Geschichte des Zigeunermädchens: Eine Novelle

Part 3

Chapter 33,425 wordsPublic domain

»Wäre ich es, so müßte ich es zufällig geworden sein,« versetzte der Page; »du mußt jedoch wissen, Preziosa, daß nur sehr wenige den Namen eines Dichters verdienen, und so bin denn auch ich keiner, sondern nur ein Liebhaber der Dichtkunst und brauche mir deshalb für meine eignen Zwecke keine fremden Verse zu erbetteln. Die ich dir neulich gab, sind von mir, und die ich dir jetzt gebe, ebenfalls; darum bin ich aber noch kein Dichter: davor soll mich Gott bewahren!«

»Ist es denn so schlimm, ein Dichter zu sein?« fragte Preziosa.

»Nicht schlimm,« erwiderte der Page; »aber nur Dichter zu sein, das halte ich nicht eben für sonderlich gut. Man muß mit der Poesie verfahren wie mit einem höchst kostbaren Kleinod, das der Besitzer nicht jeden Tag bei sich trägt und nicht allen Leuten und bei jedem Schritte vorzeigt, sondern nur bei schicklicher Gelegenheit. Die Poesie ist ein wunderschönes Mädchen, keusch, sittsam, verständig, witzig und zurückhaltend, das sich in den Schranken der höchsten Klugheit bewegt. Es liebt die Einsamkeit, die Quellen sprechen mit ihm, die Fluren trösten es, die Bäume spielen mit ihm, die Blumen machen es froh; selbst aber erfreut und belehrt es alle, die mit ihm verkehren.«

»Trotzdem«, versetzte Preziosa, »habe ich gehört, sei das Mädchen sehr arm, ja fast eine Bettlerin.«

»Im Gegenteil,« antwortete der Page, »es gibt keinen Dichter, der nicht reich wäre; denn sie sind alle mit ihrer Lage zufrieden: eine Philosophie, zu der es nur wenige Menschen bringen. Was aber veranlaßt dich, Preziosa, mir diese Frage zu stellen?«

»Der Anlaß«, erwiderte Preziosa, »war, daß mich bei meinem Glauben an die Armut aller oder doch der meisten Dichter der in Eure Verse eingewickelte Goldtaler in Erstaunen setzte. Jetzt aber, da ich weiß, daß Ihr kein Dichter, sondern nur ein Liebhaber der Poesie seid, mögt Ihr vielleicht reich sein, obwohl ich dies bezweifle; denn da Euch ein Teil Eures Wesens treibt, Verse zu machen, so würde durch ihn auch Euer Vermögen draufgehn; denn man sagt, es gäbe keinen Dichter, der ein Vermögen, das er hat, zu erhalten und eins, das er nicht hat, zu erwerben wüßte.«

»Aber ich gehöre nicht zu ihnen,« entgegnete der Page; »ich mache Verse und bin weder arm noch reich; und ohne viel darauf zu achten oder Rechnung darüber zu führen, kann ich wie die Genueser bei ihren Gastmählern dem, dem ich wohl will, einen oder zwei Taler schenken. Nimm, kostbare Perle, dieses zweite Papier mit dem zweiten Taler darin, ohne dir Gedanken darüber zu machen, ob ich ein Dichter sei oder nicht. Denke und glaube nur, daß der, der dir dies gibt, gern den Reichtum des Midas hätte, um ihn dir schenken zu können.«

Damit übergab er ihr ein Papier, in dem Preziosa den Taler wirklich fand, daher sagte sie:

»Dies Papier wird sicherlich sehr alt, denn es hat zwei Seelen; die eine ist der Taler, die andre sind die Verse, die immer voller Seelen und Herzen stecken. Der Herr Page wisse jedoch, daß ich nicht so viele Seelen bei mir haben mag, und nimmt Er nicht die eine zurück, so glaube Er auch nicht, daß ich die andre annehme; denn ich will ihm wohl, weil er ein Dichter ist, aber nicht etwa, weil er Geschenke austeilt. Unter dieser Beschränkung jedoch können wir eine dauernde Freundschaft schließen, denn an einem Taler, so stark das Wohlwollen auch sei, kann es eher einmal fehlen als an der Stimmung für eine Romanze.«

»Steht es so,« antwortete der Page, »und willst du, Preziosa, durchaus, daß ich arm sei, so verschmähe mindestens die Seele, die in diesem Papier enthalten ist, nicht; den Taler aber gib mir zurück, denn da ihn deine Hand einmal berührt hat, so werde ich ihn zeitlebens als eine Reliquie aufbewahren.«

Preziosa nahm den Taler aus dem Papier und behielt nur dies zurück, ohne es jedoch auf offener Straße zu lesen. Der Page entfernte sich höchst zufrieden, denn er hielt Preziosa schon für gewonnen, da sie so freundlich mit ihm gesprochen hatte. Ihr aber lag jetzt vor allem daran, Andres' väterliches Haus zu suchen; sie wollte sich nirgends aufhalten noch tanzen und gelangte schnell in die ihr wohlbekannte Straße, in der das Gebäude liegen sollte. Als sie ungefähr bis in die Mitte gekommen war, warf sie einen Blick auf ein paar vergoldete Balkone, die man ihr als Kennzeichen genannt hatte. Dort stand ein Kavalier von etwa fünfzig Jahren, mit einem farbigen Ordenskreuz auf der Brust und von achtunggebietender Erscheinung. Kaum hatte er das Zigeunermädchen bemerkt, so rief er ihr zu: »Kommt herauf, Kinder, ihr sollt ein Almosen haben!«

Bei diesem Ruf eilten noch drei andre Herren auf den Balkon, unter denen auch Andres war, und als er Preziosa gewahr wurde, erblich er und verlor fast die Besinnung, so überraschend wirkte ihr Anblick auf ihn. Sämtliche Zigeunerinnen stiegen hinauf, mit Ausnahme der Alten, die unten blieb, um bei der Dienerschaft Erkundigungen darüber einzuziehn, ob Andres die Wahrheit gesagt hatte. Als die Mädchen den Saal betraten, sagte der alte Herr eben zu den übrigen: »Das ist ohne Zweifel die schöne junge Zigeunerin, die gegenwärtig in Madrid umherziehen soll.«

»Sie ist es,« erwiderte Andres, »und sie ist ohne Zweifel das schönste Geschöpf, das man je sah.«

»So sagt man,« entgegnete Preziosa, die jene Worte im Hereintreten gehört hatte; »aber man täuscht sich wahrlich um wenigstens die Hälfte meines wirklichen Wertes. Hübsch glaube ich freilich zu sein, aber daß ich so schön wäre, wie die Leute behaupten, das glaube ich nicht.«

»Beim Leben meines Sohnes, meines Juanico,« erwiderte der alte Herr, »du bist noch schöner als man sagt, niedliche Zigeunerin!«

»Und wer ist Euer Juanico?« fragte Preziosa.

»Der hübsche junge Mann da neben dir,« erwiderte der Kavalier.

»Glaubte ich doch wahrhaftig,« versetzte Preziosa, »Euer Gnaden schwüren bei einem Kind von zwei Jahren! Seht einmal, welch ein Don Juanico! Welch eine Pracht! Auf mein Wort, der könnte schon eine Frau nehmen; und nach den Linien auf seiner Stirne werden auch keine drei Jahre ins Land gehn, ehe er eine hat, und zwar ganz nach seinem Geschmack, falls er ihn bis dahin nicht verliert oder gegen einen andern umtauscht.«

»Seht mir doch,« bemerkte einer der Anwesenden, »was das Mädchen von Linien versteht!«

Unterdessen hatten sich die drei Begleiterinnen Preziosens in einen Winkel des Zimmers gedrängt, steckten die Köpfe zusammen und flüsterten, um nicht gehört zu werden, ganz leise miteinander.

»Mädchen,« sagte Christina, »das ist der Herr, der uns heute früh die drei schweren Realen gegeben hat.«

»Freilich, freilich,« antworteten die andern, »aber wir wollen kein Wort darüber verlieren, wenn er selbst nichts sagt; wissen wir doch nicht, ob er sich gern zu erkennen gibt!«

Während dies unter den dreien vorging, erwiderte Preziosa dem, der die Bemerkung über die Deutung der Linien in der Hand gemacht hatte: »Was ich nicht mit den Augen sehe, das sagt mir mein kleiner Finger. So weiß ich vom Herrn Juanico, ohne seine Hand gesehen zu haben, daß er ein wenig verliebt, ungestüm, vorschnell ist und gern Dinge verspricht, die unmöglich scheinen; und wolle Gott, daß er nicht etwa gar lügnerisch ist, denn das wäre das Schlimmste von allem. Er hat jetzt eine Reise an einen weit entfernten Ort zu machen; aber anders denkt der Rappe und anders der, der ihn sattelt. Der Mensch denkt, und Gott lenkt. Vielleicht vermeint er nach Oñez zu gehn und kommt nach Gamboa.«

Da erwiderte Don Juan: »Wahrhaftig, Zigeunermädchen, du hast manches von meiner Gemütsart erraten; was aber die Neigung zum Lügen betrifft, so bist du auf ganz falschem Wege, denn ich rühme mich, in jedem Fall die Wahrheit zu sagen. In betreff der weiten Reise hast du wiederum recht; gefällt es Gott, so werde ich allerdings in vier oder fünf Tagen nach Flandern aufbrechen, und zwar trotz deiner Prophezeiung, daß ich den Weg verfehlen werde; denn ich hoffe nicht, daß mir unterwegs irgendein Unfall zustößt, der mich daran hindern könnte.«

»Still, kleiner Herr!« erwiderte Preziosa. »Empfiehl dich Gott, so wird alles gut gehn, und sei versichert, daß ich nichts von dem, was ich zu wissen behauptet habe, wirklich wußte; und das ist auch weiter kein Wunder, denn da ich aufs Geratewohl allerlei herausschwatze, so treffe ich mitunter auch die Wahrheit. Jetzt möchte ich nur, ich könnte dich mit ebensoviel Erfolg überreden, nicht abzureisen, sondern ruhigen Herzens bei deinen Eltern zu bleiben und ihnen ein glückliches Alter zu bereiten; denn bei diesem Hin- und Herreisen nach Flandern kommt nichts Gutes heraus, besonders für junge Leute von so zartem Alter. Werde erst ein wenig älter, um die Beschwerden des Kriegs ertragen zu können, um so mehr, als du Krieg genug im eignen Hause hast und genug der Liebeskämpfe in deinem Herzen stürmen. Ruhig, ruhig, kleiner Brausekopf, und bedenke, was du tust, ehe du heiratest, uns aber gib ein Almosen um Gottes und deiner selbst willen; denn ich glaube wahrhaftig, du bist aus trefflichem Stamme; und kommt die Wahrhaftigkeit noch hinzu, so will ich, wenn sie sich erprobt hat, ein Jubellied anstimmen, weil ich in all meinen Angaben das Richtige getroffen habe.«

»Ich sagte dir schon, mein Kind,« entgegnete der Don Juan, der zum >Herren-Andres< werden sollte, »daß du in allem die Wahrheit triffst; nur in deiner Besorgnis, ich sei nicht sonderlich wahrheitsliebend, irrst du völlig. Das Wort, das ich dir im Felde gebe, halte ich in der Stadt und wo sonst du willst, ohne mich erst mahnen zu lassen; denn wer dem Laster der Lüge verfällt, darf sich für keinen Ritter achten. Mein Vater wird dir um Gottes und meinetwillen ein Almosen reichen; denn wahrlich, ich habe, was ich bei mir hatte, heute früh einigen Damen gegeben, die mir keine sonderlichen Zinsen zahlen werden, wenn sie, besonders die eine unter ihnen, so leichtfertig sind wie schön.«

Als Christina das hörte, flüsterte sie den übrigen Zigeunerinnen ebenso heimlich wie das erstemal zu: »Kinder, ich will des Todes sein, wenn er da nicht die drei schweren Realen meint, die er uns heute morgen gegeben hat.«

»Das kann nicht sein,« erwiderte eine von ihnen, »denn er sagt ja, es seien Damen gewesen, was wir nicht sind, und da er so wahrhaftig zu sein behauptet, wird er auch hierin nicht lügen.«

»Eine Lüge,« antwortete Christina, »die niemandem zum Schaden, dem aber, der sie sagt, zu Nutz und Vorteil gereicht, ist nicht von so großer Bedeutung; übrigens sehe ich bei all dem noch nicht, daß wir einen Pfennig erhielten oder daß man uns tanzen ließe.«

Inzwischen kam auch die alte Zigeunerin herauf und sprach: »Kind, mach daß du fertig wirst; es wird spät, und es gibt noch viel zu tun und noch mehr zu reden.«

»Nun, was gibt es denn, Großmutter?« fragte Preziosa, »einen Jungen oder ein Mädchen?«

»Einen Jungen, und einen hübschen,« entgegnete die Alte; »komm, Preziosa, und du sollst deine Wunder hören.«

»Wolle Gott, daß er keines jähen Todes sterbe!« erwiderte Preziosa.

»Alles wird gut gehn,« versetzte die Alte, »besonders da die Geburt bis jetzt gehörig vor sich gegangen; und das Kind ist ein wahres Goldbübchen.«

»Ist eine Dame in die Wochen gekommen?« fragte der Vater des Herren-Andres.

»Ja, mein Herr,« erwiderte die Zigeunerin, »aber die Geburt fand so im stillen statt, daß niemand davon weiß als Preziosa und ich und noch jemand; und somit können wir nichts darüber verlauten lassen.«

»Wir wollen auch nichts wissen,« sagte einer der Anwesenden; »aber Gott gnade derjenigen, die ihr Geheimnis auf eure Zungen niederlegt und ihre Ehre eurem Beistand anvertraut.«

»Wir sind nicht alle so schlimm,« erwiderte Preziosa; »vielleicht gibt es eine unter uns, die sich der Verschwiegenheit und der Wahrheitsliebe ebensosehr rühmen kann wie der vornehmste Mann in diesem Saal. Kommt, Großmutter, man schlägt uns hier zu niedrig an, denn wahrhaftig, wir sind weder Diebe noch Bettler.«

»Werde nicht böse,« sagte der Vater, »denn wenigstens von dir, Preziosa, läßt sich, denke ich, Schlimmes nicht sagen; dein unschuldiges Gesicht bürgt für die Unschuld deines Treibens. Aber tu mir die Liebe, Prezioschen, und tanze ein wenig mit deinen Begleiterinnen. Ich habe da eine Golddublone mit zwei Gesichtern, von denen jedoch keins dem deinigen gleichkommt, obwohl die Köpfe Königen angehören.«

Kaum hatte die Alte das vernommen, so rief sie: »Auf, Mädchen, tummelt euch und macht den Herren ein Vergnügen!«

Preziosa ergriff die Schellentrommel, und sie tanzten ihre Wendungen und verschlungenen Schritte mit so viel Leichtigkeit und freiem Anstand, daß die Augen aller Zuschauer ihren Füßchen folgten, besonders die des Andres, die an Preziosas Füßen hingen, als fänden sie dort den Mittelpunkt ihres Himmels. Das Schicksal aber trübte ihm diesen Himmel plötzlich so, daß er sich in eine Hölle verwandelte, denn es traf sich, daß in der Lebhaftigkeit des Tanzes Preziosen das Papier entfiel, das ihr der Page gegeben hatte. Kaum aber war es gefallen, so hob jener Herr, der von den Zigeunerinnen eine so schlimme Meinung hatte, es auf, öffnete es unverweilt und rief:

»Vortrefflich! ein Sonettchen! haltet ein mit dem Tanze und hört mir zu, denn nach dem ersten Vers zu schließen, ist es gar nicht übel.«

Preziosen war dies verdrießlich, da sie den Inhalt noch nicht kannte. Sie bat, man möchte es ihr ungelesen zurückgeben; der Eifer aber, mit dem sie darum bat, schärfte in Andres nur die Begierde, es zu hören. Kurz, der Kavalier las mit lauter Stimme diese Verse:

Wenn Preziosa greift zum Spiel der Glocken Und in die Luft die süßen Klänge hallen, So läßt sie Perlen ihrer Hand entfallen, Und aus dem Munde streut sie Blütenflocken.

Die Seele staunt, es steht das Herz erschrocken Vor dieses Geistes holdem Erdenwallen, Den nach des Himmels staubentrückten Hallen Die Unschuld und die Reinheit wieder locken.

Gefesselt führt sie an dem kleinsten Haare Viel tausend Seelen, und von ihren Füßen Hervor läßt Amor Pfeil um Pfeile fliegen.

Sie hellt und blendet mit dem Sonnenpaare, Worin der Liebe ewge Throne liegen, Und läßt auf höhern Glanz noch für sich schließen.

»Bei Gott!« rief der Kavalier, der vorgelesen hatte, »der Dichter, der dies schrieb, versteht sich auszudrücken!«

»Es ist kein Dichter,« sagte Preziosa, »sondern ein sehr höflicher und freigebiger Page.«

Bedenke, was du gesagt hast und was du sagen willst, Preziosa, denn es ist nicht sowohl ein Lob des Pagen wie ein Dolchstoß durch die Brust deines Zuhörers Andres. Willst du ihn sehn, Kind? Wende nur die Augen, und du wirst ihn ohnmächtig, mit Angstschweiß bedeckt auf dem Stuhl erblicken. Denke nicht, Mädchen, Andres liebe dich nur zum Scherz, und ihn verwunde und ängstige nicht die kleinste deiner Unbesonnenheiten! Um Gottes willen, tritt zu ihm hin und sage ihm ein paar Worte ins Ohr, die ihm zu Herzen gehn und ihn wieder zu sich bringen. Willst du das nicht, so bringe nur jeden Tag ein Sonett zu deinem Lobe zum Vorschein, und bald wirst du sehn, wohin ihn das führt.

All das begab sich wirklich so, denn als Andres dem Sonette lauschte, durchzuckten ihn tausend Bilder der Eifersucht. Er sank zwar nicht in Ohnmacht, aber er wurde so blaß, daß sein Vater es bemerkte und fragte: »Was ist dir, Don Juan? Du wechselst die Farbe, als wolltest du ohnmächtig werden.«

»Keine Sorge!« rief Preziosa, »laßt mich ihm nur ein Wörtchen ins Ohr sagen, und Ihr werdet sehn, daß es zu keiner Ohnmacht kommt.«

Damit trat sie auf ihn zu und flüsterte, beinahe ohne die Lippen zu bewegen: »Ein schöner Mut für einen Zigeuner! Wie willst du die Folter aushalten, Andres, wenn du nicht einmal ein Stück Papier erträgst?«

Zugleich machte sie ihm ein halb Dutzend Kreuze aufs Herz und trat zurück. Andres begann wieder zu atmen, was darauf schließen ließ, daß Preziosas Worte wohltätig auf ihn eingewirkt hatten. Kurz, sie erhielt die doppelköpfige Dublone und sagte ihren Gefährtinnen, sie werde sie wechseln lassen und ehrlich mit ihnen teilen.

Andres' Vater bat sie, ihm den Spruch, mit dem sie Don Juan zugesprochen hatte, aufzuschreiben, da er ihn für alle Fälle zur Hand haben möchte. Sie erwiderte, sie wolle ihm die Worte gern angeben, er dürfe versichert sein, obwohl sie scheinbar nur Unsinn seien, besäßen sie doch die besondere Kraft, Ohnmachten und Schwindel zu vertreiben. Sie lauteten also:

Köpflein, du hast selbst die Schuld; Woll dich nicht so sehr erhitzen, Und erwähle, dich zu stützen, Die gesegnete Geduld. Rascher Mut Kühle dein Blut. Wolle nicht wanken Zu schlimmen Gedanken, Und bald wirst du Wunder sehn, Wie sie nicht zu oft geschehn. Somit Gott gepriesen Und Sankt Christoph, den Riesen!

»Nur die Hälfte dieses Spruches«, sagte Preziosa, »braucht man dem Ohnmächtigen zuzuflüstern, indem man sechsmal das Zeichen des Kreuzes macht, so ist er alsbald wieder frisch wie ein Apfel.«

Als die alte Zigeunerin diesen angeblichen Segen hörte, war sie ganz erstaunt, und noch mehr war es Andres, der wohl sah, daß alles nur eine Erfindung ihres schnell besonnenen Geistes war. Das Sonett behielt man zurück, weil Preziosa es nicht fordern mochte, um Andres nicht neue Qualen zu bereiten; denn ohne daß man es sie gelehrt hatte, wußte sie bereits, was es heißt, wenn man einem Liebenden, der sich ganz hingibt, die Angst und Pein und die Schrecken der Eifersucht einflößt. Als die Zigeunerinnen Abschied nahmen, sagte sie zu Don Juan: »Bedenkt, mein Herr, daß jeder Tag dieser Woche für Eure Abreise günstig und keiner unheilvoll ist; beschleunigt Euren Aufbruch, so sehr Ihr könnt, denn es wartet Euerer ein reiches, freies und gar angenehmes Leben, falls Ihr Euch ihm bequemen wollt.«

»Mir scheint im Gegenteil,« erwiderte Don Juan, »als böte das Soldatenleben mehr des Zwanges als der Freiheit; aber ich will sehn, wie ich mich dahinein schicke.«

»Ihr werdet mehr sehn, als Ihr denkt,« entgegnete Preziosa; »Gott schütze und erhalte Euch, wie Euer gutmütiges Gesicht es verdient.«

Diese letzten Worte heiterten Andres auf, die Zigeunerinnen aber waren voller Freude; sie ließen die Dublone wechseln und verteilten sie gleichmäßig unter sich, nur daß die Alte, wie von allen Sammlungen, anderthalb Teile bekam, und zwar erstens ihrer hohen Jahre wegen, und zweitens weil sie die Magnetnadel war, nach der die andern sich auf dem hohen Meer ihrer Tanzkünste, Scherze und Schelmenstücke richteten.

Endlich kam der Morgen, an dem sich der Herren-Andres in aller Frühe auf einem gemieteten Maultier, ohne irgendeinen Bedienten, an dem Orte einstellte, wo wir ihn zuerst gefunden haben. Dort traf er Preziosa und deren Großmutter, die ihn voll Freuden empfingen. Er bat, sie möchten ihn vor Anbruch des Tages nach dem Lager führen, damit man nicht auf seine Spur geriete, falls man ihn etwa suchen sollte. Sie, die vorsichtig genug gewesen waren, allein zu kommen, traten sofort den Rückweg an und gelangten in kurzer Zeit mit ihm zu ihren Hütten. Andres ging in eins der Zelte, das größte des Lagers, und alsbald eilten zehn bis zwölf Zigeuner zu seinem Empfang herbei, insgesamt junge, starke, wohlgestaltete Leute, denen die Alte den neuen Gefährten, der kommen sollte, schon gemeldet hatte. Verschwiegenheit brauchte sie ihnen dabei nicht erst besonders zu empfehlen, da sie Geheimnisse stets gewissenhaft und klug bewahren. Sie warfen zugleich ein Auge auf das Maultier, und einer sagte: »Das kann man am Donnerstag in Toledo verkaufen.«

»Nein,« erwiderte Andres, »denn es gibt keinen Maultiertreiber in Spanien, der nicht jedes gemietete Maultier auf den ersten Blick kennte.«

»Bei Gott, Herr Andres,« versetzte einer von den Zigeunern, »hätte das Tier auch mehr Zeichen an sich als dem jüngsten Tage vorausgehen werden, wir würden es hier schon so verwandeln, daß es weder die Mutter, die es geboren, noch der Herr, der es aufgezogen hat, mehr erkennen sollten!«

»Trotzdem«, entgegnete Andres, »muß diesmal meine Meinung entscheiden: das Tier muß sterben und wird so verscharrt, daß auch kein Knochen von ihm je wieder zum Vorschein kommt.«

»Das wäre eine große Sünde,« bemerkte ein anderer Zigeuner. »Einem Unschuldigen soll man das Leben nehmen? Sprecht nicht so, guter Andres, sondern merkt auf: Betrachtet das Tier genau, prägt Euch all seine Kennzeichen recht ins Gedächtnis ein und laßt es mich dann fortnehmen: erkennt Ihr es in zwei Stunden noch wieder, so mag man mich peitschen wie einen entlaufenen Neger.«

»Ich kann durchaus nicht zugeben,« sagte Andres, »daß das Tier am Leben bleibe, und wenn Ihr mir noch so viel von seiner Verwandlung erzählt. Solange die Erde es nicht bedeckt, bin ich in Gefahr, entdeckt zu werden; handelt es sich aber um den Nutzen, der aus seinem Verkauf zu gewinnen wäre, so trete ich keineswegs so arm unter meine neuen Kameraden, um nicht als Eintrittsgeld den Wert von vier Maultieren erlegen zu können.«

»Nun, wenn der Herr Andres es durchaus will,« erwiderte ein andrer Zigeuner, »so möge das Unschuldige sterben, und Gott weiß, daß es mir leid tut sowohl um seine Jugend, denn es hat noch seine Füllenzähne, was man bei einem Mietsmaultier fast niemals trifft, wie auch, weil es einen guten Schritt haben muß, denn es hat keine Striemen in den Weichen und keine Sporenmäler.«