Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen
Part 24
Wenn als sein Nachfolger +Vasco da Gama+ noch einmal in Indien erscheint, so durfte man wohl erwarten, daß er mit fester, rücksichtsloser Hand die indischen Angelegenheiten leiten und das eintretende Gefühl einer Ermattung durch glänzende Thaten bannen würde. Leider sollte diese Erwartung nicht in Erfüllung gehen, da er nur ein Vierteljahr die Oberleitung besaß.
Es ist mit Recht aufgefallen, daß der Entdecker des Seeweges seit 1502 keine Verwendung in indischen Diensten gefunden hatte. War Don Manuel nicht einverstanden gewesen mit dem schroffen Auftreten Gama’s? Erst unter König Johann III. begegnen wir ihm wieder und dann mit dem Range eines Vicekönigs, den seit Almeida kein Heerführer in Indien mehr erhalten hatte. Im Gefolge Gama’s befanden sich außer seinen Söhnen Estevan und Paulo die Capitäne Henrique de Menezes und Lopo Vaz de Sampayo, welche beide später als Generalcapitäne fungirten. Am 23. September langte der neue Vicekönig in Goa an, und wandte seine Aufmerksamkeit und Thätigkeit zunächst einer sorgfältigen Prüfung der Verwaltung zu. Hier waren allerlei Mißbräuche eingerissen und Unterschleife vorgekommen, welche die Einkünfte des Königs schmälerten. Dabei handelte Gama im Interesse des Staates, denn, sagte er, er wolle lieber den König reich machen, da es das größte Glück für ein Volk sei, einen reichen König zu haben, als die Leute sich bereichern lassen, die arm von Portugal kämen, um, ohne für den Dienst besonders befähigt zu sein, in Indien Schätze zu sammeln. Darum verfuhr er gegen die reichen Beamten des Königs sehr streng und stellte niemanden an, ehe er seine Fähigkeiten geprüft hatte. Ohne Erlaubnißschein sollte kein portugiesischer Privatmann Handel treiben, bei Todesstrafe, und wenn gar ein Beamter sich an den Geschäften betheiligte, sollten Schiff und Ladung confiscirt werden.
Da auch die portugiesischen Kauffahrteischiffe wegen der kriegerischen Verhältnisse in den indischen Gewässern mit Geschützen versehen waren und sich dieselben auf unerlaubte Weise vielfach aus den königlichen Arsenalen zu verschaffen gewußt hatten, so forderte Gama diese Waffen wieder zurück. Binnen einem Monate mußten sie an die Zeughäuser wieder abgeliefert werden. Waren die Händler auf diese Weise wieder wehrlos gemacht, dann war auch ihre Unternehmungslust dadurch gedämpft. Aber nicht blos Waffen waren, mit Genehmigung der königlichen Verwalter, aus den königlichen Magazinen abgegeben; manche höhere Beamte hatten sogar königliche Gelder zurückbehalten. Diese trieb, so weit sie ermittelt werden konnten, der Vicekönig ohne Ansehen der Person ein. So forderte er selbst von seinem Vorgänger im Amte, Duarte de Menezes Summen zurück, welche dieser sich aus den Einnahmen der Factoreien angeeignet hatte. Eine längere Dauer seines Regiments würde für die Verwaltung von heilsamer Wirkung gewesen sein. Aber diese letztere wurde bald verwischt, da Vasco da Gama schon am 24. December 1524 in Kotschin starb. Die Leiche wurde, in seidenen Kleidern mit dem Mantel des Christusordens bedeckt, mit Schwert und goldenen Sporen, zuerst in einer Halle ausgestellt und dann in der Kapelle des Franziskanerklosters in Kotschin beigesetzt. Im Jahre 1538 wurden die Gebeine nach Portugal gebracht und in Vidigueira bestattet, wo das Grabmal 1840 vom Pöbel zerstört wurde.
Barros schildert ihn als einen Mann von mittler Größe, kühn und tapfer in seinen kriegerischen Unternehmungen, strenge in seinen Befehlen, furchtbar in seinem Zorn, unverdrossen in der Arbeit, beharrlich selbst in Gefahren, unbestechlich in der Handhabung der Gerechtigkeit. Und wenn Correa hinzufügt, daß er sich nur aus religiösem Eifer und zur Ehre Portugals so oft in Lebensgefahr begeben habe, so liegen auch bei Vasco da Gama als die treibenden Kräfte: ritterlicher Waffenruhm und die Verbreitung des heiligen Glaubens offen vor Augen; denn vielen, und darunter den Edleren, erschienen die indischen Kämpfe als heilige Kriege, als Kreuzzüge gegen den Erbfeind des Christenthums.
Nach dem Tode des Vaters kehrten die Söhne Gama’s zunächst nach Portugal zurück.
Gama’s Nachfolger wurde +Henrique de Menezes+, ein junger, tapferer Mann, welcher sich zuvor im marokkanischen Kriege ausgezeichnet hatte und zu jener Zeit Gouverneur von Goa war. Derselbe starb aber schon am 23. Februar 1526 in Folge eines Beinschadens. Zu seinem Nachfolger bestimmte eine königliche Verordnung den +Pero Mascarenhas+. Derselbe war aber damals Statthalter in Malaka, und weil man voraussah, daß eine geraume Zeit darüber vergehen werde, ehe er mit günstigem Monsun nach Vorder-Indien kommen könne, und weil man augenblicklich bei den fortwährenden Kämpfen an der Küste von Malabar schleunigst einer Oberleitung bedurfte, so entschieden sich die Hauptleute dahin, nach einer weitern königlichen Verfügung, welche bereits in Indien schriftlich vorlag, den +Lopo Vaz de Sampayo+ provisorisch als Generalgouverneur anzuerkennen, jedoch mit dem Vorbehalte, daß er bei Ankunft des Mascarenhas zurückzutreten habe. Lopo Vaz war damals Commandant in Kotschin und trat sofort sein Amt an. Noch in demselben Jahre traf von Europa eine neue Verfügung des Königs ein, welcher von den oben erwähnten Vorfällen und von dem Tode des Menezes noch keine Kunde hatte und nun neuerdings bestimmte, daß, falls Menezes stürbe, Lopo Vaz in seine Stelle treten solle. Daraus entstanden unliebsame Verwicklungen. Als Mascarenhas am 26. Februar 1527 vor Kotschin ankam, wurde ihm bedeutet, er dürfe sich nicht als Generalgouverneur betrachten und mit seinen bewaffneten Leuten landen. Wolle er ohne Waffen als Privatmann ans Land kommen, so solle das gestattet sein. Pero Mascarenhas hoffte durch sein persönliches Erscheinen seinen Anhang zu vermehren und dann doch anerkannt zu werden. Aber er fand am Ufer bewaffneten Widerstand und mußte, nachdem er zweimal am Arme verwundet war, sich auf sein Schiff zurückziehen. Er lieferte die von Malaka mitgebrachten Frachtschiffe und die Beute aus einem glücklichen Kriege mit dem Fürsten von Bintang ohne Weigerung ab und begab sich ohne Gefolge nach Goa, wo er durch friedliche Entscheidung zu seinem Rechte zu kommen gedachte. Vor der Barre von Goa wurde aber sein Fahrzeug auf Befehl des Lopo Vaz angehalten und er selbst in Ketten gelegt und nach Kananor gebracht. Die starke Partei des Mascarenhas ruhte aber nicht eher, als bis Lopo Vaz zu einem Vergleich sich herbeiließ und das Urtheil einem Schiedsgerichte anheimstellte. Als dieses sich für ihn entschieden hatte, kehrte Pero Mascarenhas nach Portugal zurück (December 1527). Vor seiner Ankunft hatte der König schon beschlossen, um die in Indien ausgebrochenen Parteistreitigkeiten zu beseitigen, einen neuen Generalgouverneur zu entsenden, dem beide Parteien gehorchen könnten. Es wurde +Nuno da Cunha+ ernannt, der schon mit seinem Vater Tristão in Indien gewesen war. Diese Wahl war sehr glücklich, denn seit Albuquerque’s Tode war nichts Bedeutendes mehr geleistet und die verfügbare Macht in fruchtlosen Unternehmungen zersplittert. Im April 1528 verließ da Cunha Lissabon mit 11 Schiffen und 2500 Mann. An der Küste von Madagascar verlor er sein Schiff, wandte sich an den Komoren vorbei nach Sansibar, eroberte im November Mombas fast ohne Blutvergießen und legte es in Asche, da der Scheich nur in der Erwartung, daß das höchst ungesunde Klima die Portugiesen bald vertreiben werde, den verlangten Tribut zu zahlen sich weigerte. Dann ging da Cunha, obwohl er von dem Streite über den Oberbefehl in Indien genauere briefliche Nachrichten erhalten hatte, zuerst nach Ormuz, um dort zu überwintern und zugleich die Angelegenheiten in der Stadt zu ordnen. Er traf zu Gunsten des Königs von Ormuz uneigennützige Verfügungen und übte strenges Gericht über hochgestellte einheimische Beamte, welche sich große Unterschlagungen königlichen Gutes hatten zu Schulden kommen lassen. Dadurch gewann er das Vertrauen des Herren der Stadt. Während seiner Anwesenheit daselbst kam Belchior de Sousa Tavaros von einem Kriegs- und Entdeckungszuge nach Basra in den Hafen zurück. Er war der erste Portugiese, welcher in den vereinigten Mündungsstrom des Euphrat und Tigris eindrang.
Am 15. September 1529 begab sich da Cunha nach Indien und erreichte Goa am 22. October. Sofort begann er seine Vorbereitungen zu einem energischen Angriff auf Diu, dem wichtigen und sehr festen Hafenplatz im Reiche Gudjerat. Schon Albuquerque hatte, in richtiger Würdigung der Wichtigkeit dieses Platzes, den Hafen von Diu ins Auge gefaßt, war aber durch andere Angelegenheiten zu sehr in Anspruch genommen gewesen, um einen Anschlag darauf ausführen zu können. Unter seinen Nachfolgern war die Stadt, welche lange unter der Verwaltung des Melek Aias gestanden, mehrfach vergeblich bestürmt. Auch unter den Nachfolgern des genannten Statthalters, seinen Söhnen Melek Saka und Melek Toghan war sie eine gefährliche Nachbarin der Portugiesen geblieben, denn der Sultan Bahadur (Badur) von Gudjerat, zu dessen Gebiet sie gehörte, war einer der mächtigsten Fürsten Indiens.
Inzwischen traf da Cunha mit seinem Vorgänger Lopo Vaz vor Kananor zusammen und übernahm aus dessen Hand die Oberleitung der indischen Angelegenheiten. Auf Befehl des Königs Johann III. mußte er sogar den bisherigen Generalcapitän verhaften lassen, weil von Ormuz und Kotschin aus Klagen gegen denselben eingelaufen waren. In Portugal aber wurde Lopo Vaz bald wieder in Freiheit gesetzt.
Dem wankelmüthigen Samudrin, welcher den Frieden immer wieder brach, sowie sich die portugiesische Macht aus seiner Nähe entfernte, wurden die Häfen gesperrt und der einträgliche Handel gelähmt. Er wurde nämlich von den Mohammedanern, in deren Interesse er handelte, immer wieder heimlich unterstützt und aufgestachelt. Auch jetzt erbot er sich wieder zum Frieden, allein da er die ihm auferlegten Bedingungen nicht erfüllen wollte, zerschlugen sich die Verhandlungen, und der friedelose Zustand dauerte fort. Im Jahre 1531 gelang es aber doch durch geschickte Unterhandlungen dem Samudrin das Zugeständniß abzugewinnen, die Erlaubniß zu ertheilen für die Anlegung einer Festung in Chali, drei Meilen südlich von Kalikut, im Gebiet des untergebenen Radscha von Tanur. Da Cunha ließ den Bau sofort beginnen und belegte den festen Platz bereits im Februar 1532 mit 250 Mann. Trotzdem blieb der Samudrin offen oder versteckt ein Gegner der Portugiesen.
Das Reich Gudjerat, gegen welches Nuno da Cunha seinen großen Zug richten wollte, erstreckte sich auf beiden Seiten des Golfs von Kambaya vom Golf von Katsch bis südlich von Bombay. Hier lagen an der Küste die reichen Handels- und Gewerbstädte Pattana, Diu, Kambaya, Barotsch, Sorâth, Damân und Bassein, alte, wohlhabende und berühmte Orte, theils von indischen, theils von mohammedanischen Kaufleuten bewohnt. Schon ehe der Generalcapitän mit seiner großen Flotte aufbrach, schickte er im Anfange des Jahres 1530 den Antonio da Silveira mit einer Anzahl von Schiffen ab und ließ mehrere dieser Städte angreifen und plündern.
Dann folgte im nächsten Jahre da Cunha selbst von Bombay aus mit einem so gewaltigen Geschwader, wie es vorher von den Portugiesen noch nicht aufgebracht war. Es sollen gegen 400 große und kleine Schiffe gewesen sein mit 3600 Portugiesen und dazu eine bedeutende Schaar indischer Hilfstruppen. Statt aber geradenwegs auf Diu zu steuern, wandte sich der portugiesische Befehlshaber weiter ostwärts, wo in einer Entfernung von 8 Meilen nordöstlich von Diu eine kleine felsenumsäumte Insel, jetzt Searbett, damals Bete genannt, liegt. Dieselbe war in letzter Zeit mit Festungswerken versehen und hatte eine Besatzung von 800 Mann. Nuno da Cunha glaubte diese feste Position, welche den genannten großen Handelsemporien näher lag, nicht im Rücken lassen zu dürfen und hoffte sie ohne großen Verlust wegnehmen zu können. Allein die mohammedanische Besatzung wehrte sich mit dem Muthe der Verzweiflung, bis sie vernichtet war. Dadurch büßte da Cunha nicht blos viele Leute und darunter hervorragende Führer ein, sondern er verlor auch viel Zeit, welche von seinen Gegnern in Diu trefflich benutzt wurde, um den ohnehin festen Platz noch mehr mit Vertheidigungswerken zu versehen. Diu liegt vor dem Südende der Halbinsel Gudjerat auf einer Insel hart an der Küste. Dieses Eiland erstreckt sich 1½ Meilen von Osten nach Westen und ist etwa ½ Meile breit. Am schmäleren Ostende liegt die Stadt, zwischen der Insel und dem nördlichen Festlande der gegen Osten geöffnete Hafen. Klippenreihen umsäumen die Insel gegen Süden und decken die Stadt. Auf und zwischen den Felsen waren Batterien errichtet, um einen Angriff von der Seeseite abzuwehren. Weiter ostwärts erstrecken sich Sandbänke vor der Einfahrt in die Bucht, und der Hafen selbst war mit eisernen Ketten versperrt.
Hätten die Portugiesen es nur mit den einheimischen Truppen zu thun gehabt, so wäre der Angriff auf diese starke Position vielleicht von Erfolg gekrönt gewesen; allein der Sultan Bahadur hatte kurz vorher einen unschätzbaren Bundesgenossen bekommen in der Person des türkischen Generals Mustafa, der auf die Kunde von den drohenden Ereignissen vom rothen Meere her mit zwei Schiffen und 800 tüchtigen türkischen Soldaten der Stadt zu Hilfe geeilt war. Mustafa verstand die europäische Kriegführung und war namentlich als Artillerieoffizier berühmt. Er wurde der Leiter der ganzen Vertheidigung und die gutgezielten Schüsse seiner Batterien richteten unter den Portugiesen unerwartet großen Schaden an. Nuno da Cunha übersah bald die veränderte Lage und das Bedenkliche eines Sturmes auf die Festung; da aber sein König den Angriff befohlen, so wagte er ihn, um nicht als zaghaft gescholten zu werden. Sein Hauptsturm, am 16. August, wurde indeß durch die Vertheidiger der Stadt abgeschlagen, und die Portugiesen mußten sich zurückziehen. Mustafa erhielt in Anerkennung seiner rühmlichen Leistung den Titel eines Chan und wurde mit der Verwaltung des Districts von Barotsch belohnt. Nuno beschränkte sich auf eine Blokade und ging dann nach Tschaul, südlich von Bombay, zurück. Der kleine Krieg zur See, die Wegnahme von Handelsschiffen, die Verwüstung von Küstenhäfen wurde auch im folgenden Jahre noch fortgesetzt.
Bahadur, welcher bald darauf mit dem Sultan Humajun von Dehli in einen Krieg verwickelt wurde und daher in den Küstenstädten nur wenige Truppen zurücklassen konnte, wünschte indeß mit den Portugiesen Frieden zu schließen und bot ihnen statt Diu die Stadt Bassein sammt der Insel Salsette und Bombay (Mombain) an; der portugiesische Gouverneur ging darauf bereitwillig ein und ließ schon im Januar 1535 ein Fort in Bassein anlegen. Im Verlauf desselben Jahres lief aber Bahadurs Feldzug gegen Dehli unglücklich ab, er wurde geschlagen und flüchtete, verfolgt von dem Sieger Humajun, welcher Kambaya besetzte, nach Diu. Dem Sultan war darum zu thun, in seiner Noth die Portugiesen als Freunde zu gewinnen. Er erbot sich daher noch im Herbst 1535, ihnen einen Platz bei Diu einzuräumen, um eine Festung anzulegen, die den Hafen beherrschen könne. Dagegen sicherte Nuno da Cunha freien Handel der Städte in der Richtung nach dem rothen Meere zu; alle Schiffe konnten frei passiren, nur die türkischen nicht. Auf diesen Grundlagen wurde ein Schutz- und Trutzbündniß geschlossen. Der Bau einer starken Burg wurde alsbald begonnen.
Als aber Humajun nach anderen Theilen seines Reiches abgerufen wurde und Bahadur sich von diesem gefährlichen Feinde erlöst sah, wurde ihm die Burg der Portugiesen lästig. Er knüpfte daher mit anderen Fürsten in Dekhan Verbindungen an, bewahrte aber äußerlich noch ein gutes Einvernehmen. Nuno da Cunha erfuhr von dieser Sinnesänderung und ging im Januar 1537 nach Diu. Als der Sultan den Gouverneur auf seinem Schiffe besucht hatte und nach der Stadt zurückfuhr, kam es in Folge eines unglücklichen Mißverständnisses zu einem feindseligen Zusammenstoß mit einigen nachfolgenden portugiesischen Fahrzeugen. Daraus entwickelte sich ein blutiges Gefecht, in welchem Bahadur selbst getödtet wurde. Bei der allgemeinen Bestürzung, die darüber entstand, ward es den Portugiesen leicht, die Stadt zu besetzen. Als die Gudjeraten aber mit einem größeren Heere heranrückten, mußten die Portugiesen sich wieder in die Festung zurückziehen. Hier hatten sie bald eine sehr ernste Belagerung zu bestehen, denn im Jahre 1538 rückte eine gewaltige türkische Flotte mit 7000 Soldaten vor Diu. Fünfundzwanzig Tage lang wurde die Festung aus schwerem Geschütz beschossen, aber der tapfere Commandant Antonio da Silveira hielt Stand, und das Beispiel edler Frauen, welche nach dem Bericht Barros’ mit Hand anlegten, um die durch die türkischen Geschosse zertrümmerten Mauern wieder herzustellen, feuerte den Muth der kleinen Besatzung an. Ein Hauptangriff gegen die geschossene Bresche wurde glücklich abgeschlagen, die Türken mußten sich zurückziehen und die Belagerung aufheben, weil Nuno da Cunha einige Schiffe zum Entsatz gesandt hatte, welche von den Belagerern für einen Theil der großen erwarteten Flotten gehalten wurden.[124] Es war für die hartbedrängte Schaar auch die höchste Zeit für eine Erlösung, denn aller Kriegsvorrath war verbraucht, und nur noch 40 Mann waren gefechtstüchtig geblieben. Alle übrigen waren gefallen oder verwundet, oder lagen am Scorbut krank, welcher in Folge des schlechten Trinkwassers in der Festung ausgebrochen war.
So war Diu gerettet, und die türkische Macht kehrte am 5. November nach dem rothen Meere zurück.
Es war dies das letzte bedeutende Ereigniß unter der Regierungszeit Nunos. Sein Nachfolger war bereits angekommen. Garcia de Noronha, ein Neffe Albuquerque’s, kam am 11. September 1538 mit einer Flotte nach Goa und übernahm als Vicekönig die Leitung. Nuno da Cunha’s Stellung war in Portugal erschüttert, das konnte er aus dieser Ernennung zu deutlich erkennen. Statt einen kräftigen, energischen Mann, wie er gewünscht hatte, und wie er es selbst gewesen war, ehe das indische Klima seine Gesundheit untergraben hatte, schickte man einen Greis von 70 Jahren, der auch dann als Diu in höchster Gefahr schwebte, mit äußerster Bedächtigkeit seine Rüstungen vornahm. Statt geschulter Soldaten brachte er entlassene Sträflinge mit, die erst eingeübt werden mußten und so wenig Vertrauen erweckten, daß die portugiesischen Hauptleute in Indien lieber eingeborene Truppen nahmen.[125] In Portugal machte sich der Mangel an junger Mannschaft bereits so fühlbar, daß man zu einem so bedenklichen Ersatz gegriffen hatte. Aus Mißmuth darüber nahmen mehrere Hauptleute den Abschied und kehrten mit da Cunha nach Portugal zurück.
Die letzten Tage seines Aufenthalts in Indien wurden dem bisherigen Gouverneur noch dadurch verbittert, daß der Vicekönig ihm ein Schiff zur Heimreise verweigerte, unter dem Vorwande, er könne keins entbehren. Dadurch wurde da Cunha noch bis zum Januar 1539 in Kananor zurückgehalten und mußte sich, nachdem er zehn Jahre die portugiesische Macht in rühmlicher Weise erweitert und seinem Könige die Festungen in Diu, Bassein und Chali gegründet hatte, welche, wie Barros meint, nicht weniger wichtig waren als Ormuz, Malaka und Goa, die Eroberungen Albuquerque’s, auf eigene Kosten ein Schiff miethen, um in die Heimat zurückkehren zu können. Den Keim einer tödtlichen Krankheit in sich tragend und niedergebeugt durch den Undank des Herrschers, dem er ebenso uneigennützig als erfolgreich sein Leben lang gedient, denn er war schon sehr früh nach Indien gekommen, stieg da Cunha zu Schiff. Als er den Tod nahen sah, erklärte er in seinem Testamente an Eides statt, daß er niemals königliches Eigenthum sich angeeignet habe, außer fünf goldenen Münzen aus dem Schatze des Sultans Bahadur, die er dem König habe zeigen wollen. Als man ihn fragte, ob er wünsche, daß, falls er sterbe, seine Leiche mit nach Portugal genommen würde, antwortete er: „Soll ich nach Gottes Rathschluß auf der See sterben, so mag auch die See mein Grab sein. Das Vaterland, das mich voll Undank von sich gestoßen, soll auch mein Gebein nicht decken.“
Sieben Wochen nach der Abfahrt von Kananor starb er und wurde, nach seinem Willen mit dem Gewande des Christusordens bekleidet und mit dem Schwert umgürtet, ins Meer gesenkt. So ward er wenigstens vor noch tieferer Kränkung bewahrt; denn allzu leicht geneigt, den geheimen Anklagen und Verleumdungen ein williges Ohr zu leihen, hatte die portugiesische Regierung ihm bereits ein Schiff entgegengesandt mit dem ausdrücklichen Befehl, den heimkehrenden Generalgouverneur in Ketten zu legen.
Vielleicht war Johann III. dem Nuno deshalb nicht wohl gesinnt, weil dieser sich zu wenig die Ausbreitung des Christenthums hatte angelegen sein lassen und aus politischem Interesse dem Sultan Bahadur zu große Zugeständnisse gemacht hatte. Denn gerade zu jener Zeit war die Geistlichkeit von maßgebendem Einfluß im Rathe Johanns III., welcher die Inquisition in Portugal eingeführt hatte.
Mit Nuno da Cunha ging die ruhmreiche Zeit in Indien zu Ende. Noch lange nach seinem Tode, sagt Barros, erinnerte man sich der zehn Jahre seiner Regierung, so daß selbst diejenigen, die ihn ehedem befeindet hatten, seine Lobredner wurden.
Man muß sich erstaunt fragen, wie es gekommen, daß gerade die verdienstvollsten Männer für ihre Thaten in Indien mit Undank belohnt wurden. Nicht sie selbst allein beklagen sich darüber, die Geschichtsschreiber fällen dasselbe Urtheil und stimmen ihnen bei. Ohne Zweifel lag der Grund zum Theil darin, daß man von Portugal aus, ohne die Sachlage aus so weiter Ferne genau beurtheilen zu können, zu viele Wünsche, Verhaltungsmaßregeln und Befehle sandte, welche unmöglich sofort ausgeführt werden konnten; daß man ein selbständiges Handeln, selbst gegen die ertheilten Vorschriften, als ein Auflehnen gegen die königliche Macht, als ein bedenkliches Trachten nach Unabhängigkeit ansah. Dazu kam noch, daß viele portugiesische Edelleute den Dienst in Indien als ein willkommenes Mittel ansahen, sich möglichst rasch zu bereichern, und sei es auch auf ungerechte Weise. Wie oft ist nicht über Unterschleife geklagt und Untersuchung angestellt worden! Oder es wollten sich die vornehmen Herren den Befehlen des Generalgouverneurs nicht fügen und lehnten sich dagegen auf. Wurden sie dann ihrer Stellen entsetzt und nach Portugal zurückgeschickt, dann traten sie natürlich mit bitteren Klagen über die Oberleitung in Indien auf, und von ihren Gönnern bei Hofe unterstützt, fanden sie auch den Weg bis zu dem Ohr des Herrschers, der fast nur die entstellten Berichte zu hören bekam und so gerade die energischesten Statthalter mit Mißtrauen beobachten lernte oder sich gegen dieselben gewinnen ließ.