Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen

Part 26

Chapter 263,539 wordsPublic domain

Nicht weit westlich von den Molukken springt die schlanke Halbinsel von Celebes vor. Diese eigenthümlich gegliederte Insel wurde damals, weil man die seichten und tiefgehenden Buchten noch nicht untersucht hatte, noch für eine Insel+gruppe+ gehalten und Ilhos des Celebes genannt. Zu ihrer Erforschung, denn es wurde viel von ihrem Goldreichthume berichtet, ging von Ternate eine Fuste ab; aber dieselbe wurde an mehreren Stellen bei Versuchen zu landen von den Einwohnern feindlich empfangen und wollte darum nach Ternate zurückkehren. Auf dem Heimwege trieb der Monsun das Fahrzeug weit nach Nordosten ins offene Meer und führte es nach einer Fahrt von 200 Meilen an das Gestade einer der Marianen oder Ladronen, welche Magalhães schon entdeckt hatte. Vier Monate wurde die Fuste hier durch widrigen Wind festgehalten und kam erst im Januar 1526 nach den Molukken zurück.

Um diese Zeit war Brito von seinem Posten abgerufen und wurde durch einen neuen Commandanten in der Person des Dom Garcia Henriquez ersetzt; dieser aber brachte durch seine falschen Maßnahmen die Portugiesen in mancherlei Ungelegenheit, weshalb an seine Stelle Menezes trat.

Es wirft ein eigenthümliches Licht auf die Handlungsweise des Henriquez, wenn wir lesen, daß derselbe zuerst seinen Nachfolger Menezes dadurch zu beseitigen hoffte, daß er ihn auf falsche Aussagen hin gefangen nehmen ließ und dann, als er genöthigt wurde, ihn wieder frei zu geben und als Statthalter anzuerkennen, doch ehe er das Fort verließ, die Kanonen desselben zu vernageln befahl, weil er fürchtete, Menezes würde, wenn er in See gehe, die Kanonen auf ihn richten und sein Schiff in den Grund schießen!

Ueber die weiteren Ereignisse auf den Molukken werden wir später zurückkommen, da sie ihr volles Verständniß erst im Zusammenhange mit von den Spaniern unternommenen Fahrten nach den Gewürzinseln erhalten (vgl. 3. Buch. 3. Capitel).

10. Das Phantom der Gold- und Silberinseln.

Zu allen Zeiten, wo durch weit ausgedehnte Eroberungszüge oder durch kühne Seefahrten große Strecken und Gebiete früher unbekannter Länder entdeckt worden sind, und dadurch der Gesichtskreis in kurzer Zeit bedeutend erweitert wurde, ist die Phantasie mächtig aufgeregt worden und hat neben den wahrheitsgetreuen Berichten von den fernen Ländern und Inseln auch den haltlosesten Gerüchten Glauben geschenkt, welche von unglaublichen Wunderwesen und Wunderlanden zu erzählen wußten. So ist es den Griechen nach dem Zuge Alexanders des Großen nach Indien gegangen, so erging es nun auch den Portugiesen in Indien und sollte es, wie wir später sehen werden, auch den Spaniern in Amerika ergehen.

Ein besonders interessantes Beispiel dafür ist das lockende Gespenst der Gold- und Silberinseln, um so mehr als darin ein Wahn aus dem Alterthum neu belebt wurde, welcher das ganze Mittelalter hindurch ein bescheidenes Dasein gefristet hatte.

Als unter den Nachfolgern Alexanders des Großen das vorderindische Land genauer bekannt wurde und einzelne Seefahrer auch den bengalischen Golf durchkreuzten bis zu den Gestaden Hinter-Indiens, wurde im Abendlande die Kunde von einer fern im Osten gelegenen Goldinsel (χρυσῆ νῆσος) verbreitet. Weiterhin belegte man die östlichsten asiatischen Länder nach ihren werthvollsten Erzeugnissen mit dem Namen des Goldlandes, des Silberlandes, des Kupferlandes.[134] Man hat darunter wohl die hinterindischen Staaten Birma und Siam zu verstehen. Ueber den Reichthum an edlen Metallen, wie er noch zu M. Polo’s Zeit von den Fürsten zur Schau getragen wurde, ist bereits (S. 64) berichtet. Auch die Halbinsel Malaka kannte das griechische Alterthum unter dem Namen des goldenen Chersoneses (χρυσῆ χερσόνησος); überdies nennt Ptolemäus auch noch eine goldene Insel. An der Fülle von Edelmetallen war also nicht zu zweifeln.

Bei den römischen Schriftstellern ging die Vorstellung bereits ins Phantastische und Unbestimmte über; man hielt sich namentlich an den Begriff der Gold- und Silberinseln, wollte aber nicht entscheiden, ob die Inseln nur Fundstätten des Metalles besäßen oder ganz und gar daraus beständen. Auch begnügte man sich nur mit der ungefähren Angabe der Lage. Aus den Lateinern schöpfte dann weiter das ganze Mittelalter.

Maßgebend war Plinius, denn die Griechen verstand man im Mittelalter bald nicht mehr. -- Die Angaben des römischen Compilatoren und seines späteren Nachschreibers Solinus beherrschten die Ansichten über ein Jahrtausend. Plinius schreibt: Jenseit der Mündung des Indus liegen, glaube ich, die Inseln Chryse und Argyre (die Namen wurden also aus dem Griechischen beibehalten), welche reich an Metallen sind. Denn wenn einige berichtet haben, sie beständen ganz aus Gold und Silber, so dürfte das schwerlich zu glauben sein.

Solinus, welcher stets geneigt ist, das Wunderbare noch zu übertreiben, änderte den Bericht dahin, daß er schrieb, die Inseln seien so reich, daß wie die meisten (?) berichteten, der Boden ganz aus Gold und Silber bestehe. Viel vorsichtiger hatte sich Pomponius Mela ausgedrückt. Aber Plinius und Solinus blieben die maßgebenden Quellen für die Gelehrten des Mittelalters. Im 6. Jahrhundert schrieb Isidor von Sevilla: Chryse und Argyre sind reich an Gold und Silber. Dort (nämlich in Indien überhaupt) gibt es goldene Berge, die aber von Drachen und Greifen und menschlichen Ungeheuern bewacht werden, so daß man nicht zu ihnen gelangen kann.

Kurz erwähnt die Inseln weiterhin der Geograph von Ravenna im 7. Jahrhundert, ebenso Hrabanus Maurus im 8., sodann Hugo von St. Victor im 13. Jahrhundert und Petrus de Alliaco (Pierre d’Ailly), Cardinal von Cambray im Anfang des 15. Jahrhunderts.[135]

Der Glaube an diese Inseln war also allgemein verbreitet; sogar eine gereimte Geographie aus dem dreizehnten Jahrhundert verherrlicht dieselben.[136] Die Weltbilder jener Zeit durften diese allgemein angenommenen Thatsachen nicht verschweigen. Bereits die Catalanische Weltkarte zeigt östlich von Indien die Inschrift: „In dem Meere von Indien sind 7548 Inseln, von denen wir hier nicht alle wunderbaren Reichthümer, die darin enthalten sind, von +Gold, Silber+ und kostbaren Steinen aufzählen können.“ Der Globus von Laon, welcher im Jahre 1493 entstanden ist, (vgl. ~Bulletin soc. geogr. Paris.~ 1860, 2) gibt östlich vom Ganges wenigstens eine ~Argentea R(egio)~ und ~Aurea R(egio)~ an.

Es ist daher durchaus erklärlich, wenn auch die Portugiesen, sobald sie in jene Regionen kamen, nach den kostbaren Inseln suchten.

Der erste, welcher danach ausging, war Diogo Pacheco. Kaum war er 1519 mit seinem Bruder nach Malaka gekommen, als er, durch lockende Erzählungen von der Goldinsel, welche südlich von Sumatra liegen sollte, angespornt, sich erbot, eine Fahrt dahin zu wagen. Der Gouverneur von Malaka, Diogo Lopez de Sequeira, gab ihm zwei Schiffe, aber das eine ging schon an der Nordwestküste von Sumatra unter. Mit dem andern gelangte Pacheco bis zum Hafen von Baros, welches auf der Westseite jener Insel ungefähr unter gleicher Breite mit Malaka liegt. Dort erfuhr er, die Goldinseln lägen wenigstens noch hundert Meilen weiter[137] gegen Süden in der See; es seien niedrige von Korallenriffen umsäumte Eilande mit Palmenhainen und schwarzer Bevölkerung.

Pacheco kehrte für diesmal wieder um, um noch Beistand zu holen, stach aber im nächsten Jahre wieder in See in Begleitung einer Brigantine. Das Einlaufen in Baros wurde ihm durch mehrere feindliche Schiffe von Kambaja und von Sumatra verwehrt, und ein Sturm trennte seine beiden Schiffe von einander. Pacheco selbst ging wahrscheinlich unter. So kostete also der Versuch dem ersten Abenteurer, der das Geheimniß lüften wollte, das Leben. Aber damit waren die Unternehmungen keineswegs abgeschlossen. Als König Manuel davon hörte, gab er dem Gouverneur von Indien, Diogo Lopez, welcher die königlichen Briefe in Kalahat (Kalhat), an den Küsten Arabiens erhielt, den Auftrag, ein Geschwader von drei Schiffen zur Aufsuchung auszuschicken. Zuerst sollte Christovão de Menezes die Führung übernehmen, dann wurde Pedro Eanes damit betraut. Die drei Schiffe bildeten aber einen Theil der Flotte, welche unter Jorge Albuquerque nach Malaka bestimmt waren. Als man jedoch zu diesem vielumstrittenen Hafen kam, konnte man dort die Schiffe nicht entbehren, weil der kleine Seekrieg mit den Nachbaren fast ununterbrochen fortging, und so unterblieb noch bei Lebzeiten Manuels eine weitere Expedition.

Dagegen gingen 1527 unter Leitung eines portugiesischen Piloten drei Schiffe von Dieppe aus, um als Freibeuter das indische Meer zu durchstreifen. Zwei Schiffe kamen nach Diu, ein drittes, welches schon am Cap der guten Hoffnung von den anderen getrennt war, segelte aufs Gerathewohl, ohne den Weg zu kennen, weiter und gerieth an die Küste von Sumatra. Von hier aus forschte er nach der Goldinsel, wo der ganze Strand, Kies und Sand, aus purem Golde bestehen sollte. Dieselbe wurde als ein üppiges Land geschildert, mit schönen Bäumen und klaren Wasserbächen und mit vielerlei wohlschmeckenden Früchten. Das nackte, wilde Volk kleidete sich nur mit Baumblättern, zeigte sich aber den Fremden gegenüber freundlich. Händler aus Sumatra erzählten später in Malaka, das Schiff habe die Goldinsel wirklich gefunden, sich mit Gold beladen und sei dann wieder abgesegelt, habe aber, der Meere unkundig, vielfach umhergeworfen, an der Küste von Sumatra Schiffbruch gelitten und alle Mannschaft verloren. Die dortigen Fischer hätten das Gold an sich genommen.[138] Dadurch schien also die Existenz dieser Inseln außer Frage gestellt. Und so schickte denn der Generalgouverneur Martim Affonso de Sousa im Jahre 1543 wieder eine Galee mit zwei Fusten aus, im Meere westlich von Sumatra nach der Goldinsel auszuspähen. Jeronimo de Figueiredo wollte zu dem Zweck von Goa ausgehen, aber das Unternehmen scheiterte bereits vor Beginn, infolge einer Intrigue.[139] Die Lage der Insel glaubte man ziemlich sicher ansetzen zu können. Man wird darum auch nicht vergebens suchen, wenn man auf den älteren Karten nach der Lage der Goldinsel forscht. Ortelius führt in seinem Theatrum Orbis[140] westlich von Sumatra sowohl ~Isole d’or~, als ~isolas d’oure~ an. Im Atlas Mercators, 1613, lesen wir in derselben Gegend ~Andramania id est aurea insula~. Und Willem Blaeu führt in seinem Kartenwerke 1634, ebenso wie Hend. Hondius die Insel „~de Ouro~“ an drei verschiedenen Stellen westlich von Sumatra an. Wenn man nun später auch etwas mehr Zweifel hegen mochte, so haben sich diese Fabelinseln doch bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts erhalten. Eine von Homanns Erben 1748 veröffentlichte Karte unter dem Titel ~Cartes des Indes orientales~ führt auf der Linie von den Malediven nach Nord-Sumatra wiederum noch an drei Stellen die Inseln auf mit den Inschriften: 1) ~Ouro, juxta Anglos, positionis et existentiae incertae~ (südlich von Ceylon); 2) ~I^{ae} ouro s. auri, juxta Batavos, pariter incertae~; 3) ~Ouro, juxta Batavos~.

Man erkennt auch hier wieder, daß Fabelwesen ein außerordentlich zähes Leben haben.

Daß man sich aber nicht blos unter den seefahrenden Nationen lebhaft mit diesen Inseln beschäftigte, beweist ein Brief, welcher (ohne Datum) an den Kurfürsten August von Sachsen gerichtet ist und folgendermaßen lautet: Es sind wahrhaftige (?) Zeitungen gekommen in kurzen Tagen aus Spania, wie daß der König habe eine neue Insel gefunden, Serieff, darin liegt nichts als lauter gediegen Gold, man hat zwei Gefangene aus den Königen allenthalben umhergeschickt, wer mit ihnen reden könnte, aber keinen gefunden, der sie hat verstehen können, vermeinend, man wolle viel erfahren durch sie, wie es um ihre Insel stehe. Sie sind aber bald gestorben. Der König hat wieder drei Schiffe verordnet, wie sie zu der Insel hinzufahren und zu besichtigen, wie sie zu gewinnen und zu erobern sei, nachfolgends will er erst ein Volk darauf verordnen. Er ist entschlossen, sie alle todt schlagen zu lassen, denn er könnte die Insel sonst vor ihnen nicht behalten, denn es ist ein rauhes, hartes und fahriges Volk.[141]

Wie alle solche Phantome, so wechselten auch diese Inseln ihre Stelle. Sie flackerten wie Irrlichter durch den großen Inselarchipel, tauchten einmal südlich von Timor auf und verloren sich schließlich in dem weiten fast insellosen Raum des nördlichen großen Oceans.

Es war am Ende des 16. Jahrhunderts, als Schiffer von der Insel Solor, nordwestlich von der Insel Timor, ins südliche Meer verschlagen wurden, und nun erzählten, sie hätten die Goldinsel gefunden. Als man dann zum zweitenmale die Entdeckung ausbeuten wollte, war das goldene Eiland nicht wieder zu finden. Aber die Kunde davon kam nach Malaka, wo damals Manoel Godinho de Eredia weilte, ein portugiesischer Mestize, welcher 1563 in Malaka geboren war und, nachdem er eine kurze Zeit dem Jesuitenorden angehört hatte, sich mit Kosmographie beschäftigte. Zuerst im Jahre 1594 schlug er vor, eine Expedition nach den langgesuchten Inseln auszurüsten und schrieb zu dem Zweck auch eine besondere Abhandlung.[142] Aber leider wurde der Plan zerstört, da zwei Jahre später Cornelis Houtman mit einer holländischen Flotte bei Sumatra erschien. Als dann nach Beseitigung dieser Gefahr für Malaka Godinho wieder Zurüstungen machte, wurde seine Vaterstadt 1601 zum zweitenmale von dem Holländer Jacob van Heemskerk angegriffen und Godinho wieder abgehalten, die Schätze der Goldinsel zu heben. Somit unterblieb der Zug überhaupt.[143]

Als dann kurz darauf die Holländer sich auf den Molukken und auf Java festsetzten, traten sie auch die Erbschaft bezüglich der Goldinseln an. Es war im Jahre 1635, als ein Beamter der holländischen Handelscompagnie, Willem Verstegen, dem holländischen Generalgouverneur Henricq Brouwer, dem Vorgänger des berühmten Antonio van Diemen, eine Schrift überreichte, worin er den Vorschlag machte, die Gold- und Silberinsel, welche östlich von Japan im großen Ocean unter 37½° nördl. Breite liegen sollte, für Holland in Besitz nehmen zu lassen. Brouwer mußte, da er 1636 abberufen wurde, die Ausführung seinem Nachfolger überlassen. Dieser war aber in den ersten Jahren durch wichtigere Angelegenheiten gegen seinen Willen (~tegen ons gemoet~) abgehalten, obwohl er die Wichtigkeit eines solchen Zuges nicht unterschätzte, und konnte erst 1639 zwei Schiffe unter dem Commandeur Matthys Quast aussenden mit dem Befehl, unter dem angegebenen Breitenparallel vierhundert Meilen nach Osten zu steuern, um die reichen Inseln aufzusuchen. Aber die ziemlich unglückliche Fahrt blieb resultatlos, da die Schiffe nur bis zu den Bonininseln kamen, welche südöstlich von Japan zwischen dem 20. und 30. Breitengrade liegen. Darum mußte der Versuch 1643 wiederholt werden. Wiederum sandte van Diemen zwei Fahrzeuge unter Martin de Vries aus, welcher zuversichtlich die so oft vergeblich gesuchten Inseln zu finden hoffte, da man sichere Kunde von ihrer Existenz in der bezeichneten Gegend zu haben meinte; denn die spanischen Schiffe, welche seit Jahren zwischen Manila und Mexiko verkehrten, hatten seit 1610 oder 1611 die Inseln schon gesehen. Es sollten hohe Gebirgsinseln sein, welche über die Maßen gold- und silberreich und von einem hellfarbigen, freundlichen, civilisirten Volke bewohnt wären. Unzweifelhaft liegt diesen Mittheilungen eine dunkle Nachricht von den hohen Sandwichinseln zu Grunde, deren Lage aber erst durch J. Cook, auf seiner dritten Reise, 1778, bestimmt wurde.

Die beiden Schiffe des Capitän Vries wurden an der Küste von Japan von einander getrennt; beide unternahmen daher selbständig die Forschungsreise. Vries wußte genau, wohin er zu steuern hatte, denn er besaß sogar eine japanische Karte, auf welcher an der Ostseite der Goldinsel ein Fluß verzeichnet war, in dem er ankern konnte. Vries drang 460 Meilen weit von Japan gegen Osten vor, das andere Schiff kam sogar 500 Meilen weit, aber das gesuchte Land blieb verborgen, denn die Sandwichinseln liegen nicht in der Nähe des 37. Parallelkreises, sondern nahe dem nördlichen Wendekreise.[144]

So blieb also der gehoffte Erfolg aus und man gab weitere Unternehmungen auf; aber zur Erweiterung der Kenntniß von den östlichen Meeren hatten auch diese fruchtlosen Fahrten beigetragen.

11. Der erste Besuch der Portugiesen in China und Japan.

Mit den Söhnen aus dem Reiche der Mitte waren die Portugiesen zuerst in Malaka zusammengetroffen; es war eine durchaus friedliche Begegnung gewesen. Die Chinesen waren ohne Scheu, lediglich im Handelsinteresse, an die fremden Schiffe herangekommen, denn sie hatten sofort die nautische Ueberlegenheit der Portugiesen erkannt, und ebenso war es für diese wohlthuend gewesen, gegenüber dem schleichenden, unzuverlässigen Wesen der Malayen, in den Chinesen eine Klasse von Händlern zu finden, mit denen man auf gleichem Fuße verkehren konnte, und die auch nicht durch irgendwelche religiöse Satzungen an einem ungezwungenen Geschäftsleben gehindert wurden.

Es stand sicher zu erwarten, daß, sowie die Verhältnisse in Malaka etwas geregelter sich gestalteten, man zu weiterer Bekanntschaft gern die Hand bieten würde, um dadurch den begonnenen Handelsverkehr noch mehr zu beleben. Leider sollte man bald die Erfahrung machen, daß der Chinese in der Fremde weit zugänglicher ist als in seinem Heimatlande.

Im Juli 1514 war Jorge d’Albuquerque Befehlshaber in Malaka geworden, im folgenden Jahre sandte er den Rafael Perestrello mit zehn Leuten in einer chinesischen Dschunke nach China, um das Land zu erkunden, von da kehrte er in einer Brigantine, die er auf seine Kosten ausgerüstet hatte, mit reicher Ladung nach Kotschin zurück.[145]

Kurz vorher langte der neue Generalstatthalter Lopo Soarez aus Portugal an; in seiner Begleitung kam Fernão Perez d’Andrade, um auf Befehl der portugiesischen Regierung eine Flotte nach China zu führen.

Andrade begab sich zunächst nach Sumatra, um eine Ladung Pfeffer einzunehmen, welche man in China gegen andere Waaren vertauschen wollte. Leider wurde er durch den Verlust seines besten Schiffes, welches durch Feuer zerstört wurde, genöthigt, sich nach Malaka zu begeben, und brach von hier am 12. August 1516 von neuem auf, obwohl die beste Jahreszeit ihrem Ende entgegen ging; denn es lag dem neuen Statthalter von Malaka, de Brito, daran, zu erfahren, was aus Perestrello geworden sei, von dem man damals noch nichts gehört hatte. Andrade kam aber nur bis zur Küste von Kotschinschina, nahm auf der wichtigen Insel (Pulo) Kondor, welche vor der Mündung des Mechong liegt und gegenwärtig im Besitz der Franzosen ist, Wasser ein, und kehrte, durch Stürme genöthigt, über den Hafen Patani, an der Ostküste der Halbinsel Malaka, nach dem Hafen von Malaka zurück. Nur das Schiff des Duarte Coelho blieb aus; dasselbe lief in die Mündung des Menam in Siam ein, blieb dort während der schlechten Jahreszeit und ging dann von hier aus allein nach China, wo Andrade wieder mit ihm zusammentraf. In der Zwischenzeit war Perestrello hier eingelaufen und dann weiter nach Kotschin gegangen. Der merkantile Erfolg seiner Reise spornte Andrade an, im Juli 1517 zum zweiten Male seine Fahrt nach China anzutreten. Ohne Zwischenfälle erreichte er am 15. August die Küste von Süd-China und ließ an der Insel Tamão (Tamong) die Anker fallen.[146]

Andrade’s Flotte bestand aus vier portugiesischen und vier malayischen Schiffen. An der Küste fand er chinesische Schiffswachten gegen die Piraten postirt. Auch bestand die Einrichtung, daß die Schiffe, welche in den Fluß einlaufen wollten, von den chinesischen Behörden mit Pässen versehen werden mußten. Nach mancherlei Verzögerungen und Plackereien von Seiten der chinesischen Beamten erhielt Andrade Lotsen, welche ihn nach Kanton brachten. Die Absendung einer Gesandtschaft, welche im Namen des Königs von Portugal dem Kaiser von China Geschenke überreichen sollte, zog sich aber in die Länge, weil der Statthalter von Kanton erst am kaiserlichen Hofe um die Genehmigung zur Abfertigung der Gesandtschaft nachsuchen mußte. In dem ungesunden Klima von Kanton starben viele Portugiesen, so daß Andrade es gerathen fand, nach der Insel Tamao zurückzugehen. Von hier sandte er den Duarte Coelho nach Malaka zurück, um über den günstigen Verlauf seines Unternehmens Bericht zu erstatten. Ein anderes Schiff unter Jorge Mascarenhas wurde auf Kundschaft weiter nach Norden geschickt, um Nachrichten über das Land der Lequios einzuziehen. Mascarenhas kam bis nach Tsiuan-tschau an der Fukianstraße, der Insel Formosa gegenüber, und fand in diesem weniger besuchten Hafen viel vortheilhaftere Handelsverhältnisse, da man die chinesischen Artikel viel billiger eintauschen und die mitgebrachten Waaren viel höher verwerthen konnte. Auch erfuhr Mascarenhas dort, daß das Land Lequia, worunter in engerem Sinne die zu Japan gehörigen Liukiu-Inseln und im weiteren Sinne das japanische Reich selbst zu verstehen ist, noch über hundert Meilen weiter nordwärts liege.

Nach einem Aufenthalte von vierzehn Monaten entschloß sich Andrade, China wieder zu verlassen. Dazu nöthigte ihn besonders die Nachricht, daß Malaka wieder von den malayischen Fürsten der Nachbarschaft ernstlich bedroht sei. Ehe er wieder in See ging, ließ er in Kanton und im Hafen von Tamao ausrufen, daß, wenn irgend ein Chinese von den Portugiesen geschädigt sei, derselbe sich melden und seine Entschädigung erhalten solle. Dieses Verfahren wurde von den Chinesen ihm hoch angerechnet und gab ihnen einen Begriff von der Gerechtigkeitsliebe der Fremden.[147] Der portugiesische Gesandte Thomas Perez blieb auf Tamao zurück, bis er endlich, nach dreimaliger Anfrage, die Erlaubniß erhielt, an dem kaiserlichen Hofe zu erscheinen. So konnte er erst im Januar 1520 seine Reise antreten. Inzwischen war aber im August 1519 Simão d’Andrade, der Bruder des Fernão Perez, mit einem zweiten Geschwader vor Tamao erschienen. Thomas Perez fuhr zuerst zu Schiffe bis an die südliche Grenze der Provinz Fukian und begab sich dann zu Lande nach Nanking und von da weiter nach Peking. Da der Kaiser sich aber zu jener Zeit noch in den nördlichen Grenzländern aufhielt, so erfolgte die Audienz erst im Jahre 1521. Während dieser Zeit waren aber über das Benehmen der Portugiesen höchst ungünstige Nachrichten eingelaufen, welche mit der von dem Fernão Perez d’Andrade laut verkündigten Ehrlichkeit und Gerechtigkeit in grellem Widerspruche standen. Simão d’Andrade, unvorsichtig und rücksichtslos, hatte die Zeit benutzt, um sich, ohne dazu von den chinesischen Behörden die Erlaubniß zu haben, auf Tamao zu befestigen, angeblich, um sich dadurch gegen die Angriffe von Seeräubern zu decken. Sodann wurde gemeldet, daß Simão d’Andrade vor seiner Abreise einige Kinder angesehener Eltern, allerdings ohne zu wissen, daß dieselben ihrer Familie gestohlen waren, aufgekauft und mit nach Indien genommen hatte. Endlich waren auch Abgesandte des Fürsten der Insel Bintang bei Malaka erschienen, welche ihren Herren als einen Lehnsmann des Kaisers bezeichneten, welcher ein Recht auf die Hilfe der Chinesen habe, da die Portugiesen ihm einen Theil seines Reiches genommen hätten, und welche erklärten, daß die letzteren nur zum Zweck der Eroberung ihre Fahrten bis China ausdehnten. Die Folge dieser Nachrichten war, daß der Kaiser Befehl gab, den portugiesischen Gesandten nach Kanton zurückzuschaffen und dort als Gefangenen zurückzuhalten, bis die Portugiesen in allen Stücken Ersatz geleistet hätten. Ihre Schiffe wurden gleichfalls mit Beschlag belegt und kein Portugiese mehr in einen Hafen zugelassen, denn der Kaiser wollte solche eigenmächtige, streitsüchtige und habgierige Leute in seinen Landen nicht dulden.[148]