Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen

Part 6

Chapter 63,518 wordsPublic domain

Es war um die Mitte des 13. Jahrhunderts, als verschiedene Umstände den wohl schon früher gehegten Gedanken verwirklichen halfen, von Seiten des Abendlandes direct mit dem Weltreich der Mongolen in Verbindung zu treten. Zunächst war die asiatische Steppenmacht 1241 am weitesten nach Westen, bis nach Schlesien, also ins Herz Europas vorgedrungen. Dann traten in den nächsten Jahren wiederum die schwersten Bedrängnisse für den christlichen Besitz im heiligen Lande ein, indem von Osten her aus Turan türkische Söldnerschaaren vor den Mongolen zurückweichen mußten, über Syrien hereinbrachen und Jerusalem im Jahre 1244 eroberten.

In Folge dieser Ereignisse beschloß Pabst Innocenz IV. auf dem denkwürdigen Concil zu Lyon 1245 zwei Gesandtschaften auf verschiedenen Wegen ins Morgenland zu entsenden.

Man bezeichnete damals die Mongolen allgemein mit dem Namen Tartaren (richtiger Tataren) nach einem ihrer tapfersten Stämme, den Tata; ursprünglich verstand man darunter eine kleine Horde, welche zwischen dem Kuku-nor und den Quellen des Hwangho ihren Sitz hatte, und in Europa als die Avantgarde des Mongolenschwarms sich durch Verwüstung und Brand einen gefürchteten Namen gemacht hatte. Sie galten als eine Ausgeburt der Hölle, als dem Tartarus entlaufene Teufel und wurden demnach in doppelter Beziehung Tartaren genannt. Aber indem man dann alle ins christliche Abendland eingebrochenen turanischen und mongolischen Stämme unter dem einen Namen zusammenfaßte, hat man auf lange Zeit die ethnologischen Verhältnisse Asiens verwischt und durch diese falsche Auffassung eine wahre Völkerverwirrung herbeigeführt.

Zu diesen Tataren entsendete nun der Pabst zwei Botschaften, eine aus Dominikanern, die andere aus Franziskanern bestehend.

Beide brachen in demselben Jahre auf, die Dominikaner zogen der Richtung entgegen, aus welcher die türkischen Söldner über Syrien hergefallen und Jerusalem geplündert hatten; die andern durch die Steppen Rußlands und durch jenes große Völkerthor, aus welchem seit alter Zeit die beweglichen innerasiatischen Steppenhorden über die Kulturlandschaften des Westens ausgebrochen waren.

Beide Missionen zielten nach der Hauptstadt der Großchane, nach Karakorum, in der Nähe des Baikal. Die Dominikaner-Gesandtschaft bestand aus +Ascelin, Simon von St. Quentin+, +Alexander+ und +Albert+, mit denen sich auf der Reise noch +Andreas von Lonjumel+ und +Guichard von Cremona+ verbanden. Ascelin ging mit seinen Gefährten über See nach Syrien und drang durch Mesopotamien und Persien bis an die Grenze von Chowaresmien vor. Dort traf er mit dem Mongolengeneral +Batschu+ zusammen und wandte sich dann zur Rückkehr, so daß die ganze Reise nur 59 Tage währte. Alles was wir über diesen Zug wissen, beschränkt sich auf die Mittheilungen, welche der berühmte Vincentius von Beauvais, nach den Aussagen des Simon von St. Quentin, in sein ~Speculum historiale~ aufgenommen hat. Für die Erdkunde ist wenig Gewinn daraus geflossen.

Nur das Eine wissen wir, daß Andreas von Lonjumel seine Wanderung weiter fortsetzte und um 1248 oder 1249 wirklich nach Karakorum gelangt ist.

Die Franziskaner-Gesandtschaft bestand aus +Laurentius von Portugal, Benedict von Polen+ und +Giovanni Piano di Carpine+ (in französischer Form: Plan Carpin). Von letzterem rührt der ausführliche Reisebericht. Sie erhielten den Auftrag, durch Mitteleuropa zum +Batuchan+, dem Fürsten von Kiptschak zu gehen und auf ihrem Weiterzuge möglichst viel Erkundigung über die asiatischen Völker, namentlich über die Tataren einzuziehen. Ihr Creditiv war am 5. März 1245 in Lyon ausgestellt. Am Ostersonntage verließen sie diese Stadt und reisten in einem weiten nördlichen Bogen über Troyes, Lüttich, Cöln, Dresden nach Prag, besuchten den König Wenzel von Böhmen, der sich bei dem Herrannahen der Mongolen 1241 so außerordentlich thätig und umsichtig bewiesen und alle Nachbarfürsten rechtzeitig auf die drohende Gefahr aufmerksam gemacht hatte. Er konnte gewiß schon mancherlei Auskunft ertheilen. Von Prag wandten sie sich nach Breslau, wo Benedict sich mit ihnen vereinigte und gingen über Krakau nach Kijew.

Von hier zogen sie sich den Dnjepr hinab nach Canove (Kaniew) und erreichten daselbst die Grenze des Tatarenreiches, durch welches sie zum Hauptquartier Batuchans nach der Wolga weiter zogen. Hierbei lernen wir von ihnen die modernen Namen jener großen Ströme Nepere (Dnjepr), Don, Wolga und Jaik (Ural) kennen.

Batu versah sie mit sicherem Geleite nach der Hauptstadt Karakorum. Diese Reise nahm 3½ Monate in Anspruch und dauerte bis zum 22. Juli. Dabei machten sie die Bekanntschaft der Kangiten oder Kanglen (Petschenegen) östlich vom Uralflusse, ritten durch die Kirgisensteppen, berührten Omyl, eine von den Karachitanen gegründete Stadt, welche östlich vom Balchaschsee am Steppenflusse Emyl oder Jemil lag, der sich in den Alakul ergießt. Von hier wandten sie sich zum Kysylbasch oder Ulungursee, an dem zu jener Zeit die Naimanhorde ihre Weideplätze besaß, und erreichten Ende Juli die Residenz des Chagan, welcher damals ½ Tagereise von Karakorum weilte. Sie trafen zu einer sehr bewegten Zeit dort ein, +Kuyuk+, der Sohn Okkodais, war zum Großfürsten ausgerufen und aus ganz Asien trafen die Abgeordneten der dem Weltreich einverleibten Völker und Stämme, sowie der benachbarten Fürsten ein. Es waren an 4000 Gesandte zugegen, welche dem neuen Herrn ihre Huldigungen darbrachten und Tribut zahlten. Es war also für Piano di Carpine und seine Gefährten eine sehr günstige Gelegenheit, von allen Seiten Erkundigungen einzuziehen, aber Irrthum und Wahrheit mischen sich in seiner Darstellung ineinander; verwechselte er doch selbst das schwarze und kaspische Meer. Hier lernten die Missionare auch zuerst Chinesen kennen, welche ihnen ein mongolenähnliches Gesicht zeigten, wenn dasselbe auch nicht so breit war wie bei den Mongolen. Piano gedenkt in rühmlicher Erwähnung der guten Sitten der Chinesen und der Geschicklichkeit ihrer Handwerker.

Im Frühling des nächsten Jahres kehrten sie ziemlich auf demselben Wege zurück, trafen im Mai wieder bei Batuchan ein und vollendeten über Kijew ihre Reise nach Lyon. Piano di Carpine erstattete ausführlichen Bericht über die Sitten und Lebensweise der Tataren, über ihren Cultus und Staatsorganismus. Seine Mittheilungen werden ergänzt und vervollständigt durch die Angaben, welche nach den Erzählungen seines Genossen Benedict von Polen niedergeschrieben wurden. Die ganze Reise hatte etwa zwei Jahre gedauert.

Um dieselbe Zeit machten auch mehrere Mitglieder des königlichen Hauses von Armenien bedeutende Reisen nach dem innern Hochlande von Asien. Das damals noch selbständige Königreich von Klein-Armenien war, von den Seldschucken in Kleinasien und den ägyptischen Ehubiden eingeengt, auf den östlichen Theil der Südküste Kleinasiens beschränkt. Der König +Hayton+ oder +Hethum I.+ beschloß, um sich mit der immer näher drohenden mongolischen Macht friedlich abzufinden, seinen Bruder +Sempad+ oder Sinibald abzusenden, um den Großchan Kuyuk bei seiner Thronbesteigung ebenfalls zu begrüßen. Prinz Sempad war vier Jahre unterwegs. Ein Brief von ihm, wahrscheinlich von Samarkand aus an den König von Cypern gerichtet, ist uns erhalten. Darin wird erzählt, daß die mongolische Macht sich schon über fast ganz Asien ausgedehnt habe, und daß verschiedene Chane in Indien und China (Chata), in Kaschgar und Tauchat (Tangut) herrschen. Dieses letztere Land hielt Sempad für dasjenige, aus dem die drei Könige des Morgenlandes nach Bethlehem gekommen seien, um das Christkind anzubeten.

Acht Jahre später, 1254, machte sich +König Hayton+ selbst auf den Weg, und brachte dem Nachfolger Kuyuks, +Mangkukaan+ zu seiner Thronbesteigung seine Glückwünsche dar, um sich auch ferner ein gutes Einvernehmen mit den Mongolen zu sichern. Hayton schlug den Weg durch Kleinasien und Armenien ein, besuchte erst den mongolischen Heerführer Batschu (Batschu Noian) in +Kars+, wandte sich dann zum kaspischen Meere, umging den Kaukasus durch den Paß von Derbend und traf mit Batu und seinem Sohne +Sartasch+ an der Wolga zusammen. Von hier nahm der König einen etwas nördlicheren Weg als Piano di Carpine und der Sendling Ludwig des Heiligen, Rubruck, der mit ihm in demselben Jahre die weite Steppenreise nach Karakorum vollendete. In der mongolischen Residenz, wohin er am 13. September gelangte, ward ihm eine ehrenvolle Aufnahme zu Theil; nach einem Aufenthalte von 6 Wochen nahm er am 1. Nov. Abschied und kehrte auf dem südlichen Wege durch die Dsungarei, über Otrar, Samarkand und Bochara und weiter durch Nordpersien und Armenien in seine Heimat zurück. Hayton weiß manches Interessante über die Völker Ostasiens zu berichten, natürlich stehen die Chinesen (Chataier) in erster Reihe. Von ihrem Cultus weiß er, daß sie ein Götzenbild, namens Schakemonia (Sakya-Muni), d. h. also Buddha anbeten.

Endlich haben wir hier noch eines dritten Mitgliedes der königlichen Familie zu gedenken, des Prinzen +Hayton von Gorigos+, der auch durch politische und kriegerische Verhältnisse weit nach Osten geführt wurde, später nach einem bewegten Leben sich in ein Kloster auf Cypern zurückzog und von hier aus als Mönch dem Pabste Clemens V. in Avignon einen Besuch abstattete. Der Pabst verlieh ihm die Prämonstratenser Abtei in Poitiers. Dort dictirte er dem Nicolaus Salconi eine Geographie von Asien und eine Geschichte der Mongolenfürsten in französischer Sprache, worauf Salconi dieselbe 1307 ins Lateinische übersetzte. Es ist die erste systematische Geographie von Asien, die wir aus dem Mittelalter besitzen; und da dieselbe im Abendlande niedergeschrieben war, fand sie bald weitere Verbreitung, namentlich in den Klöstern, wo man sich für die Thaten der Ordensbrüder lebhaft interessirte. Der prinzliche Mönch beginnt mit China. Dieses erste Capitel darf als das wichtigste bezeichnet werden, wenn auch die Züge der Darstellung allgemein gehalten sind. Cathai ist danach das größte Reich der Welt, voll Volks und voll Reichthums und liegt am Gestade des Oceans, welcher mit unzähligen Inseln besäet ist. Die Chinesen sind überaus geschickt und verachten alle andern Nationen, welche an Kunstfertigkeit ihnen nachstehen. Darum behaupten sie auch, sie allein hätten zwei Augen, die Lateiner, das heißt die Völker des Abendlandes, besäßen nur +ein+ Auge und alle andern Nationen seien blind. Ihre Geschicklichkeit ist ganz erstaunlich und die Erzeugnisse ihres Gewerbfleißes sind bewunderungswürdig. Die Cathaier haben kleine Augen und von Natur keinen Bart. Ihre Schrift hat Hayton nicht verstanden, denn er meint, die chinesischen Buchstaben kämen an Schönheit der lateinischen Schrift gleich. Besser ist sein Urtheil über das religiöse Leben; treffend bemerkt er, die Chinesen hätten kein Verständniß für geistliche Dinge. Auch ihre Tapferkeit kann er nicht rühmen. Merkwürdig ist das Papiergeld, das mit dem rothen kaiserlichen Stempel versehen, überall im Lande cursirt und wenn es abgenutzt ist, in der Staatsbank gegen neues Papier eingewechselt wird.

Westlich von China liegt das Reich Tarse. Da dasselbe als von Uiguren bewohnt bezeichnet wird, so läßt sich die Localität mit ziemlicher Gewißheit angeben, wenn der Name auch noch nicht befriedigend erklärt ist. Tarse liegt zwischen China und Turkestan, demnach im Gebiet des Tarim. Hayton kennt die eigenthümliche uigurische Schrift, welche bei den Chinesen bereits seit dem 6. Jahrhundert Erwähnung gefunden, bewundert die großen Tempel im Lande und rühmt die Städte und die Fülle des Getreides. Weiter westwärts folgt das Hirtenland Turkestan und die von Wüsten umgebene Oase Chorasmien (Chiwa); sodann wird das kaspische Meer für den größten Landsee der Welt erklärt und ausdrücklich hervorgehoben, daß dasselbe keine Verbindung mit dem Ocean habe. Das Hauptland im südlichen Asien ist Indien; die dazu gehörigen Inseln sind reich an Edelgestein, Gold, Perlen und Specereien, besonders reich ist die Insel Selan (Ceylon).

Die Halbinselgestalt des Landes wird richtig angedeutet, auch ist dem Armenier bekannt, daß im südlichen Indien schwarze Menschen (Dravida) leben. Combaech (Cambaya) gilt als bedeutender Handelsplatz.

Auf die westlichen Länder Asiens richten wir den Blick nicht weiter; es genügt, zu zeigen, daß sich der Osten der alten Welt wenigstens in allgemeinen Zügen wieder zu entschleiern begann.

Bedeutender als alle bisher geschilderten Missionen war die Entsendung des Franziskaners +Wilhelm Rubruck+ nach Karakorum. Zwar wurden die bereits betretenen Gebiete wiederum durchstreift und somit räumlich keine namhafte Erweiterung der Erdkunde erzielt; allein der Werth liegt hier in dem vortrefflichen Reiseberichte, der an Schärfe der Beobachtung, Sicherheit des Urtheils und Treue der Darstellung, unbeirrt durch falsche Vorstellungen oder Vorurtheile, als die vollendetste Leistung mittelalterlicher Reiseberichte zu bezeichnen ist.

Die Veranlassung zu dieser erneuten Botschaft an den Hof der Mongolenfürsten gab der Kreuzzug Ludwig des Heiligen 1248-1254. Nach dem verhängnißvollen Feldzuge gegen Aegypten hatte sich der französische König nach Palästina gewendet. Hier beschloß er zwei Gesandtschaften zum Großchan abzuordnen, die auf verschiedenen Wegen durch Armenien, Persien und Turan einerseits und durch Südrußland und die Kirgisensteppe andererseits demselben Ziele zusteuerten. Die erste Sendung führte der Ordensbruder Andreas, von dessen Reise sich leider kein Bericht erhalten hat, die zweite ging unter Rubruck und Bartholomäus von Cremona ab.

Wilhelm von Rubruck (Ruysbruck, Rubruquis), gebürtig aus dem Dorfe Rubruck im Departement du Nord in Nordfrankreich, erhielt die Leitung und empfing die königlichen Briefe zu St. Jean d’Acre. Zunächst sollte er den tatarischen Fürsten +Sartasch+, der mit seiner Horde diesseits der Wolga lagerte, aufsuchen. In Palästina ging damals die Rede, Sartasch sei Christ. Ludwig der Heilige sprach in seinem Briefe den Wunsch aus, die Lehre Christi weiter in Asien verbreitet zu sehen. Rubruck schiffte sich im Frühling 1253 in St. Jean d’Acre ein nach Konstantinopel, segelte über das schwarze Meer und landete im Hafen Soldaia (jetzt Sudak) an der Südküste der Krim, südwestlich von Kaffa. Das war der gewöhnliche Ausgangspunkt abendländischer Kaufleute, welche mit den unter mongolischer Herrschaft stehenden Ländern verkehrten. Hier bot sich darum die beste Gelegenheit, die geeigneten Vorbereitungen zu einer längeren Steppenreise zu treffen. Auf Anrathen der Kaufleute kaufte sich Rubruck hier vier von Ochsen gezogene, gedeckte Reisewagen für sein Gepäck, für Vorräthe und Geschenke. Auf diese Weise, hieß es, sei er der Mühe überhoben, die Lastthiere alle Morgen beladen und alle Abend entlasten zu müssen. Allerdings erforderte auf diese Art die Reise die doppelte Zeit, um nach Sartasch zu kommen, nämlich zwei Monate statt eines.

Am 1. Juni brach die Karawane auf, die Reisenden selbst mit ihren Dienern zu Pferde, unter den letzteren ein Turkomane als Dolmetscher.

Eine Wahrnehmung, welche Rubruck noch an der Südküste der Krim machte, hat ethnologisches Interesse. Damals lebten an jenem malerischen Strande noch Gothen, welche auch ihre Sprache noch beibehalten hatten. Rubruck selbst, von der Grenze germanischer Zunge stammend, hat sicher ganz recht gehört, wenn er die Sprache jener Gothen teutonisch nennt. Der germanische Laut scheint erst im 18. Jahrhundert dort gänzlich verstummt zu sein. Ueber das wald- und wasserreiche Gebirge und eine weite Steppe kamen die Sendboten des heiligen Ludwig in 5 Tagen zur Landenge von Perekop. In der Steppe erschienen die ersten Tataren. Ihre Lebensweise, die Einrichtung der Zelte, die Theilung der Arbeit zwischen Männern und Frauen werden genau beschrieben. Wir lernen als Lieblingsgetränk der Nomaden den Reisbranntwein und Cosmos (Kumis) kennen. Trachten, Sitten und Gebräuche werden eingehend geschildert und geben ein gelungenes ethnologisches Gemälde. Die Fahrt ging weiter ums asowsche Meer herum über ein tafelgleiches Land, ohne Wald, ohne Berg, aber dicht begrünt. Der Don gilt unserm Gewährsmann noch als die Grenze zwischen Asien und Europa. Der Strom war an der Fähre etwa so breit, wie die Seine bei Paris. Von hier bis zur Wolga rechnete man 10 starke Tagereisen. Am letzten Juli langten sie in der Residenz des Sartasch an. Weiter nach Norden war das Land waldreich und von Flüssen durchzogen. Dort wohnte in Holzhäusern das Volk der Moxel oder Maxel und noch weiter nordwärts die Merdas (Mordwinen).

Das Lager des Sartasch lag damals nach drei Tagereisen diesseit der Wolga. Hier hörte Rubruck schon die Sage vom Priesterkönig Johannes, den er in der Gestalt des Bruders des Unkchan der Naimanhorde zu erkennen glaubt. Von Sartasch zogen sie weiter zur Wolga; dieselbe erschien 4mal so breit als die Seine bei Paris. Rubruck erfuhr, daß der Strom sich nicht in den Ocean, sondern in das Meer von Sirsan (Dschorschan) d. i. das kaspische Meer ergieße. Unter letzterem Namen, fügt Rubruck hinzu, kennt es Isidor von Sevilla. Isidor galt also im 13. Jahrhundert noch als geographische Autorität.

Es ist für die Geschichte der Erdkunde von Bedeutung, daß Rubruck mit großer Sicherheit einen Irrthum Isidors berichtet, wonach das kaspische Meer ein Meerbusen des nördlichen Eismeers sein solle, ein Irrthum, dem bekanntlich im Alterthum alle Geographen zwischen Aristoteles und Ptolemäus, also auch Strabo, verfallen waren. „Bruder Andreas hat zwei Seiten dieses Meeres umzogen, im Osten und Süden, und ich habe die beiden andern Ufer umwandert,“ setzt Rubruck hinzu, um seine Ansicht zu erhärten. Auch gibt er getreu die umwohnenden Völker an, erwähnt, daß man im O., S. und W. Gebirge finde, nur im Norden nicht; und trotzdem konnte der alte Wahn von der Meerbusengestalt dieses Sees sich noch bis in den Anfang des 18. Jahrhunderts wieder beleben.

Der Hof und das Lager Batuchans machte auf die Reisenden den Eindruck einer großen Stadt, da sich die Zelte der Tataren einige Meilen weit hinzogen. Bei der Audienz, die ihnen Batu gewährte, verlangten die Hofleute, die Mönche sollten, wie es alle Gesandten zu thun pflegten, die Knie beugen. Trotzdem traten sie aufrechten Ganges ein und sangen das Miserere. Als man ihnen aber alles Ernstes bedeutete, sie hätten niederzuknien, folgten sie zwar dem Gebote, um weiter keine Schwierigkeiten zu bereiten, brauchten aber die List, statt mit einer Anrede an Batu mit einem Gebete zu beginnen, so daß sie sich einreden durften, sie hätten sich vor Gott, aber nicht vor Menschen gebeugt. Danach hieß der Mongole sie aufstehen, fragte nach dem Zwecke ihrer Reise und ließ ihnen zum Zeichen seiner besonderen Gunst Milch zu trinken reichen. Dann erhielten sie die Erlaubniß mitzuziehen, denn Batu brach sein Lager bald ab und zog nomadisirend 5 Wochen an der Wolga hin. Erst am 16. September erfolgte ihr neuer Aufbruch nach Osten. Ihre Priesterornate ließen sie zurück und kleideten sich für die winterliche Reise in die landesübliche Pelztracht. Auch die Wagen blieben zurück und die Weiterreise wurde zu Pferde gemacht. Nach zwölf Tagen kamen sie von der Wolga an den Fluß Jagat (Jaik, i. e. Ural), welcher im Norden, im Lande der Pascatir (Baschkiren) entspringt. Dieses Volk redete die nämliche Sprache wie die Ungarn. Diese und andere Mittheilungen erhielt Rubruck von Predigermönchen, die bis zu diesem Hirtenvolke vorgedrungen waren. Täglich wurde nun eine Strecke zurückgelegt, wie zwischen Paris und Orleans, zuweilen auch noch mehr; denn sie erhielten gute Pferde und wechselten dieselben wohl auch, wenn sie ein Lager trafen, zwei bis drei Mal. Dafür mußte der officielle Begleiter sorgen, den ihnen Batu mitgegeben hatte; für Rubruck suchte man stets das stärkste Reitthier aus, weil er sehr schwer und wohlbeleibt war. „Was wir da an Hunger und Durst, Kälte und Erschöpfung gelitten haben,“ ruft er aus, „läßt sich nicht beschreiben. Nur des Abends gab es eine ordentliche Mahlzeit, am Morgen dagegen nur Hirse und Milch.“ Und trotz alledem fasteten die beiden Geistlichen noch alle Freitage bis zur Nacht.

Die Natur des Landes blieb sich lange Zeit gleich, immer derselbe Steppenboden, nur hie und da an den Flußrändern von kleinen Gehölzen unterbrochen.

Am Tage vor Allerheiligen schlug man eine südliche Richtung und ritt 8 Tage durch hohe Gebirge. Der Winter hatte schon seit Michaelis seinen Einzug gehalten, und sie reisten immer nur über Eis.

Aus den allgemein gehaltenen Angaben der Reiseroute dürfen wir schließen, daß der Weg durch die Kirghisensteppe nach Südosten führte und daß man vom östlichen Ufer des Sir Darja, den man nicht zu Gesicht bekam, den Karatau überstieg und in das Thal des Talas gelangte. Hier lag in der gut bewässerten und gartenähnlich angebauten Ebene damals der mohammedanische Ort Kenschak, wo sie nach Landessitte von dem Haupte der Stadt als Abgesandte Batus empfangen wurden. Nach der Stadt Talas selbst kamen sie nicht, dieselbe lag weiter südlich und sollte, nach eingezogenen Erkundigungen, noch aus Deutschland fortgeschleppte Gefangene bergen.

Jenseits Talas begann das Reich Mangkukaans. Nachdem noch ein Gebirge überstiegen war, kamen sie wieder in eine große Thalebene; über den Tschu mußten sie in Böten übersetzen und betraten darauf die von persisch redenden Mohammedanern (also von Tädschick) bewohnte Stadt Equius, welche dem heutigen Tokmak gegenüber gelegen haben wird. Dann wurden die Ausläufer der südlichen Hochgebirge, die Mainakkette, traversirt und es folgte das dritte Thalbecken, das des Ili-Flusses. Die von vielen Bächen durchzogene Ebene war im Norden von einem großen See (dem Balchaschsee) begrenzt. Hier in dieser fruchtbaren Ebene erhoben sich einst zahlreiche Ortschaften, aber sie waren durch die Mongolen größtentheils zerstört, welche die Triften nur als Weidegrund benutzten. In Cailac (Kayalik der mongolischen Schriftsteller, wahrscheinlich nahe bei Kopal, am Fuße des Dsungarischen Alatau) war den Reisenden endlich eine Rast von 12 Tagen gegönnt. Am St. Andreastage, 30. Nov., brachen sie wieder auf, wurden am Alakul von einem jener furchtbaren Winterstürme, welche über die Steppen fegen, überfallen, zogen wahrscheinlich über das Tarbagataigebirge weiter ins Thal des obern Irtysch und von da am Dsabgan aufwärts. Der Weg wurde öder, mühsamer, die Gegend steril, das Futter für die Thiere seltener. Die einzige Bevölkerung der mongolischen Hochebene bestand hier aus den an der großen Weglinie stationirten Leuten, welche für die Weiterbeförderung der Gesandten und fürstlichen Boten zu sorgen hatten. Am 26. December trafen sie in einer meergleichen Ebene auf das Lager Mangkukaans, am 4. Januar 1255 hatten sie die erste Audienz beim Großfürsten. Auch hier wieder begegneten sie noch einzelnen Europäern, die von der großen mongolischen Flut bis in diese entfernten Lande verschlagen waren: so einer aus Metz gebürtigen Frau, die aus Ungarn geraubt, sich hier mit einem russischen Handwerker verheiratet hatte, und einen geschickten Goldschmied, Wilhelm Buchier aus Paris.

Am Sonntag vor Himmelfahrt kamen sie mit der Wanderhorde zur Residenz Karakorum. Dieselbe machte, mit Ausnahme des Palastes, nur einen unbedeutenden Eindruck; Ort und Kloster St. Denis bei Paris erschien im Vergleich mit Karakorum, weitaus bedeutender. Doch gab es 12 Götzentempel, 2 Moscheen und eine Kirche, ein Zeichen der religiösen Indifferenz der Mongolen. Tataren, Sarazenen und Chinesen waren in der von einem Erdwall umgebenen Stadt ansässig.

Mangku übergab den Priestern ein Antwortschreiben an den König von Frankreich. Er bezeichnete sich darin als den Herrn der Erde an Gottes Statt und forderte die Franzosen auf, ihm zu huldigen, wenn sie vor ihm in Frieden leben wollten.