Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen

Part 5

Chapter 53,168 wordsPublic domain

Im Juli des folgenden Jahres ging Nicolo mit 3 kleinen Schiffen auf Entdeckung aus nach Engroneland oder Grenland. Bei dieser Fahrt, welche uns über die Grenzen der den Süd-Europäern bekannten Nordwelt hinausführt, wurde Island und wohl auch Grönland berührt. Aber der Bericht wirft offenbar isländische Verhältnisse nach Grönland. Ob diese Versehen dem Originalberichte zur Last fallen, oder ob die Bruchstücke desselben durch den jüngeren Zeno falsch zusammengefügt sind, läßt sich nicht mehr erkennen; doch liegt die Verwechslung klar vor Augen, wenn wir dem Berichte folgen. Danach fand nämlich der ältere Nicolo in Grönland ein Kloster mit Predigermönchen und eine Kirche des heiligen Thomas am Fuße eines thätigen Vulkans. Die in der Nähe befindliche heiße Quelle hatten die Geistlichen zu ihrer Ansiedlung geleitet, um Kirche und Kloster damit zu heizen und das kochende Wasser selbst zur Bereitung der Speisen zu verwenden oder in erwärmten Beeten Früchte und Blumen zu erzielen, die nur in gemäßigteren Himmelsstrichen gedeihen. Neben dem Kloster leben Wilde (also Eskimos), welche Fischfang treiben und Böte in Gestalt eines Weberschiffchens besitzen. Sie befestigen über das Gerippe von Fischknochen Häute und nähen dieselben fest zusammen, so daß diese leichten Fahrzeuge allen Stürmen trotzen. Während die Art der Ansiedlung und die Benutzung der Thermen nur nach Island paßt,[19] denn in Grönland gibt und gab es auch damals keine thätigen Vulkane, ist das Seegewerbe der Eingeborenen charakteristisch für die grönländischen Eskimos. Eine genaue Kenntniß des südlichen Grönland verräth aber auch der Name der Südspitze Avorf, welche in der dem 14. Jahrhundert angehörigen Beschreibung Grönlands von Ivar Bardsen „Hvarf“ und in der Chorographie Björn Jansens Haf-hvarf heißt, wofür die Karte Zenos ~Af promontorium~ setzt.

Nicolo Zeno erlag den für einen Südländer unerträglichen Wirkungen des polaren Klimas und starb bald nach seiner Rückkehr auf Frisland. In seine Stellung und seine Würden rückte sein Bruder Antonio, den Sinclair noch jahrelang bei sich festzuhalten wußte und sogar auf einer großartig geplanten Entdeckungsfahrt nach westlichen Ländern mitnahm. Sinclair hatte nämlich durch Fischer, die vor 25 Jahren über den atlantischen Ocean nach Westen verschlagen waren, von großen Inseln und weiten Festlandsstrichen Kunde erhalten und beschloß jene Länder aufzusuchen. Der Bericht der Verschlagenen, den ein Brief des Antonio an seinen Bruder Carlo in Venedig ausführlich wiedergibt, klingt zwar in manchen Einzelheiten befremdend, verräth aber in großen allgemeinen Zügen eine Kunde der nordamerikanischen Küsten bis nach Mexiko. Da nun erwiesenermaßen die Normannen bereits im 11. Jahrhundert Ansiedelungsversuche am Strande der Neuengland-Staaten gemacht hatten, so bleibt die Möglichkeit weiterer abenteuerlicher, durch Zufall veranlaßter Fahrten nach jenen Gegenden keineswegs ausgeschlossen.

Jene Fischer nun hatten erzählt, daß sie 1000 Meilen westlich von Friesland durch den Sturm an die Insel Estotiland getrieben seien, welche kleiner als Island, aber viel fruchtbarer war und in der Mitte einen hohen Berg hatte. Die Einwohner zeigten sich intelligent, freundlich, besaßen eine eigne Sprache und Schrift, in des Königs Bibliothek fanden sich sogar lateinische Bücher. Sie verkehrten auf ihren Segelbooten sogar mit Grönland, kannten aber den Compaß nicht. Nachdem sie fünf Jahre im Lande geblieben waren, machten unsere Fischer eine Fahrt gegen Süden zum Lande Drogio. Dort wohnten rohe Canibalen, welche einen Theil der Mannschaft erschlugen und verzehrten. Sie besaßen kein Metall, ihre Lanzen bestanden nur aus Holz. Aber weiter südwärts wurden sie civilisirter, wohnten in Städten und opferten in ihren Götzentempeln Menschen, deren Fleisch dann verspeist wurde. Das Land war reich an Gold und Silber.

Während wir in Estotiland Spuren normannischer Ansiedlung erkennen, wenn auch die Kulturverhältnisse in allzustarken Farben ausgemalt sind, lassen sich die Angaben über die südlichen Kulturländer mit ihrem Goldreichthum, ihren Götzentempeln und Menschenopfern ungezwungen auf Mexiko deuten. Doch sind Estotiland und Drogio nicht zu identificiren.

Nur ein Fischer kehrte nach Jahren zurück und sollte auf Sinclairs Zuge als Führer dienen, aber leider starb derselbe kurz vor Aufbruch der Flotte. So verfehlte Sinclair auch bald den Weg und wurde durch Sturm gegen Südwesten nach der Insel Icaria verschlagen. Es ist wohl nur italienische Phantasterei, wenn der jüngere Zeno dazu bemerkt: Alle Könige hießen dort Icari, nach dem ersten Könige, der ein Sohn des Königs Dedalus von Schottland gewesen sei. Schon Forster hat in dem Icaria richtig die Landschaft Kerry in Irland erkannt, wozu alle geschilderten Verhältnisse, das feindselig abwehrende Verhalten der Bevölkerung u. a. paßt. Von hier gelangte die Flotte nach Grönland, kehrte aber nach kurzem Besuch wieder nach den Orkneys zurück.

Wenn auch in dem ganzen Bericht noch manche Dunkelheiten ungelöst bleiben, so wird doch eine unbefangene Kritik den echten Kern anerkennen müssen und darf das Ganze nicht als leere Erfindung verwerfen. Von besonderem Interesse ist, daß Zeno uns als der letzte von den normannischen Ansiedlungen in Amerika berichtet. Die vom jüngeren Zeno entworfene Karte enthält trotz gewaltiger Irrthümer und Ungeheuerlichkeiten, welche indeß von den Kartographen des 16. Jahrhunderts vielfach getreu copirt wurden, manche zutreffende Züge und geographische Wahrheiten.

Zweites Buch.

Die Vorhalle der großen Zeit.

Erstes Capitel.

Die Morgenseite der alten Welt.

1. Der Orient seit Beginn der Mongolenherrschaft.

Beim Anbruch einer neuen Zeit richten wir unsern Blick wieder nach Osten, um eine längst verschollene Kunde, wie sie von fernen reichen Ländern in alter Zeit erklungen, aufs neue zu vernehmen. Die Herrschaft der Araber hatte anfangs den Kenntnissen im Abendlande von den Verhältnissen im Innern Asiens keine Förderung gewährt. Ums Jahr 1000 n. Chr. kannte man thatsächlich von ganz Asien kaum mehr als die heiligen Walfahrtstätten in Palästina, und begnügte sich auch damit. Die Araber ließen die frommen Pilger aus dem Westen gewähren, deren Wißbegierde in dem Rahmen religiöser Traditionen beschränkt blieb. Anders gestalteten sich die Verhältnisse, als Türken und Seldschucken Herren jener heiligen Stätten wurden und in Folge der Bedrückung der christlichen Waller eine gewaltige Bewegung durch Europa ging, welche die Kreuzzüge veranlaßte. Zwar haben dieselben unsere Kenntniß von Westasien nicht über Mesopotamien hinaus bereichert, aber die Berührung mit der arabischen Bildung weckte den Geist der Forschung wieder im Abendlande und trug so wenigstens mittelbar dazu bei, das entschwundene geographische Interesse neu zu beleben. Durch die Araber lernte man wieder die griechischen Schriftsteller, namentlich Aristoteles, kennen und die größten Geister des Abendlandes, Albertus Magnus († 1280) und Roger Bacon († 1292 oder 1294) wandten sich wieder dem Studium der Naturwissenschaften zu.

Den ersten directen Anstoß aber zu bedeutenden Reisen in bisher unbekannten Regionen gab die Bildung des mongolischen Weltreichs. Es war im Beginn des 13. Jahrhunderts, daß der kühne Häuptling +Temudschin+ zahlreiche mongolische und tatarische Stämme der asiatischen Steppe unter seinem Scepter vereinigte und den Namen eines Großfürsten, „+Tschingischan+“, annahm. Der Name Khan bedeutet einfach „der Herr“ und wird allen tatarischen Häuptlingen beigelegt, mögen sie souverän sein oder nicht. In Indien bildet er noch jetzt den gewöhnlichen Zusatz zu den Namen der Mohammedaner aller Klassen. ~Ḳaán~ oder ~Châḳán~ (bei den byzantinischen Schriftstellern Χαγάνος) war dagegen der specielle Titel des höchsten mongolischen Fürsten; danach würde der Titel Temudschins richtiger als Tschingischagan bezeichnet werden müssen. In einem verheerenden Völkersturm, wie jener Erdtheil keinen zweiten gesehen und erlitten hat, lag binnen 20 Jahren fast ganz Asien zu seinen Füßen. Die Völkerflut nach Osten überschwemmte Tangut und Nordchina, die Kriegswoge nach Westen und Süden brach über Turan und Iran herein. Throne stürzten zusammen unter seiner unerhörten Wucht, volkreiche Städte verschwanden vom Erdboden, Millionen von Menschen verloren ihr Leben. Auch mit dem Tode Temudschins († 1227) kamen die aufgeregten Massen nicht zur Ruhe. Von den vier Söhnen des Großfürsten gelangte +Okkodai+ zur obersten Nachfolge. Nach Westen drangen seine Heere durch die Ebenen Rußlands bis nach Schlesien vor, Moskau wurde erobert, Kiew ging in Flammen auf. Erst an den Sudeten brach sich die Sturmflut; aber in Westasien wurden Armenien, Kleinasien und Syrien überrannt, in Ostasien wurde Südchina unter der Regierung des Chagan +Kublai+ eine Beute der Mongolen.

+Genealogie des Hauses Temudschin.+

I. +Temudschin+, Tschingis Kaan. | +-------------+--------------+--------------------------------+ | | | | Tuli. II. +Okkodai Kaan.+ Tschagatai. Juji. | | | | | III. +Kuyuk+ | | | +Kaan.+ | | | +-------+--------+-------+------+ | | | | | | | | | Kadami. Sarban. 2. Yessu Muwa Juji. | | Mangku. Tukan. | | | | Chane von Tschagatai. | | | +--+--------------+--------------+ +----------+---+ | | | | | 1. Hulaku. V. +Kublai+ IV. +Mangku+ 4. Barka. 1. Batu. | +Kaan.+ +Kaan.+ | | | +----------+ | Tschingkim. | | | | 3. Ulagji. 2. Sartak. | | | VI. +Timur Kaan.+ Chane von Kiptschak. | +----------------+--------------+ | | | 3. Tigubar-Ahmed. Tarakai 2. Abaka. | | | +------------+ | | | 6. Baidu. 5. Kaichatu. 4. Argun. | +-----------+ | | 8. Oljaitu. 7. Gasan.

Chane von Persien.

Die christlichen Kreuzfahrer, die mit immer weniger Aussicht auf Erfolg gegen die mohammedanischen Staaten in Kleinasien, Syrien und Aegypten um den Besitz des heiligen Landes gerungen hatten, sahen in den Mongolen einen willkommenen Helfer gegen den zähen Erzfeind ihres Glaubens. Sie nahmen aber auch mit besonderer Freude wahr, daß die neuen Weltstürmer aus Innerasien keineswegs den religiösen Fanatismus der Araber und Türken besaßen, sich vielmehr dem christlichen Glauben ebenso geneigt zeigten als der Lehre Mohammeds. Es liegt das schon in der wesentlich verschiedenen Rassenanlage der Mongolen und Semiten begründet.

Man kann sich in religiösen Dingen kein nüchterneres Volk denken als die Chinesen, während dagegen der Semite Westasiens, der Begründer des Monotheismus und leider auch des religiösen Fanatismus, auf religiösen Fundamenten sein geistiges Leben aufbaut. Die Glaubensglut des Islam übertrug sich auch auf türkische Stämme; aber nicht auf die Mongolen. Diese sahen nicht jeden Christen als solchen für einen Feind an. Sie ließen jeden in seinem Glauben gewähren.

Es gab wirklich Christen unter ihnen in nicht geringer Anzahl. Nicht blos, daß einzelne Gläubige mit den großen Völkerwellen vom heimischen Boden weit hinweg gespült worden waren; -- trafen doch die Sendboten des Pabstes am Hofe der Chagane in Karakorum, südlich vom Baikal, Franzosen und Ungarn und begegnete dem Marco Polo sogar noch in China ein Deutscher; -- nein, ganze Stämme des großen vielsprachigen Reiches neigten zum Christenthum und es wird von manchen Städten im fernen Osten berichtet, daß nestorianische Christen bis dahin ihren Glauben verbreitet. Als Christen galten die Kerai in N.-W. von China; als Nestorianer bezeichnet Rubruck den Stamm der Naiman am obern Irtysch. Viele Christen hatten sich sogar in dem Dienst und Gefolge der mongolischen Fürsten eine geachtete und einflußreiche Stellung errungen und, was besonders betont werden muß, die Großfürsten des Weltreichs selbst waren in die directe Berührung mit dem Christenthum durch eingegangene Ehen gebracht. Die Mongolenkaiser +Kublai+ und sein Bruder +Hulaku+ stammen von christlichen Müttern ab, deren Einfluß nicht zu unterschätzen ist. Gesandtschaften und Briefe gingen hin und her, es entspann sich ein freundschaftlicher Verkehr zwischen den Häuptern der Christenheit und den Chaganen, und mehr als einmal wurde das Interesse des Pabstes lebhaft durch die Aussicht auf ein segensreiches Arbeitsfeld von unermeßlicher Weite im fernen Morgenlande angeregt. Darf man unter solchen Umständen den Plan einer systematischen Missionsarbeit unter den Mongolen absolut verwerfen oder auch nur als gar zu sanguinisch bezeichnen?

2. Der Presbyter Johannes.

Vor allem zog aber mächtig die geheimnißvolle, halb in sagenhafte Züge gehüllte Gestalt eines großen Königs an, der im Abendlande allgemein unter dem Namen des Priesterkönigs oder +Presbyter Johannes+ bekannt war, und der über ein durchaus christliches Volk herrschen sollte. Das eigenthümliche Dunkel, das über dieser Gestalt liegt, ist noch nicht völlig gelichtet; es scheint aber, als ob nach einander mehrere bedeutende historische Persönlichkeiten des Morgenlandes mit einander verschmolzen wären und nach einander für den Priesterkönig gegolten hätten.

Die erste Nachricht über ihn bringt der deutsche Geschichtsschreiber Otto von Freising, der Stiefbruder Kaiser Konrads III. Derselbe erzählt, er habe im Jahre 1145 in Viterbo den Bischof von Gabula (Jibal im nördlichen Syrien) getroffen, der unter Thränen von den Gefahren erzählt, welche seit dem Falle von Edessa die christliche Kirche bedrohe. Vor wenigen Jahren, erzählte der Bischof, sei im fernen Osten jenseit Armenien und Persien ein gewisser Johannes, Priester und König zugleich über ein nestorianisches Volk, aufgetreten, habe erst die medische Hauptstadt Egbatana erobert und dann die Samiardischen Bruderkönige, die in Persien und Medien herrschten, in dreitägiger Schlacht besiegt und sei weiter nach Westen gerückt, um der bedrängten Kirche in Jerusalem beizustehen. Aber der Tigris habe seinem Zuge Halt geboten und ihn zur Umkehr genöthigt.

Die hier erwähnten Ereignisse sind von Professor Bruun[20] auf Johann Orbelian (Ivané Orpel), den Großwürdenträger und siegreichen Feldherrn des georgischen Königs David gedeutet, der den Türken um 1123 oder 1124 die Stadt Ani in Armenien abgewann. -- Das Geschlecht der Orbeliane besaß zwar in seinen außerordentlichen Privilegien fast königliche Macht und namentlich Johannes Orbelian war der Stolz der Georgier; allein seine Thaten sind doch nicht gewaltig und seine Stellung nicht unabhängig genug, um ihn kurzweg als Priesterkönig bezeichnen zu können, und der große blutige Sieg über die Samiardischen Brüder bleibt auch ohne entsprechenden Beleg. Die Identität des Priesters Johannes mit Johann Orbelian bleibt daher unerwiesen, wenn auch, abgesehen von dem zutreffenden Namen Johann und der Existenz eines christlichen Volkes und Fürsten, für diese Hypothese noch die Thatsachen sprechen, daß Groß-Armenien als der ferne Orient angesehen wurde und daß georgische Könige den Christen in Palästina mehrfach Hilfe zu bringen suchten.

Auf der andern Seite muß aber darauf hingewiesen werden, daß die christlichen Sendboten und Kaufleute, welche in Asien eindrangen, seit dem 13. Jahrhundert den Priesterkönig viel weiter im Osten suchten und an Armenien nicht dachten. Und in der That leiten auch die Nachrichten Ottos von Freising über die Nachbarländer Syriens hinaus. Den Kern der Untersuchung muß die verhängnißvolle Schlacht bilden, in welcher der Beherrscher Persiens unterlag. Es wird sich dabei zwar ergeben, daß in Ottos Berichte Irrthümer mit unterlaufen und andere dunkle Punkte, namentlich die angebliche Eroberung von Ekbatana und der Zug an den Tigris, unerledigt bleiben; allein das Endresultat fällt doch befriedigender aus als bei der ersten Hypothese.

Jene Niederlage nun der Perser, welche nach der Angabe des Bischofs von Gabula nur wenige Jahre vor 1145 erfolgte, fällt ins Jahr 1141. Etwa hundert Jahre früher hatten seldschuckische Sultane die Herrschaft in Persien gewonnen und ihre Macht bis Kleinasien und Aegypten ausgedehnt. Um 1105 theilte sich das große Reich in zwei Staaten unter den Brüdern +Mohammed+ und +Sandschar+. Das sind die Samiardischen (richtiger Saniardischen) Brüder, nach dem mächtigeren und weit länger regierenden Sandschar (Saniard) benannt; denn Mohammed starb bereits 1118, Sandschar aber erst 1157. Sandschar behauptete als Sultan das Uebergewicht im Osten, während seine Neffen, die Söhne Mohammeds, von ihm abhängig wurden. Es ist demnach ungenau, wenn noch um 1145 Otto von Freising von Saniardischen +Brüdern+ spricht.

Zu den von Persien abhängigen Staaten gehörte damals auch Chowaresmien am untern Amu-Darja; dieser Staat strebte nach Selbständigkeit. Der Sohn des dortigen Schahs Atsis war von Sandschar getödtet worden; aus Rache rief Atsis die sogenannten Karachitanen oder Khata zur Hilfe herbei.

Der älteste arabische Schriftsteller, welcher über diese Ereignisse berichtet, ist Ibn-el-Athir (1160-1233). Derselbe erzählt, Atsis habe, aufgebracht über die Ermordung seines Sohnes, zu den Khata gesandt, welche in Ma-vera-el-nahr (Transoxanien) wohnten, und in ihnen die Hoffnung auf Landgewinn erregt. Indem er ihnen die Sache sehr leicht vorstellte, reizte er sie, in Sandschars Reich einzufallen. Demzufolge brachen sie mit 300,000 Reitern auf, Sandschar ging ihnen mit seiner Armee entgegen und erlitt in der Nähe von Samarkand eine blutige Niederlage, in welcher 100,000 fielen, darunter 12,000 Vornehme und 4000 Weiber. Sandschar floh nach Balch.[21]

Diese Khata werden auch als ungläubige Türken bezeichnet. Ihren Anführer nennt der arabische Historiker einen Chinesen, dessen Titel Ku-chan, richtiger Kur-chan, war.

Mit zusammengerafften tatarischen und chinesischen Völkern war also dieser Heeresfürst im Westen erschienen und in die islamitischen Länder eingebrochen, wo er dem bisher stets siegreichen Sandschar den ersten empfindlichen Schlag versetzte.

Welche Bewandtniß es mit dieser Völkerbewegung hatte, erfahren wir aus chinesischen Quellen.

Ein wahrscheinlich zur Gruppe der Tungusen gehöriger Volksstamm in der Mandschurei, den die Chinesen +Chitanen+ benannten, hatte sich im Laufe der Jahrhunderte aus rohen Zuständen allmählich zu einer gewissen Kultur emporgearbeitet und so gekräftigt einen Staat gebildet, der, die Nachbargebiete beherrschend, im Jahre 907 bereits über Nordchina hin bis zum Lop-nor reichte und bald darauf Nordchina selbst unterwarf. Dieses Reich der Chitanen wurde weiter im Westen unter dem Namen +Khitai, Khathay+ bekannt und bestand bis zum Jahre 1123. Dann wurde es aus dem chinesischen Besitze wieder verdrängt. Der Vetter und Oberfeldherr des letzten Kaisers der Chitanen, Yeliutasche, gründete im Westen vom Lop-nor ein neues Reich, das sich durch glückliche Eroberungen über das Pamirhochland hinaus bis an den Oxus in West-Turkistan erstreckte, wo der Sohn des ersten Fürsten, +Yeliuyliui+ († 1153) bei Samarkand den Sultan Sandschar im September 1141 besiegte. So rückte dieses Reich fast bis ans kaspische Meer vor und erscholl sein Name auch in Europa. Die Fürsten trugen den Titel Korchan oder Gurchan (woraus allmählich durch Umgestaltung Johannes wurde) und ihr neugegründetes Reich hieß das Reich der Karachitanen oder schwarzen Chitanen. Dort im Osten des kaspischen Meeres suchten die abendländischen Reisenden zuerst den Priesterkönig, und als man ihn nicht mehr vorfand, denn das Reich war schon 1215 von Temudschin zerstört, floh es vor dem suchenden Blick immer weiter nach Osten, +bis man China selbst mit dem Namen Kithai oder Cathay, Cathaya belegte+, und an dieser Benennung Jahrhunderte lang festhielt.

Rubruck und Marco Polo hielten den Fürsten „Ungchan“ der Keraiten in der östlichen Mongolei für den Johannes und verwechselten denselben mit Yeliutasche. Die Verwechselungen und Verschiebungen dieser mythischen Gestalt eines Priesterkönigs dauerten auch im 14. Jahrhundert weiter, wo man ihn in dem christlichen König von Habesch glaubte richtig entdeckt zu haben; im 15. Jahrhundert wurde er dort von Heinrich dem Seefahrer gesucht. Es gingen noch am Ende dieses und selbst im nächsten, im 16. Jahrhunderte, portugiesische Gesandte an den Priester Johannes ab. Im Abendlande hat man sich lange an dieser Erscheinung erbaut und fand etwas tröstliches darin, fern im Osten einen unbekannten, aber mächtigen Bundesgenossen sich vorzustellen, der den bedrängten Christen Hilfe bringen könne.

3. Die ersten christlichen Glaubensboten im Orient.

Der Plan, mit der mongolischen Welt direct in Verkehr zu treten, wurde zuerst vom Pabste Innocenz IV. auf dem Concil zu Lyon 1245 gefaßt. Er entschloß sich, zwei verschiedene geistliche Gesandtschaften nach dem Morgenlande abzuordnen. -- Werfen wir zur Orientirung zunächst einen Blick auf die politische Gestaltung der mongolischen Staaten.

Nach Tschingischagans Tode verblieb die oberste Gewalt seinen Söhnen, einer unter ihnen empfing den Titel Kaan (Chagan), die andern hießen Chan. Das Weltreich zerfiel in vier Staaten.[22] +Ostasien+ umfaßte das Gebiet des Kaan. Dazu gehörte China, Tibet, die östliche Mongolei und die Mandschurei. Die Residenz war Kaanbaligh, d. h. die Stadt des Kaan, jetzt Peking. Der Name wurde im Abendlande bald in Cambalich, bald in Kambalu verändert.

Westlich von diesem Staate lag auf beiden Seiten der Hochebene Pamir, also Theile von Ost- und West-Turkestan umfassend, das Reich +Dschagataï+ oder das Reich der Mitte. Dasselbe erstreckte sich vom Altai bis zum westlichen Himalaja und obern Indus, schloß Afghanistan ein und reichte bis zum Amu-Darja im Südwesten. Die Hauptstadt Almalik lag am obern Iliflusse, der sich in den Balchasch ergießt, in der Nähe der heutigen Stadt Kuldscha. Noch weiter gegen Südwesten lag das persisch-medische +Reich der Ilchane+. Dasselbe umfaßte Persien, Armenien, Mesopotamien und Theile von Kleinasien; seine Hauptstadt war Tebris. Dieser Staatencomplex zerfiel am schnellsten. Den äußersten Westen nahm das +Reich der goldnen Horde+ (Kiptschak) ein, welches sich über die Flachlandschaften Asiens und Europas ausbreitete und sich vom Westfluß des Altai durch die Kirgisensteppe über Südrußland bis an den Waldgürtel der Karpaten ausdehnte. Der Fürst residirte in Serai an der untern Wolga. Durch dieses Reich zogen die meisten abendländischen Gesandtschaften an den Hof der Mongolenkaane und gingen belebte Handelswege durch das Herz Asiens bis zum Ostrande der alten Welt. So bildete Kiptschak den willkommenen Vermittler zwischen Abend- und Morgenland.