Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen
Part 28
Mit diesen und ähnlichen Gründen wollte Columbus später die leichte Ausführbarkeit seines Planes einer Westfahrt erhärten. Mit Recht bemerkt Humboldt (Kosmos II, 281) dazu: „Sonderbares Zeitalter, in welchem ein Gemisch von Zeugnissen des Aristoteles und Averroes, des Esra und Seneca über die geringe Ausdehnung der Meere im Vergleich mit der der Continentalmasse den (spanischen) Monarchen die Ueberzeugung von der Sicherheit eines kostspieligen Unternehmens geben konnte.“
Außer diesen Hauptstellen hatte Columbus auch noch andere Vorstellungen aus den Lehren d’Ailly’s sich angeeignet. Dahin gehört die Behauptung des Cardinals (Cap. 12), daß, wie schon Augustin gelehrt habe, die heiße Zone von menschlichen Ungeheuern belebt sei. Es geht dies hervor aus einer Aeußerung aus dem Tagebuch der ersten Reise des Entdeckers, wo derselbe verwundert bemerkt, die erwarteten Ungeheuer habe er noch nicht gefunden. Ferner die Auffassung von der Lage des irdischen +Paradieses+. Dasselbe liegt, schreibt d’Ailly Cap. 55, nach der Angabe des Isidor, Johannes Damascenus, Beda u. a. in der lieblichsten Gegend des Ostens, weit von unserm bewohnten Gebiet entfernt auf einem erhabenen Ort, so daß es fast bis in die Mondsphäre reicht und von den Wassern der Sündflut nicht bedeckt werden konnte. Von diesem hohen Berge stürzen nun die Gewässer mit gewaltigem Brausen herab und bilden einen großen See. Eine ebenfalls von Columbus benutzte Ansicht und eine Ergänzung des obigen über die Natur des Paradieses finden wir bereits im 7. Capitel, wo gelehrt wird, daß das im Osten gelegene Paradies, auch wenn es in der Nähe des Aequators liege, doch wegen seiner bergehohen Lage ein sehr mildes Klima besitze.
Endlich gehört hieher noch ein Ausspruch d’Ailly’s, in seinem ~Vigintiloquium de concordia astronomicae veritatis cum theologia, p. 181~, worin er die Dauer der Erde von der Schöpfung bis auf die Geburt Christi, nach Ermittlung Bedas, auf 5199 Jahre berechnet, so daß also bis 1501 nach Christi 6700 Jahre verflossen seien. Da aber das jüngste Gericht 7000 Jahre nach Christi eintreten wird, ist der Weltuntergang nahe bevorstehend. Obwohl Columbus in den Zahlen etwas abweicht, so hat er den Grundgedanken doch in seinen Plan verwebt.
3. Das Project Toscanelli’s.
Wenn nun auch alle diese Meinungen und Lehrsätze d’Ailly’s einen großen Einfluß auf die Gestaltung des Planes gehabt haben, so waren sie, weil im allgemeinen zu verschwommen, nicht kräftig genug, um einen wirklichen Impuls auszuüben, die Fahrt zu unternehmen. Denn welcher Seemann konnte nach solchen allgemeinen, vagen Vorstellungen seinen Cours einschlagen, welcher Fürst und welcher Staat würde zu einem solchen Zuge ins Blaue die Mittel verschwendet haben? Darum kann ich Humboldt darin nicht beistimmen, daß die Imago Mundi mehr Einfluß auf die Entdeckung von Amerika geübt, als der Briefwechsel Toscanelli’s (Kosmos II, 286). Grade die ganz bestimmte Direction, welche dieser ausgezeichnete Astronom und Physiker den Ideen seines Landsmannes gab, man kann sagen, die von ihm ganz genau vorgeschriebene Segelroute war es, welche einerseits den noch unklaren Vorstellungen des Columbus den richtigen Stützpunkt gab und andererseits auch die Monarchen ermuthigte, die Kosten zu wagen.
In dieser Hinsicht muß man entschieden der Ansicht d’Avezacs beipflichten: „Die Ideen des Columbus entstanden aus einer Summe von Notizen, welche er allmählich aus verschiedenen Quellen geschöpft; aber ein bestimmtes Project kam erst durch den Brief Toscanelli’s zur Reife. Dieser +monumentale+ Brief sichert dem Toscanelli das unzweifelhafte Verdienst, die transatlantischen Entdeckungen angeregt zu haben.“[168]
Diesen Brief lernte Columbus wahrscheinlich erst im Anfange der achtziger Jahre kennen. Bis dahin war er einfach ein Seefahrer gewesen, von da an wurde er Entdecker. Danach ist auch die von Las Casas gemachte Zeitangabe zu verbessern,[169] wonach sich Columbus 14 Jahre bemüht haben soll, den König von Portugal für seine Pläne zu gewinnen. Da wir wissen, daß Columbus noch um 1476 in Genua war, und 1484 nach Spanien ging, so ist die Angabe des Bischofs bestimmt falsch. Avezac (~l. c. p. 43~) stellt die Vermuthung auf, es könne statt 14 Jahre recht wohl 14 Monate heißen und Columbus habe seinen Vorschlag zuerst im September oder October 1483 gethan, und sei dann gegen Ende des nächsten Jahres nach Spanien übergesiedelt. -- Doch wenden wir zunächst unsere Aufmerksamkeit dem Briefe Toscanelli’s zu. Paolo Toscanelli, auch, weil er Arzt war, ~Paolo fisico~ genannt (geb. 1397 in Florenz, gestorben 1482), gehörte zu den ausgezeichnetsten Gelehrten seiner Vaterstadt und beschäftigte sich namentlich mit Kosmographie. Durch lebhaften Verkehr stets in Verbindung mit berühmten Reisenden, Seefahrern und Kartenzeichnern, hat er wohl zuerst bei dem Studium des Marco Polo und angesichts der durch persönlichen Verkehr mit Nicolo de Conti (s. oben S. 77) weiter bestätigten großen Entfernung Ostasiens von Europa, sowie neuer Beglaubigungen der Berichte von den kostbarsten Produkten, den menschenwimmelnden prachtvollen Städten und großartigen Reichen den Gedanken gefaßt, daß von Portugal oder Italien aus +ostwärts+ die Entfernung bis Quinsay und Zaiton weit mehr als den halben Erdumfang betragen müsse, und weiterhin daraus gefolgert, daß dann der Weg über das Westmeer der nähere sein müsse. Zur Veranschaulichung dieser Idee bedurfte es einer Karte, welche die, wie es scheint, vor ihm noch nie entworfene Wasserseite der Erde darstellte. Denn die Seekarten dienten praktischen Zwecken und stellten daher nur die in der Nähe der großen Handelslinien befindlichen Küsten und Länder dar. Da nun Toscanelli sah, wie sich bereits seit einem halben Jahrhundert die Portugiesen abmühten, die Umfahrt um Afrika zu vollenden, so richtete er 1474 einen Brief an den Canonicus Fernam Martinz in Lissabon, um den König unter Beigabe einer von ihm selbst entworfenen Karte auf seine Idee, das Morgenland durch eine Westfahrt zu erreichen, aufmerksam zu machen. Allein die Portugiesen hatten 1471 glücklich die Goldküste entdeckt (s. oben S. 104) und beuteten dieses Gebiet aus, ohne Neigung, sich in unbestimmte kostspielige Unternehmungen einzulassen. Toscanelli’s Aufforderung fand also keinen Anklang; sein Brief galt wohl mehr als Curiosum, denn daß man ein Staatsgeheimniß daraus machte, von dem nichts verlauten dürfe, um nicht andere Unternehmer in dieselben Bahnen zu lenken. So konnte auch Columbus nach Jahren davon Kunde erhalten und sich eine Abschrift dieses Briefes verschaffen, indem er sich direct an Toscanelli wandte. Wir kennen die Briefe des Columbus nicht, sondern nur die Antworten des Florentiner Gelehrten und auch diese in einer sicher nicht authentischen Fassung, da sie nur in der Vida del Almirante sich finden, welche den Wortlaut nicht nur nicht getreu wiedergegeben hat, sondern durch offenbare Einschiebsel den Zeitpunkt des Schreibens zu verrücken sucht, um Columbus zu glorificiren, indem man die Bedeutung des Briefes als maßgebend für den Impuls zu der Westfahrt verminderte und die Initiative allein dem Entdecker beimaß.
Nach der jetzt vorliegenden Fassung des Briefes schrieb nämlich Toscanelli folgendermaßen:
„Ich sehe Eurer edles und großes Verlangen, dahin zu reisen, wo die Spezereien wachsen. Daher sende ich Euch zur Beantwortung Eures Briefes die Abschrift eines andern, den ich +vor einigen Tagen+ an einen meiner Freunde, im Dienste Sr. Maj. des Königs von Portugal, +vor den castilischen Kriegen+, in Beantwortung eines andern schrieb, welchen er im Auftrage des Königs über die betreffende Angelegenheit an mich richtete, und ich schicke Euch eine andere Seekarte (~carta da marear~), die mit derjenigen übereinstimmt, welche ich ihm sandte.“
Der castilische Erbfolgekrieg fällt in die Zeit von 1474-1479. Es liegt auf der Hand, daß man den Ausdruck „+vor+ den castilischen Kriegen“ nur gebrauchen kann, wenn der Krieg vollständig beendigt ist, aber weder im Beginn noch im Verlauf desselben. Der Brief Toscanelli’s muß also an Columbus +nach+ 1479 geschrieben sein, der Originalbrief an Martinz +vor+ oder um 1474. Das Datum dieses Briefes lautet auch: Florenz, 25. Juni 1474. Steht dieses fest, dann kann Toscanelli aber nicht an Columbus schreiben, er habe erst „vor einigen Tagen“ den Brief an Martinz verfaßt, denn es lag ein Zeitraum von mindestens 5 Jahren dazwischen. Eine der beiden Zeitangaben ist falsch, die Entscheidung fällt unbedingt +gegen+ den Ausdruck „vor einigen Tagen“. Es soll einerseits durch diesen Zusatz der Plan als geistiges Eigenthum des Columbus hingestellt und der Einfluß Toscanelli’s verdeckt werden; denn wenn der florentinische Gelehrte erst „vor einigen Tagen“ den ersten Brief nach Portugal geschickt hat, kann Columbus noch keine Mittheilung von demselben haben, selbst wenn der Brief direct an ihn selbst gerichtet wäre. Es soll dem Entdecker die Priorität des Gedankens gerettet worden. Andererseits wird der Zeitpunkt, in welchem dem Genuesen der Plan reifte, um wenigstens fünf Jahre zurückgerückt, aber leider in eine Zeit verlegt, welche mit dem angeblich früheren, ständigen Aufenthalte des Columbus in Portugal sich nur schwer vereinigen läßt, da sein Name in den Acten Genuas 1472, 1473 und 1476 erscheint. Wenn dadurch auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen ist, daß Columbus 1474 sich zu Lissabon aufgehalten, so doch sicher nur als Seemann vorübergehend, und es bleibt die Frage unerledigt, warum er sich nicht direct von Italien aus an den Physiker in Florenz gewandt. Zudem ist auffällig, daß, nach dem zweiten Briefe Toscanelli’s zu urtheilen, dieser Gelehrte nicht zu wissen scheint, daß Columbus ein Italiener ist. Er hält ihn vielmehr für einen Portugiesen, wie aus der Anspielung auf diese Nation hervorgeht. Wenn Columbus nun nach dieser Seite sich nicht deutlich ausgesprochen hat, ist der Schluß nicht unberechtigt, daß er bereits in Portugal seit mehreren Jahren ansässig gewesen und sich also gleichsam als Portugiese gefühlt habe, wie er ja auch in Spanien später seinen ganzen Namen umänderte. Dann aber fällt die Correspondenz mit Toscanelli bereits in den Anfang der achtziger Jahre,[170] was auch am besten zu dem ganzen Verlauf der Angelegenheit in Portugal stimmt.
Glücklicherweise ist von dem ausgezeichneten Forscher der ältesten amerikanischen Literatur, von Harrisse, eine von Columbus selbst geschriebene Copie des Toscanelli’schen Briefes an Martinz in der Colombinischen Bibliothek zu Sevilla aufgefunden und veröffentlicht. Ein Vergleich dieses lateinisch geschriebenen Briefes mit dem in der ~Vida del Almirante~ gegebenen Texte zeigt deutlich, daß auch dieses wichtige Document durch die Hand des Biographen des Entdeckers nicht unwesentliche Veränderungen erfahren hat.
Wegen seiner großen Bedeutung theilen wir den Brief vollständig mit.[171]
„Dem Canonicus Ferdinand Martinz zu Lissabon sendet der Physiker Paul (Toscanelli) seinen Gruß. Von deinem vertrauten Umgange mit Sr. Maj. dem Könige ist es mir um so angenehmer gewesen Kenntniß zu erhalten, als ich mit dir schon früher gesprochen habe über einen kürzeren Seeweg zu den Gewürzländern, als derjenige ist, welcher über Guinea führt. Der König wünscht nun von mir eine noch mehr durch den Augenschein überzeugende Erläuterung, so daß auch der minder Bewanderte diesen Weg begreifen und verstehen kann. Obgleich ich nun weiß, daß man dies an einer Kugel, welche die Erde vorstellt, zeigen könnte, so habe ich mich doch des leichteren Verständnisses und der geringen Mühe wegen, entschlossen, diesen Weg auf einer Seekarte zu erläutern. Ich sende also Sr. Majestät eine eigenhändig entworfene Karte, auf welcher eure Küsten und Inseln eingezeichnet sind, von denen der Weg, immer gegen Abend, beginnt, und die Orte, zu denen man gelangen muß, und wie weit man vom Pol oder vom Aequator abweichen muß, und durch einen wie großen Abstand, d. h. nach wie viel Meilen, man zu jenen Orten kommen muß, welche die größte Fülle von allen Gewürzen und Edelsteinen besitzen. Und wundert euch nicht darüber, daß ich +das+ „+westliches+“ Gebiet nenne, wo die Gewürze sind, während es gewöhnlich als östliches bezeichnet wird, weil durch Seefahrten immer nach Westen jene Gegenden durch unterirdische (~subterraneas~) Fahrten gefunden werden, während sie zu Lande und auf dem +oberen+ Wege immer nach Osten aufgesucht werden. Demnach zeigen die geraden in der Länge der Karte eingetragenen Linien den Abstand von Osten nach Westen, dagegen die transversalen Linien die Abstände von Süden nach Norden. Ich habe aber in der Karte verschiedene Orte eingetragen, zu denen ihr nach den genauern Nachrichten der Schifffahrten kommen könntet; sei es nun, daß man durch (widrige) Winde oder durch irgend einen andern Umstand anderswohin gelangte, als man erwartete, theils aber auch, um den Einwohnern zu zeigen, daß sie (die Seefahrer) bereits eine Kenntniß jenes Landes haben, was um so angenehmer sein muß. Es wohnen aber auf den Inseln nur Kaufleute. Es wird nämlich behauptet, daß dort eine so große Menge von Kauffahrteischiffern, wie sie auf der ganzen übrigen Welt nicht sind, sich in dem einen berühmtesten Hafen, Namens Zaiton finden. Man behauptet nämlich, daß in jenem Hafen jährlich 100 große Schiffe mit Pfeffer abgehen, ungerechnet die anderen Schiffe, welche andere Gewürze laden. Jenes Land ist sehr volkreich und sehr reich an Provinzen, Staaten und zahllosen Städten und steht unter +einem+ Fürsten, welcher der +Groß-Kan+ genannt wird, was so viel als König der Könige bedeutet. Sein Sitz und seine Residenz ist meistens in der Provinz +Katay+. Seine Vorfahren wünschten mit den Christen in Verkehr zu treten. Schon vor 200 Jahren schickten sie zum Papste und baten um mehrere Gelehrte, damit sie im Glauben unterrichtet würden; aber dieselben stießen unterwegs auf Hindernisse und kehrten wieder um. Auch zur Zeit des Papstes Eugen kam einer zu Eugen[172] und bestätigte das große Wohlwollen gegen die Christen; und ich habe selbst ein langes Gespräch mit ihm gehabt über vielerlei, über die Größe der königlichen Paläste und über die Größe der Flüsse in der Breite und wunderbaren Länge und über die Menge der Städte an den Ufern der Flüsse, daß an einem Flusse gegen 200 Städte erbaut sind und marmorne Brücken von großer Breite und Länge, welche allenthalben mit Säulen geziert sind. Dieses Land ist werth, von den Lateinern aufgesucht zu werden, nicht allein weil ungeheure Schätze von Gold, Silber und Edelsteinen aller Art von dort gewonnen werden können und von Gewürz, welches nie zu uns gebracht wird, sondern auch wegen der gelehrten Männer, Philosophen und erfahrenen Astrologen, und um zu erfahren, mit welchem Geschick und Geist dieses so mächtige und große Land regiert wird und auch Kriege geführt werden. Florenz, 25. Juni 1474.“
„Von Lissabon nach Westen in gerader Linie sind 26 Spatien in die Karte eingetragen, von denen jedes 250 Milliarien umfaßt, bis zu der sehr prächtigen und großen Stadt Quinsay. Dieselbe hat einen Umfang von 100 Milliarien und hat 10 Brücken und der Name bedeutet Stadt des Himmels,[173] und viel Wunderbares wird darüber berichtet von der Menge der Künstler und der Einkünfte. Dieser Abstand beträgt fast den dritten Theil der ganzen Erde. Jene Stadt liegt in der Provinz +Mangi+, in der Nachbarschaft der Provinz +Katay+, in welcher die Hauptstadt des Landesherrn liegt. Aber von der auch bekannten Insel +Antilia+ zu der sehr berühmten Insel +Cippangu+ sind 10 Spatien. Jene Insel nämlich ist sehr reich an Gold, Perlen und Edelsteinen, und mit purem Golde deckt man Tempel und Paläste. Und so muß man auf unbekannten aber +nicht weiten+ Wegen den Raum des Meeres durchschneiden.“
Leider ist die Karte Toscanelli’s, welche Columbus auf seiner Reise bei sich hatte und welche später Las Casas in seinem Besitze hatte, nicht bis auf unsere Zeit erhalten. Um ein Bild von derselben zu gewinnen, muß man vor allem die von Toscanelli fixirten Abschnitte oder Spatien prüfen. Es ist besonders wichtig zu betonen, daß der florentinische Astronom nur +ein+ Längenmaß, Milliarien, gebraucht und von diesen römischen Millien 250 auf ein Spatium rechnet. Humboldt[174] und Peschel[175] sind deshalb zu irrigen Resultaten gelangt, weil sie den lateinischen Originaltext des Toscanelli’schen Briefes noch nicht kannten und durch die in den spanischen und italienischen Uebersetzungen jenes Documents eingeschobenen und zum Theil wieder verschriebenen und entstellten Uebertragungen von Millien in Leguas zu falschen Schlüssen verleitet worden.
Die Angaben und Vorschriften Toscanelli’s für eine westliche Fahrt zu den Gewürzländern waren so bestimmt und zuversichtlich gegeben, daß Columbus dieselben nur zu adoptiren brauchte. Und daß er sich in diesem Sinne ausgesprochen hat, läßt sich aus der darauf folgenden Antwort Toscanelli’s erkennen. Da sind keine Zweifel zu beseitigen, keine dunklen Punkte mehr aufzuhellen, keine Fragen zu beantworten. Columbus hat sich bereit erklärt, die Idee Toscanelli’s zu verwirklichen und dieser versichert noch einmal, der Weg sei ganz sicher und führe zum Ziel: „Ich lobe eure Absicht,“ schreibt der Physiker, „nach Westen zu fahren und ich bin überzeugt, wie ihr auf meiner Karte bereits gesehen habt, daß der Weg, den ihr nehmen wollt, nicht so schwierig ist, als man denkt; im Gegentheil der Weg nach jenen Gegenden, welche ich eingezeichnet habe, ist ganz sicher. Ihr würdet keine Bedenken haben, wenn ihr, wie ich, mit vielen Personen verkehrt hättet, welche in jenen Ländern gewesen sind, und seid gewiß, mächtige Könige anzutreffen, viele volkreiche wohlhabende Städte und Provinzen zu finden, welche an jeder Art Edelsteinen Ueberfluß haben; und es wird die Könige und Fürsten, welche in jenen entfernten Ländern herrschen, hoch erfreuen, wenn man ihnen einen Weg bahnt, um mit den Christen in Verbindung zu treten und sich von denselben in der katholischen Religion und in allen Wissenschaften, welche wir besitzen, unterrichten zu lassen. Deshalb und wegen vieler anderen Ursachen wundere ich mich nicht, daß ihr so viel Muth zeigt wie auch die ganze portugiesische Nation, in welcher es immer Männer gegeben hat, die sich in allen Unternehmungen auszeichnen.“
Zwei Momente sind in diesem Schreiben noch beachtenswerth, einmal die besondere Bedeutung der Fahrt für die Verbreitung des Glaubens, auf welche Columbus selbst möglicherweise in seinem Brief angespielt hatte und sodann die Anerkennung des portugiesischen Unternehmungsgeistes. Toscanelli weiß offenbar nicht, daß Columbus Italiener ist, er hält ihn vielmehr für einen Portugiesen, und dieser hat über seine Heimat und sein Vaterland keine Mittheilung gemacht.
* * * * *
Wahrscheinlich im Jahre 1483 trat Columbus zuerst mit seinem Plane hervor. Der König Johann II. forderte darüber das Gutachten einer Commission ein, welche aus den bedeutendsten Gelehrten, Diego Ortiz, Bischof von Ceuta und Beichtvater des Königs, so wie aus den beiden königlichen Aerzten Rodrigo und Joseph bestand. Aber diese Räthe nahmen, wie Barros erzählt[176] die Reden des Genuesen für eitle Prahlerei und erklärten das ganze Project für Träumerei, welche nur in den Berichten Marco Polo’s ihren Grund habe. Und da auch der König sah, daß Columbus ein höchst fantastischer Schwätzer sei, so schenkte er ihm keinen Glauben. Und als bald darauf seine Gemahlin starb, verließ Columbus 1484 Portugal für immer, um in Spanien sein Glück zu versuchen. Man hat das Urtheil der Commission scharf getadelt wegen der rücksichtslosen Abweisung eines Unternehmens, welches noch im Laufe des nächsten Decenniums mit Erfolg gekrönt zu sein schien. Allein man darf nicht vergessen, daß die portugiesischen Ziele bestimmt nach einer andern Richtung wiesen und daß, wenn auch das Südende Afrikas noch nicht entdeckt war, doch die Erforschungen des Weges nach Indien nicht wieder auf einem ganz andern Wege begonnen werden konnten, nachdem man bereits so manchen Erfolg zu verzeichnen gehabt hatte. Es würde die Mittel des Reiches zersplittert haben. Dazu hatten die portugiesischen Räthe im Grunde Recht, den geringen Abstand der Westküste Europas von der Ostküste Asiens zu leugnen; und es ist nicht abzusehen, was aus dem Geschwader des Columbus geworden wäre, wenn er die wirkliche Breite des Weltmeers bis zu den Gestaden Chinas hätte durchmessen müssen.
Das später ausgesprengte Gerücht, der König Johann habe heimlich ein Schiff zur Westfahrt abgesendet, um den Plan des Columbus auszuführen, entbehrt jedes historischen Glaubens.
Auch in Spanien fand Columbus anfangs keinen günstigen Boden, aber er harrte, da sich allmählich die Aussichten günstiger zu gestalten schienen, jahrelang aus, bis die Zeitverhältnisse die Erfüllung seiner heißesten Wünsche, denen er von nun an sein ganzes Leben widmete, gestatteten.
4. Columbus in Spanien.
Es ist ein beachtenswerther Umstand, daß wir kein Porträt von Columbus besitzen, welches erwiesenermaßen als getreu bezeichnet werden darf. Daher weichen die Bildnisse, welche es von dem Entdecker der neuen Welt gibt, so außerordentlich von einander ab. Vielleicht liegt die Ursache darin, daß Columbus nur wenige Jahre sich der höchsten Gunst erfreute und bei seinem Tode unter seinen Zeitgenossen fast vergessen schien. Wenn man indeß die Schilderungen der Mitlebenden prüft, werden die beigegebenen Porträts wohl als die annähernd getreuesten zu erachten sein. Columbus war von hoher und kräftiger Gestalt, aber nach der Eigenthümlichkeit seines Kopfes und seiner Farbe hätte man ihn eher für einen Nordländer als für einen Italiener halten sollen. In dem länglichen, gerötheten, mit Sommersprossen bedeckten Gesichte leuchteten ein Paar hellblaue Augen; auch sein Kopfhaar war röthlich, ergraute aber frühzeitig, weshalb man ihn in der Regel für älter hielt, als er wirklich war. Die älteste Charakteristik verdanken wir dem Italiener Angelo Trivigiano,[177] welcher 1507 die Reiseberichte veröffentlichte. In der deutschen Uebersetzung des Jobst Ruchhamer vom Jahre 1508 lautet diese Darstellung, welche uns zugleich in die Unternehmung des Columbus einführen soll, folgendermaßen:
Hie anhebet das vierde Buch, Vnd ist von der schieffarthe des kuniges von Castilia, von Inseln vnd landen in kurtze erfunden. Das lxxxiiij Capitel, wie der kunige von Hispania rüstet, oder beraythe zway schieffe, dem Christoffel Dawber[178] von Jenua zu faren gegem nidergang.
DIser Christoffel Dawber von Jenua was ein man̄e lang vnd gerade, was grosser vernunfft, hette ein lang angesicht, nachuolgte vnd anhienge lange zeythe den Allerdurchleuchtigsten kunigen von Hispania, an alle orthe vnd ende so sie hin raysten, begerthe, das sie ime solten helffen zurüsten vnd belastigen etwan ein Schieffe, erbothe sich, er wölte finden gegen dem nidergange Inseln, anstossende an India, daselbstdann̄ die mennge der Edlen gestaynen, vnd Spezereyen, vnd auch des goldes, welches man leychtlich möchte vberkummen, der Kunig vnd Kunigin, vnd auch alle die vorgeensten in Hispania, hetten lange zeyte ein spyle, oder kurtzweyl an diesem furnemen dises Christoffels, vnd zu letzste nach siben jaren oder vber siben jare, vnd nach seynem manigualtigen begeren, bitten, vnd anlangen, wurden sie zu gefallen seynem willen, vnd rusten ime ein Naue, das ist, ein großses schieffe, vnd zway Grauele, mit welcher er hinweg fure von Hispania, vnd also anfienge sein rayse oder schieffarthe, vmb die ersten tage des Septeēber, das ist, des Herbstmondes, im MCCCCxCij Jare. --[179]