Geschichte des Zigeunermädchens: Eine Novelle

Part 2

Chapter 23,833 wordsPublic domain

»Gebt der Kleinen die Hand und etwas, womit sie das Kreuz machen kann,« sagte die Alte, »und man wird sehn, was sie zu sagen weiß, denn sie versteht mehr als ein Doktor der Heilkunst.«

Die Frau Stadtschultheiß griff in die Tasche, fand aber keinen Quarto darin; sie bat ihre Mädchen um einen Viertelreal, doch keine vermochte einen aufzufinden, und ebensowenig die Frau Nachbarin. Als Preziosa das sah, rief sie: »Jedes Kreuz, wenn es nur ein Kreuz ist, taugt; die silbernen oder goldenen aber sind besser, und ich darf Euer Gnaden nicht vorenthalten, daß es dem Glücke schadet, wenn man auf der Hand das Zeichen des Kreuzes mit einem Kupferstück macht, wenigstens wenn ich es tue. Daher mache ich das erste Kreuz gar gern mit einem Goldtaler oder doch mit einem schweren oder leichten Real; ich bin wie die Küster, die sich freuen, wenn ein großes Opfergeld fällt.«

»Du bist nicht auf den Kopf gefallen, Kleine,« bemerkte die Frau Nachbarin, wandte sich an den Kavalier und fragte: »Herr Contreras, habt Ihr nicht einen leichten Real zur Hand? Gebt ihn mir! Sobald mein Mann, der Doktor, kommt, gebe ich ihn Euch zurück.«

»Ich habe wohl einen,« erwiderte Contreras, »aber ich habe ihn für zweiundzwanzig Maravedis versetzt, um die ich gestern zu Nacht gespeist; gebt mir so viel, und ich will ihn auf der Stelle holen.«

»Wir alle haben keinen Viertelreal,« entgegnete Doña Clara, »und Ihr wollt zweiundzwanzig Maravedis? Geht, Contreras, Ihr wart immer ein alberner Kerl.«

Endlich sagte ein Mädchen, da das ganze Haus so unfruchtbar blieb, zu Preziosa: »Kleine, schadet es denn, wenn man das Kreuz mit einem silbernen Fingerhut macht?«

»Im Gegenteil,« erwiderte Preziosa, »das größte Kreuz in der Welt wird mit silbernen Fingerhüten gemacht, wie gar mancher weiß!«

»Ich habe einen;« versetzte das Mädchen, »tut er die gleichen Dienste, so nimm ihn, jedoch unter der Bedingung, daß du auch mir Glück prophezeist.«

»Für einen Fingerhut so viel Glück!« rief die Alte. »Töchterchen, tummle dich, es wird Nacht!«

Preziosa nahm den Fingerhut sowie die Hand der Frau Stadtschultheiß und begann also:

Schönes Weibchen, schönes Weibchen, Mit der Hand aus Silberplatten, Nicht den Alpujarrenkönig Liebt wie dich dein treuer Gatte.

Bist ein Täubchen ohne Galle, Aber oft auch bist du flammend Wie die Löwenmutter Orans, Wie die Tigerin Ocañas.

Doch eh man die Hand umdrehet, Ist der Sturm vorbeigegangen, Und du bist wie Gerstenzucker, Gleichst an Sanftmut einem Lamme.

Zankest viel und issest wenig, Etwas Eifersucht auch hast du, Denn der Schultheiß liebt sein Späßchen, Ob er auch nach Würde trachtet.

Dich als Mädchen schon begehrte Einer von gar feinem Ansehn, Doch zum Henker mit den Kupplern, Die des Hauses Frieden schaden.

Wärst du etwa Nonne worden, Würdst du ganz im Kloster schalten, Denn du hast zu der Äbtissin Mehr wohl als vierhundert Gaben.

Sollt es eigentlich nicht kundtun, Doch gleichviel, es muß zutage: Zweimal wirst du Wittib werden, Zweimal wirst du wieder Gattin.

Weine nicht, o meine Herrin, Evangelium ist nicht alles, Was Zigeunerinnen sprechen, Weine nicht, sei ruhig, Herrin.

Würdest du vom Tod gefordert Vor dem Schultheiß, dem Gemahle, So genügt dies, dich vor schlimmem Witwenstande zu bewahren.

Erben wirst du, und zwar nächstens, Ein bedeutendes Vermögen; Domherr wird dein Sohn einst werden, Welcher Kirch, ist schwer zu sagen,

Doch unmöglich in Toledo. Wirst gebären, rot von Wangen, Eine Tochter: wird sie Nonne, Wird sie wohl auch einst Prälatin.

Wenn dein Gatte nicht verscheidet Noch im Lauf von dreißig Tagen, So bekommt ihn noch zum Richter Burgos oder Salamanka.

Hast ein Muttermal! wie lieblich! Jesus! wie der Mond so glanzhell! Welch ein Glanz! bei Antipoden Dringt er noch in dunkle Tale!

Ihn zu sehn gäb mancher Blinder Mehr als einen halben Taler! Und jetzt lächelst du darüber; Ah, wie steht dir das so artig!

Aber hüte dich, zu stürzen, Und nach hinten zu vor allem; Denn solch Fallen ist gefährlich Für die angesehnen Damen.

Vieles gäbs noch auszusprechen; Willst du bis zum Freitag warten, Wirst du's hören und dich freuen, Doch auch grollen über manches.

Damit schloß Preziosa ihre Prophezeiung, die in allen Anwesenden den Wunsch geweckt hatte, gleichfalls ihr Glück zu erfahren. Daher baten sie insgesamt, auch ihnen wahrzusagen, aber Preziosa verwies sie auf den kommenden Freitag, und sie versprachen, Silberrealen zur Zeichnung des Kreuzes mitzubringen. Unterdes kam der Herr Stadtschultheiß, dem man von der kleinen Zigeunerin Wunder über Wunder erzählte. Er ließ sie und ihre Gefährtinnen ein wenig tanzen, erklärte das Preziosa erteilte Lob für gerecht und verdient, fuhr mit der Hand in die Tasche und machte Miene, ihr etwas zu geben. Als er die Tasche jedoch zu wiederholten Malen durchstöbert, gerüttelt und geschüttelt hatte, zog er endlich die Hand leer heraus und rief: »Bei Gott, ich habe keinen Quarto! Doña Clara, gebt Ihr doch Prezioschen einen Real, ich werde ihn Euch wiedergeben.«

»Vortrefflich, Bester, da müßte ich erst einen haben! Wir alle zusammen haben keinen Viertelreal aufbringen können, um das Zeichen des Kreuzes damit zu machen, und Ihr verlangt einen ganzen von uns!«

»Nun, so gebt ihr einen Eurer Hemdkragen oder irgend etwas; Preziosa kommt ja noch einmal zu uns, und dann wollen wir sie besser bedenken.«

»Aber damit sie wiederkommt,« versetzte Doña Clara, »will ich ihr diesmal lieber gar nichts geben.«

»Nein,« entgegnete Preziosa, »wenn ich nichts erhalte, so komme ich auch niemals wieder. Oder doch, ich will wiederkommen, um so vornehmen Herrschaften einen Gefallen zu tun, aber ich finde mich schon im voraus darein, daß ich auch dann nichts erhalte, und erspare mir so die Mühe, auf etwas zu hoffen. Laßt Euch brav schmieren, Herr Stadtschultheiß, laßt Euch schmieren, so werdet Ihr Geld haben; führt keine neuen Sitten ein, sonst sterbt Ihr Hungers. Ich habe immer gehört, Euer Gnaden, (und so jung ich bin, so weiß ich doch, daß es kein gar gutes Wort ist) man müsse aus den Ämtern Geld ziehn, um bei den Visitationen die Strafen zahlen und neue Ämter erwerben zu können.«

»So sprechen und handeln gewissenlose Leute,« erwiderte der Stadtschultheiß; »ein Richter, der bei der Visitation gut besteht, braucht keine Strafe zu zahlen, und hat er sein Amt gut verwaltet, so spricht das genug für ihn, wenn er ein neues sucht.«

»Euer Gnaden reden wie ein Heiliger,« entgegnete Preziosa. »Fahrt so fort, und man wird Euch die Lumpen als Reliquien vom Leibe schneiden.«

»Was du nicht alles weißt, Preziosa!« sagte der Stadtschultheiß. »Sei nur ruhig, ich werde es einzurichten wissen, daß die Majestäten dich vor sich kommen lassen, denn du bist eine Ware für Könige.«

»Sie werden mich zur Hofnärrin haben wollen,« versetzte Preziosa, »und dazu bin ich verdorben. Wünschen sie mich aber, weil ich gescheit bin, so brauchen sie mich nur holen zu lassen; doch in manchen Palästen gedeihen die Narren besser als die Gescheiten. Übrigens befinde ich mich als arme Zigeunerin wohl, und das Schicksal mag alles fügen, wie der Himmel es will.«

»He, Kleine,« rief die alte Zigeunerin, »schwatze nicht weiter, du hast genug geredet und weißt mehr, als ich dich gelehrt habe. Machs nicht zu fein. Allzu scharf macht schartig! Sprich von dem, was sich für deine Jahre schickt, und fliege mir nicht zu hoch hinaus, denn Hochmut kommt vor dem Fall.«

»Die Zigeunerinnen haben den Teufel im Leib!« sagte der Stadtschultheiß.

Sie nahmen Urlaub; aber ehe sie gingen, sagte das Mädchen, das den Fingerhut hergegeben hatte: »Preziosa, sag mir wahr oder gib mir den Fingerhut zurück, denn ich habe keinen andern für meine Arbeit.«

»Werte Jungfer,« antwortete Preziosa, »bildet Euch ein, ich hätte Euch schon prophezeit, und verschafft Euch einen andern Fingerhut, oder näht an Euren Säumen bis zu unserm Wiedersehn am nächsten Freitag gar nichts; da will ich Euch dann mehr Glück und Begebenheiten prophezeien, als ein ganzer Ritterroman enthält.«

So gingen sie und schlossen sich den vielen Bäuerinnen an, die zur Zeit des Ave-Maria Madrid zu verlassen pflegen, um in ihre Dörfer zu ziehn. Einige gehörten zu ihren gewöhnlichen Begleiterinnen, an die sie sich anzuschließen pflegten, da die alte Zigeunerin in beständiger Angst lebte, man könnte ihr Preziosa entführen.

Nun geschah es, daß sie eines Morgens auf der Wanderung nach Madrid, als sie dort wieder einmal mit den übrigen Zigeunerinnen ihre Steuer erheben wollten, in einem etwa fünfhundert Schritt von der Stadt entfernten kleinen Tal einen hübschen jungen Mann in reicher Reisekleidung erblickten. Sein Degen und sein Dolch glühten ordentlich von Gold; der Hut war mit einer kostbaren Schnur und vielfarbigen Federn geschmückt. Die Zigeunerinnen blieben bei seinem Anblick stehn, um ihn in aller Gemächlichkeit zu betrachten, denn sie wunderten sich, einen so schönen Jüngling zu solcher Stunde an solchem Orte zu Fuß und allein zu treffen. Er trat auf sie zu und redete die alte Zigeunerin an: »Bei Eurem Leben, Mütterchen, tut mir den Gefallen und kommt mit Preziosa hier auf die Seite, um zwei Worte anzuhören, die Euch von Nutzen sein sollen.«

»Wenn es nicht zu weit abführt und nicht zu lange aufhält, in Gottes Namen!« versetzte die Alte und rief Preziosa. Sie entfernten sich etwa zwanzig Schritte von den andern, worauf der junge Mann ohne weitere Einleitung also begann:

»Ich bin vom Geist und von der Schönheit Preziosens so hingerissen, daß ich trotz aller Anstrengungen, die ich machte, um es nicht so weit kommen zu lassen, immer mehr überwältigt wurde und immer weniger imstande war, Widerstand zu leisten. Meine Gebieterinnen (denn diesen Namen werde ich euch fortan geben, wenn der Himmel mein Vorhaben begünstigt), ich bin ein Ritter, wie euch mein Orden beweisen kann« -- damit schlug er den Mantel zurück und zeigte auf der Brust eines der angesehensten Ordenskreuze Spaniens -- »bin der Sohn des .....« (sein Name wird aus guten Gründen hier noch nicht genannt), »unter dessen Vormundschaft und Obhut ich stehe; sein einziger Sohn, der ein ansehnliches Erbe zu erwarten hat. Mein Vater bewirbt sich hier am Hofe um ein Amt, für das er schon vorgeschlagen ist und das er so gut wie sicher erhalten wird. Trotz des Standes und Adels, von dem ich rede und den ihr wohl auch ohne meine Worte schon erkannt habt, möchte ich schon jetzt ein großer Herr sein, um die Niedrigkeit Preziosens zu meiner Höhe erheben zu können, indem ich sie zu meiner Gemahlin und meinesgleichen mache. Ich bewerbe mich nicht um sie, um sie zu täuschen, wie denn in dem Ernst der Liebe, die ich für sie fühle, irgendein Trug nicht liegen kann. Ich will nur das, was ihr gefällt; ihr Wille ist der meinige. Ihr gegenüber ist meine Seele von Wachs, für jeden Eindruck empfänglich; aber dennoch wird sie den Eindruck bewahren, als sei er nicht in Wachs, sondern in Marmor gegraben, dessen Härte der Dauer der Zeit widersteht. Glaubt ihr mir dies, so wird sich meine Hoffnung durch nichts erschüttern lassen; glaubt ihr mir aber nicht, so wird mich euer Zweifel, selbst wenn ich eure Gunst gewinnen sollte, doch in ewiger Angst erhalten. Mein Name ist ....« (hier nannte er ihn); »den meines Vaters habe ich euch schon gesagt. Sein Haus steht in der und der Straße und hat die und die Kennzeichen. Ihr werdet Nachbarn finden, bei denen ihr Erkundigungen einziehen könnt; auch könnt ihr dies ebensogut bei solchen, die nicht zu unsern Nachbarn gehören, denn meines Vaters und mein eigner Name und Stand sind nicht so unansehnlich, daß man sie in den Höfen des Schlosses und überhaupt irgendwo in der Residenz nicht kennen sollte. Hier habe ich hundert Goldtaler, um sie euch als Aufgeld und Pfand dessen zu geben, was ihr noch von mir bekommen sollt; denn die Hand darf nicht zurückhalten, wenn das Herz einmal geschenkt hat.«

Während der Kavalier also sprach, betrachtete ihn Preziosa aufmerksam, und augenscheinlich hatten ihr seine Worte und seine Gestalt nicht mißfallen. Sie wandte sich an die Alte und sprach: »Erlaubt mir, Großmutter, diesem verliebten Herrn selbst zu antworten.«

»Antworte ihm, was du willst, Kind,« erwiderte die Alte, »denn ich weiß, du bist zu allem verständig genug.« Und Preziosa sprach:

»Herr Ritter, bin ich auch nur eine arme und niedrig geborene Zigeunerin, so habe ich doch ein etwas schwärmerisches Köpfchen, das mich zu großen Dingen hinzieht. Mich rühren weder Versprechungen, noch machen mich Geschenke wankend, noch erweicht mich Unterwürfigkeit, noch bringen mich Liebesworte außer Fassung, und wenn ich auch nach der Rechnung meiner Großmutter am kommenden Michaelistage erst mein fünfzehntes Jahr vollende, so bin ich dem Geist nach doch schon gereift und weiter, als mein Alter vermuten läßt, freilich eher durch Mutterwitz als durch Erfahrung. Aber beides sagt mir, daß die Regungen der Liebe in denen, die zum erstenmal verliebt sind, blind wütenden Stürmen gleichen, die den Willen aus seinen Angeln heben, so daß er alle Hindernisse niederwirft, töricht dem Ziel seiner Wünsche nachstürzt und, während er in den Himmel zu fliegen glaubt, den ihm seine Augen vorspiegeln, in die Hölle seines Unglücks fällt. Erreicht er das, was er wünscht, so schwindet der Wunsch mit dem Besitz des ersehnten Gegenstandes, und wohl ists möglich, daß sich dann die Augen des Verstandes öffnen und er nun verabscheut, was er früher angebetet hat. Diese Besorgnis macht mich so behutsam, daß ich keinen Worten glaube und bei gar vielen Taten mißtrauisch bin. Ich habe ein einziges Juwel, das ich höher schätze als das Leben selbst: das ist meine jungfräuliche Unschuld, und die mag ich weder um Versprechungen noch um Geschenke verkaufen, denn immer wäre sie schließlich verkauft; und wäre sie mir feil, so würde ich sie sehr gering anschlagen. Auch werden sie mir weder eine List noch Vorspiegelungen entreißen, und eher soll sie mit mir ins Grab oder vielleicht in den Himmel gehn, als daß ich sie der Gefahr aussetze, von Hirngespinsten und Träumereien verletzt zu sehn. Die Jungfräulichkeit ist eine Blume, die sich womöglich nicht einmal durch Gedanken berühren lassen sollte. Wie schnell und leicht verwelkt eine vom Strauch gebrochene Rose! Der eine betastet sie, der andre riecht daran, ein dritter zerblättert sie, und endlich verdirbt sie unter rohen Händen. Wenn Ihr, mein Herr, nur auf diese Beute ausgeht, so könnt Ihr sie nicht anders bekommen als gebunden mit den Schnüren und Banden der Ehe. Soll die Jungfräulichkeit sich beugen, so kann es nur unter diesem heiligen Joch geschehn, denn dann geht sie nicht verloren, sondern wird zu einem freien Geschenk, das seinerseits wiederum einen herrlichen Gewinn verspricht. Wollt Ihr mein Gatte sein, so werde ich Eure Gattin; dem müssen jedoch erst gar manche Bedingungen und Prüfungen vorangehn. Zunächst muß ich erforschen, ob Ihr das, was Ihr sagt, wirklich seid. Bestätigt es sich, so müßt Ihr das Haus Eurer Eltern verlassen und es mit unsern Hütten vertauschen; Ihr müßt Zigeunertracht anlegen und zwei Jahre lang in unsre Schule gehn. Inzwischen kann ich mich dann genügend über Eure Gemütsart unterrichten, sowie Ihr Euch über meine. Nach Ablauf dieser Frist will ich Euch, falls Ihr mit mir zufrieden seid, als Eure Gattin angehören; bis dahin aber werde ich im Umgang nur Eure Schwester und Eure gehorsame Dienerin sein. Auch müßt Ihr bedenken, daß Ihr in der Zeit dieses Noviziats vielleicht Eure Sehkraft wiedererlangt, die gegenwärtig geschwunden oder doch getrübt sein muß, und dann vielleicht gewahr werdet, wie sehr Ihr zu fliehen habt, was Ihr gegenwärtig mit so großem Eifer verfolgt. Erlangt Ihr aber die verlorene Freiheit wieder, so erhaltet Ihr durch aufrichtige Reue auch Verzeihung für jede Schuld. Wollt Ihr unter diesen Bedingungen als Schüler in unsre Schar eintreten, so steht es in Eurer Hand; aber keinen Finger der meinigen bekommt Ihr zu fassen, wenn Ihr gegen eine einzige Bedingung fehlt.«

Der Jüngling staunte über Preziosens Worte und sah ganz verstört auf den Boden, während er allem Anschein nach über eine Antwort nachsann. Als Preziosa dies bemerkte, hob sie von neuem an:

»Es ist dies nicht von so geringer Bedeutung, daß es sich in den wenigen Minuten, die wir jetzt zur Verfügung haben, entscheiden ließe oder entschieden werden müßte. Kehrt in die Stadt zurück, mein Herr, und überlegt des weitern, was Ihr tun wollt. An dieser Stelle hier könnt Ihr mich an jedem Festtage sprechen, wenn ich nach Madrid gehe oder von dort zurückkomme.«

»Als der Himmel mir die Liebe zu dir eingab, meine Preziosa,« erwiderte der Edelmann, »beschloß ich, alles für dich zu tun, was du von mir fordern würdest, wobei mir freilich nicht in den Sinn kam, was du nun von mir verlangst. Da es jedoch dein Wille ist, daß ich mich dir füge und anschließe, so sieh mich von diesem Augenblick als einen Zigeuner an, denn du wirst in mir stets den gleichen finden, der sich dir jetzt zeigt. Sag mir nur, wann ich meine Kleidung vertauschen soll; ich wollte, es geschähe sogleich. Denn da ich eben Veranlassung hätte, nach Flandern zu gehn, so könnte ich meine Eltern jetzt am ehesten täuschen und mir auf einige Zeit Geld verschaffen; ich werde nur etwa acht Tage für die Vorbereitungen brauchen. Meine Reisegefährten will ich schon so hinters Licht führen, daß mir mein Vorhaben gelingt. Aber um eins bitte ich dich, wenn ich mich erkühnen darf, dich um etwas zu bitten und anzuflehen, daß du nämlich außer heute, da du über meinen und meiner Eltern Stand Erkundigungen einziehen wirst, nicht mehr nach Madrid gehst; denn ich möchte nicht, daß mich eine der unzähligen Gefahren, die dich dort umlauern, des teuer erkauften Glückes beraubte.«

»Daraus wird nichts, mein schöner Herr,« entgegnete Preziosa; »wisset ein für allemal, daß ich mir meine Freiheit unverkümmert vorbehalte und sie mir von keiner lästigen Eifersucht beeinträchtigen oder stören lasse. Freilich werde ich keinen übermäßigen Gebrauch davon machen, und Ihr werdet sehn, wie eng ich meine Sittsamkeit mit meiner Ungebundenheit zu verbinden weiß. Die erste Pflicht jedoch, die ich Euch auferlege, besteht darin, daß Ihr Vertrauen in mich setzt; denn laßt Euch gesagt sein: Liebhaber, die der Eifersucht nachgeben, sind entweder töricht oder vermessen.«

»Du hast den Satan im Kopf, Mädchen!« rief hier die alte Zigeunerin; »du redest von Dingen, die kein Professor von Salamanka im Munde führt; du weißt von Liebe, von Eifersucht, von Vertrauen: wie kommt das? Steh ich doch vor dir wie eine Gans und höre dir zu wie einer, die in der Verzückung Lateinisch redet, ohne es gelernt zu haben.«

»Schweigt, Großmutter,« antwortete Preziosa, »und wisset, daß alles, was Ihr von mir hörtet, nur ein Kinderspiel ist im Vergleich zu den viel wichtigeren Dingen, von denen mir das Herz voll ist.«

Preziosens Worte und der Geist, den sie verriet, gossen Öl in die Flamme, die in der Brust des verliebten Kavaliers entbrannt war. Endlich kam man überein, daß man sich nach acht Tagen an diesem Ort wiedersehn wollte; da sollte er dann vom Stande seiner Angelegenheiten Nachricht geben, und sie hätte inzwischen Zeit gefunden, sich von der Wahrheit seiner Angaben zu überzeugen. Der Jüngling zog eine Börse aus Goldstoff hervor, die, wie er sagte, hundert Goldtaler enthielt, und überreichte sie der Alten. Als Preziosa durchaus nicht zugeben wollte, daß die Zigeunerin sie annahm, bemerkte diese:

»Schweig, Kleine! Das sicherste Zeichen, daß der Herr sich gefangen gibt, liegt eben in der Auslieferung seiner Waffen an den Sieger. Zu schenken, sei es aus welcher Ursache es wolle, hat immer als Beweis eines großmütigen Herzens gegolten. Denk an das alte Sprichwort: >Von Gott soll mans bitten und in Scheffeln verschütten.< Überdies möchte ich nicht, daß die Zigeuner durch mich den seit Jahrhunderten behaupteten Ruf verlören, sie seien betriebsam und fürs Nehmen. Hundert Taler, meinst du, soll ich fahren lassen, die man in den Saum eines Rockes, der keine zwei Realen wert ist, einnähen und bei sich tragen kann wie eine Rente aus den Wiesen in Estremadura? Und wenn nun einer von unsern Söhnen, Enkeln oder Verwandten das Unglück hätte, der Justiz in die Hände zu fallen, könnte er eine bessere Fürsprache vor dem Ohr des Richters und Gerichtsschreibers finden, als wenn diese Taler in ihren Beutel wandern? War ich doch schon dreimal wegen drei verschiedener Delikte eben daran, auf den Schandesel gesetzt und gestäupt zu werden; aber das eine Mal ermöglichte mir eine silberne Kanne den Rückzug, das andre Mal eine Perlenschnur und das drittemal vierzig schwere Realen, die ich für leichte eingewechselt hatte, wobei ich nur zwanzig in den Kauf zu geben brauchte. Bedenke, Kind, daß wir ein gar gefährlich Handwerk treiben voller Schwierigkeiten und Fallstricke, und daß es keine Hilfe gibt, die uns schneller zur Hand wäre und kräftiger unter den Arm griffe, als die unbesiegten Waffen des großen Philipp; denn über dies Nonplusultra geht nichts. Für eine Dublone mit ihren zwei Gesichtern klärt sich das griesgrämige des Prokurators und sämtlicher Diener des hochpeinlichen Gerichts auf, die wahre Stoßvögel für uns arme Zigeunerinnen sind und sich mehr darauf einbilden, uns zu rupfen und zu schinden, als einen Straßenräuber. Nie, so zerlumpt und erbärmlich sie uns auch sehn, halten sie uns für arme Leute, sondern sie sagen, wir seien wie die Wämser der Strauchdiebe aus Belmonte, zerrissen und schmutzig, aber voller Dublonen.«

»Um des Himmels willen, Großmutter, hört auf, Ihr führt am Ende, um das Geld behalten zu dürfen, so viele Gesetze an, daß Ihr den römischen Kaiser überbietet. Behaltet es, wohl bekomms Euch, und wolle Gott, daß Ihr es in ein Grab senkt, wo es das Tageslicht nie wieder zu sehn bekommt noch zu sehn braucht. Unsern Begleiterinnen werden wir übrigens etwas davon abgeben müssen, denn sie warten schon lange auf uns, und sie werden verdrießlich geworden sein.«

»Von diesem Geld sollen sie so wenig zu Gesicht bekommen«, erwiderte die Alte, »wie vom Großtürken. Der gute Herr da sieht wohl nach, ob er noch einiges Silbergeld oder ein paar Viertelstücke hat; die will ich unter sie verteilen, denn sie sind mit dem Geringsten zufrieden.«

»Die habe ich,« entgegnete der Liebhaber und zog drei schwere Realen aus der Tasche, die jene sofort unter die drei Zigeunermädchen verteilte und sie froher und zufriedener machte als einen Theaterdichter, den man nach einem Wettstreit an den Straßenecken als Sieger ausruft. -- Es wurde also, wie schon gesagt, beschlossen, in acht Tagen wieder zusammenzukommen, den jungen Mann aber, falls er Zigeuner würde, den >Herren-Andres< zu nennen, weil es schon mehrere Zigeuner dieses Namens unter ihnen gab. Andres, denn so wollen auch wir ihn fortan nennen, wagte es nicht, Preziosa zu umarmen, übergab ihr aber mit einem Blick seine ganze Seele und machte sich, wenn man so sagen darf, ohne Seele auf den Weg nach Madrid; die andern folgten ihm in vergnügtester Stimmung. Preziosa, in der durch das gewinnende Wesen des Andres wenn auch noch keine Liebe, so doch eine gewisse Zuneigung geweckt war, wollte sich gern bald erkundigen, ob er wirklich der sei, für den er sich ausgab. Sie kam in die Stadt, und kaum war sie durch einige Straßen gegangen, als sie dem Pagen begegnete, von dem die Verse mit dem eingewickelten Goldtaler stammten. Sobald er ihrer ansichtig wurde, trat er auf sie zu und sprach: »Guten Tag, Preziosa; hast du vielleicht die Verse schon gelesen, die ich dir neulich gab?«

Preziosa erwiderte: »Ehe ich dir eine Antwort gebe, mußt du mir ohne allen Rückhalt und beim Leben dessen, was du am meisten liebst, etwas sagen.«

»Einer solchen Beschwörung«, entgegnete der Page, »kann ich nicht widerstehen, sollte mich meine Geschwätzigkeit auch das Leben kosten.«

»Nun, ich wünsche von dir zu erfahren,« antwortete Preziosa, »ob du etwa ein Dichter bist?«