Geschichte des Prinzen Biribinker

Part 6

Chapter 63,829 wordsPublic domain

Sie sagen mir von einem seltsamen Pallast, unterbrach ihn /Biribinker/ abermal; aber wenn er aus Flammen erbaut ist, wie kan er denn unsichtbar seyn? Darinn besteht eben das wunderbare von der Sache, antwortete der Kürbis; es mag nun möglich oder unmöglich seyn, so ist es nicht anders; sie können den Pallast nicht sehen, wenigstens nicht in dem Stande, worinn sie jetzt sind; aber gehen sie nur ungefehr zwey hundert Schritte gerade fort, so wird die Hitze, die sie empfinden werden, sie bald genug überzeugen, daß ich ihnen die Wahrheit sage.

Die ausserordentliche Dinge, welche /Biribinker/ bereits im Bauche des Wallfisches gesehen hatte, (und was kan man auch im Bauch eines Wallfisches anders erwarten als ausserordentliche Dinge?) hätten ihn billig geneigt machen sollen, alles glaubwürdig zu finden, was man ihm sagte; dem ungeachtet war er dißmal so eigensinnig, daß er nur sich selbst glauben wollte. Er gieng also auf den unsichtbaren Pallast zu; aber kaum war er hundert Schritte fortgegangen, so spürte er bereits einen merklichen Grad von Hitze, die ihm mit einem gewissen unsichtbaren Glanz, der ihm die Augen übergehen machte, entgegen kam. Die Wärme und der Glanz nahmen immer zu, je weiter er fortgieng, bis beyde in kurzem so durchdringend wurden, daß es nicht länger auszustehen war. Er gieng also wieder zurück, und suchte seinen Freund, den Kürbis, der ihm, so bald er ihn wieder kommen hörte, entgegen rief: Nun, Prinz /Biribinker/, werden sie mir künftig glauben, wenn ich ihnen etwas sage? Wenigstens begreiffen sie doch, hoffe ich, daß nichts natürlichers seyn kan, als daß ein Pallast von gediegenen Flammen vor Hitze unzugangbar, und vor lauter Glanz und Schimmer unsichtbar ist.

Ich begreiffe das in der That viel besser, antwortete /Biribinker/, als wie ich hinein kommen werde; denn das sag ich ihnen, ich spüre eine unwiderstehliche Begierde in mir, in diesen Pallast hinein zu gehen, und wenn es mir auch das Leben kosten sollte, so kan ich -- So viel soll es sie nicht kosten, fiel ihm der Kürbis in die Rede. Wenn sie sich gefallen lassen wollen, zu thun was ich ihnen sage, so wird ihnen der Pallast sichtbar werden, und sie werden eben so sicher hinein gehen können, als ob es eine Strohhütte wäre. Sie brauchen nur ein ganz leichtes Mittel dazu, und das ihnen nicht mehr kosten wird als einen einzigen kleinen Sprung -- Halten sie mich nicht lange mit Räthseln auf, Herr Kürbis, sagte /Biribinker/; was ist zu thun? Es mag nun etwas leichtes oder schweres seyn, so sehen sie mich bereit alles zu wagen, um in ein Schloß zu kommen, das von lauter Glanz unsichtbar ist.

Ungefehr sechzig Schritte hinter jenen Granatbäumen, versetzte der Kürbis, werden sie in einem kleinen Labyrinth von Jasmin und Rosenhecken einen Brunnen finden, der sich von einem andern Brunnen durch nichts unterscheidet, als daß er statt des Wassers mit Feuer angefüllt ist. Gehen sie, Prinz, baden sie sich in diesem Brunnen, und in einer Viertelstunde ungefehr kommen sie wieder, und sagen mir, wie ihnen das Bad zugeschlagen hat.

Sonst nichts als das? sagte /Biribinker/, mit einer Mine, die mehr verdrießlich als hönisch war; ich glaube, sie sind nicht klug, Herr Kürbis -- ich soll mich in einem feurigen Brunnen baden, und hernach wieder kommen, und ihnen sagen, wie mir das Bad bekommen hat? Hat man auch jemals so was tolles gehört! -- Ereyfern sie sich nur nicht so, versetzte der Kürbis, es steht ja bey ihnen, ob sie in den unsichtbaren Pallast kommen wollen oder nicht, und wenn sie sich nicht so entschlossen erklärt hätten, wie sie gethan haben, so wäre mirs in der That nie eingefallen, ihnen einen solchen Antrag zu machen.

Kürbis, mein guter Freund, erwiederte /Biribinker/, ich merke, daß ihr euch ein wenig lustig mit mir machen wollt, aber ich muß euch sagen, daß ich jetzt nicht im Humor bin, Spaß zu verstehen. Ich verlange nicht als eine abgeschiedene Seele in den Pallast zu kommen -- Das sollen sie auch nicht, sagte der Kürbis! Das feurige Bad, das ich ihnen vorschlage, ist nicht so gefährlich als sie sichs einbilden, und /Padmanaba/ selbst bedient sich desselben alle drey Tage; sonst würde er eben so wenig in einem Pallast von gediegenem Feuer wohnen können, als sie. Denn ob er gleich, ausser dem grossen /Caramussal/, der auf der Spitze des Berges Atlas wohnt, der gröste Zauberer in der ganzen Welt ist, so ist er doch von eben so irrdischer Natur und Abkunft als sie. Ja er würde, ohne den Gebrauch dieses Brunnens, der eines der grösten Geheimnisse seiner Kunst ist, nicht einmal der kleinen Glückseligkeit fähig seyn, die er jetzt bey der schönen Salamandrin, die er in seinem Pallast eingeschlossen hält, genießt, oder doch zu genießen glaubt; wenn anders der Gebrauch, den ein /Titon/ von seiner /Aurora/ zu machen fähig ist, ein Genuß genennt zu werden verdient. Er hat also eine schöne Salamandrin bey sich? fragte /Biribinker/. Warum nicht, antwortete der Kürbis; meynen sie, daß man sich umsonst in den Bauch eines Wallfisches verschließt?

Ist sie sehr schön, fuhr /Biribinker/ fort? -- Sie müssen wohl nie keine Salamandrin gesehen haben, erwiederte der Kürbis, weil sie das fragen können. Wissen sie denn nicht, daß die schönste Sterbliche gegen die geringste von unsern Schönen nicht besser als wie ein Affenweibchen aussehen würde? Es ist wahr, ich kenne eine /Ondine/, die vielleicht der schönsten Salamandrin den Vorzug streitig machen könnte; allein es ist unter allen Ondinen nur eine /Mirabella/ -- O! was das anbetrift, unterbrach ihn /Biribinker/, wenn die Salamandrin des alten Padmanaba nicht schöner als Mirabella ist, so hätten sie nicht nöthig gehabt die sterblichen Schönen so weit unter sie herunter zu setzen. Ich gestehe, daß sie reitzend ist, aber ich kenne ein gewisses Milchmädchen -- in welches sie so verliebt sind, fiel ihm der Kürbis hönisch in die Rede, daß sie der schönen Mirabella beym ersten Anblick schwuren, sie nie gesehen zu haben. Die Würkung zeugt am besten von der Ursache, und wenn man ihre Leidenschaft nach diesem Grundsatz beurtheilen wollte ----

O wahrhaftig! rief /Biribinker/ ungedultig, ich bin, glaube ich, nur hieher gekommen, um einen Kürbis philosophiren zu hören. Sagen sie mir lieber, wie ich in den unsichtbaren Pallast kommen kan, denn ich sterbe vor Ungedult, wenn es nicht geschieht; ist denn kein anders Mittel, als das verwünschte feurige Bad, worinn sie mich gerne zu einer Carbonnade gemacht sehen möchten? Sie sind wunderlich, mit Erlaubniß, antwortete der Kürbis; ich sagte ihnen ja schon, daß mir selbst alles daran gelegen ist, daß sie in den unsichtbaren Pallast kommen, wo, allen Umständen nach, eines der ausserordentlichsten Abentheuern auf sie wartet. Meynen sie denn, daß ich für meinen Spaß ein Kürbis bin, und daß ich mich nicht je bälder je lieber von diesem verfluchten unbequemen Wanst befreyt sehen werde, der sich so übel für einen so speculativen Geist schickt als ich bin? Ich sage ihnen noch einmal, sie haben kein anders Mittel in den Pallast zu kommen, ohne von der Glut desselben verzehrt zu werden, als das feurige Bad, welches ich ihnen vorschlug. Ehe sie vor Ungedult sterben, wie sie sagen, könnten sie es ja ein paar Minuten versuchen; kommen sie auch darinn um, wofür ich ihnen doch gut stehe, so ist es nur eine Todesart für die andere, und das kommt zuletzt auf Eines hinaus. Gut, sagte /Biribinker/, wir wollen sehen was zu thun seyn wird! Vielleicht sollte ich nicht so viel Zutrauen in sie setzen als ich thue; allein der Zug meines Schicksals ist stärker als meine Vernunft; ich will gehen, und wenn sie binnen einer Viertelstunde nichts von mir hören, so ergeben sie sich nur gedultig darein, ein Kürbis zu bleiben, bis Padmanaba von sich selbst entweder verliebt oder eyfersüchtig zu seyn aufhört.

Mit diesen Worten machte er dem Kürbis sein Compliment, und gieng dem Labyrinth zu, wo der feurige Brunnen seyn sollte. Er fand ein grosses rundes Becken, mit breiten Steinen von Diamant ausgemauert, und mit einem Feuer angefüllt, welches, ohne von irgend einer sichtbaren Materie genährt zu werden, in schlängelnden Blitzen empor loderte, und unschädlich die dichten Büsche von Rosen leckte, die rings umher über den Brunnen sich wölbten. Unzähliche Farben spielten mit der anmuthigsten Abwechslung in diesen wundervollen Flammen, und statt des Rauchs ergoß sich ein lauer unsichtbarer Dampf von den lieblichsten Gerüchen umher. /Biribinker/ betrachtete dieses Wunder eine geraume Zeit mit einer Unschlüßigkeit, die einem Feen-Helden wenig Ehre macht, und er würde vielleicht noch immer am Rande des Brunnens stehen, wenn ihn nicht, da er sichs am wenigsten versah, eine unsichtbare Gewalt mitten in die Flammen geworfen hätte. Er erschrack so sehr, daß er vor Angst nicht schreyen konnte; aber da er spürte, daß ihm dieses Feuer kein Haar versengte, und an statt ihm nur den geringsten Schmerz zu verursachen, sein ganzes Wesen mit einer wollüstigen Wärme durchdrang, so faßte er sich bald wieder, und in kurzem gefiel es ihm so wohl darinn, daß er in den feurigen Wellen herum plätscherte, wie ein Fisch in frischem Wasser. Vielleicht würde er weit länger als die vorgeschriebene Zeit in einem so angenehmen Bade zugebracht haben, wenn ihn nicht die immer zunehmende Hitze zuletzt heraus getrieben hätte. Er sprang also wieder heraus, aber wie sehr erstaunte er, da er sich nicht nur so leicht und unkörperlich fühlte, daß er wie ein Zephyr über dem Boden hin schwebte, sondern auf einmal einen Pallast erblickte, dessen Glanz und Schönheit alles übertraf, was ein menschliches Auge jemals gesehen hat. Er stund eine gute Weile wie ausser sich selbst, und sein erster Gedanke, da er wieder denken konnte, war an die Schönheit, die ein so herrlicher Pallast in sich schliessen müsse; denn da Diamanten und Rubinen ihn nur Gassensteine gegen die Materialien däuchten, woraus dieses Schloß erbaut war, so zweiffelte er nicht, daß die schöne Salamandrin sich gegen die Schönen, die er bisher gekannt hatte, zum wenigsten eben so verhalten würde, wie dieser Pallast gegen die gewöhnlichen Feenschlösser, die man prächtig genug gebaut zu haben glaubt, wenn man die Mauren von Diamanten oder Smaragden aufführt, das Dach mit Rubinen deckt, den Fußboden mit Perlen einlegt, und was dergleichen mehr ist, welches doch alles in Vergleichung mit diesem feurigen Pallast nichts bessers als eine elende Hütte vorgestellt hätte. Unter diesen Gedanken näherte er sich demselben unvermerkt, und war schon durch den ersten Hof, dessen glänzende Pforte sich von selbst vor ihm aufthat, hinein gegangen, als ihm einfiel, daß ihm der Kürbis ausdrücklich gesagt hatte, er sollte nach dem Bad im feurigen Brunnen wieder zu ihm kommen. Vermuthlich, dachte er, hat er mir Nachrichten zu geben, ohne die es gefährlich seyn könnte, sich in ein solches Schloß zu wagen, und da ich mich bisher bey seinen Anweisungen so wohl befunden habe, so würde es weder klug noch dankbar seyn, wenn ich mir einbilden wollte, daß ich seiner nicht mehr nöthig habe. Man sehe doch, wie seltsam es kommen kan! Wer hätte jemals gedacht, daß ein Kürbis ein Rathgeber eines Prinzen seyn würde!

/Biribinker/ schlich sich also, nicht ohne Furcht entdeckt zu werden, zu seinem Kürbis zurück. Ha! rief ihm dieser auf zwanzig Schritte entgegen, ich sehe, daß ihnen das Bad unvergleichlich wohl zugeschlagen hat; sie sind ja zum bezaubern; ich schwöre ihnen bey der Tugend meiner geliebten Mirabella, daß keine Salamandrin ist, die ihnen, so wie sie jetzt aussehen, nur eine Minute widerstehen wird. Aber was wird aus ihrer Treue gegen das Milchmädchen werden? -- Herr Kürbis, sagte /Biribinker/, lassen sie sich mit aller der Achtung, die ich ihnen übrigens schuldig bin, sagen, daß sie besser gethan hätten, mich in den Umständen, worein mich ihr Bad gesetzt hat, mit dergleichen unzeitigen Erinnerungen zu verschonen -- Ich bitte um Verzeyhung, antwortete der Kürbis, ich wollte nur so viel sagen -- Gut, gut, unterbrach ihn der Prinz, ich weiß wohl, was sie sagen wollten, und ich antworte ihnen darauf, daß ich ohne ihre Warnungen, die ein beleidigendes Mißtrauen in meine Standhaftigkeit setzen, durch die blosse Erinnerung an mein himmlisches Milchmädchen gegen die vereinigten Reitzungen aller ihrer feurigen Schönen so sicher zu seyn glaube, als ich es mitten unter den häßlichsten Gnomiden seyn könnte. Es wird sich zeigen, sagte der Kürbis, ob sie diese edle Gesinnungen zu behaupten wissen werden; ich habe eine so gute Meynung von ihnen, als man, nach allem was in einem gewissen Schloß vorgegangen ist, nur immer haben kan; aber bey alle dem, kan ich doch nicht läugnen, daß ich ihre Treue in keine kleine Gefahr gesetzt sehe, wenn sie in den Pallast hinein gehen. Es steht noch bey ihnen, ob sie es wagen wollen, oder nicht; bedenken sie sich wohl, oder ----

Mein lieber Herr Kürbis, unterbrach ihn /Biribinker/, ich sehe, daß sie eine eben so verzweiffelte Wuth zum raisonniren haben, als die tugendhafte und preciöse Mirabella, ihre Geliebte. Warum haben sie denn verlangt, daß ich in dem feurigen Brunnen baden sollte, wenn ich nicht in den Pallast hinein gehen darf? Noch einmal, mein lieber Freund, sorgen sie nicht für meine Treue, und sagen sie mir lieber: wie ich mich zu verhalten habe, wenn ich in den Pallast komme? Sie haben hiezu wenig Unterricht nöthig, antwortete der Kürbis, denn sie werden nirgend keinen Widerstand finden; alle Thüren werden sich ihnen von selbst eröfnen, und wenn sie irgend etwas zu besorgen haben, so muß es nur (wie ich schon gesagt, und wie sie sich so ungern sagen lassen) von ihrem eigenen Herzen seyn. Aber was für eine Mine, denken sie, daß mir der alte /Padmanaba/ machen werde, fragte der Prinz? So viel ich an der Bewegung der Gestirne merke, erwiederte der Kürbis, so ist es bereits um Mitternacht, um welche Zeit der Alte in tiefem Schlaf zu liegen pflegt. Allein gesetzt auch, daß er aufwachen sollte, so haben sie von seinem Zorn nichts zu besorgen; alle seine Macht vermag nichts gegen die Zauber-Kraft ihres Namens, und nach den Vortheilen, die sie bisher über ihn erhalten haben, zu urtheilen, können sie allerdings hoffen, diesesmal nicht weniger glücklich zu seyn.

Es mag gehen wie es will, versetzte /Biribinker/, so bin ich entschlossen das Abentheuer mit dem unsichtbaren Schloß zu bestehen; denn es liesse sich doch sonst keine vernünftige Ursache angeben, warum ich in des Wallfisches Bauch gekommen seyn sollte. Gute Nacht, Herr Kürbis, bis wir uns wieder sehen.

Viel Glücks, tapferer und liebenswürdiger /Biribinker/, rief ihm der wortreiche Kürbis nach; fahre wohl, du Blume und Zierde aller Feen-Ritter, und möge das Abentheuer, dem du so muthig entgegen gehst, einen Ausgang gewinnen, dergleichen noch kein Mährchen gehabt hat, seitdem es Feen und Ammen in der Welt gibt. Gehe, weiser Königs-Sohn, wohin dich dein Schicksal zieht; aber hüte dich die Warnungen eines Kürbis zu verachten, der dein guter Freund ist, und vielleicht tieffere Blicke in die Zukunft thut, als irgend ein Calender-Macher in der Christenheit.

Der Kürbis merkte nicht, indem er diese schöne Abschieds-Rede hielt, daß der Prinz schon durch den ersten Schloßhof gegangen war, ehe er noch zu reden aufgehört hatte. /Biribinker/ war jetzt ganz und gar von dem Abentheuer eingenommen, das er vor sich hatte, und seine Einbildungs-Kraft, die in dem feurigen Bad einen ausserordentlichen Schwung erhalten hatte, stellte ihm die schöne Salamandrin, die er bald zu sehen hofte, mit so unwiderstehlichen Reitzungen vor, daß er sich des Wunsches nicht enthalten konnte, seinem Milchmädchen nur dieses einzige mal noch ungetreu seyn zu können. Unter diesen Gedanken kam er durch den zweyten Hof in ein Vorhaus, aus welchem ihm ein grosses Getümmel entgegen schallte. Er lauschte ein wenig, und vernahm, daß es eine Menge von krächzenden Weiber-Stimmen waren, die in einem heftigen Wortwechsel begriffen schienen. So neugierig als er von Kindheit auf gewesen war, konnte er sich nicht enthalten, zu sehen, wem diese anmuthigen Stimmen zugehörten. Er öfnete die Thür eines grossen und überaus prächtigen Saals, und entsetzte sich nicht wenig, da er ihn mit fünfzig oder sechzig der allerhäßlichsten kleinen Zwerginnen angefüllt sah, die nur immer die bürleske Einbildung eines /Calot/ oder /Hogarth/ zu ersinnen fähig wäre.

Der arme /Biribinker/ glaubte beym ersten Anblick, daß er zu einem Hexen-Sabbath gekommen sey, und er würde unfehlbar vor Abscheu in Ohnmacht gefallen seyn, wenn er nicht zu gleicher Zeit vor Lachen über so poßierliche Figuren hätte bersten mögen. Diese schönen Nymphen, die in der That nichts geringers als junge Gnomiden waren, von denen die jüngste kaum achtzig Jahre haben mochte, wurden seiner kaum gewahr, so eilten sie alle auf ihn zu, so schnell als es ihre krummen Beine zuliessen. Sie kommen eben recht, Prinz /Biribinker/, rief ihm eine von den häßlichsten entgegen, einen Streit zu entscheiden, worüber wir einander bey nahe in die Haare gekommen wären. Sie zanken sich doch nicht, hoffe ich, welche unter ihnen die schönste sey? sagte /Biribinker/. Und warum nicht? erwiederte die /Gnomide/; sie haben es ersten Streichs errathen. Aber denken sie nur, mein schöner Prinz, nachdem ich es würklich schon dahin gebracht habe, daß mir alle übrige den Vorzug eingestehen, so untersteht sich dieses Fratzen-Gesicht, diese kleine Pagode hier, mir den goldnen Apfel noch streitig zu machen. O! mein angenehmster junger Prinz, schrie die Angeklagte, indem sie ihn in die Waden kneipte, welches vermuthlich, ihrer Absicht nach, eine Liebkosung seyn sollte; ich darf es kühnlich auf ihr Urtheil ankommen lassen. Sehen sie uns beyde nur recht an, betrachten sie uns Stück vor Stück, und thun sie den Ausspruch nach ihrem Gewissen, wofern ich mir zu viel schmeichlen würde, wenn ich sagte nach ihrem Herzen. Begreiffen sie, Prinz /Biribinker/, sagte die erste, wie man die Unverschämtheit so weit treiben kan? Fürs erste, so ist sie kaum eines Daumens Breite kleiner als ich, und sie werden gestehen, daß das keinen Unterscheid macht; was ihren Buckel betrift, so hoffe ich, der meinige darf sich noch immer neben dem ihren sehen lassen, und meine Füsse sind, wie sie sehen, immer so breit und wohl um zwey gute Mannsdaumen länger als die ihrige. Ich weiß wohl, daß sie sich sehr viel auf den Umfang und die Schwärze ihres Busens zu gut thut, aber sie werden doch bekennen müssen, fuhr sie fort, indem sie ihr Halstuch abnahm, daß der meinige, wo nicht völlig so ansehnlich, doch ungleich schwärzer ist als der ihrige. Mag er doch! rief die andere, einen so kleinen Vorzug kan ich dir leicht eingestehen, da ich in allen andern Stücken den Vortheil über dich habe.

Sie lachen, mein liebster Prinz /Biribinker/, und es kan in der That nichts lächerlicher seyn, als die Eitelkeit dieser Meerkatze hier. Ich schäme mich, daß ich genöthiget seyn soll, mich selbst zu loben, aber sehen sie einmal, um wie viel meine Beine krümmer und stumpichter sind als die ihrigen? Ich will von allem übrigen nichts sagen; man müßte nur blind seyn, wenn man nicht beym ersten Anblick sehen sollte, daß meine Augen kleiner und matter sind als die ihrigen, daß meine Backen um die Helfte aufgedunsener sind, und meine Unter-Lippe viel weiter herunter hangt; auch nichts von der ungleich grössern Länge meiner Ohren zu gedenken, und daß ich wenigstens fünf oder sechs Warzen mehr im Gesicht habe als sie, und daß die Haare an den meinigen länger sind; wir wollen auf einen Augenblick das alles beyseite setzen, und nur von der Nase reden. Es ist wahr, die ihrige ist eine von den grösten, die man sehen mag, und man könnte in Versuchung gerathen, sie die Schönste zu nennen, wenn man die meinige nicht gesehen hat: Aber man braucht ja keinen Maaßstab, um zu finden, daß meine Nase wenigstens einer halben Spanne lang weiter über den Mund herab hängt als die ihrige. Die Schamhaftigkeit erlaubt mir nicht, setzte sie mit einem entsetzlich zärtlichen Blick hinzu, von andern Schönheiten zu reden, die nur einem glücklichen Liebhaber sichtbar werden dürfen; aber sie können versichert seyn, daß ich in diesem Stück nicht weniger Ursache habe, mich der Freygebigkeit der Natur zu berühmen, als in Absicht dessen, was ihnen in die Augen fällt, und ich hoffe -- Mademoiselle, rief /Biribinker/, so bald er vor Lachen reden konnte; ich unterstehe mich eben nicht, mich für einen Kenner auszugeben; aber in der That, es kan ihrer Freundin nicht Ernst seyn, wenn sie sich, was die Schönheit betrift, mit ihnen in einen Wettstreit einlassen will; der Vorzug, den sie in diesem Stück haben, ist augenscheinlich, und es ist unmöglich, daß der gute Geschmack der Herren /Gnomen/ ihnen hierüber nicht vollkommene Gerechtigkeit widerfahren lassen sollte.

Die erste /Gnomide/ schien durch diese Entscheidung nicht wenig beleidiget zu seyn, allein /Biribinker/, der vor Ungedult brannte, die schöne Salamandrin zu sehen, bekümmerte sich wenig um alles, was sie zwischen ihren langen Zähnen murmelte, und zog sich wieder zurück, nachdem er der ganzen liebreitzenden Gesellschaft eine gute Nacht gewünscht hatte. Statt der Antwort schickten sie ihm ein lautes Gelächter nach, um dessen Bedeutung er sich wenig bekümmerte, da er jetzo den Pallast vor sich stehen sahe, dessen unbegreifliche Schönheit seine ganze Aufmerksamkeit auf sich zog. Nachdem er ihn eine geraume Weile voller Bewunderung betrachtet hatte, sahe er, daß die beyden Flügel der Pforte sich aufthaten. Er konnte dieses nicht anders als für ein Zeichen ansehen, daß seine Unternehmung mit dem glücklichsten Ausgang bekrönt werden würde. Er gieng also mit hofnungsvollem Muth hinein, und befand sich, nachdem er eine Treppe hinauf gestiegen war, in einem grossen Vorsaal, aus dem er in eine Reyhe von Zimmern kam, von deren Schimmer er, ungeachtet der Veränderung, die das Feuer-Bad in seiner Natur hervor gebracht hatte, fast verblendet wurde.

Allein so mannigfaltig und ausserordentlich alle die schönen Dinge waren, die von allen Seiten seinen Augen entgegen strahlten, so vergaß er doch alles andere über den Gemählden einer unvergleichlich schönen jungen Salamandrin, womit alle diese Zimmer behangen waren. Er zweiffelte nicht, daß es die Geliebte des alten /Padmanaba/ seyn werde und diese Copien, worein sie in allen nur ersinnlichen Stellungen, Anzügen und Gesichtspuncten, bald wachend, bald schlafend, bald als Diana, bald als Venus, Hebe, Flora, oder eine andere Göttin vorgestellt war, gaben ihm eine solche Idee von dem Urbilde, daß er bey der blossen Erwartung seiner bevorstehenden Glückseligkeit vor Entzückung und Wonne hätte zerfliessen mögen. Ins besondere konnte er nicht satt werden, eine grosse Tafel anzuschauen, worein sie in einem Bade von Flammen saß, von Liebesgöttern bedient, die durch das Anschauen ihrer überirrdischen Schönheit ausser sich selbst gesetzt schienen. /Biribinker/ wußte nicht, ob er die Schönheit des Gegenstands, oder die Kunst der Mahlerey am meisten bewundern sollte, und mußte sich selbst gestehen, daß /Titian/ und /Guido/ gegen die Salamandrischen Mahler in Absicht des Colorit nur Sudler seyen. Der Eindruck, den dieses Gemählde auf ihn machte, war so lebhaft, daß er mit äusserster Ungedult diejenige zu sehen wünschte, die in einem leblosen Nachbilde schon so unwiderstehliche Begierden einflößte. Er durchsuchte also eine Menge von Zimmern, ohne daß er jemand fand, er durchsuchte den ganzen Pallast von oben bis unten, und wiederhohlte es zwey oder dreymal; aber da war keine Seele zu hören noch zu sehen. Endlich ward er einer halb geöfneten Thüre gewahr, die in den ausserordentlichsten Lustgarten führte, den er jemals gesehen hatte. Alle Bäume, Gewächse und Blumen, Alleen, Lauben und Springbrunnen in diesem Garten waren von lauterm Feuer, jedes brannte in seiner natürlichen Farbe, mit einem eben so anmuthigen als durchdringenden Glanz, und die Würkung, die das Ganze machte, übertraf in der That alles, was sich die Einbildungs-Kraft prächtiges vorstellen kan.