Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen
Part 41
+Balboa+ drang auf glücklichen Streif- und Beutezügen ins freiere Binnenland von Darien und bis ins Quellgebiet des Chucunaque vor, der sich in den großen Ocean, in den Golf von San Miguel ergießt. Als ein eingeborner Fürst, Panciaco, die Goldgier der Spanier sah, wies er sie nach dem südlichen Meere, welches man in sechs Tagereisen übers Waldgebirge erreichen, aber auf dem näheren Gebirgskamme bereits sehen könne. Schon Columbus hatte dunkle Kunde von jenem anderen Meere erhalten, jetzt trat die Nachricht bestimmter auf. Um aber in jene völlig unbekannten Räume vordringen zu können und das Gestade des gegenüberliegenden Meeres zu erreichen, bedurfte man bedeutenderer Kräfte, als sie augenblicklich der in Noth befindlichen Colonie zur Verfügung standen. Dem Admiral Don Diego Colon sollte ein Schiff die wichtige Entdeckung nach Haiti melden und die Bitte um Zusendung von Waffen und Lebensmitteln vortragen; aber das Fahrzeug, welches zugleich den königlichen Fünften an Gold überbringen sollte, scheiterte an der Küste von Yukatan. Die Mannschaft rettete sich zwar anfänglich ans Land, fiel dort aber dem Stamm der Maya in die Hände, welche die Gefangenen zum Theil in ihren Tempeln opferten, zum Theil als Sklaven behielten. Einer dieser letzteren, der Pater Jeronimo de Aguilar wurde 1519 durch Cortes befreit. Als der Erfolg dieser Schiffssendung ausblieb, schickte Balboa das letzte verfügbare Schiff 1512 direct nach Spanien, zufällig kamen vom Admiral im folgenden Jahre zwei Fahrzeuge mit Lebensmitteln nach Darien und befreiten die hungerleidenden Ansiedler aus äußerster Noth. Noch günstiger war, daß eine Schar von 150 Mann die bereits zusammengeschmolzene Zahl der Colonisten verstärkte und daß der Statthalter von Haiti dem Balboa die Oberleitung übertrug. Aber trotz dieser Anerkennung fürchtete Balboa mit Recht, daß man ihn in Spanien als Empörer gegen Enciso und Nicuesa nicht so glimpflich behandeln und ihm einen Nachfolger senden werde, denn Enciso war nach Spanien gegangen und hatte beim indischen Rathe Klage gegen ihn erhoben und seinen Verrath gegen Nicuesa gebrandmarkt. Balboa war daher entschlossen, durch eine große That den übeln Eindruck seines Verrathes abzuschwächen. Er faßte den Plan, das südliche Meer auszusuchen und die daran grenzenden reichen Gebiete der spanischen Krone zu unterwerfen. So brach er am 1. September 1513 mit 190 Spaniern, 600 einheimischen Lastträgern und einer Meute von Bluthunden von seiner Niederlassung auf und ging mit einer Brigantine und neun großen Canoes an der Küste entlang nordwestlich nach Careta’s Dorf. Der Häuptling gab ihm von hier Wegweiser mit ins Innere. Diese Richtung des Marsches zeigt, daß Balboa über die Lage der Südsee wohl unterrichtet war, denn von dem Punkte aus, wo er landete, beträgt die Luftlinie zu dem gegenüberliegenden Gestade nur neun Meilen, und die Waldgebirge auf dieser Landenge erheben sich nur 700 Meter hoch. Aber dicht verschlungener Urwald umhüllt den mittelamerikanischen Isthmus dergestalt, daß kaum ein Sonnenstrahl das Blätterdach durchdringt und den Boden erreicht. Selbst noch in unserem Jahrhundert ist ein Marsch über die Landenge mit den größten Schwierigkeiten verbunden. So hat im Jahre 1853 der bekannte Reisende Carl v. Scherzer sich vergebens bemüht, weiter im Westen, im Staate Costarica, unter dem 10° n. Br. von Angostura aus, den Hafen von Limon zu erreichen. In Begleitung von 30 Trägern, unterstützt von Ingenieuren mußte man nach vergeblicher Arbeit von 16 Tagen davon abstehen, die Küste des nur 10 Meilen entfernten caribischen Meeres zu erreichen. Der Wald war überall so dicht, daß nur ein fahler Schein, der durch die Blätternacht brach, die Tageszeit verkündete.[338]
Auf versteckten Waldwegen, auf denen die Indianerstämme sich zu nächtlichem Ueberfall und Raub beschleichen, drang Balboa’s Schar ins Gebirge hinein, welches hier, der Ostküste näher, sich am Golfe von Darien hinzieht. Dahinter erstreckt sich, von zahlreichen Bächen durchschnitten, das Waldland bis ans südliche Meer. Der Uebergang über die Cordillere, ohnehin durch die natürlichen Verhältnisse erschwert, wurde überdies den Spaniern durch die Häuptlinge, in deren Gebiet Balboa eindrang, streitig gemacht. Erst am 25. September konnten die eingebornen Wegweiser dem spanischen Anführer die langersehnte Meldung machen, daß er auf dem nächsten, vor ihnen liegenden Bergrücken das neue Meer sehen werde. Balboa ließ den ganzen Zug halten, er wollte +zuerst+ sich an dem Anblick der Südsee erfreuen. Allein schritt er voran und erreichte den Gipfel. Er fällt auf die Kniee, hebt die Hände zum Himmel empor, grüßt den Süden und dankt Gott und allen Himmlischen auf das innigste, daß ihm als einem Manne von nicht hervorragenden Gaben, nicht vornehmer Geburt ein solcher Ruhm zu theil geworden. Dann winkt er den Gefährten mit der Hand und zeigt ihnen das ersehnte Meer. Alle sinken auf die Kniee, und Balboa fleht zum Himmel, namentlich zur Jungfrau Maria, daß das Unternehmen einen glücklichen Ausgang finden möge. Jubelnd stimmen alle den Lobgesang an und blicken auf das Land hinunter. Kühner als Hannibal, der seinen Soldaten von den Alpenhöhen herab das italische Land zeigte, verheißt er den Genossen unermeßliche Schätze. Zum Zeichen der Besitznahme wird von rohen Steinen ein Altar aufgethürmt. Dann werden beim Hinabsteigen rechts und links die Namen des Königs in die Bäume geschnitten, damit die Nachwelt die kühnen Entdecker nicht der Lüge zeihen könne, daß die große That nicht wirklich ausgeführt sei.[339] Der begleitende Notar Andres de Valderrabano nahm über das wichtige Ereigniß der Entdeckung und Besitzergreifung ein Protokoll auf, in welchem alle 67 anwesenden Spanier aufgezählt wurden, an zweiter Stelle nennt er den Geistlichen Andres de Vera, als dritten Francisco Pizarro. Noch ein siegreicher Kampf mußte ausgefochten werden, um die Häuptlinge zum Frieden und zum Bündniß zu bewegen, dann erreichte Balboa am 29. September mit 26 Begleitern die Mündung des Sabanas, der sich in den innern Golf von San Miguel ergießt, welcher nach dem Tage der wichtigen Entdeckung seinen noch jetzt gültigen Namen erhielt. Bei eintretender Flut schritt Balboa mit Schwert und Fahne bis an die Kniee ins Wasser der See und nahm von allen Ländern, Gestaden und Inseln dieses Meeres „vom Nordpol bis zum Südpol“ im Namen seines königlichen Herrn feierlich Besitz. Wochenlang blieb er dann an der Küste des Golfes, befuhr auf den Böten der Eingeborenen die Südsee und machte die anwohnenden Häuptlinge tributpflichtig. Vor den Augen der Spanier wurden im Golf von S. Miguel Perlen gefischt, doch wurde der weiter draußen gelegene Archipel der Perleninseln, wegen der stürmischen Jahreszeit, noch nicht aufgesucht. Der Anführer selbst zog auch hier wieder möglichst genaue Erkundigungen über die näheren und ferneren Landschaften ein und ließ sich von dem Caziken Tumaco über eine mächtige Nation im Süden berichten, welche unermeßlich reich sein, Schiffe und Lastthiere besitzen sollte, wie sie in der Nähe von Darien nicht bekannt waren. Eine Figur aus Thon, welche Tumaco von diesem Hausthiere fertigte, sah fast wie ein Kamel aus. Die Spanier erhielten so die erste Kunde von dem Goldlande Peru und von dem dort in Herden gezüchteten Lama. Auf keinen der Zuhörer machten diese Erzählungen einen tieferen Eindruck als auf Pizarro, der den lockenden Berichten mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte.
Am 3. November trat Balboa den Rückmarsch an, er schlug einen anderen Weg ein und zog das Thal des Chucunaque, welches damals noch gut bevölkert war, bis zu den Quellen des Flusses hinauf. Trotz der mühevollen Märsche fanden die Spanier Gelegenheit den einheimischen Fürsten ihre Schätze an Gold abzupressen und für jedes kleine Vergehen die grausamste Justiz an denselben auszuüben. So wurde der Cazike Poncoa, nachdem er sein Gold hingegeben, nebst drei anderen Häuptlingen, schmachvoll den Bluthunden geopfert und von diesen zerrissen. Unter der täglich schwerer werdenden Last von Gold sanken die erschöpften Träger nieder; aber erst als auch den Spaniern die Kräfte zum Weiterzuge versagten, machte Balboa eine längere Rast in dem Dorfe Pocorosa’s und kehrte von da nach Careta zurück. Am 19. Januar 1514 erreichte er endlich seine Niederlassung in Sa. Maria del Antigua wieder, ohne einen Spanier verloren zu haben. Im darauffolgenden März sandte der glückliche Entdecker ein Schiff nach Spanien mit dem Berichte über seinen kühnen Zug und wußte den Werth seiner Eroberung durch Beifügung eines ansehnlichen Schatzes von 20,000 Castellanos an Gold und 200 der besten Perlen als königlichen Antheil an der Beute in das beste Licht zu setzen. Die Kunde von der Entdeckung eines neuen Oceans machte natürlich das größte Aufsehen. Von nun an konnte erst mit Recht die Frage aufgeworfen werden, ob die neue Welt wirklich, wie man bisher angenommen, einen Theil von Ostasien bilde, oder ob, was immer wahrscheinlicher wurde, das von Columbus erreichte Indien, einen Welttheil für sich bilde. Die Folgen der Entdeckung waren unermeßlich, sie gaben den ersten Anstoß zu der Weltumsegelung Magalhães’ und zu der Eroberung Peru’s durch Pizarro.
Aber Balboa sollte die Früchte seiner glänzenden That nicht ernten. Sein Schicksal war bereits besiegelt, als seine Sendung in Spanien eintraf. Bereits am 11. April 1514 war sein Nachfolger, der 60jährige +Pedrarias de Avila+ mit einer ansehnlichen Flotte von ca. 20 Schiffen und 1500 Mann nach Darien unter Segel gegangen. Hätte Balboa sich mit der Absendung des Schiffes mehr beeilen können, und wäre seine Botschaft um vier Wochen früher nach Spanien gelangt, so hätte sein Geschick und das der ganzen Colonie von Darien gewiß eine andere Wendung genommen. Allein der Leiter der indischen Angelegenheiten, der Bischof Fonseca, war über den an seinem Günstlinge Nicuesa verübten Verrath empört und daher entschlossen, gegen Balboa auf das strengste zu verfahren. Die Nachricht von Balboa’s Entdeckung würde seine Maßnahmen unfehlbar gemildert oder ganz verändert haben, aber bis zur Absendung Pedrarias’ hatte Balboa keinen Fürsprecher in Spanien.
Der neue Statthalter des Landes Castilla aurifia, denn so hatte der König befohlen, solle das Gebiet der Eroberung Balboa’s in Zukunft heißen,[340] landete am 30. Juni 1514 in Sa. Maria del Antigua. Er brachte ein so glänzendes Gefolge von Rittern und gelehrten Männern mit, wie es die neue Welt noch nicht beisammen gesehen. Viele von ihnen haben sich in der Folgezeit hervorgethan und in der Geschichte der Eroberung einen dauernden Namen erworben. Vier unter diesen Männern haben uns werthvolle historische und geographische Arbeiten über die neue Welt hinterlassen: +Bernal Diaz del Castillo+, der Waffengefährte des Cortes, schrieb eine Geschichte der Eroberung Mexiko’s, Gonzalo Fernandez de +Oviedo+, welcher als Inspector (~veedor~) eingesetzt wurde, schrieb die ~historia general de las Indias~, der Baccalaureus +Enciso+, welcher das Amt eines Alguacil mayor (Gerichtsbeamter) bekleidete, verfaßte eine ~Summa de geografia~, und +Pascual de Andagoya+ aus Cuartango in der Provinz Alava, der Mitentdecker von Nicaragua, entwarf eine Schilderung der Thaten der Spanier unter der Herrschaft des Pedrarias de Avila.[341] Außerdem betraten den Boden Amerika’s Diego +Almagro+, der Eroberer von Chile, +Benalcazar+, der Eroberer von Quito und Bogota, Fernando de +Soto+, der Waffengefährte Pizarro’s und Entdecker des mittleren Mississippithals, und Francisco Vasquez +Coronado+, der Eroberer von Cibola und Quivira. Als erster Pilot der Flotte wird Juan +Serrano+ genannt, welcher mit Magalhães die erste Reise um die Erde unternahm und zugleich mit diesem auf den Philippinen getödtet wurde.
Die große Schar der neuen Ankömmlinge sah sich bei der Landung sehr enttäuscht, da für die Urbarmachung des Landes und für Gewinnung von Feldfrüchten fast noch nichts geschehen war. Die Umgebung von Sa. Maria war mit Wald und Sümpfen bedeckt, der Landbau war völlig vernachlässigt und wurde erst nach Balboa’s Rückkehr von der Südsee in Angriff genommen. Auch Pedrarias de Avila war nicht der Mann, um hier energisch einzugreifen und Hilfe zu schaffen. In kurzer Zeit erlagen gegen 500 der Neuangekommenen dem Fieber und Hungertode, andere wurden von Indianern getödtet. Der neue Statthalter war zu alt für einen solchen gefährlichen und verantwortlichen Posten; mißtrauisch und eifersüchtig auf Balboa’s Ruhm, überwachte er seinen Nebenbuhler mit argwöhnischem Auge. Hart gegen die Indianer und auf gewaltsame Eroberungen bedacht, ward er mehr zum Verwüster als zum Begründer eines Colonialgebiets. Las Casas verurtheilt ihn, ohne seinen Namen zu nennen, aufs schärfste, wenn er schreibt: „Im Jahre 1514 kam ein unseliger Statthalter nach der Terra firme, der grausamste Tyrann, ohne Erbarmen und ohne Klugheit, ein Werkzeug des göttlichen Zorns.“[342]
Zunächst wurde +Ayora+ mit 400 Mann ausgesandt, um eine Reihe von Stationen von einem Meere zum andern anzulegen. Es war ein Vernichtungszug gegen die eingeborenen Häuptlinge, die der grausame Spanier verbrennen, hängen oder von Hunden zerreißen ließ. Aber seine Gründungen wurden von den erbitterten Indianern wieder zerstört. Im November 1515 sollte Antonio Tello de +Guzman+ die Pläne Ayora’s wieder aufnehmen. Ebenso grausam wie dieser drang er gegen Westen über die Landenge und erreichte zuerst +Panama+. Von hier aus plünderte er die Landschaft Chagre, wurde auf dem Rückwege von Indianern angegriffen, kam indeß glücklich nach Maria del Antigua zurück.
Im Juni 1515 machten Balboa und der von Pedrarias ernannte Befehlshaber Luis +Cavillo+ einen Zug nach +Dabaiba+ am Atrato gegen Süden, um die dortigen, angeblich von Gold strotzenden Tempel aufzusuchen. Aber die Indianer griffen die spanischen Böte auf dem Flusse an und stürzten dieselben um, wobei Cavillo das Leben einbüßte. Der Rest kehrte unverrichteter Sache nach der Colonie zurück. Als in der Folgezeit noch drei andere Expeditionen nach dem goldenen Tempel fehl schlugen, gab man die Eroberung nach dieser Richtung auf.
Inzwischen kam im Juli 1515 aus Spanien eine Anerkennung für Balboa’s Leistungen; er wurde, allerdings unter dem Oberbefehl des Pedrarias, zum Adelantado der Südsee ernannt und bekam dadurch einen eignen Verwaltungs- oder Vergewaltigungsbezirk. Aber diese Gestade an der Südsee waren das einzige kostbare Land in der Terra firme, ohne welches die Ostseite, wo Pedrarias hauste, völlig werthlos war. Dazu war es gesünder und für Europäer zuträglicher. Sollte Pedrarias es seinem Rivalen überlassen? Er schickte seinen Neffen Gaspar de Morales und Pizarro mit 60 Mann an den Michaelsgolf, um die Perleninseln zu erobern. Mit 30 Mann gingen sie auf Böten nach der Isla rica, wie Balboa die größte Insel im Perlenarchipel genannt hatte, hinüber, vor dessen Häuptling selbst die Fürsten des Festlandes zu zittern schienen. Nach einem erbitterten Kampfe unterwarf sich der Inselfürst und bot den Fremden einen Korb voll kostbarer Perlen an. Dann führte er seine Gäste auf den Thurm seines Hauses, zeigte ihnen alle Inseln, die unter seiner Botmäßigkeit standen und sämmtlich ergiebige Perlenfischerei besaßen, und berichtete von der mächtigen Nation im fernen Süden, deren Schiffe er oft gesehen habe. Während Pizarro’s Phantasie aufs neue lebhaft dadurch angeregt wurde und mit kühnen Plänen ins Weite schweifte, hielt sich Morales an das vor Augen Liegende und dachte nur an die Ausbeutung der besetzten Inselgruppe. Zu dem Zweck legte er dem unterworfenen Fürsten einen jährlichen Tribut von 100 Mark Perlen auf. Dann kehrten die Spanier nach dem festen Lande und nach der Ostseite des Continents zurück, wobei wiederum unerhörte Schandthaten gegen die Eingebornen verübt wurden. Bei einer zu freundschaftlichem Gespräch berufenen Versammlung hetzte man die Bluthunde unter die Häuptlinge und ließ achtzehn Caziken zerreißen; zu Hunderten wurden die Indianer hingemordet und als die gefühllosen Räuber dann von dem ergrimmten Volke verfolgt wurden, schlugen sie hundert gefesselten Eingebornen, Weibern und Kindern, welche sie als Sklaven vor sich her getrieben hatten, die Köpfe ab oder skalpirten sie, nur um die Verfolger von weiterem Nachdringen abzuschrecken. Selbst Balboa berichtete mit höchstem Unwillen über solche Greuel; aber der Neffe des Gouverneurs ging ohne Strafe aus.
Um eine Versöhnung zwischen den beiden Rivalen Pedrarias und Balboa herbeizuführen, regte Quevedo, Bischof von Darien, eine Heirath zwischen der ältesten Tochter des Statthalters und dem Entdecker der Südsee an; beide Parteien schienen dazu geneigt, aber Pedrarias lauerte nur auf eine Gelegenheit, den ihm lästigen Eidam unschädlich zu machen. Diese Gelegenheit bot sich, sobald Balboa seine Machtstellung am großen Ocean erweitern wollte. Um den Befehl des Königs, eine sichere Verbindungslinie zwischen beiden Meeren herzustellen, in Ausführung zu bringen, wurde jenseit Careta der Hafenplatz Acla angelegt und auf trocknem Grund ein festes Blockhaus errichtet. Von diesem Punkte aus sollte dann Balboa das Material zum Bau mehrerer Schiffe über den Isthmus schaffen und am Strande der Südsee zu seetüchtigen Fahrzeugen zusammenzimmern lassen. Als Balboa aber nach Acla kam, fand er den Platz bereits durch die Indianer wieder zerstört, die spanische Besatzung todt. Es war also seine Aufgabe, zunächst das Blockhaus wieder herzustellen und die Indianer zu unterwerfen. Geraume Zeit verstrich, ehe das Baumaterial für die kleine Flotille mühsam auf dem Rücken indianischer Lastträger über die Landenge geschafft werden konnte, wo es am Rio Balsa, dem untern Laufe des Chucunaque, zusammengesetzt werden sollte. Aber hier zeigte sich, daß es zu lange am Strande von Acla der Witterung und zerstörendem Insektenfraß ausgesetzt gewesen war, so daß man aus den durchbohrten und morschen Planken kein seetüchtiges Fahrzeug bauen konnte. Und doch hatte der nutzlose Transport von Holz und Eisen über den Isthmus an 500 Indianern das Leben gekostet. Las Casas gibt den Verlust an Menschenleben sogar auf 2000 an. Man mußte also von neuem an die Arbeit gehen, um das Baumaterial herbeizuschaffen.
Inzwischen war König Ferdinand, 1516, gestorben und es hieß, Pedrarias werde in der Person des bisherigen Gouverneurs auf den Canarien, Lope de Sosa, einen Nachfolger erhalten. Um durch diesen nicht in seinen Unternehmungen an der Südsee gehemmt zu werden, beeilte sich Balboa, seine Schiffsausrüstung zu vollenden. Aber dieser Eifer wurde ihm falsch ausgelegt. Die Freunde des Pedrarias behaupteten, er wolle sich vom Statthalter von Darien unabhängig machen und direct mit der spanischen Krone in Verbindung treten. Das sah Pedrarias als Verrath an, denn Balboa hatte seinen Auftrag binnen 18 Monaten ausführen sollen und diese Zeit war unter den mühsamen Vorbereitungen verstrichen, ehe er hatte in See gehen können. Als nun Balboa zum letztenmal auf Einladung des Pedrarias nach Acla zurückkehrte, um durch persönliches Eingreifen die Ausrüstung zu beschleunigen, und mit dem Statthalter die Ziele seines Unternehmens zu besprechen, ließ dieser ihn durch Pizarro gefangen nehmen und nach kurzem Proceß, den Espinosa als Alcalde mayor zu führen hatte, nebst vier Anhängern enthaupten; wahrscheinlich im Jahre 1517. Balboa war etwa 42 Jahre alt geworden. Sein Tod war ein Unglück für die Entwicklung der spanischen Herrschaft. Rohe Abenteurer zertraten in kurzer Zeit Land und Volk und machten das Gebiet fast menschenleer. Sicher hatte Balboa sich gegen den unglücklichen Nicuesa schwer vergangen, aber das Urtheil des Pedrarias war ein ungerechtes. Nachdem die Krone seine Verdienste durch Ernennung zum Adelantado anerkannt hatte, war damit zugleich Verzeihung für sein früheres Benehmen ausgesprochen. Leider ist die ganze Geschichte der spanischen Eroberungen in der neuen Welt eine unausgesetzte Reihe von Treubruch und Verrath, und diesem Verhängniß erlag auch Balboa. Aber kühn in seinen Unternehmungen, fest im Entschluß, als Staatsmann und Krieger zum Befehlen geboren, gebildet und von reifem Urtheil, hätte unter seiner Leitung die Colonie einen ungeahnten Aufschwung nehmen können. Zwar hatte auch unter Balboa das Land gelitten, aber weit schlimmer wurden die Verhältnisse unter Pedrarias und die Verödung der einst volkreichen Landstriche nahm dermaßen zu, daß es im Anfange des 17. Jahrhunderts in der Provinz Panama mehr Neger als Indianer gab.
An der Südsee wurde Espinosa Balboa’s Nachfolger. Mit Hilfe der von Balboa erbauten Flotte von vier Brigantinen und der verfügbaren Mannschaft gründete er 1519 die Colonie von Panama, welcher Karl V. im Jahre 1521 Stadtrecht verlieh. Aber in dem ungesunden Klima gingen in den ersten 28 Jahren 40,000 Menschen dort zu Grunde. Daher befahl Philipp II. später den Ort zwei Meilen weiter westwärts an einer gesünderen Stelle anzulegen und bestimmte als Ausgangspunkt für die Isthmusstraße +Puerto Bello+, nordöstlich von Aspinwall oder Colon, von wo jetzt die Eisenbahn nach Panama hinüberführt.
Espinosa unterwarf die Stämme und Landschaften auf dem Isthmus und Bartolomé Hurtado befuhr die Küste der Südsee bis zum Golfe von Nicoya (unter 10° n. Br.), und in den folgenden Jahren gingen alle von Pedrarias angeordneten Entdeckungsfahrten nach Nordwesten, im ausgesprochenen Gegensatz zu den Plänen Balboa’s, der sein Augenmerk stets nach dem Süden gerichtet hatte. Möglicherweise ließ auch schon Pedrarias nach einer mittelamerikanischen Meerenge forschen, wie sie später so eifrig von Cortes gesucht wurde.
Noch weiter als Espinosa gelangte +Gil Gonzalez de Avila+. Derselbe hatte zwar im Jahre 1519 durch königlichen Befehl das Commando über die Flotte Balboa’s erhalten, mußte aber, da Pedrarias über dieselbe bereits verfügt hatte, auf den Perleninseln 4 andere kleine Fahrzeuge bauen und segelte damit im Jahre 1521 zunächst nach dem Dorfe Nicoya’s, wo der Häuptling sich willig mit sammt seinem Volke taufen ließ, und entdeckte dann weiter das fruchtbare, offene, volkreiche Land, das nach seinem damaligen Fürsten noch den Namen +Nicaragua+ trägt. Die Kultur zeigte sich bei den Indianern, je weiter man nach Norden kam, immer mehr entwickelt, denn die Landschaften von Nicaragua und Honduras standen bereits unter dem Einfluß der von Mexiko und Yukatan her verbreiteten höheren materiellen und geistigen Bildung. Gonzalez verließ seine Schiffe und zog friedlich zu dem Fürsten Nicaragua, der an dem See gleichen Namens hauste und von dessen Macht ihm bereits Nicoya erzählt hatte. Auch Nicaragua ließ sich mit 9000 Mann auf einmal taufen und ließ es ruhig geschehen, daß der Spanier mit seinem Pferde in den See hineinritt, von dem Wasser trank und durch diese Ceremonie von dem umgebenden Lande Besitz ergriff. Auch bei diesem Zuge sollen 100,000 Pesos in Gold erbeutet sein.[343]
Auf dem Rückwege an die Küste wurde Gonzalez zwar von den Eingebornen angegriffen, aber seine Schar behauptete den Sieg und erreichte glücklich den Strand der Südsee. Inzwischen hatte der Steuermann Andres +Niño+ die Entdeckungsfahrt weiter bis zur Fonsecabai und darüber hinaus bis auf „die Rückseite von Yukatan“ fortgesetzt.[344]
Am 25. Juni 1523 kam die ganze Expedition nach Panama zurück. Die alte Niederlassung Santa Maria del Darien (Antigua) begann schon 1521 zu veröden und wurde 1524 ganz aufgegeben. An ihre Stelle trat Panama.