Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen

Part 15

Chapter 152,928 wordsPublic domain

Der streng bewachte, aber treulose Lotse brachte bald darauf die Schiffe zwischen die Untiefen einer Inselgruppe und wurde, als man seine Verrätherei erkannte, dafür durchgepeitscht. Die Inseln erhielten aber zum Andenken daran den Namen ~Ilhas do Azoutado~, d. h. die Inseln des Durchgepeitschten. An der Küste entlang ging die Fahrt nun weiter auf Kiloa, welches als ein vielbesuchter Handelshafen galt, wohin sogar christliche Armenier gelangen sollten. Aber widrige Winde trieben die Schiffe ab. Das Schiff S. Rafael unter dem Commando des Vasco da Gama gerieth sogar auf eine Sandbank, wurde aber glücklich wieder losgebracht. So kamen sie in der letzten Woche des April[86] nach Mombas. Wieder erschien ein Fahrzeug der Einwohner, um sich nach den Zielen der Fremdlinge zu erkundigen. Gama erklärte, er komme, auf dem Wege nach Indien, sich in dem Hafen mit einigen Bedürfnissen zu versehen. Der Scheich, auch hier anfangs freundlich, mußte bald den falschen Einflüsterungen nachgegeben und schon von Mosambik Nachrichten erhalten haben, daß die Fremden Seeräuber seien und den Handel nur zum Vorwand nähmen. Als Gama in den Hafen einlaufen wollte, kamen viele kleine Schiffe heran, wie um die portugiesischen Fahrzeuge mit festlicher Musik an die Stadt zu geleiten. Aber man ließ höchstens 10 bis 12 Personen an Bord eines jeden Schiffes kommen. Vielleicht war es dabei auf eine Ueberrumpelung oder eine Verrätherei abgesehen, denn als das eine Schiff, rückwärts treibend, auf den Grund gerieth, da es dem Steuer nicht folgte, so gab der Capitän rasch Befehle, Anker auszuwerfen. Die dadurch hervorgerufene Unruhe machte die Araber auf den andern beiden Schiffen besorgt; sie fürchteten vielleicht, ihr Anschlag sei verrathen und sprangen eiligst wieder in ihre Schiffe. In einer hellen Mondnacht wurde der Hafen von Mombas verlassen und die Fahrt mit großer Vorsicht, weil man dem Lotsen nicht traute, fortgesetzt. Bald stießen sie auf zwei Sambuken, welche nach Mombas steuerten. Eine derselben wurde genöthigt, ihnen den Weg nach Melinde zu zeigen, wobei man die arabische Mannschaft auf die Schiffe vertheilte. Nach einer günstigen Fahrt von drei Nächten und zwei Tagen langten sie in den letzten Tagen des Monats April dort an und fanden hier endlich eine wohlgemeinte freundliche Aufnahme. Aber der Einladung des Fürsten, in dem Hafen anzulegen, folgte Gama, durch die Vorkommnisse in Mosambik und Mombas mißtrauisch gemacht, nicht sogleich, sondern schickte zunächst den Capitän Coelho und in seiner Begleitung den Davané ans Land. Am Ufer hatten sich so viele Menschen versammelt, daß die Beamten nur vermittelst ihrer Stöcke für die fremden Sendlinge Bahn schaffen konnten. Der Fürst ließ Coelho neben sich auf einem Stuhle niedersitzen, erkundigte sich vor allem nach europäischen Verhältnissen und ließ sich vom großen König Emanuel erzählen. Gegen Sonnenuntergang nahm der portugiesische Capitän Abschied und wurde, vom Herrscher von Melinde mit weißen und bunten Seidenkleidern und einem kostbaren Ringe beschenkt, an den Strand zurückgeleitet. Die von Gama auf einem Sambuk gewünschte Zusammenkunft fand in den nächsten Tagen statt. Der ganze Strand, die weißen Häuser und die Mauern der Stadt waren mit Schaulustigen dicht besetzt, als die beiden Flottenführer, Vasco und sein Bruder Paulo da Gama, im vollsten Schmucke, unter dem Donner der Salutschüsse in ihren beflaggten Böten von den Schiffen abstießen und sich dem Audienzschiffe näherten. Bei der herrschenden Rivalität zwischen Melinde und den anderen bereits besuchten Häfen war die Aufnahme eine sehr günstige. Dem arabischen Herrscher wurden ein kostbares Schwert, eine Lanze und ein Schild verehrt und beide Theile schieden in Freundschaft. Gama bat, die Piloten und übrigen Insassen des zur Mitfahrt gezwungenen Bootes sicher wieder in ihre Heimat befördern zu wollen, was auch zugesagt wurde. Die Portugiesen erhielten Lebensmittel und Wasser und konnten sich am Lande erholen, denn sie hatten an der ungesunden Ostküste Afrikas viel durch Krankheiten zu leiden gehabt und manchen Mann am Scharbock verloren.

Später besuchte Gama den Scheich in seinem Schlosse und wurde von diesem am Thor empfangen. Im Verlaufe des Gespräches erklärte der Araber, daß der Gewürzhandel in Kalikut seinen Hauptstapel habe und daß er dem Geschwader einen zuverlässigen Piloten dahin mitgeben werde. Auch rieth er den Portugiesen, die gewünschten Waaren nicht zu hoch zu bezahlen, um dadurch nicht den Markt zu verderben.

Davané erbot sich bis Indien mitzugehen. Vor dem Abschiede stattete der Fürst den Schiffen noch einen Besuch ab. Auf einer besonders angelegten Treppe leitete man ihn an Bord, wo eine festliche Tafel hergerichtet war. Dann ließ Gama mit Bewilligung des Herrschers einen marmornen Wappenpfeiler in Melinde setzen, segelte, von tüchtigen Lotsen geführt, am 24. April von der afrikanischen Küste ab und erreichte unter günstigem SW. Monsun in 22 Tagen die Gestade Indiens. Die Berge von Kananor traten hervor, die Häuser der Stadt zeigten sich bei dem Vorübersegeln. Fischerböte nahten sich und waren über die seltsam gebauten Schiffe und die weißen Menschen darin sehr verwundert. Am 20. Mai langte das Geschwader endlich im Hafen von Kalikut an.

Indien zerfiel damals in eine große Anzahl selbständiger Reiche, Barros nennt darunter die Königreiche von Multan, Delhi, Cospetir, Bengalen, Orissa, Mando, Tschitor, Guzarat oder Cambaya, Dekhan, Bisnaga und viele andere kleinere. Am Westfuße der Ghats erstreckte sich vom Flusse Karnat, nahe beim Vorgebirge Komorin bis zu der weit übers Meer sichtbaren Landmarke des Berges d’Ely (~de Ly~) oder Delly unter 12° n. Br., das Reich und die Landschaft Malabar mit der Hauptstadt Kalikut. Sechs bis zehn Leguas breit und 80 Leguas lang breitete sich dieser Landstrich aus, über welchen ein Kaiser die Oberherrschaft besaß. Der Titel dieses Oberherrn war eigentlich Samudrin, d. h. Herr der See, die Portugiesen nannten ihn Samorin. Zahlreiche Lehnsfürsten standen nominell unter ihm, wußten sich aber mehrfach seinem maßgebenden Einflusse zu entziehen oder fügten sich, wie die Fürsten von Kotschin und Kollam, nur widerstrebend. Das Uebergewicht Kalikuts beruhte in seinem Welthandel, in seinem Gewürzmarkte, welcher seit dem 14. Jahrhundert an Großartigkeit alle Hafenplätze der Westküste übertraf. Seine Blüte verdankte der Ort namentlich der Thätigkeit der mohammedanischen Kaufleute und Schiffer, welche bei den Portugiesen mit dem allgemeinen Namen der Mauren belegt wurden. Die Stadt zerfiel in zwei Abtheilungen; am Hafen gruppirten sich um die steinernen Wohnhäuser und Waarenlager der Mauren die mit Palmblättern gedeckten Holzhütten der eingeborenen Gewerbsleute, der Handwerker und des andern gemeinen Volks niedriger Kasten. Etwas entfernt lag in einem Palmenhain die Residenz des Samorin, umgeben von den Villen der vornehmsten Stände, der Brahmanen und der Kriegerkaste, der sog. Nair, die ihrem Oberherrn mit Leib und Seele ergeben, sich dem Handelsgewoge des Hafens entzogen, um ihren Standesvorurtheilen nichts zu vergeben durch zu enge Berührung mit den niederen Kasten. Diese hatten ihren Erwerb hauptsächlich durch die Mauren und waren, an deren Interesse gebunden, von denselben abhängig, oder wenigstens geneigt, auf ihre Seite zu treten. Denn den Vertrieb der geschätzten Waaren nach dem Abendlande hatten die mohammedanischen Kaufherren allein in der Hand; ihre Flotten kamen aus dem arabischen und persischen Golfe über Aden und Ormuz nach Indien und brachten namentlich über Aegypten die indischen Artikel ans Mittelmeer zu den christlichen Völkern. Aber nicht Araber und Aegypter im engern Sinne betheiligten sich allein an diesem indischen Handel. Mauren aus Tunis und Algerien, selbst Juden unternahmen die weite Reise ins Morgenland und wieder zurück in die Markthäfen Italiens und Spaniens. Die christlichen und mohammedanischen Staaten am Mittelmeer standen sich feindlich gegenüber; die Niederlagen des Islam und seine Verdrängung aus Spanien wurden bis Indien vernommen. Die Portugiesen waren politisch die Feinde der Araber und Mauren und sollten nun auch im indischen Handel als ihre Rivalen auf einem Gebiete erscheinen, wo die Moslemin Jahrhunderte lang allein sich des ungestörten Genusses und Gewinnes zu erfreuen gehabt hatten. Kein Wunder, daß das Erscheinen einer portugiesischen Flotte auf der Küste Malabar, vor dem Centralpunkte des Verkehrs, alle mohammedanischen Kaufleute in die größte Aufregung brachte. Daher der eigenthümliche Willkomm, den Gama vor Kalikut empfing. Schiffer im Hafen brachten nämlich zwei Mauren aus Tunis zu ihm, welche spanisch und italienisch sprachen und die Portugiesen mit den Worten begrüßten. „Schert Euch wieder zum Teufel, der Euch hergebracht hat.“

Auch dem Samudrin war der Besuch sicher ungelegen. Der friedliche Verkehr und die Sicherheit der Einkünfte, auf denen seine Macht basirte, schienen in Frage gestellt durch das plötzliche Erscheinen der abendländischen Fremdlinge. Ließ sich der Friede und die Ordnung, welche eine ausgezeichnete Marktpolizei bisher aufrecht erhalten hatte, bei der Erregtheit der Concurrenten aufrecht erhalten?

Und konnte nicht durch einbrechende Unsicherheit gedrängt, der ganze Waarenverkehr sich aus seinem Gebiet und aus seinem Hafen wegwenden? Daß unter solchen Umständen die Bekenner des Islam leichtes Spiel hatten, durch Einflüsterungen und Verläumdungen den Kaiser gegen die neuen Ankömmlinge einzunehmen, liegt auf der Hand. Vasco da Gama hatte von Anbeginn einen schweren Stand, und es ist ein nicht geringes Verdienst, daß er vorsichtig und seine leidenschaftlichen Aufwallungen beherrschend die Verhandlungen leitete, gewandt allen Gefahren auswich und seinen Auftrag glänzend löste.

Die Handelssaison war bereits vorüber, die fremdasiatischen Handelsbarken hatten den Hafen schon seit Monatsfrist oder länger verlassen. Man war also am Lande nicht wenig erstaunt, zu so ungewohnter Zeit Schiffe ankommen zu sehen, die offenbar mit diesen Gewässern nicht vertraut waren. Aus Furcht vor einer sichtbaren starken Brandung war Gama in einiger Entfernung vom Hafen bei dem Ort Kapokate vor Anker gegangen. Hier näherten sich ihm zunächst Fischerböte, von denen man Fische gegen portugiesische kleine Silbermünzen einhandelte. Die Bootführer prüften die ihnen unbekannten Werthzeichen mit ihren Zähnen auf den muthmaßlichen Silbergehalt. Dann brachten sie Hühner, Kokosnüsse u. a. zum Verkauf. Durch diesen Verkehr erfuhr der Samorin, daß Gama von Melinde komme und nicht ohne Erlaubniß des Landesherrn das Ufer betreten wolle. Darauf erschien nach einigen Tagen ein Nair, nur mit weißem Lendentuch bekleidet, mit rundem Schild und nacktem, kurzem Schwert. Mit ihm ging dann einer der von der afrikanischen Küste mitgenommenen Lotsen ans Land, um ähnliches über die Herkunft und Schicksale des Geschwaders zu berichten, wie Gama selbst in Melinde erzählt hatte: nämlich, daß sie zu einer großen Flotte von 50 Schiffen gehörten, die der mächtigste christliche König des Abendlandes abgesendet, um Pfeffer und Droguen einzuhandeln, daß sie aber durch Sturm zerstreut seien. Mit dem Lotsen ging auch wieder ein Sträfling ans Land, Namens João Nuñez (oder Martins). Als diese ihre Botschaft ausgerichtet hatten und wie es schien, nach günstiger Aufnahme wieder zum Hafen zurückkehrten, wurden sie von einem Manne in morgenländischer Tracht auf castilisch angeredet und eingeladen, bei ihm zu bleiben, da sie sich bei ihrer Sendung verspätet hatten und kein Boot mehr fanden, das sie zu den Schiffen zurückgebracht hätte. Dieser neue Gastfreund stammte aus Sevilla, war als Gefangener und Sklave durch viele Hände gekommen, hatte äußerlich den mohammedanischen Glauben angenommen und ging am nächsten Morgen mit den beiden Sendlingen an Bord, um den Flottencapitän über die Verhältnisse in der Stadt aufzuklären und namentlich vor den Ränken der arabischen Kaufherrn zu warnen.[87]

Gama ging darum nicht zuerst selbst ans Land, sondern schickte Coelho mit mehreren Begleitern zum König, damit er ihm die Bitte um freien Handel und friedlichen Verkehr vortrage. Wenn das zugesichert werde, wolle der Admiral persönlich die Geschenke und Briefe des königlichen Herrn überreichen.

Bei der Landung der Portugiesen lief das Volk zusammen, verhielt sich aber ruhig, als diese zum Palaste geleitet wurden. Da sich aber der Samorin inzwischen durch seine Beamten über das Erscheinen und Benehmen der Fremden genau berichten ließ, so verging darüber der Tag, ohne daß eine Audienz anberaumt wurde. Coelho blieb daher über Nacht im Hause eines Edelmanns.

Am nächsten Morgen kam der Schatzmeister und erklärte, sein Herr sei unwohl und könne die Gesandtschaft nicht empfangen, Coelho möge ihm daher den Inhalt seiner Botschaft anvertrauen, er werde ihn dem Könige übermitteln. Coelho aber erwiderte, er habe directen Auftrag, und wenn der König krank sei, werde er bis zu günstiger Zeit wieder aufs Schiff zurückkehren. So bequemte man sich denn zur Audienz. Coelho begrüßte den Samorin ehrfurchtsvoll, blieb aber schweigend stehen, bis ihn der König aufforderte, seinen Auftrag auszurichten. Als dies geschehen, wollte der König die Audienz schließen mit dem Bemerken, die Antwort werde ihm später durch den Schatzmeister zugehen. Allein auch darauf ging Coelho nicht ein, sondern erbat sich directen Bescheid, den ihm der Samorin dann in wohlwollender Weise gewährte. Zum Zeichen des Friedens erhielt Coelho den königlichen Namenszug auf einem Palmenblatte und begab sich damit wieder an Bord. Sobald dort der Erfolg bekannt geworden war, wurden die Schiffe beflaggt, Trompeten erklangen und die Kanonen donnerten Salutschüsse über den Hafen hin.

So war durch das feste Auftreten Coelho’s die schwankende Politik der königlichen Rathgeber bei Seite gedrängt. Das königliche Wort war eine Bürgschaft des Friedens.

Dann rüstete sich Gama selbst, zu einer Audienz ans Land zu gehen; aber, gewarnt durch den indischen Castilier, that er es nicht eher, als bis er durch eine Anzahl vornehmer Geißeln aus dem Stande der Nair genügend gedeckt war. Dann erst betrat er in festlichem Aufzuge, in Weiß und Roth gekleidete Trompeter voraus, die Stadt und wurde in einem Palankin zum Palaste getragen. Hier wurde er vom Samorin in feierlicher Audienz empfangen. Correa gibt uns von dieser Scene ein genaues Bild. Der König saß auf einem Divan. Er war von sehr dunkler Hautfarbe, der Oberkörper nackt, von der Mitte des Leibes an bis zu den Knien in Weiß gekleidet. Eines seiner Kleidungsstücke endigte in einer langen Spitze, an welcher mehrere goldene Ringe mit großen, glänzenden Rubinen angereiht waren. Am linken Arme über dem Ellbogen trug er eine Spange, die aus drei Ringen zusammengesetzt schien und von Juwelen strotzte; namentlich trug der mittlere höchst werthvolle Steine, und von ihm hing noch ein Diamant von der Dicke eines Fingers herab. Um den dunkeln Hals trug er eine helle Perlenschnur, deren Glieder die Größe einer Haselnuß hatten. Zweimal umgeschlungen reichte diese Schnur vorn bis auf die Mitte der Brust herab, und darüber trug er eine feine Goldkette mit einem Schmuck in Gestalt eines Herzens, welches aus einem Geschmeide von Perlen und Rubinen bestand, dessen Mittelpunkt ein großer Smaragd bildete. Das lange schwarze Haar trug der Samorin auf dem Wirbel in einen Knoten geschürzt und mit Perlenschnüren umwunden; an den Ohren prangten zahlreiche Goldringe.

Rechts und links vom Throne standen Leibpagen mit reichverzierten Waffen und mit einem goldenen Spucknapf. Der erste Brahmane reichte dem Fürsten von Zeit zu Zeit ein Blatt Betel, welches derselbe kaute und dann in den goldenen Napf ausspie.

Nachdem sich Gama tief vor der indischen Majestät verbeugt hatte, reichte ihm dieselbe die rechte Hand entgegen und berührte mit den Fingerspitzen die rechte Hand des Admirals, und dieser entledigte sich dann zuerst mündlich seines Auftrags in portugiesischer Sprache. Sein Dolmetscher João Nuñez übertrug den Inhalt zunächst ins Arabische und wendete sich an den Sensal, dieser gab in der Landessprache das Wort weiter an den Brahmanen, durch welchen dann endlich die Botschaft an den König selbst gelangte. Darauf überreichte Gama knieend den Brief des Königs Manuel, nachdem er ihn geküßt, auf seine Augen und aufs Haupt gelegt hatte. Der Samorin nahm den Brief in die Hand, drückte ihn an die Brust mit beiden Händen, öffnete ihn und übergab ihn seinem Schatzmeister, um ihn sich übersetzen zu lassen; denn er war portugiesisch und arabisch abgefaßt. Es war darin, was Gama bereits mündlich ausgesprochen, der Wunsch ausgedrückt nach einem Freundschaftsbündnisse und friedlichen Handelsverkehr. Damit war die Audienz beendet, der Admiral kehrte unter Trompetenschall zur Factorei zurück, wo er zu Nacht blieb. Die bald darauf folgende briefliche Antwort des indischen Fürsten enthielt die Stelle: Vasco da Gama, ein Edelmann aus Eurem Hause, hat mein Reich besucht, worüber ich mich sehr gefreut habe. In meinem Lande gibt es Zimmt, Gewürznelken, Ingwer und Pfeffer in Fülle, ich habe Perlen und Edelgestein. Was ich von Euch wünsche, ist Gold, Silber, Korallen und Scharlach.

Damit war die Genehmigung zur Eröffnung des Handels ertheilt.

Am Lande wurden den Portugiesen Lagerhäuser eingeräumt und Diogo Dias zum Factor bestellt. Um nun den Handel einzuleiten, wurde zunächst das Marktgewicht festgestellt, dann der Preis der Waaren bestimmt. Gold und Silber galt nicht nach Gepräge, sondern nach Gewicht und Feingehalt; es stellte sich dabei der Silberpreis höher als in Portugal. Außer Edelmetallen gab der Factor auch Korallen, Quecksilber und Kupfer zum Tausch. Die eingehandelten Droguen wurden dann durch indische Böte zu den Schiffen gebracht. Die Portugiesen waren über den billigen Einkauf erfreut und der Schatzmeister konnte hinwieder seinem Herrn melden, die Christen zahlten doppelte Preise und nähmen auch die weniger guten Produkte, deren Annahme die Araber verweigerten. Durch die blinde Kauflust der Fremden verlockt, begannen die einheimischen Händler die Gewürze zu fälschen, mit fremden Körpern zu vermischen oder gar unbrauchbare Waaren, wie ungenießbaren Zimmt zu liefern. Der Factor gewahrte wohl den Betrug, nahm aber auch die schlechte Waare an, um vorläufig jeden Grund zu Mißhelligkeiten fernzuhalten.

Inzwischen blieben die portugiesischen Boote stets in der Nähe auf der Hut, mit versteckten Waffen, scheinbar müßig, aber stets schlagfertig.

Da die Mauren sahen, daß sich der Handel mit den Portugiesen, zu ihrem Nachtheile, so rasch entwickelte, verdächtigten sie die Fremdlinge als Spione, welche nur gekommen seien, den Reichthum des Landes zu erkunden, um demnächst mit bewaffneter Macht als Eroberer wieder zu erscheinen. Als rechte Kaufleute würden sie doch die schlechte Waare nicht um doppelten Preis kaufen. Der Handel diene nur als Folie, um böse Absichten zu verdecken.

Die reichen Handelsherren in der Stadt gewannen nun zunächst den Katual, den mohammedanischen Gouverneur, oder, wie Correa ihn bezeichnet, den ersten Officier der königlichen Leibwache, für sich, daß er die Portugiesen am freien Verkehr hindern möge. Dies geschah auch. Man gestattete ihnen nicht, die Stadt zu besuchen, unter dem Vorgeben, als wolle man dadurch unliebsamen Begegnungen mit den Mauren vorbeugen, auch hoffte man, sich gelegentlich der Person des Admirals bemächtigen zu können. Vielleicht rechnete man auch bereits darauf, den unbequemen Besuch so lange hinzuhalten, bis die mohammedanischen Flotten mit dem neuen Monsun anlangten, um dann mit deren Hilfe die Portugiesen vollständig zu vernichten.