Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen
Part 34
Diese Ideen waren für den Admiral maßgebend, und er machte sie sich dergestalt zu eigen, daß er aus ihnen wiederum als aus unanfechtbaren Lehrsätzen seine seltsamen kosmographischen Folgerungen zog. Wir besitzen von Columbus selbst einen ausführlichen Bericht über den Verlauf seiner dritten Reise,[249] in welchem diese merkwürdigen Ansichten niedergelegt sind. Die eigenthümliche Gemüthsstimmung, welche diese Erzählung durchweht, und welche die Behauptung Ferrers, daß auch er den Columbus für das unmittelbare Werkzeug Gottes halte, noch verstärkte, lernen wir am besten aus den eigenen Worten des Entdeckers kennen, mit denen er den Verlauf seiner ersten Fahrten und die später lautwerdende Misgunst berührt. „Ich zog aus,“ schreibt der Admiral, „im Namen der heiligen Trinität und kehrte bald wieder heim, mit dem Beweis in der Hand von alle dem, was ich gesagt hatte. Ew. Hoheiten schickten mich zum zweitenmale und ich entdeckte in kurzer Zeit durch Gottes Gnade das Festland im äußersten Osten auf einer Strecke von 330 Leguas,[250] und dazu noch 700 Inseln. (!) Ich umsegelte die Insel Hispaniola, welche größer als Spanien ist.“ Diese arge Uebertreibung erklärt sich nur daraus, daß Columbus, ohne eigne Berechnung einfach die auf den Karten (man vergleiche den Globus Behaims) niedergelegte Größe Cipangus (denn dafür hielt er die Insel Haiti), mit jener von Spanien verglich und beide Länder ziemlich gleichgroß gezeichnet fand; denn in Wahrheit ist Spanien mindestens sechsmal und die ganze pyreneische Halbinsel, welche Columbus wahrscheinlich im Auge hatte, sogar mehr als siebenmal so groß wie Haiti. „Dann,“ fährt der Admiral fort, „erhoben sich Klagen und Verdächtigungen, um meine Unternehmungen zu verkleinern, weil ich nicht gleich mit goldbeladenen Schiffen heimkehrte. Die Kürze der Zeit und andere Hemmnisse wurden dabei nicht in Rechnung gebracht. Daher fiel ich, entweder wegen meiner Sünden oder zu meinem Heile, wie ich glaube, in Misgunst und fand bei allem, was ich sagte und wünschte, Widerstand.“ Weiter zeigt er dann mit ausführlichen historischen Belegen, daß er für Spanien das Goldland Ophir wiedergefunden und in Besitz genommen habe. „Von den Capverden segelte ich 480 ~millas~ oder 120 Leguas gegen Südwesten (Anfang Juli), wo ich fand, daß der Polarstern 5 Grad hoch stand. Da trat Windstille ein,[251] die Hitze war so groß, daß ich fürchtete, Schiffe und Mannschaften würden versengt. Kein Mann wagte sich unter Deck, um auf Wasser- und Mundvorräthe zu achten.[252] Diese Hitze dauerte acht Tage; am ersten Tage war der Himmel klar, am zweiten wurde es nebelig und regnete es; aber wir fanden keine Erleichterung, so daß ich glaube, wir wären alle umgekommen, wenn die Sonne wie am ersten Tage geschienen hätte. Nach acht Tagen sandte mir Gott einen günstigen Wind und ich steuerte nun nach Westen.“ Columbus gab also den weitern Cours gegen Südwesten auf, weil er sich von seinen frühern Fahrten erinnerte, daß er jenseits von 100 Leguas westlich von den Açoren stets eine merkliche Abnahme der Hitze beobachtet hatte und daher auch jetzt die Region der milderen Temperatur aufzusuchen beschloß. Unter der Breite von Serra Leona, wie er meinte, steuerte der Admiral 17 Tage mit günstigem Winde nach Westen und fand am Morgen des 31. Juli Land. Es war eine in drei Bergen aufsteigende Inselküste. Unter dem Gesange des ~Salve regina~ näherte man sich in freudiger Erregung dem Strande. Die Insel erhielt den Namen +Trinidad+, das zuerst berührte Vorgebirge wurde Cabo de la Galea (jetzt Cap Galeota) benannt. Man hatte also die südlichste der kleinen Antillen erreicht, welche nahe an der Küste des südamerikanischen Continentes liegt. Dieser zunächst gelegene flache Streifen des Festlandes erhielt den Namen Gracia. Auf Trinidad bemerkte man Häuser, von gutgepflegten Gärten umgeben und zahlreiche Menschen. Auch Böte ließen sich blicken, aber scheu vermieden die Schiffer jede Annäherung an die fremdartigen großen Fahrzeuge. Man suchte sie durch Lockmittel, auch durch Musik, die vom Verdeck ertönte, zu bewegen, näher zu kommen; aber vergebens. Man sah nur aus der Ferne, daß sie mit Bogen und Pfeilen und hölzernen Schilden bewaffnet waren, und bemerkte mit Staunen, daß diese Indianer eine viel hellere Hautfarbe hatten, als die früher gesehenen. Ihre Haare waren nach spanischer Art vor der Stirn abgeschnitten.[253] Als Bekleidung trugen sie nur einen aus buntfarbigen Baumwollfäden gefertigten Schamgürtel.
An der Südküste Trinidads segelte der Entdecker gegen Westen, erreichte am 1. August die westliche „Sandspitze“ der Insel, welche sich auf zwei Leguas dem gegenüberliegenden Orinocodelta nähert. Trichterartig verengt sich gegen Westen der Ocean zwischen Insel und Festland und drängt die gewaltigen Massen süßen Wassers, welche sich aus den Deltaarmen des Orinoco ergießen, unter der Wucht des nordwestlich flutenden Aequatorialstromes zu der immer enger werdenden Straße nach dem Pariagolfe. Das Wasser strömte mit solcher Gewalt in den Golf hinein, wie der Guadalquibir bei Hochwasser, also ungefähr 2½ Meilen in einer Stunde. „Wenn man weiter nach Norden fahren will,“ schreibt Columbus, „so trifft man auf eine Reihe von Stromschnellen, welche den Canal durchsetzen und einen furchtbaren Lärm machen. Ich glaubte, dies komme von Felsen und Riffen, welche den Eingang sperren. Dahinter zeigten sich zahlreiche tosende Strudel, wie wenn die Wogen sich über Felsen brechen.“ Außerhalb des Canals gingen die Schiffe vor Anker, denn Columbus fürchtete wegen der Strömung nicht zurückkehren und wegen der vor ihm liegenden Untiefen nicht vorwärts kommen zu können. „Tief in der Nacht vernahm ich vom Decke des Schiffes aus ein furchtbares Getöse, welches von Süden her gegen das Schiff kam.“ Die wirbelnden schiffshohen Wasserberge, welche heranrollten, drohten die Schiffe zu kentern. Columbus war von Jugend auf mit den mannigfachsten Gefahren der See vertraut, aber niemals war er durch die übermächtigen Gewalten des Ocean so in Angst und Schrecken versetzt, als hier.[254]
„Am folgenden Tage,“ erzählt Columbus weiter, „sandte ich unsere Böte aus, um die Straße zu sondiren. Man fand 6 bis 7 Faden Tiefe, aber in heftigen Gegenströmungen flutete das Wasser hier in den Golf hinein und dort wieder aus demselben heraus. Doch gefiel es Gott, uns günstigen Fahrwind zu geben, und so passirte ich diese Straße glücklich und kam bald in ruhiges Wasser. Zum Erstaunen der ganzen Mannschaft war das Wasser im ganzen Golfe, wo man es auch schöpfte, süß und trinkbar. Columbus steuerte nordwärts über das Becken des Golfs auf die gebirgige Halbinsel +Paria+ zu, welche die Bucht im Norden abschließt. Hier zeigte sich ein zweiter, noch engerer und gefährlicherer Schlund, wo sich thurmartig einzelne dunkele Klippen aus der brandenden Flut erhoben. Die Küste der Pariahalbinsel zog sich gegen Südwesten, und da Columbus in dieser Richtung eine ruhige Fahrt hoffte, wendete er sich nach Westen. Je weiter man kam, desto frischer und gesunder zeigte sich das Wasser. Das Land schien angebaut, das Geschwader ging vor Anker, Böte wurden zur Kundschaft ans Gestade geschickt, aber die Hütten waren verlassen. Weiter im Westen, wo das Land flacher wurde, hoffte man mehr Menschen zu finden und wünschte mit ihnen in Verkehr zu treten. Wiederum wurden an der Mündung eines Flusses die Anker ausgeworfen. Dort waren die Eingeborenen zutraulicher, näherten sich den Fremden und gaben an, daß ihr Land Paria heiße, und daß dasselbe weiter gegen Westen noch mehr bewohnt sei. Dies bestätigte sich auch bald, als man noch weiter an dem Lande entlang segelte. Reizende, dicht bewohnte Gegenden luden zum Verkehr ein. Die Eingeborenen kamen an Bord und baten den Admiral, im Namen ihres Königs, ans Land zu kommen. Sie trugen Goldschmuck auf der Brust und mit Perlen besetzte Armbänder. Auf die Nachfrage, wo die Perlen gefunden würden, wiesen sie nach Norden und bemerkten, die Fundstätten lägen nicht allzufern. Am Lande zeigten sich die Indianer sehr höflich, die Häuptlinge an ihrer Spitze empfingen sie, führten sie zu großen, geräumigen Häusern, wo man die Gäste zum Niedersitzen nöthigte und mit Brod, Früchten und verschiedenen Arten von rothem und weißem Wein bewirthete, welcher nicht aus Trauben, sondern aus anderen Früchten bereitet war. Leider konnte man sich nur wenig verständigen, weil man keine Dolmetscher hatte. Von dem Mais, welchen sie anbauten, nahm Columbus später mit nach Spanien, um dieses amerikanische Getreide auch nach der alten Welt zu verpflanzen. Das Gold, womit sie sich schmückten, stammte aus den Bergen an der Grenze des Landes, doch warnte man die Spanier durch Zeichen, sich nicht dahin zu wagen, weil dort Menschenfresser wohnten.[255]
Aber Columbus hatte nicht die Absicht, sich dahin zu wenden, noch auch die Perlenbänke zu besuchen, denn die Mundvorräthe drohten bei der längeren Dauer der Reise zu verderben, auch waren die Schiffe für eine schwierige Entdeckungsfahrt nicht mehr geeignet, und endlich litt er selbst an den Augen und fürchtete, wie es auf einer der früheren Reisen schon geschehen war, zeitweilig des freien Gebrauchs des Augenlichts beraubt zu werden. Da er Paria noch für eine Insel hielt, so hoffte er sie westlich umsegeln zu können, um sich dann nordwärts zu wenden. Ein Caravele wurde zur Prüfung des Fahrwassers vorausgesendet, man fand aber leider, daß sich der Golf westwärts immer mehr verengte, daß unter dem Einströmen zahlreicher Flüsse das Wasser der Bucht vollständig Süßwasser werde, daß demnach nach dieser Richtung kein Ausgang zu finden sei. Man mußte also umkehren, konnte aber der Strömung wegen nicht an dem bisher besuchten und bevölkerten Gestade von Paria wieder entlang gehen, sondern mußte, der Wirbelbewegung des Wassers im Golfe folgend, an den flachen Ufern der Orinocoinseln hin fast bis zum südlichen Eingang zurücksegeln und dann nordwärts den einzigen Ausweg durch den gefürchteten Drachenschlund zwischen Trinidad und Paria wählen. Die Erscheinung der stürmischen Wirbel an den beiden Ausgängen aus der Pariabucht erkannte der Admiral richtig als die Folge des Zusammenstoßes der gewaltigen Wassermassen, welche der Orinoco ergoß, mit der Strömung des Meeres und bezeichnete die Insel Trinidad als ein durch die abspülende Kraft der Gewässer losgetrenntes Stück des Continents. Am 13. August gelang es dem Geschwader glücklich die gefürchtete Straße des Drachenschlundes zu passiren und in das caribische Meer zu kommen. „Als ich den Drachenschlund verließ,“ berichtet der Admiral weiter, „strömte das Meer so mächtig westwärts, daß ich in einem Tage 65 Leguas zurücklegen konnte; und dabei blies nicht etwa ein starker Wind, sondern es wehte ganz gelinde, was mich zu dem Schlusse führte, daß das Meer gegen Süden beständig ansteigt und dem entsprechend gegen Norden abfällt. Ich halte es für sicher, daß das Meerwasser sich mit dem Himmel von Osten nach Westen bewegt und daß es, weil es in diesem Striche reißender fließt, so viel Land abgespült hat, woher die große Zahl von Inseln -- Columbus hat die Reihe der kleinen Antillen im Auge -- entstanden ist. Und in der That bieten diese Inseln einen weiteren Beweis dafür, da einerseits alle diejenigen Eilande, welche sich von Osten nach Westen oder genauer von Nordwesten nach Südosten erstrecken, breit sind, andererseits diejenigen, die sich von Norden nach Süden oder von Nordosten nach Südwesten ausdehnen, schmal und kleiner sind. Allerdings scheinen die Wasser in einigen Strichen nicht dieselbe Strömungsrichtung zu haben; aber man trifft dies nur an vereinzelten Stellen, wo sie, durch Land aufgehalten, in eine andere Richtung gedrängt werden.
Neben diesen großartigen Anschauungen über physische Erdkunde begegnen wir auch den wunderlichsten Vorstellungen über die Gestaltung der Erde, die jemals ein Seefahrer ausgesprochen. Aus falschen Voraussetzungen, ungenauen astronomischen Beobachtungen und irrigen Verknüpfungen der Naturerscheinungen mit ein für allemal bei dem Entdecker feststehenden Lehrsätzen, die er aus seiner mittelalterlichen Kosmographie geschöpft hatte, baute er sich ein System von Schlüssen auf, welches in der ungeheuerlichen Behauptung gipfelte, +die Erde habe nicht Kugelgestalt, sondern sei wie eine Birne+ geformt.
„Irrige Beobachtungen der Bewegungen des Polarsternes in der Nähe der açorischen Inseln hatten Columbus schon auf seiner ersten Reise bei der Schwäche seiner mathematischen Kenntnisse zu dem Glauben an eine Unregelmäßigkeit in der Kugelgestalt der Erde geführt.“ Dieser Ausspruch Humboldts[256] findet seine Erklärung in den Bemerkungen des Columbus über seine dritte Reise. „Ich bemerkte,“ sagt er, „daß ich den Polarstern während der Nacht in einer Höhe von 5 Grad hatte und seine Geleitsterne (die Sterne β und γ des kleinen Bären) grade über dem Kopfe; dann um Mitternacht befand sich der Stern in 10 Grad Höhe und bei Anbruch des Tages waren die Begleiter zu Füßen, in 5 Grad Höhe. Ich sah das mit Staunen, beobachtete die Sterne mehrere Nächte hindurch auf das sorgfältigste und mußte, da ich meine erste Wahrnehmung bestätigt fand, es für etwas ganz +neues+ ansehen, daß auf einem so kleinen Raume eine so große Differenz am Himmel vor sich gehen könne.“[257] Zur Erklärung dieser „neuen“ Thatsache verfiel nun Columbus auf die Birnengestalt der Erde. Man wird den Trugschlüssen, welche zu diesem Resultate führten, um so leichter folgen können, wenn wir auch im Folgenden die eigenen Worte des Admirals wiedergeben, und dadurch zugleicherzeit die historische Localfarbe des Gemäldes bewahren.
„Ich habe stets gelesen, daß die Welt, Land und Wasser zusammen, sphärisch sei, und die von Ptolemäus gemachten Beobachtungen, so wie diejenigen der anderen Gelehrten, welche über diesen Gegenstand geschrieben, haben durch die Mondfinsternisse und andere Erscheinungen oder Beweise, welche in der Richtung nach Osten und Westen beobachtet sind, so wie durch die Erhebung des Poles über den Horizont von Süden nach Norden, dasselbe dargethan.“
„Ich sah aber eine so große Unregelmäßigkeit (~disformidad~, Unterschied in der Elevation des Polarsternes), daß ich mir eine andere Vorstellung von der Welt machte, und daß ich daraus schloß, sie sei nicht rund, wie man es bisher beschrieben hat, sondern wie eine Birne gestaltet (~de la forma de una pera~), welche vollkommen rund ist, mit Ausnahme der Stelle, wo der Stil ansetzt, oder auch wie ein ganz runder Ball, an dem auf irgend einem Punkte eine Art Warze, wie die Brustwarze einer Frau, aufgesetzt ist, und daß dieser Punkt der Warze höher und dem Himmel näher liegt und im äußersten Osten im Ocean sich unter dem Aequator befindet. Ich nenne den äußersten Osten jene Gegend, in welcher alles Land und alle Inseln endigen.[258] Zur Unterstützung dieser Ansicht verweise ich auf die Linie 100 Meilen westlich von den Açoren,[259] von wo gegen Westen sich die Schiffe sanft gegen den Himmel erheben und man sich einer milderen Temperatur erfreut. Die Magnetnadel verändert in Folge dieser Milde ihre Richtung um einen Viertelswind, und je mehr man westwärts kommt und sich (zu der Anschwellung der Birnenform) erhebt, um so mehr weist die Nadel nach Nordwesten. Und diese Erhebung bewirkt die Abweichung des Kreises, welchen der Polarstern mit seinen Begleitern beschreibt. Je mehr man sich dem Aequator nähert, desto höher erheben sich die Gestirne über den Horizont und desto größer wird der Unterschied in den Kreisen sein, welche die Begleitsterne beschreiben. Ptolemäus und andere Gelehrte, welche von dieser Welt geschrieben haben, betrachten die Erde als kugelförmig und meinen, daß sie es überall ebenso sein müsse wie an jenen Orten, wo sie sich befanden; namentlich auf jener Hemisphäre, deren Mittelpunkt mit der Insel Arin zusammenfällt,[260] welche unter dem Aequator (!) zwischen dem arabischen und persischen Meerbusen liegt. Die Grenzen dieser Hemisphäre laufen im Westen durch das Cap S. Vincente in Portugal, im Osten durch Cangara (Cattigara) und das Land der Serer (vgl. oben S. 6. und 7.); und so findet sich keine Schwierigkeit anzunehmen, daß die Erde auf dieser Hälfte kugelförmig sei. Aber die westliche Erdhälfte gleicht einer halben Birne mit der Anschwellung am Stiel. Ptolemäus und die übrigen, welche über die Welt geschrieben haben, kannten diesen Theil der Erde nicht, der damals unbekannt war, und so urtheilten sie nur nach der sphärischen Gestalt auf der ihnen bekannten Seite.“
„Allein auf der von mir entdeckten Erdseite,“ meint Columbus, „liegen die Verhältnisse anders und nöthigen zu anderen Schlußfolgerungen. Denn an der Küste Afrikas, unter dem Parallel von Arguin (vgl. oben S. 91) fand ich die Bewohner dunkel und die Erde wie ausgeglüht. Unter der Breite der Capverden waren die Eingebornen noch schwärzer[261] und je weiter nach Süden, desto schwärzer dergestalt, daß unter dem Parallel von Serra Leona, wo der Polarstern sich 5 Grad erhebt, auch die allerschwärzesten Menschen wohnen.“
„Bei meiner Fahrt von hier gegen Westen stieg anfangs die Hitze noch aufs höchste; so bald ich aber die Grenzlinie (100 Meilen westlich von den Açoren) überschritten hatte, fühlte ich, wie die Temperatur milder wurde, so daß mir bei der Insel Trinidad und dem Lande Gracia, welche gleichfalls unter dem 5. Grad n. Br. liegen,[262] das Klima so milde erschien, und Felder und Bäume so schön grün waren, wie im Monat April in den Gärten von Valencia. Dazu waren die Eingebornen nicht so dunkel, als ich sie früher in Indien gesehen hatte. Die liebliche Temperatur rührt nur von der Höhe dieses Theils der Erdoberfläche her. Folglich kann die Erde hier nicht sphärisch gestaltet sein.“
Wenn schon zu diesen mit großer Zuversicht ausgesprochenen neuen Lehrsätzen Alexander von Humboldt bemerkt,[263] daß die Hypothese von der Unregelmäßigkeit der Figur der Erdkugel einen Mangel an mathematischen Vorkenntnissen und eine Verirrung der Einbildungskraft verrathe, die uns mit Recht überraschen müsse; so wächst unser Erstaunen und unsere Verwunderung noch mehr, wenn wir aus dem Munde des Columbus vernehmen, daß er sich in Bezug auf astronomische Vorgänge auf den naivsten Standpunkt des Kinderglaubens der Naturvölker stellt. Um nämlich zu beweisen, daß auf jener birnenförmigen Anschwellung das irdische Paradies liege, und daß er selbst so glücklich gewesen sei, in dessen Nähe zu kommen, fährt er in seiner Deduction also fort: „Was aber noch besonders zur Unterstützung meiner Ansicht beiträgt, ist dieses: Als der Herr die Sonne schuf, geschah es am +ersten Punkte des Orients+, wo +das erste Licht erschien+ (!)[264] und wo die höchste Erhebung der Erde ist. Obwohl nun Aristoteles der Ansicht gewesen, daß der antarktische Pol oder das Land unter ihm der höchste Theil der Erde und dem Himmel am nächsten sei,[265] haben doch andere Gelehrte sich dagegen erklärt und sich für den arktischen Pol ausgesprochen. Demnach scheint also die Annahme gerechtfertigt, daß +ein+ Theil der Erde dem Himmel näher sei als der andere. An die äquatoriale Zone dachten sie nicht, und das ist keineswegs zu verwundern, denn über diese Region fehlte es an einer genauen Kenntniß, da vor mir noch niemand zur Entdeckung ausgesendet worden.“ „Dort nun,“ führt Columbus aus, „in der Nähe des Drachenschlundes rasen die Wasser des Oceans und kämpfen mit den Ergüssen des Orinoco, welche mit ungeheurer Wucht nach den Ausgängen des Golfes von Paria drängen.“ Diese gewaltigen Strömungen lassen sich nach seiner Meinung nicht anders deuten, als daß die Süßwasserströme aus einer bedeutenden Höhe (von der birnenförmigen Anschwellung) herabrauschen, auf welcher das irdische Paradies gelegen ist.
„Die heilige Schrift bezeugt, daß unser Herr das irdische Paradies schuf, und daß dort vier Flüsse aus einer Quelle entspringen. Ich finde nicht und habe noch nie gefunden irgend eine Schrift der Griechen oder Lateiner, welche genau die Lage des Paradieses angebe und habe es noch auf keiner Karte gefunden, welche nach zuverlässigen Angaben gemacht ist. Einige verlegen es nach Aethiopien an die Quellen des Nil; aber andere, welche diese Länder durchzogen, fanden weder die Temperatur, noch die Sonnenhöhe ihren Ideen entsprechend. Andere wieder haben das Paradies auf den Canarischen Inseln gesucht.“
„St. Isidor, Beda, Strabon (Walafried Strabo, der Verfasser der scholastischen Geschichte) und St. Ambrosius, Scotus und alle gelehrten Theologen stimmen darin überein, daß das Paradies im Osten lag. Ich nehme nicht an, daß das irdische Paradies auf einem steilen Berge liege, wie man es uns gelehrt hat, sondern daß dasselbe auf der Höhe der angedeuteten Anschwellung der Erde gelegen sei, welche sich aus weiter Ferne in unmerklichem Ansteigen erhebt, und daß niemand auf den Gipfel kommen kann; daß aber alle die Wasser, welche hier die See bedecken (am Golfe von Paria), von dort herabkommen. Auch glaube ich nicht, daß dieser erhabene Ort schiffbar ist oder daß dort Wasser sich findet, vielmehr halte ich es für unmöglich, dahinanzusteigen, weil ich überzeugt bin, daß ohne den Willen Gottes niemand zu dem Orte des irdischen Paradieses gelangen kann.“
„Es sind hier also gewichtige Anzeichen für die Nähe des Paradieses, und die Ansichten der heiligen und gelehrten Theologen stimmen mit meinen Beobachtungen überein. Und wenn die Wasser (des Orinoco) nicht aus dem irdischen Paradiese kommen, so scheint das ein noch größeres Wunder zu sein, weil ich nicht glaube, daß man auf der ganzen Welt einen so mächtigen und tiefen Fluß findet. Und ich glaube,“ fügt Columbus an einer andern Stelle hinzu, „daß, wenn der erwähnte Fluß nicht aus dem irdischen Paradiese käme, derselbe in einem ausgedehnten Lande im Süden entspringen müßte, von welchem wir bisher noch keine Kunde gehabt haben.“
Las Casas läßt den Entdecker sogar die Worte gebrauchen: „Sollte es doch ein Festland sein, so wird die gelehrte Welt tief darüber erstaunen.“[266] Der Verfasser der ~vida del Almirante~ berichtet dazu noch bestimmter, daß Columbus, nachdem er mehrere Inseln entdeckt hatte, überzeugt gewesen sei, in Paria das Festland erreicht zu haben, weil er darin einen mächtigen Strom gefunden, und weil er die Angabe der Bewohner auf den kleinen Antillen bestätigt gesehen, welche von einem großen Lande im Süden gesprochen. Um so befremdender erscheint das Benehmen des Admirals, der schon am zweiten Tage, nachdem er den Drachenschlund glücklich durchsegelt hatte, mit der Strömung gegen Nordwesten zwischen den Testigos und der Insel Margarita hindurchsteuernd, die kaum als continental erkannten Küsten wieder verließ und, indem er die begonnene Entdeckung kurz abbrach, nach Haiti segelte.
War der Eindruck seiner Paradies-Hypothese so mächtig, daß er sein Auge gegen die ermittelte Existenz einer großen Landmasse verschloß, oder beherrschten seine Autoritäten, welche in diesen Erdstrichen von einem Festlande nichts wußten und nichts berichteten, auch jetzt noch seine Ansichten so sehr, daß er ihnen gegenüber und ihnen entgegengesetzt nicht auszusprechen wagte, was der Augenschein lehrte? Das Räthsel wird nicht gelöst durch die vorgebrachte Entschuldigung, es habe seinen Schiffen bereits an Lebensmitteln gefehlt und er selbst sei von einem Augenleiden befallen gewesen, so daß er sich von den Piloten habe berichten lassen müssen. Denn wenn er wirklich zu einer längeren Erforschungsreise ausgerüstet war, konnten doch die Vorräthe nach Verlauf von 14 Tagen (denn länger weilte er nicht an der Küste Südamerikas) nicht schon erschöpft sein. Auch auf den früheren Reisen war er wochenlang durch Krankheiten an der persönlichen Leitung der Schiffe behindert, ohne seine Unternehmungen deshalb sofort abzubrechen. Vielleicht war es, wie Peschel angibt,[267] innere Unruhe über das Schicksal der Colonie, die er seit 29 Monaten verlassen; weniger wohl Besorgniß, daß die Lebensmittel, welche er zuführte, verderben möchten, denn der größere Theil seiner Flotte war bereits von den Canarien aus direct nach Hispaniola gegangen.