Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen

Part 59

Chapter 593,260 wordsPublic domain

Bis zum Jahre 1496 waren die Kosten zu den Westfahrten lediglich aus Privatmitteln bestritten, dann aber stellte Heinrich VII. dem Giovanni Cabotto am 5. März 1496 ein königliches Patent aus, das ihn und seine drei Söhne zu den Entdeckungsfahrten autorisirte.[511] Auch rüstete der König nebst den Bristoler Kaufleuten mehrere Schiffe für Cabotto aus.

Es war im Anfang Mai 1497, daß Cabotto zu seiner ersten erfolgreichen Expedition über den Ocean ging. Die Kunde von den Erfolgen des Columbus war auch nach England gedrungen, unter ihrem Einfluß wagten die englischen Kaufleute und selbst der König den nicht bedeutenden Einsatz für das zeitgemäße Glücksspiel, und Giovanni Cabotto selbst drang kühner in die Weite, seitdem man mit Sicherheit auf die nicht allzugroße Entfernung der asiatischen Küste rechnen durfte. Es darf als erwiesen gelten, daß die Entdeckung Cabotto’s ins Jahr 1497 und nicht schon 1494 fällt.[512]

Am Johannistage fand er Land, vermuthlich Labrador, und ging an der Küste nach Nordosten, bis er durch das entgegenflutende Treibeis zur Umkehr genöthigt wurde. Da er im Anfang August schon wieder nach Bristol zurückgekehrt war, kann er unmöglich an der Küste des amerikanischen Continents bis zur Breite von Florida gelangt sein, wie von manchen Schriftstellern behauptet ist, auch bezeichnet die Karte Ribeiro’s von 1529 ganz bestimmt Labrador als englische Entdeckung,[513] während auf Neufundland (~tierra de los bacalhaos~) der Name Cortereals eingetragen ist und an der Küste von Neu-Schottland und der Insel Cap Breton „Land der Bretonen“ (~terra de los bretones~) sich findet. Daß Cabotto den nordwestlichen Weg nach Asien einschlug und nicht nach Südwesten segelte, wird von mehreren Zeitgenossen bestätigt.[514] Erst 47 Jahre später hatte Cabotto auf seiner Weltkarte den Namen „~prima tierra vista~“ hinter Neufundland am Lorenzgolf eingetragen, zu einer Zeit, als jene Gegenden durch die Reisen Cartier’s wichtig zu werden schienen, gleichsam als wollte er durch diese Fälschung das frühere Anrecht der Engländer an jene Regionen betonen. Wäre er bereits 1497 in den Lorenzgolf eingedrungen, so müßte er auch die Inselnatur Neufundlands erkannt haben, während dieses Land noch bis 1540 auf allen Karten als Continentalküste gezeichnet ist. Auch verrathen die Namen, welche Cabotto 1544 am Lorenzstrom auf seine Karte schrieb, daß er die Resultate der letzten französischen Entdeckungen dabei zu Rathe zog.

Vielleicht entdeckte er aber auf seinem Rückwege schon die reichen Fischgründe auf der Neufundlandsbank, denn seit dem Anfange des 16. Jahrhunderts fanden sich hier schon häufig normannische, baskische und portugiesische Fischer ein, und erhielt von letzteren die dahinter liegende Küste den Namen „Kabeljau-Land“ (~tierra de bacalhaos~). Unzweifelhaft hat er den Continent der neuen Welt +zuerst+ erblickt.

Cabotto wurde in England wegen seiner Entdeckung glänzend aufgenommen und ging, durch königliches Patent ermächtigt, im nächsten Jahre mit fünf oder sechs Schiffen wieder in See, doch gab der König selbst nur die geringe Beisteuer von 110 £.

Die Resultate sind nicht bekannt, doch läßt sich vielleicht aus der Stellung der englischen Wimpel auf Cosa’s Karte von 1500 vermuthen, daß die Fahrt gegen SW. bis etwa zum Cap Hatteras führte.

Es war die letzte Reise des älteren Cabotto. Von da an trat sein Sohn Sebastian in seine Fußtapfen; aber unruhigen Geistes und nicht so zäh wie der Vater +ein+ Ziel im Auge behaltend, versuchte er sich nach verschiedenen Richtungen und bot seine Dienste in allen Ländern und Staaten an, von denen er eine Unterstützung seiner Pläne hoffte.

Nach Nordwesten steuerte er nur noch einmal, wahrscheinlich 1503. Aber über diese Fahrt hat sich nur eine einzige Bemerkung in Robert Fabians Chronik erhalten, wonach Sebastian Cabotto von den neugefundenen Inseln mehrere in Felle gekleidete Wilde mitbrachte, welche rohes Fleisch aßen und deren Sprache niemand verstand.[515]

Nach dem Tode Heinrichs VII. (1509) ging der Venetianer, vermuthlich 1512, nach Spanien, wo er mit einem Gehalt von 50,000 Maravedis als Capitän angestellt wurde. Ob er im indischen Rathe Sitz und Stimme erhalten, ist zweifelhaft; denn sein Name findet sich in den betreffenden Listen nicht. Doch wurde er später unter den Kosmographen mit zu Rathe gezogen, welche die Anrechte Spaniens an die Molukken erweisen sollten. Für das Jahr 1516 war eine Nordwestfahrt unter seiner Leitung geplant; da aber König Ferdinand schon im Anfange dieses Jahres starb, so unterblieb diese Expedition.

Sebastian Cabotto ging wieder nach England, suchte hier seine Idee zu verwirklichen, doch scheiterte auch diese Expedition an der Zaghaftigkeit des Viceadmirals Thomas Pert (1517).

Sobald daher Cabotto vernahm, daß der junge König Karl nach Spanien gekommen sei, beeilte er sich, diesem seine Dienste anzubieten, und erhielt als Pilot mayor ein Gehalt von 125,000 Maravedis (= 300 Ducaten). Trotzdem finden wir ihn 1519 auf kurze Zeit in England.

Aus den Berichten des venetianischen Gesandten Contarini geht hervor, daß Cabotto sich um 1522 sogar der Republik Venedig heimlich zur Verfügung stellte, um seiner Vaterstadt den Nordwestweg nach China zu zeigen. Denn nachdem die erste Erdumsegelung die große Ausdehnung der Meere im Westen der neuen Welt nachgewiesen hatte, schien es nicht mehr zweifelhaft, daß man auch im Nordwesten von Amerika einen Durchgang zum großen Ocean finden müsse. Aber diese perfiden Anerbietungen des in spanischen Diensten stehenden Piloten wurden vom Rathe in Venedig vorsichtig verschoben und blieben unerledigt,[516] da Cabotto bald darauf die Leitung einer größeren Expedition erhielt, welche dem Pfade Magalhães’ folgend in den stillen Ocean eindringen und nach den Molukken segeln sollte. Aber diese Unternehmung, welche von 1526-30 dauerte, scheiterte vollständig, denn Cabotto kam nur bis zum Laplata. Da man dem Leiter alle Schuld an dem Miserfolge beimaß, so wurde er nach seiner Rückkehr zuerst gefangen gesetzt und dann (1532) auf zwei Jahre an die afrikanische Küste nach Oran verbannt. Doch ließ König Karl schon im nächsten Jahre Begnadigung eintreten.

Gegen Ende 1547 verließ er Spanien, ohne seine Titel und seine Pension aufzugeben, und ging wieder nach England, wo er ebenfalls als Pilot mayor einen Gehalt von 166 £ bezog. Der König von Spanien rief ihn mehrmals zurück, aber der englische Kronrath erklärte, Cabotto sei Unterthan des Königs von England, und kein Recht, kein Grund könne ihn zwingen, das Land zu verlassen. Und während er so Englands Schutz und Gnadengeschenke annahm, hielt er es doch für erlaubt, noch im August 1551, zum letztenmale, seiner Vaterstadt das Anerbieten zu erneuern, eine venetianische Flotte auf dem nur ihm bekannten geheimnißvollen Wege nach China zu führen. Ob er damals noch den nordwestlichen Weg im Auge hatte, muß bezweifelt werden, wenn man bedenkt, daß er gleich darauf die Ausrüstung der Schiffe zu überwachen hatte, welche zum erstenmal die nordöstliche Straße um Europa und Nordasien nach China einschlagen sollten. Sebastian Cabotto starb wahrscheinlich bald nach dem Jahre 1557, Ort und Zeit sind unbekannt.

Wenn auch die letzte Hälfte seines sehr bewegten Lebens nur in Projecten verlief, die der in drei Staaten eingebürgerte und doch heimatlose Mann mit fieberhafter Unruhe, unbeirrt um Gewissensfragen, allenthalben ins Werk zu setzen suchte, so hat er doch das eine unleugbare, große Verdienst gehabt, daß er die englische Nation für große Unternehmungen zur See begeisterte und so gleichsam der Begründer der englischen Seeherrschaft wurde. Auf die Anregungen und Fahrten der beiden Cabots sind alle späteren Versuche, in polaren Regionen einen Weg nach China und Indien zu bahnen, zurückzuführen. Auf die unter den Auspicien der Königin Elisabeth besonders regen Expeditionen nach dem Westen und Nordwesten gründen sich die britischen Ansprüche auf den ausgebreiteten Besitz in der neuen Welt.

2. Portugiesen, Italiener und Franzosen auf dem Nordwestwege.

Fast zur selben Zeit mit Giovanni Cabotto wurden auch von Portugal aus mehrere Versuche gemacht, nach Nordwesten vorzudringen. Die Träger dieser Idee waren die beiden Brüder +Gaspar+ und +Miguel Cortereal+; aber leider sind uns über ihre kühnen Fahrten nur verschwommene Mittheilungen überliefert. Es scheint, als ob der erste Vorstoß gegen Nordwesten über den atlantischen Ocean von Gaspar Cortereal schon vor dem Jahre 1500 ausgeführt, aber ohne Erfolg verlaufen ist. Auf der zweiten Expedition, 1500, welche mit mehreren Schiffen unternommen wurde, gelangte er an die Küste von Labrador, welche man als einen Theil des Continents (nach damaliger Auffassung natürlich Asiens) erkannte und wich vor dem Eise bis an die Klippen von Neufundland zurück. Alte Karten verlegen das Corterealland unter 50° bis 53° n. Br.

Frühzeitig im nächsten Jahre brach Gaspar von neuem mit mehreren Schiffen auf, um seine Entdeckungen weiter zu verfolgen. Vielleicht war es an den bewaldeten Gebirgsküsten von Neu-Schottland oder an dem Gestade Neu-Englands, wo Cortereal landete und eine Anzahl Indianer raubte. Dann sandte er zwei Schiffe nach Europa vorauf, welche am 8. und 11. October in Lissabon einliefen; aber er selbst kehrte nicht zurück. Darum zog sein Bruder Miguel im nächsten Jahre (1502) ebenfalls mit drei Schiffen aus, um seinen Bruder aufzusuchen, erreichte zwar die Nordwestgestade, kehrte aber auch nicht wieder heim. Danach entsandte Manuel von Portugal 1503 zwei Schiffe, um das Schicksal der Cortereals aufzuhellen; aber umsonst. Man hat nie wieder von ihnen gehört, und mit ihrem Tode ist die Reihe der von Portugal ausgehenden Unternehmungen, im Nordwesten einen Durchgang zu finden, für immer abgeschlossen.

Zwanzig Jahre vergingen, ehe wir von neuen Versuchen hören. Es war die Zeit, wo nach Vollendung der ersten Fahrt um die Erde die Selbständigkeit der amerikanischen Continentalmassen erkannt worden war, und die spanische Regierung vor allem durch Cortes nach einer die beiden Oceane im Osten und Westen der neuen Welt verbindenden Meeresstraße suchen ließ; als der politische Nebenbuhler Kaiser Karls, Franz I. von Frankreich, auch bei der Lösung dieser wichtigen maritimen Frage sich zu betheiligen beschloß, sobald sich eine günstige, Erfolg versprechende Gelegenheit bot. Fischer aus der Bretagne hatten zwar schon seit 1504 sich nach den reichen Fangplätzen auf der Neufundlandsbank begeben; aber zu einer, wissenschaftlichen Zwecken, wie der Aufnahme neu entdeckter Küstenstriche, dienenden Unternehmung waren sie nicht befähigt. Dazu bedurfte es auch in Frankreich geschulter Kräfte. Wie in Spanien Columbus, in England Giovanni Cabotto, so erbot sich in Frankreich ebenfalls ein Italiener, +Giovanni di Verrazzano+ aus Florenz, die Leitung zu übernehmen. So traten also in den westlichen Ländern Europa’s nach einander Angehörige der bedeutendsten Plätze Italiens, Genuesen, Venetianer, Florentiner als die Bahnbrecher über den Ocean auf. Verrazzano erbot sich, den Franzosen den Weg nach China zu zeigen.[517] König Franz ließ vier Schiffe zu dem Zwecke ausrüsten; mit ihnen brach Verrazzano gegen Ende des Jahres 1523 von Dieppe auf. Aber zwei Fahrzeuge zerschellten im Sturm an der Küste der Bretagne, ein drittes ging im Kampf mit Spaniern bei Madeira verloren, so daß nur noch der „Delphin“ übrig blieb, mit welchen der florentinische Capitän am 17. Januar 1524 von einer einsamen Klippe bei Madeira über den Ocean steuerte und nach einer im allgemeinen günstigen Fahrt unter dem 34° n. Br. auf die Küste des nordamerikanischen Festlandes in der Gegend der heutigen Stadt Wilmington stieß. Zuerst ging er an dem flachen, hafenlosen Strande 50 Seemeilen (20 = 1°) nach Süden, kehrte dann nach Norden zurück und segelte an der ganzen Küste entlang bis zum 50° n. Br. Aus der Region der Palmen, welche er im Süden noch antraf, gelangte er, vielfach mit den Eingeborenen friedlichen Verkehr pflegend, an den im Wechsel der Laubfärbung reizend erscheinenden Wäldern des mittleren Gestades vorüber, endlich zu den Nadelwäldern des Nordens. Um die Küstengestaltung genau aufnehmen zu können, segelte er nur bei Tage und ankerte bei Nacht. Er entdeckte die Mündung des Hudsonstromes, dessen tiefes Fahrwasser schwer beladenen Schiffen das Einlaufen gestattete, ging eine Strecke zu Boot den herrlichen Fluß hinauf, steuerte an dem höher, gebirgiger und kälter werdenden Lande weiter gegen Nordosten, entdeckte Rhode-Island, welche er mit Rhodus vergleicht, und traf weiterhin mit Jagdindianern zusammen, welche größer als die Europäer und von hellerer Hautfarbe als ihre südlichen Nachbarn waren, und Kupfer, aber nicht Gold als Zierat und Schmuck verwendeten. In der Narrangasetbai, welche er ganz deutlich beschreibt, ging er vor Anker und verkehrte längere Zeit mit den Eingebornen. Ziemlich richtig verlegte er diese ausgezeichnete Hafenbai unter dieselbe Breite wie Rom, bemerkt aber treffend, das Klima sei dort viel kälter als in Italien. Weiter nördlich, wo das Land rauher und bergiger wurde, und die Bewohner sich wilder, unfreundlicher bewiesen, drang er mit einer bewaffneten Schar einige Meilen ins Land, um dasselbe zu besichtigen. Die mit klippigen Inseln besetzten und von fjordartigen Einschnitten durchfurchten Küsten verglich er mit den dalmatischen Gestadeformen. Erst über dem 50° n. Br., also an den Küsten Neufundlands brach er, weil die Lebensmittel auszugehen drohten, seine Untersuchungen ab, kehrte nach Frankreich zurück und berichtete in einem ausführlichen Briefe, vom 8. Juli 1524 aus Dieppe datirt, über den Verlauf seiner Expedition an den König. Dieser Bericht enthält die älteste zutreffende Beschreibung der Küsten der Vereinigten Staaten. Verrazzano erweist sich darin als ein vortrefflicher Beobachter und Darsteller und als ein gebildeter Mann, der die Classiker kennt und den Aristoteles citirt. In gewandter Darstellung waren die Italiener damals allen andern Seefahrern überlegen.[518]

Die politischen Verwicklungen in Europa, die Kriege zwischen Franz I. und Karl V. zogen das Interesse Frankreichs für die nächste Zeit von der weitern Verfolgung der gemachten Entdeckungen ab. Erst ums Jahr 1562 faßte Coligny den Plan, an der Südgrenze von Süd-Carolina eine Hugenottencolonie anzulegen. Von dem zu Ehren Karls IX. benannten Fort Carolina erhielt hundert Jahre später das Land den noch giltigen Namen. Aber Coligny’s Ansiedler gaben schon im nächsten Jahre ihren Plan wieder auf, und wenn auch bald darauf der Versuch einer Niederlassung erneuert wurde, so wurde derselbe doch 1565 durch den Spanier Pedro Melendez im Blute aller protestantischen Colonisten erstickt und damit den französischen Plänen in jener Gegend für immer ein Ende gemacht.

Etwa ein Jahr später als Verrazzano befuhr der Portugiese +Esteban Gomez+ gleichfalls die Ostküste Nordamerika’s, und es würde seine Leistung hier nicht erwähnt werden, wenn sie die Arbeiten Verrazzano’s nicht in passendster Weise ergänzte. Wir verdanken ihm nämlich eine Küstenkarte; und wenn auch das Original verloren gegangen, so wissen wir doch, daß, von Diego Ribeiro an, spätere Kartographen die Darstellung des Gomez für den Gestadestreifen von Maryland bis Rhode-Island benutzt und copirt haben. Gomez stammte aus Porto und kam wahrscheinlich mit Magalhães nach Spanien, wo er der Regierung einen ähnlichen Plan vorlegte, wie sein Landsmann. Als aber dieser vorgezogen wurde, entschloß sich jener zwar, an der Magalhães’schen Expedition theil zu nehmen, spielte dann aber eine zweideutige Rolle und kehrte von der Feuerlandsenge mit dem Schiffe Antonio nach Spanien zurück.[519] Als ausgezeichneter Pilot und Kartograph wurde er zu der Junta von Badajoz 1524 hinzugezogen und trat dann mit dem zeitgemäßen Plane hervor, im Nordwesten, zwischen Florida und Bacalhaos, d. h. zwischen dem Nordgestade des mexikanischen Golfes und Neufundland eine Straße nach China (Katai) zu suchen. Es ist dieselbe Region, wo auch Cortes eine Durchfahrt zu finden hoffte. (Siehe oben S. 389). Wie im Süden, ehe Magalhães die nach ihm benannte Straße auffand, eine Meerenge bereits auf einzelnen Karten gezeichnet worden ist, so beeilten sich die Geographen, auch im Norden Amerika’s solche Sunde, die von einem Ocean zum andern führten, nach dem allgemeinen Glauben der Zeitgenossen auf ihren Weltbildern zur Anschauung zu bringen. So findet sich in dem von unserm deutschen Kosmographen Sebastian Münster 1542 herausgegebenen lateinischen Ptolemäus vom Lorenzgolfe aus eine Durchfahrt angedeutet mit der Inschrift: Durch diese Straße führt der Weg zu den Molukken (~per hoc fretum iter patet ad Molucas~). Gomez erhielt für sein Project nur eine Caravele von fünfzig Tons zur Verfügung, wurde am 10. Febr. 1525 zum königlichen Piloten ernannt und ging gleich darauf von Coruña ab unter Segel. Nachdem er den Ostrand der neuen Welt im Gebiet der Neu-England-Staaten erreicht hatte, lief er an der Küste nach Süden bis über die Chesapeakbai und kehrte dann mit einer Fracht gefangener Indianer, durch deren Verkauf die Kosten der Ausrüstung gedeckt werden sollten, nach Spanien, wahrscheinlich Ende November 1525, zurück. Das Land, dessen Küsten er sorgfältig aufnahm, so daß z. B. der Hudsonstrom deutlich erkennbar ist, hieß längere Zeit das Gomezland (~tierra de Esteban Gomez~) und Ribeiro fügt, jedenfalls nach den Mittheilungen des Piloten, einige kurze Angaben über die Natur des entdeckten Landes hinzu, aus denen hervorgeht, daß das wald- und fruchtreiche Land in seinen Flüssen an Fischen gesegnet war und daß, wie es auch Verrazzano bereits beobachtet hatte, die Indianer im Norden von höherer Statur seien als auf den westindischen Inseln, und daß sie sich von Mais, Fischen und ergiebiger Jagd nährten und in Wolfs- und Fuchsfelle kleideten.[520]

Nach diesen nördlicheren Regionen richtete der kühne französische Seefahrer +Jacques Cartier+[521] von St. Malo im nächsten Jahrzehnt seine erfolgreichen Unternehmungen und wurde durch dieselben der Urheber der spätern französischen Niederlassung in Canada. Er unternahm drei Reisen. Das erstemal ging er am 20. April 1534 von seiner Vaterstadt mit zwei Schiffen aus, erreichte am 10. Mai Neufundland und drang durch die Enge der Belle-islestraße in den Lorenzgolf ein. Am Westufer Neufundlands gegen Süden steuernd, gelangte er an den Inseln Cap Breton und Prinz Eduard vorüber, welche er noch für Theile des Festlandes ansah, nach der +Chaleurbai+, welche ihren Namen erhielt, weil dem Entdecker die Temperatur dort viel wärmer als in Spanien vorkam. Er hoffte hier einen Durchgang ins westliche Meer zu finden; als sich aber bei weiterem Vordringen ergab, daß die Bucht ganz von hohem Lande umschlossen sei, kehrte Cartier zurück und segelte an der Südküste von Anticosti gegen Nordosten wieder zur Belle-islestraße. Er hatte fast ganz Neufundland umkreist und den St. Lorenzgolf aufgenommen. Am 5. September erreichte er glücklich den Hafen von St. Malo. Im nächsten Jahre brach er am 19. Mai mit drei Schiffen auf, um seine Entdeckungen in „Nova Francia“ weiter zu verfolgen. Wiederum drang er durch die Belle-islestraße ein, ging diesmal aber an der Labradorküste westwärts, wo er nördlich von Anticosti im Nicolaushafen vor Anker ging und bis Anfang August verweilte. Eine größere, weiter westlich gelegene Einbuchtung des Landes erhielt damals den Namen +Sanct-Lorenzbucht+. Erst später wurde diese Bezeichnung auf die ganze durch Neufundland vom Ocean abgeschlossene Meeresbucht ausgedehnt. Die beiden auf der ersten Reise mitgenommenen Indianer, welche nun als Dolmetscher dienten, erklärten, daß westlich von dem Lorenzhafen der große Strom von Hochelaga beginne und ins Land Canada führe. Cartier drang nun in den großen Lorenzstrom ein und ging zunächst unterhalb Quebec an der Bacchusinsel (wegen des vielen wildrankenden Weines benannt) vor Anker. Dort hatte er eine freundschaftliche Zusammenkunft mit dem Häuptling von Canada, vom Stamme der Algonkins, welcher ihn zu bereden suchte, nicht weiter flußaufwärts bis zu dem Indianerorte Hochelaga zu fahren, vermuthlich um allein die aus dem Verkehr mit den Fremdlingen erwachsenden Handelsvortheile zu genießen. Aber die Vorstellungen des Häuptlings machten den Franzosen nur um so neugieriger, jenen oft genannten Ort kennen zu lernen. Am 2. October langte Cartier auf Böten vor Hochelaga an, wo gegen tausend Indianer ihn am Gestade empfingen und in die von dreifachem Pallisadenringe umschlossene Stadt führten. Von hier aus bestieg er einen niedrigen Berg am Strom, von dessen Gipfel er den Anblick des schönen, von mächtigen Wasseradern durchzogenen Waldlandes genoß. Der Berg erhielt den Namen Montroyal; wir erkennen darin den Namen der größten Stadt Canada’s, Montreal. Unterhalb der Stadt suchte Cartier sich einen bequemen Hafen und überwinterte dort mit seinen Schiffen bis zum 6. Mai 1536. Von Mitte November bis Mitte März waren die Fahrzeuge von zwei Faden dickem Eise gefesselt, und der im Winter ausbrechende Scorbut forderte manches Opfer. Aus den Mittheilungen der Indianer entnahm man, daß oberhalb der Stadt mehrere große Seen lägen. Es war die erste Kunde von der canadischen Seenkette, deren Abfluß der Lorenzstrom bildet.

Der Rückweg ging ohne Unfall und rasch von statten. Am 6. Juli lief Cartier wieder in den Hafen von St. Malo ein;[522] aber die Leiden während der Ueberwinterung in dem strengen Klima und der Mangel an Edelmetallen, die man in der neuen Welt allerorten zu finden hoffte, kühlten doch den Eifer für die Colonisation jener Gegenden auf einige Jahre merklich ab, so daß Cartier erst 1541 wieder Mittel fand, eine neue Fahrt zu unternehmen.