Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen
Part 12
Aber die Schifffahrt lag damals bei den Portugiesen noch in der Wiege. Es waren kaum hundert Jahre verflossen, seit durch die ersten Fahrten der Venetianer nach England und Niederland Lissabon zu einer Haltestation auf halbem Wege von Italien nach den Häfen der Nordsee geworden und die Portugiesen durch den fremden Verkehr angeregt, die ersten Versuche auf dem flüssigen Elemente wagten. Aber noch zu den Tagen des Infanten, dem die Nachwelt den Namen des Seefahrers gegeben, hielt man sich bei allen Fahrten ängstlich an der Küste und fürchtete sich, das Land aus dem Gesichte zu verlieren. Zwar war bereits die Kraft und Tugend der Magnetnadel bekannt, ja man besaß sogar Boussolen; aber die Anwendung war noch gering, so lange das Instrument selbst noch unvollkommen und schwankend dem ängstlichen Schiffer kein Zutrauen erweckte.
Der große Geschichtsschreiber der Portugiesen João de Barras schildert uns die Fahrweise seiner Landsleute in folgenden Worten: „Der Infant hatte schon mehremale Schiffe auf Entdeckungen ausgesendet, aber sie kamen nicht weiter als bis an das Cap Bojador (das „vorspringende“), welches ungefähr 60 Seemeilen jenseits des Cabo de Não liegt. Sie getrauten sich nicht, dieses Vorgebirge zu umsegeln, theils weil es sich gegen 40 Seemeilen westlicher hinaus erstreckte als die Küsten, die sie bisher befahren hatten, theils weil von dem Vorgebirge über 6 Leguas in das Meer ein Riff hinauslaufen sollte, auf welchem die Brandung so gewaltig schäumte, daß es ihnen Schrecken verursachte,[68] denn da ihnen sonst auf ihren Reisen nach der Levante und zurück die Küste immer statt des Compasses gedient hatte, so verstanden sie noch nicht, so weit in die See hinauszustechen, daß sie das Riff vermieden hätten. Die Capitäne begnügten sich also damit, auf ihren Rückreisen hier und da an den Küsten zu landen, und mit den Mauren zu scharmützen, um mit ihren Siegen dem Infanten Vergnügen zu machen. Allein damit war sein Endzweck nicht erreicht.“
Die physischen Schwierigkeiten, oder richtiger gesagt die technischen Schwierigkeiten waren es keineswegs allein, welche die Expeditionen zur Umkehr trieben. Wir werden noch andere kennen lernen; zunächst aber scheint es angemessen, die Westküste Afrikas, an der die Schiffer ängstlich südwärts schlichen, in ihren allgemeinen Zügen zu charakterisiren.
Wie der ganze Gestadesaum des plumpen Erdtheils auffällig arm an markirten Contouren vorspringender Glieder oder ins Land eindringender Buchten ist, so vor allem und im höchsten Maße die Nordwestküste von den Säulen des Herkules bis zum grünen Vorgebirge. Auf dieser ganzen Strecke von 400 Meilen, mit geringer westlicher Ausweichung in der Richtung von N.-O. nach S.-W. verlaufend, mündet kein Fluß, in welchem ein Schiff ankern könnte, mit Ausnahme des Senegal, 20 Meilen nördlich vom grünen Vorgebirge. Das Aussehen des Landes bleibt sich fast überall gleich: ein flacher Küstensaum, meistens mit Dünen besetzt, zur Hälfte der großen Wüste, der Sahara angehörig, wird gegen Süden immer öder und grauenvoller. Vierzig bis fünfzig Seemeilen in das Meer hinaus lagerte über den allenthalben seichten Fluten eine trübe Atmosphäre. Die Ursache dieser Erscheinung, welche natürlich eine zaghafte Marine, die das dunstverhüllte Land aus den Augen zu verlieren fürchtet, mit steter Besorgniß erfüllte -- die Ursache hat man bisher nur den feinen Staub- und Sandtheilchen zugeschrieben, welche aus den Wüsteneien des Innern aufgewirbelt, und dann allmählich übers Wasser hinausgetrieben, hier die schweren Theilchen sinken lassen und das Meer mit Untiefen füllen, die leichteren in dem Luftraum schwebend erhalten, bis sie erst nach Hunderten von Meilen draußen im freien Ocean langsam sich zum Wasserspiegel senken. Indes darf eine zweite Ursache nicht unbeachtet bleiben, daß nämlich durch das Zusammentreffen ungleich erwärmter Luftschichten nebelartige Dunstbläschen sich bilden, die durch die daran haftenden feinsten Staubtheilchen den Horizont noch mehr umschleiern, trotz der Abwesenheit von schweren Wolkenschichten das Himmelsgewölbe niederzudrücken scheinen und mit eigenthümlich mattem Licht den Schiffer umgeben.
Theobald Fischer[69] macht noch auf einen bisher übersehenen Factor aufmerksam, daß nämlich höchst wahrscheinlich ein kalter, unterseeischer Strom an der Westküste der hesperischen Halbinsel und Afrikas emporsteige, dem die häufigen Nebel von Galicien bis Marokko zu danken seien. Gerhardt Rohlfs fand in Agadir, daß die Sonne den Nebel selten vor Mittag besiegte und erfuhr von den Leuten, daß diese starken Nebel selbst im hohen Sommer bis zur Mittagszeit andauerten.
Die Schrecken eines „Dunkelmeeres“, von dem die Geographie des Mittelalters manches Unheimliche zu erzählen weiß, finden in diesen Erscheinungen ihre Erklärung. Diese dichten Nebel treten namentlich im Winter auf und sind von einem kalten und trocknen Nordost begleitet, der wohl auch die Ursache ist, daß das Tageslicht einer Dämmerung weicht, in welcher noch jetzt Schiffe in der Nähe der Küsten gezwungen sind, vor Anker zu gehen, bis das Wetter sich wieder aufhellt.
In der That, der Ocean schien der jugendlich aufstrebenden, portugiesischen Flotte einen zäheren Widerstand entgegenzusetzen als die Heere der Moriscos, und wohl gar vielen ein unüberwindlicher Gegner zu sein, nur nicht dem Infanten, der ihm mit einer Zähigkeit und Ausdauer entgegentrat, welche allen seinen Seeleuten bedenklich, wenn nicht geradezu tollkühn und wahnwitzig vorkam. Zwanzig Jahre hatte der Prinz, unbekümmert um das Murren seines Volkes, ohne Resultat des Vorwärtsdringens gerungen. Er mag wohl oft unter seinen Leuten die sprichwörtliche Warnung vernommen haben: Wer das Cabo de Nao umfährt, weiß nicht, ob er je wiederkehrt. „Die Furcht,“ sagt de Barros, „vor dieser Fahrt war so groß, daß es dem Infanten schwer ward, Leute in seinen Dienst zu bekommen; zumal da das Volk laut murrte, daß er dem vaterländischen Boden seine Bewohner entzöge, um sie auf den Meeren oder in entfernten wüsten Ländern umkommen zu lassen.“
Unter diesen entfernten wüsten Ländern faßte man aber nichts geringeres zusammen als die ganze heiße Zone. Man weiß, daß das gesammte Mittelalter in seiner wissenschaftlichen Erkenntniß der Erdoberfläche lediglich sich noch von den Brosamen nährte, die von dem Tische der Reichen -- der Griechen und Römer des Alterthums -- gefallen waren. Seit den Zeiten des letzten großen Geographen von Alexandria bis zum Prinzen Heinrich waren mehr als tausend Jahre verflossen, ohne daß die Entwicklung der physischen Geographie einen Schritt vorwärts gethan hätte. Der Autoritätsglaube, so charakteristisch für das gesammte Mittelalter, hielt auch noch die Zeitgenossen des Infanten in beklemmende Schranken gebannt.
Die Alten kannten die südlichen Grenzen der großen afrikanischen Wüste nicht, ihre Kunde reichte kaum über die nördliche Oasenreihe hinaus. Aber die zunehmende Verödung gegen Süden, das völlige Absterben aller Vegetation konnte die theoretisch allzeit schlagfertigen griechischen Philosophen leicht zu der Behauptung hinreißen, die ganze heiße Zone sei unbewohnbar. Schon Aristoteles hatte diesen Satz aufgestellt und wenn man weiß, daß Aristoteles sich im späten Mittelalter fast gleichen Ansehens mit der Bibel erfreute, dann darf man nicht erstaunen, daß auch das 14. Jahrhundert noch glaubte, was der große Weltweise von Stagira gesagt, was der letzte Meister der Erdkunde, Ptolemäus bestätigt, was die Wiedererwecker des Aristoteles, die arabischen Gelehrten anerkannt und selbst ein so vielseitig gebildeter Mann wie Albertus Magnus noch im 13. Jahrhundert nur dahin zu modificiren wagte, daß möglicherweise an den Küsten und Inseln der heißen Zone organisches Leben eine kümmerliche Existenz erzielen könne.
Wenn nun der Infant seine Schiffe in diese unwirthlichen Regionen hinausschickte, wo sie allein auf sich angewiesen im Kampfe gegen die allmächtigen Naturgewalten, wo Land und Luft und Wasser in der feindlichsten Gestalt erschien, als todtenstarre Wüste, als trübverhüllter Luftraum, als zähe unter dem senkrechten Sonnenstande fast zu Leim verdickte See -- war es unter der Herrschaft solcher Vorstellungen nicht Menschenpflicht und Nächstenliebe, gegen die nutzlosen Menschenopfer einer unbegreiflichen Fürstenlaune sich zu erheben?
Und doch blieb der Infant fest, doch blieb er seinem schönen Wahlspruche: ~talent de bien faire~ getreu. Die wichtigsten Expeditionen der ersten Decennien waren folgende: 1416 wurde +Gonzalo Velho+ über die Canarien hinausgesandt, 1419 geriethen +João Gonçalves Zarca+ und +Tristão Vaz Teyxeyra+ vom Sturm verschlagen nach Porto Santo und kehrten im nächsten Jahre mit dem Piloten Juan de Morales nach Madeira zurück, und 1431 wurden durch +Goncalo Velho Cabral+ die ersten Inseln der Açorengruppe gefunden.
Dabei stand der Infant mit seinen Plänen und Zielen weit über seinen Gehilfen. Wir finden unter den Leitern der Expeditionen Leibpagen und Mundschenken des Prinzen, welche also wohl die Intentionen des Prinzen kennen mußten; aber sie kannten kein höheres Ziel als sich mit Mauren und Negern herumzubalgen und Menschen zu stehlen. Man kann von jeder Fahrt fast die Kopfzahl der Menschenbeute nachweisen, allein die wissenschaftlichen Erfolge ihrer Sendung, die nautischen Resultate bleiben vielfach unerwähnt. Die Portugiesen waren zu sehr ritterliche Raufbolde, als daß sich im Fluge Seeleute, geschweige denn gleich Seehelden aus ihnen gestaltet hätten.
Als Beispiel ihres Verfahrens und Gebahrens sei hier die mit 14 Schiffen ausgerüstete Expedition des Lanzarote erwähnt, der, als die durch Sturm verstreuten Fahrzeuge bei einer Insel an der Küste sich wieder zusammengefunden hatten, vor allem darauf bedacht war, die auf der Insel lebenden Mauren zu fangen. Allein diese waren bei Nachtzeit aufs Festland entwichen und höhnten von hier aus die hintergangenen Portugiesen. Zwei junge Edelleute an Bord des einen Schiffes sprangen, empört über das Hohngeschrei, mit ihren Waffen über Bord und schwammen ans Land, um die Mauren zu züchtigen. Wie diese sie kommen sahen, liefen sie ihnen mit Geschrei entgegen, wodurch auch das übrige Schiffsvolk in Bewegung kam. Alles, was schwimmen konnte, sprang ins Wasser, um die beiden Jünglinge zu unterstützen, und es kam am Ufer zu einem Gefechte, in welchem viele Mauren getödtet und 57 gefangen wurden. In der Nacht griffen die Portugiesen noch ein Dorf an, welches 7 Meilen davon am Ufer lag und wohin, nach der Aussage der Gefangenen, die Mauren geflohen waren. Sie fanden aber ein leeres Nest, weil die Bewohner, gewarnt durch die Flüchtlinge, sich mit ihren Herden vom Ufer entfernt hatten. Wie sie des Morgens zurückkehrten, wurden jedoch noch ihrer fünf aufgegriffen.
Und bei solchem Raubsystem waren die Portugiesen noch naiv genug, zum Zeichen ihrer Heldenthaten, den Wahlspruch ihres Herrn: ~talent de bien faire~ in die Bäume einzuschneiden.
Zwar kommen nicht alle diese Heldenthaten auf Rechnung jener Geschwader, die der Prinz selbst aussendet, denn er gestattete gegen eine Abgabe vom Gewinn auch anderen, auf Entdeckungen und Abenteuer auszuziehen; ja er ermuthigte dazu. Allein er blieb doch der Mittelpunkt und oberste Leiter. Daß er aber, wie wohl behauptet ist, gleich anfangs einen Seeweg nach Indien habe suchen wollen, ist nirgends gesagt; ein solcher Plan, gleichsam die schönste Frucht aller Arbeiten Dom Enrique’s, entwickelte sich erst allmählich und reifte erst nach des Seefahrers Tode.
Den ersten namhaften Fortschritt in den afrikanischen Fahrten verzeichnet das Jahr 1434. +Gil Eannes+, ein Page des Infanten, hatte gegen den Befehl seines Herrn Menschen geraubt. Um die Gunst des Fürsten wieder zu gewinnen, setzte er sein Leben daran, das berüchtigte Cap Bojador, das selbst nach 12jähriger Anstrengung nicht zu überwinden gewesen war, zu bezwingen. Das, wie man meinte, unmögliche Wagniß gelang ohne Unfall, und kühner und sicherer gemacht, erreichte sein Nachfolger +Affonso Gonçalez Baldaya+ den Goldfluß, Rio d’Ouro und damit den nördlichen Wendekreis, also die Grenze der heißen Zone. Am Strande gefundene Fischernetze wiesen darauf hin, daß auch hier das Land noch Menschen beherberge. Die alte Theorie von der Unbewohnbarkeit der heißen Zone begann zu wanken, ohne jedoch zusammenzubrechen, denn man befand sich ja erst am Saume des gefürchteten Erdstriches.
Aber am Cap Bojador war das Thor der heißen Zone geöffnet und Schiff folgte nun auf Schiff; man erreichte unter +Nuño Tristão+ 1441 das Cap Branco und zwei Jahre später unter Leitung desselben Capitäns die Bucht von Arguim. Es ist zu beklagen, daß der Prinz anfänglich den Befehl ertheilt hatte, die Bevölkerung an der Bucht und auf den kleinen Inseln erst zu tödten oder gefangen zu nehmen, ehe man die Entdeckungen fortsetze. Er sah auch bald den großen Fehler, den er damit begangen ein, und verbesserte ihn, ehe es zu spät war. Die Bewohner des Wüstenrandes konnten, wenn man sie in ihren gewohnten Verhältnissen ungestört ließ, und sich mit ihnen in ein freundschaftliches Einvernehmen setzte, den Portugiesen bei ihren Erkundigungen über das Binnenland wesentliche Dienste leisten. Die Insel Arguim wurde für den Mittelpunkt dieses neuen Verkehrs erklärt und erhielt die erste bleibende Niederlassung der Portugiesen nebst einem Castell zum Schutze der Handeltreibenden. Der Tauschverkehr entwickelte sich mit den Azanaghen sehr bald, und wenig Jahre nach der Entdeckung schon sandte eine Handelsgesellschaft in Lagos, dem Hafen östlich von des Prinzen Villa, eine Flotte von sechs Schiffen aus.
Später brachten die portugiesischen Schiffe nach Arguim farbige Tücher, allerart Leinwand, wollene Mäntel, Sättel, Steigbügel, Schüsseln, Honig, Silber, Gewürze, rothe Korallen und Getreide und tauschten dafür Negersklaven aus Guinea, Gold von Timbuktu, Büffelfelle, Gummi, Zibethkatzen, Straußeneier, Kameele, Kühe und Ziegen ein.[70] Die ersten Erfolge waren so verlockend, daß der Prinz Heinrich den Handel nach Arguim an eine Handelsgesellschaft verpachten konnte.
Nun endlich schwiegen auch die Gegner der Seefahrten und das Interesse für die Unternehmungen, welche von Sagres aus geplant wurden, wuchs bald so mächtig, daß man die leicht erregten Portugiesen zügeln mußte. Man schränkte, indem man die Entwicklung einer tüchtigen Handelsflotte im Auge behielt, die Raub- und Abenteurerzüge durch Gesetze ein und monopolisirte sogar den afrikanischen Handel.
Der zweite große Fortschritt in der weiteren Entdeckung geschah im Jahre 1445. Er knüpft sich an den Namen des kühnen +Diniz+ (Dionysius) +Dias+, eines Vorfahren des bekannteren Bartolomeu Dias, welcher 26 Jahre nach dem Tode des Prinzen Heinrich das Cap der guten Hoffnung umsegelte. Diniz Dias hatte sich bereits im Dienste des Königs Johann I. (bis 1433) ausgezeichnet. Der Prinz rüstete ihm eine kleine Caravele aus und Diniz nahm sich vor, ganz den Plänen seines Herrn folgend, ohne sich auf Handelsverkehr mit den Küstenbewohnern einzulassen, weiter südwärts vorzudringen als alle seine Vorgänger und das Land der +schwarzen+ Mohren, wie man die Neger im Gegensatz zu den weißen Mohren, den Berbern und Mauren, zu nennen pflegte, zu erreichen. So fuhr er kühn an der Mündung des Senegal, welcher beide Menschenrassen trennt, vorüber bis zum grünen Vorgebirge. Seine Caravele erregte unter den schwarzen Bewohnern des Landes gewaltiges Erstaunen. Vier von den muthigsten, welche das große auf dem Wasser treibende Ding untersuchen wollten -- denn sie waren unter sich nicht einig, ob es ein Fisch, ein Vogel, oder ein Phantom sei -- näherten sich dem Schiffe in einem Canoe; als sie aber Menschen auf dem Ungeheuer gewahr wurden, flohen sie mit solcher Hast zurück, daß die Portugiesen sie nicht wieder einholen konnten.
So war also das Negerland endlich wirklich erreicht; aber nicht allein darin liegt die Bedeutung dieser Fahrt, sondern vor allem in der am grünen Vorgebirge unerwartet auftretenden Ueppigkeit der tropischen Vegetation. Hier unter dem 15° N. befand man sich in der That in der heißen Zone, wo unter dem Einfluß tropischer Regen, welche mit gewaltigen Güssen das Land tränken, ein Reichthum der Flora sich entfaltete, welche zahlreichen und großen Thieren, sowie kräftigen, sogar schönen Menschenstämmen Nahrung in Fülle bot.
Wie paßten zu solchen Beobachtungen und Thatsachen die Lehrsätze des Aristoteles und Ptolemäus von der Unbewohnbarkeit des heißen Erdgürtels? +Am grünen Vorgebirge ist diese alte mächtige Theorie zerschellt.+ Und wiederum sehen wir die Bestrebungen des Prinzen und seinen Wahlspruch auf das Herrlichste belohnt. Denn von hier aus, vom Cabo verde, eröffnet sich uns eine ganz neue Perspektive für die Entwicklung der Erdkunde. Man lernte seinen eignen Augen doch mehr trauen, als den Schriften griechischer Autoritäten.
Es gibt wenig geographische Namen, die so trefflich gewählt sind und den Nagel so auf den Kopf treffen wie dieser des „grünen“ Vorgebirges, und auch wohl keinen, der so einfach sich von selbst bot und so auf der Hand lag wie dieser. Im Gegensatz zu den weißen Dünen des Cabo branco, des weißen Vorgebirges, nördlich von Arguim, am Ufer der Sahara, erhebt sich hier ein in den Ocean auffällig schlank hinausspringender Höhenrücken, über dem sich die gefiederten Wipfel tropischer Palmen wiegen. Unter ihrem Schatten liegt die Geographie des Mittelalters begraben.
Wenige Jahre nach der Entdeckung kam ein intelligenter venetianischer Edelmann, +Ludwig da Mosto+, hieher. Auf ihrer Fahrt nach Flandern war die venetianische Flotte, die er begleitete, durch widrige Winde am Cap Vicente in Portugal aufgehalten. Als der Infant Heinrich dies erfuhr, schickte er seinen Secretär Antonio Gonsalvez und den venetianischen Consul Patricio de Conti mit Proben des neugepflanzten Zuckerrohrs von Madeira, mit Drachenblut und andern neuen Produkten Afrikas zu ihnen und ließ sie auffordern zu einem Zuge nach dem Senegal. Da Mosto wurde lebhaft von den Berichten angezogen, und erkundigte sich nach den üblichen Bedingungen. Da erfuhr er, daß jeder Schiffsrheder, der selbst sein Schiff ausrüste, nach vollendeter Fahrt dem Prinzen ¼ des Gewinnes zu geben habe, daß aber, wenn der Prinz selbst die Ausrüstung auf seine Kosten mache, er die Hälfte des Ertrags der Fahrt beanspruche. Da Mosto hatte darauf hin eine Unterredung mit dem Infanten und wurde für den Plan gewonnen. Die Venetianer fuhren nach Flandern weiter, für da Mosto aber stellte Prinz Heinrich unter Leitung des bewährten +Vicente Dias+ eine Caravele von 90 Tonnen zur Verfügung, welche die ganze Küste Afrikas entlang bis zum Gambia segelte. Da Mosto selbst hat über diese Reise einen ausführlichen Bericht gegeben, aus welchem hier die Schilderung des grünen Vorgebirges hervorgehoben sein mag und zwar nach der deutschen Uebersetzung von 1534. Da Mosto erzählt: „Das grien Haupt (d. i. Vorgebirge) hatt den Namen von den grienen Bäumen, die da sind vnd schier das gantz jar grünen. Das haben die Portugaleser am jar ehe ich dahin kam, funden, vnd habens von den grienen Bäumen genannt, wie das Weis Haupt (Cabo branco) von dem weißen sand. Aber das grien Haupt ist hoch vnd lustig zu sehen, das steht zwischen zweyen Bergen in der mitten vnd breitet sich in das Meer mit vil Hütten und wohnungen der Schwarzen Mooren umbgeben, zu vor gegen dem Meer.... Es ist auch zu wissen, das nach dem Grienen Haupt sammeln sich die gestaden und machen einen Busen, der rast lustig ist, und ist ein eben erdtrich mit vil hüpschen Bäumen;[71] denn die bletter bleiben bis andre wachsen; die grünen allweg. Und wie wohl sie vom Meer mehr denn mein armbrustschuß stehen, so scheinen sie von weitem an dem Meer zu stehen. Das ist überaus schön anzusehen (~chè una bellissima costa de vedere~). Ich bin weit gegen Aufgang und Niedergang der Sonnen gereiset zu manich land, aber ich hab kein schöneres gesehen. Es hat viel wasser.“[72]
Das Entzücken über die Schönheit der Tropenlandschaft kommt allerdings in der Uebersetzung eines mäßigen, besonnenen Straßburger Bürgers aus dem 16. Jahrhundert nicht zur Geltung, aber das Original läßt es warm empfinden.
Alexander von Humboldt hat in seinen kritischen Untersuchungen über die historische Entwicklung der geographischen Kenntnisse von der neuen Welt (deutsch von J. L. Ideler, II. S. 11) auf mehre Stellen im Tagebuche der ersten Reise des Columbus hingewiesen, worin der Entdecker Amerikas dem Zauber der Natur an den Gestaden von Cuba beredte Worte leiht. Ludwig da Mosto hat die Schönheit einer Tropenlandschaft ebenso empfunden und ein Menschenalter früher geschildert. Daß seine Worte der Umgebung des grünen Vorgebirges gelten, erhöht in unsern Augen wesentlich die Bedeutung der Entdeckung des Cabo verde.
Die Schilderungen dieser vollkommen anders gearteten Natur mußten dem Infanten nach der Fahrt der Dias bereits eine hohe Genugthuung gewähren. Die Nachrichten kamen ihm keineswegs unerwartet. Da in Sagres alles gesammelt wurde, was an Erkundigungen über die südlichen Länder sich gewinnen ließ -- hatte doch der Prinz inzwischen auch aus Italien ein Manuscript Marco Polos und eine Karte von Afrika erhalten, welche einen Abschluß der Landmassen, ähnlich wie wir ihn am südlichen Cap der guten Hoffnung kennen, zeigte -- und war er auch durch seine Agenten in Tunis schon davon unterrichtet, daß die großen Karawanen in 5 bis 6 Wochen die Wüste Sahara durchmessen könnten[73] und Gold und Negersklaven mitbrächten -- so lag auch der Schluß nahe, daß man bei fortgesetzten Fahrten gegen Süden endlich zu diesen Ländern kommen müsse.
Umsichtig und thätig eingreifend nach allen Seiten, um seine Leute nicht einem blinden Ungefähr zu opfern, hatte er von Arguim aus nicht blos ein ordentliches System der Exploration während des Tauschhandels mit den maurischen Wüstenstämmen eröffnet und sich von ihren Karawanenstraßen und den auf der Straße nach Timbuktu zu berührenden Oasen berichten lassen, sondern er gewann mit Unterstützung kühner Männer ein immer klareres Bild vom Sudan. Bezeichnend für die Energie, mit welcher die Pläne, Guinea zu erreichen verfolgt wurden, ist die Sendung des +João Fernandez+, der sich am Strande der Sahara aussetzen ließ, um unter den Mauren lebend und ihre Sprache lernend, zuverlässige Nachrichten über die Negerstaaten, speziell über das Königreich Melli sammeln zu können. Fernandez blieb sieben Monate allein unter den wilden Stämmen im Innern und wurde dann von dem Schiffe des Antonio Gonsalvez wieder aufgenommen und zum Prinzen geführt. Dieser freute sich sehr, ihn wohlauf wieder zu sehen und ließ sich seine Schicksale erzählen. Fernandez berichtete nun, daß ihm die Eingeborenen zunächst, als er sich ohne Waffen und Hilfsmittel unter sie begeben, die Kleider genommen und ihm dafür einen Mantel gegeben, wie sie selbst trugen. Die Leute besaßen Schafe und lebten nomadisch. Aber die Weide war spärlich, das Land öde und sandig. Dornige Mimosen und Palmen waren selten. Diese berberischen Azanaghen waren Mohammedaner, die mit den Negern im Kampfe lebten, dabei Gefangene machten und diese als Sklaven nach Tunis und Marokko verkauften. Auch erhielten sie Gold vom Negerlande.
Dann machte Fernandez mit den Beduinen einen mehrtägigen Kamelritt zu ihrem Häuptlinge. Der Weg ging durch die Wüste, drei Tage fehlte ihnen Wasser; in dem pfadlosen Sande richtete man sich nach den Sternen und dem Fluge der Vögel. Endlich kamen sie zu dem Häuptling und seinem Völkchen von 150 Köpfen. Fernandez wurde hier sehr gut aufgenommen und mit Milch verpflegt, so daß er, obwohl er von der Hitze und dem Wüstensande viel zu leiden hatte, doch ganz wohl aussah, als er nach sieben Monaten von seinen Landsleuten wieder aufgefunden wurde.