Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen

Part 43

Chapter 433,412 wordsPublic domain

Nach ihnen rückten von Nordwesten die +Chichimeken+ ein und wählten die Ostseite des Sees von Mexiko zu ihrer Hauptansiedlung, wo sie die Stadt Tezcuco gründeten. Dort verschmolzen sie mit den Acolhuern oder Acolhuas. Ihre Herrschaft unterlag wieder unter den Angriffen eines verwandten kriegerischen Stammes, der +Tepaneken+, bis sie sich mit Hilfe der Azteken in Mexiko wieder befreiten und sich mit diesen verbanden. Als letzter Zug der Einwanderer treten die +Azteken+ auf, welche wahrscheinlich erst im Anfang des 14. Jahrhunderts die Stadt Tenochtitlan (Mexiko) auf einer Insel im See gründeten. Allmählich erst gelangten sie zu bedeutenderer Macht, hatten aber zur Zeit der Ankunft der Spanier durch ihre Kriegstüchtigkeit ihre Herrschaft von einem Meere zum andern ausgebreitet, und dabei zahlreiche fremde, nicht verwandte Stämme unterworfen, ohne aber in der verhältnißmäßig kurzen Zeit trotz ihres Gewaltregiments die verschiedenartigen Volkselemente mit einander verschmelzen zu können. Eine blutige Schreckensherrschaft lastete auf dem weiten Länderraume zwischen dem Golf von Mexiko und der Südsee, denn die Azteken verlangten für ihre Götzenaltäre zahllose Menschenleben von den unterworfenen Stämmen. Man gibt die Zahl der Menschenopfer auf jährlich 20,000 an. Die Schädel der Geschlachteten wurden zu Pyramiden aufgethürmt; Spanier aus dem Gefolge des Cortes wollten an +einem+ Orte 136,000 Schädel gezählt haben.

Nur Furcht und Schrecken hielt das große Reich zusammen; ein Angriff von außen mußte viele nach Befreiung seufzende Völkerstämme in das Lager der Feinde treiben. So fiel nach diesem Gesichtspunkte die Ankunft des Cortes in eine ihm günstige Zeit, und es stand zu erwarten, daß er nach den ersten bedeutenden Waffenerfolgen den aztekischen Staatsverband lockern und manche der unterworfenen Völker auf seine Seite ziehen werde.

Aus einer ursprünglich aristokratischen Regierung hatte sich bei den Azteken ein fast unumschränktes Königthum entwickelt. Wenn die Könige auch nur durch Wahl, welche von den vier vornehmsten Adligen vollzogen wurde, auf den Thron gelangten, so blieb doch die höchste Würde stets in derselben Familie. Bei Hofe war ein ängstliches Ceremoniell und morgenländisches Gepränge eingeführt, den unmittelbaren Dienst bei der Person des Monarchen versah der zahlreiche Lehnsadel.

Der Nationalgott der Azteken (man zählte an 2000 Localgötter), Huitzilopochtli[359], war der zur Gottheit erhobene erste Anführer gewesen, der das Volk nach Anahuac geführt. Er verlangte die meisten Menschenopfer. Dagegen war Quetzalcoatl, ursprünglich ein Priester und Reformator der Tolteken in Tula, aus dem Lande vertrieben, weil er die Menschenopfer abschaffen wollte, und sollte der Sage nach an der östlichen Meeresküste im niedrigen Waldlande am Goatzocoalco verschwunden sein. Später verehrte man ihn als einen Gott der Luft, als den Wohlthäter des Volkes, welches ihm die Kunst des Landbaues und der Metallbearbeitung verdankte. Man dachte ihn sich von hoher Gestalt, mit +weißer+ Hautfarbe und wallendem Barte. An das östliche Meer vertrieben, schiffte er sich dort auf einem aus Schlangenhaut gefertigten Zauberschiffe ein, nachdem er feierlich erklärt, er werde dereinst zurückkehren und sein Reich wieder in Besitz nehmen. An seine baldige Wiederkunft glaubte das ganze Volk. Die Unterdrückten und selbst der König sahen in Cortes die Prophezeihung verwirklicht.

Die von den Tolteken geschaffene materielle Kultur hatten die Azteken weiter entwickelt. Der Landbau stand in hoher Blüte; außer Mais, Baumwolle und Pfeffer baute man die Aloe (Magnay) an, deren Blattfasern Papier, deren Saft den berauschenden Pulquewein lieferte, erntete Cacao, deren Bohnen als kleinste Münze cursirten, oder zur Bereitung des Chocolatl (Chokolade) verwendet wurden, und Vanille. Bananen boten die beliebteste Frucht, den Tabak rauchte man aus Pfeifen oder in Form von Cigarren. Der Bergbau wurde eifrig betrieben, doch verstand man die Gewinnung des Eisens nicht und bediente sich zu Messern und Schwertern der scharfen Splitter des glasartigen Obsidians. Die Töpferei war allgemein verbreitet, Trinkschalen schnitzte man aus Holz, bemalte sie und überzog sie mit Firniß. Sehr geschickt waren die Handwerker in der Herstellung buntfarbig gestickter Baumwollgewänder, wie in den zum Schmuck dienenden prächtigen Federarbeiten. Ein lebhafter Marktverkehr fand zu bestimmten Zeiten in den Städten statt, und durch das ganze Land zog sich ein Netz von mit Posthäusern besetzten Straßen. Eilboten beförderten die Befehle der Regierung. Die militärische Einrichtung war durch Bildung von Kriegerorden und Abzeichen am Kleide darauf berechnet, den Ehrgeiz anzustacheln. Die Soldaten trugen ein dichtes Baumwollkleid, welches die leichten Wurfgeschosse nicht durchdringen ließ. Die Brust der Führer war außerdem durch goldene oder silberne Platten gedeckt. Man trug hölzerne, zuweilen mit Silber belegte und mit Federn geschmückte Helme, außerdem auch Arm- und Beinschienen. Das Heer war in Armeecorps von 8000 Mann und diese wieder in Compagnien zu 3-400 Mann abgetheilt. Die Waffen bestanden aus Schwertern, Lanzen, Keulen, Bogen und Pfeilen und Schleudern. Wenn es zur Schlacht ging, trug der Feldherr die Standarte. Im Kampfe war man vor allem darauf bedacht, Gefangene zu machen, um sie den Götzen zu opfern.

Unter den Wissenschaften, welche von den Priestern gepflegt wurden, hatte die Eintheilung des Sonnenjahres in 18 Monate zu 20 Tagen, wozu am Ende des Jahres noch fünf Ergänzungstage kamen, religiöse Bedeutung, weil danach die Opfer- und Feiertage geregelt wurden. Eine farbige Bilderschrift wurde auf die Faserstoffe der Agave, auf baumwollene Tücher oder sorgfältig bereitete Häute aufgetragen. Auch verstand man auf dem gleichen Material große Karten des Reichs, der Provinzen und der Küsten zu zeichnen. Cortes zog eine solche Karte auf seinem Feldzuge nach Honduras zu Rathe.

Seit 1502 regierte der König Montezuma (Cortes schrieb Muteczuma). Ehrgeizig, wie alle aztekischen Fürsten auf die Ausbreitung ihres Reiches und ihres Cultus bedacht, denn er hatte die Stelle eines Oberpriesters bekleidet, hatte er, allzueifrig und unbesonnen, den Krieg in zu entfernte Landstriche getragen, bevor er alle seine Feinde in der Nähe vollständig bezwungen hatte. So war er mit seinem Heere bis Guatemala und Honduras (Vera-Paz), vielleicht sogar bis Nicaragua vorgedrungen und hatte doch die Tlascalaner, in der östlichen Nachbarschaft seiner Hauptstadt, nicht unterworfen. Ernst, zurückhaltend, stolz, hatte er sich die Gemüther des Volkes entfremdet und schlich mistrauisch, wie man es ähnlich von Harun al Raschid erzählt, des Nachts vermummt durch die Gassen seiner Residenz, um die Stimmung zu belauschen, angeblich um den ihm etwa verheimlichten Misbräuchen in der Verwaltung auf die Spur zu kommen. Aus Mistrauen hatte er seine Verwandten beseitigt, um des Thrones sicherer zu sein und ließ sich den Spaniern gegenüber dann doch durch seinen Aberglauben entwaffnen.[360]

Dieser Aberglaube bezog sich auf die bereits berührte Sage von der Wiederkunft des Quetzalcoatl. Allerlei Zeichen deutete das Volk auf die baldige Erfüllung dieser Prophezeihung. Der Thurm des Haupttempels war abgebrannt, im Osten war ein seltsames Licht aufgegangen, drei Kometen waren am Himmel erschienen u. dgl. mehr.

Im Jahre 1516 starb der Fürst von Tezcuco; in dem nun ausbrechenden Thronstreite begünstigte Montezuma den +Cacama+ und wußte ihm das Haupterbtheil nebst der Hauptstadt zuzuwenden, während die nördliche Hälfte an den zweiten Sohn +Ixtlixochitl+ fiel, den sich der aztekische König dadurch zum Feinde machte.

Unter diesen Ereignissen kam die Kunde von der Landung der Spanier. Das Volk sah in ihnen die Erben des vertriebenen Gottes. Montezuma berief seine Räthe. Die muthigen verlangten energischen Kampf, die bedächtigen riethen zum Frieden. Montezuma wollte selbständig scheinen und schlug einen gefährlichen Mittelweg ein. Auf die Botschaft des Cortes antwortete er mit reichen Geschenken und mit der Bitte, den beabsichtigten Besuch in der Hauptstadt zu unterlassen. Aber diese wunderbaren Geschenke reizten die Spanier nur noch mehr.[361]

Den Wunsch Montezuma’s, die Spanier möchten mit diesen reichen Geschenken heimkehren, befolgte Cortes nicht, er erwiderte vielmehr: er habe den Auftrag erhalten, den König selbst zu sprechen. Eine zweite mexikanische Gesandtschaft erschien mit neuen Gaben und wiederholte das frühere Gesuch. Umsonst. Die Spanier blieben, aber sie mußten bald empfinden, daß die Beziehungen zu dem aztekischen Fürstenhofe kühler wurden. Die Indianer verließen die Nähe des spanischen Lagers, sie lieferten keine Lebensmittel mehr und brachten dadurch die Fremden in eine schwierige Lage. Da erschienen glücklicherweise mehrere Totomaken, ein von den Azteken physisch und sprachlich verschiedener Volksstamm, welcher nördlich von Vera Cruz an der Küste wohnte und erst kürzlich von Montezuma unterworfen war, und luden Cortes zu einem Besuch in ihrer Stadt Cempoalla ein. Der spanische Heerführer erkannte daraus, daß das Reich Montezuma’s manche widerstrebende Elemente umfaßte, welche er für sich gewinnen konnte. Ehe er aber diese Einladung annahm, wurde in Vera Cruz eine förmliche Stadt mit spanischen Einrichtungen gegründet. Dieselbe erhielt in glücklicher Verbindung der beiden Hauptziele der Spanier: Gold und Christenthum, den Namen „Die reiche Stadt des wahren Kreuzes“ (~Villa rica de la vera cruz~). Vor dem aus seinen Getreuen zusammengesetzten Rathe der neuen Stadt legte Cortes dann, indem er sich erlaubte, eine kleine Komödie aufzuführen, das ihm von Velasquez anvertraute Amt feierlich nieder. Der Rath ernannte ihn natürlich sofort „im Namen der spanischen Majestät“ zum obersten Feldherrn und Richter und damit war das Abhängigkeitsverhältniß von der Statthalterschaft Cuba als gelöst zu betrachten. Die neue Colonie stellte sich unmittelbar unter die spanische Krone. Die Anhänger des Velasquez, welche sich dadurch überrumpelt sahen, rotteten sich zusammen; aber Cortes ließ die Rädelsführer in Ketten werfen und beugte einem Aufstande vor. Dann marschirte er nach Cempoalla. Damals zählte der Ort wenigstens 20-30,000 Einwohner, jetzt ist er verfallen. Die Spanier wurden festlich empfangen und die Totomaken begaben sich unter die spanische Botmäßigkeit. An Stelle der Götzentempel wurden christliche Altäre errichtet und die Einwohner ließen sich taufen. Hier erfuhr Cortes auch genauere Nachrichten von der feindlichen Stellung des tlascalanischen Staats zu den Azteken.

Das Zerwürfniß, welches zwischen beiden Stämmen herrschte, bestärkte den kühnen Spanier in seinen Eroberungsplänen. Aber ehe er ins Innere des Landes hineindrang, mußten an der Küste die Verhältnisse geordnet und befestigt werden. Mit Zustimmung der Soldaten wurde der ganze bisher erworbene Schatz an Gold und Schmuck an den König von Spanien gesendet; auch mußte der Rath von Villa rica denselben ersuchen, Cortes als Oberfeldherrn zu bestätigen. Am 26. Juli 1519 ging Alaminos mit einem Schiffe nach Spanien; er hatte zwar die strengste Weisung erhalten, direct nach der Heimat zu steuern, trotzdem lief er in Cuba an, und so erhielt Velasquez die ersten zuverlässigen Nachrichten über den Abfall der Truppen und beschloß die Empörer zu züchtigen. Seine Partei im Heere des Cortes erhob sich von neuem, sie wollten sich von Cortes trennen und heimlich nach Cuba zurückkehren. Dadurch wäre dessen Macht zersplittert, sein großer Plan erschwert. Die Hauptanstifter wurden mit dem Tode bestraft, und um ähnlichen Verschwörungen für alle Zeiten ein Ende zu machen, griff der Feldherr zu dem verzweifelten Mittel und ließ die Flotte, mit Ausnahme eines einzigen kleinen Schiffes, auf den Strand laufen, nachdem ein ihm willkommenes Gutachten dieselbe für nicht mehr seetüchtig erklärt hatte. Alles brauchbare Geräth, alles Eisen wurde ans Land geschafft. Bernal Diaz (I, 52), indem er die Erzählung des Historikers Gomara corrigirt, welcher behauptete, Cortes habe die Fahrzeuge +heimlich+ versenken lassen, schreibt dagegen: „Es ist weltkundig, daß Cortes die Schiffe mit +Zustimmung der ganzen Mannschaft+ und vor aller Augen auf den Strand laufen ließ, damit auch die Seeleute an unserem Feldzuge theilnehmen könnten.“ So war also der Rückzug abgeschnitten; es gab fortan nur noch ein Ziel: die feindliche Hauptstadt zu erobern, zu siegen oder zu fallen.

Nachdem in Villa rica 150 Mann und 2 Reiter als Besatzung zurückgelassen waren, brach Cortes am 16. August mit 300 Spaniern, 1300 totomakischen Kriegern, 1000 Trägern, 15 Reitern und 7 Geschützen auf und marschirte ins Bergland nach Westen. Durch das tropische Küstenland kam der Zug in zwei Tagen nach Jalapa, wo in einer Höhe von 1300 Metern die Palmen verschwinden. Je höher man stieg, desto kühler wurde das Klima; die Pflanzenwelt änderte sich, und ehe man die Gebirgspässe erreichte, hatte man auch die Region der Eichenwälder bereits hinter sich gelassen. Drei Tage marschirten sie durch rauhes, unbewohntes Land, wo mehrere von den cubanischen Indianern der Kälte erlagen. Dann erreichten sie, an dem mehr als 4000 Meter hohen Cofre de Perote vorbei, der südlich von ihnen lag, das Plateau von Anahuac. Als Cortes hier einen Dorfhäuptling fragte, ob er auch ein Unterthan Montezuma’s sei, antwortete dieser: „Wer wäre es denn nicht? Er ist der Herr der Welt.“[362] Obwohl das Landvolk sich friedlich verhielt, zog Cortes doch stets in fester Schlachtordnung weiter auf Tlascala. Auf der Hochebene wurde bedeutender Maisbau getrieben, Tlascala bedeutet „Brotland“. Das Volk der Tlascalaner war im 12. Jahrhundert eingewandert und hatte sich nach mancherlei Kämpfen in dem Gebiete niedergelassen. Sie standen nicht unter einem Könige, sondern sie bildeten eine Art Bundesstaat, dessen vier Fürsten sämmtlich in der Hauptstadt wohnten. In heftigen Kämpfen mit den Azteken hatten sie sich auf ihrem Gebiet behauptet und ihre Freiheit bewahrt. Den eindringenden Spaniern setzten sie den heftigsten Widerstand entgegen. Die Anzahl ihrer Krieger schätzte Cortes auf 100,000. Nach mehrtägigem, verzweifeltem Ringen, in welchem auch zwei Pferde getödtet wurden, gewannen die Spanier, besonders durch ihre Kanonen, am 5. September einen entscheidenden Sieg. Als dann auch noch der Versuch eines nächtlichen Ueberfalls durch die Wachsamkeit des Cortes vereitelt worden, welcher das Geständniß von der beabsichtigten Ueberrumpelung von einem gefangenen Indianer herausgelockt hatte, nahmen die Tlascalaner das Freundschaftsanerbieten des Siegers an und schlossen Frieden. Der tapfere Fürst Xicotencatl erschien persönlich im Lager der Spanier. Zum Abschluß eines Bündnisses trug besonders die Erklärung der Leute von Cempoalla bei, daß die Fremden +Feinde+ des Montezuma seien. Ohne den Bund mit Tlascala wäre das Unternehmen des Cortes schwerlich gelungen. Sehr richtig befolgte dieser überall das Princip sich Freunde zu erwerben und Frieden zu schließen. Der römische Wahlspruch: ~Divide et impera~ verhalf auch ihm zum endlichen Siege.

Als die Nachricht von den wiederholten Siegen über die Tlascalaner zu Montezuma drang, welcher trotz seiner großen Machtmittel den kleinen Freistaat nicht hatte bezwingen können, befestigte sich in ihm der Glaube immer mehr, die Spanier seien jene längst erwarteten Erben Quetzalcoatls. Seine Boten suchten unter Ueberreichung wiederholter Geschenke dem Heerführer der Weißen den Marsch in die Hauptstadt des mexikanischen Reiches als ein höchst gefährliches Unterfangen hinzustellen. Montezuma erklärte sich sogar zu einem Tribut an den König Karl von Spanien bereit und ließ Cortes ersuchen, die Höhe und den Umfang an Gold, Silber, edlen Steinen, Sklaven und bunten Baumwolltüchern nach seinem Gutdünken zu bestimmen;[363] allein dieser beharrte um so mehr bei seiner einmal abgegebenen Erklärung: er habe von seinem königlichen Herrn den ganz bestimmten Befehl erhalten, Mexiko selbst zu besuchen.

Am 23. September 1519 zog Cortes in Tlascala ein, die Stadt schien ihm größer als Granada zu sein.[364] Vor einer großen Zahl von neugierigen Zuschauern wurde täglich Messe gelesen. Mehrere vornehme Indianerinnen, darunter die Tochter Xicotencatls ließen sich taufen und gingen mit spanischen Officieren ein Ehebündniß ein.

In Tlascala erfuhr Cortes Genaueres über die Streitkräfte des Beherrschers von Mexiko. Montezuma, so erzählten die Tlascalaner, habe eine so große Kriegsmacht, daß er, wenn er einen großen Ort erobern, oder in eine Provinz einfallen wolle, jedesmal 100,000 Mann ins Feld rücken lasse. Die Mexikaner seien aber in allen Provinzen und bei allen Völkerschaften, welche Montezuma ausgeplündert und unterjocht habe, äußerst verhaßt und die mit Gewalt ausgehobenen Truppen schlügen sich nur mit Widerwillen und ohne Tapferkeit. Dann berichteten sie weiter von der Bewaffnung und Kriegsführung der Mexikaner und brachten zur Erklärung alles dessen große Stücke Nequen herbei, worauf ihre Schlachten abgebildet waren.[365] Es war also eine Militärherrschaft, welche nur aus Furcht vor einem noch schlimmeren Regiment ertragen wurde.

Nach einer Rast von drei Wochen rückte Cortes weiter nach Cholula, einer der größten Städte, welche unter mexikanischer Botmäßigkeit stand, denn sie zählte 20,000 Häuser, war ein Haupthandelsplatz und besaß ein blühendes Gewerbe. Hier hatte Quetzalcoatl auf seinem Marsch an die Küste 20 Jahre geweilt. Ihm war ein gewaltiger Tempelbau geweiht, dessen Stufenabsätze im ganzen 177 Fuß hoch sich erhoben. Oben in dem Tempel befand sich das riesige Bild des Gottes. Außerdem gab es noch 400 andere Opferthürme in der Stadt. Die Scheußlichkeit der Menschenopfer trat immer greller hervor, jemehr man sich der Hauptstadt näherte. Aus mächtigen Balken waren große Käfige gezimmert, in welchen Männer und Knaben zum Opfer gemästet wurden. Diese Menschenställe wurden von den Spaniern zerstört und die Gefangenen in ihre Heimat entlassen. Schon in Tlascala hatte man Cortes vor dem hinterlistigen, heuchlerischen Charakter der Cholulaner gewarnt; aber 6000 tlascalanische Krieger, welche mit ihm zogen, um an dem Feldzuge gegen Montezuma theilzunehmen, meldeten ihm alles, was auf eine gegen ihn geplante Verrätherei hindeutete. So erfuhr er denn, daß ein Theil der Stadt verbarrikadirt sei, und daß viele Einwohner den Ort bereits verlassen hätten. Donna Marina erfuhr ferner, daß man die Spanier bei ihrem Abzuge aus der Stadt überfallen wolle. Deshalb kam Cortes ihnen zuvor und ließ einen Theil der versammelten Caziken und Soldaten niederhauen. Dann drangen auch die tlascalanischen Hilfstruppen aus ihrem Lager vor der Stadt ein und setzten, aus Haß gegen Cholula, das Plündern und Morden fort, bis Cortes ihnen Einhalt gebot. In diesem Straßenkampfe kamen gegen 3000 Menschen um. Der große Tempel wurde erstürmt und verbrannt. Diese rasche Züchtigung eines Verrathes, welcher, wie sich nachher herausstellte, auf Montezuma’s Befehl geplant war, übte einen gewaltigen Eindruck, so daß die Nachbarstädte sich, um einem ähnlichen Geschick zu entgehen, schleunig unterwarfen.

Dann ging der Marsch weiter nach Mexiko, dessen Thalbecken von Cholula durch eine kurze von Süden nach Norden streichende Gebirgskette, über welche einige Vulkankegel emporsteigen, getrennt wird. Der Gebirgspaß, welchen die Spanier überschritten, führt zwischen den beiden Hochgipfeln des Popocatépetl („rauchender Berg“) und dem nördlich davon gelegenen Iztaccihuatl („weiße Frau“) hindurch. Von der Höhe des Passes aus ließ Cortes durch den spanischen Hauptmann Diego Ordaz eine Besteigung des Popocatépetl versuchen; aber es war wegen der Menge Schnee, der großen Kälte und der Wirbelstürme in der Höhe nicht möglich, den höchsten Gipfel zu erreichen. Von der Höhe des Gebirgskammes genoß man eine herrliche Ansicht des schönen Thals von Mexiko mit der Hauptstadt, welche, gleich Venedig, in einem See erbaut war. Der See war damals größer als jetzt und verlängerte sich gegen Südosten in das schmale Wasserbecken von Xochimilco und weiter gegen Osten in den rundlichen See von Chalco, welcher von den ersteren durch einen künstlichen Damm getrennt war. Nach der Hauptstadt selbst führten von verschiedenen Seiten drei Dammstraßen, jede mit mehreren Durchschnitten, über welche Holzbrücken gelegt waren. Unter denselben konnten die Kähne von einem See-Abschnitt in den andern gelangen. Wurden aber die Brücken abgenommen, so bestand die Dammstraße aus mehreren inselartig von Wasser umgebenen Stücken, und es war nicht möglich in die Stadt einzudringen. Diese war auch im Innern von zahlreichen Canälen durchschnitten, über welche Zugbrücken führten. Die Häuser waren mit einer Art von Brustwehr versehen und dienten jedes als eine kleine Festung für sich.

Außer der Hauptstadt lagen noch zahlreiche Städte und Dörfer am See, welcher zum Theil auch noch schwimmende Gärten trug, die den Reiz der eigenthümlichen Scenerie erhöhten. Derartige Gärten haben sich noch bis in die Gegenwart erhalten. Die Stadt Mexiko selbst zählte damals wenigstens 60,000 Häuser, woraus man auf eine Bevölkerung von über 300,000 Einwohnern schließen kann, besaß aber auch große Marktplätze, von denen einer so groß wie die Stadt Salamanca gewesen sein soll; der große Opfertempel, von dessen hoher Plattform, zu welcher 114 Stufen hinanführten, man die ganze Stadt überschauen konnte, ragte mächtig über alle Gebäude empor. Der Haupttempel hatte 40 Thürme, alle sehr stark von behauenen Steinen gebaut, das Gebälk wohl zusammengefügt und bemalt. Die vornehmsten Herren in der Stadt hatten in diesen Thürmen ihre Götzen und Familiengrüfte. Auf der Höhe der Plattform befanden sich in einer Tempelhalle zwei Götzenbilder, welche von Gold und Edelgestein strotzten. Hier war die Hauptopferstätte, wo die Gefangenen auf einem Jaspisblocke geschlachtet wurden. Boden und Wände der Halle waren schwarz von Menschenblut. Die Köpfe der Schlachtopfer wurden auf Gerüsten aufbewahrt. An einem dieser Schädelberge wollte ein Spanier 136,000 Köpfe gezählt haben.

Trotzdem Montezuma immer wieder durch Botschafter seinen schon mehrfach ausgesprochenen Wunsch erneuern ließ, marschirte doch Cortes gerade auf die Stadt zu. Den Eindruck, welchen die Capitale der Azteken auf die Europäer machte, malt Bernal Diaz in einzelnen charakteristischen Zügen aus. „Wir gelangten,“ erzählt er, „auf die breite Heerstraße von Iztallapan, wo uns zu erstenmale die Menge von Städten und Dörfern, welche mitten in den See gebaut waren, die noch größere Zahl von bedeutenden Ortschaften am Ufer und die schöne schnurgrade Straße, welche nach Mexiko führte, ins Auge fiel. Unsere Verwunderung stieg in der That auf das höchste, und wir sprachen unter einander, daß hier alles den Zauberpalästen in Amadis’ Ritterbuche gleiche: so hoch und stolz stiegen Thürme, Tempel und Häuser mitten aus dem Wasser hervor. Ja manche unserer Leute behaupteten gradezu, daß alles, was sie sähen, nur ein Traumgesicht sei. In Iztallapan selbst stiegen unsere Vorstellungen von der Macht und dem Reichthum dieses Landes immer höher. Wir wurden in wahre Paläste einquartirt, die von ansehnlichem Umfange, mit großen Höfen umgeben, aus schön behauenen Quadersteinen, aus Cedern- und anderm wohlriechenden Holze aufgeführt waren. Sämmtliche Gemächer waren mit Tapeten von baumwollenen Zeugen behangen.“