Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen
Part 30
So hätte er nicht sprechen können, wenn es wirklich zu einem Vertrage gekommen wäre, der ihn verpflichtet hätte, nach drei Tagen umzukehren.
Columbus war zu fest überzeugt, dem Ziel seiner Wünsche nahe zu sein und fand in den Pinzonen eine kräftige Stütze. Ohne Schwankung war er in den ersten Wochen westwärts gesteuert und wich nur in den letzten Tagen mit bewußter Absicht von dieser Richtung ab.
Sie waren bereits mehr als 750 Meilen von den Canarien entfernt.[197] Das Schiffsvolk spähte immer eifriger nach Land aus, denn dem Glücklichen, welcher zuerst dasselbe erblicken sollte, waren reiche Geschenke und eine jährliche Pension von 10,000 Maravedis (etwa 25 Ducaten) verheißen. Da in Folge dessen zu wiederholten Malen der Ruf: Land! erscholl, ohne daß die daran geknüpfte Erwartung sich erfüllte, so wurde bestimmt, daß derjenige, welcher die Gemüther auf solche Weise vergeblich in Aufregung versetzte, in Zukunft keinen Anspruch auf die ausgesetzte Belohnung haben solle.
Aber trotzdem blieben aller Augen mit gespannter Aufmerksamkeit auf den fernen Horizont im Westen geheftet, zumal sich die echten Anzeichen von Land zu mehren schienen. Am Morgen des 7. October gab die Niña, welche vorausgesegelt war, durch einen Kanonenschuß das Signal, daß man Land sehe, aber man mußte wiederum eingestehen, daß man sich getäuscht habe. Die nun folgende Niedergeschlagenheit wurde aber bald wieder gehoben, am 9. October spürte man einen frischen Hauch der Luft, wie wenn er von fernen Blütenbäumen herüberwehe. Am 11. October fischte man bei dem Admiralschiffe einen frischgrünen Zweig, bei der Pinta einen mit Feuer bearbeiteten Stab und einen Zweig mit rothen Beeren aus dem Wasser. Am späten Abend sah Columbus vom hohen Hintercastell seines Schiffes aus einen Lichtschein, der sich vorwärts zu bewegen schien, als ob jemand eine Fackel trage; auch andere, die er herbei rief, glaubten dasselbe zu erkennen. Man befand sich in der That in der Nähe des Landes. Wenige Stunden später, am 12. October, Morgens 2 Uhr, sah der Matrose Rodrigo von Triana auf der Pinta einen flachen, sandigen Strand im Mondschein leuchten; denn man hatte sich dem Lande von der Seite bereits bis auf 2 Seemeilen genähert.
Ein Kanonenschuß verkündete die glückliche Entdeckung den beiden nachfolgenden Schiffen, und so wie es Tag wurde, sahen sie eine anmuthig grüne Insel vor sich liegen. Die Ueberfahrt von den Canarischen Inseln hatte 32 Tage gedauert. Entzückt und mit Freudenthränen im Auge stimmte Columbus den Lobgesang ~Te deum laudamus~ an, und alle seine Gefährten stimmten mit ein. Man umringte den noch vor kurzem geschmähten Führer und brachte dem Helden seine Huldigung dar. Leider gönnte der glückliche Entdecker dem Matrosen Rodrigo den verheißenen königlichen Lohn nicht; er erhob selbst Anspruch auf die ausgesetzte Jahresrente, weil er in der Nacht zuvor das Licht in der Ferne gesehen hatte und erhielt wirklich später das Geld ausgezahlt. War es Geiz oder Ehrgeiz? Fast muß man fürchten, daß der schlechtere Beweggrund ihn verleitete.
Die Befehlshaber der Schiffe landeten nun mit bewaffneten Böten. Unter fliegenden Fahnen, welche außer dem grünen Kreuz die Anfangsbuchstaben der katholischen Könige F. und I. zeigten, stiegen sie ans Land und warfen sich nieder, um den Boden zu küssen. Dieses erste Eiland, welches die Entdecker betraten, nannte Columbus San Salvador und weihete es dadurch zu einem Erstlingsopfer dem Heiland der Welt. Bei den Eingebornen hieß es Guanaham oder +Guanahani+.[198]
Die braunen Insulaner schaarten sich harmlos um die fremden, dem Meere entstiegenen Männer, und Columbus theilte, um sie zutraulich zu machen, kleine Geschenke unter sie aus: Glasperlen, Nadeln und kleine Schellen. Die Leute gingen vollständig nackt, nur einige Weiber trugen eine Art Schürze von Blättern oder Gras oder zu dem Zweck bearbeiteter Baumwolle. Metall war ihnen unbekannt, Waffen trugen sie nicht. Daß sie in der Hautfarbe den Bewohnern der Canarischen Inseln glichen, fand Columbus ganz natürlich, denn die entdeckte Insel lag unter derselben Breite mit Ferro. Und unter denselben Breiteparallelen, so lautete damals ein allgemein gültiger Lehrsatz, haben die Menschen gleiche Farbe, und zwar um so dunkler, je näher dem Aequator. Einige der Insulaner erschienen auch bemalt, schwarz, roth oder mit weißen Streifen im Gesicht oder am ganzen Leibe. Ihr Haar war schwarz und straff.
Bald eröffnete sich ein gewinnbringender Tauschhandel, denn man sah hie und da goldenen Nasenschmuck, den die Spanier für Kleinigkeiten einzuhandeln verstanden. Auf die Frage, woher das Gold stamme, wiesen die Indianer (Indios nannte Columbus sie bereits am vierten Tage) nach Südosten, woraus man also auf das Vorhandensein anderer Länder in der Nachbarschaft schließen konnte; denn wenn die Eingebornen auch Ruderkähne, aus einem Stamme gearbeitet, besaßen, mit denen sie erstaunlich schnell fuhren, so taugten diese Fahrzeuge doch nur zu einem Verkehr zwischen nahegelegenen Inseln oder größeren Landmassen, aber keineswegs zu weiteren Fahrten über den Ocean.
Die Vermuthung, daß noch andere Inseln in der Nähe lägen, wurde durch den weiteren Verkehr mit den Wilden bestätigt, woraus man mittelst der Gebärdensprache soviel verstehen konnte, daß manche unter ihnen im Kampfe mit den über See kommenden feindlichen Stämmen Wunden davongetragen hatten, deren Narben die Spanier an den Insulanern bemerkten.
6. Wo liegt Guanahani?
Bevor wir den weiteren Verlauf der Entdeckungsfahrt schildern, müssen wir die Insel nachzuweisen suchen, welche Columbus zuerst betrat. Sicherlich umwebt ein historischer Glanz jene Stätte, wo die Menschheit der alten und neuen Welt sich zuerst einander entgegen trat, und doch muß man fast mit Beschämung gestehen, daß mit bindender Beweiskraft jene Insel nicht nachzuweisen ist. Nur eine größere oder geringere Wahrscheinlichkeit fällt ins Gewicht und läßt die Schale der Entscheidung sinken. Daß das Geschwader auf eine der flachen Koralleneilande gestoßen, welche als die dritte Gruppe der westindischen Inseln unter dem Namen der Bahama-Inseln am meisten bekannt ist, unterliegt keinem Zweifel; aber welche unter diesen den Ehrennamen S. Salvador verdient, ist streitig.
Die Gruppe der Bahama besteht aus 12 größeren Inseln und über 600 Inselchen, ungerechnet die nach Tausenden zu zählenden Seeklippen. Dieselben sind auf einer Strecke von 150 deutschen Meilen in der Richtung von Südost nach Nordwest den großen Antillen vorgelagert und erstrecken sich von dem Norden Haitis bis gegen die Halbinsel Florida. Obwohl über einen so weiten Raum ausgedehnt, umfassen die meist in der Richtung des ganzen Zuges sich hinlagernden schmalen Inseln doch nur einen Flächenraum, welcher nicht ganz die Größe des Königreichs Sachsen erreicht. Sämmtliche Inseln bestehen aus Korallenbauten, welche sich auf submarinen Plateaus von Sandbänken oder Korallenkalk aufgesetzt haben. Ihre Höhe übersteigt nirgend 60 ~m~. Es sind also flache Eilande, meistens auch noch von Korallenriffen umschlossen und mit untiefen Korallenbänken untermischt, zwischen denen die Schifffahrt mit größter Vorsicht betrieben werden muß. Hie und da erheben sich am Strande niedere Kalkklippen. Viele der Inseln sind frisch grün, sogar bewaldet, aber es fehlt an frischen Quellen; die Teiche und Lagunen auf manchen dieser Eilande haben salziges oder brakisches Wasser, weil sie unterirdisch mit der See in Verbindung stehen. Wenn nun auch der Reichthum an Nutzhölzern immerhin erwähnenswerth ist, so konnte doch das Verlangen der Spanier nach Gold und Gewürzen auf den der See entstiegenen flachen Eilanden nicht befriedigt werden. Columbus hielt sich darum auch nur einige Tage an jeder der größeren Inseln auf und tastete an den Korallenbänken und Riffen hin, seinen Weg nach Südwesten, wohin ihn alle Indianer auf seine Fragen nach Gold wiesen. Denn alles Sinnen und Trachten des Entdeckers war auf das edle Metall gerichtet, sein Schiffstagebuch schreibt davon am 15. 16. 19. 22. und 27. October, am 4. 5. 6. 12. u. s. w. November; und grade diesem Verlangen konnten die Bahama-Inseln nicht entsprechen. Darum sind auch die späteren Entdeckungsfahrten nie wieder auf diese Korallengebilde gerichtet, dieselben wurden als gefährlich gemieden und höchstens aufgesucht, um Menschen zu fangen. Hierin haben wir auch einen Grund zu suchen, daß S. Salvador eigentlich verschollen ist. Der Hauptgrund aber, warum man die Insel nicht wieder findet, liegt in der mangelhaften astronomischen Bildung des Admirals. Er hatte sich zwar beim Beginn der Fahrt vorgenommen, neben einer genauen Segelanweisung auch eine Karte von den entdeckten Gebieten zu entwerfen, aber von einer Ausführung dieses Vorhabens ist nirgend mehr die Rede. „Im Tagebuche des Columbus findet sich während der ganzen Fahrt über den Ocean auch nicht eine einzige Breitenbestimmung, und die, welche er in Westindien angestellt haben will, sind so ungeheuerlich, daß sie schon seinerzeit Verdacht erregten; er gibt zum Beispiel an der Küste von Cuba eine Breite von 42° statt 21°. Es läßt sich nun einmal nicht abstreiten, daß Columbus einen sehr geringen Grad wissenschaftlich-nautischer Kenntnisse besaß.“[199] Und allein von diesen Thatsachen ausgehend, darf man behaupten, daß die von der ~Vida del Almirante~ zuerst verbreitete Nachricht, Columbus habe in Pavia studirt (s. oben S. 220) auf Unwahrheit beruht; denn auf einer Universität wird man schwerlich gelehrt haben, was die roheste Empirie verräth, daß man die geographische Breite eines Ortes aus der Dauer des Tages abzuleiten habe. Und doch scheint aus dem Tagebuch hervorzugehen, daß Columbus auf diese Weise am 13. December 1492 rechnete. Es fehlt also in Beziehung auf die Lage von San Salvador jedweder Anhalt einer astronomischen Bestimmung; daher konnten die späteren Historiker bei ihren Vermuthungen drei volle Breitengrade von einander abweichen.
Man muß also auf anderem Wege die Lage der zuerst entdeckten Insel zu ermitteln suchen. Es liegt nahe, vor allem die ältesten Karten jener Inselwelt zu Rathe zu ziehen. Allein wir vermissen auf allen Darstellungen bis weit ins 17. Jahrhundert den Namen Salvador, sowie die folgenden von Columbus weiterhin ertheilten neuen Inselbenennungen. Schon die erste, von einem Begleiter des Entdeckers, um 1500 von dem Basken Juan de la Cosa entworfene Karte Amerikas (siehe die Beilage) führt nur die einheimischen Inselnamen und darunter auch Guanahani auf. Aber diese Karte ist hier so ungenau, daß Capitän Becher sie als ein altes Document bezeichnet, das den Namen einer „Karte“ nicht verdiene.[200] In gleichem Sinne haben auch die späteren Kartographen die Bahama-Inseln sehr ungenau dargestellt, weil man sie für ziemlich werthlos hielt. War doch auch Peter Martyr der Ansicht, nachdem er die Antillen genau beschrieben, es sei überflüssig, diese Koralleninseln einer eingehenden Darstellung zu würdigen, weil die Spanier diese armen Inseln, wo man höchstens Fischfang und etwas Landbau treiben könne, aufgegeben hätten.[201]
Es scheint zwar noch einen andern Ausweg zu geben, das fragliche Guanahani zu ermitteln, indem man unter den Bewohnern des Archipels selbst sich erkundigte; denn da der Name von den Eingebornen ertheilt ist und die Sprache der Insulaner vermuthlich wenig Aenderung erlitten haben könnte, so müßte, sollte man meinen, auch der Name der Insel entweder sich noch erhalten haben oder doch noch in Erinnerung geblieben sein. Allein auch dieser Ausweg ist seit mehr als drittehalbhundert Jahren vollständig versperrt: die Urbevölkerung ist ausgestorben oder deutlicher gesagt, durch die Spanier vernichtet, und man darf nicht verhehlen, daß Columbus selbst den Anlaß dazu gegeben. Schon am 13. October schreibt er: „Diese gutartigen Menschen müssen ganz brauchbare Sklaven abgeben.“ Bei seiner Abfahrt entführt er von Salvador mehrere Insulaner mit Gewalt, „damit sie unsere Sprache lernen und uns Auskunft geben können über ihr Gebiet“. Als nun die Königin Isabella durch ein Edikt vom 30. October 1503[202] gestattete, die dem Christenthum und ihren neuen Unterthanen in Westindien feindlichen Canibalen wegzufangen und zu verkaufen, war damit dem Sklavenfang der Stempel der Berechtigung aufgedrückt; und fünf Jahre später erhielt eine spanische Gesellschaft die Erlaubniß, auch die Bahama-Insulaner einzufangen, angeblich um sie so leichter zum Christenthum bekehren zu können. Die ohnehin spärlich bewohnten Inseln waren bereits um 1525 dermaßen entvölkert, daß der fromme Pedro de Isla die letzten Bewohner, nur noch 11 Personen, zusammensuchen und nach Haiti bringen ließ, um sie vor seinen Landsleuten zu retten.[203] Damit war der Urstamm der dortigen Insulaner erloschen, und folglich aus ihrem Munde auch die Lage von Guanahani nicht mehr zu ermitteln.
Die neuern Historiker haben darum den einzigen noch möglichen Weg eingeschlagen, indem sie der von Columbus in seinem Tagebuche gegebenen Beschreibung seiner Fahrt, der Coursrichtung, den abgeschätzten Entfernungen von einer Insel zur andern, und der Schilderung einzelner Oertlichkeiten nachgingen. Die mancherlei Lücken des Berichts, die offenbaren Ungenauigkeiten, die aus falscher Schätzung der Verhältnisse entstanden, die Unklarheiten im Ausdruck haben diese kritische Spürarbeit erschwert und die abweichenden Ansichten verursacht. Die hauptsächlichen Meinungsverschiedenheiten sind auf der, einer englischen Admiralitätskarte entlehnten Darstellung jenes Inselgebiets, welche unserem Werke beigegeben ist (S. 249), zu ersehen.
Wenn wir diese Ansichten nicht historisch, sondern geographisch ordnen, so sehen wir, daß muthmaßlich der Schiffscours auf vier verschiedene Inseln gerichtet ist, welche von Nordwest nach Südost in folgender Ordnung sich aneinanderreihen: Cat Island, Watling Island, Mariguana (oder Mayaguana), Turk Islands.
Nach Cat Island führen den Entdecker W. Irving[204] und Alex. v. Humboldt,[205] nach Watling der treffliche spanische Geschichtsschreiber Muñoz[206] und Capitän Becher,[207] nach Mariguana läßt ihn Varnhagen[208] gelangen, nach den Turk-Inseln Navarrete.[209] Von diesen Erklärungsversuchen ist derjenige Navarretes mit Recht von den Neueren ganz aufgegeben, weil er dem Texte des Reiseberichtes weder nach der Beschreibung der zuerst betretenen Insel, noch in Bezug auf die später eingeschlagenen Course entspricht. Gegen Irving und Humboldt ist in erster Linie beizuwenden, daß Columbus nach dem Wortlaut seines Tagebuches die Insel Guanahani thatsächlich auf der Nordseite umsegelt hat, während nach der Vorstellung der beiden genannten Forscher San Salvador nur an seinem Südende berührt wurde. Ferner aber hat auch die im weitern Verlauf der Fahrt bis zur Nordküste Cubas gedachte Courslinie ihre großen Bedenken, weil dieselbe auf der Westküste von Long Island durch die ganze Breite der Bahamabank führen müßte, wo an manchen Stellen die Wassertiefe wenig über einen Faden mißt. Da Muñoz weiterhin bei der Erzählung der Fahrt zu den andern Inseln in der Bahamagruppe nur allgemein gehaltene Vermuthungen ausspricht über die Identität der von Columbus berührten Inseln, ohne sich eingehend mit der Prüfung der eingeschlagenen Richtungen und der berührten Oertlichkeiten einzulassen, so bleiben nur noch die Hypothesen Bechers und Varnhagens zu vergleichen. Beide haben auf das sorgsamste das Tagebuch des Columbus zu Rathe gezogen und alle darin enthaltenen Angaben für ihre Idee zu verwerthen gesucht. Es läßt sich nicht leugnen, daß für Varnhagen manche wichtige Momente sprechen, daß namentlich die fast rathlos erscheinenden Kreuzfahrten zwischen den nächst San Salvador besuchten Koralleninseln nach den Aufzeichnungen sehr geschickt erklärt sind und zu den angegebenen Courslinien der Schiffe passen. Allein zwei Momente von Bedeutung gestatten nicht, daß wir uns für Varnhagen erklären. Varnhagen hält nämlich Mariguana oder Mayaguana für San Salvador, und grade Mayaguana ist auf allen älteren Karten, von Juan de la Cosa an, +neben+, d. h. südöstlich von Guanahani eingetragen. Mögen nun auch die früheren Kartographen die Umrisse der einzelnen Inseln noch so ungenau und falsch gezeichnet haben, so ist doch bei allen die klare Ueberzeugung zu erkennen, daß sie Guanahani und Mayaguana als zwei verschiedene Inseln wollen betrachtet wissen. Sodann paßt auch die von Columbus gegebene Beschreibung der Insel nicht recht auf Mariguana. Und in dieser Beziehung trägt Bechers Ansicht entschieden den Sieg davon. Man muß dem englischen Capitän beipflichten, wenn er sagt: „Beides, Lage und Beschreibung dieser Insel (Watling Island) entspricht in jeder Weise dem Journal“ (des Columbus).[210] Man kann sogar behaupten, daß nur Watling auf die Beschreibung paßt, welche der Entdecker gegeben hat. „Diese Insel,“ sagt er, „ist ziemlich groß und ganz flach und hat sehr viel Bäume und viel Wasser und in der Mitte eine sehr große Lagune, aber keine Gebirge.“ Daß die Insel Süßwasserquellen besitzt, ist nicht gesagt.[211] Wir werden uns im Folgenden an die Auffassung von Becher halten, ohne indeß der Ansicht zu sein, daß die Untersuchung schon vollständig abgeschlossen sei.
7. Die Fahrt durch das westindische Meer.
Von S. Salvador steuerte Columbus nach Südwesten, berührte die kleine Insel +Rum Cay+ und wandte sich von da nach dem Nordende von +Long Island+, welche er S. Maria de la Concepcion nannte. Westlich davon fand er die dritte Insel, +Groß Exuma+ und gab ihr den Namen Fernandina, zu Ehren des Königs. Widrige Winde hinderten ihn, dieses Eiland zu umsegeln, er kehrte nach Concepcion zurück und segelte, weil die Indianer Samaot oder Saomet als eine Localität nannten, wo man Gold finde, an der Ostseite von Long Island südwärts bis zum Cap Verde und suchte von hier aus, wobei die Schiffe getrennt ihren eigenen Cours gingen, ostwärts das Land Saomet auf. Nach drei Stunden Fahrt tauchte eine neue Insel auf: es war das gesuchte Saomet, jetzt +Crooked Insel+, an deren Nordwestende die Schiffe sich wieder vereinigten. Sie erhielt den Namen Isabella, nach der Königin. Im Charakter glich dieselbe den übrigen, war schön bewaldet und etwas hügelig. Während die Schiffe an dieser Insel kreuzten, erhielt Columbus bestimmte Nachrichten von einer großen Insel gegen Süden. Die Indianer nannten sie Colba (Cuba), Columbus vermuthete, es sei Cipangu. So ging er am 24. October dahin unter Segel und wollte von da direct nach Quinsay fahren, um dem Großkaan die königlichen Briefe zu überreichen. Er war um so mehr überzeugt, daß er die Wunderinsel Cipangu vor sich habe, weil dieselbe auf den Globen, die er gesehen, und auf den Weltkarten in dieser Gegend angegeben war.[212]
Zuerst ging die Fahrt nach Südwesten und dann, nachdem man am Abend des 26. October auf den Untiefen der Columbusbank vor Anker gegangen war, am folgenden Morgen südwärts. Bei Einbruch der Nacht wurde Land gesehen; da aber der Regen in Strömen fiel, konnte man sich demselben nur mit Vorsicht nähern. Am 28. October liefen die Schiffe in einen prachtvollen Fluß an der Nordküste +Cubas+ ein, wahrscheinlich in Port Nipe. Columbus strebte unaufhaltsam vorwärts; und wenn er auch in begeisterten Worten die Pracht der entdeckten Inseln schildert, er will doch nicht eher anhalten, als bis er in genügender Menge Gold und Gewürze findet, um seine Schiffe damit zu befrachten, denn das ist der einzige Zweck seiner Unternehmung. Auf Cuba entzückten ihn die majestätischen Palmen, welche er von den afrikanischen verschieden fand. Von den Indianern wurde ihm gesagt, man brauche zwanzig Tage, um Cuba zu umschiffen. Es mußte demnach eine Insel sein. Als aber der Capitän der Pinta die abweichende Ansicht äußerte, unter Cuba müsse man eine Stadt verstehen, das vor ihnen liegende Land gehöre zu Asien und das weiter westlich gelegene Gebiet gehöre bereits zum Reiche des Großkaan, da ließ sich auch Columbus willig zu dieser Auffassung, welche seinen Wünschen und Zielen so sehr entgegen kam, bekehren und erklärte im Tagebuch bereits am 1. November: Cuba ist das feste Land von Asien, wir befinden uns vor Quinsay und Zaiton in einem Abstande von etwa 100 spanischen Meilen.[213] Martin Alonso, der Führer der Pinta, war aber zu seiner irrigen Annahme durch ein Wort der mitgenommenen Indianer verleitet, welche, als sie wiederholt die Fundstätten von Gold nachweisen sollten, den Ausdruck ~Cuba-nacān~ gebrauchten, was in ihrer Sprache soviel als die Mitte von Cuba bedeuten sollte, während die Spanier das Wort als „Kaan oder Can von Cuba“ deuteten. Später brachte Columbus auch den Ausdruck Caniba, mit dem die furchtsamen Stämme der kleinen Inseln ihre gefährlichen Nachbarn, welche die erschlagenen Feinde verzehrten, mehrfach bezeichneten, mit dem „Kaan“ in Zusammenhang und meinte, unter Canibalen seien die Unterthanen des Großkaan zu verstehen.
In welchem Theile des indischen Meeres er damals sich zu befinden glaubte, wird auch noch durch die befremdende Bemerkung des Tagebuches genauer bestimmt, daß er noch keine +Sirenen+ gefunden habe. Es findet sich nämlich auf dem Behaim’schen Globus zwischen den Inseln, welche westlich von Cipangu gezeichnet sind, die Inschrift: „Hie findt man vil merwunder von +serenen+ und anderen Fischen.“ Man darf wohl annehmen, daß Behaim manche seiner Inschriften von anderen Karten, die ihm in Portugal bekannt geworden waren, entlehnt hat, und daß dergleichen Bemerkungen auf den Weltkarten zu lesen waren, welche der Entdecker eingesehen hatte oder bei sich führte.
Nach allen diesen merkwürdigen Trugschlüssen scheint es nun ganz natürlich, daß Columbus danach strebte, sich möglichst bald mit dem Großkaan in Verbindung zu setzen. Daher schickte er bereits am 2. November zwei Spanier ans Land: Rodrigo de Jerez und den gelehrten Juden Louis de Torres, der Hebräisch, Chaldäisch und sogar etwas Arabisch verstand. Zugleich sandte er mit ihnen zwei Indianer; gemeinschaftlich sollten sie das Land ausforschen, dem König die Briefe aus Spanien überreichen, und sich unterwegs nach Gewürzen erkundigen, zu welchem Zwecke ihnen sogar Proben der verschiedensten Spezereien mitgegeben wurden. An Stelle des Geldes erhielten sie Perlenschnüre, um sich Lebensmittel dafür einzutauschen.
Am vierten Tage kamen diese Abgesandten wieder zurück und erzählten, sie seien 12 Meilen zu einem Orte von 50 Häusern und etwa 1000 Einwohnern gekommen. Man hatte sie nach Landessitte feierlich empfangen und in den besten Häusern untergebracht. Die Indianer küßten ihnen Hände und Füße, weil sie die Fremdlinge für Sendboten des Himmels hielten. Die Vornehmsten des Dorfes trugen sie auf ihren Armen zu dem größten Gebäude und ließen sie niedersitzen; auch die Frauen erschienen sodann und erwiesen ihnen gleiche Verehrung wie die Männer. Auf die Frage nach Gewürzen, von denen man den Eingebornen die Proben vorlegte, zeigten diese nach Süden, wo dergleichen Produkte gedeihen sollten. Bei ihrer Wanderung durch das Land lernten die beiden Spanier auch zuerst die Sitte des Rauchens kennen. Man nannte nicht das Kraut, sondern die daraus gefertigten Rollen, welche man anzündete und deren Rauch man einsog, ~tabaco~. Der Admiral fügte diesem Berichte die Hoffnung hinzu, daß die spanischen Majestäten bald Geistliche herübersenden würden, um die zahlreichen Völker zum rechten Glauben zu bekehren.