Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen

Part 36

Chapter 363,728 wordsPublic domain

Am 14. Juli segelte Columbus von Haiti ab und steuerte, indem er die Inseln Jamaica und Cuba zur Rechten ließ, grade gegen Westen. Jenseits Jamaica trieb ihn aber eine heftige Strömung gegen Nordwesten bis zu der Region, wo die „Gärten der Königin“ lagen, doch sah er das Land nicht. Von hier steuerte er nach der ~terra firma~ hinüber und erreichte am 30. Juli die im äußeren Golf von Honduras gelegene Insel Guanaja,[275] welche er nach dem prächtigen Fichtenwalde Isla de Pinos nannte. Dort traf er mit yukatanischen Händlern zusammen, welche in ihren großen, aus einem Stamm gefertigte Barken allerlei Handelswaren hatten, als messingene Schellen, Messer und Beile von hellem, durchscheinenden Stein, hölzerne Schwerter, deren Schneiden aus scharfen Steinen bestanden, welche beiderseits in Rinnen eingefügt waren, schön geschnitzte hölzerne und marmorne Gefäße, baumwollene, in verschiedenen Farben gewebte Decken u. a. Columbus erkundigte sich bei den Insassen der Böte nach dem Lande im Westen. Man nannte das Land der Maya (Yukatan). Da die Handelswaren eine höhere Kultur verriethen, als die Spanier bisher im westindischen Gebiete angetroffen, so wäre Columbus, wenn er die Heimat der einheimischen Händler aufgesucht hätte, zu den Städten in Yukatan, vielleicht gar an das Gestade von Mexiko gelangt. Aber von der Vorstellung einer Meerenge beherrscht, welche ihn weiter südlich um die vermeintliche hinterindische Halbinsel, in deren Nähe er sich zu befinden glaubte, in den Golf von Bengalen führen sollte, blieb der Admiral seinem Plane treu und segelte statt nach Westen, nach Osten, und sah sich dadurch auch bei der letzten Fahrt auf die Erforschung innerhalb des caribischen Meeres beschränkt. Zunächst ging der Admiral nach dem im Süden gelegenen festen Lande hinüber und landete in der Nähe des Cap Honduras, um von dem neu entdeckten Gebiete für Spanien Besitz zu ergreifen. Es scheint, daß er bei dem fortdauernd schlechten Wetter hier gegen 14 Tage verweilte, dann steuerte er an der Küste gegen Osten. Aber die heftigen Stürme und die furchtbare Gegenströmung ließen ihn kaum einen Schritt vorwärts gewinnen. In einem Zeitraum von vier Wochen, vom 14. August bis zum 12. September (Columbus gibt irrthümlich 60 Tage, Peter Martyr richtiger 40 Tage, den Aufenthalt bei Guanaja eingerechnet), legte er, unter stetem Laviren, nur einen Abstand von drei Meridianen zurück. „Es regnete, donnerte und blitzte unaufhörlich, es sah aus, als ob die Welt untergehen sollte. In der ganzen Zeit sah ich weder Sonne noch Sterne. Meine Schiffe hatten furchtbar gelitten, die Segel waren zerrissen. Wir hatten Anker, Takelwerk, Böte und eine große Menge Vorräthe eingebüßt. Das Schiffsvolk war krank und niedergedrückt. Manche gelobten ein religiöses Leben zu führen und alle verpflichteten sich zu Walfahrt und Beichte. Wir haben manche Stürme erlebt, aber nie einen von solcher Heftigkeit.“[276] Am meisten war Columbus um seinen 13jährigen Sohn besorgt; aber er fand einen Trost darin, daß dieser sich auf der See bewährte. Dann machte er sich Vorwürfe darüber, daß er seinen Bruder Bartolomé, den er gegen dessen Willen mitgenommen, stets der äußersten Gefahr ausgesetzt sah, weil er sich auf dem schlechtesten Fahrzeuge befand. Der Admiral selbst lag fieberkrank danieder, leitete aber trotzdem von einer kleinen Cabine aus, die auf Deck errichtet worden war, den Lauf des Schiffes. Krankheit und Sorgen preßten ihm die Klage aus, daß er nun in 20 Dienstjahren voll Mühen und Gefahren noch nichts gewonnen habe und bis jetzt in Castilien noch keinen Dachziegel erworben habe, daß er in Spanien beständig auf das Wirthshausleben angewiesen gewesen sei und meistens kaum die Mittel besessen habe, um seine Rechnungen bezahlen zu können.

So erreichte er endlich am 12. September das östlichste Vorgebirge von Honduras, von wo die Küste nach Süden lief und ihm besseres Wetter und günstiger Fahrwind in Aussicht stand.

Zum Dank für die Errettung Aller nannte er jenes Vorgebirge ~Gracias à Dios~ (Gott sei Dank), wie es noch heute heißt. Die Küste, welche sich von da ab, zwischen dem 15° und 10° n. Br. nach Süden zog, bewahrte zwar noch denselben Charakter, aber die Fahrt ging leichter von statten. Hinter dem flachen, sandigen Strande breiten sich zahlreiche Lagunen hin. Der Boden ist, bisweilen bis dicht ans Meer, mit Pechtannen bewachsen oder mit üppigem Platanenwald bedeckt. Große Savannenflächen breiten sich dazwischen aus. Die ganze Gegend gilt als gesund. Erzgänge kennt man hier nicht; aber manche Flüsse, wie der Rio Tinto gegen Norden, und der Rio Pataca scheinen reich an goldführendem Sande zu sein.

Am 25. September gelangte das Geschwader zu einer reizenden Gestadeinsel, welche Columbus den Garten (la Huerta) benannte. Am festen Lande lag, in der Nähe der Mündung eines Flusses, das Indianerdorf Cariai.[277] Hier gönnte er (vielleicht in der Nähe der heutigen Stadt Greytown) seiner Mannschaft eine längere Ruhe, ließ die Schiffe ausbessern und Vorräthe einnehmen. Aus den Erkundigungen, welche Bartolomé Colon am Lande einzog, ging hervor, daß weiter gegen Südosten reiche Goldgestade ihrer warteten. So steuerten denn die Schiffe am 5. October dieser verheißenden Küste zu und kamen nach zwei Tagen in die heutige inselreiche Bai von Chiriqui. Die Indianer nannten diese Gegend Cerabaró oder Carabaro. „Ich selbst,“ schreibt Columbus, „erhielt Mittheilung über die gesuchten +Goldbergwerke in der Provinz Ciamba+ und zwei Indianer führten mich nach Carambaru, wo das nackte Volk Goldschmuck am Halse trug.“

Die Provinz Ciamba, welche Columbus nennt, ist das schon von Polo erwähnte Königreich Tschampa in Hinter-Indien. Der Irrthum des Admirals erklärt sich aber, sowie wir einen Blick auf den Globus Behaims werfen. Westlich von Cipangu (Haiti, nach Ansicht des Columbus) erstreckt sich die Ostküste Asiens zwischen dem 20° und 10° n. Br. von Norden nach Süden. An dieser Küste glaubte der Admiral angelangt zu sein, und eben hier sehen wir auf Behaims Globus das Königreich Ciamba eingezeichnet. So fest war auch hier wieder Columbus von seinen Ideen eingenommen, daß er ohne weitere Erklärung und mit der größten Sicherheit von der „Provinz Ciamba“ spricht.

Wo südlich von der Mündung des Rio San Juan die Küste des mittelamerikanischen Isthmus in den Staaten Costarica und Panama sich im allgemeinen mehr nach Osten zieht, ändert sich die Natur des Gestades. Dicht bewaldete Berge treten bis an die See; größere und kleinere, zum Theil mit Berginseln malerisch besetzte Buchten öffnen sich und bieten guten Ankergrund. Gegenüber von Carabaró lag auf den anderen Seiten der herrlichen, fischreichen Bucht von Chiriqui die Landschaft +Aburéma+, beide reich an Gold in allen Flüssen. Hier war es, wo Columbus die erste dunkle Kunde von dem großen Ocean erhielt, diese Nachricht aber auf das indische Meer jenseits des Ganges bezog. Neun Tagereisen quer durch das Land nach Westen lag nach den Angaben der Indianer, denen man Glauben schenken durfte, das goldreiche Land +Ciguara+, dessen Bewohner Korallenschmuck im Haar und große Korallenarmbänder trugen. Auch sollte dort der Pfeffer bekannt sein. Columbus erfuhr weiter, daß in jenem Lande Messen und Märkte abgehalten würden, daß die Leute kunstreich gearbeitete Kleidung trügen, mit Schwertern, Bogen und Pfeilen bewaffnet, sogar mit Harnischen gerüstet seien. Auch glaubte der Admiral aus den weiteren Mittheilungen zu verstehen, daß das Volk auf seinen Schiffen Kanonen führe und Streitrosse besitze. Die goldreiche Küste jenseits der Bai von Chiriqui wurde nach einem Indianerorte +Veragua+ genannt. Eine höhere, der Küste parallel laufende Gebirgskette war fast immer in Wolken gehüllt. Ihre Gipfel schätzte Columbus auf 50,000 Fuß Höhe. Am Fuß der Gebirge, sagte er, öffne sich ein Pfad zu dem asiatischen Ostmeere, so daß Veragua und Ciguara einander gegenüber liegen wie Tortosa und Fuentarabia in Spanien, oder Venedig und Pisa in Italien. Er hoffte also, da er sich die mittelamerikanischen Landschaften auf den einander gegenüberliegenden Küsten einer Halbinsel, wie Spanien und Italien vorstellte, bei einer Weiterfahrt das Ende des Landes umsegeln zu können und eine Meerenge zu finden in ähnlicher Lage, wie südlich von Italien oder Spanien. Darum fügt er hinzu: Die See umgibt Ciguara und in 10 Tagen kommt man von da zum Ganges. Er glaubte also nahe dem südlichen Ende der hinterindischen Halbinsel zu sein, wo nach der Vorstellung des Ptolemäus der Hafen Catigara lag. Bestärkt wurde Columbus noch durch die Angaben der Kosmographie des Aeneas Sylvius[278] (Papst Pius II.), welche er auf seinem Schiffe mit sich führte. Hier fand er bei der Beschreibung Ostasiens, Katais und Matschins (Großchinas) Mittheilungen über das Tätowiren, über den Sonnenkultus u. a., was er an der Küste von Mittelamerika auch beobachtet hatte, so daß er daraus folgerte, er sei in die Nähe des alten Handelshafens von Catigara angelangt, die Halbinsel sei nur noch 9 Tagereisen breit und jenseits derselben erreiche man bei günstiger Fahrt in 10 Tagen den Ganges.

War diese Berechnung richtig und hatte er damit, auf die Autorität des Ptolemäus bauend, welcher Catigara 180 Meridiane östlich von den Canarischen Inseln ansetzt, gegen Westen segelnd, die Hälfte des Erdballs umfahren, dann konnte auch der Umfang der Erde nicht so groß sein, wie seit der Berechnung des Alterthums allgemein angenommen wurde; denn er war sich wohl bewußt, daß er in geradem Abstande von Osten nach Westen noch nicht eine so große Strecke durchmessen hatte, welche der Hälfte des Erdumfanges entspräche. Aber auch vor dieser Consequenz schreckte er nicht zurück und erklärte darum in seinem Briefe aus Jamaica: +Die Welt ist nicht so groß, als man gewöhnlich annimmt+, denn ein Aequatorialgrad beträgt nicht 60 sondern nur 56⅔ Meilen (~millas~).[279]

Unter diesen Vorstellungen und in der sicheren Erwartung, die Meerenge bald zu erreichen, segelte er weiter, ohne das Goldland von Veragua genauer zu untersuchen. Am Abend vor Simon und Judä wurde er widerstandslos vom Sturme fortgetrieben und fand erst nach mehreren angstvollen Tagen Schutz vor der wilden See und dem rasenden Sturme in einem prächtigen Hafen, dem er den Namen Puerto bello gab. Hier blieb er vom 2. bis 9. November liegen, bis das Unwetter sich ausgetobt zu haben schien. Nach den Goldminen von Veragua wollte er nicht zurückkehren; er sah sie schon als spanisches Eigenthum an. Unter heftigen Regengüssen segelte er weiter, wurde aber schon nach kurzer Fahrt genöthigt, wider seinen Willen, an der schützenden Küste eine Zuflucht gegen die von neuem losbrechenden Wetter zu suchen. Die Umgebung des Hafenplatzes war wohl angebaut und bot eine willkommene Fülle von Nahrungsmitteln, daher erhielt die Bucht den Namen ~Puerto de los bastimentos~ (Hafen der Vorräthe). Sturm und Ungewitter hielten ihn hier bis zum 23. November fest. Als er sich ohne günstiges Wetter von neuem wieder hinauswagte, konnte er unter großer Anstrengung nur 15 Meilen zurücklegen; denn Wind und Strömung waren ihm dermaßen entgegen, daß er nach dem verlassenen Hafen zurückweichen mußte. Unterwegs fand er einen andern Hafen, den er Retrete nannte. Es war ein ganz kleiner, unbequemer Hafen, der von Sandbänken und Felsen umsäumt war. Hier ward er von neuem auf die Dauer von 14 Tagen festgehalten. Am 5. December, als er die Zufluchtsstätte verlassen und nur vier Meilen weit gekommen war, brach der Sturm mit gesteigerter Wuth wieder los und machte ihn völlig rathlos. Die schaumbedeckte See erhob sich zu furchtbarer Höhe, wie er noch nie erlebt hatte. „Der Wind war uns grade entgegen,“ so beschreibt Columbus diese Unwetter, „und machte es uns unmöglich, nach einer vor uns liegenden Landspitze zu steuern. Die See kochte wie ein Kessel über starkem Feuer. Tag und Nacht flammte der Himmel von den zuckenden Blitzen, welche von so entsetzlichem Donner begleitet waren, daß wir alle fürchteten, die Schiffe müßten untergehen.“ Neun Tage schwebte er so in Lebensgefahr und während dieser ganzen Zeit strömte das Wasser vom Himmel nicht wie Regen, sondern wie eine neue Sündflut. Die Mannschaft wurde so muthlos, daß sie den Tod als eine Erlösung aus diesem Jammer ansah. Zweimal hatten die Schiffe bereits Verluste an Böten, Ankern und Tauwerk erlitten und lagen nun ohne Segel bei.

In der Nähe der eigentlichen Landenge von Panama wurde Columbus zur Umkehr genöthigt. Seine Schiffe waren in dem erbärmlichsten Zustande und hielten sich, von Bohrwürmern angegriffen, kaum noch über Wasser. Aber auch auf dem Rückwege nach Veragua tobte das Wetter und hielten widrige Winde ihn beständig auf, so daß er wiederholt sich in den Schutz der Küste flüchten mußte; so auch am Weihnachtsabend, wo er aus der bevorstehenden Opposition des Saturns mit der Sonne auf ein neues Ausbrechen der Wuth der feindlichen Elemente sich glaubte gefaßt machen zu müssen. Erst mit dem Beginn des neuen Jahres 1503 trat günstigeres Wetter ein und so erreichte er, im Zustande höchster Erschöpfung, denn die Mannschaft lag größtentheils krank darnieder, die Küste von Veragua am Epiphaniastage und lief in den Fluß Belen oder Yebra ein, über dessen Barre er zwar mit großer Schwierigkeit, aber doch glücklich in stilles Fahrwasser gelangte. Am folgenden Tage brach der Sturm wieder los und hätte es ihm unmöglich gemacht über die Barre zu kommen, wenn er von dem Unwetter noch auf der See überrascht worden wäre. Der Regen hielt bis zum 14. Februar an, so daß man anfangs nicht im Stande war die Schiffe zu verlassen. Am 24. Januar schwoll der Fluß plötzlich so gewaltig an, daß er die Schiffe von ihren Kabeln losriß und beinahe wieder auf das Meer hinausgetrieben hätte.

Erst am 6. Februar konnte der Admiral es wagen, seinen Bruder Bartolomé mit 68 Mann auf Kundschaft nach dem Veraguafluß zu senden. Der Adelantado erreichte in seinen Böten bald das Dorf des Quibian oder Caziken von Veragua. Der Häuptling, nach Landessitte bemalt, aber nackt, kam den Fremden mit großem Gefolge, aber unbewaffnet entgegen. Bei der Zusammenkunft holten seine Begleiter aus der Nähe einen großen Stein herbei, wuschen denselben in dem Flusse sorgsam ab, rieben ihn trocken und legten ihn vor ihrem Fürsten nieder, damit er, seiner Würde gemäß, sitzend die Unterhaltung beginnen könne.[280] Auf den Wunsch der Spanier, zu den Fundstätten des Goldes geführt zu werden, zeigte sich der Quibian sofort bereit und bestellte drei Führer, um die Fremden dahin zu geleiten. Bartolomé Colon sandte einen Theil seiner Mannschaft zum Schutz der Böte zurück und brach mit den übrigen nach den Minen auf. In allen Gewässern konnte man mit leichter Mühe zwischen den Wurzeln der Bäume, unter dem Flußgeröll und im Sande Goldblättchen auflesen. Weiter brachten die Indianer den Adelantado mit seinem Gefolge auf einen hohen Berg, von wo aus man das Land weit und breit übersehen konnte und erklärten, daß überall, namentlich gegen Westen auf 20 Tagereisen weit sich Gold sammeln lasse und nannten Städte und Dörfer, welche in jenem Goldgebiete lägen. Nachher erfuhr man, daß der schlaue Quibian den Spaniern die ergiebigen Gebiete eines ihm feindlichen Nachbarfürsten hatte zeigen lassen, um die Fremdlinge mit seinem Feinde in Streit zu bringen, daß er aber die besten Goldfelder im eignen Lande verheimlicht hatte.

Am 16. Februar setzte Bartolomé die Erforschung des Landes weiter fort, fand überall reichliche Spuren von Gold, besuchte mehrere Caziken, bei denen er freundliche Aufnahme fand, erkannte aber, daß das Gebiet von Veragua von allen am reichsten sei. Auch wiederholte sich hier wieder die Kunde von einem mächtigen Kulturvolke, das an dem andern Meere wohnen sollte.

Es schien klar, daß man sich hier in der Nähe der reichsten Gebiete Asiens befand, und daher beschloß Columbus hier eine Niederlassung zu gründen. Veragua war der goldene Chersones. (Siehe oben S. 207.)[281]

Am Flusse Belen wurden Häuser errichtet, der Adelantado entschloß sich in der Colonie die Leitung zu übernehmen und mit einem Fahrzeuge zurückzubleiben, indeß Columbus nach Spanien zurückkehren und von da neue Verstärkungen herüberführen wollte. Der Quibian, den der Admiral durch Geschenke für seinen Plan gewonnen glaubte, sah die Versuche seiner Gäste, sich häuslich niederzulassen, mit schelem Blick und wachsendem Unbehagen. Das gute Einvernehmen zwischen Spaniern und Indianern wurde allmählich getrübt, denn die Eingeborenen hatten von der Anmaßung der Fremden zu leiden. Der Quibian benutzte die entstehende Zwietracht zu einer allgemeinen Verschwörung, man wollte die neuen Häuser der Colonie in Brand stecken und die Insassen tödten. Diego Mendez, ein dem Columbus treu ergebener Mann, erhielt zuerst von diesem Plan Kenntniß; er bewachte die Bewegungen der bewaffneten indianischen Scharen, so daß sie im geheimen ihre Absicht nicht ausführen konnten, ja er drang sogar bis zu dem Mittelpunkte der feindlichen Macht, bis zur Behausung der Caziken vor, indem er sich für einen Wundarzt ausgab, welcher dem verwundeten Häuptling Linderung bringen wolle. Nachdem er sich dabei noch einmal vergewissert hatte, daß in der That ein Angriff auf die spanische Niederlassung bevorstehe, kehrte er nach dem Belen zurück. Bartolomé Colon wählte sofort gegen 50 tüchtige Leute aus, rückte vor das Haus des Quibian und nahm denselben sammt seiner zahlreichen Familie gefangen. Leider entkam der Häuptling in der darauf folgenden dunkeln Nacht wieder und gab nun das Signal zum Angriff auf die Ansiedlung. Inzwischen hatte der Admiral im Anfang April drei Schiffe aus dem Flusse wieder über die Barre aufs Meer gebracht, um nach Spanien zurückzukehren, während sein Bruder nebst einem Schiffe in Veragua zurückbleiben sollte. Als aber durch den erbitterten Angriff der Indianer die am Lande befindlichen Spanier aus ihren Hütten vertrieben wurden, und als vollends der Capitän Diego Tristan mit seiner Bootsmannschaft, welche den Fluß Belen hinaufgegangen war, um Wasser zu holen, von den Feinden erschlagen worden, war das Schicksal der Colonie besiegelt. Es galt nur noch, den Adelantado mit seinen Leuten, die sich am Strande verschanzt hatten, zu retten. Der Admiral, selbst in heftigem Fieber liegend, und fast aller seiner Böte beraubt, nicht fähig seinem Bruder Hilfe zu bringen, gerieth in die höchste Aufregung. „Ich war allein draußen,“ erzählte er später, „an der gefährlichen Küste, von schwerem Fieber befallen und todesmatt. Alle Hoffnung, zu entkommen, war dahin. Ich arbeitete mich mühsam auf den höchsten Theil des Schiffes und rief mit zitternder Stimme unter heißen Thränen die Hauptleute mir zu Hilfe zu kommen, aber es kam keine Antwort.“ In seinen Fieberphantasien glaubte Columbus nun, als er völlig erschöpft eingeschlafen war, eine mitleidige, tröstende Stimme zu vernehmen, welche zu ihm sprach: „Warum verzagst du in deinem Glauben an Gott? Was that er mehr für Moses oder für seine Knechte, als er für dich gethan? Seit deiner Geburt hat er die größte Sorge um dich gehabt. Als er dich zu den von ihm bestimmten Jahren kommen sah, hat er deinen Namen in der ganzen Welt ertönen lassen. +Er gab dir Indien+, den reichsten Erdtheil, du vertheiltest es nach deinem Belieben. Du empfingst von ihm die Schlüssel zum Ocean, der bisher mit starken Ketten verschlossen war. Man gehorchte deinen Befehlen in den unermeßlichen Ländern, und du hast unsterblichen Ruhm unter den Christen erworben. Was that er mehr für das Volk Israel, als er es aus +Aegypten+ führte, und für David, den er aus dem Hirtenstand zum Throne Judas erhob? Kehre zurück zu deinem Gott, erkenne endlich deinen Irrthum; sein Mitleid ist ohne Grenzen. Dein Alter (~ta vejez~) wird dich nicht hindern, große Thaten zu thun. Er hält in seiner Hand die glänzendste Erbschaft... Sprich, wer hat dich so tief und so oft gebeugt, Gott oder die Welt? Gott hält stets, was er verspricht. Fürchte nichts, fasse Muth!“

Die peinliche Ungewißheit über die am Lande Zurückgelassenen währte tagelang, denn wegen der starken Brandung war aller Verkehr mit der Küste abgeschnitten. Endlich erbot sich der Pilot Pedro Ledesma, durch die Brandung zu schwimmen, wenn man ihn mit dem letzten verfügbaren Bote bis an die Grenze derselben bringe. Diese kühne That gelang, und so erhielt Columbus Nachricht, daß sein Bruder sich noch an der Küste vertheidige. Trotz seiner gefahrvollen Lage -- denn die von Würmern zerfressenen Schiffe hielten sich kaum noch über Wasser -- mußte er noch längere Zeit ausharren, bis das Wetter sich günstiger gestaltete und es ermöglichte, die am Lande befindliche Mannschaft, wenn auch mit Zurücklassung ihrer Caravele, wieder einzuschiffen und die Gründung einer Colonie einer späteren Zeit vorzubehalten. So gelang es denn Ende April, die gefährliche Goldküste von Veragua mit drei Schiffen zu verlassen. Das Geschwader ging nach Osten an der Küste entlang, mußte bei Puerto bello noch ein Schiff zurücklassen, welches zu einer Fahrt über das Meer völlig untauglich geworden war, und drang bis an den Golf von Darien vor. Von hier steuerten die beiden letzten Schiffe grade nach Norden, um womöglich Jamaica zu erreichen; aber Wind und Strömung trieben sie von ihrem Cours ab und zu weit nach Westen, so daß sie statt nach Jamaica an die kleine Cayman-Insel und von da nordwärts zu der Inselwolke kamen, welche Columbus bei seiner Erforschung der Südküste Cubas bereits besucht und mit dem Namen „Gärten der Königin“ belegt hatte. „Die See war sehr stürmisch und ich wurde rückwärts getrieben vor Top und Takel (~volver atras sin velas~). Das eine Schiff verlor drei Anker. Um Mitternacht brach ein Wetter los, als sollte die Welt untergehen, so daß auch die Kabel des andern Schiffes rissen und dasselbe mit solcher Gewalt auf uns zutrieb, daß alles in Stücke zu gehen drohte. Nur +ein+ Anker hielt noch, und war nächst Gott unsere einzige Rettung.“[282] Erst nach sechs Tagen, als das Wetter ruhiger geworden war, konnte man weiter segeln. Es war eine verzweifelte Fahrt. Die Schiffe waren von den Würmern wie Honigwaben durchlöchert. Die Mannschaft war völlig verzagt und muthlos. Als Columbus die Südwestspitze Cubas, Cap de la Cruz erreicht hatte, hoffte er an der Küste entlang ostwärts nach Haiti zu kommen; aber Wind und Strömung waren ihm dermaßen entgegen, daß er mit seinen kaum noch haltbaren Schiffen nicht dagegen ankämpfen konnte und sich genöthigt sah, sich nach Jamaica zu wenden. Das Wasser drang unaufhaltsam in die Fahrzeuge ein und konnte, trotzdem man mit drei Pumpen, mit Töpfen und Kesseln am Ausschöpfen arbeitete, nicht bewältigt werden, sondern stieg im Schiffsraum immer höher. Man war froh, mit den sinkenden Schiffen bis nach Jamaica hinübergekommen und wenigstens das Leben gerettet zu haben. So ließ denn der Admiral beide Schiffe an einer günstigen Stelle an den Strand laufen. Es war am 25. Juni 1503, daß die Schiffe sich im Hafen Santa Gloria, jetzt Christovals-Bucht genannt, nahe am Lande auf seichtem Grunde mit Wasser füllten, so daß sie bis ans Verdeck sanken. Das Verdeck selbst blieb über Wasser, und hier wurde in gedeckten Cajüten die Mannschaft untergebracht. So konnten die Wracks noch als Holzfestungen gegenüber unerwarteten Angriffen von Seiten der Bewohner dienen, auch wurden die Mannschaften abgehalten, am Lande herumzuschweifen und den Indianern Anlaß zu Conflicten zu geben, welche bei der hilflosen Lage der Spanier allen den Untergang bereiten konnten, wenn ihnen vom Lande her die erforderlichen Lebensmittel versagt wurden, denn die Schiffsvorräthe waren natürlich sämmtlich verloren gegangen.

Glücklicherweise zeigten sich die Indianer, welche bald scharenweise am Strande erscheinen, geneigt, zum Tausch gegen europäische Artikel Lebensmittel herzuzuschaffen. Aber diese Art der Verproviantirung konnte bei ihrer Unregelmäßigkeit auf die Dauer die Spanier nicht vor Hungersnoth schützen. Es mußte das Gebiet der Bezugsquellen weiter ausgedehnt, es mußten mit den entfernteren Dörfern gewissermaßen Lieferungsverträge abgeschlossen werden.