Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen

Part 29

Chapter 293,566 wordsPublic domain

Am Schluß der originellen Uebersetzung steht: Also hat ein endte dieses Büchlein, welches auß wellischer sprach in die dewtschen gebrachte vnd gemachte ist worden, durch den wirdigē vnd hochgelarthen Herrn̄ Jobsten Ruchamer der freyen Künste, vnd artzenneien Doctorn̄ etc. Vnd durch mich Georgen Stüchßen zu Nüreinbergk, Gedrückte vnd volendte nach Christi vnsers lieben Herren geburdte. M.ccccc.viij Jare, am Mittwoch sancthi Mathei, des heiligen apostels abenthe, der do was der zweyntzigiste Tage des Monadts Septembris.

Columbus ging nach Südspanien. Hier gelang es ihm, einflußreiche Gönner zu finden, unter denen namentlich der Herzog von Medinaceli sich seiner annahm und ihn fast zwei Jahre lang als Gast in seinem Hause beherbergte, damit derselbe nicht, wie er beabsichtigte, nach Frankreich gehe, um dort dem Könige sein Project anzubieten.[180]

Im Januar des Jahres 1486 erhielt er durch die Vermittlung des Cardinalbischofs Mendoza von Toledo bei der Königin Isabella Audienz, wurde, nachdem er seinen Plan vorgelegt, in das königliche Gefolge aufgenommen und erhielt dessen Freiheiten und Auslösung. Er war damit in den Dienst der spanischen Krone getreten. Aus den Jahren 1487 und 1488 haben sich mehrere Belege der kleinen Unterstützungen erhalten, welche Columbus aus der königlichen Kasse erhielt, und welche in den einzelnen Posten höchstens 10 Ducaten betrugen.[181]

Man hatte zwar von dem Vorhaben des Columbus im allgemeinen eine günstige Meinung, wollte aber zuvor das Urtheil der Gelehrten hören und wies ihn daher an die Universität von Salamanca. Hier hatte Columbus einen schlimmen Stand; denn er berief sich nicht blos auf seine kosmographischen Autoritäten, sondern glaubte vor dem Rath der gelehrten Geistlichen auch mit falschverstandenen Bibelsprüchen kämpfen zu können und legte von sich und seinem Beruf eine so eigenthümliche schwärmerische Meinung an den Tag, daß die Mehrzahl der Richter sich nicht für ihn erklären konnte.

Die Art seines Auftretens läßt sich am besten aus den brieflichen Mittheilungen erkennen, welche Columbus später bei verschiedenen Gelegenheiten selbst gegeben hat.

„Ich habe mit wissenschaftlichen Männern, Geistlichen und Weltlichen, Lateinern und Griechen, Juden und Mauren und vielen anderen verkehrt. Dazu gab mir der Herr den Geist der Erkenntniß. In der Schifffahrtskunde gab er reiche Fülle; von der Sternkunde gab er mir, was ich brauchte und auch von der Geometrie und Arithmetik. In dieser Zeit habe ich alle Arten von Schriften studirt: Geschichtswerke, Chroniken, Philosophie und andere Wissenschaften.“[182]

„Die heilige Trinität,“ schreibt Columbus bei einer andern Gelegenheit,[183] „bewog Ew. Maj. zu dem Unternehmen nach Indien und durch ihre unendliche Gnade wählte sie mich, um es Ihnen zu verkündigen. Deshalb kam ich als ihr (der Trinität) Botschafter zu Ew. Maj., wie zu den mächtigsten Fürsten der Christenheit, welche sich im Glauben übten und so viel für seine Verbreitung thaten. Trotz alles Ungemachs, welches mir widerfuhr, war ich gewiß, daß meine Unternehmung gelingen werde, und beharrte bei dieser Ansicht, weil alles vergehen wird, ausgenommen das Wort Gottes. Und in der That, Gott spricht so klar von diesen Gegenden durch den Mund des Jesaias an mehreren Stellen der heiligen Schrift, wenn er versichert, daß von Spanien aus sein heiliger Name solle verbreitet werden.“[184]

In der Colombinischen Bibliothek zu Sevilla wird noch die handschriftliche Correspondenz des Columbus mit dem Pater Gorricio, einem Karthäuser aus dem Kloster Sa. Maria de las Cuevas zu Sevilla aufbewahrt, welche eine Menge Texte des alten und neuen Testamentes enthält, die sich auf die Entdeckung der neuen Welt beziehen sollen, sowie verschiedene Aussprüche der Kirchenväter und Classiker. Diese letzteren sind aus Aristoteles, Plinius, Seneca u. a. von Gorricio excerpirt in der besondern Absicht, von Columbus verwendet zu werden.[185] Unter diesen ist besonders berühmt und viel genannt worden die prophetische Stelle aus der Tragödie Medea von Seneca:

~Venient annis saecula seris, Quibus Oceanus vincula rerum Laxet et ingens pateat tellus, Thetysque novos detegat orbes, Nec sit terris ultima Thule.~[186]

Mit diesen Prophezeiungen, welche Columbus auf sich bezog und durch welche er um so fester von seiner göttlichen Sendung sich überzeugt hielt, ging Hand in Hand die von ihm gefaßte Idee, durch die schon von Toscanelli in Aussicht gestellten Schätze das heilige Grab zu erobern und den Erzfeind aus dem Besitz der heiligen Stätten zu verdrängen. Diesen Gedanken legt er in dem Tagebuch seiner ersten Reise (vom 26. December 1492) nieder und wiederholt ihn in einem Briefe von 1503.

Aber er fühlt auch den Beruf in sich, alle Heiden vor dem nahen Weltuntergange zum Christenthume zu bekehren. „Der heilige Augustin lehrt uns,“ schreibt er 1503, „daß das Ende der Welt 7000 Jahre nach der Schöpfung stattfinden werde. Das ist auch die Meinung der heiligen Theologen und des Cardinals Pedro de Aliaco. Da nun nach der Berechnung des Königs Alfons von Portugal bereits 6845 Jahre verflossen sind, so ist die Frist bis zum Untergange nur noch eine sehr kurze.“

Man darf sich nicht wundern, daß selbst die Theologen von Salamanca sich mit diesen mystischen Combinationen, mit dieser wunderlichen Mischung einerseits von astronomisch-kosmographischen Berechnungen und Schlüssen, anderseits von classischen und biblischen Prophezeiungen und falschen Deutungen nicht einverstanden erklären konnten.

Man muß dazu auch die politische Lage der beiden verbundenen spanischen Monarchien erwägen, und daß Ferdinand und Isabella nicht blos schwere Kämpfe zur Befestigung der königlichen Autorität, sondern auch langwierige Kriege mit den Mauren zu führen hatten und durch diese Projecte leicht auch in neue Verwickelungen mit dem Nachbarstaate Portugal gebracht werden konnten.

„Glücklicherweise aber,“ sagt Humboldt,[187] „begünstigten die vorhandenen Irrthümer die Ausführung des Planes und flößten einen Muth ein, welchen genauere Kenntniß von den Dimensionen des Erdkörpers, der geographischen Länge von Catigara, Cathai und Zipangu, der bedeutenden Ausdehnung des zwischen liegenden Oceans und der geringen Masse des Festlandes wahrscheinlich erschüttert haben würden.“

Man hat das Urtheil der wissenschaftlichen Prüfung in Salamanca ebenso verdächtigt und verleumdet, als jenes abfällige Urtheil der Junta in Portugal. Aber alle die Gegengründe, welche vorgebracht sein sollen, klingen so lächerlich, daß sie als platte Erfindung erscheinen, welche später, nachdem der Erfolg sich für Columbus ausgesprochen, zu seiner Verherrlichung erdacht sind.

Im Collegium zu Salamanca fand sich nur Einer, Diego de Deza, der Lehrer des Prinzen Don Juan, später Erzbischof von Sevilla, welcher sich des kühnen Planes annahm; aber da sich Talavera, damals Prior von Prado und später Erzbischof von Granada entschieden dagegen erklärte, so wurde vorläufig die Entscheidung ausgesetzt und Columbus auf eine günstigere Zeit vertröstet. So lebte er, von Jahr zu Jahr auf Erfüllung hoffend, bald in Sevilla, bald in Cordoba, gleichsam von königlichem Gnadenbrote, wenig gekannt und wenig Freunde gewinnend.

Die ganze Angelegenheit rückte nicht vorwärts. Und als selbst noch im Jahre 1491 die entscheidende Commission erklärte, sie könne erst nach Beendigung des Krieges gegen Granada die Sache in genaue Erwägung ziehen und damit gleichsam in einer höflichen Form das Project ablehnte, so entschloß sich Columbus endlich, doch das Land zu verlassen, das ihn seit sieben Jahren in peinlicher Muße hingehalten hatte.

Auf seinem Wege nach Huelva, wo er sich einschiffen wollte, kam er, mit seinem Sohne Diego an der Hand, von Palos, am breiten Rio Tinto abwärts wandernd, zu Fuß nach dem alten Franziskanerkloster +la Rabida+. Dasselbe liegt nahe dem Meere auf einem dürren Hügel, dessen Anbau den Fleiß der Bearbeiter nur spärlich lohnt. Zwischen verfallenen Mauern und Dornhecken von Nopal und Aloë steigt man jetzt auf die beherrschende Höhe. Auf einer kleinen Plattform hinter den Klostergebäuden bezeichnet ein steineres Kreuz die Stelle, wo Columbus von Kummer gebeugt und von Hunger erschöpft niedersank[188] und für seinen Knaben und sich die Mönche um Brot und Wasser bat. Aber hier, wo er mit tiefem Seelenleiden seine Hoffnungen bereits zu Grabe getragen hatte, sollten sie neu belebt werden. Der seltsame Anblick der Bittenden, der fremde Dialect des Mannes erregten die Neugierde der barmherzigen Brüder, besonders des Juan Perez de Marchena, der den Titel eines Beichtvaters der Königin führte. Columbus wurde ins Kloster eingelassen und in die Wohnung des Priors geleitet. In dem hohen Saal, aus dessen Fenstern man einen prachtvollen Blick auf das Meer genießt und wo Columbus neugestärkt und belebt, im Angesicht des Oceans von seinen Plänen und Enttäuschungen erzählte, sind jetzt zur Erinnerung an diese denkwürdigen Stunden mehrere Gemälde zu sehen, welche die Geschichte dieser Ereignisse darstellen. Der Pater Juan Perez, welcher sich bald von der schwärmerischen Glut des Erzählers angezogen fühlte, ließ einen in der Astronomie und Kosmographie kundigen Physiker, Garcia Hernandez, aus dem nahen Orte Palos zu sich bitten, um mit ihm den Gehalt des vernommenen Berichts zu prüfen, denn er kannte den Genuesen zweifelsohne nicht einmal dem Namen nach. Auch mochte er anfänglich keine große Meinung von dem ärmlich und schlecht gekleideten Fremdlinge haben. Columbus war eben noch eine Persönlichkeit, welche kein Mensch kannte (~por que ninguna persona conoscia el dicho almirante~.[189]) Aber auch der junge Physiker aus Palos, welcher damals kaum das 30. Lebensjahr überschritten hatte,[190] horchte mit demselben Interesse wie der Pater Marchena. Beide glaubten der Königin einen großen Dienst zu leisten, wenn sie den merkwürdigen Mann zurückhielten. Juan Perez schrieb an die Königin Isabella einen Brief und sandte ihn durch die Hand des Piloten Sebastian Rodriguez an den spanischen Hof von Granada. Einstweilen blieb Columbus als Gast bei den Klosterbrüdern. Nach 14 Tagen kam ein Dankschreiben der Königin zurück, worin der Pater zur Königin berufen wurde. Derselbe reiste noch in derselben Nacht ab und erhielt von der Königin die Zusage, daß Columbus für seine Unternehmung drei Schiffe erhalten solle. Dann gab die Fürstin ihm noch 53 Ducaten mit für Columbus, damit derselbe sich besser kleiden und in anständiger Form zu Hofe reiten könnte.

So war also in Rabida endlich die günstige Wendung des Geschickes eingetreten und wenn auch noch manche Schwierigkeiten zu überwinden sein mochten, so war es doch nun entschieden, daß der kühne Gedanke, den Orient im Westen auszusuchen, seiner Verwirklichung nahe war.

Im Lager zu Santafé vor Granada erwartete man die baldige Uebergabe dieser letzten maurischen Stadt. Als dieselbe im Januar 1492 erfolgte, schien der Weg für Columbus geebnet, denn der maurische Krieg war beendigt. Aber zum letztenmale schien das ganze Unternehmen doch noch sich zerschlagen zu wollen, weil Columbus allzuhohe Forderungen stellte, Forderungen, welche weder mit seiner hilfsbedürftigen Lage, noch mit der Würde der Krone vereinbar schienen; denn er verlangte die höchsten Würden in Spanien und fast königliche Gewalt in den zu entdeckenden Ländern. Seine Bedingungen stellte er dahin, daß er Rang und Würde eines Admirals oder eines spanischen Almiranten für sich und seine Nachfolger erhalte, daß er und seine Familie in den Adelstand erhoben würden, daß er in den neuentdeckten Ländern zum Vicekönig ernannt werde mit dem Rechte, für alle hohen Verwaltungsstellen in jeder Insel, in jeder Provinz drei Männer vorzuschlagen, daß ihm ein Zehntel der königlichen Einkünfte aus dem Gewinn von Perlen, Edelsteinen, Gold, Silber, Spezereien und anderen Handelswaaren zufalle, daß er der einzige Richter sei in allen Processen, welche aus dem Verkehr zwischen jenen Ländern und Spanien entstehen könnten und daß er, wenn er den achten Theil der Ausrüstung von Schiffen bestreite, auch den achten Theil aus dem Gewinn erhalte. Diese Forderungen klangen geradezu unerhört. Eine Reihe von Conflicten war vorauszusehen, wenn man einem Fremden zugestand, was man nie einem Spanier von Geburt zugestanden haben würde. Die Königin, so willig sie sich gezeigt hatte, das Unternehmen doch noch zu fördern trotz aller Widerreden und Zweifel, schreckte vor solchen Forderungen zurück. Und Columbus wich in keinem Punkte von seinen Ansprüchen; so fest glaubte er selbst sowohl an seine Bestimmung, als auch an den großen materiellen Erfolg für Spanien. So zerschlug sich auch noch im Januar die Verhandlung, und Columbus wandte sich zum zweiten Male vom Hofe ab, um über Cordoba nordwärts nach Frankreich zu gehen, wo, wie er selbst behauptete, man ihm glänzende, sichere Versprechungen gemacht. Da versuchten noch einmal seine Gönner bei Hofe, namentlich der Cardinal Mendoza und der Schatzmeister Luis de Sant-Angel, die Königin zu dem Vertrage zu überreden. Sie stellten ihr vor, welche unermeßlichen Reichthümer nach erfolgreicher Fahrt durch die Unternehmung des Genuesen nach Spanien fließen müßten, wie sie durch Zuwachs an Colonialbesitz und durch Ausbreitung des christlichen Glaubens an Ruhm gewinnen würde, und erreichten es, daß Isabella den Befehl ertheilte, Columbus zurückzurufen. Ein Eilbote traf ihn bereits unterwegs in Pinos Puente, eine Stunde von Santafé und rief ihn unter der Versicherung, daß die Königin auf seine Forderungen eingehe, zurück. Der Vertrag wurde am 17. April vollzogen; aber der Besitz der unerhörten Gewalt, die dem Entdecker verliehen, die plötzliche Erhebung in den höchsten Stand führten nur zu bald den Sturz des Mannes herbei, weil er nicht im Stande war, allen Ansprüchen seiner neuen Stellung zu entsprechen. Man kann Columbus nicht frei sprechen von der Schuld, die vielfachen bitteren Kränkungen und schweren Demüthigungen seiner letzten Lebensjahre sich durch das Uebermaß seiner Forderungen selbst heraufbeschworen zu haben.

Augenblicklich dachte er nur an die Ausrüstung seiner Schiffe. Der Staatsschatz war leer, Luis de Sant-Angel schoß der Königin 5300 Ducaten zur Fertigstellung der kleinen Flotte vor und Columbus begab sich sofort nach Palos, nahe bei dem ihm günstigen Kloster la Rabida, um hier seine Abfahrt mit allen Mitteln zu betreiben. Es war ein sehr günstiger Umstand, daß er in dem kleinen Hafenplatz am untern Lauf des Rio Tinto lebhafte Unterstützung durch die einflußreiche und wohlhabende Schifferfamilie der Pinzone fand, welche sich selbst in ihren Hauptträgern erbot, die kühne Fahrt mitzumachen. Ganz besonders machte sich Martin Alonso Pinzon um das Zustandekommen der Expedition verdient und trug sogar zur Bestreitung der Kosten bei. Es wurden drei kleine Schiffe ausgerüstet; nur das größere war vollständig gedeckt, die beiden andern hatten nur am Vorder- und Hintertheil erhöhte Verdecke, waren aber in der Mitte offen. Die Schiffsmannschaft recrutirte sich meist aus den umliegenden Hafenplätzen, aus Moguer, Huelva und aus Palos selbst. Das größte Schiff, die Santa Maria, stand unter dem Befehl des Columbus, auf der Pinta commandirte Martin Alonso Pinzon und außer ihm sein Bruder Francisco Martin als Steuermann, auf der Niña führte Vicente Yañez Pinzon das Commando. Die Mannschaft belief sich im Ganzen auf 120 Köpfe.

5. Die erste Fahrt des Columbus über den Ocean.

Es war ein denkwürdiger Tag, als am 3. August 1492, nachdem die Mannschaft vorher gebeichtet und das Abendmahl genommen hatte, die drei Schiffe den Hafen von Palos verließen und dem unbekannten Weltmeere zusteuerten. Columbus führte von Anfang an ein ausführliches Tagebuch, von welchem uns Las Casas den größten Theil, vielfach in wörtlichen Auszügen, erhalten hat. Die Einleitung erörtert die Beweggründe und Ziele der Fahrt und läßt einerseits die Abhängigkeit des Führers von den Angaben des Toscanelli, andererseits seine religiösen Empfindungen deutlich erkennen.

„Nachdem Ew. Majestäten in dem gegenwärtigen Jahre 1492 den maurischen Krieg beendigt haben in der sehr großen Stadt Granada, in welcher ich, am 2. Januar dieses Jahres, durch die Gewalt der Waffen die königlichen Banner auf den Thürmen der Alhambra aufpflanzen und den maurischen König sich ans Thor begeben und Ew. Maj. die Hände küssen sah, und nach den Erklärungen, welche ich Ew. Hoheiten von den Ländern Indiens und von einem Fürsten, welcher der Großchan, d. h. König der Könige genannt wird, gegeben habe, sowie darüber, daß derselbe wie auch seine Vorgänger nach Rom gesendet hatten, um sich Lehrer unseres heiligen Glaubens zu erbitten, und daß so viele Völker im Unglauben und Götzendienst verloren gingen, beschlossen Ew. Hoheiten als christliche Fürsten und Verbreiter des heiligen christlichen Glaubens und Feinde der Sekte Mohammeds und aller Ketzerei mich, Cristóbal Colon[191] zu den erwähnten Ländern Indiens auszusenden, um die erwähnten Fürsten und Völker und Länder, ihre Lage und ihren Zustand und die Art und Weise zu erforschen, wie man sie zu unserm heiligen Glauben bekehren könne. Sie befahlen mir, nicht zu Lande nach dem Osten zu gehen, wie man gewöhnlich gethan hat, sondern vielmehr den Weg nach Westen einzuschlagen, von dem wir bis jetzt nicht bestimmt wissen, ob er schon von jemand eingeschlagen ist.“ Weiter fügt Columbus hinzu, daß er beschlossen, ein genaues Tagebuch zu führen, genaue Segelanweisungen zu geben und dazu eine Reihe von gemalten Karten zu entwerfen in einem Netz von Breiten- und Längenlinien.

Dieses letztere Vorhaben hat aber der Admiral nicht ausgeführt, er war dazu auch kaum im Stande. Der Admiral steuerte gradenwegs nach den Canarischen Inseln, um unter dem Parallelkreis dieser spanischen Eilande westwärts über Antilia und Cipangu nach Indien zu segeln. Da aber bereits am vierten Tage das Steuer der Pinta beschädigt wurde, mußte man den Hafen in Gomera aufsuchen und sah sich dadurch vier Wochen auf den Canarischen Inseln festgehalten. Erst am 6. September setzte Columbus die Fahrt wieder fort und steuerte mit Nordostpassat nach Westen. Schon am dritten Tage, am 9. September entschloß er sich, eine zwiefache Berechnung der täglich zurückgelegten Meilenzahl zu führen, und in dem jedermann zugänglichen Schiffsjournal kleinere Ziffern aufzuführen, als er selbst die Entfernungen schätzte, um, wie er sagt, die Mannschaft nicht durch die Größe der zurückgelegten Meilenzahl zu erschrecken. Es ist dies wohl der einzige Fall, daß bei einer großen Entdeckungsfahrt ein solches Mittel der Täuschung zur Anwendung gekommen ist: „Am 10. September segelte er 60 Leguas, berechnete aber nur 48, um die Mannschaft nicht zu entmuthigen, wenn die Reise lange dauern sollte.“[192]

Am 13. September, bei Einbruch der Nacht, beobachtete Columbus zuerst die +Declination der Magnetnadel+, „ein denkwürdiger Zeitpunkt in den Jahrbüchern der nautischen Astronomie“.[193] Die Abweichung gegen NW. nahm am folgenden Tage noch zu. Drei Tage später machte er die Wahrnehmung, daß ein rascher Wechsel des Klimas eintrat.

Schon vom 16. September an, wo die Schiffe zuerst in das Sargassomeer eintraten, glaubte er Anzeichen von der Nähe eines Landes oder von Inseln zu bemerken. Das Schiffstagebuch enthält darüber eine Reihe von Bemerkungen. Am 18. galt ein dunkler Horizont als Zeichen von großer Nähe des Landes; am 19. bildete sich ein Nebel ohne Wind, eine sichere Andeutung von Land. Auch die schwimmenden Tangmassen, welche häufig angetroffen wurden, galten als Beweis dafür. Dieses Tangmeer liegt zwischen 20° und 35° n. Br. und reicht gegen Westen bis an den Rand des Golfstroms. Das Kraut bedeckt die Oberfläche nicht in gleichmäßig dichten Massen, sondern treibt in langen Streifen in der Richtung des herrschenden Windes. Diese Streifen bestehen aus mehreren Reihen von Krautbüscheln, jedes einzelne höchstens einen Fuß lang; es sind vom Strande losgerissene Fragmente, welche absterben und allmählich untersinken, so daß von einer Behinderung der Fahrt eines Schiffes nicht die Rede sein kann.[194]

Der beständig günstige Fahrwind erregte in den Matrosen die Befürchtung, es werde wegen des herrschenden Ostwindes die Rückfahrt sehr erschwert, wo nicht unmöglich gemacht werden. Als am 23. September die Krautmassen wieder dichter die Oberfläche des Wassers bedeckten und das Meer so ruhig und glatt blieb, äußerte sich die Besorgniß des Schiffsvolkes laut: man werde in dieser Gegend niemals einen günstigen Wind zur Rückkehr nach Spanien treffen. Als dann aber das Meer sich erhob, ohne daß ein Wind wehte, und eine rauhe See entstand, waren alle höchlich erstaunt. Bei dieser Gelegenheit bemerkt Columbus: „Diese hoch gehende See war mir ebenso nothwendig als den Juden zur Zeit da die Aegypter auszogen, um Moses zu verfolgen, welcher die Hebräer aus der Knechtschaft befreite.“ Am 25. September besprach sich der Admiral mit Martin Alonso Pinzon über eine Karte, welche er ihm vor 3 Tagen geschickt, und auf welcher in dieser Gegend einige Inseln eingetragen waren. Offenbar handelte es sich dabei um die Karte Toscanelli’s und die etwas südlich vom Schiffscours vermuthete Insel Antilia (vgl. den Globus Behaims). Martin Alonso glaubte diese Insel sogar zu sehen; auch Columbus theilte diese Ansicht und schätzte die Entfernung auf etwa 25 Meilen. In Folge dessen ließ der Admiral gegen West steuern, aber am folgenden Tage klärte sich der Irrthum auf, man war durch das dunkle Aussehen des Horizonts getäuscht worden. Daß aber die Insel Antilia in der Nähe liegen müsse, bezweifelte Columbus nicht. Am 3. October glaubte er diese Insel bereits hinter sich haben, denn Anzeichen von Land hatte er genug gehabt; aber er wollte seine Zeit nicht mit dem Aufsuchen verlieren, weil Indien sein Ziel war.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß, je länger die Fahrt dauerte, die Mannschaft immer lauter ihre Besorgniß aussprach, vielleicht auch sogar allerlei Drohungen gegen den fremden Führer, gegen den Liguren laut werden ließ, wenn auch die dramatische Ausschmückung dieser Stimmung, welche in der Erzählung von einem Vertrage gipfelt, den Columbus sollte eingegangen sein, einer späteren Zeit angehört. Dennoch sollte der Admiral sich dazu verstanden haben, nach drei Tagen umzukehren, wenn bis dahin das gesuchte Land noch nicht aufgefunden sei. Die Zeugnisse Peter Martyrs und des Columbus selbst sprechen zu deutlich von der schwierigen Haltung der Matrosen. „Die spanischen Begleiter,“ erzählt Martyr, „fingen erst heimlich an zu murren und traten dann offen zusammen. Sie drohten ihren Führer ins Meer werfen zu wollen; sie seien von dem ligurischen Menschen betrogen und ins Verderben gebracht.“[195] Diese Angaben über die bedenkliche Stimmung unter dem Schiffsvolke bestätigt Columbus in seinem Tagebuche, wenn er, am 14. Februar 1493, also auf dem Heimwege, berichtet, daß er schon auf der Hinfahrt viel von den Leuten zu leiden gehabt, weil alle einstimmig erklärt hätten, umkehren zu wollen, und daß sie sich zu Drohungen gegen ihn hätten hinreißen lassen.[196] Vom 7. October an beschloß Columbus, einen südwestlichen Cours beizubehalten. Er wurde dazu durch den Flug zahlreicher Vögel veranlaßt, welche nach dieser Richtung zogen; denn er wußte, daß die Portugiesen der Beobachtung des Flugs der Vögel die Entdeckung mancher Inseln verdankten. Auch am 10. October beklagten sich seine Leute wieder über die lange Dauer der Reise, aber der Admiral belebte ihre Hoffnung auf reichen Gewinn, der in sicherer Aussicht stehe. Uebrigens fügte er hinzu, ihre Klagen nützten nichts, da er unter allen Umständen mit Gottes Hilfe seinen Weg fortsetzen werde, bis er Indien erreicht habe.