Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen

Part 38

Chapter 383,165 wordsPublic domain

Endlich ist hieher noch das merkwürdige Titelbild zu rechnen, mit welchem die erste deutsche Ausgabe des Berichtes über die erste Entdeckungsfahrt des Columbus geziert ist, von welchem Anfang und Schluß bereits (S. 263) in Facsimiledruck mitgetheilt ist. Hier erscheint Christus vor dem Könige von Spanien und weist bedeutsam auf das Wundmal seiner Hand; ebendahin zeigte auch die rechte Hand des Königs. Ist es nicht eine deutliche Anspielung auf den Unglauben des Apostel Thomas, und ist der ungläubige spanische Monarch, welcher jahrelang der Versicherung des Columbus mistraute, nicht durch den Erfolg der ersten Reise bekehrt worden?

Den Glauben, daß der Genuese profane und heilige Prophezeihungen aus alter Zeit erfüllt habe, theilten die Zeitgenossen mehrfach. So schrieb der gelehrte Sohn des Columbus, Ferdinand in die Tragödien des Seneca zu der (S. 236) mitgetheilten Stelle aus der Medea: ~Venient etc.~ „Diese Prophezeihung hat mein Vater erfüllt.“ So machte Agostino Giustiniani (geb. 1470 in Genua, seit 1514 Bischof in Mebbio auf Corsica) in seinem polyglotten Psalter[296] zu der bekannten Stelle im 19. Psalm: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ die Bemerkung, Columbus habe oft gesagt, daß er von Gott berufen sei, den Gedanken des fünften Verses: „Durch alle Lande gehet ihr Klang, bis ans Ende der Welt ihr Ruf“ zu verwirklichen. Und dabei benutzt der Verfasser die Gelegenheit, an dieser Stelle seinem Commentare eine längere Lebensbeschreibung des Columbus einzuverleiben.[297]

Alle diese verschiedenen Aeußerungen des Glaubens und Vertrauens auf die Berufung des Columbus hatten ihren Ursprung in der felsenfesten Zuversicht des Genuesen zu seiner von Gott bestimmten Lebensaufgabe, welche von ihm selbst auf seine Umgebung überging. Im allgemeinen repräsentirt sich in ihm der unverwüstliche Drang der Zeit zu großen Entdeckungen, aber seine unerschütterliche Ausdauer entsprang nur seinem schwärmerischen Glauben. Dieser gab ihm den Muth, auf seinen ungemessenen Forderungen zu verharren, ehe noch die Unternehmung gesichert war, dieser verlieh ihm auch die unvergleichliche Energie, welche er sowohl auf der ersten, als auch auf der letzten Reise bewiesen. In dieser unerschütterlichen Ueberzeugung, in diesem Glauben an sich selbst lag eine Größe, welche seine Genossen zuweilen mit fortriß.

Den Eindruck, welchen die Kunde von den ersten Entdeckungen machte, fühlen wir am besten aus den Briefen Peter Martyrs.

Auf die erste Mittheilung vom 15. Mai 1493, worin er schreibt: „Von den westlichen Antipoden ist ein gewisser Christopherus Colon, ein Ligure, zurückgekehrt mit Proben von kostbaren Produkten, namentlich von Gold“[298] folgt im September desselben Jahres (13. Sept.) schon der Ausdruck wärmerer Theilnahme. „Merket auf und vernehmet die neue Entdeckung,“[299] worauf ein ausführlicher Bericht über die erste Fahrt des Columbus folgt. Ein anderer Brief[300] von demselben Tage bezeichnet die Entdeckung als ein wunderbares Ereigniß, als eine gesegnete That. Kurz darauf (1. Oct. 1493) spricht er seine Freude darüber aus, daß die bisher noch unbekannte Erdhälfte durch den Wetteifer der Spanier und Portugiesen, welche immer weiter südwärts vordringen, nun immer mehr enthüllt werde.[301] Er bezeichnet Columbus als den Entdecker der „neuen Welt“ (~novi orbis repertor~) und jubelt, daß Tag für Tag neue Wunder aus jenen Regionen gemeldet werden, und daß der Admiral fast schon den goldenen Chersones erreicht habe.[302] Er nimmt sich vor, diese ewig denkwürdigen Ereignisse mit gespannter Aufmerksamkeit zu verfolgen, zu sammeln und den Gelehrten mitzutheilen. Sein Freund Pomponius Laetus, der ausgezeichnete Förderer der classischen römischen Literatur, war bei der Kunde von den wunderbaren Erfolgen der Westfahrten vor Entzücken aufgesprungen und hatte sich kaum der Freudenthränen erwehren können. „Ich ersehe,“ schreibt ihm Martyr, „aus deinem Briefe, was du empfunden hast und wie du die Bedeutung dieser Entdeckungen zu würdigen weißt. Welche Nahrung kann für erhabene Geister willkommener sein? Ich fühle es an mir selbst. Ich bin freudig erregt, wenn ich verständige Männer spreche, welche aus jenen Gegenden zurückkommen. Wer mag heute noch staunen über die Entdeckungen, welche Saturn, Ceres und Triptolemos gemacht haben sollen? Selbst die Phönizier müssen mit ihren Leistungen zurücktreten.“[303] Ganz ähnlich spricht er sich in den Decaden (I. ~lib. X. p.~ 119) aus: „Weder dem Saturn, noch dem Herkules, noch irgend einem der Alten, welche neue Küsten aufgesucht haben, stehen die Spanier unserer Zeit nach. Wie weit wird die Nachwelt das Christenthum ausgebreitet sehen, ein wie weiter Raum ist der Ausbreitung der Menschen angewiesen? Was ich darüber empfinde, vermag ich weder mit Worten noch mit der Feder wiederzugeben.“

Aber diese hohe Begeisterung schien nur kurze Zeit zu dauern. Als das Ansehen des Columbus nach seiner dritten Reise sank, als er selbst in Ketten nach Europa geschafft wurde, wurde die Aufmerksamkeit der Handelsvölker vielmehr nach dem von den Portugiesen +wirklich erreichten Indien+ gelenkt. Hier war das lang erstrebte Ziel thatsächlich gefunden, hier waren die Gewürzländer selbst erreicht, und gewinnbringende Frachten kehrten nach Lissabon zurück. An den Fahrten nach der neuen Welt betheiligten sich nur spanische Fahrzeuge, zum indischen Handel drängten sich deutsche und italienische Handelshäuser und unterstützten den wachsenden Verkehr mit Schiffen und Geld. Daher erklärt sich die merkwürdige Erscheinung, daß sich die Geschichtsschreiber in England, Frankreich und Portugal gar nicht um die Entdeckungen des Columbus bekümmerten, daß alle durch Flugblätter verbreiteten Berichte nur in lateinischen, deutschen oder italienischen Uebersetzungen vorhanden sind, und daß von den vier Reisen des Admirals nur eine einzige, und zwar die erste, in spanischer Sprache vorliegt. Daran ist aber der Entdecker selbst schuld, insofern er in ängstlicher Sorge um sein Monopol die große Angelegenheit als sorgfältig zu hütendes Geheimniß behandelte und von seinen Gefährten sogar die von ihnen entworfenen Karten abforderte, damit niemand ohne seine Erlaubniß sein privilegirtes Gebiete beträte. Selbst in seinen Mittheilungen an die Monarchen Spaniens war er in dieser Beziehung zurückhaltend.

Nur zwei Briefe des Columbus drangen in die Oeffentlichkeit -- und zwar über die erste und vierte Reise. Der Inhalt des ersten an den Schatzmeister Raphael Sanchez gerichteten Briefes wurde in der +ersten Flugschrift über Amerika+ 1493 in Rom veröffentlicht. Wir haben bereits oben (S. 262) das Facsimile des Anfangs dieses interessanten Blattes mitgetheilt. Von dieser lateinischen Ausgabe erschienen gleich im ersten Jahre sechs verschiedene Auflagen, dann folgten spanische und italienische Texte und endlich 1497 eine deutsche Bearbeitung unter dem Titel: Eyn schön hübsch lesen von etlichen inßlen u. s. w. Endlich folgte 1505 die ~lettera rarissima~, ein Brief über die vierte Reise, welcher gleichfalls in Italien bekannt gemacht wurde.[304] Damit erlosch die speciell columbische Literatur; aber bereits seit 1503 beherrschten Amerigo Vespucci’s ausführliche Reiseberichte den buchhändlerischen Markt, und so erntete dieser den Ruhm, welcher dem Entdecker gebührte, so daß endlich sogar die ganze neue Welt seinen Namen erhielt. Columbus selbst hatte leider bis an seinen Tod nicht die Ueberzeugung gewinnen können, daß er einen neuen Erdtheil entdeckt habe.

Wir fügen diesem Abschnitt eine kurze Uebersicht über die Familie des Columbus an.

+Bartolomeus Columbus+, spanisch Don Bartolomé Colon, war der erste Vertraute und auf seinen späteren Reisen eine wesentliche Stütze seines Bruders. In dessen Auftrage war er schon 1488, ehe der Vertrag mit Spanien zum Abschluß gekommen, nach England gegangen, um dem Könige Heinrich VII. den Plan seines Bruders vorzulegen. Möglicher Weise entstanden aus den dabei gegebenen Anregungen die Pläne zu den Fahrten der Cabots. Bartolomé machte dann die zweite Entdeckungsreise mit, gründete als Adelantado die erste Stadt der neuen Welt, San Domingo, 1496 und machte sich namentlich auf der letzten Reise 1502 sehr verdient. Nach dem Tode des Admirals ging er mit seinem Neffen Diego wieder nach Westindien und war 1511 in Besitz der kleinen Insel Mona zwischen Haiti und Puertorico. Er starb am 12. August 1514 auf Haiti. Las Casas rühmt seine Tüchtigkeit als Kosmograph und Kartograph. Unzweifelhaft besaß er in der ganzen Familie am meisten Thatkraft und Charakterstärke.

Weniger bedeutend ist der zweite Bruder +Diego+, der als Befehlshaber in Isabella und in der Stadt San Domingo auftritt, aber ohne diese schwierige Stelle befriedigend behaupten zu können. Auch er starb auf Haiti.

Der einzige rechtmäßige Sohn des Admirals und Vicekönigs war gleichfalls +Diego+ benannt. Er hatte von Kind auf den Vater während der langen peinlichen Zeit des Hoffens und Harrens in Spanien auf seinen Wanderungen begleitet, war ihm zur Seite, als in dem Kloster la Rabida endlich die günstige Wendung des Geschickes eintrat, wurde später, als der Vater seine Fahrten begann, unter die Pagen der Königin aufgenommen und kam erst 1509 nach Haiti. Er hatte dann den langwierigen fiscalischen Proceß wegen der Würden und Privilegien, die dem Vater zugesichert waren, zu führen, und erbte endlich den Titel eines Admirals von Indien. Er starb am 23. Februar 1526.

+Ferdinand+ Columbus, der natürliche Sohn des Entdeckers, erhielt eine wissenschaftliche Bildung und wurde später Geistlicher. Nachdem er Amerika besucht hatte, ließ er sich in Sevilla nieder, wo er eine für jene Zeit bedeutende Bibliothek von 20,000 Bänden sammelte, welche noch unter dem Namen ~Biblioteca Colombina~ vorhanden ist. Es zeugt von seiner wissenschaftlichen Bedeutung, daß Cabot ihn einst als Schiedsrichter anrief. Er galt bisher als Verfasser der Lebensgeschichte seines Vaters, der s. g. ~vida del almirante (Historie et vera relatione della vita é de’ fatti dell Ammiraglio D. Christofero Colombo)~, welche 1571 erschien; allein dieses Werk enthält so viel gradezu legendenhaften Stoff und dazu anekdotenhafte Züge, welche nicht blos thatsächlich Unmögliches berichten, sondern auch aus der Feder des in der Nautik wohlerfahrenen Sohnes unmöglich stammen können,[305] so daß die Authenticität der „~vida~“ mit vollem Rechte bestritten ist.[306]

+Don Luis+, der Sohn Diego’s, führte den fiscalischen Proceß zu Ende und gab seine Ansprüche auf das Vicekönigthum auf gegen den Titel Herzog von Veragua, Marquis von Jamaica, Admiral von Indien und für eine Pension von 1000 Dublonen Gold. Er starb 1572 und es folgte ihm der Sohn seines Bruders Christobal, +Don Diego+ II., als vierter Admiral von Indien. Mit ihm erlosch 1576 die directe männliche Linie des Columbus.

15. Die kleinen Entdecker.

Es war eine natürliche Folge des Misgeschicks, welches den Entdecker Amerikas auf seiner dritten Reise während seines Aufenthalts auf Haiti traf, daß, da sein Ansehen in dem unerquicklichen Streite mit der Partei Roldans im Sinken begriffen war, eine Anzahl von kühnen Unternehmern von der bereits 1495 gegebenen Erlaubniß, auf Entdeckungsfahrten ausziehen zu dürfen, Gebrauch machte und die Untersuchung des Festlandes von Paria, welches Columbus auf seiner dritten Reise aufgefunden hatte, weiter fortsetzte. „Do aber Admirans (Admiral) jnn das vngluck kam, das man in acht als wer er jn vngnaden der könig, do vndernamen sich vil der seinen, die vast wol kundten auff dem Meer faren, und vnderstunden vestigklich sich jn das gluck zu begeben, und vnerfaren ort der welt zu ersuchen“.[307]

Der erste, welcher diese günstigen Zeitumstände benutzte, war der jugendliche Ritter +Alonso de Hojeda+. Derselbe war ums Jahr 1470 in der Stadt Cuenca in Neu-Castilien aus einer angesehenen Familie geboren[308] und trat als Page in den Dienst eines der einflußreichsten, mächtigsten Granden Spaniens, des Don Luis de Cerda, Herzog von Medina Celi. Dieser ist uns bereits als einer der frühesten Gönner des Columbus bekannt, und in seinem Hause hatte Hojeda jedenfalls schon den Genuesen kennen gelernt und sich für dessen Pläne begeistert; denn wir haben schon oben (S. 280) mitgetheilt, daß Hojeda die zweite Reise des Columbus mitmachte und sich durch die Gefangennahme des Caziken Caonabo auszeichnete. Dann verweilte er einige Jahre in Spanien und wurde durch die Vermittlung seines Vetters, des Dominikanermönches Alonso de Hojeda, welcher als einer der ersten Inquisitoren Spaniens bei den Monarchen in Gunst stand, mit dem Bischof Fonseca, dem Leiter der indischen Angelegenheiten bekannt und erhielt durch diesen Einsicht in die Briefe und die Karte, welche Columbus über den Verlauf seiner dritten Reise und namentlich über die Entdeckung der Küsten von Südamerika eingesandt hatte. Diese Nachricht lief etwa um Weihnachten 1498 in Spanien ein. Wahrscheinlich ward bald nach dieser Zeit schon der Beschluß gefaßt, den Admiral von seiner Statthalterschaft in Haiti zu beseitigen; Fonseca förderte deshalb bereitwillig den Plan Hojeda’s, die perlenreiche Küste von Paria auszubeuten und stellte ihm einen Erlaubnißschein zur Ausrüstung von Schiffen aus; doch durfte Hojeda weder portugiesisches Gebiet berühren, noch jene Regionen besuchen, welche Columbus bis zum Jahre 1495 entdeckt hatte. Als Piloten für seine Expedition gewann der junge Ritter den Basken +Juan de la Cosa+, welcher nach Abschluß dieser Fahrt seine Karte, die erste von der neuen Welt, entwarf. Außerdem nahm an dem abenteuerlichen Zuge der Florentiner +Amerigo Vespucci+ theil, welcher es verstand, durch die lebendigen Schilderungen seiner Erlebnisse und Beobachtungen sich bald einen weltbekannten Namen zu machen.

In welcher Stellung Vespucci mitging, läßt sich nicht mehr ermitteln. Er war am 9. März 1451 in Florenz geboren, also nur wenige Jahre jünger als sein Landsmann Columbus. Er war der Sohn eines öffentlichen Notars und von seinem Oheim, einem gebildeten Geistlichen, unterrichtet worden und zwar in Gemeinschaft mit Pietro Soderini, dem späteren Gonfaloniere von Florenz. An diesen hat Vespucci im Jahre 1501 den Bericht seiner zweiten Reise gesandt. Seit dem Jahre 1493 finden wir Vespucci in Spanien, wohin sich damals viele unternehmende Italiener wandten. Dort trat er in den Dienst des seit 1486 in Spanien ansäßigen italienischen Handelshauses Berardi, welches für das indische Amt die Geschäfte besorgte und die Ausrüstung der nach Westindien gehenden Schiffe übernommen hatte. Hierbei war auch Vespucci thätig und wird 1495 und 1496 erwähnt.[309]

In der Zeit vom April 1497 bis zum Mai 1498 finden wir ihn fast immer unterwegs zwischen Sevilla, dem Sitze des indischen Amts, und dem Hafen von San Lucar, von wo Columbus aussegeln wollte.

Das kleine Geschwader Hojeda’s ging am 18. Mai 1499 von Cadix ab, steuerte zuerst nach den Canarischen Inseln hinüber und nahm von Gomera ab dieselbe Richtung, welche Columbus auf seiner dritten Reise eingeschlagen hatte. In 27 Tagen gelangten sie über den Ocean an die Gestade von Surinam etwa unter 6° n. Br. Sie folgten der flachen Küste nach Nordwesten, entdeckten die Mündung des Essequibo, den sie Rio dulce nannten, und das Delta des Orinoco und verfolgten von hier aus, nachdem sie 200 spanische Meilen Küstenlinien entdeckt hatten, den Spuren des Columbus. Auf Trinidad fanden sie Zeichen von der früheren Anwesenheit des Admirals und gingen durch den Golf von Paria und den Drachenschlund auf die Nordseite des Continents. Sie folgten der Küste, besuchten auch die Perleninsel (Margarita) und Curaçao, wo, wie aus dem Berichte Vespucci’s hervorgeht, die Seefahrer überrascht waren durch den großen indianischen Menschenschlag, den sie dort antrafen, infolge dessen man sie die Insel der Giganten nannte. Am 9. August erreichten sie das Cap S. Roman (nach dem Heiligen des Tages benannt) und entdeckten weiterhin den Golf von Venezuela, welcher seinen Namen daher erhält, weil man an der Ostküste des Golfes viel Volk antraf, welches an der Küste in auf Pfahlrosten errichteten Hütten über dem Wasser wohnte. Durch diese kunstreichen Pfahlbauten wurden die Entdecker an die Anlage Venedigs erinnert und nannten daher zunächst das Dorf, dessen einheimischer Name Coquibacoa war, Klein-Venedig, also Venezuela und demnach weiterhin auch den ganzen Golf. Bekanntlich hat späterhin die ganze Küste und neuerdings die spanisch-amerikanische Republik den Namen Venezuela erhalten.

Von dem Golf aus drangen die Schiffe am 24. August durch den engen Hals in die innere Bucht, in den See von Maracaibo ein, an dessen Eingange sie den Hafen San Bartolomé benannten. Langsam vorrückend, besuchten sie darauf die westlich vom Golf gelegene Halbinsel Guajira. Bis hieher ist auf der Karte Juans de la Cosa der Verlauf der Küste recht wohl zu erkennen; an dieser Halbinsel endete die Entdeckung am 16. September bei dem Cabo de la vela. In der Ferne sah man noch einen hohen Berg, welcher bei Cosa Monte de Santa Eufemia heißt, wahrscheinlich die Sierra nevada von Santa Marta. Dann brach man die Untersuchung des Continentes ab und steuerte in sieben Tagen nach Haiti hinüber und lief am 23. September in die Bucht von Yaquimo ein. Dem Vicekönig, welcher damals mitten in dem unerquicklichen Streit mit Roldan lag, war der Besuch Hojeda’s höchst unbequem, so daß er noch nach Jahren in dem Briefe an die Amme des Prinzen Juan darauf zurückkommt mit den Worten: „Dann kam Hojeda, in der Absicht, diese Unordnungen auf Haiti zu besiegeln.“

Nach dem Bericht Vespucci’s nahm das Geschwader von Haiti aus den Weg durch die Bahama-Inseln, wo man, um einen Theil der Ausrüstungskosten decken zu können, 232 Menschen raubte, um sie in Spanien als Sklaven zu verkaufen, und kehrte endlich, auf der Fahrt von den Açoren nach den Canarien verschlagen, in Mitte Juni 1500 nach Cadix zurück.

Wenn man auf Cosa’s Karte die Insel Cuba bereits als Insel dargestellt sieht, obwohl dieser Kartograph wenige Jahre früher eidlich seine Ueberzeugung hatte zu Protokoll geben müssen, daß er Cuba für das Festland von Asien halte (s. S. 278), so sollte man vermuthen, daß vielleicht auch auf dieser Expedition Hojeda’s schon das Westende Cubas aufgefunden sei. Darauf weist auch eine etwas unbestimmt gehaltene Bemerkung Peter Martyrs, daß von gewisser Seite behauptet sei, man habe Cuba umfahren.[310]

Der Gewinn der Unternehmung war gering. Nach Abzug der Kosten blieben nur 500 Ducaten, welche unter 55 Personen zu vertheilen waren.

Daher kam es auch, daß die geographischen Erfolge weniger Beachtung fanden, als sie verdienten, und daß die zwei Monate früher vollendete Expedition des +Per Alonso Niño+ mehr Eindruck machte, weil der materielle Gewinn ein größerer war.

Palos und das benachbarte Moguer[311] waren durch die Unternehmung des Columbus mächtig angeregt. Wie die dortigen Seeleute sich der ersten Fahrt angeschlossen, so versuchten sie späterhin mehrfach in selbständigen Expeditionen nach der neuen Welt ihr Glück.

Der erste war +Per+ (Pedro) +Alonso Niño+ aus Moguer, welcher unter Columbus die erste und dritte Reise mitgemacht hatte[312] und von dem Banquier Luis Guerra in Sevilla die Mittel zur Ausrüstung eines Schiffes unter der Bedingung erhielt, daß dessen Bruder Cristobal Guerra nominell die Leitung erhalte. Das kleine Fahrzeug von fünfzig Tons segelte mit 33 Mann im Juni 1499, einige Tage nach der Abfahrt Hojeda’s, von Palos ab. Fonseca hatte dazu die königliche Erlaubniß erwirkt, aber unter der Bedingung, daß sie sich wenigstens 50 Leguas von denjenigen Plätzen entfernt hielten, welche Columbus berührt hatte.[313]

Mit günstigem Fahrwinde erreichten Niño und Guerra die Küste von Paria etwas südlicher als Columbus und gingen, nachdem sie am Golfe Brasilholz geschlagen, durch den Drachenschlund nach der Perlenküste (~Costa de perlas~ auf Cosa’s Karte) mit der Absicht, dort Perlen einzutauschen. An der Küste von Cumana und la Guaira machten sie den reichsten Eintausch, denn sie langten 14 Tage eher dahin als Hojeda. Westwärts gingen sie nur bis zu der Landschaft Cauchieto, wo nach Angabe der Indianer viel Gold zu finden war. Allein darin fanden sie sich getäuscht. In Folge dessen gingen sie im Anfang November noch einmal nach Cumana und der Insel Margarita zurück, welche Columbus nicht betreten hatte, und traten dann die Heimreise an, nachdem sie die feste Ueberzeugung gewonnen hatten, daß das entdeckte Land ein Continent und keine Insel sei, da sie Hirsche, Eber und anderes Wild angetroffen, wie man es auf Inseln nicht findet, und da sie eine bedeutende Strecke an der Küste hingefahren waren.[314] Im Februar (nach Andern im April) erreichten sie die Nordwestküste von Spanien wieder und liefen in den galicischen Hafen von Bagona ein. Die gesammte Ausbeute belief sich auf 96 Mark (~libras octunciales~) Perlen, von denen ein Fünftel an den königlichen Fiscus abgegeben wurde. Der glückliche Verlauf und der reiche Gewinn reizte zu neuen Fahrten.