Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen

Part 42

Chapter 423,446 wordsPublic domain

Zur weiteren Ausbeutung seiner Entdeckungen, die ihm Pedrarias nur unter +seinem+ Namen gestatten wollte, begab sich Gil Gonzalez nach S. Domingo, warb Schiffe und Mannschaften und segelte damit im Frühling 1524 nach der Ostküste von Nicaragua und Honduras und wollte an der Mündung des Rio Ulea landen. Er benannte den Hafen Puerto de Caballos, weil er gezwungen wurde, im Sturme mehrere Pferde über Bord zu werfen, um das Schiff zu retten. Dann ging er weiter nach Osten zum Cap Honduras und drang von hier aus gegen Süden in der Richtung zum Nicaraguasee vor. Dort stieß er auf eine Abtheilung der spanischen Schar, welche um dieselbe Zeit von Süden her unter dem Commando des Hernandez de Cordova dasselbe Gebiet zu erobern suchte. Gewissenlos fiel er über seine Landsleute her und nahm ihnen ihre Beute an Gold und ihre Waffen ab. Als er aber nach Puerto Caballos zurückkam, wurde ihm wiederum von Cristoval d’Olid, welchen Cortes entsendet, das Land streitig gemacht. Ueber den Ausgang dieser Unternehmungen werden wir im Verlauf der Eroberung Mexiko’s (Cap. 2. 24) weiter zu berichten haben.

Auch Francisco Hernandez de Cordova war von Pedrarias zur Eroberung Nicaragua’s ausgesendet. Er legte den Grund zu den Städten Granada, am nordwestlichen Ende des Sees und Leon, in der Nähe des Golfes von Fonseca. Eine Brigantine, am Gestade der Südsee auseinander genommen und im Nicaraguasee wieder zusammengesetzt, diente zur Befahrung des Binnensees und entdeckte den Abfluß desselben, den Rio S. Juan, den man aber wegen der Klippen und Stromschnellen nicht bis zum caribischen Meere verfolgen konnte. Wie fast alle Conquistadoren, wenn sie einigen Erfolg gehabt, strebte auch Cordova nach Unabhängigkeit von dem Statthalter Pedrarias. Seine Hauptleute Hernando de Soto und Compañon, welche den Verrath misbilligten, sagten sich von ihm los und kehrten nach Panama zurück. Da raffte sich Pedrarias zum letztenmal auf, erschien mit seinen Truppen unerwartet in Nicaragua, nahm den rebellischen Hauptmann gefangen und ließ ihn in Leon 1526 enthaupten. Als er im Februar 1527 nach Panama zurückkam, war sein Nachfolger Pedro de los Rios bereits auf dem Isthmus gelandet. Pedrarias zog sich nach Leon zurück und starb 1530. Dreizehn Jahre hatte das Land unter seiner Verwaltung geseufzt, er war nicht mehr fähig gewesen, seine Unterbefehlshaber zu zügeln, welche unter einander und gegen den Statthalter selbst zu den Waffen griffen. Die dissoluten Verhältnisse, welche seine schlechte Leitung über die herrlichen Landschaften von Mittelamerika gebracht, machten sich auf immer fühlbar. Sein Name war mit Recht verrufen.

18. Die Entdeckungen im Golf von Mexiko.

Bisher hatten sich fast alle Unternehmungen im Umkreis des caribischen Meeres bewegt. Columbus selbst hatte dazu die Richtung angegeben. Seit dem ersten Zusammentreffen mit den Bewohnern der neuen Welt waren die Spanier bei ihren unermüdlichen Fragen nach den Goldländern auf den Südwesten gewiesen, und diese Richtung war selbst dann maßgebend geblieben, als Columbus an der Küste von Yukatan zuerst mit der Kultur der Mayastämme in Berührung kam. Daher blieb das Meer im Nordosten von Cuba zwanzig Jahre unbesucht. Der erste kühne Versuch in diesen unbekannten Norden einzudringen, ging merkwürdiger Weise von dem Statthalter von Puertorico, +Juan Ponçe de Leon+ aus. Die Bewohner der Bahamainseln hatten von einem Wunderlande im Nordwesten berichtet, in dessen Heilquellen das Alter sich verjüngen könne.[345] Ponçe de Leon betrat dieses Land am Ostertage, 27. März, 1513 und nannte es nach dem Tage der Entdeckung Pascua +Florida+. Er fuhr dann an der Ostküste von Florida bis zum 10° n. Br., ließ es aber noch unentschieden, ob es eine Insel oder ein Theil des Festlandes sei.[346] Von hier kehrte er zur Südspitze der Halbinsel zurück und ging eine Strecke weit an der Westküste nach Norden, wo zwischen 25° und 26° n. Br. die Bahia de Ponçe de Leon noch den Namen des Entdeckers trägt. Die erste Karte von Florida lieferte sein Pilot Antonio de Alaminos.[347] Die feindselige Haltung der kriegerischen Einwohner hatte jeden Versuch einer Besiedelung vereitelt. Mehr als Puertorico schien Cuba schon durch seine Lage berufen der Ausgangspunkt aller Unternehmungen zu werden, welche gegen die Länder im Westen gerichtet wurden. Die „Perle der Antillen“ war mit leichter Mühe von +Diego Velasquez+ unterjocht, welcher seit dem Jahre 1511 daselbst als Statthalter eingesetzt war. Die ganze Insel wurde sammt den Indianern unter die Eroberer vertheilt, und bei der großen Ausdehnung des Landes strömten immer mehr Abenteurer dahin. Aber zum friedlichen Landbau nicht geneigt, unternehmungslustig, unstät, durch jede neue Kunde von goldreichen Ländern aufgereizt, scharten sich die jüngeren Leute bald zusammen, um auf eigene Entdeckung und Eroberung auszuziehen. Sie rüsteten zwei Schiffe aus, wählten Hernandez de Cordova zu ihrem Hauptmann, gewannen Antonio de Alaminos aus Palos als Piloten und erhielten zur Ausrüstung eines dritten Schiffes von Velasquez das Geld vorgestreckt.[348] Am 8. Februar 1517 gingen die Schiffe unter Segel und steuerten von Cuba nach Westen. Beim Cap Catoche erreichten sie die Küste von Yukatan. Diese Entdeckung war von höchster Bedeutung, denn hier trafen die Spanier zuerst auf ein Kulturvolk, das prächtige Steinhäuser besaß, sich in baumwollene Gewänder kleidete und in Tempeln von behauenen Steinen, welche auf abgestumpften Pyramiden errichtet waren, ihren Götzen Menschenopfer darbrachten. Ueberrascht waren die Entdecker, hier mehrfach das Zeichen des Kreuzes in Stein gehauen zu finden, welches, wie sie später erfuhren, ein Symbol des regenbringenden Gottes war. Das Volk der Maya, welches das Land bewohnte, bediente sich sogar einer eigenartigen Bilderschrift, welche noch nicht entziffert ist. Abgesehen von der Verwendung derselben auf den monumentalen Bauwerken, welche sich, im Urwald begraben, zum Theil noch erhalten haben und das lebhafteste Interesse der europäischen Forscher auf sich gezogen haben,[349] sind nur drei oder vier Manuscripte der +Maya-Sprache+ mit farbigen Bildern erhalten. Die werthvollste und umfangreichste dieser Mayahandschriften bewahrt die königliche Bibliothek in Dresden. Das Material dieser Handschriften besteht aus einzelnen Blättern, die aus den Fasern der mexikanischen Agave gefertigt und mit einer feinen Gypsschicht überzogen sind.[350] Neben den merkwürdigen Ruinen, deren bedeutendste Ueberreste sich im Süden des Landes bei Uxmal und Palenque finden, sind noch hohe Steinbilder, aus Monolithen geschaffen, vor der Zerstörung durch die Spanier, welche bei der fanatischen Verbreitung des Christenthums alle Erinnerungen an das Heidenthum der Eingeborenen zu vernichten strebten, sowohl in Yukatan als in den Nachbargebieten von Mexiko, Guatemala und Honduras erhalten. Diese Steinbilder stellen vielfach vergötterte Könige und Fürsten dar, denen, nach Weise des Heroencultus, Opfer gebracht wurden,[351] oder erschienen als Frauengestalten in der eigenthümlichen Landestracht, erstere mit kurzem Baumwollpanzer, letztere in gesticktem Rock mit Perlen und Fransen.

Die Spanier unter Cordova versuchten an mehreren Punkten der Küste zu landen, wurden aber von den kriegerischen Bewohnern blutig zurückgewiesen. Alaminos segelte an der Nord- und Westseite der Halbinsel bis Champoton, südlich von Campeche; aber als hier in einem Gefechte der Anführer lebensgefährlich verwundet wurde, stand man von der Fortführung des Kampfes ab, da man sich zu einer Eroberung zu schwach fühlte, und ging wieder in See. In dem Irrthum befangen, daß der nächste Weg nach Cuba über die Halbinsel Florida führe, steuerte Alaminos zuerst nach diesem Lande, welches er von der ersten Fahrt Juan Ponçe’s kannte, sah sich aber auch hier von den Indianern feindlich empfangen und segelte nach Cuba, wo Cordova 10 Tage nach der Landung seinen Wunden erlag. Der Statthalter Velasquez berichtete über den Verlauf der Expedition nach Spanien und rühmte sich der Entdeckung, sowie der darauf verwendeten Kosten.[352] „Von uns aber,“ fügt Bernal Diaz bitter hinzu, „die wir das Land gefunden hatten, wurde keiner genannt.“[353] Im nächsten Jahre rüstete Velasquez eine neue Flotte aus und sandte im April oder Mai 1518 vier Schiffe unter seinem Neffen Juan +de Grijalva+ nach Yukatan ab. Als Pilot fungirte wiederum Antonio de Alaminos; außerdem begleitete ihn der tapfere Pedro de Alvarado, welcher sich später unter Cortes bei der Eroberung Mexiko’s hervorthat. Südlich vom Cap Catoche erreichten sie bei der Insel Cozumel, welche damals ein berühmtes Heiligthum besaß, gegenwärtig aber dicht bewaldet und unbewohnt ist, die Küste Yukatans und umfuhren die ganze Halbinsel bis zur Laguna de Terminos und bis Tabasco. Die zahlreichen gut gebauten Ortschaften, welche man mit ihren weißen Steinhäusern am Strande schimmern sah, erinnerten die Seefahrer an ihre Heimat, weshalb man das Land „Neuspanien“ zu nennen anfing. Auf der Halbinsel zeigten sich die Bewohner ebenso feindlich als bei der ersten Expedition und erst am Rio Tabasco, welchen man den Grijalvafluß nannte, gelang es einen friedlichen Verkehr mit dem Volke und seinen Häuptlingen zu eröffnen. Dann ging die Fahrt nach Westen an dem gefährlichen Gestade[354] weiter bis in die Nähe der heutigen Hafenstadt von Vera Cruz. Hier liegen mehrere kleine Inseln am Strande, wo man landete. Die erste erhielt den Namen Opferinsel (~Isla de Sacrificios~), weil im Tempel kurz zuvor fünf Indianer geopfert waren. Auch auf der näher an Vera Cruz gelegenen Insel S. Juan de Ulua waren zwei Knaben unter dem Opfermesser der schwarzgekleideten Priester verblutet. Mit den wachsenden Anzeichen einer höheren Kultur mehrten sich, zum Entsetzen der Spanier, auch die Spuren des gräßlichen Opfercultus der Mexikaner. Nichts desto weniger landete Grijalva hier mit seiner ganzen Macht und verstand es, mit den Caziken in freundlicher Weise Geschenke zu wechseln und die Schätze des Landes, Gold, Edelsteine und Gefäße von wunderbarer Form im Werthe von 15 bis 20,000 Goldpesos gegen Glasperlen, Nadeln und Scheeren auszutauschen. Hier war also ein wirkliches Goldland gefunden, welches eine unermeßliche Beute verhieß. Alvarado wurde mit dem ersten Gewinn und mit der Botschaft der wichtigen Entdeckung nach Cuba zurückgesandt, während Grijalva seine Küstenfahrt noch bis zur Landschaft Panuco, bis nach Tampico, unter 22° n. Br., weiter ausdehnte und erst an einem stürmischen Vorgebirge abbrach, um dann über Yukatan nach Cuba zurückzukehren, wo er am 15. November 1518 in St. Jago landete. Die bedeutsamen Nachrichten, welche Grijalva mitbrachte, regten die Unternehmungslust des Statthalters von Cuba mächtig an und drängten ihn zu raschen Entschließungen, um sich den Gewinn dieser Entdeckung zu sichern. Während er einerseits Boten mit reichen Geschenken nach Spanien sendete, um die Krone zu bewegen, die entdeckten Gebiete seiner Statthalterschaft unterzuordnen, rüstete er andererseits eine größere Flotte, um jene Länder zu erobern, und ernannte Ferdinand Cortes zum Befehlshaber der Expedition.

Sculpturen von Copán.

Am Fuße einer Pyramide an einem Altar stehende männliche Figur. Ueber derselben ein baldachinartiger Aufbau von Ornamenten mit mehreren sitzenden menschlichen Figürchen. Die Figur trägt auf dem Haupte einen Helm in der Form eines phantastischen Thierkopfes; von ihm hängen Zierrathen aus Goldblechstreifen, mit Perlen besetzt, zu beiden Seiten herab. Die übermäßig großen Ohren scheinen Symbole der Würde des Dargestellten zu sein. Die Brust bedeckt ein Panzer, der oben aus Kugeln, unten aus gewebten Stoffen in Form von Rollen zusammengesetzt ist. Letztere umschließt ein breiter Gürtel mit Masken und verzierten Goldblechtafeln zwischen ihnen. Vorn hängt der Gürtel bis auf den Boden herab. Um den Hals trägt die Figur an einem Bande eine Zierrath. Die Arme sind mit dreifachen Armbändern, die Beine mit Kniebändern, aus Masken und Perlen gebildet, und über den Knöcheln mit Ringen geschmückt. Die Sculptur ist in +einem+ Steine ausgehauen und mißt in der Höhe 364, in der Breite 133, in der Dicke 91 Centimeter.

Weibliche Figur, an einem Opfersteine stehend. Das kurze Gewand ist mit netzartigen Ornamenten und am Saume mit Perlen und Fransen geschmückt. Ein in derselben Weise verzierter Gürtel umschließt den Leib; derselbe hat einen Thierkopf als Mittelpunkt und ist an den Seiten, über den Hüften der Figur mit menschlichen Masken besetzt. Ein breiter mit Goldblech und Perlen besetzter Streifen fällt vom Gürtel auf den Boden herab. Die Figur trägt einen prächtigen Kopfschmuck, dessen Kern ein phantastisches Thierhaupt ist, in welchem die Zähne durch mit Perlen besetzte Fransen dargestellt werden. Von demselben gehen nach beiden Seiten und oben viele Federn aus, deren größere Ringe tragen und die auch sonst mit Rosetten, Perlen und Quasten reich geschmückt sind. Eine kleine menschliche Figur krönt den Federschmuck; unter ihm hängen vor den Ohren lange dünne Locken herab. Die nackten Arme sind von Armbändern aus kleinen Platten, Perlen und Fransen umschlossen. Die Brust wird von einem aus viereckigen, plattenartigen Stücken zusammengesetzten Gewand bekleidet. Auf demselben liegt ein Geschmeide, welches bis zu den Schultern reicht und daselbst in Masken und Arabesken endigt. Die Füße sind von Halbschuhen, welche die vordere Fußhälfte freilassen, bedeckt. Maaße: Höhe 345, Breite 98, Dicke 101 Centimeter.

19. Ferdinand Cortes geht nach Mexiko.

Für die erfolgreichste Ausdehnung der spanischen Macht in der neuen, indischen Welt war die auf Cortes gefallene Wahl eine überaus glückliche, wenn sie auch für Velasquez selbst eine Reihe bitterer Enttäuschungen brachte und ihm den gehofften Lohn gänzlich aus den Händen riß. Unter den wenigen wahren Heldengestalten der spanischen Conquistadoren, welche jenes Zeitalter gebar, ragt Cortes vor allen hervor. Sein edler, großer Charakter, seine kühnen Thaten erfüllen uns mit Bewunderung. Cortes war 1485 in Medellin in Estremadura geboren, hatte in Salamanca zwei Jahre studirt und sich dort, wenn er auch keine ausgesprochene Neigung zu den Wissenschaften zeigte, doch einen Grad allgemeiner Bildung erworben, wie er unter den Heerführern in den Colonialländern selten war. Der Reiz des Wunderbaren, welches die neue Welt belebte, die Lockung zu romantischen Abenteuern, welche jenseits des Oceans goldene Berge verhieß, erfüllte, wie die ganze spanische Jugend, so auch ihn. Und so ging er schon 1504 zum Statthalter Ovando nach San Domingo. Sieben Jahre später nahm er an der Eroberung Cuba’s theil und erwarb sich dadurch Landbesitz. Seine literarische Bildung beförderte ihn zum Secretair des Velasquez und später zum Alcalden von St. Jago, so daß er bereits eine der ersten Beamtenstellen auf der Insel einnahm. Seine Zeitgenossen schildern ihn als einen übermittelgroßen, schönen Mann mit breiter männlicher Brust und großen, dunkeln Augen in dem blassen Gesichte. In allen ritterlichen Uebungen gewandt, muthig und fest in seinen Entschlüssen, wie klar und überlegend in seinen Plänen; durch rasche Auffassung und klaren Geist, wie durch gewandte und feurige Rede seine Umgebung beherrschend, war er zum Anführer wie selten ein Mann in der neuen Welt geschaffen. Als Velasquez ihm das Commando übertrug, zählte er 33 Jahre. Es war dem Statthalter willkommen, daß Cortes aus eignen Mitteln einen Theil der Ausrüstung bestreiten konnte, welche mit 11 Schiffen den kühnen Angriff auf einen mächtigen Staat ausführen sollte.[355]

Aber noch ehe Cortes seine Vorbereitungen getroffen hatte, erwachte bereits die Eifersucht des Statthalters, welcher, durch seine Getreuen gewarnt, bereits fürchtete, dem gewählten Führer zu viele Machtmittel anvertraut zu haben, mit denen er sich womöglich eine unabhängige Stellung schaffen könnte. Er schien entschlossen zu sein, die Ernennung des Cortes zum General wieder zurückzunehmen; aber dieser brach, noch ehe der zögernde Velasquez sich entschied, mit seiner Flotte von St. Jago auf, bevor die Ausrüstung und Verproviantirung vollendet war, und ging zunächst nach der ebenfalls auf der Südseite von Cuba gelegenen Stadt Trinidad und, nachdem er hier noch 100 Mann von der zurückgekehrten Expedition Grijalva’s angeworben hatte, weiter nach Habana. Hieher sandte Velasquez an die Behörden des Orts den Befehl, Cortes zu verhaften, und gebot diesem in einem Briefe, er solle nicht eher absegeln, als bis er selbst nach Habana gekommen sei. Aber Cortes ließ sich an der Spitze seiner bedeutenden Macht weder als ein einzelner Edelmann gefangen setzen, noch befolgte er das unglaublich ungeschickt vorgebrachte Gebot des Velasquez, auf ihn zu warten; vielmehr begab er sich am 10. Febr. 1519 nach dem Sammelpunkt seiner Flotte am Cap S. Antonio, der Westspitze von Cuba, und ging von hier aus acht Tage später mit seinen eilf Schiffen unter Segel. Der erfahrene Steuermann Alaminos, der nun zum viertenmale nach Yukatan steuerte, denn er hatte bereits die letzte Fahrt des Columbus mitgemacht und dann die Expedition Cordova’s und Grijalva’s geleitet, war sein Hauptpilot. Seine bewaffnete Macht bestand aus 400 spanischen Soldaten, darunter 13 Büchsenschützen und 32 Armbrustschützen, und 200 Indianern, ferner aus 16 Reitern, 10 schweren Bronzegeschützen und 4 leichten Feldschlangen. Auch begleiteten zwei Geistliche den Zug, um den Götzendienst zu vernichten und die Indianer zu taufen. Das Geschwader steuerte nach der Insel Cozumel. Die Einwohner flohen bei der Landung zwar anfangs aus Furcht ins Innere, kamen dann, durch Dolmetscher beschwichtigt, zurück, ließen es geschehen, daß ihre blutigen Altäre gestürzt und daß in ihren Tempeln christlicher Gottesdienst gefeiert wurde, ja sie bequemten sich sogar zur äußerlichen Annahme des Christenthums.

Schon auf der Expedition Cordova’s hatte Alaminos mehrfach das Wort Castillan gehört, ohne sich dasselbe in dem Munde der Indianer erklären zu können. Cortes vermuthete sofort richtig, es müßten Spanier bereits früher hieher gelangt sein. Diese Vermuthung wurde durch die Angabe eines Häuptlings bestätigt, daß noch zwei Spanier als Gefangene im Lande lebten. Unter ihnen befand sich Fray Jeronimo de Aguilar (s. o. S. 346), den Cortes befreite und der ihm als Dolmetscher wichtige Dienste leistete. Dann ging die Fahrt in gewohnter Weise um Yukatan herum nach dem Rio de Tabasco oder Grijalva. Die Einfahrt in den Fluß war so seicht, daß keins der größeren Schiffe einlaufen konnte; Cortes befuhr ihn daher in den kleinen Brigantinen und mit bewaffneten Böten, um die Stadt Tabasco selbst zu besuchen. Seine Erklärung, er komme in friedlicher Absicht, wurde mit Drohungen und Kriegsgeschrei beantwortet. Aber die Spanier ließen sich dadurch nicht abschrecken. Der Kampf begann schon in den Böten, dann im Wasser am Strande, das den Angreifenden bis an den Gürtel ging, und setzte sich am Lande fort, wo am 25. März mit Geschütz und Reiterei eine förmliche Schlacht geliefert wurde, in welcher die tapferen Tabascaner, deren Heer nach der eigenen Angabe des Cortes[356] aus 40,000 Mann bestand, durch die ungewohnte Kriegsmacht einer Reiterei in die Flucht geschlagen wurden und 220 Todte auf dem Schlachtfelde zurückließen.

Am nächsten Tage unterwarfen sich die Caziken und brachten unter anderen Geschenken 20 Sklavinnen, deren eine, eine geborene Mexikanerin, von den Spaniern den Namen +Donna Marina+ erhielt und sich den Eroberern anschloß, denen sie als Dolmetscherin die wesentlichsten Dienste leistete. In Tabasco vernahm man auch die Worte Culhua, womit die gewerbreiche Stadt Cholula[357] westlich von Mexiko bezeichnet wurde, und den Namen Mexiko selbst. Nachdem am Palmsonntag noch in feierlicher Messe die Häuptlinge die Taufe empfangen hatten, segelte Cortes weiter und landete am Charfreitag, 21. April 1519, mit seiner ganzen Macht an der Stelle der heutigen Stadt Vera Cruz; zwei Tage später stattete ihm bereits der aztekische Statthalter einen Besuch ab und erhielt die Mittheilung, daß Cortes von einem mächtigen Herrscher jenseits des Meeres mit Geschenken und einer persönlichen Botschaft an den Fürsten des Landes abgesendet sei und freien Durchmarsch begehre. Die Mexikaner waren geschickte Maler; um seinen Bericht an den Kaiser möglichst anschaulich zu machen über die seltsamen, weißen, dem Meere entstiegenen Fremdlinge, ließ der Gouverneur des Küstenlandes die Spanier abzeichnen. Cortes ließ dies gern geschehen und, um den Eindruck, den sein Erscheinen offenbar hervorrief, noch zu verstärken, mußte die Reiterei und die Artillerie kriegerische Uebungen ausführen, damit auch diese mit abgebildet würden. Dann richtete er sich hinter den Dünen ein festes Lager ein und erwartete die Antwort auf seine Botschaft.

Ehe wir den Verlauf der Verhandlungen weiter verfolgen, werfen wir zunächst einen Blick auf die Natur des Landes und die Geschichte der Bevölkerung.

Hinter einem mehrere Meilen breiten, flachen Küstenstriche, der durch seine Fieber verrufen ist, und an dem es keinen einzigen guten, natürlichen Hafen gibt, erhebt sich das mittlere Land zu einem mächtigen Plateau von durchschnittlich 2000 Meter Höhe. Der östliche Steilrand des Hochlands wird von einzelnen Bergriesen, die über 5000 Meter emporsteigen, überragt. Hier besitzt Mexiko keinen schiffbaren Strom; von der Küste führen nur schwierige Landwege und Gebirgspässe auf das innere Hochland von Anahuac, das Centrum des alten Reichs, welches sich nordwärts etwa bis zum Wendekreise erstreckte. Das Hochthal von Mexiko, der Hauptstadt, erhebt sich bis über 2200 Meter und erscheint als ein Oval von 73 Kil. Länge und 35 Kil. Breite. Von einem thurmartigen Walle von Porphyrfelsen umschlossen, war dieses Thal früher grün und dicht mit Bäumen bewachsen, erscheint aber gegenwärtig an manchen Stellen weißlich von den Salzefflorescenzen und macht von den Höhen aus fast den Eindruck einer Steppe in folge der Abnahme des Sees, welcher ehedem, die Stadt umgebend, eine weit größere Ausdehnung hatte. Trotzdem ist die ganze Landschaft von großer, eigenartigen Schönheit, erhöht durch den Kranz von Bergen, über welche die beiden Schneegipfel, der Popocatepetl (5400 Meter) und der Ixtaccihuatl (5200 Meter) mit breitem Rücken mächtig emporragen.

Nördlich von dem Thale von Mexiko liegt +Tula+, die erste Ansiedlung der Tolteken, jenes räthselhaften Kulturvolkes, welches aus dem unbekannten Norden zu unbekannter Zeit (man nennt in der Regel das 7. Jahrh. n. Chr.) hier einzog. Sie führten den Anbau von Mais, Baumwolle und des sog. spanischen Pfeffers als unentbehrliches Gewürz ein. Sie bearbeiteten die edlen Metalle und entfalteten eine originelle Baukunst. Sie liebten es, ihre Steinhäuser und Tempel auf Anhöhen anzulegen, die verschiedenen Wohnräume lagen in verschiedener Höhe und waren durch kleine Treppen und enge Corridore verbunden.[358] Eigenartig waren auch die Stufenthürme oder Tempelpyramiden.

Nach einem Aufenthalte von mehreren Jahrhunderten verschwanden die Tolteken wieder, wahrscheinlich zogen sie weiter nach Süden und verbreiteten ihre Kultur über Yukatan und Honduras.