Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen

Part 9

Chapter 93,522 wordsPublic domain

Von Peking ging die Landreise zuerst gerade nach Süden über Hokian-fu (Cacanfu), bei Tsinanfu (Chinangli) erreichte man damals, wie auch heute wieder, den großen Strom, den Hwangho, welcher später und bis vor 30 Jahren südlich um das Bergland von Schantung sich ins gelbe Meer ergoß. Größtentheils auf dem Kaisercanal führt der Weg gegen Südsüdosten durch Kiangsu bis zum Yang-tse-kjang und zur altberühmten Stadt Jangtschen (Yanju, auf der catalanischen Karte von 1375 als Jangio) wo M. Polo auf Befehl des Kaan drei volle Jahre, zwischen 1282 und 1287 die Verwaltung geleitet hatte. In der Nähe dieser Stadt floß bei Tschin-tschou oder I-tschin-tschou (Sinju) der blaue Strom vorüber, auf dem Polo einmal 15,000 Schiffe vor der Stadt liegen sah. Nach den Angaben der dortigen Kaufherren liefen jährlich gegen 200,000 Schiffe den Fluß hinauf. Ueber die großen Plätze Tschang-tschen (Chinginju) und Su-tschen (Suju) zogen sie dann in Hang-tschen ein. Polo nennt diese größte aller Städte Kinsay oder Quinsai, nach dem chinesischen Namen King-sze, d. h. Hauptstadt; denn sie war seit 1127 die Residenz der Song-Dynastie gewesen. Keine Stadt der Welt hat unsern Reisenden mehr in Erstaunen gesetzt als diese, keine hat er so eingehend beschrieben; aber leider hat Polo, indem er das chinesische Wegmaß „Li“ einer Meile gleichsetzt, die Verhältnisse gewaltig übertrieben. Diese schönste Stadt der Welt mit ihren meilenlangen, gepflasterten Straßen sollte 100 Meilen[36] im Umfange haben. Die ganze Stadt lag, von Wasser umgeben, von Canälen durchzogen, in der Niederung, nahe dem Meere; 12,000 Steinbrücken führten über die Canäle. Es gab 1,600,000 Häuser und darunter viele stattliche Paläste. An jedem Hause war auf einer Tafel die Anzahl der Bewohner zu lesen. Die zwölf gewerbtreibenden Zünfte verfügten über 12,000 Häuser mit Arbeitern. In den Hauptstraßen wogte ein unaufhörlicher Verkehr, Wagen folgten auf Wagen. Die Einkünfte, welche der Kaan von hier bezog, sollten sich jährlich auf fast 200 Mill. Mark (!) belaufen. Und um die Größe der Bevölkerung zu veranschaulichen, hatte ein kaiserlicher Beamter erzählt, daß täglich fast 10,000 Pfd. Pfeffer consumirt würden. Der neben der Stadt gelegene Palast hatte 10 Meilen (Li) Umfang, umfaßte 20 in Gold gemalte, große Hallen, gegen 1000 auf das herrlichste geschmückte Zimmer und war von schönen Gärten mit Springbrunnen und Teichen umgeben. Die Stadt lag unfern des Meeres, an welchem +Ganfu+[37] einen ausgezeichneten Hafen der Stadt bildete. Das ganze Küstengebiet hat seit jener Zeit wesentliche Veränderungen erlitten. Die See ist näher an die Stadt gerückt, die Stätte des Hafens ist unter den Spiegel des Wassers gesunken, und die Metropole selbst hat gegenwärtig nur 35 Li Umfang. Auch nach Polo’s Zeit ist diese Weltstadt von abendländischen und arabischen Reisenden beschrieben, so von Odorich, welcher 1324-27 in China weilte, von Marignolli (1342-47), welcher sie Campsay nennt, von Wassaf, Ibn Batuta u. a.

Von King-sze ging dann die Reise weiter durch die jetzigen Provinzen Tsche-kjang und Fu-kian nach dem Seehafen Fu-tschen (Fuju, aus der catal. Karte Fugio). Die leicht erregbare Bevölkerung dieser Capitale Südchinas mußte stets durch starke mongolische Besatzung niedergehalten werden, da sie zu Revolten geneigt war. Der weiter südlich gelegene berühmte Hafen Zayton (Caiton, Çaiton, auf der catalon. Karte Caxum) war der Sammelplatz der Indienfahrer und einer der größten Handelshäfen der Welt. Wir haben diesen später sprichwörtlich berühmten Hafen südlich von Fu-tschen in der Stadt Tsiuan-tschen zu suchen, doch mögen die Vorhäfen dieses Platzes sich noch bis an das wundervolle, geräumige Hafenbecken von Amoy erstreckt haben. Das östlich gelegene Meer ist das Meer von „Tschin“. Nur an dieser einzigen Stelle (~lib. III, cap.~ 4) nennt Polo den jetzt üblichen Landesnamen China, aber in persischer Form. Ein anderer Name dafür war das Meer von Manzi, d. h. Südchina. Nach Angabe der Seeleute, welche in diesen Gewässern verkehrten, gab es in jenem Meere 7459 Inseln.[38] Von dort kamen weißer und schwarzer Pfeffer und alle anderen geschätzten Spezereien. Jahreszeitliche, regelmäßig wechselnde Winde beförderten den Verkehr mit den Gewürz-Inseln.

Von Zayton aus verließ Polo das Reich der Mitte. Die Namen King-sze und Zayton, Zipangu und Manzi behielten Jahrhunderte lang ihren zauberisch lockenden Klang für die handeltreibenden Völker des Abendlandes. Nachdem man für das Gefolge der Prinzessin, welche nach Persien geleitet werden sollte, im Hafen von Zayton 13 Schiffe, jedes mit vier Masten, ausgerüstet und auf zwei Jahre mit Lebensmitteln versehen hatte, stach man im Anfang des Jahres 1292 in See. Nach einer Fahrt von angeblich 1500 Meilen kam die Ostküste von Hinterindien in Sicht, dort lag das seit 1278 dem Großkaan tributäre Königreich Tschampa (Cyamba) zwischen Tongking und Cambodja. Bei den Arabern hieß es Sanf, und durch das Meer von Sanf führt nordwärts der Seeweg nach China. Um die altberühmte, den Seefahrern bekannte Landmarke der jetzt französischen Inselgruppe Pulo Condor bog der Weg westwärts nach dem an Elephanten, Gold und Farbholz reichen Locac (Siam) ab. Eigentlich bestanden zwei Königreiche dort, von denen das nördliche eigentliche Siam bei den Chinesen Sien-lo, das andere, näher der See gelegene Lo-hoh hieß. Nach der bei Polo mehrfach vorkommenden Vertauschung von h mit c oder k, wurde aus Lo-hoh Lokok und Lococ (d. h. das Königreich Lo). Bei der weiteren Küstenfahrt gewann die Gesandtschaftsflotte bei der Insel Pentam (Bintang, östl. v. Singapur) das Südende Asiens, „wo alle Wälder aus wohlriechendem Holze“ bestehen, und steuerte nun nach Sumatra. Polo nennt hier einen Staat Malaiur; nach der Deutung H. Yules haben wir darin Palembang auf Sumatra zu erkennen, welches auch im 16. Jahrhundert noch bei den Malaien unter dem Namen Malayo bekannt war. Die ganze Insel nennt unser Gewährsmann Klein-Java. An den gewürzreichen Gestaden dieser großen Insel wurde die Expedition längere Zeit aufgehalten, so daß sich Gelegenheit bot, die sechs Königreiche in dem nördlichen Theil der Insel zu besuchen. Eines darunter trägt den Namen Samara, vermuthlich Samatra (Sumatra). Um zu zeigen, wie weit die Gebiete nach Süden gelegen sind, fügt Polo hinzu, daß man hier den Polarstern oder die Sterne des Maestro (großer Bär?) kaum noch zu sehen vermöge. In einem andern Königreiche Fanfur, woher der beste Kampfer stammte, lernte er auch das wohlschmeckende Mehl der Sagopalme kennen. Durch die Malakastraße steuerte das Geschwader nordwestlich zu den von wilden schwarzen Menschen bewohnten Inseln Necuveran (Nikobaren) und Angamanain (Andamanen), deren Bewohner Hundsköpfe haben. Das stupide, prognathe Gesicht jener Negrito ist schon frühzeitig den Abendländern aufgefallen, bereits der Grieche Ktesias spricht davon.

Von da segelte man mit südwestlichem Cours nach der durch ihre Edelsteine und Perlen berühmten Insel Seilan (Ceylon), aus deren Mitte sich über dem Waldlande die Felsenspitze des Adamspik als ein vielbesuchter Walfahrtsort erhob. Von da setzte man nach der Ostküste Vorderindiens über, wahrscheinlich nach Tandschur. Der ganze Landstrich hieß damals bei den Arabern Maabar oder Mabar, d. h. Ueberfahrt, (nämlich nach Ceylon); jetzt trägt die Küste den Namen Koromandel. Hier begegnen wir in der Gegend von Madras auch der sehr alten Ueberlieferung, daß der Apostel Thomas in Indien gepredigt habe und daß durch ihn die Gemeinde der Thomaschristen begründet sei. Dann wurde die zu jener Zeit blühende, jetzt verödete und zu einem Dorf herabgesunkene Handelsstadt Kail (bei Nicolo Conti im 15. Jahrhundert Kahila) besucht. Dieser Hafenplatz lag nahe der Mündung des Tamraparniflusses im District Tinnevelly. Die Südspitze Indiens bildete das Land Comari.[39] Im Reiche Melibar (Malabar) auf der Westküste, die besonders durch den Reichthum von Pfeffer und Ingwer gesegnet ist, war man schon bedeutend wieder nordwärts gerückt, „denn der Polarstern erhebt sich schon zwei Ellen über dem Wasser“. In Gozurat (Guzerat) steht er bereits sechs Ellen hoch. So wurde also eine Umfahrt fast um die ganze indische Halbinsel ausgeführt, ehe man an der öden Küste von Mekran entlang nach Ormuz steuerte. Bevor Polo das Schiff verläßt, wirft er noch einen Blick über die westlichen Regionen und Gestade des indischen Oceans. Hier beruhen seine Mittheilungen nur auf Erkundigungen und enthalten daher manches Irrige oder Falschverstandene. Bemerkenswerth sind seine Angaben über die Christen aus Socotra, welche bereits im 6. Jahrhundert dem Indienfahrer Kosmos bekannt waren, und sogar nach den Angaben des Carmelitermönches Vincenzo noch im 17. Jahrhundert existirt haben sollen. Auch die Insel Sansibar (Zanzhibar) tritt in den Gesichtskreis. Von allen Reisenden zuerst nannte Polo auch die große Insel Madagascar; da er sie aber irrthümlich von Elephanten und Kamelen belebt sein läßt, so liegt die Vermuthung nahe, daß er Nachrichten aus Magadascho auf der Ostküste Afrikas mit Berichten aus Madagascar zusammengeworfen habe.

Weiter südlich über jene Insel hinaus aber kann man nicht ohne Gefahr in den Ocean vordringen, weil eine gewaltige Strömung die Fahrzeuge unwiderbringlich nach Süden reißt. Und wenn uns von 12,700 Inseln erzählt wird, welche im indischen Meere liegen sollen, so werden wohl die Korallen-Ringe der Lakkediven, d. h. 100,000 Inseln und der Titel des Sultans der Malediven, der sich Herr der 12,000 Inseln nannte, dabei besondere Berücksichtigung gefunden haben.

Erst im Jahre 1294 kam die bedeutend an Mitgliederzahl zusammengeschmolzene Gesandschaft nach Persien, denn ein großer Theil des ursprünglich aus 600 Personen bestehenden Gefolges war während der Reise gestorben. Auch Argunchan, dem die Braut bestimmt war, war inzwischen (am 10. März 1291) aus dem Leben geschieden. Ihm war sein Bruder Kaichatu (Kiacatu) in der Herrschaft gefolgt; dessen Sohn, Gasan (Casan), trat an die Stelle seines verstorbenen Ohms und heiratete die Braut. Kaichatu selbst aber empfing die Poli in fürstlicher Weise und gab ihnen auf ihrer Weiterreise die umfassendsten Geleitsbriefe mit, so daß sie in unsicheren Gegenden zuweilen unter dem Schutze von 200 bewaffneten Reitern dem Abendlande zueilten. Von Persien aus schlugen sie über Bagdad den nördlichen Weg ein über das armenische Hochland nach Trapezunt und gelangten von da zu Schiff über Konstantinopel und Negroponte im Jahre 1295, nach 25jähriger Abwesenheit wieder in ihre Vaterstadt Venedig.

Fassen wir noch einmal die Resultate dieser epochemachenden Reise zusammen,[40] so war Marco Polo der erste Reisende, welcher ganz Asien der Länge nach durchzog und die einzelnen Länder beschrieb. Er sah die Wüsten Persiens und die grünen Hochflächen und wilden Schluchten Badachschans, die Jade-führenden Flüsse Ost-Turkistans und die Steppen der Mongolei, die glänzende Hofhaltung in Cambalu und das Volksgewimmel in China. Er erzählte von Japan mit seinen goldbedeckten Palästen, von Birma mit seinen goldenen Pagoden, schildert zuerst die paradiesischen Eilandfluren der Sundawelt mit ihren aromatischen Gewürzen, das ferne Java und Sumatra mit seinen vielen Königreichen, mit seinen geschätzten Erzeugnissen und seinen Menschenfressern; er sah Ceylon mit seinen heiligen Bergen, besuchte viele Häfen Indiens und lernte dieses im Abendlande noch immer von Sagen verhüllte Land in seiner Größe und seinem Reichthum kennen. Er gab zuerst im Mittelalter einen klaren Bericht von dem christlichen Reiche in Abessinien und drang mit seinem Blick einerseits bis nach Madagascar vor, andererseits zog er im Innern Asiens Erkundigungen über den höchsten Norden, über Sibirien ein, über das Land der Finsterniß, wo weder Sonne noch Mond noch Sterne scheinen und ein ewiges Zwielicht herrscht, wo man auf Hundeschlitten fährt oder auf Renthieren reitet, ein Land, hinter welchem endlich ein eisiger Ocean sich ausdehnt.

Wissenschaftliche Bildung besaß Polo nicht. Er wundert sich darüber, daß Sumatra so weit im Süden liegt, daß der Polarstern aus dem Gesicht verschwindet und die Inseln im Eismeer auf der andern Seite so weit im hohen Norden sich befinden, daß man den Polarstern hinter sich läßt. Die Himmelsgegenden, nach denen der Weg führte, oder wohin Länder ihrer Lage nach angegeben werden, sind oft falsch bestimmt, seine Wegelängen erscheinen vielfach übertrieben.

Vor allem aber ist zu beklagen, daß er nicht Chinesisch verstand, obwohl er so lange im Lande weilte und sogar officiell mit dem Volke verkehren mußte. Daher die falschen Uebersetzungen und Erklärungen chinesischer Namen, wie wenn er King-sze als Stadt des Himmels deutet; daher auch die Verstümmelung der Ortsnamen und seltsame Schreibweise derselben. Zwar berichtet er über mancherlei interessante Einrichtungen im Lande, von den wohlgepflegten, mit Bäumen bepflanzten Heerstraßen, den Posten und Läufern, den zur Bequemlichkeit der Reisenden an der Straße errichteten Gasthäusern und der polizeilichen Beaufsichtigung des Fremdenverkehrs in den großen Städten. Er erwähnt zwar die Einrichtung von Kornmagazinen, den Gebrauch der Steinkohlen, die weitverbreitete Anwendung des Papiergeldes; aber andere wesentliche Eigenthümlichkeiten und Erfindungen bleiben unbeachtet und nach dieser Richtung erscheint das Werk lückenhaft. Wir vermissen Mittheilungen über die Magnetnadel, über Pulver, über Bücherdruck, künstliches Eierausbrüten und Fischerei mit Kormoranen; auch des Thees geschieht keine Erwähnung. In der neuen Geschichte Asiens erscheint Polo ungenau. Allein man muß auch erwägen, unter welchen Verhältnissen sein Buch entstand. Kaum von seiner weiten Reise zurückgekehrt, nahm er an dem Kriege theil, in welchen Venedig mit seiner Rivalin verwickelt war, wurde noch im Jahre 1295 in der Seeschlacht bei Corzola, einer der dalmatischen Inseln, gefangen genommen und nach Genua gebracht, wo er in der Gefangenschaft einem Genossen, dem Pisaner Rusticiano oder Rustichello seinen Bericht dictirte. -- Trotzdem gehört Marco Polo zu den geographischen Classikern des Mittelalters.

Ursprünglich war der Bericht, noch nicht in Bücher und Capitel abgetheilt, in altfranzösischer Sprache niedergeschrieben, wie man dies aus der grade hier am meisten bewahrten Naivität der Erzählung mit ihrer stereotypen Redeweise und ihrer Unbehilflichkeit im Ausdruck, aber auch aus der hier annähernd correctesten Schreibweise der Eigennamen erkannt hat. Dann wurde das Werk ins Lateinische, Italienische übersetzt und überarbeitet.

Trotzdem hat sein Bericht nicht plötzlich gewirkt. Seine Zeitgenossen Dante und Sanudo erwähnen ihn noch nicht; wohl aber citirt ihn sein persönlicher Freund Pietro di Abano (geb. 1250 in Abano bei Padua, gest. 1316). Den ersten Einfluß auf die Ländergemälde verspürt man in der catalanischen Karte von 1375, wo Vorder-Indien als Halbinsel sich aus den von Ptolemäus gezogenen engen Schranken loslöst und manche Landschaften Indiens und Südchinas ganz richtig gezeichnet sind.

Die erste deutsche Uebersetzung erschien 1477 unter dem Titel: „Das ist der edel Ritter Marcho Polo von Venedig der große Landfahrer, der uns beschreibt die großen Wunder der Welt, die er selbr gesehenn hat. Von dem auffgang pis zu dem undergang der sunnen, dergleychen vor nicht meer gehort seyn. Diß hat gedruckt Friczs Creüßner zu Nurmberg nach cristi gepurdt 1477.“ Im 15. und 16. Jahrhundert wurde Polo’s Bericht von den Kartographen in ausgiebiger Weise gebraucht und auch misbraucht, indem man oft in unkritischer Methode seine Länder und Städte über die Erdräume vertheilte. Trotzdem bildete es das wichtigste Fundament für die Kenntniß des östlichen und südlichen Asien, bis seine unbestimmten Angaben durch bessere, auf mühsamen Landreisen gewonnene Resultate ersetzt werden konnten. Das schönste von allen Resultaten, meint Libri,[41] welches dem Einfluß Polo’s zu danken, sei dieses, daß Columbus durch seine Schilderungen zur Entdeckung der neuen Welt angeregt worden, und daß er, eifersüchtig auf Polo’s Ruhm, es für seine Lebensaufgabe gehalten, Zipangu zu erreichen, von dem der Italiener solche Wunderdinge berichtet habe.

Allein H. Yule (a. a. O. I, 103) bemerkt mit Recht dagegen, daß Columbus die Berichte Polo’s nur aus zweiter Hand kenne und zwar aus einem Briefe Toscanelli’s. Polo’s Namen nennt der Entdecker der neuen Welt nicht. Seine feste Ueberzeugung von der Schmalheit des westlichen Oceans leitet sich nicht aus der Berechnung der Entfernungen asiatischer Länderräume nach Polo’s Angaben her, wonach Ostasien bis weit in den großen Ocean hinein sich erstrecken müßte, sondern stammt von seinem beliebten Gewährsmann, dem Cardinal d’Ailly, welcher seinerseits sich wieder auf Roger Bacon berief.

Ob sich Karten, von Polo’s Hand entworfen, noch länger erhalten, bleibt zweifelhaft. Doch wird erzählt, daß der Prinz Pedro von Portugal 1426 von der venetianischen Signoria eine Karte erhielt, welche entweder ein Original oder eine Copie von einer durch Polo selbst gefertigten Karte gewesen sein soll.

5. Die späteren Missionsreisen und Handelszüge.

Polo hatte in Asien eine Reihe von Nachfolgern, namentlich glaubenseifrige Mönche, welche zwar nicht so umfassende Reisen wie der venetianische Kaufmann machten, aber doch manche Ergänzungen seines Berichtes brachten und namentlich dazu beitrugen, daß noch längere Zeit das Interesse für die östliche Welt lebhaft erregt blieb.

Der erste unter diesen Missionaren war der Franziskaner +Johann von Montecorvino+ in Süditalien, geb. 1247, gest. um 1328. Derselbe befand sich zu gleicher Zeit mit den Poli in Asien. Im Jahre 1289 vom Pabste entsendet, ging er in Begleitung des Kaufmanns Petrus de Lucalongo nach Persien und weiter nach Indien, hielt sich dort bei den Thomaschristen längere Zeit auf und konnte über Land und Leute manches neue erzählen. Seine Erlebnisse und Beobachtungen sind in einem Briefe niedergelegt, welchen er von Maabar in Ober-Indien 1292 oder 1293 nach dem Abendlande sendete. Indien heißt bei ihm Maebar. Die Bewohner der dekhanischen Halbinsel sind eigentlich nicht schwarz, sondern olivenfarben und von schöner Gestalt. Ihre tägliche Nahrung besteht in Reis und Milch; Brot und Wein kennen sie nicht. Unter den Produkten werden Pfeffer, Ingwer und Bersi (Brasilholz) besonders erwähnt. Montecorvino ist der erste abendländische Reisende, welcher Zimmt als ein wichtiges Erzeugniß Ceylons nennt. Auch kennt er die eigenthümliche Schrift auf Palmblätter. Die jahreszeitlichen Winde (die Monsune) regeln die Schifffahrt, auch die Regen sind an bestimmte Zeiten gebunden. Südlich vom indischen Meere gibt es kein Festland mehr, sondern nur Inseln, und zwar mehr als 12000,[42] von denen aber ein Theil unbewohnt ist.

Von Indien wandte sich Montecorvino nach China an den Hof Kublais; diesen Fürsten, den Gönner Polo’s, fand er aber nicht mehr unter den Lebenden. Kublai starb 1294.

Von Cambalu aus, wo 1305 eine Kirche gebaut und ein Kloster gegründet wurde und wo der Franziskaner das Oberhaupt der christlichen Gemeinde, im Range eines Erzbischofs[43] wurde, schrieb er noch zwei Briefe in die Heimat, im Januar 1305 und im Februar 1306. Ein dritter Brief, oder eigentlich der Schluß des zweiten Briefes, ist später von Menentillus von Spoleto mitgetheilt, woraus man früher die irrthümliche Folgerung zog, daß Menentillus selbst in China geweilt habe. Montecorvino scheint der erste und auch der letzte Erzbischof von Cambalu gewesen zu sein.[44]

Zwischen 1316 und 1318 folgte seinen Spuren ein anderer Ordensbruder +Odorich von Pordenone+ in Friaul. Er nahm seinen Weg über Konstantinopel, Trapezunt und Armenien nach Tebris, wo zwischen 1284 und 1291 bereits ein Pisaner Kaufmann, Jolus oder Ozolus ansässig gewesen war. Ueber Sultanieh und Kaschan ging er nach Jesd. Auf Kreuz- und Querzügen, abseits von dem gewöhnlichen Karawanenwege, scheint er an den persischen Golf gekommen zu sein. Er schildert die beweglichen Sandmassen der Wüsten im Innern Persiens, rühmt die ausgezeichneten Feigen und grünen Trauben von Jesd, besuchte die öden Palasttrümmer von Comerum (wahrscheinlich Persepolis) und ging über Schiras ins Tigristhal hinab nach Bagdad. Am babylonischen Thurme vorbei gelangte er ans persische Meer und nach Ormuz, stieg hier zu Schiff und fuhr auf einem gebrechlichen Fahrzeuge, dessen Planken ohne Eisennägel nur durch Kokosfäden zusammengenäht waren, ähnlich wie es Polo und Montecorvino bereits beschrieben hatten, in 28 Tagen nach Tana auf Salsette nördlich von Bombay und von da nach Malabar (Minibar), wo der beste Pfeffer gedeiht. Dort blühten damals die Plätze Flandrina (Pandarani), eine jetzt verschwundene Stadt, nördlich von Kalikut, und Cyngilin, d. i. Kranganor, südlich von Kalikut, damals der Sitz einer der ältesten Dynastien in Malabar.[45] Um die Südspitze Vorder-Indiens herum ging die Fahrt weiter nach Mobar (Koromandel), wo nach der Ansicht Odorichs der Leib des heiligen Thomas begraben liegt. Auch Ceylon wurde besucht, wo es Vögel mit 2 Köpfen (Tukan) gibt, und von hier auch Mailapur (Madras) erreicht. Eine Seereise von 50 Tagen brachte unsern Glaubensboten an den Nicobaren (Nicoveran) vorbei nach Lamori, einem Reiche von Sumatra.[46] Wegen der Hitze gehen die Einwohner nackt, es herrscht bei ihnen Weibergemeinschaft, wie auch auf der Insel Pagi oder Pagai westlich von Sumatra, und Landcommunismus, auch sind sie dem Canibalismus ergeben. Das Gebiet bringt Gold, Kampfer, Aloeholz, Reis und Weizen hervor. Weiter gegen Süden liegt das Reich Sumoltra. Hier begegnen wir zum ersten Male unverkennbar dem heutigen Namen der Insel, welcher von dem Königreiche auf das ganze Eiland übertragen ist. Nachdem Odorich noch verschiedene Häfen besucht hatte, wandte er sich nach der reichen Insel Java, welche nach seiner Vorstellung, eine arge Uebertreibung -- gut 3000 Meilen Umfang hat. An Produkten lieferte diese zweitschönste von allen Inseln Kampfer, Kubeben, Kardamom- und sogar Muskatnüsse. Mit Gold und Silber geschmückte Tempel verkündeten die Macht und den Reichthum der Fürsten. Von hier kehrte Odorich nach dem Norden zurück, berührte die Südküste Borneos, wie sich aus den von ihm erwähnten Produkten Sagomehl, Palmwein, Bambus u. s. w. ergibt, besuchte das Königreich Zampa (Tschampa), wo der König viele gezähmte Elephanten besitzt, und endete in Kanton, im Lande Manzi (Südchina), welches auch Ober-Indien genannt wurde, seine Seereise. Er bezeichnet diesen berühmten Seehafen mit dem Namen Censcalan.[47] Die Stadt liegt eine Tagereise vom Meere entfernt an einem großen Flusse und treibt den ausgedehntesten Seehandel. „Ganz Italien besitzt nicht so viele Schiffe als diese eine Stadt.“ Die betriebsame, dichte Bevölkerung Chinas und seine zahlreichen Städte machten einen gewaltigen Eindruck. Odorich greift wohl etwas zu hoch, wenn er meint, es gäbe in Manzi 2000 Städte, welche größer als Vicenza oder Traviso seien. Allein eine annähernde Zahl von Städten besteht nach der Zusammenstellung Yules (Cathay I, 104) noch jetzt. Von Kanton wandte sich Odorich nach Zayton und von da nach dem Hafen Fuzo (Futscheu). Die weitere Landreise führte sodann durch manche Städte und über ein hohes Gebirge, in welchem zwei verschiedene Menschenrassen hausen, nordwärts zu einem großen Fluß, in welchem er zuerst die Kormoranfischerei kennen lernte, und dann nach Cansay, dem Quinsay Polo’s. In Bezug auf die Größe dieser Weltstadt übertreibt er noch mehr als sein Vorgänger. Die Stadt liegt in den Lagunen wie Venedig, hat 100 Meilen im Umfange und von den 12 Hauptthoren aus erstrecken sich die Vorstädte noch meilenweit ins Land hinein.