Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen

Part 20

Chapter 203,260 wordsPublic domain

Ende September 1507 erschien die portugiesische Flotte vor Ormuz. Den Thron hatte damals ein zwölfjähriger Knabe, Seif-eddin (Seifadin) inne, der eigentliche Regent war Chodscheh Atar, von Geburt ein Bengale. Die Stadt lag, im Süden durch Felsen gedeckt, auf der flacheren Nordseite der Insel; zwischen ihr und der Felsenküste von Mogistan befand sich der Hafen. Die Besatzung bestand aus 30,000 Mann, darunter 4000 persische Bogenschützen als Bundesgenossen. Albuquerque begrüßte bei seiner Ankunft die Stadt durch Kanonensalven und segelte dann kühn in den Hafen hinein. Kurzer Hand forderte er Unterwerfung und Anerkennung der portugiesischen Oberhoheit, andernfalls drohte er mit Vernichtung. Aber der Regent war nicht gewillt, sich bei seiner bedeutenden Macht ohne weiteres in fremde Botmäßigkeit zu begeben, er lehnte die Forderung des Portugiesen ab. Als Antwort darauf ließ Albuquerque die Handelsschiffe im Hafen in den Grund bohren. Dabei wurden seine Schiffe von zweihundert mit Bogenschützen bemannten Böten angegriffen; aber die höher gebauten europäischen Fahrzeuge und namentlich das europäische Geschütz behielt den Sieg. Dann erst bequemte sich Chodscheh Atar, die Oberhoheit des Königs Manuel anzuerkennen und einen jährlichen Tribut von 15,000 Scherafinen (etwa ~à~ 6 Mark) zu zahlen. Auch mußte er gestatten, daß die Portugiesen eine Festung anlegten. Schon im October begann der Bau, aber die portugiesischen Capitäne, welche unter Albuquerque dienten, halfen nur ungern; sie hätten lieber gewinnreiche Jagd auf Handelsschiffe gemacht oder wären nach Indien gesegelt, um Gewürze einzuhandeln. Sie vereinigten sich zu einem schriftlichen Protest, aber der Oberbefehlshaber zerriß denselben, ungelesen, unter dem Thor der neuen Citadelle. Dadurch gekränkt und beleidigt suchten die Capitäne nach einer Gelegenheit, sich von ihrem Führer zu trennen. Die Uneinigkeit unter seinen Feinden ermuthigte den Regenten der Stadt zu erneutem Widerstande. Die Gelegenheit dazu bot sich bald. Da fünf von der Flotte entlaufene und in die Stadt gelockte Portugiesen nicht sofort, wie Albuquerque verlangte, ausgeliefert wurden, so brach der Krieg von neuem aus. Derselbe mußte aber rasch abgebrochen werden, weil drei Capitäne mit ihren Schiffen auf eigene Verantwortung den Hafen verließen und nach Indien segelten, so daß Albuquerque, dadurch in seiner Macht geschwächt, allein den Kampf nicht fortführen konnte, sondern sich genöthigt sah, zur Ueberwinterung nach Sokotra zurückzuweichen. Doch schickte er den João da Nova den Flüchtigen nach, um sich beim Vicekönig über solche unerhörte Felonie zu beschweren.

In Sokotra fand er die Besatzung der kleinen Citadelle durch Krankheit und Hunger erschöpft. Von Melinde mußten Lebensmittel herbeigeschafft werden; statt Unterstützung zu finden, mußte Albuquerque Hilfe schaffen. Sein Aufenthalt an der afrikanischen Insel verzögerte sich bis in den Hochsommer, dann kam unter Vasco Gomez d’Abreu Verstärkung von Lissabon. Mit dieser vereinigte er den Rest seiner Macht, sah sich also wieder an der Spitze von 300 Mann und war kühn genug, mit dieser kleinen Schaar zum zweiten Male vor Ormuz zu rücken. Chodscheh Atar hatte nach dem Abzuge der Portugiesen, deren Mißerfolge er sich als Sieg anrechnete, im Vertrauen auf seine neubefestigte Stellung und die eigne Truppenmacht, (die persischen Bundesgenossen waren durch seinen Uebermuth verscheucht,) klugerweise die von den Portugiesen begonnene Festung ausgebaut[104] und mit Geschützen armirt, welche er durch europäische Ueberläufer hatte gießen lassen. Er war, wenn auch auf sich allein angewiesen, doch nicht so wehrlos dem Gegner preisgegeben als das erste Mal. Daher mußte sich Albuquerque vorläufig, als er im September 1508 wieder vor der Stadt erschien, auf die Blokade beschränken. Inzwischen erhielt aber Atar eine wesentliche Hilfe und Ermuthigung zum Widerstande von einer Seite, woher er sie wohl am wenigsten erwartete, vom Vicekönig Almeida selbst. Dieser hatte nämlich auf die Klage der drei Capitäne, welche sich vor Ormuz von Albuquerque getrennt hatten, im Mai 1508 eine Untersuchung der Angelegenheit befohlen und Gonçalo Fernandez damit beauftragt. Im Verlauf derselben war Almeida immer mehr zur Ueberzeugung gekommen, daß Albuquerque durch seine Gewaltthaten die Interessen der portugiesischen Krone mehr schädige als fördere. Ein von den Portugiesen aufgebrachtes Schiff von Ormuz hatte Almeida wieder freigegeben und mit Briefen an den Regenten von Ormuz gesandt. Almeida’s Schreiben[105] athmete Freundschaft für die reiche Handelsstadt, wenn er auch wünschte, der Fürst möge seinem König jährlich ein Geschenk senden. Er sprach seinen Unwillen über die verderbliche Kriegführung Albuquerque’s aus und sicherte, indem er sieben Geleitsbriefe mitsandte, jedem Handelsschiffe von Ormuz seinen Schutz zu. „Ich will,“ schrieb er, „an dem König von Portugal zum Verräther werden, wenn ich dulde, daß ihnen auch nur ein Haar gekrümmt werde.“

Eine Abschrift dieses Briefes ließ Chodscheh Atar an Albuquerque übermitteln. Albuquerque bestand aber auf der Zahlung des Tributs und erklärte die Briefe des Vicekönigs für untergeschoben, weil sie dessen Unterschrift nicht trügen. Atar erklärte dagegen, die Stadt werde bereit sein, in Friedenszeiten den auferlegten Tribut von 15,000 Scherafinen zu zahlen; wenn aber ihr Handel gelähmt werde, könne sie die Summe unmöglich aufbringen. Die Briefe seien echt, des Königs Siegel und des Vicekönigs Unterschrift bürgten dafür. -- Man weiß, welche Achtung man im ganzen Orient dem Siegel und Namenszuge eines Mannes zollt. Albuquerque setzte darauf die Blokade noch eine zeitlang fort und beunruhigte die Stadt in kleinen Gefechten; da er aber die Gewißheit hatte, daß ihm von Indien her keine Unterstützung kommen werde, und da er sah, daß es seinen Schiffen immer schwieriger wurde, sich zu halten, weil sie leck geworden waren, so entschloß er sich endlich den Kampf abzubrechen und nach Indien zu gehen. Ohne Zwischenfälle erreichte er die Andjediven, machte dort drei Tage halt und segelte dann nach Kananor, wo er den Vicekönig fand (im Dec. 1508). Leider mußte er hier erfahren, daß Almeida zwei von seinen rebellischen Capitänen in Freiheit gesetzt, und den dritten, um sich zu rechtfertigen, nach Portugal entsendet hatte. Da er zum Nachfolger im Commando ernannt worden war, so verlangte er die Uebergabe des Oberbefehls; aber Almeida, augenblicklich in der Ausrüstung seines Zuges gegen Goa begriffen und begierig, noch vor Ablauf seines Regiments die vor Tschaul den portugiesischen Waffen zugefügte Niederlage und den Tod seines Sohnes zu rächen, erklärte, er werde sein Amt nicht vor dem Schluß des laufenden Jahres niederlegen, auch sei das Schiff, auf dem er, der von Portugal ergangenen Weisung gemäß, zurückkehren solle, noch nicht angelangt. Dieses Schiff aber war, wie bereits berichtet ist, an der ostafrikanischen Küste gescheitert und untergegangen. Mißmuthig wartend zog sich Albuquerque nach Kotschin zurück.

Kurz darauf, am 12. December 1508 brach Almeida mit neunzehn Segeln gegen Norden auf; später stießen noch vier Schiffe zu ihm, so daß seine Flotte nun dreiundzwanzig Schiffe mit 1600 Mann Truppen zählte. Noch vor Ablauf des Jahres wurde die Stadt Dabul erstürmt und entsetzlich verwüstet, so daß die Zerstörung dieser Stadt im Orient noch lange mit Schaudern erzählt und sprichwörtlich wurde als ein Beispiel unerhörter Vernichtung.

Erst am 2. Februar 1509 kam das Geschwader vor Diu an. Im Hafen lagen die Flotten der Aegypter und des Statthalters von Diu, Melek Eias, vereinigt; auch der Samudrin hatte eine Anzahl bewaffneter Fusten zu Hilfe gesendet. Aber die drei Parteien trauten einander nicht, besonders Melek Eias spielte eine zweifelhafte Rolle. Am folgenden Tage drang Almeida in den Hafen ein und richtete seinen Angriff lediglich auf die ägyptischen Schiffe. Eins nach dem andern wurde geentert und versenkt, so daß der Flottenführer Hussein nur mit Noth dem allgemeinen Verderben entrinnen konnte. Er verließ heimlich sein Schiff, bestieg am Lande ein Pferd und jagte flüchtig nordwärts nach Kambaya. Als die Schiffe von Diu und Kalikut sahen, daß der Ausgang des Kampfes nicht mehr zweifelhaft blieb, und daß man sie vorläufig schonen wollte, zogen sie sich bei Zeiten zurück. Auch hatte sich Almeida dafür entschieden, Melek Eias vor Diu nicht anzugreifen, obwohl derselbe die Hauptursache gewesen, daß sein Sohn Lourenço gefallen war. Der Vicekönig mochte auch befürchten, durch einen Angriff auf Diu den Oberherrn des Landes, den König von Gudjerat, mit in den Krieg zu verwickeln. Ihm war vor allem darum zu thun, die mohammedanischen Aegypter aus den indischen Gewässern zu vertreiben; mit den einheimischen Fürsten hoffte er dann schon wieder in ein freundlicheres Verhältniß treten zu können. In diesem Bestreben kam ihm sogar das schlaue Verhalten Melek Eias entgegen, welcher sich nicht entblödete, den portugiesischen Sieger wegen seines Erfolges zu beglückwünschen und ihm seine Dienste anzubieten. Almeida begnügte sich daher auch, nur die Auslieferung der Portugiesen zu verlangen, die auf dem Schiffe seines Sohnes zu Gefangenen gemacht waren. Dieselben wurden auch alsbald durch Melek Eias zurückgesandt. Dann kehrte der Vicekönig nach Kotschin zurück. Hier erneuerte Albuquerque wiederum seine gerechte Forderung, ihm den Oberbefehl zu übergeben; aber Almeida zögerte immer wieder, weil das erwartete Schiff noch nicht angelangt sei. Erst als Fernão Coutinho im Oktober 1509 von Portugal mit vierzehn Schiffen in Kotschin einlief und bestimmten Befehl für den Wechsel des Obercommandos mitbrachte, trat Almeida von seinem Amte zurück und schiffte sich am 19. December ein. Aber er sollte die Heimat nicht wieder sehen. Das Schiff ging an der Westküste von Südafrika, in der Saldanhabai, vor Anker um Wasser einzunehmen. Dabei verwickelte sich die Mannschaft in einen Kampf mit den Hottentotten und 150 tapfere Streiter, darunter elf Hauptleute, welche in Indien Wunder der Tapferkeit gethan, wurden sammt dem Vicekönig von den nackten Wilden überwältigt und erschlagen. „Nie,“ so klagt de Barros, „erlitten die portugiesischen Waffen ein größeres Unglück!“[106]

Almeida war ein tüchtiger Soldat, ein uneigennütziger, sittlich reiner Charakter und daher auch bei jedermann beliebt und hochgeachtet. Er sorgte väterlich für die Soldaten, aber er stellte auch an ihre Leistungen hohe Ansprüche. Ihre materielle Lage suchte er zu heben, denn ihr Sold war gering, und daher kamen häufig Desertionen vor. Der König war nur darüber unzufrieden, daß Almeida mit seinen Belohnungen nicht geizte. Dieser aber sah sich vielfach durch die von Portugal ergangenen Befehle in seinen Unternehmungen gekreuzt. Namentlich tadelte er das Verfahren der portugiesischen Verwaltung, ihm Höflinge zu senden, die nichts leisteten, aber in Indien alsbald höhere Stellen beanspruchten, ohne sie verdient zu haben. Dem König schrieb er: „Ich rathe Euch, dem Vicekönig, den Ihr sendet, mehr Vertrauen zu schenken, als mir zu Theil geworden ist, und keine Befehle zu erlassen, ehe Ihr Eure Rathgeber in Indien gehört habt.“

Er wollte alle Macht auf die Beherrschung des Meeres an der Westküste Indiens werfen und die Flotte nicht durch Operationen an der afrikanischen oder arabischen Küste zersplittert sehen. Daher seine Abneigung gegen Albuquerque, in welcher er durch die abtrünnigen Capitäne desselben bestärkt wurde. Als ihm der König befahl, Schiffe nach Malaka zu senden, erwiderte er, dazu habe er noch keine Zeit, in Indien gebe es noch genug zu thun.

So handelte er stets nach einem festen Plane und ließ sich selbst durch directe Befehle, die von Portugal an ihn ergingen, nicht davon abbringen. Daß sein System mit ihm fallen würde, sah er voraus; denn sein Nachfolger schlug ganz andere Bahnen ein und erweiterte den Kampfplatz über die ganze Breite des indischen Oceans. In trüber Stimmung, erhöht durch die Erinnerung an den herben Verlust seines tapferen Sohnes, verließ der erste Vicekönig Indien und fand auf afrikanischem Boden ein tragisches Ende.

7. Affonso d’Albuquerque, Generalcapitän und Governador von Indien.

Nachdem Almeida Indien verlassen hatte, traf Albuquerque in Gemeinschaft mit dem Marschall Coutinho seine Vorbereitungen, Kalikut anzugreifen und den Samudrin zu züchtigen; denn König Manuel hatte diesen Angriff dringlich befohlen. Fernão Coutinho ergriff diese Gelegenheit, sich in Indien mit Kriegslorbeeren zu schmücken, mit unverhohlener Freude. So wurde er des lästigen Commandos über die Handelsflotte ledig. „Seine Vorfahren hätten sich nicht mit Handel abgegeben, und er selbst habe auch keine Neigung für solches Gewerbe.“ Er war durch und durch Soldat und blickte mit Verachtung auf die Kriegsleistungen der Indier. Am Abend des 2. Januar 1510 erschien die vereinigte Flotte vor Kalikut, sie hatte, ungerechnet die indischen Hilfstruppen, gegen 2000 portugiesische Soldaten am Bord. Der Samudrin selbst war wahrscheinlich auf einem Feldzuge gegen einen benachbarten Fürsten von seiner Hauptstadt fern, als die drohende Macht vor seiner Residenz erschien. In der Nähe der Stadt, nicht fern vom Meere, lag auf einer Anhöhe das Schloß des Fürsten, welches in der Zwischenzeit durch Erdwälle verschanzt und in eine Festung umgewandelt war. Hieher mußte sich der erste Angriff richten, wenn die unbefestigte Stadt selbst dauernd gewonnen werden sollte.

Coutinho forderte die Führung des ersten Treffens, er hoffte wohl allein mit der feindlichen Streitmacht fertig werden zu können. Albuquerque willigte nur ungern ein, weil er den Marschall als einen Hitzkopf kannte, der mit den indischen Kriegslisten noch zu wenig vertraut war und ohne viel Ueberlegung drauf los ging in der Erwartung, schon beim ersten Waffengange seine Gegner in alle Winde zu verjagen.

Als aber am Morgen des 3. Januar die Ausschiffung der Truppen begann, zeigten sich die Nair doch so zäh im Widerstande und überschütteten ihre Feinde mit einem solchen Hagel von Geschossen, daß die Portugiesen bei ihrem Angriff sich zu theilen beschlossen. So kam es, daß indem beide Feldherren verschiedene Landungsplätze wählten, Albuquerque seine Leute eher ans Land geworfen hatte und zum Sturm überging als sein Waffengefährte. Nach einem erbitterten Kampf um den Wall, bei welchem schon viele Streiter fielen, drang der Generalcapitän zuerst in die Schanzen ein, ließ Feuer in die königlichen Häuser werfen und vertrieb die Indier aus der festen Stellung. Coutinho sah sich dadurch um den ersehnten Ruhm betrogen und nannte, vor Zorn und Schmerz glühend, jenen ein um das andere Mal einen wortbrüchigen Menschen, der anderen keine Ehre und Auszeichnung gönne. Albuquerque blieb bei diesen Schmähungen kaltblütig und wies darauf hin, daß man oft im Kriege gegen den vorgefaßten Plan handeln müsse, wenn der günstige Augenblick es fordere. Auch sei mit diesem ersten Erfolg der Sieg noch keineswegs entschieden. Der Gegner sei zwar zurückgewiesen, aber seine Macht noch nicht gebrochen. Allein Coutinho achtete nicht darauf, in blinder Aufregung gebot er sofort den Angriff auf die Stadt. Hier wollte er der erste sein und die Brandfackel in den großen königlichen Palast schleudern. In einem entfernten Stadttheile lagen auf einem freien Platze, von Mauern umgeben, die weitläufigen Gebäude des Fürstensitzes. Trotz des Widerstandes drangen Coutinho und seine Schaar durch Thor und Mauerlücken ein und legten Feuer an, worauf die Indier zurückwichen. Albuquerque folgte, nachdem er vorsorglich einen Theil seiner Mannschaft am Ufer zur Bewachung der Böte zurückgelassen hatte, durch Kampf in den Straßen der Stadt aufgehalten, langsam nach. Coutinho glaubte schon, im Besitze des Palastes, sich des vollständigen Sieges erfreuen zu können, und gestattete sorglos seinen Soldaten sich zu zerstreuen und die königlichen Schätze zu plündern. Darauf hatten aber die Indier gewartet; sie sammelten sich von neuem und gingen wieder zum Angriff über. Sie umzingelten in hellen Haufen den Palast und drangen endlich trotz der hartnäckigen Gegenwehr des portugiesischen Hauptmanns, dem die Bewachung des einen Thores übergeben war, wieder in den Hof ein und fielen über die zerstreuten Portugiesen her. Albuquerque konnte nur mit Mühe bis in die Nähe des Kampfplatzes vordringen und sandte Boten über Boten an den Marschall, um ihn zu eiligem Rückzuge aufzufordern. Dieser aber verachtete immer noch die drohende Gefahr und erwiderte, der Generalcapitän möge nur ruhig den Abmarsch antreten, er selbst werde folgen, wenn seine Mannschaft sich wieder gesammelt hätte.

Selbst von allen Seiten umdrängt, wich Albuquerque langsam zurück. Der Rückzug ging durch einen Hohlweg, von dessen hohen Rändern aus die Indier mit Wurfspießen, Pfeilen und Steinen die Portugiesen überschütteten. Von Coutinho war er vollständig abgeschnitten und konnte nur auf sich selbst Bedacht nehmen, da seine Truppen sich weigerten, noch einmal den Versuch zu wagen, sich bis zu dem Marschall durchzuschlagen. Albuquerque wurde im Gewühl zuerst schwer am linken Arme verwundet, erhielt dann einen Pfeilschuß in den Nacken und mußte endlich, als ihn ein mächtiger Stein vor die Brust traf, besinnungslos fortgetragen werden. Der Marschall aber fiel mit 80 Kampfgefährten. So endigte, durch die Tollkühnheit Coutinho’s herbeiführt, dieser Angriff auf Kalikut als vollständige Niederlage; und hätte nicht Albuquerque am Ufer die Schiffe mit starker Mannschaft bewachen lassen und wäre die See nicht ruhig gewesen, so hätte der Ausgang des Tages für die Portugiesen dermaßen verhängnißvoll werden können, daß ihre ganze Machtstellung in Indien zweifelhaft geworden wäre.

Nach dem Fall Coutinho’s erhielt Albuquerque auch das Commando über dessen Schiffe und begab sich nach Kotschin. Kaum war er von seinen Wunden genesen, so sann er auf neue Kriegspläne. Ende Januar 1510 waren 21 Schiffe ausgerüstet und bemannt. Es schien, als wollte er, dem Befehl seines Königs gemäß, nach dem rothen Meere segeln, um dort einer neuen ägyptischen Flotte entgegenzutreten. Aber der Generalcapitän hatte seine wahren Absichten nur geheim gehalten, um desto erfolgreicher einen unerwarteten Schlag zu thun. Er hatte sein Absehen auf +Goa+ gerichtet, welches so ziemlich auf der Mitte der Westküste Vorder-Indiens und dazu in der Nähe der Andjediven gelegen, wohin die von Afrika herübersteuernden Schiffe meistens ihren Lauf richteten, besonders günstig erschien, um von hier aus das westliche Meer und die Straßen nach Ormuz und Aden zu beherrschen. Goa lag auf einer flachen, aber nicht feuchten Insel, welche durch die gemeinsame Arbeit mehrerer von den Westghats herabkommender Flüsse aus dem continentalen Ufersaume gleichsam herausgeschnitten war. Die Insel ist von Osten nach Westen ungefähr drei Meilen lang und von Norden nach Süden zwei Meilen breit. Das höhere, hügelige Land läuft gegen die See in eine Spitze aus. Die gegen das Meer bedeutend erweiterten Mündungen gestatteten den Zutritt der Flut um die ganze Insel. Die alte Stadt lag auf der Südseite, die neue Stadt war ungefähr vierzig Jahre vor der Ankunft der Portugiesen in Indien von Mohammedanern gegründet, die von der etwa 18 Meilen weiter südlich gelegenen Stadt Onor hieher geflüchtet und sich unter der Führung Melek Husseins hier angesiedelt hatten. Die Canäle, welche die Insel und Stadt umziehen, sind voll von Krokodilen und durften daher, wenn sie zur Ebbezeit durchwatbar werden, nur mit Vorsicht durchschritten werden. Alt-Goa ist jetzt fast ganz verlassen, nur Geistliche und Mönche wohnen noch dort zwischen den großartigen Ruinen zahlreicher Kirchen und Klöster. Der Hafen der neuen Stadt ist wegen seiner wunderbaren landschaftlichen Schönheit hoch gepriesen.

Die Zeit zum Angriffe war von Albuquerque insofern sehr günstig gewählt, als der damalige Beherrscher Adil-Schah, der König von Bidjapur, nur wenig Truppen in der Stadt unterhielt. Die Bevölkerung des Hafenplatzes und die militärische Besatzung standen in ihren Interessen einander gegenüber. Als Albuquerque mit seiner Flotte vor der Einfahrt zum Hafen angelangt war, schickte er seinen Neffen Antonio de Noronha mit bewaffneten Böten voraus, um das Fahrwasser in den Canälen zu untersuchen. Bei einer Biegung des Flusses sahen sich die Portugiesen plötzlich der Citadelle von Pandjin gegenüber, welche nach der Seeseite die Stadt deckte. Unverweilt, ehe die Besatzung sich sammelte und die Kanonen bedienen konnte, gingen die Portugiesen zum Sturm über und drangen durch die Schießscharten und über den Wall in die Citadelle, welche, nachdem ihr Befehlshaber verwundet worden, von der Besatzung aufgegeben wurde. Der Generalcapitän hörte in der Ferne das Kampfgetöse und gab sofort Befehl, mit allen Truppen vorzugehen, fand aber bei seiner Ankunft den befestigten Platz bereits in den Händen der Seinigen. Die Truppen des Adil-Schah zogen sich auch aus der Stadt zurück, und ihr Anführer empfahl den Bürgern, sich ohne Gegenwehr zu ergeben, denn die abendländischen Feinde seien unwiderstehlich. So erschien schon am nächsten Tage eine Gesandtschaft von Bürgern vor Albuquerque und bot gegen Sicherheit des Lebens und Eigenthums die Unterwerfung an. Dieselbe wurde angenommen, doch wurde das vorhandene Kriegsmaterial als Beute erklärt, Albuquerque zog mit seinen Truppen in die Stadt und nahm den Palast des Statthalters in Besitz. Die eroberte Citadelle wurde verstärkt, und die Flotte ging im Hafen vor Anker. Die Schiffe wurden zum Theil sogar abgetakelt, damit während der Regenzeit das Tauwerk nicht zu sehr litte; denn Albuquerque gedachte längere Zeit in Goa zuzubringen.

Inzwischen aber sammelte der Fürst des Landes ein größeres Heer und rückte zum Entsatz heran. Die Portugiesen konnten die unbefestigte Stadt nicht behaupten, und zogen sich auf die Schiffe zurück; aber gedeckt durch die Kanonen der Citadelle blieb die Flotte noch im Hafen liegen.