Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen
Part 32
Dann beeilte man sich, den Papst Alexander VI. für die Pläne weiterer Entdeckungen und der damit zu verbindenden Ausbreitung des Christenthums zu gewinnen. Man mußte vor allem gesichert sein vor den Ansprüchen der Portugiesen, denen bereits zu wiederholten Malen durch päpstliche Erlasse alle neuen Erwerbungen in Afrika und Indien sanctionirt und monopolisirt waren. So gelang es auch schon im Mai 1493, die gewünschte Concession von Seiten des Papstes zu erhalten. Die darauf bezüglichen Decrete sind vom 3. und 4. Mai datirt, in denen natürlich die Verkündigung der christlichen Lehre unter den Indianern als ein Gott wohlgefälliges Werk vorangestellt wurde. „Da nun,“ heißt es weiter, „Columbus gewisse weit entlegene Inseln und Festländer (~terras firmas~ mit Anspielung auf Cuba), welche bisher noch nicht gefunden waren, entdeckt hat, so geben wir aus freier Bewegung, ohne Euren (d. h. der spanischen Monarchen) oder irgend jemandes Antrieb, und aus apostolischer Machtvollkommenheit, Euch alle diese neu entdeckten und neu zu entdeckenden Inseln und Länder, so weit sie noch keinem christlichen König gehören, Euch und Euren Erben und verbieten allen anderen, bei Strafe der Excommunication, dahin zu fahren und ohne Eure Erlaubniß Handel zu treiben.“ Da aber bei der zu allgemein gehaltenen Erklärung doch Verwicklungen und Streitigkeiten mit der portugiesischen Krone entstehen konnten, wenn die Entdeckungsbereiche beider Mächte nicht genauer abgegrenzt wurden, so wurde in einem Decret vom folgenden Tage, vom 4. Mai, noch eine +Demarcationslinie+ eingefügt und bestimmt, daß eine meridional gezogene Linie, welche hundert Leguas westlich jenseits der Açoren und Caboverdischen Inseln vom Nordpol zum Südpol laufe, beide Nationen in ihren Unternehmungen von einander halten solle.[229] Die westliche Erdhälfte solle spanisch, die östliche dagegen portugiesisch sein. Es sollte also der Erdball wie ein Apfel halbirt, und jedem Staate eine Hemisphäre zugewiesen werden. Warum man die Scheidelinie hundert Meilen westlich von den bisher bekannten westlichen Inseln verlegte, darf wohl auf die Ansichten und Beobachtungen des Columbus zurückgeführt werden, welcher an der genannten Linie glaubte ein wesentlich anderes Klima, und den Anfang eines neuen Himmels und einer neuen Erde gefunden zu haben.
„Ich erinnere mich,“ schreibt der Entdecker 1498, „daß, so oft ich nach Indien segelte, 100 Leguas westlich von den Açoren sich die Temperatur änderte, und daß dies überall von Norden nach Süden stattfand.“ An einer späteren Stelle desselben Berichtes kommt Columbus noch einmal auf dasselbe Thema zurück. „Wenn ich von Spanien nach Indien segelte, fand ich, sobald ich hundert Meilen (Leguas) westlich von den Açoren zurückgelegt hatte, eine sehr große Veränderung am Himmel und den Gestirnen, in der Temperatur der Luft, in dem Wasser des Meeres, und ich habe diese Erscheinungen mit großer Sorgfalt beobachtet. Ich bemerkte, daß wenn man die genannten 100 Leguas vor den genannten Inseln passirt, von Norden nach Süden, die Compaßnadeln, welche bisher nach Nordosten abwichen, sich nun einen vollen Viertelwind[230] nach Nordwesten wandten, und daß dies stattfand von der Zeit an, wo ich jene Linie erreichte. Und zur selben Zeit trat eine Erscheinung ein, als wenn eine Erhöhung der Erde sich hier fände; denn ich fand die See ganz mit einem Kraut überdeckt, welches Tannenzweigen glich und Früchte wie vom Mastixbaum trug und zwar so dicht, daß ich auf meiner ersten Reise meinte, es sei eine Untiefe, und die Schiffe müßten auflaufen. Sobald wir jenen Strich erreicht hatten, fand sich nicht ein Zweig mehr. Auch bemerkte ich, daß an diesem Punkte das Meer ruhig und glatt und fast nie von einem Winde bewegt war. Desgleichen fand ich, daß von derselben Linie an, gegen Westen, die Temperatur immer milde war, und daß Sommer und Winter sich wenig unterschieden.“[231]
„Diese Stelle,“ bemerkt A. v. Humboldt,[232] „enthält Ansichten der physischen Erdkunde, Bemerkungen über den Einfluß der geographischen Länge auf die Abweichung der Magnetnadel, über die Inflexion der isothermen Linien zwischen den Westküsten des alten und den Ostküsten des neuen Continents, über die Lage der großen Sargasso-Bank in dem Becken des atlantischen Meeres, und die Beziehungen, in welchen dieser Meeresstrich zu dem über ihm liegenden Theile der Atmosphäre steht. Irrige Beobachtungen der Bewegung des Polarsternes in der Nähe der açorischen Inseln hatten Columbus schon auf der ersten Reise, +bei der Schwäche seiner mathematischen Kenntnisse+, zu dem Glauben an eine Unregelmäßigkeit in der Kugelgestalt der Erde verführt. In der westlichen Hemisphäre ist nach ihm die Erde „angeschwollener“, die Schiffe gelangen allmählich in größere Nähe des Himmels, wenn sie an den Meeresstrich kommen, wo die Magnetnadel nach dem wahren Norden weist; eine solche Erhöhung ist die Ursache der kühleren Temperatur. Wenn man dazu erwägt, daß Columbus gleich nach seiner Rückkehr von der ersten Entdeckungsreise die Absicht hatte, selbst nach Rom zu gehen, um, wie er sagt, dem Papste über alles, was er entdeckt, Bericht abzustatten; wenn man der Wichtigkeit gedenkt, welche die Zeitgenossen des Columbus auf die Auffindung der +magnetischen Curve ohne Abweichung+ legten, so kann man wohl eine von mir zuerst aufgestellte historische Behauptung gerechtfertigt finden, die Behauptung, daß der Admiral in dem Augenblick der höchsten Hofgunst daran gearbeitet hat, +die physische Abgrenzungslinie in eine politische verwandeln zu lassen+.“
Es ist klar, daß die von Columbus auf einer Meridianlinie zusammengelegten großen Unterscheidungsmerkmale der östlichen und westlichen Welt einen ungeheuren Eindruck auf den Entdecker machen mußten, und daß er die Hemisphäre jenseit der 100 Seemeilen, von den Açoren ab, für die in den alten Weissagungen genannte und durch ihn zuerst betretene „neue Erde“ ansah, von welcher er auch keinen Fußbreit abtreten möchte. Die Merkmale schienen ja auch zahlreich und sicher genug zu sein, um eine erkennbare Scheidelinie zu bilden. Der entschiedene Ausspruch des Entdeckers, daß eine so auffällige Veränderung am Himmel und auf der Erde hundert Leguas westlich von den Açoren sich zeige, konnte dem Papste genügen. Wenn es in dem Erlasse auffälligerweise heißt, die Linie soll 100 Meilen westlich von jeder beliebigen (~qualibet~) Insel der Açoren +oder+ Capverden gelegt werden, so wird auch dabei unentschieden gelassen, welche Gruppe und welche Insel die westlichste ist. Gegenwärtig wissen wir, daß die westliche der Capverden beinahe 6 Meridiangrade weiter östlich liegt als die äußerste der Açoren; in jenen Tagen, wo bekanntlich noch alle Mittel fehlten zu einer exacten Längenbestimmung, war diese Frage noch nicht entschieden. Und eben bei der Unmöglichkeit, die nach den Angaben des Columbus postulirte Demarcationslinie wirklich ermitteln zu können, sahen sich die beiden Seemächte bald in die Lage versetzt, mit einander in Unterhandlungen zu treten, um diesen Unklarheiten, als möglicher Ursache unendlicher Streitigkeiten, baldigst eine Grenze zu setzen. Denn wie sehr der portugiesische Monarch über seine vermeintlichen Rechte in Bezug auf den Ocean wachte, sieht man daraus, daß er, kurz nachdem er Columbus entlassen hatte, dem Hof in Spanien seine vom Papst sanctionirten Entdeckungsräume nachweisen ließ und sogar mit dem Plane umging, eine Flotte nach der neuen Welt zu entsenden. Seine Gesandten Pedro Dias und Ruy de Pina verlangten in Spanien den Parallelkreis der Canarischen Inseln als Grenze oder Demarcationslinie. Die Spanier sollten nur nördlich von dieser Inselgruppe über den westlichen Ocean segeln und also nur außerhalb der Tropen sich auch in den neuentdeckten Gewässern bewegen dürfen. Man wünschte sie von allem Eindringen in die heiße Zone fern zu halten. Lope de Herrera ging wiederum als Gesandter Spaniens nach Lissabon. So schienen sich durch das Hin- und Wiedersenden der Botschafter die Verhandlungen verschleppen zu wollen, als durch ein anderweites Ereigniß der politische Einfluß Spaniens bedeutend hervortrat und dadurch ein Druck auf Portugal ausgeübt wurde, welcher es zu unerwartetem Nachgeben geneigt machte. Spanien hatte nämlich von Frankreich die Rückgabe der Grafschaften Roussillon und Cerdaigne erlangt. Damit war eine wichtige Streitfrage erledigt, Spanien hatte keinen äußeren Feind mehr zu fürchten und konnte, falls Portugal noch länger gerechten Anforderungen widerstreben sollte, wenn es sein mußte, die Entscheidung der wichtigen maritimen Frage dem Schwerte anvertrauen.
So kam denn am 7. Juni 1494 der berühmte Vertrag von Tordesillas (in Altcastilien am Duero, südwestlich von Valladolid, wo Columbus 12 Jahre später starb) zustande, in welchem die Monarchen Spaniens zunächst die Gerechtsame des Nachbarstaats auf Guinea u. s. w. in vollem Umfange anerkannten und ferner zugaben, daß die Demarcationslinie 270 Leguas über die anfänglich vom Papste genehmigte Grenze hinaus, nämlich auf 370 Leguas westlich von den Capverden verlegt wurde. Nach unserer jetzigen Kenntniß von dem Unterschiede der Lage der westlichen Açoren und westlichsten Capverden können wir hinzufügen, daß der von Spanien noch eingeräumte Meridiangürtel von 270 Leguas sich noch weiter um mindestens 90 Leguas verminderte, weil man nach dem neusten Vertrage nur von den Capverden ausging und die Açoren nicht weiter in die Streitfrage hineinzog.
Da nun der von Columbus über den Ocean zurückgelegte Weg von den Canarien aus mindestens 600 Leguas bis zu den neuen Inseln betrug, so konnte man unbedenklich den mittleren Strich des atlantischen Ocean preisgeben. Was man auf dieser Seite aufgab, erhielt man natürlich, da die Theilungslinie auch über die andere noch unbekannte Erdhälfte hinweglief, auf jener Seite, im Westen wieder. Und gerade hier sollte sich später den Spaniern ein ganz unerwarteter Gewinn zeigen, als es nach Entdeckung der eigentlichen Gewürzinseln fraglich wurde, ob dieselben auf spanischer oder portugiesischer Hemisphäre lägen. Wir werden darüber noch im Verfolg der Weltreise Magalhães’ zu berichten haben. Vorläufig war in dem Vertrag auch noch die Frage offen gelassen, auf welche Weise die Demarcationslinie festzulegen sei, ob durch eine Gradbestimmung oder auf eine andere Weise, „wie es sich am genauesten werde berechnen lassen“. Innerhalb der nächsten zehn Monate nach Ratification des Vertrages sollten von beiden Parteien eine oder zwei Caravelen oder auch noch mehr, je nach Uebereinkommen, auf Gran Canaria zusammenkommen, um durch Piloten und Astronomen, von beiden Seiten gleich viel Personen, die Grenzlinie zu fixiren. Diese Commission sollte von Canaria sich nach den Capverden begeben und von da 370 Leguas weit westwärts segeln, um dann die Entfernung entweder durch Schiffstagereisen oder sonst wie zu bestimmen. Diese von beiden Parteien gemeinschaftlich bestimmte Linie sollte dann für alle Zeiten gültig bleiben.[233] Allein diese Expedition kam nie zustande, vielleicht weil beiderseits keine Autoritäten sich fanden, welche mit Sicherheit die gewünschte Demarcation anzugeben wagten. Ueber diese Linie war man auch noch 20 Jahre später ebenso im Unklaren. Peter Martyr erzählt,[234] wie er in Burgos die Karten der neuen Entdeckungen, nach den Aufnahmen des Amerigo Vespucci, Bartolomeo Colon, Juan de la Cosa, Morales und anderer Castilier, auch auf einem Globus die Entfernungen geprüft und mittelst eines Zirkels den Abstand von der Westspitze Portugals und von den Capverden bis zur Theilungslinie und weiter bis zu den Küsten Brasiliens gemessen habe; aber die Karten stimmten nicht genau überein und nahmen die Küstenabstände der alten und neuen Welt verschieden an, so daß also ein entscheidendes Urtheil nicht gefällt werden konnte.
Wenn auch im atlantischen Ocean kein streitiges Object lag, so mußte doch die Unbestimmtheit und Unbestimmbarkeit der Demarcationslinie nothwendigerweise in Südamerika noch wieder zu Differenzen führen.
9. Die zweite Reise des Columbus.
Inzwischen war aber bereits der Admiral des indischen Meeres mit einer stattlichen Flotte zum zweiten Male über den Ocean gesegelt, ohne den Abschluß der Verhandlungen abwarten zu können. Juan Rodriguez de Fonseca erhielt die Leitung der indischen Angelegenheiten und mußte, wenn auch widerstrebend, allen Forderungen des Columbus bezüglich der Ausrüstung einer großen und theuren Flotte nachgeben, welche aus 14 Caravelen und drei großen Lastschiffen bestand und 1200 Bewaffnete und Reiter mit an Bord nahm. Es waren Vorkehrungen getroffen, die europäischen Hausthiere in genügender Anzahl nach Westindien zu verpflanzen, sowie Getreide, Gemüse und Weinreben anbauen zu können. Es war nicht mehr ein bloßes Entdeckungsgeschwader, sondern eine Flotte mit Auswanderern; denn es galt die thatsächliche Besitzergreifung der neuen Welt. Columbus wollte nicht allein Admiral des Meeres sein, sondern auch den andern Theil seines neuen Titels „Vicekönig“ durch Gründung von Colonien verwirklichen. Ein großes Gefolge von Beamten und Soldaten mußte diesen Plan unterstützen. Als Geistlicher wurde Fray Bernardo Boïl, ein Benediktiner von Monserrat in Catalonien, mitgegeben, welcher von Rom aus zum apostolischen Vicar in den neuen Ländern ernannt worden war. Auch war der spanische Adel in diesem Seezuge vertreten: Alonso de Hojeda, Juan Ponce de Leon, der Entdecker Floridas, sowie die späteren Statthalter von Cuba und Jamaica, Diego Velasquez und Juan de Esquivel nahmen an dem Zuge theil, welcher ebensowohl glänzenden Gewinn als die mannigfachsten Abenteuer in Aussicht stellte. War dann an geeignetem Platze die erste Niederlassung, in größerem Maßstabe als bei der ersten Fahrt in Navidad, begründet, dann wollte Columbus seine an der Küste Cubas abgebrochenen Entdeckungen wieder aufnehmen und nicht blos bis nach Cipangu und Katai zu den Weltmärkten Ostasiens vordringen, sondern wo möglich von da aus, in derselben Richtung weiter steuernd, den Erdball umkreisen. Es war also auch eine Erdumsegelung geplant, welche der Admiral um so eher auszuführen hoffte, weil er nach den auf der ersten Reise gemachten Beobachtungen überzeugt war, die Erde sei nicht so groß, als die Astronomen und Kosmographen behaupteten.
Am 25. September 1493 brach die Flotte von der Bucht von Cadix auf und steuerte zunächst nach den Canarischen Inseln. Wir besitzen über diese Expedition den Bericht eines Augenzeugen, des Doctor Chanca aus Sevilla, welcher als Arzt die Fahrt mitmachte und in objectiver Weise seine Beobachtungen aufgezeichnet hat.[235]
Am 2. October erreichte die Flotte Gran Canaria und mußte hier und später auch in Gomera einlaufen, weil eines der Schiffe leck geworden war und ausgebessert werden mußte. Erst am 13. October stach man von Ferro aus in See, durchschnitt in 20 Tagen den atlantischen Ocean, wobei Columbus einen südlicheren Weg einschlug, als auf der ersten Fahrt.
Am 3. November, am ersten Sonntage nach Allerheiligen, entdeckte man, unter dem allgemeinen Jubel des Schiffsvolks, das erste Land. Die Piloten schätzten die Entfernung von Ferro auf 780 bis 800 Leguas. Rechts neben der ersten Insel wurde noch eine andere sichtbar. Jene war hoch und gebirgig, diese flach, aber dicht bewaldet. Als es heller Tag wurde, erschienen auf beiden Seiten noch andere Inseln. Die zuerst gesehene erhielt den Namen +Dominica+. Dieselbe liegt in der Mitte der Reihe der kleinen Antillen, zwischen 15 und 16° n. Br. Columbus erreichte also auf dieser Fahrt die westindischen Inseln an einem Punkte, welcher 8 bis 9 Breitengrade südlicher lag, als bei seiner ersten Unternehmung. Dominica bot aber keinen Hafen, und so steuerte die Flotte nach der zweiten nördlicheren Insel, welche nach dem Admiralschiffe den Namen +Maria galante+ erhielt. Hier stieg der Flottenführer ans Land und nahm, mit dem spanischen Banner in der Hand, von der Insel Besitz. Dieselbe schien aber unbewohnt. Der nächste Tag führte die Entdecker nach der Doppelinsel +Guadalupe+. Einem Versprechen zufolge, welches Columbus den Mönchen des Klosters von Guadalupe in Estremadura gegeben, erhielt die Insel den neuen Namen. Von der See aus bot sie einen großartigen Anblick dar: vom hohen Gebirge stürzte sich ein prachtvoller Wasserfall ins Thal herab. Die Landung erfolgte bei mehreren verlassenen Hütten, in denen man Lebensmittel und viel, zum Theil verarbeitete Baumwolle fand, aber auch Menschenknochen. Die Insel war also von Menschenfressern bewohnt. „Menschenfleisch ist ihr bestes Essen, Knaben werden verschnitten und zu Festmahlen aufgemästet.“ Von einzelnen gefangenen Insulanern erfuhr man, daß die Bewohner Cariben hießen. Man deutete den Namen auf Canib und dachte sich die Leute als Unterthanen des Großchanes, nach dessen Lande man suchte. So entstand durch Misverständniß und falsche Deutung bald die Bezeichnung der Canibalen für die wilden Stämme, welche ihre Mitmenschen verzehrten. Bei dem Verkehr mit den Indianern leisteten die auf der ersten Entdeckungsreise entführten Bahama-Insulaner als Dolmetscher wesentliche Dienste. Leider waren von den sieben Mitgenommenen nur noch zwei am Leben geblieben. Die Canibalen zeigten offenbar eine höhere Entwicklung als die an Hilfsmitteln armen Bahama-Indianer und verstanden auch bessere Häuser zu bauen. Die einheimischen Freien und die von andern Inseln weggefangenen und zu Sklavinnen gemachten Weiber unterschieden sich durch Bänder von gewebter Baumwolle, welche am Knie und Fußgelenke getragen wurden. Die Sklavinnen ließen sich von den Fremdlingen leicht gefangen nehmen, oder kamen auch wohl aus freien Stücken zu den Schiffen. Von ihnen erfuhr man auch, daß die weiterhin entdeckte Insel +Monserrat+ durch die Cariben erst entvölkert worden sei. Sodann gelangte man zu den Inseln +Sa. Maria la Redonda, Sa. Maria la Antigua, San Martin+. Sie erhielten ihre Namen nach den spanischen Kirchen, in denen man besondere Gelübde gethan hatte. Dann folgte am 15. November die Entdeckung von +Sa. Cruz, Sa. Ursula+ und +der 11,000 Jungfrauen+, und endlich tauchte die schöne und fruchtbare Insel +Puerto rico+, die östlichste der großen Antillen, vor den Augen der Entdecker auf. Die Eingebornen nannten sie Burequen oder Burenquen,[236] der von Columbus zuerst gegebene Name „San Juan Bautista“ fand nicht lange Verbreitung. Hier lebten keine Cariben mehr.
Von dieser Insel aus erreichte das Geschwader am 22. Nov. die Insel Hispaniola; derjenige Theil der Küste, wo man zuerst landete, hieß Haiti. Aber man verweilte nicht lange, sondern strebte der Ansiedlung Navidad zu, welche man nach der Meinung des Admirals in blühendem Zustande und vielleicht auch schon im Besitz reichlichen Goldes, welches von den Indianern so leicht zu erlangen war, anzutreffen wähnte. Aber es sollte bald eine furchtbare Enttäuschung eintreten. Das Vorspiel dazu bot sich ihnen im Hafen von Monte Christi, 12 Meilen von Navidad, dar. Zuerst fand man zwei Leichen nicht weit vom Strande im hohen Grase, unbekleidet und bereits unkenntlich geworden; von denen trug die eine noch einen Strick um den Hals, die andere um die Füße. Am zweiten Tage wurden noch zwei Leichen entdeckt, von denen eine durch ihren großen Bart auffiel; ein sehr verdächtiges Zeichen, weil die Insulaner sämmtlich bartlos waren. Am Abend des 27. November, kurz vor Mitternacht, kam die Flotte vor Navidad an, aber wegen den Klippen blieb man die Nacht auf See und landete erst am folgenden Morgen. Der Admiral ließ zwei Kanonen lösen, um seine Ankunft zu melden und wartete in höchster Spannung auf Antwort. Aber alles blieb still. Statt, wie man gehofft hatte, eine fröhliche, jubelnde Menge sich am Strande versammeln zu sehen, ließ sich in der Nähe des Hafens nur ein einsamer, indianischer Nachen sehen. Bange Ahnung erfüllte das Schiffsvolk. Endlich kam das Boot näher und fragte nach dem Admiral. Die Indianer brachten zwei goldene Masken als Geschenk ihres Königs mit und erwiderten auf die Fragen nach den zurückgebliebenen Spaniern in zurückhaltender, dunkler Weise: diejenigen, welche im Kastelle geblieben seien, befänden sich wohl. Einige seien an Krankheiten gestorben, andere in einem unter ihnen ausgebrochenen Streite erschlagen worden. Ihr Land, berichteten die Indianer ferner, sei von zwei Fürsten, Caonabo und Mayreni überfallen und verheert, die Hütten niedergebrannt. Ihr König Guacamari[237] sei im Kampfe verwundet und habe daher nicht kommen können.
Das hölzerne Kastell in Navidad war bis auf den Grund niedergebrannt, man sollte danach wohl annehmen, es sei von feindlicher Hand vernichtet. Aber auffällig blieb, daß die Indianer in der Nähe sich gegen früher sehr scheu zeigten. Nur mit Mühe wußte man einige zu bewegen, an Bord zu kommen. Hier gestanden sie nun, daß die Spanier sämmtlich todt seien. Aber man fand in der nächsten Umgebung von Navidad keine Leiche. Man durchstreifte nun weiterhin das Land und entdeckte zunächst in einem kleinen aus 7 oder 8 Hütten bestehenden Dorfe, deren Insassen geflohen waren, mancherlei Gegenstände, namentlich Kleidungsstücke, welche den Spaniern gehört hatten. Nach der Stätte der Festung zurückgekehrt, zeigten die inzwischen bereits dreister gewordenen Indianer die Stellen, wo man von hohem Grase überwuchert, die Leichen von eilf Spaniern fand. Dann suchte der Admiral in stärkerer Begleitung den anscheinend kranken Guacanagari auf. Derselbe lag, mit verbundenem Bein, ausgestreckt auf einem Lager, das nach Landesart aus einem von starken Baumwollfäden gefertigten Netzwerk bestand, welches an beiden Enden an die Pfosten der Hütte befestigt war. Es ist die erste Erwähnung der Hängematte. Der König beklagte thränenden Auges den Tod der Spanier. Einige seien an Krankheiten gestorben, andere auf einem beabsichtigten Beutezuge nach den Goldminen im Gebiete Caonabos erschlagen, der Rest in der Citadelle angegriffen und bei der Vertheidigung gefallen. Der begleitende Arzt, Doktor Chanca, welcher über diese Vorfälle ausführlich berichtet hat,[238] erbot sich, den Verwundeten zu heilen. Dieser schien gerne dazu bereit; da es aber in der Hütte zu dunkel war, um die Wunde untersuchen zu können, so mußte er seine Lagerstelle verlassen. Mehr aus Furcht vor den Spaniern, als aus Neigung begab er sich, auf den Admiral gestützt, ins Freie. Er wollte durch einen Steinwurf empfindlich getroffen sein. Als der Verband entfernt war, war keine Verletzung zu bemerken, trotzdem klagte der Indianer über heftigen Schmerz. Unbekannt mit dem wahren Verlauf der betrübenden Katastrophe, konnte Columbus nicht zu einem entscheidenden Schritte bewogen werden. Mehrere seiner Begleiter glaubten entschieden an die Mitschuld Guacanagari und riethen deshalb dem Admiral, den Fürsten gefangen zu nehmen. Aber Columbus lehnte dieses trotz mancherlei Verdachtsgründe ab. Er suchte so lange wie möglich mit den Eingebornen in Frieden zu leben. Auf seinen Plan, die niedergebrannte Festung wieder zu errichten, wollte Guacanagari keine zustimmende Meinung äußern, er wies vielmehr, und wohl auch mit Recht, auf die ungesunde Lage des Platzes hin. So entschloß sich denn Columbus, eine geeignetere Stelle auszusuchen; aber man suchte lange vergeblich nach einer günstigen Oertlichkeit. Man steuerte an der Küste zurück und kämpfte dabei mühsam gegen Wind und Wetter. So vergingen drei Monate, ehe man 10 Leguas östlich von Monte Christi den Fuß ans Land setzte und hier sich zu befestigen beschloß. Die neue Burg erhielt den Namen Isabella. Daneben wurde der Plan zu einer Stadt entworfen, in welcher die Hauptgebäude aus Stein errichtet werden sollten. Jetzt finden sich nur noch einige Trümmer dieser Anlagen, alles ist mit Wald bedeckt; denn es zeigte sich bald, daß auch dieser Platz ein ungesundes Klima hatte, welches den dritten Theil der neuen Ankömmlinge aufs Krankenlager warf. Selbst der Admiral blieb nicht verschont und konnte in Folge dessen ein Vierteljahr lang sein Tagebuch nicht fortführen.