Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen
Part 53
Während Almagro auf dem Marsche nach Chile war, suchte die nationale Partei unter ihrem Inka Manco die Gelegenheit, das spanische Joch abzuschütteln, zu benutzen, so lange ein ansehnlicher Theil des feindlichen Heeres aus dem Lande abwesend war. Manco entwich aus Cuzco und rief das Volk zu den Waffen. Die Hauptstadt wurde belagert und durch brennende Pfeile leicht in Brand geschossen, da die meisten Häuser mit Stroh gedeckt waren. Die halbe Stadt wurde zerstört, die Festung fiel in die Hände der Peruaner. Juan Pizarro eroberte zwar einen Theil derselben wieder, wurde aber dabei durch einen Steinwurf so gefährlich verletzt, daß er bald darauf starb. Erst nach seinem Tode konnten die Spanier die Festung wieder gewinnen; dann wurden sie aber Monate lang von einem großen indianischen Heere in Cuzco belagert und ihre Verbindungen mit Lima abgeschnitten, so daß Francisco Pizarro vergebens, da die Indianer die Bergpässe besetzt hielten, versuchte, der bedrohten Hauptstadt Ersatz zu bringen. Erst als in der Zeit der Feldbestellung das peruanische Belagerungsheer sich theilweise auflöste, wich die äußerste Noth, in welcher sich die Besatzung befunden hatte. Man machte in dieser Zeit sogar den, wenn auch verfehlten Versuch, sich durch einen Handstreich der Person des Inka zu bemächtigen. Francisco Pizarro fühlte, daß der ganze Besitz seiner Eroberung durch den allgemeinen Aufstand auf dem Spiel stehe, wenn nicht rasche Hilfe komme. Er entsandte Schiffe nach Mittelamerika und forderte die dortigen Statthalter unter lockenden Verheißungen auf, ihn mit Truppen zu unterstützen.
Unter solchen Verhältnissen erschien Almagro wieder in Peru. Die schon lange im Stillen glimmende Eifersucht zwischen ihm und Pizarro hatte zwar schon vor seinem Abmarsch nach Chile eine scheinbare Versöhnung gefunden, da sich beide Rivalen durch schriftlichen Vertrag und Eidschwur auf die Hostie am 12. Juni 1535 zur Beilegung des Streites bereit erklärt hatten; allein da nun nach seiner Rückkehr Almagro erfuhr, daß eine königliche Vollmacht ihn zum selbständigen Statthalter über alle Länder ernenne, welche 270 Leguas (17½ Leguas = 1 Breitengrad von 15 Meilen) südlich vom Santiagoflusse[447] beginnend, sich gegen Süden ausdehnten, so glaubte er Anspruch auf den Besitz von Cuzco zu haben. Bei der Unsicherheit genauer astronomischer Bestimmungen konnte zu jener Zeit allerdings die Entscheidung dieser Frage zweifelhaft sein, wenn wir jetzt auch mit Bestimmtheit sagen können, daß die alte Hauptstadt noch zum Gebiete Pizarro’s gehört. Ehe Almagro noch in die Nähe von Cuzco gelangt war, suchte er mit dem Fürsten Manco, mit welchem er früher befreundet gewesen, eine Zusammenkunft, wurde von diesem aber überfallen. Nachdem er den Angriff siegreich abgewiesen hatte, rückte er mit seinem Heere vor Cuzco und forderte von Gonzalo und Hernando Pizarro, welche in derselben befehligten, die Uebergabe der Stadt. Da dieselbe unter verschiedenen Vorwänden verzögert wurde, so drang er in einer finstern Nacht am 8. April 1537 in Cuzco ein und nahm beide Brüder nach kurzem Kampfe in ihrem Hause, welches dabei in Flammen aufging, gefangen.
Inzwischen war Alvarado, von Francisco Pizarro zu Hilfe gerufen, zum zweitenmale in Peru erschienen und stand, im Begriff mit 500 Mann auf Cuzco zu marschiren, 13 Meilen von der Hauptstadt entfernt in Jauja. Almagro ließ ihm die erfolgte Besetzung seiner Hauptstadt melden, aber Alvarado befahl, die Boten in Ketten zu werfen. Erbittert über solchen Verrath fiel Almagro rasch über ihn her, besiegte ihn bei der Brücke von Abancay, am 12. Juli 1537, und kehrte dann nach Cuzco zurück. Der Inka wurde mit dem Rest seiner Scharen ins Gebirge getrieben und das Land von den Aufständischen gesäubert. Es kam nun vor allem darauf an, eine directe Verbindung mit dem Mutterlande zu schaffen und einen Seehafen im südlichen Peru ausfindig zu machen. Deshalb zog Almagro ins Küstenland hinunter, um dort einen befestigten Landungsplatz zu gründen. Sein Augenmerk war auf das fruchtbare Chinchathal gerichtet; Hernando Pizarro mußte als Gefangener folgen, während es dem andern Bruder Gonzalo gelang, aus der Haft zu entfliehen und Lima zu erreichen.
Francisco Pizarro, welchem vor allem daran gelegen war, seinen noch gefangenen Bruder dem siegreichen Gegner zu entreißen, zeigte sich sehr friedlich gesinnt und knüpfte Unterhandlungen an. Beide Parteien kamen am 13. November in Mala, südlich von Lima, zusammen und Almagro verstand sich dazu, gegen die vorläufige Anerkennung seiner Ansprüche auf Cuzco, Hernando Pizarro freizugeben. Die endgiltige Entscheidung des Streits wurde der spanischen Regierung überlassen.
Kaum war Hernando frei, so erklärte bereits Francisco Pizarro den Vertrag für ungiltig, und der Streit begann von neuem. Almagro ging nach Cuzco zurück, wohin ihm sein erbitterter Gegner Hernando im Frühling des nächsten Jahres folgte. Am 26. April 1538 kam es zum Kampfe bei Las Salinas, eine kleine Meile von der Hauptstadt. Keine der beiden Parteien verfügte über mehr als 700 oder 800 Mann, aber das Gefecht war sehr heftig und dauerte den ganzen Tag. Almagro konnte, weil er krank war, nicht unmittelbar in den Streit eingreifen, aber er befand sich ganz in der Nähe. Während des Gefechtes fielen nur 15 bis 20 Mann, aber bei der Verfolgung der geschlagenen Truppen Almagro’s, welcher selbst gefangen genommen wurde, sollen noch 150 Mann niedergemacht worden sein. Hernando hatte für den überwundenen Gegner, den frühern Waffengefährten, der ihm großmüthig die Freiheit geschenkt, kein Mitgefühl, kein Erbarmen; er sann auf Rache für die angethane Schmach. Almagro wurde nach Cuzco gebracht und ihm dort der Proceß gemacht. Unter Aufbietung einer ansehnlichen Truppenmacht wurde ihm öffentlich am 8. Juli der Urtheilsspruch verkündet. Dann ließ Hernando ihn im Gefängniß erdrosseln.
Almagro war eine offne, rohe Natur, welche sich nie mit heuchlerischen Hintergedanken oder mit Racheplänen trug. Er besaß einen empfindlichen Ehrgeiz und liebte es, durch verschwenderische Geschenke seine Truppen zu belohnen. Tapfer und in allen Strapazen ausharrend, machte ihn seine durch und durch soldatische Natur bei seinem Heere beliebt. Seine Verbindung mit dem herz- und gewissenlosen Pizarro stürzte ihn ins Verderben.
32. Die Ermordung Pizarro’s und das Ende der peruanischen Parteikämpfe.
Der junge Diego Almagro befand sich inzwischen in Lima, aber die Statthalterschaft seines Vaters erhielt er nicht; auch wurden seine Anhänger, die „Chilenen“, durch Verachtung gekränkt. Man wandte sich um Recht nach Spanien. Um diesen Bemühungen der Partei Almagro’s, besonders des eifrigen Diego de Alvarado entgegenzuwirken, ging Hernando Pizarro 1539 selbst nach dem Mutterlande. Kurz nach seiner Ankunft in Valladolid am Hofe starb dort Alvarado ganz plötzlich, man sagte: durch Gift, welches Pizarro ihm beigebracht. Der Henker Almagro’s fand keinen freundlichen Empfang, man beschuldigte ihn mit Recht, daß er einen von der Krone eingesetzten Statthalter -- ob aus eignem Antriebe oder durch seinen Bruder bestimmt, blieb dabei unerörtert -- habe hinrichten lassen. Er wurde daher gefangen genommen und blieb auf der Festung Medina del Campo bis 1560 eingesperrt, so daß er alle seine Verwandten und auch -- seinen Ruhm überlebte.
Um die verwirrten und unerquicklichen Verhältnisse in Peru zu ordnen, wurde der Rechtsgelehrte +Vaca de Castro+ entsendet als „königlicher Richter“, oder, für den Fall, daß Francisco Pizarro bereits gestorben, als königlicher Statthalter. Im Sommer 1541, während er noch auf der Reise begriffen war und sich in Popoyan, nördlich von Quito (2½° n. Br.), aufhielt, erreichte ihn schon die Nachricht, Francisco Pizarro sei von seinen Gegnern ermordet. Die chilenische Partei hatte unter Anführung des Juan de Herrada mit einer Anzahl von Verschworenen am Sonntage den 26. Juni 1541, da Pizarro nicht zur Messe gegangen, den Zugang zu seinem Palaste in Lima erzwungen und, wie der junge Almagro behauptete, den Statthalter gefangen nehmen wollen, weil dieser in gleicher Weise wie seinem Vater, auch ihm, nach dem Leben getrachtet habe. Bei seiner Vertheidigung wurde Pizarro sammt seinem Bruder Francisco Martin und seinem Pagen Tordoya getödtet, während das übrige Gefolge floh. Er war 63 Jahre alt, als er zur Sühne für den an seinem Genossen Almagro verübten Mord unter den Streichen der Verschworenen fiel.[448] Wenn er auch Jahre lang sein Ziel, Peru zu erobern, kühn und unbeugsam im Auge behielt und dabei eine erstaunliche Thatkraft entfaltete, so läßt sich seinem Charakter doch keine sympathische Seite abgewinnen. Ungebildet und gefühllos trat er Freund und Feind nieder. Er hatte Cortes mehrfach als Vorbild genommen, so namentlich in der Gefangennahme des Fürsten; auch war ihm die Eroberung des Landes leichter geworden, als jenem, welcher zuerst mit einem amerikanischen Kulturvolke rang, die Besiegung von Mexiko. Aber verglichen mit einem Feldherrn und gebildeten Staatsmann wie Cortes erscheint Pizarro nur als ein gemeiner Abenteurer, und zwar als der grausamste von allen, welcher das eroberte Land ausplünderte und mit Blut überschwemmte und den spanischen Namen für immer in Südamerika verhaßt machte.
Als Cristoval Vaca de Castro in Popayan das Schicksal Pizarro’s erfuhr, nahm er, seiner Instruction gemäß, den Titel eines Statthalters an. Zwar suchte der junge Almagro einen Vergleich herbeizuführen, wonach ihm die seinem Vater zugewiesene südliche Hälfte des eroberten Reiches überlassen werde; allein Vaca de Castro konnte, nach den Vorfällen in Lima, darauf nicht eingehen. Er verlangte vielmehr, daß Almagro sich unterwerfe, das Heer, welches er um sich gesammelt hatte, entlasse und ihm, dem rechtmäßigen Statthalter, alle am Morde Pizarro’s betheiligten Personen zur Bestrafung ausliefere. Almagro weigerte sich, und so kam es am 16. September 1542 auf der Ebene von Chupas bei Guamango (jetzt Ayacucho) zwischen Lima und Cuzco zum Entscheidungskampfe. Castro’s Heer zählte 328 Reiter und 420 Fußgänger, Almagro stellte dagegen 220 Reiter und 280 Fußgänger ins Feld.[449] Die chilenische Partei wurde aufs Haupt geschlagen, Almagro floh nach Cuzco, wurde aber bald ausgeliefert und enthauptet. Damit war auch das Loos seiner Anhänger entschieden. Der Widerstand hörte auf, und die Parteigänger Almagro’s unterwarfen sich. Der königlichen Autorität stand, als Castro im Jahre 1544 durch den Vicekönig +Blasco Nuñez Vela+ ersetzt wurde, nur noch der +letzte Bruder Pizarro’s, Gonzalo+, gegenüber, welcher sich im nördlichen Theil des Reichs festgesetzt hatte und sich nicht beugen wollte. Er war schon im Jahre 1540 zum Statthalter von Quito gemacht und hatte mit einem Heere von 350 Spaniern und 4000 Indianern das Land besetzt. Von hier war er dann, angelockt von dem fabelhaften Goldreichthum, welcher sich nach den Erzählungen der Indianer in den östlichen Waldgebieten finden sollte, in der Nähe des Aequators über die östlichen Anden gestiegen und an dem Rio Napo abwärts vielleicht bis zu dem Katarakt del Cando in die Urwälder eingedrungen, wo ihn die unwegsame Wildniß und Mangel an Lebensmitteln in die äußerste Noth brachten. Hier beschloß er ein Fahrzeug zu bauen, um die Truppen, wenigstens zum Theil, namentlich die Kranken, und außerdem das Geschütz, zu Wasser weiter stromabwärts befördern zu können. Zum Schiffscapitän wurde +Francisco de Orellana+ aus Trujillo gemacht. Landheer und Schiff rückten noch eine Zeitlang neben einander den Strom hinunter, bis die zu Lande marschirenden Soldaten durch den verschlungenen Urwald nicht mehr weiter konnten. Dazu trat die Regenzeit ein, die Vorräthe waren erschöpft, alle Pferde mußten geschlachtet werden. Das Heer machte Halt, Orellana erhielt den Auftrag, mit dem Schiffe allein weiter zu gehen, um Lebensmittel aufzutreiben; aber er kehrte nicht wieder zurück. Ueber sein Schicksal wird das nächste Capitel berichten. Nachdem Pizarro wochenlang vergebens gewartet hatte, mußte er endlich erfahren, daß Orellana ihn im Stich gelassen und weiter gesegelt sei. Er mußte sich daher entschließen, den Rückmarsch nach Quito anzutreten. Hunger und Fieber hatten seine Mannschaft bereits decimirt. Unter den beständigen Regengüssen war der Waldboden in Sümpfe verwandelt. Mit zerrissenen Kleidern, abgezehrt, zum Tode erschöpft erreichten nur 80 Spanier das Hochthal von Quito. Hier erfuhr Gonzalo, daß sein Bruder Francisco vor Jahresfrist von Mörderhand gefallen und der junge Almagro die Gewalt an sich gerissen hatte, daß aber Vaca de Castro bereits über Quito nach dem Süden gezogen sei. Aus Haß gegen Almagro bot er dem königlichen Statthalter seine Unterstützung gegen den Mörder seines Bruders an; aber Castro lehnte dieselbe ab, um sich nicht, wenn die chilenische Partei von der Anwesenheit eines Pizarro in seinem Lager erfahre, jede Aussicht auf einen friedlichen Ausgleich mit den Almagristen zu versperren. Aber diese Ablehnung seiner Hilfe verletzte Gonzalo aufs tiefste, trotzdem begab er sich später, nach der Hinrichtung des jungen Almagro mit einer Reiterschar zuerst nach Lima und dann auf den Befehl Castro’s nach Cuzco, wo sich der königliche Statthalter befand. Er hoffte noch, daß ihm, nach dem Tode seines Bruders und der Bewältigung des Aufstandes der chilenischen Partei, die Statthalterwürde zufallen werde. Das kluge Benehmen Castro’s bei dieser Zusammenkunft raubte ihm aber jeden Grund zu einer Schilderhebung, und da dieser ihm empfahl, seine Besitzungen im Charcasgebiete[450] in Frieden auszubeuten, so begab er sich nach dem Süden, wo er die schon den Inkas bekannten Silberminen mit großem Erfolg abbaute. Erst als Castro in der Person des +Blasco Nuñez+ einen Nachfolger empfing, und dieser die vermeintlichen Rechte der Spanier über die Indianer, welche sie als ihre Hörigen behandelten, antastete, ging Gonzalo nach Cuzco, wo man ihn an die Spitze der gegen den neuen Vicekönig gerichteten Bewegung stellte und ihn ermächtigte, Truppen zusammenzuziehen. Dann rückte er mit seiner Schar gegen Lima, wo Vasco Nuñez, der sich nirgend Freunde zu gewinnen verstand, in einer Revolte der Stadtbevölkerung mit seinen wenigen Getreuen ohne Blutvergießen gefangen genommen und von den gegen ihn gesinnten königlichen Richtern bald darauf nach Panama zurückgeschafft wurde. Am 28. October 1544 zog Gonzalo in Lima ein und wurde zum Statthalter von Peru proclamirt. Der Vicekönig war indes nicht nach Panama gelangt, sondern hatte Mittel gefunden, in Tumbez wieder ans Land zu gehen, von wo er sich nach Quito begab, um von hier aus sich mit Gewalt wieder in Besitz der ihm durch königliches Mandat übertragenen Macht zu setzen. Gonzalo Pizarro verfolgte ihn bis über Pastos hinaus, ohne ihn zu erreichen, wußte ihn dann aber durch eine List bis in die Nähe von Quito zu locken, wo er ihn bei Añaquito am 18. Januar 1546 besiegte. Vasco Nuñez fiel selbst im Kampfe. Dann kehrte Pizarro nach Lima zurück und führte die unbestrittene Obergewalt in Peru, bis König Karl den Geistlichen +Pedro de Gasca+ mit den weitgehendsten Vollmachten nach Peru sandte. Ohne Heer und großes Gefolge, in einfachem Priestergewande wußte sich der gewandte Mann zunächst die Landung im Nombre de Dios und dann den Eintritt in Panama zu ermöglichen, obwohl Pizarro beide Plätze durch seine Untergebenen besetzt hielt und eine starke Flotte von mehr als 20 Schiffen im Hafen von Panama lag. Er bezeichnete seine Sendung als eine friedliche und richtete auch in diesem Sinne ein Schreiben an Pizarro, um ihn zu bewegen, die Befehle seines Königs anzuerkennen. Dann gelang es ihm, den Befehlshaber der Flotte, Hinojosa, einen eifrigen Parteigänger Pizarro’s, zu gewinnen, die königliche Vollmacht anzuerkennen und sich seinem Befehl zu unterwerfen. Im Besitz der Flotte begann de Gasca nun Truppen auszuheben, um mit bewaffneter Macht in Peru zu erscheinen. Vier Schiffe wurden voraufgeschickt, um allen Spaniern in Peru, die zu ihrer Pflicht zurückkehrten, volle Verzeihung und Sicherheit ihres Besitzes anzukündigen. Diese Proclamation lichtete die Reihen der Anhänger Pizarro’s rasch, die Bewohner von Cuzco erklärten sich für den König, und die wichtige Provinz Charcas ging gleichfalls verloren. Gasca ging mit der Flotte nach Tumbez, während die vier vorausgesendeten Schiffe in dem Hafen von Lima landeten und, da Pizarro gegen Cuzco gezogen war, auch die neue Hauptstadt ohne Schwierigkeit besetzten.
Zwar leuchtete dem letzten Pizarro noch einmal das Glück, da er in dem blutigen Gefecht bei Huarina am Titicacasee am 26. October 1547 über seine Gegner den Sieg gewann und noch einmal in Cuzco einzog, wo er sich zum Entscheidungskampf rüstete, denn das Hauptheer Gasca’s befand sich zu jener Zeit in Jauja und rückte erst im Frühjahr 1548, 2000 Mann stark, gegen die altnationale Hauptstadt vor.
Vier Meilen von Cuzco in dem Thale von Xaquixaguana standen sich beide Heere kampfbereit am 9. April 1548 gegenüber. Gasca hatte bis zuletzt den Gegner aufgefordert, sich zu unterwerfen und die Gnade des Königs anzunehmen; aber Pizarro hatte auf sein Glück bauend, das ihn aus allen Kämpfen und Gefahren siegreich hatte hervorgehen lassen, den Frieden abgewiesen, obwohl die Heeresmacht Gasca’s stärker war. Allein in diesen Tagen verließ ihn das Glück, verließen ihn seine Freunde. Vor Beginn der Schlacht gab der Anführer seines Fußvolks das Zeichen zum Abfall, indem er zur königlichen Partei hinüberjagte. Ihm folgten die Truppen zu Fuß und zu Roß, so daß Pizarro sich gefangen geben mußte. Ihm und seinen entschiedensten Anhängern Francisco de Caravajal und Juan de Costa wurde der Proceß gemacht, und sie büßten alle ihre Rebellion mit dem Tode.[451] Gasca ordnete die Verhältnisse des Landes einsichtsvoll und kehrte 1550 nach Spanien zurück.
33. Orellana entdeckt den Amazonenstrom 1541.
Es ist bereits im vorigen Capitel erwähnt, daß Francisco Orellana von Gonzalo Pizarro auf seinem abenteuerlichen Zuge in das Waldland des Amazonengebiets am Rio Napo mit einem Schiffe entsendet worden war, um für das bedürftige Heer nach Lebensmitteln zu suchen. Orellana hatte 50 Mann an Bord und 2 Geistliche.[452] In der Strömung des mächtig flutenden Wassers legte Orellana täglich 20 bis 25 Meilen zurück, ohne Ansiedlungen am Ufer anzutreffen. Statt für das zurückgelassene Heer sorgen zu können, wurden sie selbst vom Gespenst des Hungers verfolgt und verspeisten das Leder der Sättel. Erst in der Nähe des Amazonenstroms, wohin man am 8. Januar 1541 gelangte, stieß man auf ein Indianerdorf. Umzukehren war nicht möglich, denn zu Lande gab’s keinen Weg und zu Wasser würde man bei aller Anstrengung, gegen den im untern Laufe allerdings langsam dahinziehenden Strom zu rudern, Monate gebraucht haben. Es blieb ihnen also keine andere Wahl, als der Strömung des Wassers zu folgen und sich bis ans Meer tragen zu lassen, ungewiß wo man es erreichen werde. Da man aber von den Indianern in Erfahrung gebracht, daß man nicht fern von einem sehr großen Strome sei, so beschloß Orellana, um den unbekannten Gefahren auf dem Wasser besser begegnen zu können, noch eine feste Brigantine zu bauen. Am Abend des 1. Februar schifften sie sich wieder ein, nachdem sie durch die Indianer mit allerlei Vorräthen an Schildkröten, Hühnern und Fischen versorgt waren. Die Brigantine besetzten 30 Mann, die Barke 20. Zehn Tage später erreichten sie eine Stelle, wo sich drei Flüsse vereinigten; der von rechts kommende Strom schien sich von Ufer zu Ufer wie ein weites Meer auszudehnen (~una amplissima mar.~ Oviedo ~l. c. p.~ 548). Man hatte damit den oberen Marañon selbst erreicht. Am 26. Februar wurde wieder angelegt, um die Schiffe auszubessern. Man blieb bei den freundlich gesinnten Einwohnern bis nach Ostern, nur, wie der die Expedition begleitende Geistliche, Carvajal, klagt, von der „ägyptischen Plage“ der Moskitos belästigt. Weiter stromab stieß man auf kriegerische Stämme, welche die Spanier auch auf dem Wasser mittelst ihrer Canoes angriffen. In der beständigen Feuchtigkeit des Stromthals war aber das Pulver naß geworden, und die Sehnen der Armbrüste hatten ihre Spannkraft verloren; ihre besten, fernhintragenden Waffen waren also unbrauchbar geworden. Die beiden Schiffe hielten sich womöglich in der Mitte des großen Stromes, wo sie am wenigsten belästigt wurden, und erreichten am Abend vor Trinitatis einen von links mündenden Zufluß, dessen Wasser schwarz wie Tinte erschien. Man gab ihm den Namen Rio Negro; es ist der bedeutendste aller linken Zuflüsse des Amazonas. Unterhalb desselben wuchs die Bevölkerung am Ufer ganz bedeutend, man segelte an vielen großen Ortschaften vorbei,[453] von denen die eine sich mit ihren Hütten eine ganze Meile am Strande hinzog. Hier konnte man überall Mais und Hühner erlangen. Am 24. Juni trafen sie ein Dorf, das nur von Frauen bewohnt war, welche keinen Verkehr mit Männern pflegten (~sin conversaçion de varones~). Diese Weiber erschienen, nach Carvajals Angabe groß und von starken Gliedmaßen, waren von heller Hautfarbe und trugen lange Haarflechten. Mit Bogen und Pfeil griffen sie die Spanier an, verloren aber sieben bis acht Kämpfende. Von dieser Begegnung mit bewaffneten Frauenvölkern, eine selbst in dem Wunderlande der neuen Welt den Spaniern unerwartete Erscheinung, hat der Strom seinen Name Rio das Amazonas (Strom der Amazonen) erhalten.[454] Weiter abwärts zum Meere wohnten Cariben, verabscheuungswürdig, weil sie das Fleisch der Erschlagenen verzehren, aber geschickt in allen Waffen und in Verfertigung schöner Gefäße, die sie verzieren und bemalen.
Trotz häufiger Kämpfe verloren die Spanier doch nur drei Genossen an Wunden, dagegen acht an Krankheiten.
Ehe man ins Meer hinaussteuerte, wurden beide Schiffe mit einem festen Verdeck versehen, die Segel setzte man aus mitgenommenen peruanischen Mänteln zusammen. Mit diesen Vorbereitungen beschäftigt, blieb Orellana 24 Tage in der Nähe der Mündung und steuerte dann am 26. August kühn ins Meer hinaus; ohne Piloten, ohne Compaß wußte er kaum, wohin er steuern sollte. Aber alle sahen es als eine besondere Gnade des Himmels an, daß in der ganzen Zeit, seit sie den großen Strom verlassen und am Lande hin nordwärts segelten, kein Regen fiel und das schönste Wetter sie begleitete. Sonst hätten wohl kaum die gebrechlichen Fahrzeuge die See behaupten können. Zwar wurden sie bei Nacht durch die Strömung des Meeres getrennt, gingen einzeln durch den Pariagolf und durch den stürmischen Drachenschlund, langten aber beide doch glücklich am 11. September auf der Insel Cubagua neben der Perleninsel Margarita an und wurden von ihren Landsleuten freundlich aufgenommen.
Die größte, schiffbare Stromrinne des südamerikanischen Continentes war so mit einem Schlage aufgefunden. Orellana’s romantische Fahrt läßt sich nur mit Stanley’s staunenerregender Congofahrt in dem jüngst verflossenen Jahrzehnt vergleichen.
Von Cubagua sandte der glückliche Entdecker des Riesenstroms einen Bericht an den König und begab sich dann mit seinen Gefährten nach dem Mittelpunkte der westindischen Welt, nach Haiti, wo er am 20. December 1541 ans Land ging.