Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen

Part 16

Chapter 163,511 wordsPublic domain

Als Gama die Handelsverschleppung bemerkte, ließ er die Absicht durchblicken, lieber den Heimweg anzutreten, ohne seine Gewürzfracht zu vervollständigen, um wenigstens seinem Könige die Kunde von dem erfolgreichen Zuge nach Indien bringen zu können. Kam dieser Plan zur Ausführung, dann hatten zwar die Mauren für den Augenblick das Feld behauptet, mußten aber einer verstärkten Wiederkehr des Erbfeindes gewärtig sein und waren keineswegs von einer drohend aufsteigenden Gefahr für ihr Handelsmonopol befreit. Der Samorin ließ den Admiral noch einmal zu sich rufen, der Katual erschien mit zwei Palankinen und bat ihn, ihm zur Audienz zu folgen. Wie in Folge derselben der Conflict endlich zum Ausbruch kam, wird verschieden berichtet, es scheint indeß am wahrscheinlichsten, daß er durch Gama’s Erklärung vor dem Könige beschleunigt wurde.[88] Denn als dieser ihn aufforderte, sich von dem überall in der Stadt ausgesprochenen Verdachte zu reinigen, als seien die Portugiesen gemeine Seeräuber, und ihm, dem Samorin offen die Wahrheit zu sagen, entgegnete Gama: Es wundere ihn gar nicht, daß die Vasallen des Samorin solche Verleumdungen ausstreuten, da er so weiten, bisher noch nicht betretenen Weges daherkomme; aber sein Herr und Gebieter sei durch den Ruf von der Größe und Macht des Samorin bewogen, seine Schiffe so weithin zu senden, um freundschaftliche Beziehungen und Handelsverkehr in Spezereien anzuknüpfen, daneben aber auch sich die Verbreitung des Christenthums angelegen sein zu lassen. Die Mauren seien in Europa die natürlichen Feinde der Portugiesen und suchten ihnen auch hier zu schaden. Dann bat Gama den König, ihn gegen dergleichen Ränke und Verdächtigungen zu schützen, damit nicht Krieg dadurch angefacht würde. Zum Zeichen der Wahrheit wies er auf die ihm zugestoßenen Verräthereien in Mosambik und Mombas hin. Und wenn auch ihn und sein Geschwader das Verhängniß träfe, nicht wieder nach Portugal heimzukehren, so werde König Manuel doch fortfahren, neue Flotten auszusenden, bis er gewisse Nachricht aus Indien erhalten habe. Der Samorin möge darum dafür Sorge tragen, daß nicht durch die Mauren der Zwist eingeleitet würde, denn die Portugiesen seien nicht gewillt, sich ungestraft beleidigen zu lassen, am wenigsten von den Mauren, über welche sie schon manchen Sieg davon getragen. Der Samorin hatte den Worten Gama’s mit Spannung gelauscht und erkannte aus dem Feuer und der Festigkeit der Rede, daß der Admiral die Wahrheit gesagt. Dann wünschte er, Gama möge aufs Schiff zurückkehren, wohin ihm die Antwort nachgesendet werden sollte. Der Katual, welcher die Portugiesen zum Landungsplatze zurückzuleiten hatte, bemächtigte sich aber unterwegs ihrer Personen, trennte den Admiral von seinen Begleitern und hielt sie unter verschiedenen Vorwänden tagelang wie in Gefangenschaft, angeblich weil er für ihre Sicherheit verantwortlich sei. Er hoffte, die Portugiesen würden, erbittert über diese Beleidigung, losschlagen und so einen Streit beginnen, in welchem man die Fremden sämmtlich beseitigen könne. Aber Gama behielt trotzdem seine Fassung und blieb ruhig. Die Mauren forderten den Tod Gama’s, aber ohne Anlaß wagte der Katual diese That nicht. Indeß mußte sich der Admiral dazu bequemen, den Factor als Geißel zurückzulassen, wenn er selbst wieder an Bord gehen wollte. Er ließ nun zwar die für ihn gestellten Geißeln frei, weil er erwartete dadurch auch den Diogo Dias aus seiner Gefangenschaft lösen zu können. Allein er sah sich darin getäuscht. Als er dann seinen Handelsfactor nach Verabredung heimlich vom Strande durch seine Boote wollte abholen lassen, kamen ihm seine wachsamen Gegner zuvor und vereitelten die Flucht. Bei dem darüber entstandenen Tumult wurden auch die portugiesischen Lagerhäuser geplündert. Ergrimmt ließ Gama eine Anzahl Fischer auf der See aufgreifen und lichtete die Anker. Das Jammern und Wehklagen der zurückgelassenen Weiber bewog nun den Samorin, den Factor Dias zu entlassen und zugleich die Erklärung mitzusenden, daß er aufrichtig den Frieden wünsche, aber auch den Handel der Mohammedaner, die seit Alters in seinem Lande ansässig seien, schützen müsse. Gama gab darauf hin die meisten Indier wieder frei, drohte aber, er werde, wenn er in kurzer Zeit wiederkomme, die ihm angethane Schmach rächen. Die von ihm mitgenommenen Fischer, ließ er dem Könige melden, werde er zunächst nach Portugal führen, damit sein Herr sich von ihnen über Kalikut könne berichten lassen; dieselben würden aber auf der nächsten Flotte wieder zurückkehren, damit sie auch dem Samorin über Portugal Kunde bringen könnten. Dann brach er von Kalikut auf und segelte nach Norden. Als aber am nächsten Tage das Geschwader durch Windstille auf dem Wasser, kaum zwei Meilen von Kalikut gebannt war, machte sich eine bedeutende Anzahl kleiner Fahrzeuge, nach Barros etwa 60 Schiffe, auf, um die Portugiesen zu überfallen, aber sie wurden durch grobes Geschütz sehr rasch vertrieben.

Daß Gama sodann noch den nördlich von Kalikut gelegenen Hafen von Kananor besucht, wird unter allen Schriftstellern nur von Correa erwähnt. Der Beherrscher von Kananor, welcher über die Vorgänge in Kalikut wohl unterrichtet war, ließ Gama einladen, in seinem Hafen anzulegen, dann erschienen mehrere Boote mit Wasser und Holz, Feigen, Hühnern, Kokosnüssen, gedörrten Fischen und andern Lebensmitteln und meldeten, wenn die Portugiesen nicht anlegen wollten, möchten sie diese Artikel als Geschenke annehmen. Aber sie könnten im Hafen auch Gewürze bekommen, um ihre Ladung zu vervollständigen, und zwar bessere Waare, als man ihnen in Kalikut geboten.

Die Portugiesen schickten nun eine Liste aller Artikel, welche sie noch wünschten, ans Land und erhielten alles in Ueberfluß, was Gama ebenso reichlich in Korallen, Zinnober, Quecksilber, Kupfer und Messingschalen bezahlte. Es fand sodann auch eine Zusammenkunft mit dem Fürsten statt, indem am Ende einer vom Strande aus geschlagenen Brücke eine Art Pavillon über dem Wasser errichtet war, wo der Fürst die Befehlshaber der drei Schiffe empfing, mit ihnen Geschenke wechselte und ihnen im Auftrag des Samorin noch einmal dessen Bedauern über den feindlichen Abschied von Kalikut ausdrücken ließ.

Nachdem noch auf einer kleinen Gestade-Insel (13° 20′ n. Br.) ein Wappenpfeiler Santa Maria errichtet worden, nach welchem dann später die Insel ihren Namen erhielt, ging Gama an der Küste weiter nordwärts bis zu der kleinen Gruppe der Andjediven (d. h. fünf Inseln), welche etwa 12 Leguas südlich von Goa (14° 45′ n. Br.) liegen, um dort Wasser einzunehmen und die Schiffe ausbessern zu lassen, ehe sie den Weg über den Ocean bis zur afrikanischen Küste anträten.

Die Nachricht von dem Aufenthalt der Portugiesen auf Andjediva gelangte durch Fischerboote bis nach Goa. Diese Stadt gehörte zum Reiche Bidjapur und war Jussuf Adil Chan untergeben, der, weil er aus Sava im westlichen Persien, bei Hamadan, stammte, den Beinamen Sabai führte, woraus die portugiesischen Historiker den Namen Sabayo bildeten. Dessen Statthalter in Goa hoffte nun, da er gehört hatte, daß zwei der portugiesischen Schiffe behufs der Reparatur an den Strand gezogen seien, sich dieser Fahrzeuge bemächtigen zu können und übertrug dies Unternehmen seinem Hafencapitän, d. i. dem Schah-bender, einem spanischen Juden, der bei der Einnahme Granadas jung vertrieben, durch die Türkei über Mekka nach Indien verschlagen war. Dieser recognoscirte bei Nacht die portugiesischen Schiffe, um zu sehen, ob er sie nehmen oder verbrennen könne. Indische Fischer, die mit den Portugiesen verkehrten, hatten aber bemerkt, daß in der Nähe mehrere bewaffnete Fahrzeuge, s. g. Fusten versteckt und zum Ueberfall bereit lagen. Gama ließ, von ihnen unterrichtet, den Juden, der anderen Tages wie von ungefähr vorübersegelnd die Schiffe auf spanisch begrüßte, ungehindert herankommen und an Bord steigen, dann aber sofort binden und mit der Tortur bedrohen, wenn er seine Absichten nicht bekenne. So gezwungen, den Schlupfwinkel seiner Boote zu verrathen, mußte er die Portugiesen selbst dahin begleiten und zusehen, wie diese über seine Leute herfielen und sie tödteten oder gefangen nahmen, um sie an den Schiffspumpen arbeiten zu lassen. Barros fügt hinzu, der Jude habe sich dazu bequemt, Christ zu werden und habe den Namen Gaspar Gama erhalten. Da der Mißerfolg seines Planes ihm die Rückkehr nach Goa abschnitt, zog er es vor mit nach Europa zu gehen. Später zeigte er sich außerordentlich geschickt und nützlich bei den weiteren Fahrten und Unternehmungen in Indien. Er war es auch, der die Portugiesen auf die günstige Lage des Hafens von Goa hinwies, welcher bald der Stützpunkt der portugiesischen Macht werden sollte.

Die endliche Abfahrt von den Gestaden des Gewürzlandes setzen Goes und Castanheda auf den 5. October, Correa dagegen auf den 10. December. Letzterer bemerkt ausdrücklich, die Piloten hätten dem Admiral gerathen, das Eintreten des Nordost-Monsun abzuwarten. Daher ging die Ueberfahrt dann bequem von statten und wurde der Hafen von Melinde am 8. Januar 1499 erreicht,[89] nachdem man schon am 2. Januar die afrikanische Küste bei Magadoschu gesehen hatte. Der Fürst von Melinde nahm sie wieder sehr freundlich auf und versorgte sie mit Lebensmitteln. Während des dortigen Aufenthalts, der von Einigen auf fünf Tage, von Andern auf elf Tage angegeben wird, starben noch mehrere Matrosen, so daß die Bemannung kaum noch zur Führung der Schiffe ausreichte. Beim Abschied erhielt Gama noch einen Brief an den König Manuel von dem Beherrscher Melindes, welcher dem Admiral zugleich versicherte, die Portugiesen würden ihm jederzeit willkommen sein, wenn sie auf der Fahrt nach Indien in seinen Hafen einliefen.

Bald darauf ging eins der drei Schiffe verloren. Ueber die Veranlassung gehen die Berichte wieder bedeutend auseinander. Barros sagt, der San Rafael sei wieder auf dieselben Klippen aufgefahren, auf die er schon bei der Hinfahrt gestoßen; Osorio berichtet, Gama habe das Schiff seines Bruders vor Melinde verbrannt, weil es untauglich war; Goes verlegt diese Thatsache vor eine Stadt Tagata; Correa kennt dieses Ereigniß gar nicht, denn noch nach der Umsegelung des Caps der guten Hoffnung auf der Rückreise spricht er von dem Schiffe Paulo da Gama’s als noch unter dem Geschwader vorhanden.[90]

Bei der weitern Fahrt wurden alle Details der Landmarken an der Küste sorgfältig aufgenommen, um den späteren Flotten mehr Sicherheit in der Fahrt zu geben. Am 2. Februar wurde auf einer Insel bei Mosambik noch der letzte, S. Georg getaufte, Wappenstein gesetzt und dann später ohne Schwierigkeit das gefürchtete Sturmcap dublirt. Hier in den kühleren Meeresregionen genasen die meisten Kranken. Aber als man sich wieder dem Aequator näherte und die fieberschwangeren Gewässer von Guinea erreichte, brachen die Seuchen von neuem aus. Weniger widerstandsfähig als früher, erlagen viele von der Mannschaft. Auch Paulo da Gama trug seit dem Aufenthalte im Golf von Guinea den Todeskeim in sich. Die Schiffe waren wieder sehr leck und hielten sich kaum noch über Wasser. So sah sich Gama genöthigt, auf der Açoren-Insel Terceira anzulaufen. Hier starb der edle Paulo da Gama in den Armen seines Bruders und wurde im Kloster des heiligen Franciscus zu Angra bestattet. Dadurch trat eine neue Verzögerung in dem Abschluß der Reise ein, so daß die Nachricht von der Rückkehr der indischen Flotte eher nach Lissabon gelangte, als Vasco da Gama selber dort einlaufen konnte.[91] Die erste Kunde von der Ankunft der indischen Schiffe brachte Arthur Rodriguez aus Terceira. Derselbe wollte grade mit seinem Schiffchen von den Açoren nach Algarbe segeln, als Gama mit seinem Schiffe anlangte, aber noch nicht bei Angra vor Anker gegangen war. Im Vorbeifahren fragte Rodriguez, woher das Schiff komme und als er hörte, aus Indien, steuerte er direct nach Lissabon und brachte schon nach vier Tagen dem Könige, welcher sich grade in Cintra befand, die erste Meldung von der Heimkehr Gama’s und wurde für diese erfreuliche Botschaft auf das freigebigste beschenkt.

Als nun Vasco da Gama endlich selbst den Hafen der portugiesischen Hauptstadt erreichte -- Coelho soll durch Sturm von ihm getrennt, eher angelangt sein -- sandte ihm der König mehrere Würdenträger zur Begrüßung entgegen und verlieh dem glücklichen Seemanne den Adelsrang und Titel eines Admirals der indischen Meere. Ferner erhielt er das Recht, sich am indischen Gewürzhandel jährlich mit 200 Cruzados[92] zu betheiligen, ohne Fracht und Zoll zu zahlen. Endlich wurde ihm ein einmaliges Geschenk von 20,000 Cruzados und 10 Quintal Pfeffer zu theil.

Nicolaus Coelho erhielt 3000 Cruzados monatlich für die Dauer der Reise und ein Quintal von allen Droguen, sowie die Capitänschaft auf einem Indienfahrer in allen Flotten, an denen er theil zu nehmen wünschte, oder das Recht, dieselbe zu vergeben oder zu verkaufen.

Den Erben Paulo da Gama’s gab man die Hälfte von allem, was Vasco bekommen hatte.

Jeder Steuermann und Bootsmann erhielt einen halben Quintal Gewürze, ausgenommen Zimmt und Mazis, weil von diesem Artikel wenig mitgebracht war[93].

Auch Klöster und Kirchen wurden reichlich beschenkt, und die königlichen Majestäten wohnten allen feierlichen Processionen und Messen bei, die bei diesen Gelegenheiten in Lissabon celebrirt wurden.

Man sprach durch alle diese Schenkungen und Stiftungen deutlich aus, welchen Werth man auf die glückliche Vollendung der indischen Seefahrt legte, welche unter dem Prinzen Heinrich begonnen, unter mehreren Königen fortgesetzt, doch noch am Ausgange desselben Jahrhunderts, welches den Keim gepflanzt, gelungen war. Es war für die Entwickelung der Seemacht Portugals und seines Handels ein großartiger Impuls gegeben. Der glänzende Erfolg rechtfertigte die zähe Ausdauer. Aber in der Kühnheit des Planes steht doch die Fahrt Gama’s hinter derjenigen eines Columbus und Magalhaens zurück, denn sie bildete nur den Abschluß einer ganzen Reihe von Unternehmungen, deren Leiter dem glücklichen Vollender tüchtig vorgearbeitet hatten, so daß nur ein Theil der Reise durch gänzlich unbekanntes Gebiet führte, während Columbus und Magalhaens vollständig neue Bahnen einschlugen. Beide durchschnitten, auf sich selbst angewiesen, breite, unbekannte Weltmeere, Gama’s Zug erscheint mehr als eine Küstenfahrt im großen Stil, und wo es galt, den indischen Ocean zu kreuzen, vertraute er die Führung seines Geschwaders zuverlässigen Lotsen an, die mit jenen Gewässern vollkommen vertraut waren.

Dazu war Gama’s Stellung viel gesicherter, sowohl nach oben, gegen die Behörden, die ihn aussendeten, als auch nach unten, gegen seine Untergebenen. Gama erhielt den Auftrag von seinem Landesherrn, Columbus und Magalhaens waren Fremdlinge, welche ihre Dienste einem auswärtigen Fürsten anboten. Gama konnte sich seine Mannschaft aus den bewährten, eigenen Landsleuten auslesen, Columbus und Magalhaens dagegen geboten über Angehörige einer anderen Nation, die nur widerstrebend dem vorgesetzten Ausländer gehorchten.

4. Cabral und João da Nova.

Aus den Berichten Gama’s über seine Begegnisse in Indien war es ersichtlich geworden, daß man, falls man den indischen Handelsbetrieb fortsetzen wollte, sich auf ernste Kämpfe mit den Mauren gefaßt machen müsse, welche das Gewürzmonopol seit langer Zeit in Händen gehabt hatten, und daß die Glaubensfeindschaft den Streit um so erbitterter machen werde. Eine friedliche Lösung schien ausgeschlossen; man mußte einen bewaffneten und auch für Kriegsfälle gerüsteten Handel in Aussicht nehmen. Dazu bedurfte es vor allem einer imponirenden Flotte. Zum Befehlshaber wurde +Pedralvarez Cabral+, ein intimer Freund Gama’s, ausersehen. Während man in Spanien das Monopol des westindischen Verkehrs nebst einer lästigen Reihe der höchsten Auszeichnungen und Privilegien einem Einzigen, dem Columbus, übertragen hatte, behielten sich die portugiesischen Fürsten, da sie von Anfang an die Initiative dazu ergriffen hatten, alle Rechte freier Wahl vor, belohnten die Erfolge nach Gebühr, aber wechselten in der Wahl der Oberleitung der Expeditionen nach reiflichem Ermessen. Gama wurde nicht ganz bei Seite geschoben, aber er wurde nur als Rathgeber herangezogen. Er entwarf die Verhaltungsmaßregeln für den zweiten Zug nach Indien. Er überwachte die Ausrüstung und schrieb den einzuschlagenden Schiffscours vor. Er gab an, wie man sich in Kalikut gegenüber dem Samudrin zu verhalten habe und empfahl, um den von den Mauren ausgestreuten Verdacht, als ob die Portugiesen lediglich Seeräuber wären, zu beseitigen, man solle die Beamten des Samudrin einladen, an Bord zu kommen, um die mitgebrachten Tauschwaaren zu besichtigen. Vor allem wurde aber Cabral eindringlich gewarnt, nicht ohne Geißel sich an Land zu begeben. Als beste Zeit für die Abfahrt wurde der März bestimmt, weil man dann zu günstiger Zeit die Region der Monsune im indischen Meere erreiche. Die Flotte bestand aus zehn großen und drei kleinen Schiffen und hatte 1200 Mann an Bord. Unter den Schiffscapitänen befanden sich +Bartolomeu Dias+, der Entdecker des Sturmcaps und Nicolao Coelho, der Begleiter Gama’s. Auch Franziskanermönche und Weltpriester gingen mit, um den christlichen Glauben zu verbreiten. An der Ausrüstung der Flotte betheiligten sich auch reiche Florentiner Kaufleute. Es war die Absicht, in Malabar festen Fuß zu fassen.

Am 9. März 1500 ging das Geschwader von Lissabon aus unter Segel. In der Nähe der Capverden wurde Luis Varez durch Sturm von den übrigen getrennt und kehrte nach Portugal zurück. Von der Guineaküste ab wurde gegen S.-W. gesteuert, um den Windstillen und widrigen Meeresströmungen auszuweichen. Vasco da Gama’s Segelvorschrift lautete, man solle in grade südlichem Cours bis zur Höhe des Caplandes segeln und dann mit günstigen Westwinden das gefürchtete Südende Afrikas zu umschiffen suchen. So kam es, daß die Schiffe durch den Aequatorialstrom weiter als beabsichtigt war, gegen Südwesten geführt wurden, wo sie am 21. oder 24. April etwa unter dem 18° s. Br. unvermuthet auf eine gebirgige Küste stießen, welche nach der Schätzung der Steuerleute etwa 450 Leguas von der afrikanischen Küste entfernt lag. Es war das Gestade Brasiliens, wohin eine günstige Meeresströmung sie durch Zufall getragen hatte. Daß bereits drei Monate früher Vicente Yañez Pinzon, einer der Begleiter des Columbus auf seiner ersten Fahrt, etwa 10 Grad weiter nördlich dieselbe Küste berührt hatte, war auf der portugiesischen Flotte noch nicht bekannt. Es wird aber aus den durch die Meeresverhältnisse geleiteten Fahrlinien der Portugiesen klar, daß die neue Welt von ihrem südlichen Halbcontinente aus über kurz oder lang von den Indienfahrern gefunden werden mußte, auch wenn der kühne Plan eines Columbus keine Unterstützung gefunden hätte und nicht zur Ausführung gelangt wäre. Der Gang der Ereignisse brachte diese Entdeckung von selbst mit sich.

Cabral segelte mehrere Tage an dem Ufer des waldigen Landes hin, besuchte die Bucht des Porto-Seguro und verkehrte wiederholt mit den braunen Eingebornen, die fast unbekleidet, ohne Metallwaffen, unter leichten Strohdächern in Netzen aus Baumwollschnüren schliefen. Am 3. Mai, dem Tage der Kreuzes-Erfindung nahm Cabral von dem Lande Abschied, dem er den Namen Terra de Sa. Cruz beilegte, eine Benennung, die sich aber bald änderte, nachdem man den Reichthum an Farbeholz (Rothholz) entdeckt hatte. Dieses Holz nannten die Portugiesen Brazil (nach der Farbe glühender Kohlen) und daher bekam jene Küste bald den Namen Terra de Brazil, Brasilland, +Brasilien+.[94] Der Capitän Gaspar de Lemos erhielt den Auftrag, mit der Meldung der neuen Entdeckung nach Portugal zurückzukehren und unterwegs so viel als möglich von der weiter nördlich verlaufenden Küste aufzunehmen.[95] Cabral segelte quer über den südatlantischen Ocean nach dem Caplande zu. In einem schweren Unwetter, welches zwanzig Tage dauerte, wurden am 23. Mai in der Nähe des Cap der guten Hoffnung vier Schiffe gekentert und gingen zu Grunde, darunter auch das Schiff des Bartolomeu Dias. Als ein eigenthümliches Verhängniß, daß der Entdecker des Cap hier sein Grab in den stürmischen Wogen finden sollte, sieht es auch Camoēns an, der den Genius des Sturmcaps also reden läßt:

Vernimm, daß so viel Schiff’ auf dieser Reise Dir kühnlich folgen hin zu deinem Ziel, -- Die soll als Feinde hier in meinem Kreise Bedrohen jeder Sturm, der sie befiel; Die Flotte, welche unerlaubter Weise Zuerst hieher zu lenken wagt den Kiel, Die will ich gleich mit solcher Straf beladen, Daß größer als die Fährniß sei der Schaden.

Hier will ich nehmen (wird kein Wahn mich trügen) Die schwerste Rach’ an dem, der mich entdeckt.

(Lusiaden V. 43. 44, übersetzt von Wollheim.)

Außerdem wurde auch das Schiff des Diogo Dias vollständig von den übrigen verschlagen und gelangte auf die Ostseite von Madagascar. Erst am Nordende bemerkte Dias, daß er eine Insel entdeckt habe. Von der stattlichen Flotte Cabrals waren somit nur noch sechs Fahrzeuge vorhanden, die sich auf der Rhede von Sofala am 16. Juli wieder zusammenfanden.

Die Schiffe hatten furchtbar gelitten, mußten aber doch noch den Weg bis Mosambik zurücklegen, ehe man Gelegenheit fand, sie für die Fortsetzung der Reise wieder seetüchtig zu machen. Der ganze Küstenstrich von Sofala bis Sansibar stand unter der Botmäßigkeit des Scheich von Kiloa. Nach diesem Mittelpunkte der arabischen Niederlassungen gelangte Cabral von Mosambik mittelst einheimischer Lotsen, hatte aber dort wenig Erfolg, als er Handelsbeziehungen anknüpfen wollte; denn der Scheich erklärte ihm ziemlich unumwunden, er könne die ihm vorgelegten portugiesischen Waaren nicht gebrauchen. Auch die Bekehrungsversuche der Geistlichen an Bord trugen keine Früchte. Am 2. August erschien die Flotte vor Melinde. Mit dem dortigen Oberherrn wurden die Freundschaftsbezeugungen erneuert. Hier ließ man auch zwei portugiesische Sträflinge zurück, João Machado und Luis de Moira, mit dem Auftrage, bis ins Land des Priesterkönigs nach Abessinien vorzudringen; ein Unternehmen, das damals ebenso fehl schlug als im 17. Jahrhundert, wo mehremal portugiesische Missionare, unter ihnen Lobo, um 1626, sich abmühten, das Gebiet der Galla zu durchbrechen. Der Scheich von Melinde gab den Portugiesen wiederum zwei Steuerleute mit, welche die Schiffe glücklich in sechzehn Tagen nach Indien hinübergeleiteten. Schon am 23. August wurden die Andjediven wieder erreicht. Dort gönnte man sich vierzehn Tage Rast, die Schiffe wurden wieder kalfatert und mit Wasser versorgt, denn man mußte mit einer wohl in Stand gesetzten Flotte vor Kalikut auftreten. Wenn auch die Seemacht auf die Hälfte reducirt war, war sie immerhin doppelt so stark an Zahl der Schiffe, als das kleine Geschwader Gama’s und mußte wohl den Verdacht eines Korsarenwesens zurückdrängen. Der Samudrin bekundete seine friedliche Gesinnung dadurch, daß er die Fremden sofort nach ihrem Eintreffen durch zwei Nair und einen angesehenen Kaufmann aus Gudjerat begrüßen ließ. Cabral schickte die vier Indier, welche Gama mitgenommen, wieder ans Land und ließ den Fürsten ersuchen, ihm Geißeln als Bürgen eines friedlichen Geschäftsverkehrs zu senden. Der Brief des Königs Manuel enthielt denselben Wunsch, sprach aber daneben, unüberlegter Weise, viel von Bekehrungsplänen, wodurch die religiösen Gegensätze und Antipathien in Indien von neuem aufgeregt werden mußten.