, die den Transport besorgen, einzureihen, denn so gedachte ich, da in kurzer Zeit wieder zwei Galeeren eintreffen sollen, um das Silber an Bord zu nehmen, nach Cartagena und von dort nach Italien zu gelangen. Das, lieber Freund, ist meine Geschichte; urteilt selbst, ob mich nicht eher das Unglück treibt, als die Liebe. Wenn die Herren Zigeuner mich aber, falls sie selber nach Sevilla gehn, dorthin mitnehmen wollen, so will ich sie gut dafür bezahlen, denn ich sehe, daß ich in ihrer Begleitung sicherer und ohne Besorgnis reisen kann.«
»Sie werden Euch wohl mitnehmen,« antwortete Andres, »und wenn Ihr nicht mit unsrer Truppe reisen könnt (denn bis jetzt weiß ich noch nicht, ob wir nach Andalusien gehn), so könnt Ihr Euch einer andern anschließen, mit der wir in zwei oder drei Tagen zusammentreffen werden. Gebt Ihr der ein wenig von dem, was Ihr bei Euch habt, so werdet Ihr Euch den Weg zu jeder Unmöglichkeit bahnen.«
Andres verließ ihn und erstattete den andern Zigeunern Bericht von der Erzählung und von den Wünschen des jungen Mannes, sowie von seinem Anerbieten, gut zu zahlen. Alle waren der Ansicht, er sollte in der Bande bleiben, nur Preziosa wollte es nicht, und die Großmutter sagte, sie könnte weder nach Sevilla gehn noch in die Umgegend, und zwar wegen eines Scherzes, den sie sich vor einigen Jahren mit einem in jener Stadt sehr bekannten Mützenmacher, namens Triguillos, erlaubt hätte. Sie habe ihn nämlich veranlaßt, splitternackt, mit einem Zypressenkranz auf dem Kopfe, bis an den Hals in ein Faß mit Wasser zu steigen und so die Mitternacht zu erwarten, um dann herauszusteigen und einen Schatz zu heben, der, wie sie ihm vorgelogen hätte, an einem bestimmten Ort seines Hauses liege. »Wie nun«, fuhr sie fort, »der gute Kappenmacher die Frühmesse läuten hörte, hatte er, um nicht den rechten Augenblick zu versäumen, solche Eile, aus dem Faß herauszukommen, daß er damit umfiel und sich durch den harten Sturz und die losspringenden Splitter den nackten Leib übel zerfetzte. Das Wasser lief heraus, er plätscherte darin herum und schrie aus vollem Hals, er ertrinke. Sein Weib und seine Nachbarn rannten unverzüglich mit Lichtern herbei und fanden ihn, wie er allerlei Schwimmbewegungen machte, prustete, den Bauch auf dem Boden fortschleppte, mit Armen und Beinen zappelte und laut rief: >Zu Hilfe, zu Hilfe, ich ertrinke!< Denn die Angst hatte sich seiner so bemächtigt, daß er allen Ernstes zu ertrinken glaubte. Sie faßten ihn bei den Armen und entrissen ihn der Gefahr; er kam zu sich und erzählte den Zigeunerstreich. Nichtsdestoweniger aber und allen zum Trotz, die da behaupteten, das Ganze sei nur eine Prellerei, grub er an dem bezeichneten Ort bis über Mannshöhe hinunter, und hätte ihn nicht ein Nachbar gehindert, an dessen Hausfundament er schon streifte, so hätte er beide Häuser zum Einsturz gebracht. Die Geschichte machte die Runde in der ganzen Stadt, so daß selbst die Kinder mit Fingern auf ihn zeigten und von seiner Leichtgläubigkeit und meinem Schwank erzählten.«
So berichtete die alte Zigeunerin und sagte, deshalb könnte sie nicht nach Sevilla gehn. Die Zigeuner aber, die vom Herren-Andres bereits wußten, daß der junge Mensch Geld in Fülle bei sich hatte, nahmen ihn mit Vergnügen in ihre Gesellschaft auf und waren bereit, ihn zu hüten und zu verbergen, so lange er nur wollte. Da sie jedoch zugleich beschlossen, statt nach Sevilla nach links weiterzuziehn und sich in die Mancha und das Königreich Murcia zu begeben, so riefen sie den Jüngling herbei und eröffneten ihm, was sie für ihn zu tun vermöchten. Er dankte und gab ihnen hundert Goldtaler, die sie unter sich verteilen sollten. Durch diese Freigebigkeit wurden sie geschmeidiger als ein Marderpelz. Nur Preziosa war nicht sonderlich damit zufrieden, daß Don Sancho, wie er sich nannte, dablieb: ein Name, den die Zigeuner sofort in Klemens verwandelten. Auch Andres war verdrießlich und hatte keine rechte Freude an dem neuen Gefährten, denn ihm schien, er habe seinen ursprünglichen Plan ohne Grund aufgegeben. Aber als läse er in Andres' Seele, warf der Gast gelegentlich die Bemerkung hin, er freue sich, bald nach Murcia zu kommen, weil er auf diesem Wege ebenfalls in die Nähe von Cartagena gelange; liefen dann die Galeeren dort ein, woran er nicht zweifle, so könne er mit Leichtigkeit nach Italien übersetzen. Andres aber erwählte ihn, um ihn mehr vor Augen zu haben, sein Tun beobachten und seine Gedanken erforschen zu können, zu seinem Zeltkameraden, und Klemens betrachtete diese Freundschaft als eine große Auszeichnung. Sie hielten immer zusammen, ließen fleißig auftischen und sparten die Taler nicht, liefen, tanzten, sprangen, warfen den Ger besser als irgendein Zigeuner, standen bei den Zigeunerinnen keineswegs in Ungunst und wurden von den Zigeunern im höchsten Grade geachtet.
Man verließ Estremadura, durchzog die Mancha und näherte sich allmählich dem Königreich Murcia. In allen Dörfern und Flecken, durch die man kam, hielt man Wettkämpfe im Ballspiel, im Fechten, Laufen, Springen, Gerwerfen und sonstigen Übungen der Kraft und Behendigkeit ab, und aus jedem Kampf gingen Andres und Klemens, wie früher Andres allein, als Sieger hervor. Während dieser ganzen Zeit, mehr als anderthalb Monate hindurch, fand und suchte Klemens nie Gelegenheit, Preziosa zu sprechen, bis er eines Tages, als sie und Andres beisammen standen, von diesen herbeigerufen, an ihrem Gespräche teilnahm.
»Auf den ersten Blick«, sagte Preziosa, »erkannte ich dich, als du in unser Lager kamst, Klemens, und gleich fielen mir die Verse ein, die du mir in Madrid gegeben hast. Ich wollte aber nichts sagen, weil ich nicht wußte, aus welchem Grunde du zu uns gestoßen sein mochtest. Als ich jedoch von deinem Unglück hörte, ging es mir durch die Seele, und mein erschrockenes Herz beruhigte sich erst wieder bei dem Gedanken: wie es in der Welt einen Don Juan gebe, der sich in einen Andres verwandelt habe, so möge wohl auch ein Sancho einen neuen Namen annehmen können. Ich spreche so offen mit dir, weil Andres mir gesagt hat, er habe dir anvertraut, wer er sei und in welcher Absicht er Zigeuner wurde.« (Und wirklich hatte Andres ihn ins Geheimnis gezogen, um sich freier mit ihm aussprechen zu können.) »Glaube übrigens nicht, der Umstand, daß ich dich erkannte, sei ohne weiteren Nutzen für dich geblieben, denn nur aus Rücksicht auf mich und auf das, was ich von dir sagte, ging deine Aufnahme in unsre Gesellschaft so leicht vonstatten. Nun möge Gott dir alles Gute daraus erwachsen lassen, das du nur wünschen kannst. Ich aber verlange dafür, daß du Andres sein Streben nicht als zu niedrig darstellst, noch ihm vorhältst, wie schlecht es ihm anstehe, in diesem Verhältnis zu beharren. Denn wenn ich auch überzeugt bin, daß sein Wille sich ganz unter meinen beugt, so würde es mir doch schmerzlich sein, wenn er nur im geringsten eine Reue über das, was er tat, erkennen ließe.«
Klemens erwiderte: »Glaube nicht, einzige Preziosa, daß Don Juan mir leichtsinnig entdeckt habe, wer er sei; ich selbst habe es zuerst entdeckt, und seine Augen verrieten mir zuerst seine Seele. Ich war der erste, der ihm sagte, wer er sei, und ich erriet, daß sein Herz, wie du eben angedeutet hast, gefesselt war. Da erst schenkte er mir das verdiente Vertrauen und gestand sein Geheimnis. Nun aber kann er selbst am besten bezeugen, welches Lob ich seinem Entschluß und seiner Beharrlichkeit in dem übernommenen Dienste spendete; denn ich bin nicht so engen Sinnes, Preziosa, daß ich nicht begriffe, wie weit sich die Macht der Schönheit erstrecken kann. Und die deine, die die höchsten Reize übertrifft, könnte noch weit größere Verirrungen entschuldigen, wenn anders man das eine Verirrung nennen kann, was so unwiderstehlichen Gewalten entspringt. Ich danke dir, schöne Freundin, für alles, was du in meiner Sache getan hast, und hoffe es dir durch den Wunsch zu vergelten, daß diese Liebe, die mit so vielen Hindernissen kämpft, ihr Ziel glücklich erreichen und du in den Besitz deines Andres, Andres mit voller Einwilligung seiner Eltern in den Besitz seiner Preziosa gelangen möge, damit aus einer so schönen Verbindung die schönsten Sprößlinge hervorgehn, die die sorgsame Natur zu bilden vermag. Dies wünsche ich, Preziosa, und nur dies werde ich zu deinem Andres sagen, nichts aber, was ihn von seinem wohlüberlegten Entschluß abbringen könnte.«
Klemens sprach diese Worte mit solcher Wärme, daß Andres zweifelte, ob er nur als Mann von Welt so redete oder als Verliebter; denn der höllische Krankheitsstoff der Eifersucht ist so fein, daß er sich selbst an Sonnenstäubchen anhängt und durch alles, was den Gegenstand der Liebe berührt, dem Liebenden Angst und Verzweiflung einflößt. Indessen vermochte er doch keine weitere Bestätigung seines Argwohns zu finden, wobei er freilich mehr auf Preziosens Tugend als auf sein Glück baute; denn Liebende halten sich nun einmal für unglücklich, solange sie das, was sie wünschen, noch nicht erreicht haben. Kurz, Andres und Klemens blieben Kameraden und warme Freunde, da Klemens' ehrenhafte Gesinnung und Preziosens Klugheit und Zurückhaltung, die jeden Anlaß zur Eifersucht sorgfältig vermied, Andres vollkommen beruhigten.
Klemens war in der Dichtkunst keineswegs ohne Begabung, wie er schon in den Preziosa gewidmeten Versen gezeigt hatte. Auch Andres hatte ein wenig Talent, und beide liebten die Musik. Als nun einst das Lager vier Stunden von Murcia in einem Tale aufgeschlagen war, nahm eines Nachts Andres unter einem Korkbaum, Klemens ihm gegenüber unter einer Steineiche Platz, wo sie, der Einladung der nächtlichen Stille folgend, zu ihren Gitarren wechselseitig folgende Verse sangen:
Andres