Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen
Part 45
Die erste Dammlücke wurde mittelst der tragbaren Brücke glücklich überschritten, obwohl die Azteken zu Lande lebhaft nachdrängten und von zahlreichen Kähnen aus die Abziehenden mit Wurfgeschossen überschütteten. Schon bei der zweiten Lücke wurde die Lage der Spanier höchst bedenklich. Da es regnete, waren die Brückenbalken glatt geworden; zwei Pferde glitten aus, wurden scheu, überschlugen sich in den See und auch die Brücke schlug um. Nun entstand ein verzweifeltes Gedränge, die vorderen Reihen wurden ins Wasser gestoßen, wo sich Kampf und Gemetzel fortsetzte. Wer sich durch Schwimmen zu retten suchte, wurde von den Kähnen eingeholt und gefangen fortgeschleppt. Die Dammlücke füllte sich mit todten Rossen und Menschenleibern, mit Kanonen und Karren und darüber ging der Strom der dichten, wogenden, kämpfenden Menschenmenge. Jeder war nur noch auf die Rettung des eignen Lebens bedacht, es galt kein Commando, es gab keinen Zusammenhalt mehr. Alles drängte nach dem festen Lande hinüber. Von den 1300 Soldaten, welche mit Cortes in die Stadt gezogen waren, kamen nicht mehr als 440 mit dem Leben davon, und auch sie waren alle verwundet. Ueber 860 Mann wurden getödtet oder fielen den Azteken in die Hände, welche sie ihren Göttern opferten.[376] Verloren gingen ferner alle Kanonen, aller Schießbedarf, alle Büchsen und 46 Pferde, so daß die Reiterei nur noch aus 23 Mann bestand. Dieser Rückzug ist unter dem Namen der traurigen Nacht (~la noche triste~) bekannt. In Popotla zeigt man noch den Cederbaum, um welchen Cortes mit dem Reste seiner Truppen in jener Nacht lagerte.[377] Am nächsten Morgen zog der Feldherr der Spanier nordwärts und um den See herum gegen Osten, unter steter Verfolgung des Feindes die Schwerverwundeten in der Mitte führend und mit seiner Reiterschar die Flanken deckend. Am 7. Juli gelangte er zu den noch vorhandenen, vielleicht ältesten Baudenkmälern des Landes, den beiden Pyramiden von Teotihuacan (d. h. „Wohnung der Götter“), von denen die größere an der Basis 208 Meter lang ist und eine senkrechte Höhe von 55 Metern hat. Beide waren genau nach den Himmelsgegenden orientirt. Oestlich davon in der Ebene von Otumba suchte ihnen ein mexikanisches Heer den Rückzug zu verlegen. Die große Uebermacht -- ihre Zahl wird auf 200,000 angegeben -- schloß die kleine spanische Schar völlig ein. Sie stand da wie eine Insel in stürmisch brandender See[378], aber Cortes wußte seine Leute durch ermunternden Zuspruch zu beleben: „Heute ist noch nicht der Tag, an dem wir besiegt werden sollen.“ Trotzdem erkannte er den ganzen Umfang der Gefahr. Er schrieb später an den König: „Wir fochten, so zu sagen, unter einander gemischt, und wir hielten dies für unser letztes Gefecht in unserem Leben: so schwach waren wir, so mächtig und stark waren hingegen die Feinde.“[379] Cortes wurde durch zwei Steinwürfe empfindlich am Kopfe verwundet und mußte sich verbinden lassen. Da rettete der Ritter Juan Salamanca seine Genossen durch eine kühne That. Er sah mitten im Getümmel den feindlichen Anführer, der das Feldzeichen trug, drang mit wenig Reitern auf ihn ein, indem er alles vor sich niederritt, tödtete den Gegner und nahm die Standarte.[380] Der Fall des Führers gab das Signal zur Flucht. Nachdem die erschöpften Truppen drei Tage in der Stadt Huejotlipan gerastet, zogen sie nach Tlascala, wo sie freundlich empfangen wurden und in Ruhe die Heilung ihrer Wunden abwarten konnten. Cortes selbst bedurfte vor allem der Pflege. Seine Kopfwunden hatten sich verschlimmert, er hatte außerdem zwei Finger der linken Hand eingebüßt und war durch die gewaltige Aufregung und Ueberanstrengung nicht unbedenklich erkrankt. Kein Wunder, daß unter solchen Verhältnissen auch den Soldaten der Muth sank, und daß ein großer Theil nach der Küste zurückzukehren wünschte. Dazu wurde ihre Lage höchst unsicher, weil eine Gesandtschaft der Mexikaner die Tlascalaner zum Bündniß gegen die Spanier aufforderte und der Häuptling Xicotencatl nicht abgeneigt schien, sich auf die Seite der Azteken zu stellen. Glücklicherweise hielt sein eigner Vater fest an dem Bunde mit Cortes.
Nachdem sich das Heer genügend erholt hatte, und Cortes wieder genesen war, kehrte auch der alte Unternehmungsgeist der Truppen wieder zurück. In glücklichen Kämpfen unterwarfen sie mit Hilfe der Tlascalaner das Land zwischen dem Popocatépetl und dem Citlaltépetl. Neue Scharen, welche Velasquez gesendet, in dem Glauben, Narvaez sei Herr des Landes, traten sofort zu Cortes über. Dann schrieb dieser von der Stadt Tepeaca aus, welche er Segura de la frontera nannte, seinen berühmten Brief, vom 30. October 1520 datirt, an den König von Spanien, in welchem er über die bisherigen Vorgänge genau Bericht erstattete, und schloß mit den Worten: „Wegen aller Aehnlichkeiten, welche ich zwischen diesen Ländern (Mexiko und Spanien) gefunden, in Bezug auf Fruchtbarkeit, Größe, Klima u. a. habe ich für passend gehalten, ihnen den Namen „+Neuspanien des Oceans+“ (~la nueva España del Mar Oceano~) zu geben und wage, Ew. Maj. zu ersuchen, diese Benennung zu bestätigen.[381] Aus diesem Berichte ersah man zuerst in Spanien, daß Cortes im Begriff stand, ein mächtiges Reich, das eine Fülle der geschätztesten Produkte besaß, der spanischen Krone zu unterwerfen, und Peter Martyr beeilte sich seinen Gönnern und Freunden die Pracht der Hauptstadt „Tenustitan ~alias~ Mexiko“ und die Reichthümer des Landes zu schildern.[382]
Cortes hatte beschlossen, die feindliche Hauptstadt von neuem anzugreifen. Aber um von dem See aus nicht wieder durch die Kriegsböte der Azteken belästigt zu werden, wollte er sich vor allem zum Herrn der die Stadt umgebenden Gewässer machen, um derselben die Verbindung mit dem Lande abzuschneiden. Zu dem Zwecke ließ er eine Anzahl von Brigantinen bauen, wozu er das Takelwerk und Eisen von Vera Cruz heraufschaffen ließ. Die Schiffstheile wurden in Tlascala angefertigt und von da an den See geschafft, wo sie zusammengesetzt wurden. Als er in der Mitte des December von Tepeaca aufbrach, bestand sein Heer aus 550 Mann zu Fuß, 40 Reitern und 8 oder 9 Kanonen. Das Heer der mit ihm verbündeten Indianer, welche mit der Eroberung der aztekischen Hauptstadt ihre Unabhängigkeit von dem drückenden Joche zu gewinnen hofften, zählte über 100,000 Mann.
Auf einem schwierigen Gebirgspasse nördlich vom Iztaccihuatl zog er nach Tezcuco, dessen Bewohner sich theils zu Boot über den See, theils zu Fuß über das Gebirge geflüchtet hatten.
In Mexiko war der Bruder und Nachfolger Montezuma’s nach viermonatiger Regierung gestorben und an seine Stelle der Neffe der beiden letzten Regenten, der 25jährige Quauhtemotzin[383] oder Guatemotzin gewählt worden. Dieser ließ die Stadt gegen den beabsichtigten Angriff der Spanier von allen Seiten befestigen. Nachdem Cortes sich in Tezcuco festgesetzt hatte, ließ er einen Graben, welcher zu dem eine halbe Legua entfernten See führte, so weit vertiefen, daß seine 13 neuerbauten Schiffe in den See einlaufen konnten. Dann unternahm er einen Recognoscirungszug rings um den See, um die Zugänge zur Hauptstadt kennen zu lernen, unterwarf die Städte, welche am Seeufer lagen und griff, nachdem er von Haiti noch eine erbetene Verstärkung an Truppen, 200 Mann zu Fuß und 70 bis 80 Pferde, erhalten hatte, die Stadt Xochimilco (d. h. Blumenfeld, nach den schwimmenden Gärten so genannt) an, welche theilweise im See lag. Bei der Erstürmung wäre Cortes fast in Gefangenschaft gerathen. Im Getümmel des Kampfes that sein Roß einen Fehltritt und stürzte nieder. Augenblicklich war er von Feinden umringt, gegen die er sich mit seiner Lanze vertheidigte. Er wäre fortgeschleppt worden, wenn nicht ein treuer Diener und ein Tlascalaner ihn aus der drohenden Gefahr befreit hätten. Kurz darauf hatte er einen Angriff Guatemotzins abzuschlagen, der mit 2000 Kähnen und 12,000 Mann der Stadt zu Hilfe eilte.
Die Anhänger des Velasquez, deren es noch manche in dem spanischen Heere gab, und denen die gewaltigen Anstrengungen, welche Cortes ihnen auferlegte, nur eine nutzlose Vergeudung von Menschenleben schienen, ohne Aussicht, endlich in den Besitz der gehofften Schätze zu gelangen, stifteten wieder eine Verschwörung an und beabsichtigten, den Feldherrn sammt seinen treusten Officieren zu ermorden und dann nach der Heimat zurückzukehren. Aber auch von diesem Verrath erhielt Cortes rechtzeitig Kunde, ließ den Anstifter hinrichten und zerriß die Liste aller Verschworenen, die er bereits in Händen hatte. Doch umgab er sich von da an mit einer zuverlässigen Leibwache.
Endlich war nach einer Arbeit von 50 Tagen der 12 Fuß tiefe Graben durch 8000 Arbeiter am 28. April 1521 vollendet und die Schiffe liefen vor den Augen des versammelten Heeres in den See. Nun erst konnte man den unaufhörlichen Belästigungen durch die feindlichen Böte, welche jeden Vormarsch auf die Seedämme erschwerten, ein Ende machen. Jedes Schiff erhielt eine Kanone und 25 Mann Besatzung. Dann wurde das Heer, welches wieder auf mehr als 800 Mann angewachsen war, in drei Haufen getheilt und diese unter den Befehl von Alvarado, Olid und Sandoval gestellt. Durch einen glänzenden Sieg über die feindliche Flotille machte sich Cortes zum Meister des Sees. Anfänglich war es seine Absicht gewesen, die aztekischen Böte, die in einer Anzahl von 500 gegen ihn auf Kundschaft ausgeschickt waren, unbehelligt herankommen zu lassen, um sie dann mit Kanonenschüssen zu empfangen und so bei dem ersten Zusammentreffen eine für den ganzen Krieg wichtige Entscheidung durch die Ueberlegenheit der europäischen Schifffahrtskunst herbeizuführen. Da erhob sich aber plötzlich ein günstiger Wind vom Lande her. Sofort ließ Cortes die Brigantinen mit vollen Segeln gegen die Böte steuern und gab Befehl, die feindlichen Fahrzeuge bis an die Stadt zu verfolgen. Zahllose Kähne wurden übersegelt und die Mannschaft in den See gestürzt und getödtet. Drei Meilen weit wurde die Verfolgung fortgesetzt und ein Sieg errungen, herrlicher als man gehofft hatte.[384] Dann wurde den Mexikanern das Trinkwasser der Röhrenleitung abgeschnitten und die südlichen Dämme besetzt, welche von den Vertheidigern der Stadt verschanzt waren, aber, sobald die Brigantinen vorgingen, verlassen worden waren. Die drei Heerführer der Truppentheile erhielten zu ihrer Unterstützung mehrere Brigantinen, Alvarado und Olid besetzten die südlichen Dammstraßen, Sandoval die nördlichen. So war die ganze Stadt cernirt. Die Dammlücken wurden unter heftigen Kämpfen zugeschüttet, aber näher der Stadt warfen die Belagerten immer neue Gräben aus und erwiesen sich trotz der Einschließung unerschüttert und todesmuthig. Ueberall zu Lande und zu Wasser ertönte ihr wildes Kriegsgeschrei, als ob das Weltall einstürzen sollte.[385] Endlich gelang es den Spaniern, bis an die Stadt vorzudringen. Die in den Straßen aufgeworfenen Bollwerke wurden von den Kanonen zusammengeschossen und über dieselben hinweg gelangten die Sieger bis zu dem großen Tempel, dessen erneuertes Götzenbild sie zertrümmerten. In einem wüthenden Angriff der Indianer wurde das spanische Fußvolk zurückgetrieben, aber durch einen kühnen Reiterangriff aus der Bedrängniß gerettet. Die Stadt schon jetzt zu behaupten war unmöglich, weil man bei Tag und Nacht von allen Seiten bedroht war. Aber unter dem Eindruck der spanischen Erfolge lockerte sich der Lehnsverband im aztekischen Reiche immer mehr; der Fürst von Tezcuco, der lange zweifelhaft gestanden, ging mit 50,000 Mann zu den Eroberern über; andere Städte folgten seinem Beispiel und begaben sich in die spanische Botmäßigkeit. Täglich wurden die Angriffe auf die Stadt wiederholt und einzelne Gebäude niedergebrannt, Hungersnoth stellte sich ein, aber die Mexikaner wiesen alle Friedensbedingungen zurück. „Wir waren,“ berichtet Cortes, „mehrere Tage nacheinander in der Stadt gewesen, viermal schon hatte sich das Gemetzel wiederholt. Ein Theil der Stadt war abgebrannt, die meisten Terrassen waren zerstört, die natürlichen und künstlichen Hindernisse wurden überwunden; immer siegreich hatten wir den Feind mit Kanonen und Musketen niedergeschmettert. Ich erwartete daher täglich, sie würden um Frieden bitten und mein Herz wünschte sehnlich, daß sie den nothwendigen Schritt thun würden. Erbittert über den zähen Widerstand glaubte ich sie zum äußersten zwingen zu müssen.“[386] So wurde, nachdem der Kampf bereits drei Wochen gedauert hatte, ein allgemeiner Angriff befohlen und zwar von Süden und Westen her. Beim Vorrücken war der Hauptmann Alderete zu eilig gewesen und drang, ohne eine Dammlücke gehörig ausfüllen zu lassen, unvorsichtig bis auf den großen Marktplatz vor. Von dort wurde er durch die Azteken zurückgetrieben und mit seiner Schar ins Wasser gedrängt. Cortes wollte ihnen mit einer Handvoll Soldaten zu Hilfe kommen, wurde im Gewühl am Bein verwundet und niedergeworfen. Schon legten mehrere Mexikaner Hand an ihn und hätten ihn unfehlbar gefangen genommen, wenn ihm Antonio de Quiñones nicht beigesprungen und ein anderer junger Spanier sich für ihn geopfert hätte. Trotzdem wollte Cortes noch nicht zurückweichen und mußte von mehreren Officieren mit Gewalt aus dem Getümmel fortgetragen werden. In diesem unglücklichen Gefechte kamen gegen 40 Spanier um und 62 wurden nebst vielen Verbündeten lebendig fortgeschleppt, um den Göttern geopfert zu werden. Am Abend hörte man die große Trommel in dem Tempel des Kriegsgottes, und ein langer Zug von Kriegern bewegte sich die hohe Treppenflucht hinauf zum Tempel. Da die Entfernung nicht sehr groß war und man die Plattform des Tempels ganz deutlich sehen konnte, so mußten die Spanier mit Entsetzen gewahren, wie die Mexikaner ihren unglücklichen Kameraden die Köpfe mit Federn schmückten und sie zwangen, vor dem Götzenbilde zu tanzen, und wie sie dieselben dann auf dem Opfersteine niederstreckten, ihnen mit Feuersteinmessern die Brust aufschlitzten, die zuckenden Herzen herausrissen und sie ihren Götzen darbrachten. Cortes spricht mit Entsetzen von dem Anblick dieser Gräuel, der das Herz seiner Soldaten erstarren machte.
Nach einer Ruhe von 8 Tagen wurde der Angriff erneuert und wurde beschlossen, weil kein anderes Mittel von Erfolg war, die Stadt, so weit man sie besetzt hatte, Haus für Haus niederzureißen; denn jedes diente den Vertheidigern als Festung. So dauerte nun Kampf und Zerstörung tagelang fort, auch Guatemotzins Palast ging in Flammen auf, die Hungersnoth wuchs, die Einwohner verzehrten Wurzeln, Kraut und selbst Holz; aber an Unterwerfung dachten die Azteken nicht. Sie wollten unter den Trümmern ihrer Hauptstadt begraben sein und den Fall des Reiches nicht überleben.
Die Belagerung währte vom 30. Mai bis zum 13. August, 75 Tage lang, und erreichte erst ihr Ende, als Guatemotzin bei seinem Versuch, in einem Boote über den See zu flüchten, von den Brigantinen eingeholt und gefangen genommen wurde. Die auswärtigen Krieger ließ Cortes auf Bitten des gefangenen Königs aus der Stadt abziehen. Drei Tage und Nächte waren die Dammstraßen mit großen Zügen von Männern, Weibern und Kindern bedeckt, die sich vor Entkräftung nur noch mühsam fortschleppten. Der Zustand der Stadt, welche nun allen Widerstand aufgab, war entsetzlich. Alle Häuser in dem Stadttheile, den Guatemotzin bis zuletzt behauptet hatte, waren mit Todten angefüllt, und was noch am Leben war, hatte kaum noch Kraft sich zu erheben. Der Verlust an Menschenleben wird auf 120,000 bis 240,000 angegeben. Dem Fall Mexiko’s folgte rasch die Unterwerfung aller Nachbarstaaten. Die Menge des erbeuteten Goldes belief sich auf 130,000 Goldcastellanos. Die goldenen Schilde und die kostbaren Federschmuckarbeiten als einzig in ihrer Art wurden mit allgemeiner Zustimmung an den König nach Spanien gesendet. Dann schritt Cortes zum Wiederaufbau der Stadt und zeigte darin sein organisatorisches Geschick. Viele Gräben wurden zugeschüttet, die Straßen breiter angelegt, aber die Hauptstraße der alten Stadt in ihrer Anlage erhalten. An Stelle des Tempels des Kriegsgottes erhob sich eine Kirche des heiligen Franciscus, welche seit 1573 durch eine prachtvolle Kirche, die Kathedrale der heiligen Maria de la Asuncion, ersetzt wurde. Eine starke Festung auf dem heutigen Matadoroplatze hatte auch den Zweck, die Brigantinen zu decken, welche im Falle eines Aufstandes wichtig waren für die Beherrschung des Sees. In wenigen Jahren waren bereits 2000 spanische Familien ansässig, denn der Zuzug von den Antillen und vom Mutterlande her wurde nach der Eroberung von Mexiko immer lebhafter. Im Jahre 1524 konnte Cortes die Größe der Einwohnerschaft schon zu 30,000 Seelen angeben. Die Zerstörung der alten Kultur, mit welcher zugleich das Gewerbe der Eingebornen zu Grunde ging, ist zwar zu beklagen, da mit dem Fall des Adels und der Priesterschaft alle höheren Bildungselemente verloren gingen; allein die Beseitigung der gräßlichen Menschenopfer und des Canibalismus ist höher anzuschlagen. Leider riß mit der Vernichtung der bisherigen staatlichen und socialen Ordnung eine beklagenswerthe Demoralisation des Volkes ein. Land und Leute wurden den Conquistadoren zugetheilt und die Eingeborenen geriethen in drückende Knechtschaft.[387] Doch nahm sich die spanische Geistlichkeit ihrer nach Kräften an und daher schlossen sich die Indianer leicht an die Priester an und ließen sich taufen.
23. Cortes als Statthalter von Neuspanien.
Unter den einheimischen Fürsten, welche sich dem siegreichen Spanier unterwarfen, befand sich auch der Beherrscher von Michoacan. Durch seine Abgesandten erhielt man zuerst zuverlässige Nachrichten über die Nähe der Südsee. Cortes sandte vier Spanier dahin, mit der bestimmten Weisung, nicht eher zurückzukehren, als bis sie für den König von Spanien von diesem Meere Besitz genommen. Zwei der Abgesandten führten den Befehl vollständig aus. Sandoval und Alvarado drangen mit Heeresabtheilungen in die südlichen Länder, namentlich nach dem reichen Thal von Oaxaca, welches später zur Hälfte dem Eroberer Mexiko’s als Privateigenthum zufiel und wovon er den Titel Marques de Valle erhielt. Dann wurden die Landschaften Colima im Westen und Tabasco im Südosten dem spanischen Gebiet einverleibt, selbst der Fürst von Guatemala zeigte seine Unterwerfung an. Cortes bezwang nach hartnäckigem Widerstand das Gebiet von Panuco und erweiterte damit den Küstenbesitz am Golf von Mexiko. Das westliche Weltmeer aber hatte für ihn eine besondere Anziehung, weil er hier, der Anschauung der Zeit huldigend, mit Gold und Spezereien gesegnete Inseln zu finden hoffte. Sowie die Landschaft Michoacan ihn als Oberherrn anerkannt hatte, befahl er in dem Hafen von Zacatula vier Schiffe zu bauen, um die Südsee zu erforschen. Leider brach noch während des Baues auf der Werfte Feuer aus und zerstörte die Fahrzeuge, sodaß der Plan einer Entdeckungsreise noch verschoben werden mußte.
Noch hatte Cortes von der spanischen Regierung kein Schreiben, keine Anerkennung seiner Verdienste erhalten. Fonseca war vielmehr immer noch der Ansicht, man müsse den Usurpator und Empörer absetzen. Ja, er unterzeichnete sogar am 11. April 1521 einen Verhaftsbefehl gegen Cortes und übertrug die Ausführung desselben dem Cristoval de Tapia. Als dieser in Vera Cruz ans Land stieg, ließ man nicht zu, daß er ins Innere zur Hauptstadt reise; er verstand sich dann auch dazu, seine Ausrüstung und Waffen gegen Bezahlung zurückzulassen und ging nach Cuba.
Erst im Jahre 1522, als Karl V. nach Spanien kam, und die Abgesandten des Cortes nebst den ausführlichen Berichten des glücklichen Eroberers auch die Kostbarkeiten und kunstreichen mexikanischen Arbeiten ihrem Könige vorlegen konnten, übertrug derselbe die Entscheidung der wichtigen Streitfrage einem besonderem Rathe, und dieser erklärte sich für Cortes. So wurde derselbe durch königliches Dekret vom 15. October 1522 als Statthalter und Oberbefehlshaber von Neuspanien bestätigt.
Von dem Augenblicke an fühlte sich Cortes erst sicher in dem errungenen Besitz und entwarf weitschauenden Blickes eine Reihe kühner Pläne zur festen Begründung der spanischen Macht in Mexiko und den Nachbargebieten und zur Erweiterung der Kenntniß von unbekannten Regionen, mit denen und durch welche eine Verbindung und ein Verkehr ihm für die Erweiterung seiner politischen Machtstellung in Neuspanien von großer Bedeutung schien. Aus den kleineren Streifzügen wurden unter diesen Gesichtspunkten bedeutende Entdeckungsfahrten und kühne Eroberungszüge, theils um die Ausdehnung der Südsee kennen zu lernen, theils um eine Verbindung des östlichen und westlichen Oceans, also eine +mittelamerikanische Meerenge+ ausfindig zu machen, theils um die Grenzen seiner Herrschaft nach Südosten bis zur Statthalterschaft des Pedrarias auszudehnen.
Die Idee einer Meerenge hat Cortes beschäftigt, seitdem ihm Montezuma eine Küstenkarte seines Reiches übergab. Alle Land- und Wasserexpeditionen, welche er in den ersten Jahren nach Bezwingung der Hauptstadt aussandte, hatten den Auftrag danach zu forschen. Von beiden Oceanen, von den gegenüberliegenden Küsten wurde zu gleicher Zeit nach dieser Meerenge gesucht.[388] Anfänglich glaubte er, sie in der Nähe des Goatzacoalcoflusses zu treffen, weil auf der mexikanischen Karte in dieser Gegend eine große Hafenbucht zwischen Gebirgen angegeben war. Der genannte Fluß ist an der Mündung ein Kilometer breit, weitet sich oft seenartig aus und hat selbst noch oberhalb der neuen Stadt Amatitlan einen Durchmesser, wie der Rhein bei Cöln.[389]
Als sich hier am Isthmus von Tehuantepec die gewünschte Durchfahrt nicht fand, richtete er seinen Blick auf die zweite Verengung des centroamerikanischen Landes, auf den Golf von Honduras, und sandte +Cristoval d’Olid+ (Dolid) dahin, um das Gebiet zu besetzen, weil, wie er an den König von Spanien schrieb, nach der Ansicht vieler Piloten dort eine Wasserstraße zum andern Meere führe, und es sein sehnlichster Wunsch sei, dieselbe zu entdecken, da eine solche Wasserverbindung für die Entwicklung der spanischen Macht von großer Bedeutung sei.[390] Mit der Expedition d’Olid’s sandte er zugleich seinen Vetter Hurtado de Mendoza mit drei kleinen Schiffen aus, welche, während Olid am Golf von Honduras eine Colonie gründete, die Küsten des caribischen Meeres bis nach Darien hin auf das Vorhandensein eines natürlichen Canals untersuchen sollten.
Später suchte Cortes die Straße weiter nordwärts. Nachdem Magalhães durch das Südmeer den Weg bis zu den Molukken gebahnt hatte, wuchs die Bedeutung einer solchen Straße in hohem Maße. Wie leicht konnte, wenn eine solche Meerenge in Mittelamerika vorhanden war, der Weg von Spanien nach den Gewürzinseln zurückgelegt werden. Es war nicht mehr ein auf haltlose Hypothesen gebautes nautisches Problem, wie zur Zeit des Columbus, welches den Eroberer Mexiko’s zu diesen Unternehmungen trieb, sondern ein weiter, staatsmännischer Blick; denn wenn sein neuspanisches Reich an die Hauptfahrbahn des Weltmeers gerückt wurde, mußte seinem Pflanzlande an einer solchen Weltstraße zwischen Europa und dem gewürzreichen Indien eine glänzende Entwicklung zu theil werden.
All sein Sinnen und Trachten ging nur darauf aus, diese höchstwichtige Straße zu finden.[391] Er suchte sie entweder zwischen Mexiko und Florida, oder zwischen Florida und Neufundland. Die Fahrt durch diese Straße würde den Weg zu den Gewürzländern bedeutend abkürzen und ganz sicher sein, weil er stets durch spanisches Gebiet führe.