Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen

Part 27

Chapter 273,587 wordsPublic domain

Darum wurde Duarte Coelho, als er im Juni 1521 wieder mit zwei Schiffen vor Tamao erschien, von den Chinesen angegriffen. Er wies zwar mit seinen Kanonen den feindlichen Angriff zurück und befreite noch eins der portugiesischen Schiffe, aber Perez und sein Gefolge blieben als Gefangene zurück und wurden nicht freigegeben. Der abenteuernde Reisende Mendez Pinto wollte sogar im Jahre 1550 noch einige davon am Leben getroffen haben. Dagegen behauptet Barros, Thomas Perez sei mit allen seinen Mitgefangenen etwa ums Jahr 1523 hingerichtet. Ebenso schlug ein erneuter Versuch, welchen Martin Affonso de Mello Coutinho 1522 wagte, vollständig fehl, die Beziehungen zu China wieder anzuknüpfen. Die Chinesen griffen sein Geschwader von fünf Schiffen an, eroberten eins derselben und sprengten ein zweites in die Luft, so daß Coutinho die übrigen mit Mühe nach Malaka zurück rettete. So hatte also das unüberlegte Verfahren Simãos d’Andrade auf längere Zeit die nachtheiligsten Folgen.

Einzelne Schiffe wagten sich später wieder in die chinesischen Gewässer, wandten sich aber weiter nordwärts nach Ningpo, wo sie sich anfänglich vorsichtiger benahmen, um an dem lebhaften Handel der Stadt theilnehmen zu können. Aber mit den wachsenden Erfolgen stieg auch wieder der Uebermuth der Portugiesen; in Folge dessen sie in den vierziger Jahren wieder vertrieben wurden. Ningpo besaß aber eine lebhafte Verbindung mit Japan, und so gelangten die Portugiesen von hier nach jenem Inselreiche. In der Mitte des Jahrhunderts war China ihnen wieder verschlossen, nur auf +Macao+ wußten sie sich zu behaupten und haben den kleinen Besitz auf der Halbinsel bis heute zu erhalten vermocht, von dem aus sie auch mit Kanton weiterhin in geschäftlicher Verbindung blieben, nachdem sie sich zur Zahlung einer Geldsumme bequemt hatten.

Die erste Bekanntschaft mit +Japan+ machten die Portugiesen im Jahre 1542. Leider fließt hier die wichtigste historische Quelle so trübe, daß Wahrheit und Dichtung schwer zu unterscheiden ist. Es ist der Reisebericht des Fernão Mendez Pinto,[149] welcher 1539 nach Malaka kam, und nachdem er mehrere abenteuerliche Streifzüge nach Sumatra ausgeführt hatte, sich im folgenden Jahre mit Antonio de Faria nach China begab.

Der Piratenzug, an welchem sich Pinto betheiligte, scheint ihn mehrere Jahre in der Nähe und an den Küsten Chinas beschäftigt zu haben. So mochte er vielleicht vernommen haben, daß von der Mannschaft des Diogo de Freitas, welcher sich im Jahre 1542 in der alten Residenz von Siam, in Ayuthia befand, mehrere Leute desertirten und auf einer chinesischen Dschunke versteckt, dem „himmlischen Reiche“ zusteuerten, aber von einem Sturme nordwärts geführt unter dem 32° nördl. Br. bis an die Inseln der Japaner geführt wurden, wo sie auf Nipongi freundliche Aufnahme fanden. Sie waren die ersten Europäer, durch welche die Japaner mit Feuerwaffen bekannt gemacht wurden.

Pinto, dessen Erzählung von Richthofen als „ein Meer von Lügen“ bezeichnet, „in welchem man einzelne Inseln der Wahrheit findet“,[150] eignete sich selbst den Ruhm der Entdeckung zu und behauptete, einer von jenen Matrosen gewesen zu sein, aber er verlegte das Ereigniß um zwei Jahre zu spät. Da aber seine Darstellung und die Angabe von Ortsnamen wirkliche Kenntniß von Japan verräth, so ist es nicht unmöglich, daß er selbst, nachdem er vielleicht in Ningpo die Nachricht von jener ersten Entdeckung erhalten hatte, den südlichen japanischen Inseln, Tamga-sima und Kiusiu einen Besuch abgestattet hat. Eine klarere Vorstellung von jenem Inselreiche gewann man bald, seit Franz Xaver als erster Glaubensbote 1549 das Land betrat und bis 1551 mit großem Erfolge wirkte. Aber über Nippon hinaus nordwärts blieb Meer und Land in Dunkel gehüllt.

Auch China wurde noch in demselben Jahrhundert durch Augustiner- und Franziskanermönche genauer bekannt, welche von den Philippinen her 1577 zuerst in das große Reich eindrangen und ihr Bekehrungswerk begannen. So verdanken wir den Portugiesen nur die Kenntniß der Küsten, den spanischen Geistlichen die Kenntniß des Binnenlandes.

Die Thätigkeit der Portugiesen, welche in den ersten Decennien sowohl in Vorder-Indien als auch im Gebiet der Sunda-Inseln, einen so glänzenden Aufschwung genommen hatte, erlahmte sehr bald. Das kleine Reich hatte sich an Mitteln und Menschen erschöpft, es behauptete den errungenen Besitz nur noch mühsam, bis nach der Vereinigung Portugals mit Spanien im Jahre 1580 und nach der Vernichtung der spanischen Suprematie zur See die Holländer und Engländer in den indischen Gewässern erschienen und die ersten Entdecker der Gewürzländer aus ihrer Domäne verdrängten. Die Holländer übernahmen dann im folgenden Jahrhundert die Weiterführung der Entdeckungsfahrten, einerseits gegen Südosten nach Australien, andererseits gegen Nordosten über Japan hinaus bis an das ochotskische Meer und bis zu den Kurilen.

Zweites Capitel.

Die Bahn der Spanier nach Westen und die Entdeckung der neuen Welt.

1. Die Bedeutung der italienischen, namentlich genuesischen Nautik und das frühere Leben des Christoph Columbus.

Noch ehe die Portugiesen das Ziel ihrer langjährigen Anstrengungen zur See, Indien, zu erreichen vermochten, ja noch ehe sie das ihnen in den Weg geworfene Hinderniß, die plumpe Masse des ungegliederten Erdtheils Afrika, durch glückliche Umschiffung endlich überwunden hatten, tauchte ein anderes Project auf, das durch seine Kühnheit alle Welt stutzig machte und deshalb naturgemäß überall auf Widerspruch stieß, ein Project, das in seinem Kern von ganz richtigen Grundsätzen ausging und unter der damals nicht mehr bestrittenen Annahme von der Kugelgestalt der Erde den geraden Weg nach Westen über das völlig unbekannte Weltmeer als den nächsten und bequemsten Weg nach Indien oder überhaupt nach dem Ostrande der alten Welt vorschlug, deren Gestade, wie man aus den Erzählungen Marco Polos und seiner Nachfolger wußte, gleichfalls von einem unendlich scheinenden Ocean bespült wurden. Der Träger dieses Projects, wenn auch keinesweges der Schöpfer desselben, war ein Italiener Christofero Colombo oder, wie er mit der latinisirten Form seines Namens allgemein genannt wird, +Columbus+.

Italienern verdanken wir im Mittelalter den ersten folgenreichen Aufschwung der Nautik, Italiener waren die Lehrmeister der Portugiesen gewesen, ein Italiener entwarf zuerst den kühnen Plan einer Westfahrt nach Indien, ein Italiener führte den Gedanken aus, nach einem Italiener erhielt die neue Welt ihren Namen; Italiener waren zur selben Zeit auch die Leiter der Seeunternehmungen, welche von Frankreich und von England aus im westlichen Meere Entdeckungen machen sollten. Aber daß sie niemals in der Heimat eine hochherzige Unterstützung für ihre Pläne fanden, und ihre Ideen nur im Auslande verwerthen konnten, wo sie, nur von Fremden umgeben, und von nationaler Eifersucht bewacht, vielfach auf Widerstand stießen, hat mannigfache Verwicklungen und manche Wechselfälle in dem Leben der leitenden Persönlichkeiten veranlaßt; vor allem in dem tragischen Ausgange des berühmtesten von allen, des Columbus selbst.

Werfen wir zunächst einen Blick auf das +frühere Leben+ dieses merkwürdigen Mannes, auf die Zeit, in welcher er das Schicksal so mancher seiner Zeitgenossen und Landsleute, die sich dem Seegewerbe widmeten, theilte.

Auf die Ehre, die Geburtsstätte des Columbus gewesen zu sein, haben viele Orte Italiens Anspruch erhoben: Albisola, Bogliasco, Chiavara, Cogoleto, Nervi, Oneglia, Pradello, Quinto, Savona, Genua; aber Columbus selbst bezeugt in seinem Testamente zweimal, daß er in der Stadt (~ciudad de Genova~) geboren sei, so daß damit die rechtmäßige Entscheidung gegeben ist.

Er stammte also aus derjenigen Seestadt, welche den weitgehendsten Einfluß auf die Entwicklung des Seewesens in Westeuropa bereits seit mehreren Jahrhunderten gehabt hatte. Denn schon in den Jahren 1116 und 1120 waren genuesische Schiffsbaumeister und Seeleute nach Spanien gerufen, um die Küsten des Landes vor den maurischen Seeräubern zu schützen, und im 13. und 14. Jahrhundert wurden Genuesen zum Range castilischer Admirale erhoben.

Genuesen hatten bereits gegen Ende des 13. Jahrhunderts (s. o. S. 23) den Versuch gewagt, einen Seeweg nach Indien, um Afrika herum, aufzufinden, und hatten vielleicht um dieselbe Zeit schon die canarischen Inseln wieder aufgefunden. Der König Diniz III. von Portugal stellte 1307 einen Genuesen an die Spitze der Flotte und noch unter Heinrich dem Seefahrer zeichneten sich die Söhne Genuas bei den Entdeckungsfahrten aus: Perestrello, ein Vorfahr des Schwiegervaters des Columbus, wird als der Wiederentdecker von Porto Santo genannt, Antonio de Noli fand 1460 die capverdischen Inseln (s. o. S. 96).

Auch in Frankreich und England nahmen seit dem 13. und 14. Jahrhundert die Könige genuesische Seeleute in ihren Dienst und vertrauten ihnen die Führung von Seegeschwadern an.[151] Diesem selben Zuge der genuesischen Jugend, in den westlichen Ländern am Ocean und auf dem Ocean selbst ihr Glück zu suchen, folgte auch Columbus.

Ueber +sein Geburtsjahr+ ist viel gestritten worden. Man hat dafür die Jahre 1436, 1446 und 1456 angenommen. Die Ursache dieser auffälligen Schwankungen liegt in den einander widerstreitenden Angaben, wobei, je nach der Berechnung der Zeiträume, auch noch die geringeren Abweichungen bezüglich der Jahre 1435 bis 1437 oder 1445 bis 47 vorkommen. Der Beweis für das Jahr 1436 stützt sich vornehmlich auf die Aussage eines zeitgenössischen Geschichtschreibers, welcher persönlich mit Columbus bekannt war, auf Andres Bernaldez (~Historia de los Reyes catolicos D. Fernando y Da. Isabel, Sevilla 1870~), welcher von 1488 bis 1513 Geistlicher im Städtchen Los Palacios bei Sevilla war, und den Entdecker der neuen Welt bei seiner glücklichen Heimkehr von seiner zweiten Reise als Gast bei sich sah. Bernaldez schreibt, daß Columbus in gutem Greisenalter, im Alter von 70 Jahren etwa gestorben sei. (~Murió in senectute bona de edad de setenta años poco mas o menos.~) Nach dieser Angabe wäre Columbus also etwa 32 Jahre älter gewesen als sein jüngster Bruder Diego, welcher bestimmt im Jahre 1468 geboren ist. Aber Bernaldez hat sich durch das graue Haar des Entdeckers täuschen lassen und wußte nicht, daß Columbus schon mit 30 Jahren ganz weiß geworden war.

Nach einer zweiten Ansicht, welche besonders von Peschel vertreten wurde,[152] soll Columbus 1456 geboren sein. Columbus schreibt nämlich am 7. Juli 1493, er sei in einem Alter von 28 Jahren in den Dienst der spanischen Krone getreten,[153] und erwähnt am 14. Jan. 1493, daß er den kommenden 20. Januar den katholischen Majestäten gerade 7 Jahre gedient habe.[154] Sein Eintritt erfolgte demnach 1486 und sein Geburtsjahr würde um 1458 zu setzen sein. Andererseits sagt aber der Entdecker am 21. Dec. 1492, er sei fast ohne Unterbrechung 23 Jahre auf See gewesen,[155] also seit 1470. Nimmt man dazu die Angabe der „~vida del Almirante~“, welche selbst behauptet[156] von seinem Sohne Ferdinand geschrieben zu sein, daß der Vater schon in seinem 14. Jahre auf die See gegangen sei, so mußte Christoph Columbus 1456 geboren sein.

Allein dagegen ist mit Recht eingewendet, daß Columbus von 1483 bis 1492 fast gar keine Seereisen mehr gemacht hat und seit 1486 sich beständig in Spanien aufhielt, daß demnach der Ausgangspunkt, von dem die 23 Jahre ununterbrochener Seefahrten an rückwärts zu zählen sei, in das Jahr 1483 zu setzen sei, so daß also Columbus seit 1460 etwa das Seegewerbe betrieben habe. Dazu stimmt ferner, daß Columbus 1501 erklärt, er befahre nun bereits seit mehr als 40 Jahren das Meer. Kam er nun sehr jung, im 14. Jahre, aufs Schiff, so müßte er 1446 geboren sein.

Diese Ansicht vertheidigt besonders d’Avezac.[157] Den Widerstreit gegen die eigene Angabe des Columbus, er sei in seinem 28. Jahre in spanische Dienste getreten, löst d’Avezac scheinbar gewaltsam, indem er, wie vor ihm bereits Navarrete, die Zahl 28 für einen Schreibfehler erklärt und behauptet, Columbus hätte schreiben müssen, im 38. Jahre.[158]

Aber d’Avezac verstärkt seine Hypothese durch den Hinweis auf eine gerichtliche Urkunde vom Jahre 1472, in welcher Columbus zweimal als Zeuge vor dem Gericht in Savona, wo sein Vater damals wohnte, aufgeführt wird als: ~Christopherus Columbus, lanarius de Janua, annos Laetoriae legis egressus~. Da nun das Lätorische Gesetz sich auf das 25. Lebensjahr bezieht und Columbus 1472 dieses Jahr bereits überschritten hatte, so kann er unmöglich 1456, wohl aber 1446 geboren sein. Auch in den Jahren 1473 und 1476 wird Columbus zusammen mit seinem Bruder noch in den Gerichtsacten Genuas genannt. Es ist immerhin möglich, daß er, wenn er auch zeitweilig das Handwerk seines Vaters, die Wollweberei betrieb, doch daneben auch kleinere Seereisen unternahm, von denen er nach seiner Vaterstadt zurückkehrte.

Ueber seine Jugendzeit wissen wir wenig, die Angabe der „~Vida~“, welche sogar seinen Sohn Fernando als Verfasser nennt, aber sicherlich nicht von ihm geschrieben ist, sind theils legendenhaft, theils geradezu unglaublich, so daß sie vor der historischen Kritik beanstandet worden sind.[159] Man hat ohne Bedenken danach angenommen, daß Columbus die Universität Pavia besucht habe, aber seine Jugend und die für diese Studien verfügbare Zeit sprechen dagegen, da er bereits mit dem 14. Lebensjahre auf die See ging.[160]

Den Ocean scheint er erst im 30. Jahre kennen gelernt zu haben. Es wird nämlich erzählt, daß er im Jahre 1477 und zwar bereits im Februar, wahrscheinlich von Bristol aus, hundert spanische Meilen über Tyle (Thule) hinaus gesegelt sei (vgl. oben S. 28). Thule identificirte man mit den Faröern, welche damals unter dem Namen Friesland bekannt waren. Columbus suchte also, wie auch andere seiner Landsleute, sein Glück im Auslande zu machen. Von England begab er sich später nach Portugal, wahrscheinlich zu Ende der Regierung Alfons V., welcher 1481 starb, und machte von hier aus eine Fahrt nach der Küste von Guinea. Da er bei dieser Gelegenheit die portugiesische Niederlassung von St. Jorge de la Mina besuchte, so kann diese Fahrt nicht vor 1482 fallen, in welchem Jahre das genannte Fort an der Goldküste erst angelegt wurde. In Lissabon verheirathete er sich mit der Donna Felipa Muñiz-Perestrello, und zog mit ihr nach dem Besitzthum ihres Vaters auf der Insel Porto Santo. Dort lernte er auch die auf das Seewesen bezüglichen Karten und hinterlassenen Papiere seines bereits verstorbenen Schwiegervaters Perestrello kennen. Aus ihnen schöpfte er wohl auch die ersten dunklen Nachrichten von Inseln und Ländern, welche im westlichen Meere liegen sollten, von denen er dann selbst mit Eifer neue Kunde sammelte.

2. Das allmähliche Reifen des Planes einer Westfahrt.

Es lag im Glauben der Zeit, hinter jeder am Horizonte auftauchenden Nebelbank im Ocean ein noch unbekanntes, reiches und gesegnetes Land zu vermuthen. Die Canarien, Açoren und Capverden waren in den letzten Jahrzehnten genauer bekannt geworden, die Fortschritte der portugiesischen Entdeckungen wirkten auf die Seeleute geradezu fieberhaft. Die Matrosen erzählten einander von den Geheimnissen des westlichen Weltmeeres, und Columbus lauschte aufmerksam auf solche Berichte. Die ~Vida del Almirante~ führt (Cap. 8) eine Reihe solcher Schiffernachrichten auf, welche gerade durch das Nebelhafte ihrer Umrisse die Phantasie aufzuregen vermochten. Danach hörte Columbus über die Nähe der den westlichen Gestaden der bekannten Welt gegenüberliegen sollenden Küsten mancherlei von solchen Seeleuten, welche häufig die Meere jenseit Madeira und der Açoren befahren hatten. Der portugiesische Pilot Martin Vicente erzählte ihm, er habe 450 Leguas (spanische Meilen) westlich vom Cap S. Vicente ein geschnitztes Holz aufgefischt, welches unter dem mehrere Tage anhaltenden Westwinde herangetrieben sei. Es müsse also in nicht zu großer Entfernung im Westen Inseln oder größeres Land geben. Sein Schwager Pedro Correo theilte ihm mit, daß ein ähnlich bearbeitetes Holz auch in Porto Santo angeschwommen sei. Auf den Açoren waren Stämme von Fichten, wie sie dort nicht wachsen, angetrieben. Auch ein mächtiges Schilfrohr, wie es nur in Indien wachsen konnte, und welches von Knoten zu Knoten 9 Karaffen Wein fassen sollte, war aufgefunden. Auf der açorischen Insel Flores hatten die Bewohner zwei Leichen einer unbekannten Menschenrasse gefunden. Die Ansiedler in der Nähe des Cap de la Virga wollten sogar gedeckte Barken, s. g. Almadias mit fremdartigen Menschen besetzt gesehen haben.

Antonio Leme von Madeira erzählte dem Columbus ferner, er habe 100 Meilen weit gegen Abend drei Inseln gesehen. Dieselben Inseln wurden 1484 wiederum von einem Schiffscapitän aus Madeira gesehen, der sich in Folge dessen nach Portugal begab, um sich von der Regierung eine Caravele zu erbitten, mit welcher er jene Inseln entdecken wollte.

Ein anderer Pilot erzählte ihm in Puerto de Sta. Maria, daß er auf der Reise nach Irland Land gesehen, welches er für den Theil der Tatarei gehalten; schlechtes Wetter habe ihn aber abgehalten daselbst zu landen. Ebenso wollte auch ein Galicier, Pedro Velasques (oder Velasco), westlich von Irland Anzeichen von Land bemerkt haben. Und endlich kam auch der Portugiese Vicente Dias aus der Stadt Tavira in Algarbien mit der Nachricht heim, er habe auf der Rückfahrt von Guinea nach Madeira im Westen unbekanntes Land gesehen. Mit Unterstützung eines reichen Genuesen, Lucas de Cazzana, wurden in Folge dessen mehrere vergebliche Versuche gemacht, dieses Land aufzufinden.

Ob Columbus von der Fahrt des +Johann von Kolno+[161] gehört hatte, welcher 1476 von dem König Christian I. von Dänemark abgesandt worden, um die Verbindung mit Grönland wieder herzustellen, und welcher wahrscheinlich Labrador und den Eingang der später sogenannten Hudsonstraße sah, ist sehr fraglich, wenn sich auch später die Nachricht von dieser Entdeckung bis nach Spanien und Portugal verbreitete, wie daraus zu ersehen ist, daß Gomara in seiner Geschichte von Indien (Zaragoza 1553, S. 20) dieselbe erwähnt.[162]

Alle diese und ähnliche Mittheilungen über Inseln, welche im fernen westlichen Meere liegen sollten, gehörten aber nicht allein dem Zeitalter des Columbus an, sondern lassen sich bis ins classische Alterthum rückwärts verfolgen, wie bereits oben S. 22 angedeutet ist.

Wichtiger noch war es, daß solche Angaben auch von den Verfertigern der Seekarten im 14. und 15. Jahrhundert mit verwendet wurden. Vor allem waren es die Italiener, welche, wie sie den Fortschritt der portugiesischen Entdeckungen mit größter Aufmerksamkeit verfolgten, auch die von ihren Landsleuten zuerst gesehenen Canarien und Açoren in die Karten einzeichneten (oben S. 24). Gradezu überraschend wirkt die Wahrnehmung, daß Andrea Bianco schon 1448 auf seiner Karte eine Andeutung von den Capverden machte, noch ehe dieselben, nachweisbar, von den Portugiesen betreten waren.[163] Aber daneben erscheinen auch andere Gebilde von Inseln, welche nur einer Sinnestäuschung der Seefahrer ihre Existenz verdankten. Zu diesen gehört namentlich die Insel +Antilia+, welche seit dem Anfange des 15. Jahrhunderts auftauchte und uns zuerst auf einer im Jahre 1424 gezeichneten und in der großherzoglichen Bibliothek zu Weimar aufbewahrten Karte entgegentritt.[164] Ebenso findet sich diese Insel auf den Karten des Battista Beccario vom Jahre 1426 (in München) und vom Jahre 1435 (in Parma). Westlich von den Açoren und etwa 15° vom Cap Finisterre in Galicien erstreckt sich auf der letztern (vom Jahre 1435) eine Inselkette von Norden nach Süden, vom Parallel der Gironde bis zu dem von Gibraltar, und führt die Inschrift: ~Insule de novo reperte~. Von den zwei größeren Inseln ist die südliche Antilia genannt.[165] Auch Andrea Bianco wiederholt 1436 das Bild von Antilia (~ya de antillia~) und fügt hinzu, daß nach der Inselgruppe spanische Schiffe gelangt seien (~questoxe mar de spagna~). Ihm folgt 1476 Andrea Benincasa von Ancona und zeichnet das Bild der Insel wie Bianco, während Martin Behaim dieselbe auf seinem Globus (siehe Beilage) weiter südlich hart an die Grenzlinie der heißen Zone versetzt.

Diese Insel hat eine gewisse Bedeutung in dem Plane des Columbus gehabt und hat, wenn auch nicht ihre damals bereits ziemlich unbestimmte Existenz, so doch wenigstens ihren Namen gerettet und auf die westindische Inselflur vererbt.

Verfolgen wir nun weiter die verschiedenen Anregungen, welche Columbus in sich aufnahm, so müssen wir neben den Schifferberichten und den dieselben beglaubigenden Seekarten auch eines damals verbreiteten geographischen Werkes gedenken, welches der Genuese schon während seines Aufenthaltes in Portugal sehr fleißig las und auch später auf seinen Reisen mit sich führte. Es ist die ~Imago mundi~ (Weltbild) des Cardinal von Cambray, Pierre d’Ailly (Petrus de Alliaco), welche um 1410 geschrieben ist. Dieses Werk stellt sich als eine ziemlich mittelmäßige Compilation aus früheren scholastischen Arbeiten heraus, ~ex pluribus auctoribus recollecta~, wie der Titel der ältesten Ausgabe besagt. d’Ailly bemühte sich, das Wissen der Vergangenheit zusammenzufassen und citirte sowohl Lateiner und Griechen als auch Araber, von jenen den Seneca, Plinius, Solinus, Osorius, Augustin, Isidor und Beda, ferner den Aristoteles, Ptolemäus, Hegesippus, Johannes Damascenus, von diesen den Alfragani und Albategna. Aber er schreibt ziemlich ohne eignes Urtheil und stellt die Ansichten der classischen Autoren höher, als die Resultate neuerer Forschung. Den Namen Marco Polos erwähnt er nirgend. Aus ihm aber schöpfte Columbus den ganzen Vorrath seiner kosmographischen Vorstellungen, namentlich seine Auffassung von der Größe der Erde, von der Schmalheit des Oceans, von der Lage und Natur des Paradieses und von dem bevorstehenden Weltuntergange.[166]

Vor allem auffällig ist die Abhängigkeit des Columbus zu erkennen, wenn wir das 8. Capitel der Imago, über die Größe der bewohnbaren Erde, prüfen. Aus diesem Abschnitte entlehnte der Genuese in seinem Briefe aus Haiti, auf seiner dritten Reise (1498), einen längeren Abschnitt. d’Aillys Darstellung ist etwa folgende.[167] Wenn man wissen will, wie viel von der Oberfläche der Erde bewohnbar ist, so hat man theils das Klima, theils das Wasser zu berücksichtigen. Ptolemäus meinte, etwa ein Sechstel der Erde sei Land, das übrige mit Wasser bedeckt. Im Almagest (~lib. II.~) modificirte er seine Ansicht, und hielt ¼ der Erdoberfläche für bewohnbar. Aristoteles nahm einen noch größeren Länderraum an und lehrte, daß zwischen der Westküste Spaniens und der Ostküste Indiens das Meer (unser atlantischer Ocean) nur schmal sei. Ueberdies sagt Seneca im 5. Buche der Naturgeschichte, daß man bei günstigem Winde in wenig Tagen über dieses Meer segeln könne. Aehnlich spricht sich auch Plinius aus, so daß man daraus folgern darf, daß das Meer unmöglich ¾ der Erdoberfläche bedecken kann.

Dazu kommt noch der gewichtige Ausspruch Esra’s (Esdra) im 4. Buche, welcher behauptet, es sei nur 1/7 der Erdoberfläche mit Wasser bedeckt.

Im 49. Capitel, welches von der Verschiedenheit der Gewässer und namentlich vom Ocean handelt, kommt d’Ailly noch einmal auf dieses Thema zurück und betont, daß sowohl Aristoteles als auch sein Commentator Averroes darauf aufmerksam gemacht, daß der Abstand zwischen der Westküste Afrikas und der Ostküste Indiens (d. h. Asiens) nicht sehr groß sein könne, weil man in beiden Ländern Elephanten finde. Wie groß aber der Abstand ist, weiß man noch nicht, denn er ist weder in unseren Zeiten gemessen, noch finden wir darüber bei den alten Schriftstellern genauere Angaben. Aber, fügt er im 51. Capitel hinzu, soviel ist gewiß, daß die Ausdehnung der bewohnten Erde von Spanien ostwärts bis Indien viel größer ist als der halbe Umfang der Erde.