Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen
Part 18
Zweimal ließ der Admiral die Stadt Kalikut beschießen und einen Theil der Häuser vernichten. Er wollte keinen Frieden, sondern verlangte Unterwerfung. Nun aber rüstete man sich auch im ganzen Reiche Kalikut zu einem allgemeinen Rachekriege; an allen Flüssen wurden große und kleine Kriegsschiffe gebaut, um dem grausamen Feinde die Stirne zu bieten. Während Vicente Sodre an der Küste kreuzte, um alle indischen Fahrzeuge abzufangen, wandte sich Gama selbst mit einer Flotte von fünf großen und sechs kleinen Schiffen nach Kotschin, um mit dem Fürsten dieser wichtigen Handelsstadt einen Vertrag zu schließen. Man kam dahin überein, daß die Portugiesen Pfeffer, Gewürznelken und Benzoin mit Geld bezahlen sollten, während sie andere Artikel wie Zimmt, Weihrauch und dergl. gegen ihre europäischen Waaren eintauschen konnten.
Kaum war dieses friedliche Abkommen getroffen, so erschien eine Gesandtschaft vor der Mutter des Radscha von Kollam, dessen Gebiet die Südspitze der indischen Halbinsel umfaßte und zu dessen Einkünften der reiche Pacht von den Perlenfischereien gehörte. Die Verhandlungen hier boten um deswillen Schwierigkeiten, weil Gama nur im Einverständnisse mit seinem ersten Bundesgenossen in Kotschin handeln wollte und diesem natürlich wenig daran liegen konnte, in Kollam einen neuen Concurrenten zu erhalten. Aber Gama löste diese Differenz mit großem Geschick und gutem Erfolge. Zwei seiner Schiffe nahmen in Kollam eine Fracht von Pfeffer ein und stellten dann den dortigen Handelsfahrzeugen Geleitsbriefe aus, wie denen von Kotschin und Kananor.
Unterdessen waren die Rüstungen des Samudrin soweit gediehen, daß er unter Anwendung indischer List sich seines wüthenden Gegners mit einem Schlage zu entledigen hoffte. Ein Brahmine erschien als Abgesandter auf der Flotte und gab vor, er wolle nach Europa gehen, um das Christenthum kennen zu lernen und mit dem portugiesischen Könige selbst zu verhandeln, da man den jährlich wechselnden Schiffscapitänen nicht traue. Als nun Gama erwiderte, er habe Vollmacht, erklärte ihm der Brahmine, sein Fürst wünsche Frieden, und überredete nun den Admiral, mit ihm nach Kalikut zu gehen. Er segelte mit seinem Schiffe allein ab in der Erwartung, das Geschwader Sodre’s vor der Stadt zu finden. Aber dieser war durch Ausstreuung von allerlei Gerüchten nach Norden gelockt, sodaß Gama sich isolirt sah. In der Nacht wurde sein Schiff umzingelt und von allen Seiten angegriffen; aber die überlegene Seetüchtigkeit rettete ihn aus dieser drohenden Gefahr. Der Brahmine wurde zur Strafe für seinen Verrath mit dem Tode bestraft und an der Raae aufgeknüpft, oder es wurden ihm, wie Correa berichtet, die Lügenlippen abgeschnitten und statt der abgehaunen Ohren Hundsohren angenäht und er so verstümmelt ans Land geschickt.
Nachdem dann ein großer Theil der Schiffe ihre Fracht in Kotschin eingenommen, segelte die ganze Flotte im Anfang Februar 1503 nach Kananor. Noch einmal wagten die Schiffe von Kalikut einen Angriff, wurden aber durch Kanonen zurückgetrieben. Doch fiel der Capitän Vasco Tinoco im Kampfe. In Kananor ließ Gama die Factorei mit Kanonen besetzen. Sodre blieb mit fünf größeren Schiffen und zwei Caravelen in den indischen Gewässern zurück, um den Samudrin in Schach zu halten und die Bundesgenossen zu schützen. Dann wandte sich Gama zur Heimkehr und ließ im September 1503 vor Lissabon den Anker fallen.
Vicomte Sodre blieb als erster Capitão do mar in den indischen Gewässern mit einer kleinen Flotte von sieben oder acht Schiffen zurück. Der Samudrin beschloß diese Zeit, während die Hauptmacht der Portugiesen abwesend war, zu einem Kriegszuge gegen den Fürsten von Kotschin zu benutzen. Aber dieser glaubte nicht, daß die Rüstungen, die gegen ihn im Werke waren, in der stillen Zeit des Verkehrs beendigt werden könnten, und hatte dem portugiesischen Capitän, in zu großer Sorglosigkeit, freigestellt, inzwischen noch einen Auftrag auszuführen, welcher ihn an den Eingang des rothen Meeres führte, um den arabischen Handel zu sperren. So sah sich denn der Radscha von Kotschin plötzlich zu Lande von einem überlegenen Feinde angegriffen, dem er sogar seine Hauptstadt überlassen mußte. Er flüchtete sich nach einer kleinen Insel und brachte dort die Wintermonate in hartbedrängter Lage zu.
Sodre war nordwärts nach Gudjerat gesegelt und von da nach der Küste Südarabiens hinübergegangen. Hier wurde er von einem furchtbaren Sturme überfallen und ging mit mehreren Schiffen bei den Kuria-Muria-Inseln sammt der Mannschaft zu Grunde, wahrscheinlich im Juli oder August des Jahres 1503.
Der Rest des Geschwaders wandte sich nach Indien zurück und wartete bei den Andjediven auf neuen Zuzug aus der Heimat, da sie ohne denselben sich nicht stark genug fühlten, irgend etwas zum Schutz ihrer Bundesgenossen zu unternehmen. Die erwartete Hilfe ließ auch nicht lange auf sich warten, denn schon im April 1503 waren wieder sechs Schiffe segelfertig, um von Tejo auszulaufen und im Mai sollten noch andere folgen. Am 6. April brachen Alfons und sein Vetter Francisco d’Albuquerque mit je drei Schiffen auf. +Affonso d’Albuquerque+, den portugiesische Geschichtschreiber den „Großen“ nennen, unzweifelhaft der bedeutendere der beiden Verwandten, betrat hier zuerst den Schauplatz, auf dem er sich unsterblich machen sollte, denn in ihm haben wir den eigentlichen Begründer der portugiesischen Macht in Indien vor uns. Er war im Jahre 1453 in der kleinen Stadt Alhandra am Tejo sechs Leguas oberhalb Lissabon, als zweiter Sohn des Gonçalo d’Albuquerque, des Herrn von Villaverde und der Donna Leonor da Menezes geboren. Im königlichen Palaste erzogen, hatte er sich zuerst 1480 bei Otranto im Kampfe gegen die Türken ausgezeichnet.
Affonso stand im fünfzigsten Lebensjahre, als er die erste kleine Flotille von drei Segeln nach Indien führte.
Einer seiner Landsleute hat ihn folgendermaßen geschildert: „Affonso d’Albuquerque war von mittlerer Größe und von angenehmem Aeußern. Das längliche Gesicht von frischer Farbe und mit einer Adlernase zierte später ein mächtiger bis über den Gürtel reichender weißer Bart, der ihm ein sehr würdiges Ansehn gab. Er war mit dem Lateinischen vollkommen vertraut und ebenso vorsichtig in seinen Worten wie in seinen Schriften. Er war geliebt und gefürchtet, ohne daß sein Wohlwollen in Parteilichkeit, oder sein Tadel in Härte überging. Er war ein Mann von Wort, ein Feind der Lüge, ein gewissenhafter Richter. Zu Lande und zu Wasser hat er viele Wunden davon getragen und mit seinem Blute bezeugt, daß er keiner Gefahr aus dem Wege gehe. Er war verschwenderisch freigebig und überließ seinen Capitänen die ganze Siegesbeute, da er stets mehr auf Ruhm als auf Reichthum bedacht war.“
Diesen Helden begleitete ein anderer kühner Capitän, +Duarte Pacheco Pereira+, dem später eine Aufgabe, ähnlich der des Spartanerköniges Leonidas, zufallen sollte. In dem Gefolge des Francisco d’Albuquerque befand sich Nicolao Coelho, welcher sich schon auf der ersten Fahrt Gama’s hervorgethan hatte. Am 6. April 1503 waren beide Abtheilungen von Lissabon abgesegelt. Im August erreichten sie die Küste von Malabar. Francisco langte zuerst an, hatte aber unterwegs ein Schiff eingebüßt. Dafür fand er die Schiffe von Sodre’s Geschwader vor und segelte damit südwärts nach Kananor und Kotschin. Als auch Affonso bald danach eintraf, hatten die Portugiesen wieder die Uebermacht, verdrängten ihre Gegner aus dem befreundeten Hafen und führten den Radscha von Kotschin in sein Gebiet zurück. Im Gefühl der Nothwendigkeit und Erkenntlichkeit willigte dieser sodann in die Anlage einer festen Citadelle. Die Capitäne stellten dem Fürsten vor, daß alle Drangsale seines Reiches nur daher rührten, daß sie aus Mangel an eigner Sicherheit ihren Bundesgenossen weniger helfen könnten. So entstand also in Kotschin die erste portugiesische Festung, welche bereits in Portugal geplant war und durch die Sendung der beiden Albuquerque ins Werk gesetzt werden sollte. Um die Citadelle rasch zu vollenden, theilten sich beide Capitäne in die Arbeit, und so entstand ein Holzbau mit Pallisaden. Bei der Besetzung der Commandantenstelle traten zwischen den portugiesischen Führern bereits Eifersüchteleien zu Tage. Jeder gab dem Bollwerk einen besonderen Namen; aber da Affonso nach dem Befehl seines Königs zuerst in Kollam Gewürzfracht einnehmen sollte, mußte er vorläufig seinem Vetter das Feld überlassen. In Kollam wurde Antonio de Sa als Factor eingesetzt. In den ersten Tagen des Jahres 1504 hatte Affonso seine Aufgabe gelöst und wollte, wie die Vorschrift lautete, gemeinschaftlich mit Francisco den Rückweg antreten. Aber dieser zögerte mit dem Einkauf der Frachten, sodaß Affonso Ende Januar sich veranlaßt sah, um die günstige Fahrzeit nicht zu versäumen, allein aufzubrechen. Mit einem geschickten Piloten steuerte er zum erstenmal, statt den Umweg über Melinde zu machen, direct auf Mosambik, umschiffte am 1. Mai bei schönem Wetter das Cap der guten Hoffnung, wurde zwar an der Guineaküste eine Zeitlang von verderblichen Windstillen aufgehalten, erreichte aber glücklich die Capverden, wo er in dem Hafen von Sa. Maria die Fahrzeuge ausbessern ließ, und langte am 3. September wohlbehalten vor Lissabon an. In seiner Begleitung befand sich ein Venetianer Bonavito d’Alban, der vor zweiundzwanzig Jahren über Aegypten nach Indien gegangen und sich lange Zeit in Malaka aufgehalten hatte. Von ihm erhielt Albuquerque manche wichtige Nachrichten über die entfernten Gewürzländer und über Malaka besonders, was für die späteren Unternehmungen von großem Einfluß war.
Francisco d’Albuquerque war erst am 5. Februar von Indien aufgebrochen, wurde aber an der Ostküste Afrikas von Stürmen überfallen und ging sammt Nicolao Coelho unter. Von einem anderen Schiffe, welches früher zum Geschwader Sodre’s gehört hatte, rettete sich nur die Mannschaft. In Indien blieb vorläufig Duarte Pacheco mit einigen Schiffen zurück.
Bald nach der Abfahrt der beiden Albuquerque von Lissabon war ihnen im Mai 1503 der Castilier Antonio de Saldanha mit drei Schiffen gefolgt, um an Stelle Sodre’s vor dem rothen Meere zu kreuzen. Schon im Golfe von Guinea wurden die drei Fahrzeuge von einander getrennt, das erste Schiff, welches sich verlor, segelte allein um Afrika und hielt sich länger bei der Insel Sokotra auf, welche die Portugiesen bei dieser Gelegenheit zuerst betraten. Ein zweites Schiff unter Ruy Lourenço Ravasco kam vor dem Sturmcap abhanden, ging ebenfalls auf die Ostküste Afrikas und trieb schamlose Piraterie; alle Kauffahrer, die man antraf, wurden geplündert. Bei Sansibar, dessen Herrscher im Namen des Königs Manuel auch besteuert wurde, ließ er in zwei Monaten mehr als 20 Sambuken anhalten. Nur das einzige Verdienstliche that Ravasco, daß er dem befreundeten Scheich von Melinde gegen seine eifersüchtigen Nachbarn in Mombas erfolgreichen Beistand leistete. Darüber verging der Sommer, ehe Saldanha sich einfand. Dieser war noch nördlich vom Sturmcap ans Land gegangen, in dem Glauben das gefährliche Cap bereits hinter sich zu haben und hatte dort eine Bucht und einen Wasserplatz, Aguada da Saldanha, entdeckt. Dann hatte er, nach Besteigung des Tafelberges (Meza da Cabo), sich wieder auf den Weg gemacht, hatte die Südspitze Afrikas glücklich überwunden, an der Ostküste ebenfalls dem Seeraub obgelegen und endlich vor Melinde seine Genossen gefunden. In der Nähe des rothen Meeres hatten sich alle drei Schiffe wieder vereinigt und waren nach der arabischen Küste herübergesteuert, um dort zu überwintern, hatten aber, bei der Feindseligkeit der Bewohner, Wassermangel gelitten und waren dann nach den Andjediven gesegelt, wo sie von der großen Flotte des Lopo Soarez eingeholt wurden, welcher fast ein Jahr später von Portugal aufgebrochen war, um mit dreizehn Segeln direct nach Indien zu fahren, wo er Ende August 1504 anlangte. Auf Vasco da Gama’s Rath hatte man die Kräfte nicht zersplittert, sondern eine imposante Armada mit vielem Kriegsgeräth und 1200 Mann Besatzung entsendet. Der Krieg mit den Moslemin sollte mit Nachdruck geführt werden. In Kananor erfuhr Soarez, wie in der Zwischenzeit, seit die Albuquerques zurückgekehrt, die Angelegenheiten verlaufen waren.
Pacheco hatte alle Angriffe des Samudrin glänzend zurückgeschlagen. Der ganze Kampf, bei welchem der Beherrscher von Kalikut 60,000 Mann sollte aufgeboten haben, drehte sich hauptsächlich um die Vertheidigung einer Furt, über welche der Weg von Norden her nach Kotschin führte. Diese Furt hatte Pacheco mit Pallisaden verschanzen und mit Kanonen besetzen lassen. Nichts zeigte deutlicher die unentwickelte Kriegskunst der Eingebornen, als ihre vergeblichen Anstrengungen, diese Verschanzungen zu nehmen. Duarte Pacheco hatte seine kleine Schaar von hundertundsechzig Portugiesen auf seine Schiffe, auf die Citadelle in Kotschin und an der Furt vertheilt; es standen ihm also an jedem Orte nur etwa fünfzig Mann zur Verfügung, und doch schlug er, obwohl er sich auf seine indischen Bundesgenossen wenig verlassen konnte, mit geringen Verlusten alle Angriffe ab und machte selbst den abenteuerlichen Plan der Inder, seine Schiffe mit großen hölzernen, auf je zwei Prauen errichteten Holzthürmen zu erobern, gründlich zu schanden. Der Samudrin sah sich endlich genöthigt, nachdem auch seine Vasallen fahnenflüchtig geworden waren und da Krankheiten seine Mannschaft decimirten, seinen Feldzug aufzugeben und nach Kalikut zurückzugehen; denn die stille Jahreszeit ging vorüber und ein neues Geschwader feindlicher Schiffe war mit dem Eintreten des günstigen Fahrwindes von der afrikanischen Küste her zu erwarten.
Soarez hatte den gewöhnlichen Weg an der Ostseite Afrikas eingeschlagen, in Melinde die wenigen aus dem Schiffbruche des Francisco d’Albuquerque geretteten Mannschaften an Bord genommen und war dann von den Andjediven aus gegen Kalikut vorgerückt, wo er Anfang September erschien. Hier forderte er die Auslieferung von zwei zu den Feinden übergelaufenen Geschützgießern (aus Mailand oder Slavonien) und beschoß, als dieselbe verweigert wurde, zwei Tage lang die Stadt, wobei ein Theil des königlichen Palastes zerstört wurde. Zur Vergeltung dafür wurden in der Stadt die portugiesischen Gefangenen getödtet.
Soarez wandte sich dann nach Kotschin, wo er durch die Fürsorge Duarte Pacheco’s eine bedeutende Pfefferfracht aufgespeichert fand und einnehmen konnte. Nachdem er dann die wahrscheinlich unter dem Schutze der Citadelle von Trampatão (Dharmapatam) im Gebiete von Kananor versammelte mohammedanische Handelsflotte zum Theil erobert und verbrannt hatte, trat er zu Anfang des Jahres 1505 mit reicher Ladung den Rückweg an. Daß die Macht des Samudrin durch dieses rücksichtslose und immer siegreiche Auftreten der Portugiesen mehr und mehr erschüttert wurde, beweist auch der Abfall eines seiner Vasallen, des Radscha von Tanor, welcher zu seinen abendländischen Feinden überging. Im indischen Meere blieb der Capitän Manuel Tellez Barreto mit fünf Schiffen und 300 Mann zurück, um an der Küste zu kreuzen, während 280 andere Soldaten als Besatzung in Kotschin, Kananor und Kollam stationirt wurden.
Im Juli 1505 erreichte Soarez den Hafen von Lissabon, wo man vor allem die Verdienste Duarte Pacheco’s, welcher mit der Flotte zurückgekehrt war, würdigte. Als Belohnung erhielt dieser ausgezeichnete Mann die Verwaltung der Niederlassungen an der Guineaküste, er wurde aber bald in Folge von Verleumdungen angeklagt und in Ketten nach Portugal transportirt, wo er später, ohne wieder Anerkennung zu finden, in der bittersten Armuth starb. Camoens geißelt in seinen Lusiaden (X, 22-25) den Undank des Königs mit harten Worten. Indem er Duarte Pacheco mit Belisar vergleicht, wirft er dem Könige Ungerechtigkeit und Geiz vor.
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Werfen wir, ehe wir die weiteren Unternehmungen der Portugiesen verfolgen, einen Blick auf die +Handelslinien+ und +großen Lagerplätze des indischen Gewürzhandels+. Im fernen Osten lag Malaka inmitten der reichsten Pfefferländer, zugleich ein Hauptstapel für die Gewürze der Molukken und der Droguen der Sundawelt. Mit diesem Handelsplatze stand Kalikut in unmittelbarer Verbindung. Von hier aus boten sich aber zwei Straßen nach dem persischen und nach dem rothen Meere. Dort galt als Mittelpunkt des Seeverkehrs die Inselstadt Ormuz, welche Albuquerque bald bezwingen sollte, und hier vor der Enge des rothen Meeres Aden. Von Ormuz führte der Weg über Basra durch Mesopotamien nordwärts. Die Karawanen gingen entweder über Armenien nach dem nördlichen Asien und Europa, oder wandten sich am Fuß des Hochlandes, auf welchem Euphrat und Tigris entspringen, gegen Westen nach Syrien und erreichten in Beirut das Gestade des mittelländischen Meeres. Die Schiffe, die nach Aden gegangen, steuerten dann durch das rothe Meer weiter nach Tor an der Südspitze der Halbinsel des Sinai und von da nach Sues. Von hier wurden die Waaren zu Lande über Kairo nach Alexandrien befördert.
Damals beherrschte der Sultan von Aegypten auch die syrischen Häfen; es ging demnach fast der ganze indische Handel durch sein Gebiet und sicherte ihm namhafte Einkünfte. Jede Veränderung oder Störung dieser Handelslinien und Handelsbewegungen berührte die Macht des ägyptischen Sultans auf das empfindlichste; aber auch das Interesse für den Glauben spielte hinein.
Mohammedanische Dynastien saßen auch auf der Westküste Vorder-Indiens. Sie alle hatten gleiches Interesse an dem Fortbestehen des Gewürzhandels auf den bisherigen Seewegen. Der Sultan von Aegypten empfand gar bald die Verluste in seinen Einnahmen, nachdem die portugiesischen Schiffe die Straße nach dem rothen Meere gesperrt hatten. Als aber die Kaufleute von Kalikut als seine Glaubensgenossen in ihrer Bedrängniß sich an ihn gleichsam als an ihren Schirmherrn wendeten, beschloß er sich vorerst bei dem Papst zu beschweren und von dem geistlichen Oberhaupte der Christenheit Abhilfe zu fordern, inzwischen aber sich auf einen entscheidenden Kampf vorzubereiten und eine Flotte auszurüsten, welche im Verein mit dem Geschwader der indischen Bundesgenossen den Portugiesen die Spitze bieten könne. Mit seiner Sendung an den Papst Julius II. betraute er den Pater Mauro, Prior des Klosters am Sinai. In seinem Briefe beschwerte sich der ägyptische Sultan über die Grausamkeiten, welche König Ferdinand von Aragonien gegen die Mauren in Spanien verübt hatte, sowie über die Schädigungen, welche König Manuel von Portugal seinen Glaubensgenossen und Unterthanen in Indien zufüge. Der Islam war seit zwanzig Jahren hart ins Gedränge gekommen und erlag im äußersten Westen und Osten den Schlägen der christlichen Fürsten. In Spanien waren die Mauren aus mehr als siebenhundertjährigem Besitze vollständig verdrängt; nun erschienen die Glaubensfeinde sogar in den indischen Meeren. Wenn die Fürsten der spanischen Halbinsel, erklärte der Sultan, von ihrem Wüthen gegen den Islam nicht abließen, werde er selbst zu ähnlichen Maßregeln gegen die Christen in seinen Landen sich genöthigt sehen. Er werde das heilige Grab vernichten und den christlichen Namen im Orient austilgen. Er werde aber auch mit seinen Flotten die Gestade des Mittelmeeres heimsuchen und den Christen gleiches mit gleichem vergelten, wenn der Papst nicht dem König Manuel verbiete, fernerhin seine Schiffe nach Indien zu senden.
Mit Abschriften dieses Drohbriefes entsandte der heilige Vater den Prior Mauro an die Höfe nach Spanien und Portugal und erbat sich eine Antwort darauf für den Beherrscher Aegyptens. König Manuel erwiderte: Der Sultan drohe nur mit Worten, weil ihm die Mittel zu Thaten fehlten. „Als wir beschlossen,“ schreibt er, „mit unseren Flotten einen Weg nach Indien zu bahnen und die unseren Vorfahren unbekannten Länder zu erforschen, war unser Vorsatz, der mohammedanischen Sekte, von welcher mit Satans Hilfe so viele Leiden über den Erdkreis gebracht sind, das Haupt zu zertreten, und wo möglich das Grab Mohammeds vom Erdboden zu vertilgen. Wir bedauern, daß wir dies Ziel noch nicht erreicht haben. Der Sultan wird sich wohl hüten, die Christen in seinem Lande zu vertreiben, da er aus den Abgaben der Pilger, welche das heilige Grab besuchen, so bedeutende Einnahmen erzielt. Und sollte er je wagen, die Küsten des Mittelmeeres zu plündern, so würde die jetzt uneinige Christenheit sich alsobald zur Abwehr und zu gemeinsamem Angriff zusammenschaaren. Eine solche Gefahr für sich und sein Land wird aber der Sultan schwerlich heraufbeschwören.“ Der König Manuel meinte ferner, die beste Antwort auf die Drohungen des Aegypters bestehe darin, daß der Papst die gesammte Christenheit zu einem neuen Kreuzzuge aufrufe. Er wolle sich zwar nicht erkühnen, Sr. Heiligkeit und dem ehrwürdigen Cardinalscollegium die Antwort vorzuschreiben, welche dem Sultan zu ertheilen sei; aber seinen Willen und seine Meinung wolle er doch dahin aussprechen, daß er sich durch keine Drohung, keine Schwierigkeit von seinem Ziele abhalten lassen werde, den Uebermuth des Glaubensfeindes zu demüthigen und zu brechen.
Damit ging Mauro zunächst nach Rom und dann nach Aegypten zurück. Ein friedlicher Ausgleich war unmöglich; die Waffen mußten entscheiden. In den indischen Gewässern hatte der Sultan Bundesgenossen und nur +einen+ Feind; am Mittelmeer stand er fast allein und hatte die gesammte Christenheit gegen sich. Darum wählte er zum Kampfplatz den Orient und beschloß eine bedeutende Flotte nach Indien zu senden. Aber auch dieser Plan wurde schon im Entstehen theilweise vereitelt. Es war nämlich eine Flotte von fünfundzwanzig Schiffen nach der kleinasiatischen Küste geschickt, um von dort das Bauholz nach Aegypten und weiter ans rothe Meer zu schaffen. Dieses Transportgeschwader wurde aber von den Johannitern auf Rhodos angegriffen, welche elf Schiffe vernichteten, so daß, als noch vier andere im Sturme untergegangen waren, nur zehn Fahrzeuge mit Bauholz glücklich ihr Ziel erreichten. Somit konnten nur sechs größere und vier kleinere Schiffe erbaut werden, über welche dann der Kurde Hussein Almuschrif 1506 den Oberbefehl erhielt.
Die Portugiesen hatten von diesen Vorfällen und Plänen aber bereits 1505 Kunde erhalten und konnten danach ihre Maßregeln treffen. Die bisherige Kriegsführung, welcher eine einheitliche Leitung fehlte, mußte abgeändert werden. Es war vor allem nöthig, dem Oberbefehl eine größere Continuität zu geben und ihn auf mehrere Jahre auszudehnen. So entstand das Institut des Vicekönigthums, dem Portugal thatsächlich den indischen Besitz verdankt. Die Unternehmungen des Sultans von Aegypten trugen also wesentlich dazu bei, die portugiesische Macht im Orient zu befestigen.
6. Francisco d’Almeida, Vicekönig von Indien.