Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen
Part 44
„Am nächsten Morgen zogen wir nach Mexiko. Die Dammstraße war acht Schritt breit, aber gegenwärtig für die Menge von Menschen, welche in die Stadt hineinwollten und aus derselben herausströmten, um uns zu sehen, viel zu enge, so daß wir uns kaum bewegen konnten. Alle Thürme und Opfertempel waren mit Zuschauern bedeckt, der ganze See lag voll von Fahrzeugen, die mit Neugierigen angefüllt waren. Wer wollte sich auch darüber wundern, da man Leute unserer Art und Pferde noch nie hier gesehen hatte. Von Strecke zu Strecke hatten wir eine neue Brücke zu passiren und vor uns dehnte sich die große Stadt Mexiko in all ihrer Herrlichkeit aus. Und wir, die wir durch die zahllosen Menschenmassen hinzogen, waren ein Häufchen von 450 Mann und hatten den Kopf noch voll von den Warnungen der Bewohner von Tlascala und anderer Städte, und von den Vorsichtsmaßregeln, die sie uns empfohlen, um unser Leben gegen die Mexikaner sicher zu stellen. Wenn man unsere Lage erwägt, darf man wohl fragen, ob es je Männer gegeben, welche ein so kühnes Wagestück unternommen haben.“[366]
20. Cortes in Mexiko.
Dieser denkwürdige Einzug in Mexiko geschah am 8. Nov. 1519. In der Hauptstraße der Stadt kam der König dem einrückenden spanischen Feldherrn mit einem glänzenden Gefolge von 200 Personen entgegen, sämmtlich barfuß, mit Ausnahme des Herrschers, welcher von Edelleuten in einem goldverzierten Sessel getragen wurde, über dem sich eine Art Thronhimmel, mit grünen Federn, Gold, Silber und edeln Steinen geschmückt, erhob. Als die Spanier nahten, verließ Montezuma seinen Sitz und schritt über ausgebreitete Decken den Fremden entgegen, angethan mit einer reichen, malerischen Kleidung, auf dem Kopf den Federbusch von grüner Farbe. Grün galt als die königliche Farbe. Seine mit Juwelen besetzten Halbstiefel hatten goldene Sohlen. Wie er durch die Menge daher schritt, durfte keiner zu ihm aufschauen; alle senkten demüthig den Blick. Cortes stieg, als er des Königs ansichtig wurde, vom Pferde, ging dem aztekischen Herrscher entgegen und hing ihm als Geschenk eine Kette von funkelndem Kristallglas um den Hals, er wollte ihn sogar umarmen, wurde daran aber durch die beiden begleitenden Fürsten, welche dem Kaiser zunächst standen, verhindert, damit die Person des Landesherrn nicht entweiht würde. Nachdem dieser dann für Cortes noch ein reiches Geschenk zurückgelassen, zog er sich mit seinem Gefolge zurück.
Mit Musik und fliegenden Fahnen hielten die Spanier ihren Einzug. Sechstausend Tlascalaner folgten ihnen. Inmitten der Stadt lagen an einem geräumigen Marktplatze der hohe Tempel des Kriegsgottes, da wo jetzt die Stiftskirche in Mexiko steht, und die weitläufigen Gebäude des Palastes, welchen der Vater Montezuma’s gebaut. Diesen wies Montezuma seinen Gästen als Wohnung an. Die besten Zimmer waren auch hier mit bunten baumwollenen Vorhängen bedeckt und der Fußboden mit Matten belegt. Cortes ließ den ganzen Gebäudecomplex, der durch die umgebende dicke Mauer und die Mauerthürme an sich schon einer Festung glich, mit Wachen besetzen und vor die Eingänge Kanonen aufpflanzen. Am Abend erschien Montezuma zum Besuch, erzählte dem Cortes ausführlich die Sage von Quetzalcoatl und erklärte schließlich: nach allem, was er bisher von den Spaniern über ihr Land und über ihren König gehört, glaube er ganz fest, dieser sei der rechtmäßige Herr von Mexiko.[367] Cortes möge daher über ihn und über sein Land verfügen.
Am nächsten Morgen erwiderte Cortes in Begleitung von vier Hauptleuten, Pedro de Alvarado, Juan Velasquez de Leon, Diego de Ordaz und Gonzalo de Sandoval, den Besuch. Der königliche Palast umschloß mehrere Höfe, in einem derselben spielte ein Springbrunnen. Der ganze Bau war aus behauenen Steinen ausgeführt. Die Wände der Gemächer waren mit Marmor, Jaspis und Porphyr belegt, in dessen glattpolirten Flächen man sich spiegeln konnte, oder sie waren mit kostbaren Webstoffen oder Federteppichen behängt, auf denen Vögel und Blumen eingestickt waren. Im Laufe des Gesprächs ließ Cortes durch den Dolmetscher erklären, er habe von seinem Herrn den Auftrag erhalten, Montezuma zum Christenthum zu bekehren und begann daher ihm die Grundlehren des Glaubens auseinanderzusetzen. Allein der König, welcher früher selbst das Amt eines Oberpriesters bekleidet hatte, wich einer weiteren Erörterung über die Vorzüge der beiden Religionen aus; doch wiederholte er auch hier seine Bereitwilligkeit, dem spanischen Könige als seinem Oberherrn Tribut zu bezahlen. Bernal Diaz, welcher im Gefolge des Cortes dieser Audienz beiwohnte, gibt bei dieser Gelegenheit folgende Beschreibung von der Person Montezuma’s.[368]
„Der große Montezuma mochte um diese Zeit in seinem vierzigsten Jahre stehen. Er hatte eine ansehnliche Statur, war von schlankem Wuchs, etwas mager von Gliedern, aber in den besten Verhältnissen gebaut. Seine Farbe fiel nicht sehr ins Braune, sondern streifte blos an das Colorit der Indianer. Die Haare trug er nur über den Ohren stark, welche ganz von den Locken bedeckt wurden. Er hatte einen schwachen, aber wohlaussehenden, schwarzen Bart. Sein Gesicht war länglich und heiter, und seine wohlgeformten Augen drückten, je nachdem es paßte, Liebe und Ernst aus.“
Die Spanier richteten sich dann, mit Genehmigung des Königs, in ihrem Palaste eine christliche Kapelle ein, entdeckten dabei eine vermauerte Thür und dahinter den verborgenen Privatschatz des Königs. Nachdem eine Woche verstrichen war, entschloß sich Cortes, den aztekischen Herrscher gefangen zu nehmen. Den Vorwand dazu boten die Ereignisse in seiner Station an der Küste, wo Juan de Escalante mit 150 Mann als Besatzung zurückgeblieben war. Ein benachbarter Cazike hatte dieselbe verrätherisch überfallen, mehrere Spanier getödtet und den Befehlshaber tödtlich verwundet. Mit mehreren zuverlässigen Leuten ging Cortes zu Montezuma, sowie er von diesen Vorfällen benachrichtigt war, und beschuldigte denselben als geheimen Urheber des Verraths, auch verlangte er die Bestrafung des Caziken. Montezuma sagte dieses bereitwillig zu und ließ den Frevler sofort nach der Hauptstadt zur Verantwortung rufen. Damit noch nicht zufrieden, forderte Cortes, der König solle solange, bis die Sache entschieden sei, in dem Palaste der Spanier seine Wohnung nehmen. Montezuma bot seinen Sohn und seine Töchter als Geißeln an; aber Cortes ging nicht darauf ein, sondern bestand darauf, daß nur die eigne Person des Königs den Spaniern in der Hauptstadt die nöthige Sicherheit gewähren könne. Als dieser Wortwechsel schon eine gute halbe Stunde gedauert hatte, verloren die Officiere des Cortes die Geduld und Velasquez de Leon rief erregt: „Wozu noch viele Worte! Entweder geht er freiwillig mit uns, oder wir stoßen ihn nieder. Denn hier kömmt es darauf an, unser eignes Leben zu retten; und geschieht es nicht auf diese Weise, so sind wir unfehlbar verloren.“[369]
Durch diese Drohung erschreckt, gab Montezuma nach und ging mit. Dem Volke, das sich zusammenrottete, gab er die Erklärung, er gehe freiwillig. Man behandelte ihn ehrfurchtsvoll, wie den Herrn eines großen Reichs und ließ ihm seinen ganzen Hofstaat sammt dem ceremoniellen Gepränge. Er ertheilte in gewohnter Weise Audienzen und stand mit seinem Volke ununterbrochen in Verkehr.[370] Es +schien+ fast keine Veränderung eingetreten, aber Montezuma selbst empfand sie tief.
Als der aztekische Statthalter Quauhpopoca (Cortes schreibt Qualpopoca), welcher die Spanier an der Küste überfallen hatte, auf Befehl Montezuma’s mit seinem Sohne und 15 Hauptleuten in der Hauptstadt erschien, wurde er Cortes zur Verurtheilung übergeben. Sie gestanden alle, daß Montezuma sie zu dem Ueberfall veranlaßt habe, und wurden dann auf dem großen Platze vor dem Palaste verbrannt. Während der Hinrichtung ließ Cortes den König als Urheber des Verraths in Fesseln legen. Wenn es nun auch nach dieser Demüthigung Montezuma freigestellt wurde, in seinen eignen Palast zurückzukehren, so wagte er es doch nicht mehr aus Furcht, die Azteken möchten sich dann gegen die Fremden erheben und er könne dem Ingrimm seines Volks keinen Einhalt gebieten. Er zog es also vor, unter dem Schutze der Spanier zu bleiben. Da beschloß der Neffe des Königs, Cacama, Fürst von Tezcuco, einer großen Stadt am östlichen Seeufer, welche etwa 150,000 Einwohner zählte, der unwürdigen Behandlung des Landesherrn mit Gewalt ein Ende zu machen. Aber da der Adel ohne Zustimmung Montezuma’s nichts unternehmen wollte, so erfuhr auch Cortes von dem Plan, ließ Cacama mit Hilfe von tezcucanischen Edelleuten, die im Dienste Montezuma’s standen, gefangen nehmen und durch seinen Oberherrn für abgesetzt erklären. Auch die übrigen Verschworenen wurden auf Montezuma’s Befehl verhaftet. Dann leistete dieser in öffentlicher Versammlung der Caziken und Vornehmen den Huldigungseid dem Könige von Spanien, wobei er darauf hinwies, daß die Prophezeihung Quetzalcoatl’s nun in Erfüllung gegangen sei. Er schloß seine Ansprache an die Häuptlinge des Landes mit den Worten: „Gehorchet also von nun an dem großen König Karl als eurem natürlichen Oberherrn, und dem General, der ihn vertritt. Bezahlt ihm die Abgaben, die ihr mir entrichtet habt und dienet ihm, wie ihr mir gedient habt.“[371] Montezuma sprach unter Thränen und Seufzern, er fügte sich fatalistisch ergeben in sein Geschick. Cortes ließ die Akte der Unterwerfung von einem Notar aufsetzen und von beiden Parteien unterzeichnen.
Von eingebornen Beamten begleitet, zogen dann die Spanier weit und breit durchs Land, um Steuern zu erheben und den Tribut für den König von Spanien in Empfang zu nehmen. Sie drangen bis zu 100 Meilen Entfernung von der Hauptstadt ohne Schwierigkeit vor und kehrten mit Gold und Silber beladen zurück. Montezuma fügte dem aus seinem Privatschatze noch andere Kostbarkeiten hinzu. „Die Kleinodien,“ schrieb Cortes, „sind, abgesehen von ihrem Metallwerth, wegen ihrer Neuheit und eigenartigen Form unschätzbar. Kein Fürst der Welt kann dergleichen haben. Alles, was Montezuma auf der Erde gesehen, oder aus der Tiefe des Meeres gezogen, wurde auf seinen Befehl in Gold, Silber, Edelsteinen und bunten Federn aufs vollkommenste nachgebildet. Er hat auch nach meinen Zeichnungen Crucifixe, Medaillen, Kleinodien und Halsbänder nach europäischem Geschmack anfertigen lassen. Außerdem hat mir Montezuma eine große Menge baumwollner Stoffe von der größten Schönheit, sowohl wegen der Farbe als der Arbeit, ferner Tapeten für Kirchen und Wohnhäuser, baumwollne und aus Kaninchenwolle gefertigte Decken, sowie zwölf prächtig verzierte und gemalte Blasrohre geschenkt.“[372] Ungerechnet die feinern Kunstarbeiten, die nicht eingeschmolzen wurden, betrug von den übrigen Tributen und Geschenken der königliche Quint 32,400 ~pesos d’oro~.
Um eine genauere Vorstellung von der Größe des Landes und seiner Küsten zu bekommen, namentlich, um die Ankerplätze ausfindig zu machen, ließ sich Cortes vom Kaiser eine auf Nequenstoff gemalte Karte geben.[373] Durch die dadurch gewonnene Kenntniß wuchs der Einfluß der Spanier im Lande immer mehr, und es schien, als ob sich der Uebergang der Herrschaft allmählich und auf friedlichem Wege vollziehen sollte. Da trat aber ein Ereigniß ein, durch welches Cortes genöthigt wurde, die Hauptstadt zu verlassen und die bereits gewonnene Machtstellung gegen die eignen Landsleute zu vertheidigen.
21. Cortes siegt über Panfilo de Narvaez.
Der Statthalter von Cuba, Velasquez, hatte, nachdem sich Cortes mit seinem Heere von ihm losgesagt, die Hoffnung noch nicht aufgegeben, den abtrünnigen Befehlshaber zu bezwingen und das Goldland Mexiko für sich zu gewinnen. Seine in Spanien angebrachte Beschwerde hatte bei Fonseca Gehör gefunden, welcher in folge dessen die Abgesandten des Cortes nicht, wie sie erwartet hatten, empfing, sondern ihr Anliegen verschob. Velasquez rüstete inzwischen ein neues Heer in der Stärke von wenigstens 800 Mann, darunter 80 Musketiere und 120 Armbrustschützen, ferner 80 Reiter und 17 bis 18 Kanonen und übergab das Commando dem +Panfilo de Narvaez+, mit dem Befehl, Cortes abzusetzen und gefangen nach Cuba abzuführen. Sobald der Vicekönig von Haiti, Diego Colon, von diesen Rüstungen hörte, sandte er einen gewandten Mann, den Licentiaten Lucas Vasquez de Ayllon nach Cuba, um dem dortigen Statthalter zu bedeuten, daß er unter keinen Umständen gegen Cortes feindlich auftreten dürfe, um den Erfolg des so glänzend begonnenen Unternehmens nicht in Frage zu stellen. Als Velasquez auf diese Vorstellungen nicht eingehen wollte, hielt sich Ayllon für verpflichtet, die bereits segelfertige Flotte von 18 Schiffen nach Mexiko zu begleiten. Narvaez kam am 23. April 1520 an dieselbe Stelle der mexikanischen Küste, bei der heutigen Stadt Vera Cruz, wo auch Cortes gelandet war. Als auch hier Ayllon seinen Protest gegen ein feindliches Vorgehen wiederholte, ließ Narvaez ihn auf ein Schiff bringen und nach Haiti zurückschaffen, wo er dem Vicekönige über die Verhältnisse Bericht erstattete. Da dieser sich durch die seinem Gesandten angethane Beleidigung in seiner Autorität verletzt sah, führte er beim königlichen Gerichtshof in Spanien gegen Velasquez und Narvaez Beschwerde. Er nahm also für Cortes Partei, was für diesen in der Folgezeit von Wichtigkeit wurde und eine ihm selbst günstige Entscheidung herbeiführte.
Nachdem Narvaez mit seinem Heere gelandet war, forderte er den Befehlshaber von Villa Rica, Gonzalo de Sandoval, auf, sich ihm zu ergeben und den Platz zu überliefern. Dieser aber schickte die Gesandten, den Priester Guevara und fünf andere Spanier, gebunden auf dem Rücken indianischer Lastträger direct nach Mexiko, welches sie in vier Tagen erreichten, um ihren Auftrag persönlich an Cortes auszurichten. Dieser ließ die unfreiwilligen Gesandten vor der Stadt beritten machen, damit sie würdig einziehen könnten, und empfing sie sehr höflich. Nachdem er ihnen die Verhältnisse in der Hauptstadt auseinandergesetzt hatte, gewann er sie bald alle für sich und schöpfte auch aus den Mittheilungen der Gesandten die Hoffnung, das gegen ihn ausgeschickte Heer zu gewinnen. Man fürchte, sagte man ihm, nur den Feldherrn Narvaez; allein sein Einfluß sei nicht groß, da er sich durch seine Anmaßung und seinen Geiz viele entfremdet habe.
Cortes entsandte darauf den klugen Pater Olmedo mit einem versöhnlichen Briefe an Narvaez, in welchem er ihm Waffenbrüderschaft und Theilung der Macht anbot. Außerdem waren für die Officiere des gelandeten Heeres reichliche Goldgeschenke beigelegt. Die Erzählungen und Berichte Guevara’s und Olmedo’s gewannen die Soldaten bald für Cortes, aber Narvaez wollte von einem Vergleiche nichts wissen. Ohne die Antwort abzuwarten, deren Inhalt ihm nicht zweifelhaft sein konnte, beschloß Cortes, seinem Rivalen entgegenzurücken, ehe er Zeit gewinnen könne, ins Innere vorzudringen. Nachdem er den König Montezuma unter der Obhut des tapferen und zuverlässigen Pedro de Alvarado mit 140 Mann und allem Geschütz zurückgelassen hatte, brach er selbst mit nur 70 seiner tapfersten Leute und 2000 Indianern, welche gegen die Reiter des Narvaez mit langen Lanzen bewaffnet waren, im Mai 1520 von der Hauptstadt auf, traf in Cholula mit einer Abtheilung seines Heeres, welche, 120 Mann stark, unter Velasquez de Leon südlich von Vera Cruz einen Hafen hatte aufsuchen sollen, aber auf die Nachricht von der Landung des Narvaez zurückgerufen war, zusammen, begegnete in der Nähe von Tlascala seinem zurückkehrenden Gesandten Olmedo und verfügte nun, nachdem in der Nähe des Pico de Perote noch Sandoval von Villa rica mit 60 Mann zu ihm gestoßen war, über eine Streitmacht von etwa 260 Spaniern. Mit diesen rückte er dem Narvaez, welcher bei Cempoalla lagerte, kühn entgegen. In einer regnerischen, dunkeln Nacht, am Abend vor Pfingsten, überfiel er seinen Gegner, dessen Stellung er genau ausgekundschaftet hatte. Er benutzte die Nacht, damit seine Gegner nicht durch die geringe Zahl seiner Mannschaft zu stärkerem Widerstande gereizt würden. „Als wir eindrangen,“ erzählt Bernal Diaz, „war es stockfinster und es regnete stark, und erst später ging der Mond auf; aber auch die Finsterniß war uns von großem Nutzen, denn in der dunklen Nacht flogen eine Menge Leuchtkäfer umher, die von Narvaez’ Leuten für Lunten zum Losbrennen der Musketen gehalten wurden und ihnen daher einen ganz besonderen Begriff von der großen Zahl unserer Feuergewehre beibrachten.“[374] Cortes wußte genau das Quartier des feindlichen Heerführers und kam unbemerkt bis in den Hof des Hauses, wo erst die Gegner allarmirt wurden. Sandoval drang in das Thurmzimmer ein, wo Narvaez wohnte. Im nächtlichen Getümmel verlor dieser durch einen Lanzenstich ein Auge und wurde gefangen genommen. Der Kampf gegen seine Truppen dauerte nur kurze Zeit, ihr Widerstand hörte mit der Gefangennahme des Feldherrn auf. Nur zwei Spanier waren gefallen. Die Soldaten huldigten Cortes, welcher den verwundeten Gegner und seine entschiedensten Anhänger nach Villa rica bringen ließ. Erst am nächsten Morgen kamen die 2000 indianischen Hilfstruppen an, welche Cortes am Kampfe gegen seine Landsleute nicht hatte theilnehmen lassen, damit sie sich nicht eines Sieges über die Weißen rühmen könnten. Es war ein leicht errungener Erfolg gewesen. „Ich kann Euch versichern,“ hatte Cortes zu dem gefangenen Narvaez gesagt, „daß dieser Sieg eine der geringsten Waffenthaten ist, die wir in Neu-Spanien verrichtet.“ Aber der Sieg war trotzdem von höchster Bedeutung, weil ohne ihn die begonnene Unterwerfung des aztekischen Reichs unmöglich gewesen wäre.
Kurze Zeit darauf erhielt Cortes eine Nachricht, welche ihn veranlaßte, so rasch als möglich nach Mexiko zu eilen. Alvarado hatte bei einem großen Opferfeste in der Stadt, welches angeblich von den Mexikanern hatte benutzt werden sollen, um ihren König wieder zu befreien, allzurasch zu Gewaltmaßregeln sich hinreißen lassen, auf die versammelte Menge einzuhauen befohlen und ein Blutbad angerichtet, wobei viele vom aztekischen Adel niedergestoßen waren. In folge dessen erhob sich die ganze Stadt und griff die spanische Besatzung in ihrem Palaste so energisch an, daß Alvarado Boten entsenden und den Oberfeldherrn um schleunige Hilfe bitten mußte. Die Kranken und Verwundeten in Cempoalla zurücklassend, eilte Cortes mit seiner ganzen Macht auf das Tafelland zurück. In Tlascala hielt er kurze Rast und musterte sein Heer. Er verfügte wieder über eine Streitmacht von 1300 Mann, darunter 90 Reiter, 80 Armbrustschützen und ebensoviel Musketiere. Je näher er der Hauptstadt kam, um so kühler wurde der Empfang von seiten der Bewohner. Alvarado war seit vierzehn Tagen in seiner Festung belagert. Als Cortes am Johannistage 1520 wieder in die Hauptstadt einrückte, empfing ihn nicht mehr eine neugierige Volksmenge, wie das erste Mal. Alle Bewohner hielten sich scheu zurück. Die Stadt schien wie verödet.
22. Der Kampf um Mexiko.
Bald nachdem Cortes sich mit Alvarado vereinigt hatte, erfolgte ein wüthender Angriff auf die Festung, der bis zur Nacht andauerte, aber durch die Kanonen abgeschlagen wurde. Die Brustwehren und Hauswände waren mit Pfeilen dermaßen bedeckt, daß man kaum gehen konnte. Die Menge der Schleudersteine verdeckte fast den ganzen Boden der Palasthöfe. Am nächsten Morgen machten die Spanier einen Ausfall und begannen einen erbitterten Kampf gegen die dichten Massen der Indianer. Sie feuerten Schuß auf Schuß gegen sie, sie rückten dicht an sie heran und stießen in jedem Anlauf 30 bis 40 Indianer nieder; umsonst, die Feinde behaupteten ihre Stelle und ihre Kraft schien eher zu wachsen als abzunehmen. Von den Dächern der Häuser warf man große Steine auf die Weißen. Cortes ließ zwar, um seine Gegner zu vertreiben, die nächsten Häuser anzünden; allein da dieselben durch Wassergräben von einander getrennt waren, so verbreitete sich das Feuer nicht weiter.
Da ein fortgesetzter Kampf aus dem Innern der Stadt für die Spanier völlig nutzlos war, so forderte Cortes den König auf, sich seinem Volk zu zeigen und demselben zu erklären, daß die Fremden bereit seien, die Stadt zu verlassen, wenn man ihnen unbelästigten Abzug gestatte. Nach einigem Zögern erschien Montezuma in vollem königlichen Schmucke auf der Plattform des Thurmes. So wie das Volk seiner ansichtig wurde, trat eine ehrfurchtsvolle Stille ein. Er erklärte laut: er sei kein Gefangener und die Spanier wollten abziehen. Aber das erzürnte Volk nahm die Worte des Herrschers für ein Zeichen von Feigheit und rief ihm zu, sie hätten seinen Vetter, den Fürsten von Iztapalapan, auf den Thron gehoben und geschworen, die Waffen nicht eher niederzulegen, als bis alle Spanier getödtet seien. Ein Hagel von Steinen und Geschossen begleitete diese Worte. Ehe die neben dem Könige stehenden Spanier ihn mit ihren Schilden decken konnten, erhielt er mehrere Wunden und wurde durch einen Steinwurf an den Kopf besinnungslos niedergeworfen.[375] Diese Demüthigung durch sein eignes Volk empfand Montezuma so tief, daß er, als er aus seiner Betäubung erwacht war, alle ärztliche Hilfeleistung von sich wies, den Verband abriß und am dritten Tage starb, am 30. Juni 1520. Mit seinem Tode hörte auch der letzte Rest von Rücksicht auf, welche die Azteken um ihres Königs willen noch an den Tag gelegt. Ihr Ziel war auf die vollständige Vernichtung ihrer gefährlichen Feinde gerichtet, und zu dem Zwecke hatte man auch die Dammbrücken beseitigt, um den Spaniern den Rückzug abzuschneiden. Dazu gingen die Lebensmittel aus. Cortes mußte den Abmarsch vorbereiten und ließ zu dem Vorhaben eine tragbare Brücke zimmern, um damit die Dammbrücken, eine nach der andern, überschreiten zu können. Bei dunkler Nacht, am 1. Juli 1520, brach Cortes mit seinem Heere auf und schlug den Weg über den westlichen Damm ein. Die Töchter des Montezuma und den Fürsten Cacama nahm er als Gefangene mit. Da die Goldschätze wegen ihres bedeutenden Gewichtes nicht auf einmal zu transportiren waren, so ließ er nur den königlichen Antheil aufpacken; von dem übrigen Vorrathe konnte sich jeder Soldat nehmen. Doch warnte der Feldherr, sich nicht zu sehr zu beladen. Mancher wurde durch seine Habgier ins Verderben gezogen, wenn er in dem Gedränge des nächtlichen Kampfes durch seine Goldlast in der Führung seiner Waffen gehemmt wurde. Ebenso kamen alle Tlascalaner ums Leben, denen der Kronschatz anvertraut war.