Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen
Part 4
Indessen belebte sich der atlantische Ocean immer mehr mit allerlei phantastischen Inselgebilden, die man zum Theil geneigt war als Stationen, je mehr gegen Westen desto mehr, zunehmender Glückseligkeit aufzufassen. Das Alterthum kannte nur die Canarischen Inseln als ~insulae fortunatae~. Im Mittelalter bildeten sich aber immer lebhafter die Vorstellungen aus von friedlichen, paradiesischen Eilanden im fernen Westmeere, welche weltflüchtigen Anachoreten zum beneidenswerthen Asyle dienen sollten. Wir wissen bereits, daß irische Christen von der Welt abgeschieden auf den Faröer und auf Island lebten; und ist es kein zufälliges Zusammentreffen, daß die Inselparadiese im Westmeere der Sage nach sollen von Irland aus gefunden sein. Die geographischen Träumereien, welche sich an den erst durch Mißverständniß gebildeten Namen der ~insulae fortunatae~ (s. S. 13) anlehnten, die man im Mittelalter als die Inseln der Seligen pries, belebten sich namentlich auf den britischen Inseln, von wo ja manche die Einsamkeit aufsuchende Geistliche sich nach entlegenen Inseln flüchteten und wo, wie das Beispiel des irischen Mönches Dicuil im 9. Jahrhundert zeigt, aus den Schriften eines Plinius und Solinus alle Andeutungen zusammengelesen wurden, welche auf die Existenz ferner atlantischer Inseln hinwiesen. Die thatsächlichen Irrfahrten jener frommen Asketen, von denen manche, wie wir gesehen haben, sich über die Faröer hinaus wagten, veranlaßten auch mancherlei mythische Berichte von Wunderreisen. Den Mittelpunkt dieser Sage bildet die Legende von den Schifffahrten des +heiligen Brandan+ oder Brandon, der gegen Ende des 6. Jahrhunderts mit vielen Genossen von Irland aus nach einem solchen wunderbaren Eilande ausfuhr. Der Glaube an seltsame Inseln taucht schon in Plutarch (Ueber den Verfall der Orakel) auf, welcher berichtet, daß um Britannien herum viel öde Inseln lägen, während die wenigen Bewohner auf andern Eilanden für heilig und unverletzbar gelten. An einer andern Stelle (Vom Gesicht im Monde) schildert er, daß fünf Tagereisen westwärts von Britannien einige Inseln und dahinter ein großes Festland liegen. Die Natur der Inseln und die Milde der sie umgebenden Luft sei wunderbar. -- Der heilige Brandan kam nun, wie die Sage berichtet, wirklich zu einer paradiesischen Insel und kehrte erst nach jahrelangen Irrfahrten wieder heim. Die weite Verbreitung dieser Geschichte läßt sich daraus erkennen, daß sie fast in allen Sprachen des Abendlandes auftaucht und daß die Kartenzeichner des Mittelalters sie mehrfach, man möchte sagen zur Ausschmückung des nur spärlich von Inseln belebten westlichen Oceans verwendeten; aber besonders beachtenswerth bleibt dabei, daß die heilige Brandans-Insel im Lauf der Jahrhunderte immer weiter nach Süden rückt. Während wir nach der Sage dieses Elysium der Westsee unter der Breite Irlands suchen müssen, verlegt die Karte des Venezianers Pizigano, von 1367, dieselbe nach Madeira, der Ritter Martin Behaim auf seinem Erdapfel von 1492 südwestlich von den Capverden in die Nähe des Aequators. Die Veranlassung dazu gab die seit dem Wiederauffinden der Canarien immer wieder auftretende Behauptung, daß man am westlichen Horizont von Zeit zu Zeit eine Gebirgsinsel stets in gleicher Gestalt und Lage in weiter Ferne auftauchen sehe. Das Trugbild mag durch eine Nebelbank entstanden sein, allein der Glaube an die Existenz der Insel war so fest, daß sich ein portugiesischer Ritter sogar mit diesem noch erst zu entdeckenden Besitze belehnen ließ und daß selbst bis 1750 immer noch Versuche gemacht worden sind, um sie aufzufinden.
Die Geschichte der Brandans-Insel steht übrigens keineswegs vereinzelt da, wenn es sich um alte Sagen von einsamen, fruchtbaren atlantischen Inseln handelt. Schon Aristoteles und nach ihm Diodor von Sicilien noch ausführlicher wissen von Inseln jenseits der gaditanischen Meerenge, welche von Phöniziern entdeckt und später von den Carthagern ausersehen sein sollten, ihnen für Unglücksfälle, wenn etwa ein vernichtender Schlag ihre Vaterstadt träfe, eine Zufluchtsstätte zu gewähren. Diese Ueberlieferung aus dem Alterthum lebt in einer spanischen Sage wieder auf, wonach zur Zeit, als die Mauren durch den entscheidenden Sieg über die Gothen bei Jerez de la Frontera die Herrschaft über Spanien gewannen, ein Erzbischof nebst 6 Bischöfen sollten, um ihren Glauben zu retten, auf eine entlegene atlantische Insel geflohen sein. Dort gründeten sie sieben Städte, wonach die Zufluchtsstätte die Insel der sieben Städte (~sette cidades~) genannt wurde. Aber auf den Karten erscheint dieses Phantasiebild nicht vor dem Anfang des 15. Jahrhunderts. Man warf es bald mit einem andern Eilande von noch räthselhafterer Benennung, mit der Insel Antillia zusammen, welche erst im Zeitalter des Columbus ihre Bedeutung gewann; daher hier vorläufig nur ihre Erwähnung genügt. Auch die Insel Brasil (Brazie) westlich von Irland kann unter diese wesenlosen Gebilde der Phantasie gerechnet werden, von andern unwichtigeren zu schweigen.
Mochten auch mancherlei Fahrten ins Blaue auf der Jagd nach solchen oceanischen Paradiesen angestellt sein, greifbare Resultate mußten noch ausbleiben, so lange man eines sichern Führers im freien Meere entbehrte. Dieser bot sich aber erst im 13. Jahrhundert dar, seitdem man die +polare Richtkraft des Magneten+ entdeckt hatte. Ohne alle Frage haben die Chinesen diese Kraft viel früher erkannt als das Abendland; aber wir haben keinen Anhalt dafür, es fehlt uns jeder Nachweis, daß die Magnetnadel aus dem Osten Asiens zu uns gewandert wäre. Zwar liegt es nahe, an die vermittelnde Hand arabischer Seeleute zu denken, welche mit der chinesischen Handelsmarine auf dem indischen Ocean in häufige Berührung traten, manche Verbesserungen im Seewesen von jenen Ostasiaten entlehnten und selbst bis nach China ihren Verkehr ausdehnten. Allein dann dürften wir auch erwarten, daß in jenen europäischen Gewässern, wo die Araber wiederum mit den seetüchtigen Völkern des Abendlandes zusammentrafen, auf dem Becken des Mittelmeeres und in den an seinen Ufern gelegenen Seestädten ein für die Schifffahrt so wichtiges Instrument wie der Compaß zuerst erwähnt und gewürdigt worden wäre. Doch dem ist nicht so. Man dürfte auch wohl erwarten, daß der berühmte Marco Polo, der für alles, was den Handel betrifft, ein besonders scharfes Auge besaß, und der seine weiten Seereisen im chinesischen Meere und durch den indischen Ocean auf chinesischen Schiffen ausführte, die Magnetnadel erwähnt und beschrieben haben würde, wenn in den östlichen Gebieten der alten Welt die praktische Verwendung des Instruments bereits eine allgemeine gewesen wäre. Aber Polo gedenkt desselben mit keiner Silbe. Und in Europa treffen wir auf die früheste Erwähnung der magnetischen Kraft gerade in Gegenden, welche von arabischem Einfluß nie berührt sind, nämlich in England und Nordfrankreich. Sonach darf man die Vermuthung aussprechen, daß die Nordweisung der magnetischen Nadel wie am Ostrande der alten Welt, so auch am Westrande derselben selbständig entdeckt ist, gerade so gut, wie das Abendland den Bücherdruck und das Porzellan, auch zwei chinesische Erfindungen, für sich wieder erfunden hat. Die beiden ältesten Gewährsmänner, welche den Magnet erwähnen, sind der Engländer Alexander Neckam, welcher seit 1180 Professor in Paris war, und der nordfranzösische Dichter Guiot aus Provins. Es darf dabei nicht unerwähnt bleiben, daß gegen das Ende des 12. Jahrhunderts mit der Wiederaufnahme des Studiums der physischen Schriften des Aristoteles an der Universität zu Paris das Studium der Naturwissenschaften neu belebt wurde. Wie nahe liegt da der Gedanke, jene neue, wichtige Erfindung, welche wir gleichsam in der Nachbarschaft von Paris zuerst erwähnt finden, sei auch dort wirklich gemacht. Alexander Neckam schrieb seine Abhandlung: ~de Utensilibus~ und sein Werk: ~de Naturis rerum~ im letzten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts, das satirische Gedicht Guiots, ~la Bible~, wurde im ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts verfaßt. Die ursprünglichste, roheste Art der Anwendung des Magneten, denselben in einem Strohhalm auf dem Wasser schwimmen zu lassen, wich allmählich der verbesserten Methode, den Nordweiser auf eine Nadelspitze zu legen. Dabei muß es befremden, diese ursprüngliche Form noch 1258 erwähnt zu sehen. In diesem Jahre besuchte Brunetto Latini, aus Florenz vertrieben, den berühmten Roger Bacon und schreibt, dieser habe ihm unter andern einen Magneten gezeigt, der die überraschende Eigenschaft besitze, das Eisen anzuziehen. Wenn man eine Nadel darauf reibt und diese nachher an einem Strohhalm befestigt und auf dem Wasser schwimmen läßt, dann dreht sich die Nadel mit der Spitze gegen den Polarstern. Aber wiewohl diese Entdeckung für alle Seereisende von so hohem Werthe zu sein scheint, so muß sie zur Zeit doch noch geheim gehalten werden, weil es kein Schiffscapitän wagen darf, sie anzuwenden, da er sonst sofort in den Verdacht der Zauberei verfiele; auch würde kein Matrose mit ihm gehen, wenn er ein solches Instrument mitnähme, das offenbar unter der Beihilfe höllischer Mächte entstanden.[15] Am Mittelmeere muß also zur Zeit Latinis die Erfindung noch unbekannt gewesen sein, und ans Mittelmeer müßte die Magnetnadel doch zuerst gekommen sein, falls sie uns durch die Vermittelung der Araber sollte aus China überbracht sein.
Nach 1270 wird auch die Strich- oder Windrose mit der Nadel in Verbindung gebracht, und so sehen wir die Bussole (ein Wort holländischen Ursprungs) fertig vor uns. Was für Verbesserungen der so oft als Erfinder des Compasses genannte Flavio Gioja aus dem Herzogthum Amalfi, der in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts gelebt haben soll, angebracht haben kann, ist nirgends ersichtlich. Der Compaß war nachweisbar vor seiner Zeit auf den Schiffen allgemein in Gebrauch, was sich vor allem aus dem glänzenden Aufschwung der nautischen Kartographie ergibt, welche uns ganz bestimmt ins 13. Jahrhundert zurückführt. Denn die erste nur mit Hilfe der Bussole in solcher Treue mögliche Darstellung der Küstenumrisse des ganzen Mittelmeeres, welche uns Marino Sanudo um 1320 überliefert hat, setzt jahrzehntelange Specialaufnahmen voraus, aus denen Sanudos Bild zusammengesetzt ist. Und hier ist nicht zu leugnen, daß die Seeleute des Mittelmeeres sich die neue Erfindung am trefflichsten zu Nutze machten und ihren Werth allseitig erkannten. Die Umgestaltung, welche die Kartographie erfuhr, war eine fundamentale. Statt wie im früheren Mittelalter nach dem Paradiese im äußersten Osten, orientirte man sich nach dem Polarstern, auf den die Magnetnadel wies und entwarf danach die Karten. Der Schiffer gewann mit Compaß und Seekarten auf freiem Meere ein bisher nicht gekanntes Gefühl der Sicherheit und steuerte verwegener in die dunkle Salzflut hinaus. Dauernde, auch der Nachwelt in sicherer Begrenzung überlieferte Entdeckungen wurden erst seit dem 13. Jahrhundert möglich; und schon der Ausgang dieses Jahrhunderts zeigt uns zwei Beispiele eines kühnen Seezuges. Denn im Jahre 1281 machten die Gebrüder Vadino und Guido de Vivaldi von Genua aus den Versuch, um Afrika herum nach Indien zu segeln, ein Unternehmen, das 1291 von Ugolini Vivaldi und Teodosio Doria wiederholt wurde. Allein resultatlos, denn diese Expeditionen sind verschollen.
Wichtiger und folgenreicher, weil „das nächste mit dem nächsten klug verknüpfend“, waren die Fahrten der genuesischen und venetianischen Kauffahrer nach der atlantischen Seite Europas, nach den Niederlanden und Britannien. Erst unter der zuverlässigen Führung der Bussole erwachte der Seeverkehr auf dem Ocean. Dem Alterthume war die Westküste unseres Erdtheils im höchsten Grade unwirthlich erschienen. Zu Strabo’s Zeiten war die Nordseite Spaniens besonders verrufen. „Dieser Strich,“ sagt er, „hat als Oceansküste die Zugabe empfangen ohne Verbindung und Verkehr mit andern zu sein, so daß er sich durch Mißlichkeit der Bewohnung auszeichnet.“ Und auch im Mittelalter tasteten zwar einzelne Pilgerschiffe, die das heilige Land aufsuchten, sich in langsamer Fahrt an den Küsten hin, bis sie in die Säulen des Herkules einliefen; aber von einem regen Verkehr war nicht die Rede.
Da eröffneten, etwa gegen Ausgang des 13. Jahrhunderts, die Italiener den directen Seeweg zu den niederländischen Städten. Sie liefen wohl auf halbem Wege in den günstig gelegenen Hafen von Lissabon ein und erregten dadurch den Eifer der Portugiesen, welche bald den Seeruhm ihrer Lehrmeister überstrahlen sollten. Der König Diniz war der erste, der sein Volk auf diesen neuen Pfad des Gewinnes und des Ruhmes mit Erfolg hinwies. Wenn uns berichtet wird, daß noch im Laufe des 14. Jahrhunderts im Hafen von Lissabon zu Zeiten 400 bis 500 Seeschiffe lagen, so kann man aus dieser Zahl allein schon auf den wachsenden Verkehr im Ocean schließen.
Sicher wurden durch einzelne vom Wetter aus ihrem Cours gedrängte Schiffe die Canarischen Inseln wieder aufgefunden. Wiederholt tauchen in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts Nachrichten von jenen Eilanden auf, ohne daß man den oder die Entdecker mit Gewißheit nennen könnte. Am wahrscheinlichsten waren es Genuesen, aber auch Portugiesen und Franzosen drangen fast gleichzeitig zu den glückseligen Inseln vor, deren Anblick ihren Erwartungen von paradiesischen Fluren nicht entsprach. Im Jahre 1341 schickte Alfons IV. mehrere Schiffe dahin ab unter dem Commando eines Genuesen und Florentiners. Nach einer günstigen Fahrt von 5 Tagen kam das Geschwader im Anfang Juli zu den Canarien, besuchte im Laufe des Sommers mehrere von den 14 größeren und kleineren aufgeführten Inseln, darunter namentlich Canaria und wahrscheinlich auch Ferro und Forteventura, beschrieben auch den Pik von Teneriffa und kehrten im November zurück. In einer päbstlichen Verleihungsurkunde von 1344 wurden Canaria, Vingaria, Pluviaria, Capraria, Junonia, Embronea, Atlantica, Hesperidum, Cernent, Gorgones und Galeta namhaft gemacht, doch gehören einige darunter nicht zu den Canarien, Galeta liegt gar an der Küste von Tunis. Zuerst setzten sich Genuesen auf den Canarien fest, der Ritter Lancelot aus dem adligen Geschlechte der Malocelli in Genua legte auf der einen Insel eine Burg an, dieselbe erscheint auf der catalanischen Karte von 1375 als Lanzeroto Maloxelo. Und wenn bereits auf dem mediceischen Portulan von 1351 neun Inseln mit neuen Namen uns begegnen, deren Form auf genuesischen Dialect hindeutet, so erkennen wir daraus, daß der ersten von Portugal ausgesandten Expedition bald genuesische Unternehmungen gefolgt waren.
Dahin gehören Parme (~J. de li Parme~), Palma, die Insel der Palmen, Linferno, die Insel der Unterwelt, womit Teneriffa bezeichnet wird, wegen seines hohen Vulkans.
Um dieselbe Zeit, vielleicht um das Jahr 1346, fällt auch die Fahrt des englischen Ritters Machim, der auf seiner Flucht von England nach Madeira verschlagen wurde.
Auch diese letztere Inselgruppe treffen wir bereits auf dem Portulan von 1351.[16] Neben der kleinern Insel, die noch jetzt den Namen Porto santo trägt, erscheint die größere I. de lo legname, d. h. Holzinsel; offenbar ein italienischer Name, den die späteren Besitzer, die Portugiesen, in den bekannten Madeira, übersetzt haben. Sogar die ferner liegenden Açoren sind schon aufgefunden; die südöstliche Gruppe derselben trägt die Bezeichnung ~insula de Cabrera~ (Ziegeninsel).
So hatte man also um die Mitte des 14. Jahrhunderts den Stand der Kenntniß des Alterthums mindestens wieder erreicht. Den Portugiesen war es im nächstfolgenden Zeitraume vorbehalten, die Grenzen der bekannten Welt weiter hinauszurücken und, nachdem die westlichen Gestadelinien der alten Welt vom südlichen Cap Afrikas bis zum Nordcap Europa im allgemeinen ans Licht getreten war, den Anstoß zu geben für die erste planmäßige Durchschiffung des westlichen Oceans.
Am Schlusse dieses Abschnittes haben wir noch die Reisen der venetianischen Gebrüder +Nicolo+ und +Antonio Zeno+ zu untersuchen, welche in den Ausgang des 14. Jahrhunderts fallen, und sich auf dem Gebiete der normannischen Seezüge im nördlichen atlantischen Ocean zwischen Scandinavien und Grönland bewegten, aber der Deutung und Erklärung im einzelnen große Schwierigkeiten entgegensetzten, so daß die Untersuchungen zu ganz abweichenden Ergebnissen geführt haben. Die Schwierigkeiten entstanden vor allem bei dem Versuch, die Namen der Localitäten zu enträthseln, welche den Schauplatz der Erlebnisse bilden, und die den alten Bericht begleitende Karte einerseits mit dem Texte, andrerseits mit den gegenwärtig vollständig bekannten thatsächlichen Verhältnissen jenes Theiles der Erdoberfläche in Einklang zu bringen. Am meisten hat sich R. H. Major in London um das Verständniß verdient gemacht.[17] Daß dabei nicht von einer fingirten Reise und einer Fälschung die Rede sein kann -- denn auch diese Ansicht ist laut geworden -- beweist die thatsächliche Kenntniß nordischer Verhältnisse, welche nicht blos alles übertrifft, was das Mittelalter in Europa über jene Gegenden wußte, sondern auch die Kenntniß in der Mitte des 16. Jahrhunderts übertrifft, wo der merkwürdige Bericht zuerst veröffentlicht wurde.
Der Thatbestand ist nun folgender: Am Ende des 14. Jahrhunderts, wahrscheinlich 1390, und nicht 1380, wie Text und Karte angibt, rüstete Nicolo Zeno, einer alten venetianischen Adelsfamilie entstammend, aus eigenen Mitteln ein Schiff aus, um, mehr aus Neugier als aus Drang zu neuen Entdeckungen, den Norden Europas zu besuchen. Seit einem Jahrhunderte bereits befuhren venetianische Handelsschiffe den atlantischen Ocean von den Säulen des Herkules bis Flandern und Süd-England. Zeno strebte noch weiter nach Norden. Ein Sturm trieb sein Schiff über Britannien hinaus und warf es an den Strand der Insel Friesland (Faröer). Aus den Händen der Strandräuber, welche sich des Strandguts bemächtigten, befreite die Schiffbrüchigen der Beherrscher eines Nachbargebietes, welchen Zeno Zichmni nannte. Aus Dankbarkeit trat der Venetianer in die Dienste seines Befreiers und lud nun seinen in Venedig weilenden Bruder Antonio brieflich ein, zu ihm zu kommen. Antonio folgte dieser Einladung. Vier Jahre nach seiner Ankunft auf den nordschottischen Inseln starb Nicolo in Friesland. Antonio blieb aber noch 10 Jahre und schrieb während dieser Zeit mehrere Briefe an seinen Bruder Carlo, der in Venedig eine hervorragende Rolle spielte. Die Briefe der venetianischen Nordlandsfahrer blieben im Familienarchive zu Venedig, bis ein späterer Nachkomme des Geschlechts, Nicolo Zeno der Jüngere, geb. 1515, als unverständiger Knabe diese Dokumente durch Zufall in die Hände bekam, und da er ihren Werth nicht kannte, zum Theil zerriß. Erst später, in reiferen Jahren, suchte er die Bruchstücke zusammen und entwarf danach die Geschichte jener abenteuerlichen Fahrten seiner Vorfahren. Auch copirte er eine alte, halb vermoderte Originalkarte und ergänzte sie nach seinem Verständniß und seiner Auffassung. Das Ganze veröffentlichte er dann 1558 unter dem Titel: ~Dello scoprimento dell’ Isole Frislanda, Eslanda, Engronelanda, Estotilanda, Icaria, fatto per due fratelli Zeni, M. Nicolo il Cavaliere et M. Antonio.~
Joh. Reinhold Forster wies 1784 in seiner Geschichte der Entdeckungen und Seefahrten im Norden (S. 217-250) zuerst auf die Glaubwürdigkeit und den Werth des Berichtes hin. Auch Al. v. Humboldt sprach sich in seinen kritischen Untersuchungen etc. (deutsch v. Ideler, Bd. I, 337) dahin aus, daß, wenn man den Bericht ohne vorgefaßte Meinung untersuche, man in demselben Wahrheitsliebe und eine ins Einzelne gehende Beschreibung von Gegenständen finde, zu welcher nichts in Europa den ersten Gedanken an die Hand gegeben haben könnte. Dagegen erklärte der dänische Admiral Zahrtmann (~Journal Royal geogr. Soc. London. Vol. 5~) das Ganze für eine Erfindung des jüngeren Zeno.
H. Major hat nun die Echtheit des Berichts zuerst an den Oertlichkeiten der Faröer nachgewiesen. Es handelt sich um einen Wikingerzug des Zichmni, des Herrn von Porlanda und Sorona.
Die Namen sind sämmtlich nur nach dem Gehör, nach dem Klange der Aussprache aufgefaßt und dann dem Italienischen angepaßt und umgeformt. So hat bereits Forster gefunden, daß in dem räthselhaften Zichmni der schottische Häuptling Henry +Sinclair+ of Roslyn steckt, welcher von Hakon VI. von Norwegen die Herrschaft über die Orkneys und Caithneß erhielt. Der Pentland-Firth scheidet die beiden Besitzungen. Aus Pentland macht der Italiener Porlanda und die begleitende Karte entstellt diesen Namen, durch falsche Lesung, in Podanda (für ~rl~ ist ~d~ gesetzt).
Aus Caithneß wird Contanes und unter Sorona ist die kleine Insel Swona in dem Pentland-Firth zu verstehen. Zichmnis Geschwader wollte Friesland erobern. Im Altdänischen aber heißt die Faröergruppe Faeröisland, und in der Biographie des Columbus erzählt sein Sohn Ferdinand, daß sein Vater im Jahre 1477 von Bristol nach Frislanda gesegelt sei. Daraus wird die Identität von Faröer und Friesland ersichtlich. Daß aber der jüngere Zeno diesen Namen nicht aus der Biographie des Columbus entlehnen konnte, erhellt daraus, daß diese Lebensbeschreibung später, nämlich erst im Jahre 1571, also +nach+ dem Reisebericht Zenos veröffentlicht wurde. Wenn die alte Karte Friesland als eine compakte große Insel darstellt, so fällt dieser Irrthum vorwiegend dem jungen Zeno zur Last. Zichmnis Flotte nahm ohne große Schwierigkeit die Inseln Ledovo und Ilofe (verschrieben für Slofe) und andere kleine Inseln im Golfe Sudero in Besitz. In diesem Golf erkennen wir den Suderoefjörd zwischen den beiden Inseln Suderoe und Sandoe. Dann ergibt sich für Ledovo die kleine fast unzugängliche Felseninsel Little Dimon und für Slofe das Nachbareiland Skuoe. Weiter ging das Geschwader nach dem Hafen Sanestol (d. h. Sandoe) und landete bei dem Orte Bondendon (wahrscheinlich Norderdahl auf Stromoe). Von hier zogen die Eroberer quer durch die Insel zur Hauptstadt Frislanda, welche an einer sehr fischreichen Bai lag, von wo sich Schiffe von Flandern, Britannien, Norwegen und Dänemark mit Fischen versorgten.
Die Hauptstadt Thorshaven, welche hier gemeint ist, belegt der Venetianer mit dem Namen der Inselgruppe. Der Reichthum an Fischen ist hier seit alters berühmt. Später leitete Nicolo Zeno ein ähnliches Unternehmen gegen Estland (d. h. Shetland-Inseln), wobei mehrere Schiffe nach der Insel Grislanda südwärts verschlagen wurden. Das Hauptland der Orkneys heißt Hroß-ey, oder Groß-ey oder ~gross-island~, woraus sich die Form Grisland bildete.
Der jüngere Zeno, welcher aus Unverstand Estland für Island nahm, verlegte auch Grislanda an die Küsten jener großen Insel, obwohl der Originaltext von „~le Islande~“, also von mehreren Inseln spricht; in Folge dieses Grundirrthums werden aber auch alle nach Shetland gehörigen Namen an das Gestade von Island verschoben, nämlich Talas (= Yelli), Broas (= Barras), Iscant (= Unst), Trans (= St. Ronans Isle), Mimant (= Mainland), Dambere (= Hamna) und Bras (= Bressay).
Es lassen sich also alle Localitäten wieder erkennen und gehörigen Orts befestigen. Die durch Zeno den jüngeren in die Karte gebrachten groben Fehler sind von dem Originalberichte nicht verschuldet, bestärken aber die Glaubwürdigkeit der Erzählung; denn wenn das Ganze eine müßige Erfindung des 16. Jahrhunderts wäre, würde sie an solchen geographischen Verstößen gar bald entlarvt werden können. Jener erste Zug nach den Faröer geschah wahrscheinlich im Jahre 1390, der gegen Shetland 1391.[18]