Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen

Part 14

Chapter 143,619 wordsPublic domain

An der Congoküste und bis über das südliche Cap der guten Hoffnung hinaus wurden während der Fahrt Negerinnen mit Geschenken ans Land gesetzt, um dasselbe zu erkunden und den Eingeborenen von der Macht und Pracht der Portugiesen zu erzählen, welche gekommen seien, das Land des Priesters Johannes aufzusuchen. Durch das sich weiter verbreitende Gerücht sollte der Priesterkönig veranlaßt werden, seinerseits Boten auszusenden, welche mit den Portugiesen eine Annäherung suchten. Den ersten Wappenstein setzte Dias bei der Serra parda nördlich von der Walfischbucht. Dann wurde er durch widrige Winde mehrere Tage aufgehalten und mußte mühsam laviren. Er nannte diese Bucht Angra das voltas. Der Name eines Cap Voltas haftet noch an der Küste, nahe der Mündung des Oranjestroms. Vom St. Helenagolf mußte er 13 Tage lang mit eingerafften Segeln sich von dem Sturm nach Südost treiben lassen. Dabei gerieth er in kältere Meeresströmungen und war von der schnellen Abnahme der Temperatur überrascht. Als der Sturm nachließ, steuerte er wieder gegen Osten, um die Küste zu gewinnen, welche nach seiner Vorstellung von Norden nach Süden vorlaufen mußte wie bisher. Als er aber nach mehreren Tagen noch kein Land in Sicht bekam, richtete er den Lauf der Schiffe nach Norden und erreichte so das Südende des Continents an einer Bucht, wo Hottentotten mit ihren Herden weideten und über den Anblick den Schiffe erschreckt ins Binnenland flohen. Die Bai erhielt den Namen der Kuhhirtenbai (~Angra dos Vaqueiros~); jetzt heißt sie Flesh-Bai.

Weiter gegen Osten in der San Bras-Bai (Mosselbai) nahm er Wasser ein, wobei es zum Conflict mit den Eingeborenen kam; auf einer kleinen Insel Santa Cruz in der Algoabucht wurde der äußerste Wappenpfeiler gesetzt. Erschöpft durch die unerhörten Strapazen, welche sie erlitten, forderten die Schiffsleute den Capitän auf, umzukehren. Man wies auch darauf hin, daß der Proviant zu Ende gehe. Dias bedang sich noch eine Fahrt von zwei bis drei Tagen aus; wenn sich dann nicht ein Erfolg zeige (er erwartete wohl, daß die Küste wieder gegen Norden streiche) wolle er umkehren. Daß das Südende Afrikas umsegelt sei, sah er gewiß; daß das lang erstrebte Ziel sich nunmehr ohne große Schwierigkeiten werde gewinnen lassen, war seine feste Ueberzeugung. Nach einer Fahrt von zwei Tagen, in welchen die Schiffe noch 25 Meilen über den Wappenpfeiler hinaus bis zum großen Fischfluß vordrangen, welcher damals den Namen Rio do Infante erhielt, weil der zweite Capitän João Infante das Land zuerst betrat, sah sich Dias genöthigt, schmerzerfüllt den Heimweg anzutreten. Es wird uns erzählt, daß, als er zum zweiten Male die Insel Sa Cruz betrat, er den Wappenstein umklammert und nur mit schwerem Herzen Abschied von ihm genommen habe, wie wenn er einen geliebten Sohn scheiden sehe.

Beim weiteren Verfolg erkannte er auch das imposante Felsencap am südwestlichen Ende des Festlandes, um welches ihn bei der Hinfahrt der Sturm herumgeführt. Er gab ihm den Namen des Sturmcaps (~Cabo tormentoso~). Aber der König änderte diesen ominösen Namen in den Glück verheißenden „Cap der guten Hoffnung“ (~Cabo da boa esperanza~), weil er der festen Zuversicht war, die Pforte zum indischen Ocean stehe offen und der Wasserweg zu den Gewürzländern werde endlich gefunden. Das Transportschiff, welches auf der Westküste Afrikas zurückgeblieben, zeigte sich in bedauerlichem Zustande, als die beiden Schiffe des Dias auf ihrer Heimkehr dasselbe trafen. Sechs Mann an Bord waren von den Negern erschlagen, drei nur noch am Leben, dazu das Schiff selbst, in Folge von Wurmfraß, nicht mehr seetüchtig. Es mußte daher in Brand gesteckt werden, ehe man sich zum letzten Theil der Rückreise anschickte. Im December 1487 langte Dias, nach einer Fahrt von 16 Monaten und 17 Tagen, in Lissabon wieder an. Er hatte auf dieser Reise weitere 350 Leguas Küstenlinie entdeckt.

Inzwischen hatte aber der König auch Leute ausgesendet, welche das Reich Habesch und die Verkehrsverhältnisse am indischen Meere ermitteln sollten. Der erste Versuch einer Sendung schlug allerdings fehl, denn der Pater Antonio de Lisboa und Pedro de Montorryo, welche nach Jerusalem geschickt wurden, um dort abessinische Mönche auszuforschen, die damals häufig zu der heiligen Stadt walfahrteten, kehrten unverrichteter Sache wieder zurück, weil sie ohne Kenntniß der arabischen Sprache sich nicht getrauten, mit den Abessiniern ins Land des Priesters Johannes zu reisen.

So wurden denn, noch ehe Dias heimgekehrt war, zwei andere, bewährte Männer abgesandt. +Pero de Covilham+ und +Affonso de Paiva+[82] machten sich am 7. Mai 1487 nach dem Orient auf, erreichten über Rhodos und Alexandrien die Hauptstadt Aegyptens, Cairo, und fuhren auf dem rothen Meere nach Aden. Hier trennten sie sich, nachdem als Ort späterer Vereinigung Cairo bestimmt war. Covilham ging zu Schiff nach der indischen Malabarküste, besuchte Kananor, Kalikut, Goa und kehrte von da nach der Ostküste Afrikas zurück, besuchte die Häfen, erreichte als südlichsten Punkt das durch seinen Goldreichthum berühmte Sofala und zog über die Insel Madagascar Erkundigungen ein.

Als er auf der Rückreise Cairo wieder erreicht, erfuhr er, daß sein Gefährte Paiva inzwischen gestorben sei. Doch traf er dort zwei andere Sendlinge des Königs Johann von Portugal, den Rabbi +Abraham+ aus +Beja+ und den Juden +Joseph+, einen Schuster aus Lamego. Der letztere ging mit den wichtigen Nachrichten, welche Covilham eingezogen, sofort nach Portugal zurück. Covilham schrieb in seinem Briefe, daß die portugiesischen Schiffe an der Küste Guineas nach Süden zu steuern hätten, bis sie das Ende Afrikas erreicht, und daß sie im indischen Meere ihren Cours nach Sofala und der Mondinsel oder Madagascar richten müßten. Covilham besuchte mit Rabbi Abraham sodann noch Ormuz und sandte seinen Gefährten mit einer Karawane auf dem üblichen Wege über Bagdad und Haleb nach Syrien und in die Heimat zurück, während er selbst Habesch aufzusuchen beschloß. Der König nahm ihn in seiner Hauptstadt Schoa sehr freundlich auf, wußte aber den ersten europäischen Besucher an sich zu fesseln, so daß Covilham im Lande blieb, sich dort verheiratete und noch ein Menschenalter später, als ein portugiesischer Gesandter 1525 unter Rodriguez de Lima in Habesch eintraf, lebte. Er wurde über den Besuch seiner Landsleute zu Thränen gerührt, blieb aber in Habesch und starb dort.

3. Vasco da Gama’s erste Fahrt.

Das waren die letzten wichtigen Unternehmungen, welche der Regierungszeit des Königs Johann noch angehören. Zwar noch bei Lebzeiten dieses Fürsten sollte von unerwarteter Seite der Impuls kommen, welcher die Portugiesen antreiben mußte, durch eine letzte kühne Seefahrt ihre fast ein Jahrhundert bereits andauernden Arbeiten zu krönen; aber Johann II. starb, ehe er an die Ausführung gehen konnte. Den angedeuteten Impuls gab aber Columbus dadurch, daß er, von seiner ersten Fahrt nach Westindien heimkehrend, durch Sturm genöthigt worden war, in den Hafen von Lissabon einzulaufen und dem portugiesischen Könige auf dessen Einladung von seinem vermeintlichen Besuch in Zipangu (Japan) Bericht erstatten konnte. Die mitgebrachten braunen Indianer ließen nun mit Recht vermuthen, daß der kühne Genuese, dessen Pläne in Portugal keinen Beifall gefunden hatten, wenigstens bis in die Nähe Asiens gelangt sei, da die vorgeführten fremden Menschen den wirklichen Indern ähnlich zu sein schienen. Auch war zu befürchten, daß Columbus auf einer zweiten Fahrt noch vor den Portugiesen die Gewürzländer erreichen und damit den Preis und Lohn so vieler Mühen vorweg nehmen könnte. Glücklicherweise konnten sich die Portugiesen darauf berufen, daß Pabst Nicolaus V. schon im Jahre 1454 durch eine Bulle ihnen das Privilegium über den Handel mit Indien verliehen hatte. Trotzdem beeilten sich nun doch die spanischen Monarchen Ferdinand und Isabella, sich die neuen Entdeckungen durch päbstliche Sanction zu sichern. Die Bulle des Pabstes Alexanders VI. vom 3. Mai 1493 spricht der spanischen Krone alle Inseln und Festländer, welche in der von Columbus eingeschlagenen Richtung gefunden sind und noch gefunden werden sollen, zu in Anerkennung der Verdienste um den christlichen Glauben, um die Vertreibung der Mauren aus Spanien, und hofft, daß auch in den neu entdeckten Gebieten die friedlichen nackten Bewohner, welche keine Canibalen sind und sogar an einen Schöpfer im Himmel glauben, durch spanische Missionäre bald bekehrt werden möchten. Auf die weiteren Eigenthümlichkeiten und Schwächen der päbstlichen Erlasse vom 3. und 4. Mai genauer einzugehen, ist hier nicht der Ort, wo wir die portugiesischen Entdeckungen allein im Auge haben. Allein es mag hier noch erwähnt werden, daß in Folge dieser päbstlichen Verleihungen am 7. Juni 1494 zwischen Spanien und Portugal ein Vertrag abgeschlossen wurde, welcher die Grenzlinie der maritimen Entdeckungen beider Mächte in Gestalt einer von Pol zu Pol gezogenen Meridianlinie festsetzte.

Spanien erhielt den Westen der Erde, Portugal den Osten. Aber Spanien schien dem Ziel näher zu sein als sein älterer Nebenbuhler. Darum rüstete bereits Johann zu neuen Seefahrten; aber der Tod hemmte 1495 den Fortgang. Ihm folgte der jugendlich kühne +Manuel+, dem die Nachwelt den Namen des Großen zuerkannt hat, weil unter ihm die portugiesische Macht zu größter Entfaltung gelangte. Manuel, Herzog von Beja, war 26 Jahr alt, als er den Thron bestieg. Er wollte sofort die Entdeckungsarbeiten wieder beginnen lassen, aber seine Räthe machten anfangs Schwierigkeiten. So verzögerte sich die Fertigstellung des Geschwaders bis zum Jahre 1497. Der erfahrene Bartolomeu Dias wurde damit betraut, diese kleine aus 3 Schiffen bestehende, zur Fahrt nach Indien bestimmte Flotte sorgfältig auszurüsten, aber selbst sollte er sie nur bis zur Factorei La Mina an der Goldküste begleiten. Den Oberbefehl erhielt +Vasca da Gama+[83], im zweiten Schiffe sein Bruder +Paulo da Gama+, im dritten +Nicolao Coelho+. Der Raumgehalt der Schiffe betrug 100 bis 120 Tons. Die Schiffe trugen die Namen S. Rafael, S. Gabriel und S. Michael.

Die portugiesischen Historiker weichen in ihren Berichten über Gama’s Fahrt in vielen wesentlichen Punkten von einander ab. Gaspar Correa, dessen ~Lendas da India~ erst 1858-1861 von der Academie in Lissabon veröffentlicht worden sind, kam von allen Chronisten am frühesten, vielleicht schon 1512, nach Indien und konnte als Secretär des berühmten Affonso d’Albuquerque zum Theil das Tagebuch des Geistlichen João Figueira, welcher die erste Fahrt Vasco da Gama’s mitmachte, benutzen und zu Rathe ziehen. Castanheda (~Historia da India~) kam um 1528 nach Indien, Damian de Goes (~Rey Emanuel~) gelangte nicht nach dem Orient, und Osorio (~de rebus Emanueli~) fußt vielfach auf Goes. João de Barros, dessen Decaden lange Zeit fast allein die Grundlage der Darstellung gebildet, schrieb viel später.[84] Correa’s Werk sollte bei seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht werden, vielleicht um manchen Lebenden nicht zu verletzen. So kam sein Manuscript erst nach seinem Tode nach Europa, erlebte dort zwar, wenigstens in dem ersten Theile, mehrere Abschriften, aber erst vor 20 Jahren eine sorgfältige Drucklegung. In manchen Punkten, wo Correa von den übrigen Historikern abweicht, spricht aber die innere Wahrheit und Wahrscheinlichkeit für ihn.

Wie weit die Differenzen unter den einzelnen Berichten über Gama’s erste Fahrt gehen, erhellt schon daraus, daß sie nur in +einem+ Tages-Datum, nämlich in der Ankunft am Flusse Dos Reis, am heiligen Dreikönigstage 1498 zusammen stimmen. Correa setzt die Abfahrt der Flotte von Lissabon auf den 25. März 1497, Barros auf den 8. Juli, Osorio auf den 9. Juli. Correa nennt die Schiffe S. Rafael (Capitän Vasco da Gama), S. Gabriel, (Paulo da Gama), S. Michael, (Nicol. Coelho). Barros versetzt den ersten Capitän auf den Gabriel, seinen Bruder Paulo auf den Rafael, und nennt das Schiff Coelho’s Berrio.

Bei der Benennung neuentdeckter Küstenpunkte mußte dem Hauptschiffe, auf welchem Vasco da Gama befehligte, naturgemäß der Vorrang eingeräumt werden. Mustern wir nun einige der bedeutendsten Weltkarten des 16. Jahrhunderts, die Karten Cabots und des Königs Heinrich II. von Frankreich (+Jomard+, ~Monuments de la géographie~), so treffen wir die Namen Gabriel und Berrio gar nicht; Rafael erscheint auf Heinrichs II. Karte zweimal, ein Rio de S. Miguel bei Cabot. Ferner zeigt die Baseler Ausgabe des Ptolemäus, 1513, einen padrão de S. Rafael, und auch Ortelius (~Theatrum mundi~) bietet uns die Namen Rafaels und Michaels. Dadurch wird die Existenz dieser Schiffsnamen bestätigt, und wenn alle Autoren in der Angabe des Namens Gabriel übereinstimmen, muß wohl der Name „Berrio“, den Barros angibt, falsch sein. Stanley (~l. c. p. V.~) führt nach einem weiteren Beweis an, daß das Hauptschiff den Namen Rafael führte. Nach dem glänzenden Verlauf der ersten Reise wurde Vasco da Gama zum Grafen von Vidigueira in Alemtejo erhoben. Vor dieser kleinen Stadt befindet sich eine Capelle des heil. Rafael mit dem Bilde des Erzengels, dem das Schiff geweiht war.

Der Oberbefehlshaber erhielt Empfehlungsschreiben an den Priester Johannes, an den Beherrscher von Kalikut und an andere Fürsten Indiens. Die ganze Bemannung zählte nach Barros 170 Köpfe, während Correa sagt, in jedem Schiffe seien 80 Personen gewesen. Nach Osorio und Goes zogen 148 Mann aus und kehrten nur 55 wieder zurück. Ueber die Canarien gelangte das kleine Geschwader, nachdem es schon am Rio d’Ouro durch Sturm getrennt war, zu den Capverden und blieb einige Tage in St. Jago. Hier trennte sich Bartolomeu Dias, welcher sie bis dahin begleitet hatte, von ihnen und steuerte nach seinem Bestimmungsorte, nach La Mina an der Guineaküste. Gama richtete, das afrikanische Gestade verlassend, seinen Cours direct nach dem Caplande.

Der Wind war sehr heftig, erzählt Correa, so daß die See einen furchtbaren Anblick gewährte; unter den rastlosen Arbeiten während dieser Stürme litt das Volk sehr. Nachdem sie so einen Monat gesegelt waren, wandten sie sich wieder der Küste zu, in der Hoffnung, das Cap zu erreichen. Aber viel zu zeitig. Es sollten noch Monate vergehen, ehe sie das Südende des Continents umfahren konnten. Alle Historiker stimmen darin überein, daß die Fahrt mindestens 4 Monate währte, Correa setzt sogar volle 6 Monate an. So ging’s also wieder in die offene See hinaus, obwohl schon damals die Mannschaft lieber wieder umgekehrt wäre. Gama selbst theilte mit ihnen alle Arbeiten und Mühen und gönnte sich keinen Schlaf. Die Tage wurden immer kürzer, denn man fuhr in den südlichen Winter hinein. Es schien fast immer Nacht zu sein. Die Leute wurden krank vor Furcht und Mühsal, sie konnten nicht einmal ihr Essen bereiten. Sie begannen zu murren und wollten umkehren; aber Gama wies sie, als ein leidenschaftlicher Mann, mit scharfen Worten zur Ruhe, obwohl er sah, daß man in beständiger Lebensgefahr schwebte. Und wenn auch die Mannschaft unter den kalten Regenschauern fast erstarrte, so schwur doch der Capitän, es möge kommen, was Gott wolle, umkehren werde er nicht.

Erst in der Nähe des Landes wurde die See ruhiger. Um die Polhöhe am festen Lande zu bestimmen, ging das Geschwader in der St. Helenabai vor Anker. Da die Seeleute mit dem Gebrauche des Astrolabiums noch nicht lange vertraut waren, vermochten sie an Bord der kleinen Schiffe wegen der Schwankungen der Fahrzeuge noch keine sichern Bestimmungen zu machen. Das Beobachtungsinstrument hatte 3 Palmen im Durchmesser und ruhte auf einem dreifüßigen hölzernen Gestell. Wahrscheinlich war es hier, wo das begleitende (vierte) Proviantschiff entleert und in Brand gesteckt wurde, nachdem die Mannschaft auf die andern Schiffe vertheilt war.[85]

In einem mehrtägigen Sturme dublirten sie endlich das gefürchtete Cap, Stürme verfolgten sie auch auf der weiteren Fahrt. Sturzseen brachen von oben herein, das Wasser im Schiffsraume stieg immer höher. Sie hatten keine Ruhe, weder bei Tage noch bei Nacht, weder für die Seele noch für den Leib. Aber Gama schwur hoch und theuer, er werde keinen Fuß breit zurückgehen, bis er Indien erreicht. Bei dieser verzweifelten Lage wuchs die Mißstimmung unter der Bemannung immer mehr und gestaltete sich zu einer Verschwörung: man wolle sich nicht blindlings ins Verderben jagen lassen, Er sei nur Einer, sie aber seien Viele. Durch einen Schiffsjungen verrathen, wurde der Plan, den Capitän zu beseitigen, vereitelt. Gama brachte die Verschworenen mit List in seine Gewalt und ließ sie in Ketten werfen. Vor Wuth soll er sogar alle nautischen Bücher über Bord geworfen und erklärt haben: nun möchten sie versuchen, ohne Steuermann und Pilot den Rückweg zu finden. Denn die Capitäne und Steuerleute hielten alle treu zum Führer.

Erst im Anfang Januar 1498 näherten sie sich wieder dem Lande. Die Schiffe bedurften einer Reparatur, an Trinkwasser trat ein fühlbarer Mangel ein, manche Fässer waren in den unaufhörlichen Stürmen geborsten und ausgelaufen. Aber sie segelten noch mehrere Tage, ehe sie einen günstigen Ankerplatz fanden. Am 6. Januar liefen sie in die bequeme Mündung eines Flusses ein, der nach dem Tage Rio des Reyes, Drei-Königsfluß, genannt wurde. Der Wasserplatz, an welchem Gama fünf Tage verweilte, wurde wegen des friedlichen Benehmens der Bewohner Agua da boa Paz genannt. Beim Weitersegeln hatten sie vom Cap Corrientes (~Cabo das Corrientes~) tagelang mit der heftigen Mosambikströmung zu kämpfen und mußten darum weiter von der Küste abhalten, um nicht gegen gefährliche Klippen getrieben zu werden. In Folge dessen segelten sie an dem in der innern Bucht des Landes gelegenen Sofala vorüber und erreichten nur mühsam die Mündung des Sambesi. Dieser mächtigste Strom erhielt den Namen ~Rio dos bons Sinaes~ (Strom der guten Anzeichen), denn hier trafen sie zuerst mit hellfarbigen Mischlingen zusammen, die des Arabischen mächtig waren, und ihnen mittheilten, daß weiter nordwärts eine belebte Schifffahrt getrieben werde. Man hatte hier also die Sphäre des arabischen Handelsverkehrs erreicht und konnte hoffnungsvoll dem glücklichen Erfolg des kühnen Seezuges entgegensehen. Theils um die Schiffe auszubessern, theils um der erschöpften und am Scharbock leidenden Mannschaft Erholung und Erfrischung zu bieten, blieb Gama einen vollen Monat hier. Dort wurde ein Wappenstein errichtet mit der Inschrift: ~Do Senhorio de Portugal Reino de Christaõs~. Dann stach Gama wieder in See und erreichte bald die Insel und den Hafenplatz Mosambik. Mehrere Sambuken, mit arabisch gekleideten Leuten bemannt, kamen heran und erkundigten sich nach Herkunft und Ziel der fremdartigen Flotille. Gama ließ ihnen antworten, sie seien Portugiesen, welche im Auftrage ihres Königs nach Indien führen und, da sie den Weg noch nicht gemacht hätten, um einige Lotsen bäten.

Anfänglich schien es, als ob der Verkehr sich ganz friedlich gestalten wolle. Der Scheich des Hafens stand unter der Botmäßigkeit des arabischen Fürsten von Kiloa. Die Araber hatten den sicheren Stapelplatz auf der Mosambik-Insel gewählt, um von hier aus lebhaften Handel mit den Negern zu treiben und Gold, Elfenbein, Wachs u. a. einzutauschen. Nachdem Gama dem Scheich mehre Geschenke gesendet, kam dieser selbst an Bord, in faltenreicher, farbiger Tracht, das dunkle Gesicht von einem mächtigen, buntseidenen Turban beschattet. Unter seinem Gefolge befanden sich viele Mischlinge. Nach einem ehrenvollen Empfange von Seiten der Capitäne nahm der Scheich alles neue auf den Schiffen in Augenschein und ließ sich vermittelst eines Dolmetschers von dem Flottenführer noch einmal erzählen, daß sie von dem mächtigsten Könige der Christenheit abgesandt, bereits zwei Jahre auf der stürmischen See umhergeworfen und von ihren Gefährten getrennt nunmehr dem Lande der Gewürze zusteuerten und, des Weges unkundig, um zuverlässige Piloten bäten. Bald nachdem der Scheich zurückgekehrt war und frische Lebensmittel für die Portugiesen gesandt hatte, erschienen auch drei Habessinier, mit denen aber die Verständigung nur unvollkommen gelang. Werthvoller war der Verkehr mit einem Mauren, Namens Davané, welcher sich bereit finden ließ, die Schiffe nach Indien zu begleiten. Inzwischen änderte sich aber die günstige Stimmung am Lande. Die Araber schöpften wegen der Herkunft und Zwecke der Fremdlinge Verdacht oder wurden wegen ihres Handels besorgt, für den ihnen so unerwartet eine Concurrenz zu drohen schien. Zwar erhielt Gama die gewünschten Lotsen, aber sie waren nicht zuverlässig; denn nachdem die Portugiesen als Christen erkannt und somit als die natürlichen Feinde des Islam erklärt worden, wurde auch der Scheich von den einheimischen Händlern gewonnen, die Hand zu einem geplanten Verrath und Ueberfall zu bieten. Und hierzu sollten die Lotsen behilflich sein. Eine Einladung des Scheich zu einem Besuche in der Stadt hatte Gama, durch Davané gewarnt, vorsichtig abgelehnt. Dagegen bat er, man möge ihm am festen Lande einen Platz anweisen, wo seine Böte Wasser holen könnten. Diese Gelegenheit sollte von Seiten der Moslemin zu einem Ueberfall benutzt werden; zu gleicher Zeit sollten andere mit Bewaffneten besetzte Fahrzeuge, wenn ein Theil der portugiesischen Matrosen beim Wassereinnehmen von den Schiffen fern sei, diese überrumpeln und das Geschwader zu erobern suchen. Allein dieser Plan wurde durch die Wachsamkeit und die Ueberlegenheit der portugiesischen Waffen vereitelt. Gama ließ das Wasserboot mit zwei Kanonen armiren und schickte zur Bedeckung der Matrosen bewaffnete Mannschaft mit unter Führung des Capitäns Coelho. Zur Nachtzeit sollte bei Hochflut Wasser eingenommen werden. Aber der begleitende Pilote führte sie bis zum anbrechenden Morgen, wo Ebbe eintrat, in der Irre herum und hoffte das Fahrzeug dann unversehens aufs Trockne zu setzen und dem geplanten Ueberfall leichter preiszugeben. Indeß kam ihm Coelho zuvor, indem er das Boot rechtzeitig wenden ließ und den Verräther, zum abschreckenden Beispiel, an den Mast aufknüpfen wollte. Der Lotse aber sprang über Bord, tauchte unter und kam erst in weiterer Entfernung wieder zum Vorschein. Bei seiner Verfolgung wurde nun das Boot vom Lande aus mit Pfeilen und Schleudersteinen angegriffen. Da man von den Schiffen aus diesen feindlichen Zusammenstoß sehen konnte, so ertheilte Gama dem Boote durch Flaggensignale den Befehl zur Umkehr. Auch ließ er, wie Correa betont, nicht gleich mit Kanonen unter die Verräther schießen, weil er sich in dem ersten arabischen Hafen nicht in schlechten Ruf bringen wollte und vielleicht noch auf ein friedliches Abkommen rechnete. Der Scheich, der wohl auch für seine wehrlose Stadt fürchten mochte, ließ über den unangenehmen Zwischenfall sein Bedauern ausdrücken und erbot sich andere Lotsen zu senden, die indeß wieder den Auftrag zu haben schienen, die portugiesischen Schiffe auf Korallenriffe zu führen.

Vasco da Gama hatte mehrere Verbrecher an Bord, die ihm mitgegeben waren, um an gefährlichen Stellen ans Land geschickt zu werden. In der Ausführung eines lebensgefährlichen Auftrages bestand die eigenthümliche Art der Begnadigung. João Machado, so hieß der zu dieser Mission ausersehene Sträfling, wurde ans Land gesetzt, um dem Scheich die Botschaft zu übermitteln, daß, da man an seiner Ehrlichkeit zweifele, der weitere Verkehr mit ihm abgebrochen werde. Machado richtete seinen Auftrag aus und gelangte später unter allerlei Abenteuern über Kiloa und Mombas nach Indien. Gama aber hielt noch an einer unbewohnten Insel vor Mosambik an und ließ zu Ehren des heil. Georg den Wappenstein San Jorge setzen. Dann stach er wieder in See. Davané war an Bord geblieben und begann bereits etwas Portugiesisch zu lernen, so daß man sich mehr und mehr verständigen und manche werthvolle Mittheilungen über den Seehandel durch ihn gewinnen konnte.