Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen
Part 39
Am Schlusse desselben Jahres 1499 brach von Palos ein zweites Geschwader auf. Die reiche Familie der Pinzone hatte es auf ihre Kosten ausgerüstet. An der Spitze standen +Vicente Yañez Pinzon+ und seine Neffen Diego Fernandez und Perez Arias. Am 18. November gingen 4 Caravelen unter Segel und steuerten von der capverdischen Insel St. Jago am 13. Januar 1500 gegen Südwesten trotz Stürme und großer Gefahr über den Aequator. Jenseit des fünften Grades südl. Br. stießen sie am 26. Januar südlich von dem Cap S. Roque auf die brasilianische Küste und nannten den ersten Landvorsprung das schöne Vorgebirge, Rostro Hermoso. Die Portugiesen nannten dasselbe später Cap Sa. Cruz oder S. Agostinho. Juan de la Cosa bezeichnet diese Stelle mit der Inschrift: „Dieses Cap wurde im Jahre 1499 (irrthümlich statt 1500) für Castilien entdeckt, der Entdecker war Vicentians.“[315] Der Führer der Expedition stieg mit mehreren königlichen Notaren ans Land und nahm für den König von Spanien Besitz von demselben, indem er Zweige von den Bäumen abhieb, von dem Wasser des Landes trank und Kreuze errichtete. Ein Versuch, mit den Eingebornen in friedlichen Tauschverkehr zu treten, wurde durch das feindselige Benehmen derselben vereitelt. Man steuerte darauf an der Küste des Landes gegen WNW. So wurde also auch, wie Peter Martyr triumphirend schreibt, hier, jenseit des Oceans die alte Streitfrage, an welcher sich Philosophen, Dichter und Kosmographen lebhaft betheiligt hatten, ob nämlich der heiße Aequatorialgürtel für Menschen bewohnbar sei, endgiltig durch den Augenschein gelöst.[316] Auf der Weiterfahrt geriethen sie mit den Indianern in blutigen Streit, welcher mehreren Matrosen das Leben kostete. Sie hielten daher etwas von der Küste ab und gelangten vor die Mündung des mächtigen Amazonenstroms; sie waren nicht wenig erstaunt, als sie in einer Entfernung von 40 spanischen Meilen vom Lande trinkbares Wasser von der Meeresfläche schöpfen konnten. Daß solche gewaltige Massen von süßem Wasser, welche den Ocean bedeckten, nur von einem Riesenstrome herrühren konnten, wurde klar, jemehr sie sich nun dem Gestade näherten, an welchem sie mehrere Inseln entdeckten. Auf einer derselben nahmen sie 36 Eingeborene gefangen und führten sie als Sklaven mit sich fort. An der Mündung des Marañon, wo sie zuerst den Polarstern wieder zu Gesicht bekamen, beobachteten sie eine Springflut und glaubten aus den Angaben der Indianer zu verstehen, daß weiter aufwärts am Fluß viel Gold zu finden sei. Offenbar hatte man ein bedeutendes Festland vor sich, dem man unmöglich die kleine Bezeichnung „Insel“ ertheilen konnte, man müßte denn, wie Martyr bemerkt, die ganze bewohnte Erde (~universum terrae orbem~) als Insel ansehen. Wegen der ungeheuren Breite des Amazonenstroms, welche die Entdecker auf 30 spanische Meilen schätzten, hielt Martyr die Erzählung anfangs für eine Fabel. Als er sie dann aber weiter fragte, ob sie nicht etwa eine Meerenge für einen Fluß angesehen hätten, bemerkten ihm jene, daß, je weiter man in den Strom hinauf fahre, das Wasser um so süßer werde. Durch diese Erklärung beruhigt, ruft der Verfasser der Decaden aus: „Wer will es der Natur nehmen, daß sie nicht noch größeres selbst als diesen Fluß schaffen könne!“ Die Entdeckung des gewaltigsten Stroms der Erde erregte mit Recht die staunende Bewunderung der Zeitgenossen. So verschwommen aber waren damals noch die Vorstellungen, welche man über diese Gebiete in Spanien hatte, daß Peter Martyr glaubte, der Marañon sei derselbe Fluß, den Columbus auf seiner dritten Reise gefunden; der Amazonenstrom und Orinoco schienen ihm also identisch. Daß beide neben einander existiren könnten, schien unglaublich.
Aus den prachtvollen Urwäldern nördlich vom Strome, wo sie Riesenstämme antrafen, welche 16 Männer kaum zu umspannen vermochten, nahmen sie eine Ladung von Brasilholz[317] mit und gingen dann am Orinocodelta vorüber durch den Drachenschlund, entdeckten jenseit Trinidad die Insel Tabago, berührten mehrere der kleinen Antillen und trafen am 23. Juni 1500 in Haiti ein. Von hier aus wandte sich das Geschwader, welches weder Gold noch Perlen gewonnen hatte, zur Menschenjagd nach den Bahama-Inseln, verlor aber in einem furchtbaren Sturm zwei Schiffe. Die beiden andern Fahrzeuge erreichten am 30. September 1500 den heimatlichen Hafen. Der geographische Erfolg dieser Reise war ein bedeutender, aber der materielle Gewinn fehlte vollständig. Die Droguen und Hölzer, welche man für Ingwer und Zimmet gehalten, waren werthlos. Es blieb nur die Sklavenfracht und das Brasilholz; dazu stürzte der Verlust zweier Schiffe die Familie der Unternehmer in Schulden und ließ den Gedanken an eine Fortführung der Pläne nicht aufkommen, obwohl man dem Ziele weit näher gekommen zu sein meinte, als Columbus; denn man war überzeugt, über Catai hinaus das indische Gestade jenseit des Ganges erreicht zu haben.[318]
Kaum einen Monat später, als die Pinzone, brach ebenfalls von Palos, etwa in der Mitte des December 1499 +Diego de Lepe+ mit zwei Schiffen auf und segelte von der capverdischen Insel Fuego 500 Leguas gegen Südwesten, bis er in der Nähe von Cap Agostinho auf die Küste des Festlandes stieß. Der Verlauf der Expedition am Marañon vorüber nach dem Parialande ist ziemlich derselbe wie bei der Fahrt der Pinzone; doch würde Lepe’s Reise noch ein besonderes Interesse gewinnen, wenn, wie vermuthet ist, Amerigo Vespucci daran theilgenommen hätte und der Bericht von der zweiten Schifffahrt des Florentiners sich auf Diego de Lepe’s Unternehmung bezöge.[319] Vespucci, welcher zweimal am Cap Agostinho war, bestimmte die südliche Breite desselben zu 8 Grad, nach den Aussagen Sebastian Cabots, Juan Vespucio’s u. a. (Navarrete III, 319. 320). Andreas Morales entwarf nach den Angaben der Entdecker und der nachfolgenden Expeditionen eine Karte für den Bischof Fonseca, auf welcher auch die Lage des Cap Agostinho nach Rücksprache mit Lepe angegeben war. Diego de Lepe’s Karte wurde später auch von Juan Diaz de Solis geprüft. Das Cap Agostinho gewann aber deshalb eine so große Wichtigkeit, weil man durch seine Fixirung den ersten festeren Anhalt für die Bestimmung der Demarcationslinie zu finden glaubte. Lepe’s Karte wurde dabei zu Rathe gezogen und Vespucci hat, nach der Aussage namhafter Zeugen, seine Lage bestimmt (Navarrete III, 319). Die Beziehungen zwischen Diego de Lepe und Amerigo Vespucci treten dadurch so deutlich hervor, daß die Vermuthung, Vespucci habe mit Lepe seine zweite Reise gemacht, dadurch an Wahrscheinlichkeit gewinnt. Ueber Haiti kehrten die Schiffe wieder heim und langten vor dem November 1500 in Spanien an, denn schon am 9. November desselben Jahres ist ein Erlaß der spanischen Majestäten, Diego Lepe betreffend, ergangen (Navarrete III, 80).
Um die Küsten des caribischen Meeres weiter zu erforschen, zog +Rodrigo de Bastidas+ im October 1500 mit zwei Schiffen von Cadiz aus, besuchte den Golf von Venezuela, sowie die Länder im Süden und Westen der Landschaft Coquibacoa. Von Cabo de la vela begann er seine Entdeckungen, berührte die Küste der Sierra nevada de Sa. Marta und drang über die Mündung des Magdalenenstroms in das Innere des Golfes von Darien (oder Urabá). Von hier wandte er sich nach Nordwesten und verfolgte den Saum der darischen Landenge bis zur Punta San Blas oder dem nahegelegenen Puerto de Escribanos.[320] Er erreichte also den Isthmus von Panama vor Columbus, welcher erst am 26. November 1502 hieher gelangte. Durch diese Reise des Bastidas wurde die Aufnahme der Nordküste Südamerikas vollendet.
Im Januar 1502 machte sich +Hojeda+ zum zweitenmale auf, nachdem er zur Beschaffung der Mittel sich mit Juan de Vergara und Garcia de Ocampo oder del Campo verbunden und mit der Krone durch Vermittlung Fonseca’s einen Vertrag geschlossen hatte, wonach ihm die Umgebung des Golfes von Maracaibo unter dem Namen einer Statthalterschaft von Coquibacoa oder Cichibacoa überlassen wurde. Er ging mit vier Schiffen über die Capverden nach der Küste von Venezuela, entdeckte den Golf von Coro, den östlichen Theil des Golfs von Venezuela und beschloß dort eine Niederlassung zu gründen; aber die Eingeborenen vertheidigten ihr Land mit den Waffen und tödteten in einem Gefechte zwanzig Spanier. Mangel an Lebensmitteln riefen unter der Mannschaft einen Aufruhr hervor, in welchem Hojeda gefangen genommen und in Ketten geworfen wurde. Dann gaben die Meuterer die Ansiedlung auf und gingen nach Haiti, wo Hojeda dem Gericht überliefert und nach Spanien gebracht, im Jahre 1503 aber völlig freigesprochen wurde.
Noch unglücklicher verliefen die beiden Expeditionen, welche 1504 nach jenen Gegenden auszogen. Das eine Geschwader unter +Cristobal Guerra+ und +Luis Guerra+ bestand aus vier Schiffen, das andere unter +Juan de la Cosa+ aus drei oder vier Schiffen. Nachdem sie die Gestade Venezuelas gebrandschatzt und Menschenraub getrieben hatten, scheiterten mehrere der Fahrzeuge am Golf von Darien. Man sah sich gezwungen, dreiviertel Jahr unter Hunger und Mühsal an der Küste auszuharren, wobei mehr als die Hälfte der Mannschaft dem Fieber erlag. Von den 200 Abenteurern beider Geschwader retteten sich schließlich nur etwa vierzig über Jamaica und Haiti nach Spanien. Trotz aller Mißerfolge fand +Alonso de Hojeda+ im nächsten Jahre wieder Gelegenheit, mit drei Schiffen den Versuch, seine Statthalterschaft in Coquibacoa zu begründen, zu wiederholen. Nähere Umstände über diese 1505 ausgeführte Unternehmung sind aber nicht bekannt geworden.
16. Die Portugiesen in Südamerika.
Es ist bereits oben (S. 129) berichtet, unter welchen Umständen bei der zweiten portugiesischen Expedition nach Indien unter Pedralvarez Cabral im April 1500 die Küste Brasiliens zufällig berührt wurde. Da die Portugiesen von der fast gleichzeitig erfolgten Auffindung der nördlicheren Gestade des südamerikanischen Continents durch die Spanier noch keine Nachricht erhalten hatten, so hielt Cabral das entdeckte Land für eine große Insel, welcher er den Namen Santa Cruz beilegte, und schickte den Capitän Gaspar de Lemos mit der Kunde von dieser Entdeckung nach Portugal zurück, während er selbst seinen Weg nach Indien fortsetzte.
In Lissabon erkannte man sofort den Vortheil, welchen die neue Insel den Indienfahrern gewähren könne, da sie sehr günstig gelegen sei, um Schiffe auszubessern und Wasser einzunehmen.[321] Es wurde daher beschlossen, durch ein zu diesem Zweck entsendetes Geschwader den von Cabral gemachten Fund weiter untersuchen zu lassen. Um diese Zeit war Amerigo Vespucci von seiner zweiten Fahrt, auf welcher er bis zum 8. Grad s. Br. gekommen war, zurückgekehrt und weilte in Sevilla. Da nun Amerigo auch eine von Fachleuten anerkannte Geschicklichkeit besaß, mittelst Quadranten die geographische Breite zu bestimmen, so suchte König Manuel ihn zu gewinnen, die beabsichtigte Fahrt nach dem Sa. Cruzlande mitzumachen und sandte daher einen Florentiner, Giuliano di Bartolomeo del Giocondo von Lissabon nach Sevilla. Erst auf wiederholte Bitte erklärte Vespucci sich bereit und reiste nach Portugal. Im Mai 1501 liefen drei Schiffe von Lissabon aus, an Bord des einen befand sich Vespucci, wahrscheinlich als Astronom. Der Name des Capitäns ist unbekannt, da Vespucci, dessen Briefe die einzige Quelle über die Fahrt sind, uns denselben verschweigt. Das Geschwader ging an der afrikanischen Küste bis über das grüne Vorgebirge hinaus, nahm dort bei den Bissagos Lebensmittel, Holz und Wasser ein und steuerte dann mehr westlich haltend über den Ocean. In der Region der Calmen, in der Nähe des Aequators, brachen furchtbare Unwetter los, welche sie lange dort festbannten.[322] Erst am 16. August kam die Küste von Südamerika in Sicht in der Nähe von Cap S. Roque, unter 5° s. Br. Man nahm für den König von Portugal in üblicher Weise Besitz vom Lande und versuchte mit den Eingeborenen einen kleinen Tauschhandel zu eröffnen. Es entstand aber auch hier bald Mißhelligkeit und Streit und die Europäer mußten es erleben, daß einer ihrer jungen Matrosen am Strande erschlagen und verzehrt wurde. Man folgte nun der Küste weiter nach Südwesten und ertheilte, wie es scheint, einzelnen Punkten den Namen der Kalenderheiligen des Tages. Der Atlas des Vaz Dourado[323] läßt in solcher Weise den Fortschritt der Entdeckung klar erkennen. Demgemäß war man am 16. August, am Tage des heil. Rochus zuerst auf den Continent am Cap San Roque, gestoßen, hatte das Cap des heil. Augustin (8° südl. Br.) am 28. August erreicht, den Rio de San Miquel (10° südl. Br.) am Michaelistage berührt, den Rio de San Franciso am 4. October gefunden. Weiterhin streifte man die von Cabral entdeckte Küste und erkannte daraus, daß die von demselben als Ilha de Sa. Cruz bezeichneten Gestade einem gewaltigen Continente angehörten, und lief nun weiter über den Rio de Sa. Luzia, wahrscheinlich den heutigen Rio Doce, zu welchem man nach der Bestimmung des Tages am 13. December gelangte, zum Cabo de San Thomé (21. December). Das Sternbild des kleinen Bären war ihnen bereits entschwunden[324] und auch der große Bär stand nur noch sehr niedrig.[325] Vermuthlich entdeckte man den Eingang der prachtvollen Bucht am Rio de Janeiro am 1. Januar 1502 und westlich davon die Angra dos Reis am heiligen Dreikönigstage, also am 6. Januar, Porto de San Vicente am 22. Januar und gleich darauf Cananea (25° s. Br.), fälschlich auf den damaligen Karten als Cananor bezeichnet. Mit diesem Punkte hören auf den Karten, welche bis 1510 erschienen, die Küstenbenennungen auf, obwohl Vespucci berichtet, das Geschwader habe bis zum 32° südl. Br. das Land in Sicht behalten.
Bis hieher läßt sich der Verlauf der Entdeckungen also bestimmt verfolgen. Vespucci erzählt aber, man habe von da an ihm persönlich die weitere Leitung übertragen und er sei nun vom Lande ab gegen Süden bis zum 50° oder 52° s. Br. in das südliche Meer vorgedrungen, wo man am 2. April eine von Klippen umsäumte, unbewohnte, öde Küste entdeckt, an der man 20 Seemeilen entlang gesegelt; und weil man in den südlichen Winter hineingerieth, habe man nun die weitere Fahrt aufgegeben und sei über den Ocean nach der Serra Leona zugesteuert. Welche Küste er gesehen haben will, läßt sich nicht bestimmen.[326] Man hat an die Falkland-Inseln und die patagonische Küste gedacht.
An der Küste der Serra Leona wurde eins von den drei Schiffen, welches untauglich geworden war, verbrannt, die beiden andern langten über die Açoren am 7. September 1502 in Lissabon an, so daß also die ganze Reise 16 Monate gewährt hatte.
Der Erfolg dieser auf Staatskosten unternommenen Erforschungsreise war in geographischer Beziehung ein sehr bedeutender, und Vespucci verstand es, durch seine Briefe und Berichte sich dabei als den Hauptträger und wissenschaftlichen Leiter hinzustellen. Die ausführlichen Schilderungen der entzückend schönen, tropischen Küstenlandschaften des südamerikanischen Continents, dessen gewaltige Ausdehnung nach Süden durch diese Fahrt zuerst erkannt wurde, die Schönheit des südlichen Himmels, von dessen Sternbildern Vespucci einige unförmliche Zeichnungen entwarf, und endlich die sichere Behauptung, daß er mit seinen Schiffen wenigstens bis zum 50° s. Br. gekommen sei, alles dies trug ohne Zweifel dazu bei, gerade diese dritte Reise Vespucci’s berühmter als alle anderen zu machen; denn es war eine Seefahrt gewesen, welche sich von Lissabon, also etwa von 40° n. Br. an, in der Richtung der Meridiane über den vierten Theil des Erdumfanges ausdehnte. In der deutschen Uebersetzung eines Briefes des Florentiner Kosmographen an seinen Freund Lorenzo di Pierfrancesco de Medici wird dieses Resultat mit den Worten zusammengefaßt. „So ist küntlich vnnd offenbar das wir den vierdenteyl der welt durchschyffet haben.“ In demselben Sinne gibt Ruchamer[327] diesem Abschnitt seines Werkes den Titel: „Wie Alberich den vierten Theil der Welt entdeckt hat.“ Der Brief Vespucci’s machte ungeheures Aufsehen, wurde 1503 zuerst durch Jean Lambert zu Paris in lateinischer Uebersetzung und weiter in Augsburg und Straßburg in deutscher Sprache gedruckt.
Und wenn schon auf dem Titel, auf dem der König von Portugal in herausfordernder Weise sich spreizt und mit den Errungenschaften zu brüsten scheint, die neu entdeckten Länder als eine +Welt+ bezeichnet werden, so spricht Vespucci selbst es in der Einleitung seines Briefes noch deutlicher aus, daß man die großen Länderräume, welche er im Auftrage des Königs von Portugal aufgefunden, die +neue Welt+ nennen könne, zumal da man früher gar keine Kunde davon gehabt, vielmehr der Ansicht gewesen sei, daß südlich vom Aequator sich nur Wasser über die ganze Hemisphäre erstrecke. Nun seien aber zahlreiche Völker und eine eben so reiche Thierwelt aufgefunden, wie sie in der alten Welt bekannt sei.
Durch die Erzählungen von einer neuen Welt, welche Vespucci mit bewußtem Stolze Asien, Afrika und Europa gegenüberstellte, verdunkelte er das niedergehende Gestirn seines Landsmannes Columbus vollständig und gab wenige Jahre später die Veranlassung, daß der neu entdeckte Erdtheil seinen Namen erhielt. Der Florentiner war aber mit seinen Erfolgen noch nicht zufrieden, er wollte, wie er an Lorenzo de Pierfrancesco schreibt, noch einen ausführlicheren Bericht über seine Beobachtungen und Entdeckungen liefern, „damit mein gedechtnuß bei vnßern nachfaren, löblich beleib, Vnd des almechtigen gots so groß köstlich, künstliche werk bekant werde.“ Zugleich kündigte er auch seine Absicht an, noch eine vierte Reise zu unternehmen, zu welcher bereits zwei Schiffe ausgerüstet seien. Er plante dabei nicht geringeres, als durch den Süden nach dem Orient zu segeln,[329] oder wie der Text der Dresdner Flugschrift noch bestimmter sagt „durch den wyndt, genant Affricus“, also gegen Südwesten.
Es ist also zuerst von Vespucci der Vorsatz klar ausgesprochen, auf südwestlichem Wege Indien zu erreichen und dabei vor allem den Gewürzmarkt von Malakka aufzusuchen -- ein Gedanke, welchen Magalhães 16 Jahre später verwirklichte. Die Expedition, an welcher Vespucci Theil nahm, stand unter dem Befehle des Gonzalo Coelho; sie zählte sechs Schiffe und ging am 10. Juni 1503 von Lissabon ab. Von der Serra Leona steuerte sie nach Südwesten, nach der Küste Brasiliens hinüber; unter 4° s. B. scheiterte das größte Schiff an einer Klippe vor der öden Felseninsel Fernando Noronha. Getrennt von einander gingen die Fahrzeuge weiter nach dem verabredeten Sammelplatze der Allerheiligenbai (Bahia). Als Vespucci mit seinem Begleitschiff hier über zwei Monate vergebens gewartet hatte, folgte er der schon bekannten Küste weiter nach Süden und legte unter 18° s. B. die erste Niederlassung in Brasilien an, in welcher 24 Mann von dem gestrandeten Schiffe als Colonisten blieben, nahm darauf eine Ladung Rothholz mit und kehrte am 2. April nach Europa zurück. Am 18. Juni 1504 erreichte er den Hafen von Lissabon. Nach und nach kamen auch die übrigen Schiffe zurück. Das Unternehmen war vollständig misglückt, die der Expedition vom König von Portugal gestellte Aufgabe, auf jeden Fall nach Indien zu segeln, blieb ungelöst. Vespucci gab der Unerfahrenheit und dem Hochmuth Coelho’s alle Schuld und meinte, da derselbe noch nicht zurückgekehrt war, als Vespucci seinen Bericht entwarf, Gott werde ihn wegen seines Stolzes auf dem Meere vernichtet haben.[330] Er schwebte in Ungewißheit, was der König weiter über ihn selbst beschließen werde. Er sehnte sich nach so vielen Anstrengungen nach Ruhe; aber auf Belohnung für seine Dienste konnte er nicht rechnen, da die letzte Unternehmung fehlgeschlagen war. Er nahm daher gern die Gelegenheit wahr, mit einem Schreiben des portugiesischen Königs sich nach Sevilla zu begeben. Hier traf er im Februar 1505 mit Columbus zusammen, der ihn wie einen Leidensgenossen behandelte, welcher gleichfalls von dem Undanke der Könige betroffen sei. „Vespucci,“ so schrieb der Admiral an seinen Sohn Diego, „hat sich mir gefälllg erwiesen. Dem ehrenwerthen Manne ist das Glück abhold gewesen, wie so vielen andern. Auch er hat den gebührenden Lohn für seine Leistungen nicht empfangen.“[331] Der König Ferdinand benutzte die dargebotene Gelegenheit, den tüchtigen und kenntnißreichen Florentiner wieder für sich zu gewinnen; am 11. April ehrte er ihn durch ein königliches Geschenk, und vierzehn Tage später verlieh ihm sein Schwiegersohn, König Philipp, das Bürgerrecht in Spanien.
Von da an blieb Vespucci in spanischen Diensten.
Neuerdings sind noch einige venetiansche Gesandtschaftsberichte bekannt geworden,[332] aus denen hervorgeht, daß Vespucci noch eine fünfte Reise unternommen und wiederum die Terra Firma berührt hat, aber ohne neue bedeutende Entdeckungen zu machen.
Amerigo hatte von 1505 sich wieder in den Dienst Spaniens begeben und blieb demselben bis zu seinem Tode treu. Im Jahre 1508 wurde er mit 200 Ducaten Gehalt als Reichspilot angestellt und hatte das Amt, die Befähigung der Piloten zu prüfen und als Kartograph thätig zu sein. Daß er Seekarten entworfen hat, finden wir mehrfach bestätigt; aber leider hat sich kein Originalblatt erhalten. Dagegen darf mit Sicherheit angenommen werden, daß die in der Straßburger Ausgabe des Ptolemäus von 1513 enthaltene Karte der neuen Welt (~tabula terre nove~) von Vespucci stammt. Er starb am 22. Februar 1512 zu Sevilla und erhielt den Juan Diaz de Solis zum Nachfolger.
Während Columbus schon bei Lebzeiten seinen Ruhm vollständig erbleichen sah, widerfuhr dem Vespucci die unverdiente Ehre, daß bereits im Jahre 1507 der Vorschlag gemacht wurde, die neuentdeckten großen Landmassen Amerika zu nennen.
Die +Entstehung des Namens Amerika+ ist beachtenswerth genug, um hier ausführlicher dargelegt zu werden. Es ist bereits mehrfach darauf hingewiesen, daß Amerigo ein fleißiger Briefsteller war, und indem er mit einer frischen Beobachtung auch die Gabe verband, namentlich das Völkerleben der neuen Welt in pikanter Weise zu schildern, so wurden seine Berichte außerordentlich gern gelesen und waren in vielfachen Ausgaben und Uebersetzungen verbreitet. Außer den einzelnen Briefen erschien seit 1507 eine zusammenfassende Darstellung seiner vier ersten Reisen nach der Fassung, welche der Reisende selbst in den Berichten an seinen florentinischen Freund Soderini gegeben hatte. Diese „~Quatuor navigationes~“ (Vier Schifffahrten) erlebten wiederum eine Reihe von lateinischen Auflagen, während weder von Magalhães’ noch von Vespucci’s Reisen gleichzeitige spanische oder portugiesische Ausgaben bekannt sind.