Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen
Part 35
Daß er selbst den rein geographischen Werth seiner neuen Entdeckung weniger würdigte, darf man wohl aus den wunderlichen Theorien schließen, welche er darauf aufbaute, und daß er gegen die Weiterführung der Küstenaufnahmen ziemlich gleichgültig geworden war, spricht auch Humboldt aus:[268] „Columbus legte bei seiner dritten Reise mehr Werth auf die Perlen der Insel Margarita und Cubagua als auf die Entdeckung der Terra firma, da er bis zu seinem Tode fest überzeugt war, schon im November 1492 auf seiner ersten Reise in Cuba einen Theil des festen Landes von Asien berührt zu haben.“
Möglicherweise wollte er auch den immer lauter werdenden Widersachern in Spanien nicht neue Veranlassung zu dem schon oft gehörten Vorwurf geben, daß er in nutzlosen Fahrten viel Geld vergeude, sondern wollte sich ganz der Pflege und Ausbeutung seiner Colonie widmen, um sie so bald wie möglich von den Unterstützungen durch das Mutterland unabhängig zu machen.
In fünf Tagen segelte das Geschwader von der Küste des Continents über das caribische Meer nach Haiti. Die westliche Abdrift führte die Schiffe über ihr Ziel hinaus, so daß, als Columbus das Ufer seines Coloniallandes erreicht hatte, der Cours, nach Osten zurück, eingeschlagen werden mußte, um den Platz der neuen von Bartolomé Colon gegründeten Stadt San Domingo zu erreichen, welche an der Mündung des Ozamáflusses lag.
11. Die Zustände auf Haiti und die Gefangennahme des Columbus.
Während der Abwesenheit des Vicekönigs hatte sein Bruder Bartolomé als Adelantado oder Statthalter die Colonie verwaltet, die Zahl der festen Häuser auf der Insel vermehrt und die Häuptlinge zur Anerkennung der spanischen Oberhoheit gebracht. Der ihnen auferlegte Tribut bestand entweder in Gold oder in anderen den Spaniern willkommenen Erzeugnissen des Landes. Unter dem thätigen Hieronymiten Fray Ramon Pane, welcher innerhalb eines Jahres die Sprache der Eingeborenen erlernte, und unter dem Franziskaner Fray Juan Borgoñon hatte das Bekehrungswerk unter den Indianern begonnen. Nach dieser Richtung war also die Befestigung der Colonie in günstiger Entwicklung begriffen. Anders verhielt es sich mit den eingewanderten Spaniern, den Soldaten und Colonisten. Hier trat der tiefe Gegensatz der Nationalitäten immer greller zu Tage. Daß sie genuesischen Fremdlingen gehorchen mußten, ertrug ihr Stolz mit Widerwillen. Der Adelantado forderte strenge Manneszucht; statt des erträumten glückseligen Lebens, dessen Vorspiegelungen sie über das Meer gelockt hatten, warteten ihrer angestrengte Arbeiten, sollten sie mit Entbehrungen aller Art, selbst mit Hungersnoth kämpfen und wurden in unablässigen Märschen nach allen Theilen des Landes ermüdet.
Während der Abwesenheit des Statthalters brach in der Stadt Isabella der Aufstand aus. Der Commandant Diego Colon, dem es überhaupt an Energie zu fehlen schien, gerieth in eine mißliche Lage, um so mehr, als der Oberrichter +Francisco Roldan+ sich an die Spitze der Unzufriedenen stellte. Bei der Rückkehr des Adelantado mußte Roldan mit seinem Anhange aus der Stadt weichen, fuhr aber fort, die Familie des Columbus zu verdächtigen und zu schmähen als Feinde des spanischen Blutes. Auch das wurde besonders den Genuesen zum Vorwurf gemacht, daß sie die Goldminen als Familienmonopol behandelten. Um die Indianer für sich zu gewinnen, erklärte Roldan ihnen, er wolle sie gegen die Bedrückungen des Statthalters schützen. In Folge dessen verweigerten jene den Tribut und lieferten keine Nahrungsmittel mehr. Selbst die treugebliebenen Spanier wurden durch die nun eintretende Noth entmuthigt und begannen zu desertiren, und wenn nicht im Anfange des Jahres 1498 zwei Schiffe von Spanien neue Lebensmittel und Mannschaften gebracht, so hätte schon damals die Colonie sich vielleicht aufgelöst. Durch diese Zufuhr gewann Bartolomé Colon neue Kräfte, die aufrührerischen Caziken zu bändigen und Roldan in den entfernten Gau von Jaragua zu verdrängen, wo derselbe sich einem üppigen Leben hingab und seinem Gefolge Zügellosigkeiten und Bedrückungen aller Art gestattete. Ende Juli kamen die drei von Columbus vorausgesendeten Schiffe an die Südseite von Haiti, wo Roldan Gelegenheit fand, sofort einen Theil der neuen Ankömmlinge auf seine Seite zu ziehen, und grade einen Monat später traf auch der Admiral selbst bei der neugegründeten Stadt San Domingo ein. Vor allem war ihm daran gelegen, den Unfrieden unter den Spaniern, durch welchen die Entwicklung der Colonisation vollständig gelähmt wurde, zu beseitigen. Da er sah und hörte, daß viele des unerquicklichen Lebens und Treibens auf der Insel überdrüssig geworden waren, denn man vernahm oft den auffälligen Schwur: „So wahr mich Gott wieder nach Castilien bringe“, so erließ Columbus eine Bekanntmachung, in welcher er jedem Spanier gestattete, auf einem der fünf zur Abfahrt nach Spanien vorbereiteten Schiffe in die Heimat zurückzukehren. Er hoffte dadurch besonders die Zahl seiner Widersacher und der Misvergnügten zu lichten. Aber Roldan und seine Partei gingen darauf nicht ein; sie hielten sich für mächtig genug, dem Vicekönige zu trotzen. Dieser ließ sich dann sogar dazu herbei, einen freundlichen Brief an den Oberrichter zu schreiben und eine Versöhnung anzutragen, fand aber auch dafür kein Gehör; denn seine Gegner erkannten seine hilflose Lage, daß er ohne Geld gekommen und seinen Soldaten den rückständigen Sold nicht bezahlen, sich bei einem ausbrechenden Kampfe also auch nicht auf sie verlassen konnte.
Die Flotte, auf welcher Columbus gekommen war, mußte, nach dem Vertrage mit den Rhedern, binnen Monatsfrist wieder abgefertigt werden, und wenn er sie auch bis über sechs Wochen zurückbehielt, so mußte er sie doch endlich am 18. October entlassen, ohne, wie er gewünscht hatte, den spanischen Monarchen von dem wiedergewonnenen Frieden in der Colonie berichten zu können. Er schilderte in seinem Briefe seine Gegner als Diebe, Schurken, Räuber und Landstreicher und erklärte in seiner Aufregung, er werde sich noch genöthigt sehen, die äußersten Gewaltmaßregeln anzuwenden, um diese Friedensstörer zu vernichten.
Natürlich hatte auch die Gegenpartei Gelegenheit gefunden, in einem Schreiben an die Regierung ihr Verhalten zu begründen und über den Admiral und seine Verwandten die ärgsten Beschuldigungen von Willkürherrschaft und Grausamkeit vorzubringen, wodurch die Feindschaft gegen die Genuesen am spanischen Hof neue Nahrung gewann. Das konnte freilich nicht ohne bedenkliche Folgen auf die Anschauung der Monarchen bleiben.
Columbus sah sich wieder zu neuen Verhandlungen getrieben und mußte schließlich, wenn auch widerstrebend, unter schimpflichen Bedingungen mit den Meuterern Frieden machen. Dieselben erhielten demgemäß zwei Schiffe mit Proviant, um nach Spanien zurückkehren zu können. Auch mußte ihnen der Vicekönig einen Schein ausstellen, wonach ihnen der rückständige Sold in Spanien bezahlt werden sollte und ertheilte ihnen schließlich sogar noch das Zeugniß, daß sie sich in Indien um den König wohl verdient gemacht hätten. Alle, welche in Indien bleiben wollten, erhielten freie Geleitsbriefe.
Weil aber Columbus die versprochenen Schiffe zur gesetzten Frist nicht ausrüsten konnte, erklärten seine Gegner auch diesen Vertrag für nichtig. So dauerte die Zwietracht bis zum September 1499. Endlich bequemte sich Columbus sogar dazu, Roldan wieder als Oberrichter einzusetzen, dessen Parteigenossen mit Ländereien zu beschenken und zu gestatten, daß, wenn der rückständige Sold nicht voll ausgezahlt werde, die Meuterer das Recht haben sollten, diese Zusagen mit Gewalt zu erzwingen.
Tiefer konnte sich ein Statthalter nicht erniedrigen, als in solcher Weise den Aufruhr durch Belohnung auszuzeichnen. Zwar hatte Columbus gar nicht die Absicht, diese Versprechungen zu halten, und darum den Vertrag an Bord eines Schiffes unterzeichnet, wo er, wie er sich selbst und auch seinem königlichen Herrn zu bereden suchte, nur in seiner Stellung als +Admiral+ rechtskräftige Urkunden unterzeichnen konnte, während der Ausgleich mit den Meuterern hätte von ihm auf dem Lande in seiner Eigenschaft als +Vicekönig+ vollzogen werden müssen.[269] Aber zeigte er durch solche Handlungs- und Denkweise nicht auf das klarste, daß ihm zu einer höchsten Verwaltungsstelle alle Befähigung abging?
In Spanien hörten die Klagen gegen ihn nicht auf. Daß er den Antheil der Krone an der Ausbeute aus den Goldminen nicht rechtzeitig einsandte, nannte man bereits Unterschlagung; und daß er den Oberrichter Roldan, den er selbst gleichsam als seinen Liebling großgezogen und zu der hohen Stellung vorgeschlagen hatte, jetzt als seinen gefährlichsten Feind bezeichnete, mußte Bedenken erregen. Die Königin war erzürnt, daß Columbus mit dem letzten Geschwader wiederum, um dem Fiscus Geld zuzuführen, eine Fracht von Sklaven gesendet hatte, statt der so oft in Aussicht gestellten Schätze von edlem Metall und Gewürzen.
Man sah wohl, daß die Colonie unter den beständigen Wirren ihrer Auflösung entgegenging. Ein Mittel, die Ordnung wieder herzustellen, bot sich in dem Wunsche des Vicekönigs, welcher um einen tüchtigen Richter bat, um die Streitigkeiten auf der Insel zu untersuchen und Recht zu sprechen. Aber die königliche Vollmacht, welche dem neuen Richter auch die ganze Verwaltung der Insel übertrug und von Columbus sogar die Uebergabe der höchsten militärischen Gewalt verlangte, ging wiederum zu weit, weil sie die wiederholt bestätigten Rechte des Genuesen als Vicekönig ohne weiteres bei Seite schob.[270] +Francisco de Bobadilla+, dem so weitgehende Befugnisse durch Decret vom Mai 1499 ertheilt wurden, erhielt sogar das Recht, jeden, der ihm für das Wohl der Colonie gefährlich schien, mit Gewalt aus der Insel zu entfernen. Seine Entsendung nach Haiti erfolgte aber erst im Sommer 1500, seine Ankunft vor San Domingo am 23. August. In der Woche zuvor hatte Columbus noch sieben Spanier mit dem Tode am Galgen bestraft, weil sie Unruhen anstifteten; und doch schrieb er an die Amme des Prinzen Juan: „als Bobadilla nach S. Domingo kam, war +die Insel ruhig+“. Bobadilla sah die Leichen der Erhängten noch am Galgen beiderseits der Einfahrt in den Hafen, und sah diese Art der Justiz als einen Beleg für die Grausamkeit des Genuesen an, welcher er entgegentreten müßte. Weder der Admiral noch sein Bruder Bartolomé waren um diese Zeit in der Stadt anwesend. Bobadilla landete am nächsten Morgen mit seiner Schar, und ließ, nachdem er in der Kirche der Messe beigewohnt, seine Beglaubigungsschreiben der versammelten Menge vorlesen. Als er dann noch zum Schluß das königliche Mandat verkündigte, daß allen in königlichen Diensten Stehenden der rückständige Gehalt ausgezahlt werden solle, hatte er bereits einen großen Theil der Spanier gewonnen. Dann drang er mit Gewalt, aber ohne Blutvergießen in die Festung ein und ließ sich die Gefangenen ausliefern, um seinem Amte gemäß ihre Vergehen zu untersuchen. Seine Wohnung nahm er im Hause des Columbus, dessen Eigenthum und Papiere er mit Beschlag belegte, als sei er nur abgesendet, dem Vicekönig den Proceß zu machen, nicht aber, die Rechtsansprüche +beider+ Parteien zu prüfen. Das ganze Volk zog er aber dadurch auf seine Seite, daß er am nächsten Tage verkündigen ließ, in den nächsten 20 Jahren könne jedermann ungehindert sich mit Goldgewinnung befassen, falls nur der eilfte Theil des Ertrages an die Krone abgeliefert würde. So entfremdete er mit Ausnahme der wenigen Getreuen dem Vicekönig die Gemüther aller Spanier und konnte es auch wagen, indem er den ihm gewordenen königlichen Auftrag verkannte und überschritt, Hand an den Admiral und seine Verwandten zu legen. Gebieterisch fordert er diesen auf, vor ihm zu erscheinen, und Columbus leistete, als er die königlichen Befehle gesehen, Folge, indem er ohne Begleitung nach San Domingo reiste. Mittlerweile hatte Bobadilla den Bruder des Vicekönigs, Don Diego, in Ketten an Bord eines seiner Schiffe bringen lassen. Gleiches Schicksal widerfuhr kurz darauf dem Admiral selbst. Bobadilla erreichte von dem Gefangenen sogar, daß dieser seinem energischen Bruder Bartolomé schrieb, er möge sich gleichfalls der königlichen Entscheidung unterwerfen. So wurde auch der dritte von den genuesischen Brüdern gefesselt. Bobadilla scheute sich, persönlich mit den Gefangenen zu verkehren. „Ich habe nie mit ihm gesprochen,“ klagte Columbus in seinem Briefe an die Amme des Prinzen, „auch hat er keinem anderen erlaubt, mit mir zu sprechen. Ein Gouverneur, der z. B. nach Sicilien geschickt wird und das Land nach bestehenden Gesetzen friedlich regiert, hat eine ganz andere Stellung als ich in einem ganz fremden, neu unterworfenen Lande mit fremden Menschen und Sitten. Wenn ich geirrt habe, so geschah es ohne Schuld oder unter dem Zwange der Verhältnisse. Was mich am meisten kränkt, ist die Wegnahme meiner Papiere, die ich nie wieder sammeln kann, und die meine Unschuld am besten beweisen würden.“[271]
Columbus war durch die ihm widerfahrene Schmach so vollständig gebrochen, daß er selbst für sein Leben fürchtete. Als der Hidalgo Alonso de Villejo, ein Verwandter Fonsecas, mit der Wache bei ihm erschien, um ihn aufs Schiff zu bringen, fragte Columbus, in dem Glauben, man führe ihn zum Tode: „Villejo, wohin führt Ihr mich?“ „Aufs Schiff um abzusegeln,“ lautete die Antwort. „Abzusegeln?“ wiederholte der Admiral fast ungläubig. „Villejo, redet Ihr die Wahrheit?“ Erst bei der wiederholten Versicherung, daß man ihn nicht täusche, fühlte sich Columbus beruhigt. Auch fand er sowohl bei dem Schiffscapitän Andreas Martin als bei Villejo Ehrerbietung und Theilnahme. Man wollte ihm die Ketten abnehmen; aber er lehnte es ab: Spanien sollte die Schmach sehen, die ihm, angeblich auf königliches Geheiß, als Lohn für seine hohen Verdienste angethan war. Eine kurze und glückliche Ueberfahrt ließ ihn schon in der letzten Woche des November 1500 in Cadiz landen.
Der Hof befand sich in Granada. Der Capitän Andreas Martin hatte gestattet, daß Columbus einen Brief an die Amme des Prinzen richten dürfe, welche, wie er wußte, bei der Königin bedeutenden Einfluß besaß. So gelangte die Darstellung der Verhältnisse nach seiner Auffassung eher zu Ohren des Königpaars, als der bestimmt feindselige Bericht Bobadilla’s.
Wie es schon in Cadiz und Sevilla, soweit die Kunde gedrungen war, das größte Aufsehen erregte, daß man den Entdecker der neuen Welt in Ketten nach Spanien zurückbefördert hatte, so fühlten auch die Monarchen, daß die gleichsam in ihren Namen dem Vicekönig angethane Schmach ihren Schatten auf die eigne Majestät werfe, und gaben daher sofort ihr höchstes Misfallen darüber zu erkennen. Columbus sollte sogleich seiner Fesseln entledigt und mit aller ihm gebührenden Auszeichnung behandelt werden. Zu gleicher Zeit ließen sie ihm eine bedeutende Summe (2000 Ducaten) zustellen, damit er seinem Range gemäß reisen und bei Hofe erscheinen könne. Daß er in seinen Ketten vor dem Thron erschienen, darf wohl als romantische Ausschmückung bezeichnet werden; eher aber dürfen wir dem Zeugniß Herreras[272] glauben, daß Columbus, als er vor den Majestäten am 17. December erschien, und dem Königspaar knieend seine Huldigung darbrachte, vor innerer Bewegung nicht sprechen konnte.
Wenn ihm auch bei dieser Gelegenheit und in Zukunft stets mit Auszeichnung begegnet wurde, und er darin eine Vergeltung für das ihm zugefügte bittere Unrecht erblicken konnte, so sah er sich in dem Einen, was er vor allem wünschte, getäuscht, daß er nicht wieder in seine Hoheitsrechte über die neue Welt eingesetzt wurde.
12. Die letzte Reise des Columbus.
Es scheint, als ob König Ferdinand vor der Hand nicht daran dachte, den einmal vollendeten Eingriff in die Rechte des Columbus wieder rückgängig zu machen. Die Verwaltung der indischen Colonien mußte vor allem in einen geregelten Gang gebracht werden. Bobadilla hatte sich durchaus untauglich gezeigt durch die übereilte Parteinahme gegen den rechtmäßigen Statthalter, den er, ohne ihn nur zu sehen und zu hören, von der Insel entfernte. Seine Anordnungen lockerten alle Bande, Zügellosigkeit und Gesetzwidrigkeiten traten an die Stelle der straffen Zucht Bartolomé’s, so daß die bessern Elemente sich von dem neuen Regimente abwandten. Auch war man auf der Insel selbst dem beseitigten Befehlshaber eine entschiedene Genugthuung schuldig. Daher wurde im königlichen Rathe beschlossen, Bobadilla durch den gerechten und unparteiischen Don Nicolas de +Ovando+ zu ersetzen; denn es galt zu gleicher Zeit auch, den nutzlosen Bedrückungen und Grausamkeiten, welche sich die spanischen Herren über ihre indischen Unterthanen erlaubten, ein Ziel zu setzen. Ovando erhielt von der Königin Isabella den ausdrücklichen Befehl, den Caziken und andern Indianern die bestimmte Versicherung zu geben, daß sie selbst ihre neuen Unterthanen in jeder Beziehung zu beschützen gesonnen sei. Nur für den königlichen Dienst sollten die Indianer zu Arbeiten herangezogen werden dürfen. Dieses letzte Recht bot aber in der Folgezeit wieder die Handhabe für fortdauernde neue Quälereien. Auch sollte es gestattet sein, gewiß in der guten Absicht, die Indianer zu entlasten, Negersklaven nach Haiti einzuführen entweder von Spanien oder von der Westküste Afrikas, wo der Menschenhandel schon seit langer Zeit bestand. Damit war der erste Anlaß zu dem für Amerika so verhängnißvoll gewordenen schwarzen Sklaventhum gegeben, welches in den folgenden Jahrhunderten so oft zu blutigen Conflicten und staatserschütternden Kämpfen führen und -- ein eignes Verhängniß -- nach 300 Jahren grade die erste spanische Colonie, Haiti, ganz in die Hände der Schwarzen und Farbigen liefern sollte.
Das von Bobadilla confiscirte Vermögen des Statthalters sollte Ovando zurückfordern, die dem Vicekönig zustehenden Einkünfte ihm ungeschmälert überweisen, die von Bobadilla erlassene Verfügung bezüglich des freien Bergbaus auf Gold wieder aufheben.
Das Vertrauen, welches man in Spanien auf die Tüchtigkeit Ovando’s setzte und die Hoffnung, mit seinem Eintreffen in Haiti die Colonie geordneten Verhältnissen wieder zugeführt zu sehen, ermuthigte eine große Zahl von Auswanderungslustigen, ihr Heil in der neuen Welt zu suchen. So segelte er mit 30 Schiffen und 2500 Personen am 13. Februar 1502 von San Lucar de Barrameda ab. Ein Schiff ging leider im Sturm unter, die übrigen erreichten indeß am 15. April ihr Ziel. Ovando wurde ohne Schwierigkeit, nachdem er die königlichen Befehle vorgelegt, als Statthalter anerkannt. Gegen Bobadilla, dessen Ansehen mit einem Male verschwand, wurde keine Untersuchung eingeleitet, doch mußte er nach Spanien zurückkehren. Roldan dagegen und seine eifrigsten Parteigänger wurden in Haft genommen und zur Verurtheilung auf die Flotte gebracht, welche den neuen Befehlshaber herübergeführt hatte. Nachdem dieselbe befrachtet war, sollte sie in die Heimat zurückkehren.
Columbus hatte inzwischen, da er sah, daß er nicht sofort in seine westindische Herrschaft wieder eingesetzt werde, sich zu einer neuen großen Entdeckungsfahrt gegen Westen erboten. Man darf annehmen, daß die Erfolge der Portugiesen einen wesentlichen Einfluß auf seine neuen Pläne ausübten. Vasco da Gama war im September 1499 aus dem indischen Gewürzlande zurückgekehrt, zu einer Zeit also, wo Columbus noch in heftigem Kampfe gegen Roldan lag. In Spanien hatte er weitere Nachrichten über Indien eingezogen, und da er sich überzeugt hielt, das Ostgestade des asiatischen Continents bereits in Cuba und Paria berührt zu haben, da ferner durch die Entdeckungsfahrten spanischer Privatunternehmer, der Hojeda, Vespucci, Pinzon noch weitere Küsten des Festlandes, zu welchem Paria gehörte, besucht waren, so schloß er daraus, eine Fahrt zwischen Cuba und Paria gegen Westen werde ihn nach dem portugiesischen Indien bringen. Die gewaltige Meeresströmung, welche an der Küste Südamerikas ungestüm nach Westen drängte, mußte nach seiner Vorstellung durch eine noch unerforschte Meerenge führen, hinter welcher er das indische Meer „jenseits des Ganges“, wie es seit dem Alterthum genannt wurde, zu finden meinte. Durch diese Vorstellungen war die Richtung der neuen von ihm ins Auge gefaßten Unternehmung bestimmt. Sein Plan wurde von den spanischen Souveränen gern genehmigt, und so konnte er bereits im Herbste 1501 an die Vorbereitungen zur Ausrüstung der bewilligten Schiffe gehen. Er scheint selbst sein Leben daran setzen zu wollen, um einen großen Erfolg zu erzielen; aber als ein vorsichtiger Mann wollte er dabei die Zukunft seiner Familie möglichst sicher stellen. Darum ließ er von den wichtigsten Dokumenten beglaubigte Abschriften nehmen und dieselben in der Bank von Genua niederlegen. Darunter befand sich auch die am 14. März 1502 von der Krone gegebene erneuerte Versicherung, daß ihm und seinen Kindern alle seine verbrieften Rechte unverkürzt erhalten bleiben sollten. Er hatte vier kleine Caravelen, von 70 resp. 50 Tons ausgerüstet und mit 150 Leuten bemannt. Sein Bruder Bartolomé, der ihm überall die kräftigste Stütze gewesen war, sowie sein jüngerer, damals erst 13jähriger Sohn Ferdinand begleiteten ihn.
Am 9. Mai 1502 ging er von Cadiz aus in See. Beseelt von frommer Hoffnung, daß seine Unternehmung gelingen werde, schrieb er von den Canarien aus an seinen Freund und Rathgeber, der Karthäusermönch Gaspar Gorricio in Sevilla. „Ich reise im Namen der heiligen Trinität und hoffe auf Sieg“.[273] Eine rasche Fahrt von 19 Tagen brachte das Geschwader von den Canarischen Inseln über den Ocean nach Martinique (Matinino) und von hier an den kleinen Antillen und der Südküste von Puertorico entlang nach San Domingo. So lange seine Schiffe im Stande waren, wollte er seine Reise beeilen, aber da eins derselben zur Forschungsreise untauglich war und schlecht segelte, so wollte er dasselbe gegen ein besseres vertauschen und dieses auf seine Kosten ausrüsten lassen. Im Haupthafen von San Domingo lag die große Flotte noch vor Anker, als er am 29. Juni vor der Stadt erschien. Aber Ovando gestattete dem Admiral nicht, ans Land zu kommen und Columbus hinwieder hatte sich mit der Hoffnung geschmeichelt, sein gesunkenes Ansehen in seiner Colonie wieder zu heben, wenn er als Befehlshaber eines Geschwaders einlaufe. Nur die von ihm aus Spanien mitgebrachten Briefe konnten abgegeben werden, Ovando lehnte jede weitere Annäherung ab. Auch darin fand Columbus kein Gehör, daß er aus astrologischen Ursachen[274] den nahebevorstehenden Ausbruch eines furchtbaren Sturmes verkündete und daher den Statthalter Ovando warnte, vor Ablauf einer Woche die im Hafen segelbereite Flotte, auf welcher sich Bobadilla, Roldan u. a. befanden, nicht abfertigen zu wollen.
Wenn nun bald darauf, als die Flotte wirklich ausgelaufen war, der Orkan losbrach, gegen 20 Schiffe mit Mann und Maus verschlang und dabei auch Bobadilla und Roldan vernichtete; wenn von allen Fahrzeugen nur ein einziges, und dazu ziemlich gebrechliches, welches aber das wieder ausgelieferte Vermögen des Admirals an Bord hatte, endlich nach Spanien die Reise fortsetzen konnte: mußte Columbus in allem nicht die unmittelbare Hand Gottes und sein Strafgericht erkennen? Er selbst hatte sich mit seinen vier Schiffen in die Nähe der Küste geflüchtet und dort das verderbliche Unwetter glücklich überstanden, wenn auch der schlechte Segler, den sein Bruder befehligte, aufs Meer getrieben und seiner Böte beraubt wurde. „Der Sturm war furchtbar,“ schreibt Columbus, „die Schiffe wurden getrennt und ich fürchtete, daß die übrigen untergegangen. Wie schmerzlich ist es bei solcher Gefahr und in Angst um den Sohn, den Bruder, die Freunde, nicht ans Land oder in den Hafen flüchten zu dürfen, an einer Küste, welche ich unter so vielen Mühseligkeiten für Spanien selbst gewonnen habe.“