Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen
Part 37
Zu dem Ende erbot sich Diego Mendez, mit drei Leuten auf Kundschaft auszuziehen. Ueberall fand er freundliche Aufnahme; Cassavebrod und Fische wurden ihm in Fülle gereicht. So zog er von einem Dorf zum andern und gelangte endlich bis an den äußersten Osten der Insel, wo er sogar mit dem Caziken Blutsfreundschaft schloß und seinen Namen eintauschte. Hier kaufte Mendez ein Boot, belud es mit Nahrungsmitteln und brachte es nach der Hafenbucht von Santa Gloria.
War damit und mit dem in Folge des Uebereinkommens reichlich zugeführten Lebensbedarf die Noth der Schiffbrüchigen gehoben, so blieb doch ihre Lage eine absolut hoffnungslose, wenn es nicht gelang, nach Haiti zum Statthalter Ovando eine Mittheilung von ihrem Aufenthalte und ihrem Schicksal zu befördern. Auch zu diesem Wagniß erbot sich Mendez. Zwar schlug der erste Versuch fehl, da er mit seinen Genossen am östlichen Strande von Jamaica gefangen genommen wurde und nur mit Noth den Eingeborenen entrinnen konnte. Aber er war auch zum zweiten Male bereit, sein Leben für die Rettung des von ihm verehrten Admirals und seiner Begleiter zu wagen. Diese zweite Unternehmung wurde besser vorbereitet. Es gingen nämlich zwei Böte, indianische Canoes, welche für die Seefahrt besonders hergerichtet waren, unter Mendez und Bartolomeo Fiesco ab. In jedem Bote befanden sich sechs Spanier und zehn indianische Ruderer; es fand nämlich ein Verkehr über See zwischen den großen Inseln statt und die Indianer konnten dabei den Spaniern die Segelrichtung angeben. Damit aber die beiden Böte, welche erst vom Ostende Jamaicas sich nordwärts über das Meer wagen sollten, nicht wieder von Indianern überfallen werden könnten -- denn es konnte der Fall eintreten, daß wegen widriger oder hochgehender See die Böte nicht sofort vom Strande ablaufen durften, sondern mehrere Tage auf günstiges Wetter zu warten hatten; -- so begleitete sie der Adelantado mit 50 Bewaffneten, die am Strande hinzogen und denselben so lange schützten, bis ihre Genossen sich mit den Canoes aufs Meer hinaus wagen durften. Diese kühne Bootfahrt fällt in den August 1503. Fünf Tage und vier Nächte wurde unablässig gerudert, Mendez saß ohne Unterbrechung am Steuer. So erreichten sie das Cap St. Miguel (jetzt Cap Tiburon), die Westspitze Haitis, wo sie, erschöpft von der großen Anstrengung, zwei Tage rasteten. Dann setzten sie ihre Fahrt längst der Südküste weiter fort. In der Landschaft Jaragua traf Mendez den Statthalter Ovando, welcher ihn zwar freundlich empfing, aber doch seinem Bericht über die trostlose Lage der Schiffbrüchigen auf Jamaica nicht trauete, vielmehr argwöhnte, Columbus wolle durch eine plumpe List ihn täuschen, um wieder den Boden seiner Colonie betreten zu dürfen.
Monate vergingen, ehe der Statthalter von Haiti dem Drängen des Mendez nachgab und ein Schiff unter Diego de Escobar auf Kundschaft nach Jamaica entsendete. Die Wahl dieses Sendboten war als eine für Columbus nicht günstige aufzufassen, denn Escobar hatte zu den Parteigängern Roldans gezählt, war aber später begnadigt worden. Er kürzte auch seinen Besuch in Jamaica möglichst ab, nahm Briefe des Columbus mit und ging bald wieder in See mit dem Versprechen, ein größeres Schiff zu senden, um den Admiral aus seiner gefährlichen Lage zu befreien; das Fahrzeug, auf welchem er gekommen, sei zu klein, um die Schiffbrüchigen alle aufzunehmen.
Mendez hatte sich indessen bemüht, mit dem Gelde des Columbus in Haiti ein Schiff zu miethen, konnte aber seine Absicht erst im Frühling 1504 erreichen, weil nicht eher Schiffe von Spanien angekommen waren. Er belud dann ein Fahrzeug mit Vorräthen aller Art und sandte es nach Jamaica, während er selbst nach Spanien ging, um dem Könige von dem Schicksal des Columbus Mittheilung zu machen. So kam es, daß der Admiral sich ein ganzes Jahr unter wachsender Gefahr und aufreibenden Sorgen auf Jamaica festgehalten sah.
Bald nach der Abfahrt des Mendez hatten die Indianer die weiteren Lieferungen von Lebensmitteln verweigert und konnten nur durch eine auf ihre Einfalt und ihren Aberglauben berechnete List bewogen werden, die weitere Verpflegung der fremden Gäste zu übernehmen. Columbus wußte, daß am 29. Februar 1504 eine Mondfinsterniß eintreten werde. Er drohte daher den Indianern mit dem Zorn der himmlischen Gottheit, welche ihr leuchtendes Angesicht von ihnen abwenden werde, wenn man den Spaniern den nöthigen Nahrungsbedarf entzöge. Die kindlichen Gemüther der Eingebornen wurden durch das rasche Eintreffen der drohenden Prophezeihung so erschreckt, daß sie, um den Zorn des Lichtgottes zu besänftigen, sich alsbald bereit erklärten, die Spanier mit Vorräthen zu versehen.
Weit gefährlicher und langwieriger gestaltete sich die Meuterei der beiden Brüder Francisco und Diego Porras, welche mit 48 Gesinnungsgenossen unter Drohungen, denen sich der muthige Adelantado vergebens zu widersetzen suchte, die Schiffe verließen und auf demselben Wege wie Mendez und Fiesco ihr Heil versuchen und nach Haiti segeln wollten, weil sie meinten, Columbus habe gar nicht die Absicht, Jamaica wieder zu verlassen, sondern wolle sie zwingen, mit ihm dort eine dauernde Colonie zu gründen. Ihr Versuch, auf indianischen Böten ihre Flucht auszuführen, scheiterte an der Ungunst des Wetters, sie waren nach kurzem Kampf mit dem feindlichen Elemente genöthigt, nach Jamaica zurückzukehren. Columbus suchte vergebens eine Verständigung herbeizuführen, aber diese zerschlug sich an den unbilligen Forderungen der Meuterer. Und als diese vollends sich anschickten, einen geeigneten Hafenplatz, wo man die Landung der verheißenen rettenden Fahrzeuge erwartete, zu besetzen, und sich dadurch zu Herren der Rettungsschiffe zu machen, blieb der dem Columbus treu gebliebenen Mannschaft, an deren Spitze der Adelantado trat, nichts übrig, als die Entscheidung der Waffen anzurufen. So kam es am 19. Mai 1504 zu einem blutigen Zusammenstoß, in welchem mehrere Meuterer erschossen und Francisco Porras gefangen genommen wurde. Die Besiegten baten um Gnade und mußten unter feierlichem Eidschwur von neuem Treue geloben. Nur unter dieser Bedingung wurden sie in dem Schiffe mit aufgenommen, welches, von Diego Mendez gesendet, am 28. Juni vor der Bucht von Santa Gloria eintraf und alle Spanier nach Haiti hinüberbrachte, wo sie am 13. August den Hafen von San Domingo erreichten. Ovando nahm den Admiral mit seinen Leuten ehrerbietig auf, zeigte ihm aber auch seine höhere Amtsgewalt, indem er dem gefangenen Francisco Porras seine Fesseln abnehmen ließ. Am 12. September trat Columbus seine letzte Heimreise aus der neuen Welt an und erreichte im Anfang November nach einer stürmischen Ueberfahrt den spanischen Boden in Cadiz.
13. Die letzten Lebensjahre des Columbus.
Gekränkt und in seiner Ehre verletzt, niedergedrückt durch den Verlust aller Schiffe, mit denen er von Spanien ausgezogen, siech an Körper und Geist kam er von dieser seiner letzten Fahrt zurück. Niemand kümmerte sich um die Heimkehr des armen Schiffbrüchigen. Der Jubel, der ihn sonst empfangen, war verstummt. Peter Martyr, welcher in seinen Briefen ehedem sich der intimen Freundschaft des Admirals gerühmt hatte, schweigt in seinen gleichzeitigen Briefen über die Resultate dieser Reise. Columbus ist ihm ein gefallener Mann, den man nicht mehr nennen darf, ohne sich zu compromittiren. Man darf wohl daran erinnern, daß Martyr auch in seinen Decaden (~Dec.~ I. ~lib.~ 10) am gehörigen Orte nur ganz kurz diese letzte Fahrt des Columbus erwähnt; und erst viel später, in den 1515 geschriebenen Abschnitten seines Werkes (~Dec.~ III. ~lib.~ 1-4) wo er die Ereignisse von 1513 auf dem mittelamerikanischen Isthmus erzählt, erinnert er sich seines an Columbus begangenen Unrechts und holt die Geschichte der letzten Fahrt nach.
Gewiß, Columbus hatte, als er wieder in Spanien eintraf, nur noch wenig Freunde und sollte bald nach seiner Ankunft auch noch die treueste Freundin, die Königin, verlieren. Isabella starb am 26. November 1504, also nur wenige Wochen, seitdem Columbus in Cadiz angekommen war. Daher fand dieser keine Gelegenheit, seine hohe Beschützerin noch einmal zu sehen.
Der Admiral brachte den folgenden Winter in Sevilla zu. Er erwartete, den schriftlichen Zusagen der Krone gemäß, baldigst in seine Rechte und Würden wieder eingesetzt zu werden, er rechnete darauf, daß ihm die versprochenen Einkünfte und der Antheil an den Erträgnissen der Colonie, welche er seit mehreren Jahren nicht erhalten, ausbezahlt würden. Wiederholt richtete er Briefe an seinen Sohn Diego, um seine Angelegenheiten bei Hofe nachdrücklicher zu betreiben. So schrieb er am 1. December 1504: „Mein Leiden gestattet mir nur des Nachts zu schreiben, denn bei Tage habe ich keine Kraft dazu in den Händen“. Er brannte vor Verlangen, von seinem Sohne zu hören, wie es bei Hofe zugehe und wie seine Sachen stünden. Er ermahnt ihn, so oft als irgend möglich zu schreiben.
Auch an den König Ferdinand richtete er einen langen Brief, in welchem er die Misstände der Colonialverwaltung ausführlich darlegte, und forderte, es solle ein Vertrauensmann zur Untersuchung hinübergesandt werden. Aber er erhielt keine Antwort darauf. Er beklagte sich bitter, daß ihm kein Mensch mehr schreibe.
Man liest diese Briefe des Verlassenen nicht ohne Mitleid; die steten Wiederholungen seiner Wünsche, die drängende Ungeduld, die wehmüthigen Klagen -- alles zeigt uns den gebrochenen Mann.
Der König Ferdinand behandelte die ganze Angelegenheit ohne Wärme und persönliche Theilnahme und überließ die Ordnung derselben einem Tribunal, welches die testamentarischen Verfügungen der Königin ordnen sollte. Daher vermochte selbst Bartolomé Colon, der sich mit seinem Neffen Ferdinand ebenfalls an den Hof begab, nichts ausrichten. Endlich machte sich der Admiral im Mai 1505 selbst auf die beschwerliche Reise nach Segovia, wo sich damals der König aufhielt. Zwar erwies man ihm hier die seinem Range gebührende Achtung, aber eine von Herzen kommende Werthschätzung seiner Verdienste mußte er schmerzlich vermissen. Offenbar waren nach dem Tode der Königin die Stimmen der Gegner noch lauter aufgetreten und hatten den König Ferdinand gewonnen, so daß auch der edle Las Casas gestehen muß, er habe von manchen dem Monarchen nahe stehenden Personen zu seinem Bedauern Aeußerungen vernehmen müssen, welche diese Abneigung und den Mangel des königlichen Wohlwollens bestätigten.[283] Das einberufene Tribunal, die Junta de Descargos, hielt zwar mehrere Sitzungen, traf aber keine Entscheidung. Man behandelte die ganze Frage als eine rein castilische Angelegenheit. Als dann nach längerem Zögern dem Entdecker der neuen Welt der Vorschlag gemacht wurde, seine Rechte auf das Vicekönigthum gegen Besitzungen und Titel in Castilien zu vertauschen, wies Columbus diesen Antrag zurück, weil er darin einen Bruch des gegebenen königlichen Wortes erblickte und seine höchste Ehre darein setzte, den Ruhm seines mühevollen Lebens seiner Familie in vollem Maße zu erhalten. Auch als er sich bereit erklärte, zu Gunsten seines Sohnes Diego auf seine indischen Würden zu verzichten, ging man nicht darauf ein und zog es vor, die Entscheidung noch weiter hinauszuziehen. Man gewöhnte sich daran, die Verdienste eines Mannes zu unterschätzen, „welcher lästig zu werden anfing, als er zu nützen aufgehört hatte“.[284] Ein letzter Hoffnungsstrahl schien dem Verlassenen noch zu winken, als die neuen Monarchen Castiliens, Philipp und Johanna am 28. April 1506 von Flandern nach Spanien kamen. Selbst krank und leidend, sandte er seinen Bruder Bartolomé dem jungen Königspaar entgegen, um demselben in seinem Namen zu huldigen. Er erhoffte von der Tochter der Isabella dieselbe Güte und Gunst, welche ihm die Mutter stets bewiesen. Es war natürlich, daß die neuangekommenen Regenten nicht sofort eine Entscheidung treffen, sondern nur freundliche Zusagen machen konnten. Aber auch davon sollte Columbus nichts mehr vernehmen, er starb am Himmelfahrtstage, den 21. Mai 1506 zu Valladolid, nachdem er zwei Tage vorher, im Vorgefühl des Todes sein bereits 1505 verfaßtes Testament gerichtlich hatte bestätigen lassen. Er setzte seinen älteren Sohn Diego zum Haupterben ein, da dieser allein aus einer rechtmäßigen Ehe entsprossen war. Seine letzten Worte waren: ~In manus tuas, Domine, commendo spiritum meum~. Er starb in den Armen der Franziskaner und wurde auch im Franciskanerkloster beigesetzt. Die Welt hatte ihn bereits vergessen; sein Tod machte keinen Eindruck mehr. Das ~Cronicon de Valladolid~, welches sonst die kleinsten Vorfälle in der Stadt bespricht, erwähnt des Todesfalls mit keiner Silbe. Selbst Peter Martyr, der sich 10 Jahre früher gerühmt hatte, mit dem Genuesen im Briefwechsel zu stehen, schweigt in seinen Briefen darüber, und erwähnt auch in den Decaden nur einmal ganz nebenbei, daß Columbus gestorben; und doch befand er sich vom 10. Februar bis zum 26. April 1506 zu Valladolid, also zu einer Zeit, wo Columbus schon den Keim des Todes in sich fühlte. Ruchhamer hatte bis zum 20. September 1508, wo er sein Werk (Unbekanthe landte) vollendete, noch nichts vom Tode des Columbus gehört, sondern schreibt vielmehr, daß er „noch auf den gegenwertigen Tage“ mit seinem Bruder Bartolomé am spanischen Hofe lebe.
Wahrscheinlich im Jahre 1513 wurde die Leiche nach Sevilla ins Kloster ~Santa Maria de las Cuevas~ übergeführt und vermuthlich erst hier erhielt der Sarg die Inschrift: ~A Castilla y à Leon Nuevo Mondo dió Colón~, welche sich auch in dem Wappen des Vicekönigs befand. Der Admiral hatte den Wunsch ausgesprochen, in San Domingo auf Haiti beigesetzt zu werden. Dorthin wurden die sterblichen Ueberreste in der Zeit zwischen 1540 und 1559 gebracht und in dem Dome bestattet, in welchem später auch sein Sohn Diego und wahrscheinlich auch sein Bruder der Adelantado Bartolomé und seine Enkel Don Luis und Christoval ihre Ruhestätte fanden.
Als 1795 Domingo an Frankreich abgetreten wurde, ließ der Admiral Don Gabriel d’Artizabel die Gewölbe der Kathedrale in der Hauptstadt öffnen, die wenigen Reste des Entdeckers der neuen Welt auf dem Schiffe San Lorenzo nach Habana hinüberführen und dort im Dome am 19. Januar 1796 feierlich wieder beisetzen; denn es vertrug sich nicht mit der spanischen Ehre, die Asche des Mannes, welcher für Spanien so große Verdienste hatte, den Fremden zu überlassen. Wie Columbus in seinem Leben ruhelos umhergetrieben war, so sollten auch seine Gebeine erst nach Jahrhunderten Ruhe finden.[285]
14. Zur Charakteristik des Columbus.
Vor der welthistorischen Größe des Columbus stehen wir mit getheilten Gefühlen. Wir bewundern die Kühnheit, die aus der felsenfesten Ueberzeugung von der Richtigkeit seiner Theorien und Combinationen entsprang, wir fühlen uns vielseitig angeregt durch seine treffenden Naturbeobachtungen, in denen wir die ersten Keime einer physischen Erdkunde erblicken dürfen;[286] aber auf der andern Seite fühlen wir uns abgestoßen durch seinen blinden Autoritätsglauben, durch die Zuversichtlichkeit, mit der er seine aus falsch oder ungenügend angestellten Beobachtungen in seinem eignen Fache, der Nautik, abgeleiteten abenteuerlichen Lehrsätze verkündet, durch die schwärmerische Anmaßung, mit der er sich so oft als Abgesandten Gottes einführt, durch die kleinliche Habsucht, mit welcher er die einem armen Matrosen gebührende Belohnung sich selbst aneignet, durch die in der Verschwörung Roldan zu Tage tretende Charakterschwäche. Wenn Humboldt gemeint hat (a. a. O. II, 5), die großartige Gestalt des Columbus beherrsche das Jahrhundert, so muß dagegen daran erinnert werden, daß man den Entdecker der neuen Welt schon bei seinen Lebzeiten fast vergessen hatte, und daß das Gesammtgebiet seiner Entdeckung kurz nach seinem Tode nach einem seiner Nachfolger, nach Amerigo Vespucci benannt wurde, und daß erst im 7. Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts mit dem Erscheinen der ~vida del Almirante~ die Aufmerksamkeit der Welt wieder in erhöhtem Maße auf Columbus gelenkt wurde. Die weiteren Folgen seiner Entdeckungszüge, die Eroberung der neuen Welt, die Erdumsegelungen, die Enthüllung der allgemeinen Züge des ganzen Erdballs beherrschten allerdings das Interesse aller seefahrenden Nationen des Abendlandes, aber die Person des Entdeckers trat dabei ganz zurück. Seine Stärke lag in dem scharfen Blick, mit dem er die Erscheinungen in der Natur auffaßte, nicht blos in den Schilderungen, welche er mit poetischer Begeisterung von den entdeckten Tropenländern gab, sondern in der Aufstellung allgemeiner Gesetze, zu denen er, ohne wissenschaftliche Bildung, in einzelnen Fällen das Richtige treffend, die wahrgenommenen Erscheinungen combinirte. „Dieses Bestreben, die Resultate der Beobachtung zu verallgemeinern, verdient um so größere Aufmerksamkeit, als kein ähnlicher Versuch vor dem Schlusse des 15. Jahrhunderts, fast hätte ich gesagt, vor den Tagen des Pater Acosta hervorgetreten war. Bei den Urtheilen, welche Columbus über Gegenstände der physischen Geographie fällte, ließ er sich ganz gegen seine sonstige Gewohnheit +nicht+ von Erinnerungen aus der scholastischen Philosophie leiten.[287] Dahin gehören seine Beobachtungen über die Vertheilung der Wärme, die Variation des Erdmagnetismus, die äquatoriale Meeresströmung und die durch diese Strömung bedingte Gestaltung +Trinidads+ und der übrigen kleinen Antillen. „Columbus hat Fragen angeregt aus dem Gebiete der physischen Geographie und Anthropologie, die damals die aufgeklärten Geister Spaniens und Italiens beschäftigt: die Frage nach der Vertheilung der Menschenrassen, die Configuration der Ländermassen. Colon hat dem menschlichen Geschlechte wesentliche Dienste geleistet, indem er so viel neue Gegenstände auf einmal dem Nachdenken darbot; er hat die Masse der Ideen vergrößert; durch ihn hat ein wahrhafter Fortschritt des menschlichen Denkens stattgefunden. Das Zeitalter des Columbus war auch die Zeit des Copernicus, Ariosto, Dürer und Rafael.“[288]
Aber neben diesen persönlichen und sachlichen Verdiensten, neben den richtigen Beobachtungen und daraus abgeleiteten Lehrsätzen erscheint eine so breite Phalanx von veralteten Theorien und unverzeihlichen Verirrungen, wie sie nur in einem aller objectiven Beurtheilung unfähigen Kopfe entstehen und von einem dem blindesten Autoritätsglauben unterworfenen Geiste verkündigt werden konnten.
Wir brauchen hier nur auf die Abhängigkeit hinzuweisen, in welcher Columbus bei den Fragen über die Größe oder Kleinheit der Erde, über die Schmalheit des Oceans und den geringen Antheil, welcher der Wasserdecke gegenüber der Landhülle des Erdballs zugewiesen wird, ferner über die Theorien von der Lage des irdischen Paradieses und den Weltuntergang sich von den Schriften des Cardinal d’Ailly befand, auf seine Abhängigkeit von Toscanelli in Bezug auf Richtung und Ziel seiner Fahrten, um dieses Verzichtleisten auf eigne Kritik zu erkennen. Und wenn er in den erforschten Regionen Ophir und Cipangu, Katai und den goldenen Chersones wiedergefunden zu haben glaubte, so liegt eine Hauptursache in der Unfähigkeit des Admirals, annähernd richtige astronomische Bestimmungen zu machen, in Folge dessen nicht einmal sein Landungspunkt in der neuen Welt mit Sicherheit nachzuweisen ist. Weil er den Karten Toscanelli’s u. a. bezüglich der Größe Cipangus mehr traute, als seinen eignen Erfahrungen, hielt er die Insel Haiti für eben so groß als ganz Spanien und verlegte die Nordküste der großen Antillen bis unter den 40. Breitengrad.
Aber nicht blos, daß ihm thatsächlich in dieser Beziehung die wissenschaftliche Kenntniß in seinem eigentlichsten Fache abging,[289] er verschmähte sogar die Wissenschaft selbst, wenn er in seinem ~Libro de la profecias~[290] behauptet: „Zur Ausführung einer Fahrt nach Indien haben Vernunftschlüsse, Mathematik und Weltkarten mir zu nichts geholfen. Es ist einfach in Erfüllung gegangen, was der Prophet Jesaias vorhergesagt hat.“
Man erkennt darin den mächtigen Einfluß, den die Geistlichkeit auf das gläubige Gemüth des Genuesen ausübte. Wie er das Zustandekommen seiner Unternehmung nur der Unterstützung und Befürwortung durch die Geistlichkeit verdankte, und diese ihm auch behilflich war bei der Sammlung und Erklärung der Stellen der heiligen Schrift, welche er in zuversichtlichem Glauben auf sich bezog, wie er sich für den Abgesandten Gottes erklärte, um die heiligen Prophezeiungen zu erfüllen, so trug er auch äußerlich diese schwärmerisch-religiöse Richtung zur Schau. „Da der Admiral,“ erzählt Las Casas (~lib.~ I. ~Cap.~ 102), „den Lehren des heiligen Franziskus sehr ergeben war, so liebte er vorzugsweise die braungraue Farbe; wir haben ihn zu Sevilla in einer Kleidung gesehen, welche mit der der Franziskanermönche fast vollkommen übereinstimmte.“
Dahin rechnen wir auch die pedantische Gruppirung, in welcher Columbus bei dem mystischen Bau seiner Namensunterschrift die seinem Eigennamen vorangestellten sieben Buchstaben, unter denen wieder das A größer als die übrigen sein mußte, theilweise nur mit Punkten versah. Diese Unterschrift (d. h. die einzelnen Buchstaben)
S. S. A. S. Χ Μ Υ ΧΡΟ FERENS.
malte er mit peinlicher Genauigkeit unter alle seine Briefe, selbst an seine Söhne, und verlangte die sorgfältige Nachahmung ausdrücklich auch von den Erben seines Majorats. Diese Unterschrift ist verschieden gedeutet. Margry[292] erklärt sie: ~Supplex Servus Altissimi Servatoris. Christus Maria Joseph Christoferens~. Becher[293] liest: ~Servidor Sus Altezas Sacras Jesus Maria Ysabel Christoferens~. W. Irving macht zwar dabei darauf aufmerksam, daß es früher in Spanien Sitte gewesen, seinem Namen irgend eine abgekürzte Sentenz beizusetzen, welche, gegenüber den Juden und Mauren, den Schreiber als +Christen+ auswies;[294] aber Columbus hatte bei dieser langen Unterschrift, welche auch Humboldts gerechten Widerwillen erregte,[295] die Absicht, seinen Eigennamen Christoph, Christoferens in nicht mißzuverstehender Weise mit der heiligen Familie in Verbindung zu bringen und sich als den Christbringer zu erklären, welcher, dem ihm gewordenen göttlichen Auftrage gemäß, das Christenthum über den Ocean tragen sollte.
Diesem Gedanken, den Admiral als den Christusträger zu verherrlichen, hat auch Juan de la Cosa auf seiner Karte von Amerika vom Jahre 1500 bildlichen Ausdruck gegeben, indem er auf dem damals noch nicht enthüllten mittelamerikanischen Isthmus, wo Columbus 1503 eine Meerenge suchte, den heiligen Christopherus darstellt, welcher das Christkind durch den Ocean trägt. Einen erhöhten Reiz gewönne dies Bild, wenn die oben bereits (S. 233) mitgetheilte Vermuthung das Richtige träfe, daß der Kopf des Christopherus das Porträt des Entdeckers sei.
Dieselbe Karte enthält noch ein zweites bedeutsames Bild in der künstlerisch ausgeführten Strichrose, unter welcher der Wendekreis des Krebses hinläuft. Inmitten der nautischen Rose thront Maria mit dem Kinde, umgeben von anbetenden Engeln. Daß auch spätere Kartographen noch dem Glauben an die göttliche Sendung des Columbus huldigten, erkennt man aus der naiven Weise, in welcher Diego Ribero auf seiner 1529 entworfenen Weltkarte der zuerst von Columbus entdeckten Insel +San Salvador+ eine geradezu symbolische Gestalt gab. Er zeichnet sie nämlich in Gestalt eines Kreuzes und gruppirt die Korallenbänke ringsum als eilf rundliche Inseln. Wir sehen also den Erlöser (San Salvador) von seinen eilf Aposteln umgeben.