Geschichte des Prinzen Biribinker

Part 3

Chapter 33,840 wordsPublic domain

So hören sie dann, antwortete die /Fee/. Dieser Pallast gehörte, wie ich ihnen schon gesagt habe, einem Zauberer, dem seine Wissenschaft eine fast unumschränkte Macht über alle Elemente gab. Allein seine Macht über die Herzen war desto eingeschränkter. Zum Unglück war er, trotz seinem hohen Alter und einem schneeweissen Bart, der ihm bis an die Gürtel herab hieng, eine der verliebtesten Seelen, die jemals gewesen sind. Er verliebte sich in mich, und ob er gleich die Gabe nicht hatte sich wieder lieben zu machen, so hatte er doch Macht genug um gefürchtet zu werden. Bewundern sie die Wunderlichkeit des Schicksals; ich versagte ihm mein Herz, welches zu gewinnen er sich alle nur ersinnliche Mühe gab, und überließ ihm meine Person, die ihm zu nichts nütze war. Vor langer Weile wurde er endlich eyfersüchtig, aber so eyfersüchtig, daß es nicht auszustehen war. Er hatte die schönsten /Sylphen/ zu seiner Bedienung, und doch ärgerte er sich über die unschuldigsten Freyheiten, die wir mit einander nahmen. Er brauchte einen nur in meinem Zimmer oder auf meinem Sopha anzutreffen, so war ich schon gewiß, daß ich ihn nicht wieder zu sehen bekam. Ich verlangte von ihm, daß er sich auf meine Tugend verlassen sollte, aber auch diese schien dem Ungläubigen keine hinlängliche Bürgschaft gegen ein Schicksal, das er so wohl zu verdienen sich bewußt war. Kurz, er schafte alle Sylphen ab, und nahm zu unsrer Bedienung lauter /Gnomen/ an, kleine mißgeschaffene Zwerge, bey deren blossen Anblick ich vor Eckel hätte ohnmächtig werden mögen. Allein wie die Gewohnheit endlich alles erträglich macht, so versöhnte sie mich nach und nach mit der Figur dieser Gnomen, und machte, daß ich zuletzt possierlich fand, was mir anfangs abscheulich vorgekommen war. Es war keiner unter allen, der nicht etwas übermäßiges in seiner Bildung gehabt hätte. Der eine hatte einen Höcker wie ein Cameel, der andere eine Nase, die ihm bis über den Mund herab hieng, der dritte Ohren wie ein Faun, und ein Maul, das ihm den Kopf in zwo Halbkugeln spaltete, der vierte einen ungeheuren Wanst; kurz, eine Chinesische Einbildungskraft kan nichts abentheurlichers erfinden, als die Gesichter und Figuren dieser Zwerge. Allein der alte /Padmanaba/ hatte nicht bemerkt, daß sich unter seinen Aufwärtern einer befand, der in einem gewissen Sinn gefährlicher war als der schönste Sylphe von der Welt. Nicht, daß er weniger häßlich gewesen wäre, als die übrigen; aber durch ein seltsames Spiel der Natur war bey ihm ein Verdienst, was bey andern zu nichts diente als die Augen zu beleidigen.

Ich weiß nicht, ob sie mich verstehen, Prinz /Biribinker/?

Nicht allzuwohl, versetzte der Prinz, aber erzählen sie nur weiter, vielleicht werden sie in der Folge deutlicher werden.

Es stund nicht lange an, fuhr die schöne /Cristalline/ fort, so hatte /Grigri/, (so hieß der /Gnome/) Ursache zu glauben, daß er mir weniger mißfalle als seine Gesellen. Was wollen sie? Man geräth auf allerley Einfälle, wenn man lange Weile hat, und /Grigri/ hatte eine außerordentliche Gabe mißvergnügten Damen die Zeit zu vertreiben. Mit einem Wort, er wußte meine müßige Stunden (und ich hatte ihrer in der That sehr viele) auf eine so angenehme Art auszufüllen, daß man nicht zufriedener seyn kan als ich war. /Padmanaba/ bemerkte endlich die ungewohnte Fröhlichkeit, die aus meinem Gesicht und aus meinem ganzen Wesen hervor schimmerte. Er zweifelte nicht, daß sie eine andere Ursache haben müßte als das Vergnügen, so er selbst mir machte; aber er konnte nicht errathen, was es für eine seyn möchte. Zum Unglück war er ein grosser Meister in derjenigen Art von Schlußreden, die man Soriten nennt. Er gerieth durch eine lange Kette von Schlüssen endlich auf eine Vermuthung, die ihm das ganze Geheimniß aufzuschliessen schien. Er beschloß uns zu beobachten, und nahm seine Zeit so wohl, daß er uns in eben diesem Cabinet bey einem Spiel überraschte, welches die unerschöpfliche Geschicklichkeit des kleinen /Grigri/ außerordentlich interessant zu machen wußte. Hätten sie es geglaubt, mein Prinz, daß man ein so schlimmes Herz haben könnte, als der alte Zauberer bey dieser Gelegenheit zeigte? An statt großmüthig an meinem Vergnügen Antheil zu nehmen, erzürnte er sich darüber, der Niederträchtige! Er hätte sich immer erzürnen mögen, daß er nicht /Grigri/ war, aber was konnte unbilliger seyn als uns deßwegen zu strafen?

In der That, sagte /Biribinker/, nichts unbilligers! denn wenn er nur in einem einzigen Punct /Grigri/ gewesen wäre, so bin ich gewiß, daß sie ihm ungeachtet seines langen weissen Bartes den Vorzug vor einem kleinen häßlichen Zwergen gegeben hätten. ----

Was sagen sie mir von einem kleinen häßlichen Zwerg, erwiederte /Cristalline/; ich versichere sie, in dem Augenblick, wovon wir reden, war /Grigri/ ein /Adonis/ in meinen Augen. Aber hören sie nur, wie es weiter gieng. Nachdem der Alte unsichtbarer Weise unsern Spielen eine Weile zugesehen hatte, trat er endlich hervor und setzte uns in einen Schrecken, der sich leichter einbilden als beschreiben läßt. Er schüttete die ganze Wuth über uns aus, in die ihn ein Anblick gesetzt hatte, der seines Unvermögens zu spotten schien. Ich schäme mich ihnen die Complimente zu wiederhohlen, die er mir bey dieser Gelegenheit machte. Kurz, (denn ich muß die Zeit sparen) er verwandelte mich -- sie wissen wohl -- worein, und den armen /Grigri/ in eine Hummel. ----

In eine Hummel, rief /Biribinker/, das ist sonderbar; so ist vielleicht Herr Grigri von meiner Bekanntschaft. ----

Mit der Bedingung, fuhr /Cristalline/ fort, daß ich meine Gestalt nicht eher wieder bekommen sollte, bis ich dem Prinzen /Biribinker/ -- verzeihen sie meiner Schamhaftigkeit, daß ich den Umstand nicht nenne, worinn ich zu erst das Vergnügen hatte sie kennen zu lernen, und in der That, ohne ihnen zu schmeicheln, so sehr zu ihrem Vortheil, daß ich in der ersten Bestürzung im Begriff war, sie für den armen /Grigri/ selbst zu halten.

Sie erweisen mir allzuviel Ehre, erwiederte /Biribinker/, und wenn ich gewußt hätte, daß ihr Herz für einen so würdigen Gegenstand eingenommen wäre ----

Ich bitte sie, sagte die /Fee/, gewöhnen sie sich doch die unzeitigen Complimente ab, die sie so gern zu machen pflegen; sie können nicht glauben, wie gezwungen und wunderlich es ihnen läßt. Ich sage ihnen, daß ich die beste Meynung von ihrer Bescheidenheit habe, und ich denke, ich gebe ihnen eine sehr starke Probe davon, da ich mich so nahe bey ihnen sicher glaube. Ich erinnere mich zwar nicht allzuwohl, wie es zugegangen ist, daß wir so vertraulich mit einander worden sind; denn ich gestehe, daß ich aus Vergnügen über unsere so lang gewünschte Zusammenkunft ein paar Gläser mehr getrunken als ich zu trinken pflege; aber ich hoffe doch, sie werden sich in den Schranken ----

In der That, schöne /Cristalline/, fiel ihr der Prinz ins Wort, ich finde ihr Gedächtniß so ausserordentlich als die Tugend, worauf sie wollten, daß der alte /Padmanaba/ sich verlassen sollte; aber sagen sie mir doch, wenn sie es nicht auch vergessen haben, was wurde denn aus der Hummel?

Sie erinnern mich eben recht daran, antwortete die /Fee/; der arme /Grigri/! ich hatte ihn würklich vergessen -- es ist mir leyd, aber der grausame /Padmanaba/ hat seine Befreyung auf eine so ungereimte Bedingung gesetzt, daß ich nicht weiß, wie ich es ihnen werde sagen können ----

Und was kan denn das für eine Bedingung seyn, fragte /Biribinker/?

Ich begreiffe nicht, antwortete /Cristalline/, was sie dem alten Zauberer gethan haben können, daß er sie in diese Händel eingemischt hat; denn das ist gewiß, daß damals, da alle diese Verwandlungen vorgingen, ihre Aelter-Mutter noch nicht einmal gebohren war. Mit einem Wort, /Grigri/ soll seine vorige Gestalt nicht wieder bekommen, bis sie -- Nein! die Delicatesse meiner Empfindungen läßt mir nicht zu, es ihnen zu sagen, und ich begreiffe nicht, wie ich fähig seyn werde, mich dazu zu verstehen; denn sie werden, denk ich, an der Röthe, womit der blosse Gedanke daran mein Gesicht überzieht, schon errathen haben, was es ist.

Ich will selbst gleich zu einem dreyfachen Hummel werden, rief /Biribinker/, wenn ich errathe, was sie haben wollen; ich bitte sie, machen sie nicht so viel Umschweiffe; es ist schon heller Tag, und ich kan mich nicht aufhalten ----

Wie? sagte die /Fee/, wird ihnen die Zeit so lange bey mir? bin ich nicht fähig, ihnen ein Milchmädchen nur für etliche Stunden aus dem Sinn zu bringen? Sie sollten mir wenigstens aus Eigennutz ein wenig den Hof machen; denn ich kan mehr zu ihrem Glücke beytragen als sie sich einbilden.

So sagen sie mir dann geschwind, was ich thun soll, erwiederte /Biribinker/. ----

Wie ungedultig sie sind, rief die /Fee/! Wissen sie also, daß der arme /Grigri/ nicht eher wieder /Grigri/ werden soll, bis der Prinz Biribinker -- Nun! so rathen sie doch -- Aber das versichere ich ihnen, wenn es nicht um die Wiederherstellung eines alten guten Freundes zu thun wäre, ich könnte mich nimmermehr dazu verstehen, das Opfer der Rache zu werden, welche /Padmanaba/ durch ihren -- Beystand an dem armen /Grigri/ nehmen will.

Er will doch nicht, daß ich ihnen das Leben nehmen soll, sagte der Prinz?

Nun, das muß ich gestehen, antwortete /Cristalline/, daß sie heute mit einem ausserordentlich harten Kopf aufgewacht sind; glauben sie denn nicht, daß ein recht eingenommener Liebhaber seine Geliebte lieber sterben als in eines andern Armen sehen würde?

Ha, ha! Nun versteh ich sie endlich, Madame, sagte /Biribinker/ ganz kaltsinnig; wahrhaftig! ihre Schamhaftigkeit hätte nicht nöthig gehabt sich so viel Bedenken zu machen, die Sache gerade heraus zu sagen. Aber erlauben sie mir ihrem Gedächtniß ein wenig nachzuhelfen, und sie zu erinnern, daß, wenn es nur hieran läge, /Grigri/ schon lange enthummelt seyn müßte. Es sind noch nicht drey Stunden ----

Ich glaube, sie haben Zerstreuungen, unterbrach ihn die Fee! -- Indessen müssen sie wissen, daß /Padmanaba/ sehr streng über dem Recht der Wiedervergeltung hält, und daß /Grigri/ nicht eher zu seiner ersten Gestalt gelangen kan, bis sie ihm alle die Beleidigungen wieder geben, welche der Zauberer von ihm empfangen zu haben glaubt.

O! Madame, rief der Prinz, indem er aus dem Ruhebette sprang, ich bin des Herrn /Padmanaba/ gehorsamer Diener; aber wenn es nur auf diesen kleinen Umstand ankommt, so werden sie unter den zehen tausend /Gnomen/, die ihnen zu Diensten stehen, einen neuen /Grigri/ suchen müssen, um ihren graubartigen Gecken an seinem wunderthätigen Nebenbuhler zu rächen (denn daran wird ihnen vermutlich mehr gelegen seyn, als daß ihr kleiner Zwerg seine vorige Schönheit wieder bekomme); was mich betrift, so denke ich, sie sollten zufrieden seyn, daß ich ihnen die ihrige wieder gegeben. Ich sage das nicht, als ob ich mich durch die Gütigkeiten, die sie für mich gehabt haben, nicht überflüßig für einen Dienst belohnt halte, der mich so wenig gekostet hat; ich wollte sie nur erinnern, daß die Hauptsache doch immer in dem Umstande liegt, daß sie, an statt ein crystallener Nachttopf zu seyn, wieder die Fee Cristalline sind, und daß die Gewalt, die ihnen der Zauberstab des alten /Padmanaba/ gibt, sie gar leicht wegen des Verlusts eines einzigen sollte trösten können.

Ich hoffe doch nicht, versetzte /Cristalline/, daß sie meine Sorge für den armen /Grigri/ einer eigennützigen Absicht beymessen? Sie müßten in der That weder die Feinheit meiner Empfindungen, noch die Pflichten der Freundschaft kennen, wenn sie nicht begreiffen könnten, daß man sich für einen Freund beeyfern kan, ohne einen andern Bewegungs-Grund zu haben, als das Beste dieses Freunds, und ich müßte sie bedauren ----

O! Madame, erwiederte /Biribinker/, der sich indessen angekleidet hatte, ich bin von der quintessenz-mäßigen Feinheit ihrer Empfindungen so überzeugt, als sie es nur verlangen können; aber sie sehen, wie bequem dieser Morgen ist, meine Reise fortzusetzen. Seyn sie so gütig, sie, deren Herz einer so uneigennützigen Freundschaft fähig ist, und entdecken mir, auf welchem Weg ich meine geliebte /Galactine/ wieder finden kan: So will ich gegen alle und jede behaupten, daß sie die großmüthigste, die uneigennützigste, und wenn sie wollen, auch die sprödeste unter allen Feen des Erdkreises sind.

Sie sollen befriediget werden, antwortete /Cristalline/; gehen sie, und suchen ihr Milchmädchen, weil es doch ihr Schicksal so haben will; ich hätte vielleicht Ursache mit ihrer Aufführung nicht allzu sehr zufrieden zu seyn, aber ich sehe wohl, daß man es mit ihnen nicht so genau nehmen muß. Gehen sie, Prinz, sie werden im Hof ein Maulthier antreffen, welches so lange mit ihnen davon trotten wird, bis sie ihre /Galactine/ gefunden haben; und wofern ihnen wider Vermuthen etwas unangenehmes zustossen sollte, so werden sie in dieser Erbsen-Schotte ein unfehlbares Mittel dagegen finden.

Der Prinz /Biribinker/ steckte die Erbsen-Schotte zu sich, bedankte sich gegen die Fee für alle ihre Gütigkeiten, und stieg in den Hof herab. Sehen sie hier, sagte /Cristalline/, die ihn begleitete, sehen sie hier ein Maulthier, das vielleicht wenige seines gleichen hat. Es stammt in gerader Linie von dem berühmten trojanischen Pferd und der Eselin des Silenus ab. Von der väterlichen Seite hat es die Eigenschaft, daß es von Holz ist, und weder Futter noch Streue noch Striegel nöthig hat, und von der mütterlichen, daß es einen überaus sanften Trab geht, und so gedultig ist wie ein Schaaf. Steigen sie auf, und lassen es gehen, wohin es will; es wird sie zu ihrem geliebten Milchmädchen bringen, und wenn sie nicht so glücklich seyn werden als sie wünschen, so wird die Schuld nur an ihnen selbst seyn.

Der Prinz besahe dieses ausserordentliche Thier von allen Seiten, und hatte alle die Wunderdinge, die ihm in diesem Schloß begegnet waren, nöthig, um ihm so viel Gutes zuzutrauen, als ihm die Fee nachgerühmt hatte. Indessen, daß er aufstieg, wollte ihm /Cristalline/ noch eine Probe geben, daß sie nicht zu viel von ihrer Macht gesagt hatte. Sie schlug mit ihrem Stab dreymal in die Luft, und siehe! auf einmal erschienen alle zehen tausend Sylphen, welche ihr der Stab des /Padmanaba/ unterthänig machte; der Hof, die Treppe, die Galerie, und sogar die Dächer und die Luft wimmelte von geflügelten Jünglingen, wovon der geringste den vaticanischen Apollo an Schönheit übertraf. Bey allen Feen, rief /Biribinker/, von diesem Anblick ausser sich selbst gesetzt, was für einen glänzenden Hof sie haben! Lassen sie den kleinen /Grigri/ immer eine Hummel bleiben, Madame, und halten sie sich an diese hier; es müßte unglücklich seyn, wenn unter allen diesen Liebes-Göttern keiner fähig seyn sollte, ihnen einen Gnomen zu ersetzen, der ihrem eigenen Geständniß nach keinen andern Vorzug vor seinen mißgeschaffnen Gesellen hatte, als daß er auf eine kurzweiligere Art ungestalt war. Sie sehen wenigstens, versetzte /Cristalline/, daß es mir nicht an Gesellschaft fehlt, die mich wegen ihrer Unbeständigkeit trösten kan, wenn es mir jemals einfallen sollte, daß ich getröstet seyn wollte.

Mit diesen Worten wünschte sie ihm eine glückliche Reise, und Biribinker trabte auf seinem hölzernen Maulthier davon, indem er allem demjenigen nachdachte, was ihm in diesem wundervollen Schlosse begegnet war.

Fortsetzung der Geschichte des Prinzen Biribinker.

Ich will dem Leser die manchfaltigen Betrachtungen erlassen, welche /Biribinker/ unterwegs mit sich selbst anstellte, um ihm zu sagen, daß er gegen Mittag, da die Hitze unerträglich zu werden anfieng, an dem Eingang eines Waldes abstieg, und sich an den Rand eines kleinen Bachs setzte, der von Bäumen und Gebüschen umschattet war. Nicht lange so erblickte er eine /Schäferin/, die eine kleine Heerde rosenfarber Ziegen vor sich her trieb, um sie an dem Bache zu tränken, wo /Biribinker/ im Schatten lag.

Wie groß mußte seine Entzückung seyn, als er in dieser jungen Hirtin sein geliebtes Milchmädchen erkannte! Sie kam ihm noch zehenmal schöner vor, als da er sie das erstemal gesehen hatte; aber was ihn am meisten erfreute, war, daß sie an statt vor ihm zu fliehen immer näher herbey kam, und sich endlich, (wie es schien) ohne ihn zu bemerken, nicht weit von ihm ins Gras setzte. Der Prinz unterstund sich nicht sie anzureden, aber er sahe sie mit so durchdringenden feurigen Blicken an, daß die Steine im Bache bey nahe davon in Glas verwandelt worden wären. Die schöne Schäferin, welche sehr kalter Natur seyn mußte, um von so kräftigen Blicken nicht geröstet zu werden, flochte indessen ganz gelassen einen Blumenkranz, und unterließ nicht von Zeit zu Zeit einen Seitenblick auf ihn zu werfen, worinn er nichts weniger als Unwillen zu entdecken vermeynte. Dieses machte ihn so kühn, daß er näher zu ihr rückte, ohne daß sie es wahrnahm; denn sie spielte eben mit einer kleinen Ziege, die an statt der Haare lauter Silberfaden hatte, und mit Blumenkränzen und rosenfarben Bändern aufs artigste geziert war. Seine Augen sagten ihr aus diesem neuen Stand-Punct nicht weniger schönes als zuvor, und die ihrigen antworteten von Zeit zu Zeit so höflich, daß er sich endlich nicht länger halten konnte, sich zu ihren Füssen zu werfen, und ihr (nach seiner Gewohnheit) in sehr poetischen Redensarten zu wiederhohlen, was er vorher in einer weit verständlichen und überzeugendern Sprache gesagt hatte. Nachdem seine zärtliche Elegie zu Ende war, antwortete ihm die schöne Schäferin, mit einem Blick, welcher kaltsinniger anfieng als aufhörte: Ich weiß nicht ob ich sie recht verstanden habe, wollten sie mir alle diese Weile her nicht sagen, daß sie mich lieb hätten? -- Himmel! daß ich sie liebe! rief der entzückte /Biribinker/, sagen sie, daß ich sie anbete, daß ich meine schmachtende Seele zu ihren Füssen aushauche. Sehen sie, antwortete die Schäferin, ich bin nur ein ganz einfältiges Mädchen, ich verlange nicht, daß sie mich anbeten sollen, und sie sollen auch ihre Seele nicht aushauchen, denn ich denke nicht, daß sie zu viel davon haben; ich würde wohl zufrieden seyn, wenn sie mich nur liebten. Aber ich gestehe ihnen, daß ich schwerer zu überzeugen bin, als die /Fee/, mit der sie die vergangene Nacht zugebracht haben -- Götter! rief der bestürzte Prinz, was höre ich? -- Wie ist es möglich -- Wer kan ihnen -- Woher wissen sie -- ich weiß nicht, was ich sage -- O! unglückseliger /Biribinker/.

Die schöne Schäferin that einen grossen Schrey, ehe er diesen fatalen Namen noch ganz ausgesprochen hatte. Ja wohl unglückseliger /Biribinker/, rief sie aus, indem sie sich mit grosser Hastigkeit vom Boden aufrafte; müssen sie mein Ohr schon wieder mit diesem schändlichen Namen beleidigen? Sie zwingen mich sie zu hassen und zu fliehen, da ich -- Hier wurde die erzürnte /Galactine/ plötzlich von einem Anblick unterbrochen, der dem Prinzen und ihr selbst auf einmal alle andere Gedanken benahm. Sie sahen einen Riesen auf sie zu kommen, der an statt eines Kranzes ein paar junge Eichbäume um den Kopf geflochten hatte, und sich unterm Gehen die Zähne mit einem Zaunpfal ausstocherte. Er gieng gerade auf die Schäferin zu, und donnerte sie mit einer so entsetzlichen Stimme an, daß mehr als zwey hundert Dolen, die ihre Nester in seinem Bart hatten, mit grossem Gekrächze heraus geflogen kamen. Was hast du hier, rief er, mit diesem kleinen Zwerg, Püppchen? Folge mir augenblicklich, oder ich hacke dich zu kleinen Pastetchen; und du, sagte er zu dem Prinzen, indem er ihn in einen grossen Sack steckte, herein in meinen Sack! Nach diesem sehr laconischen Gruß schnürte er den Sack zu, nahm die Schäferin auf den Arm, und trabte davon. /Biribinker/ glaubte in den leeren Raum gestürzt worden zu seyn, denn er fiel und fiel immer fort, ohne daß es ein Ende nehmen wollte. Endlich kam er doch auf den Boden, aber stieß den Kopf so stark an einem Weberknopf an, daß er etliche Minuten ganz betäubt da lag, und die Hirnschaale gebrochen zu haben glaubte. Nach und nach erhohlte er sich wieder, und da besann er sich an die Erbsen-Schotte, die ihm /Cristalline/ gegeben hatte; er brach sie auf, fand aber nichts als ein kleines Messer von Diamant mit einem Heft von einer Greiffen-Klaue, kaum so groß, daß man es mit drey Fingern fassen konnte. Ist das alles, dachte er, was die Fee Cristalline für mich thut? Was will sie, daß ich mit diesem Spielzeug machen soll? Es ist kaum groß genug, daß ich mir die Kehle damit abschneiden könnte, und vielleicht ist das auch ihre Meynung. Aber man muß doch alles andere vorher versuchen, ehe man sich die Kehle abschneidt. Ich kan mit diesem Messerchen ein Loch in den Sack bohren, ob es gleich Mühe kosten wird, und wenn ich schon einen Sprung wagen muß, so will ich doch lieber alles wagen als Gefahr lauffen, daß dieser verfluchte Popanz kleine Bratwürstchen für seine Popänzchen aus mir macht. In dieser großmüthigen Entschliessung arbeitete der Prinz /Biribinker/, oder vielmehr das kleine Messer, worauf ein Talisman eingegraben war, so nachdrücklich, daß er in kurzer Zeit eine ziemliche Oefnung in den Sack machte, ungeachtet die Fäden des Gewebes so dick waren wie ein Anker-Seil. Er bemerkte, daß die Reise eben durch einen Wald gieng, und dachte seine Zeit so gut in Acht zu nehmen, daß er, indem er sich aus dem Sack heraus stürzte, an dem Wipfel eines hohen Baums sich halten könnte. Diesen Anschlag setzte er ungesäumt ins Werk, ohne daß es der Riese gewahr wurde; allein der Ast, an den er sich halten wollte, brach mit ihm, und der gute /Biribinker/ fiel in ein ziemlich tiefes marmornes Brunnen-Becken voll Wassers, welches zu allem Glück unter ihm lag, denn was er für einen Wald angesehen hatte, befand sich ein sehr schöner Park, der zu einem nicht weit davon gelegenen Schloß gehörte. Er dachte, indem er untertauchte, zum wenigsten in das Caspische Meer gefallen zu seyn, oder besser zu sagen, er dachte gar nichts, so betäubt von Schrecken lag er da, und vermuthlich würde er in seinem Leben das Trockne nicht wieder gesehen haben, wenn nicht eine Nymphe, die sich eben in diesem Brunnen badete, zu seiner Rettung herbey geschwommen wäre. Die Gefahr, worinn sie einen so schönen jungen Menschen sah, machte sie vergessen, in was für einem Zustande sie selbst war, und in der That hätte er leicht ertrinken können, ehe sie ihre Kleider angezogen hätte. Kurz, /Biribinker/ fühlte, da er zu sich selbst kam, daß sein Gesicht an dem schönsten Busen lag, der jemals gewesen ist, und da er die Augen aufthat, sahe er sich am Rande eines grossen Brunnens in den Armen einer Nymphe, die ihm, in dem ungekünstelten Aufzug, worinn er sie sah, beym ersten Anblick so viel und noch mehr Leben wieder gab, als er brauchte.

Dieses Abentheuer setzte ihn in ein so angenehmes Erstaunen, daß er kein Wort hervor bringen konnte. Allein die Nymphe merkte kaum, daß er wieder lebte, so riß sie sich von ihm los, und sprang ins Wasser. /Biribinker/, der sich einbildete, daß sie ihm entfliehen wolle, erhub ein so klägliches Geschrey, als ein kleiner Junge nur immer machen kan, wenn man ihm eine neue Puppe nehmen will. Die schöne Nymphe war wohl sehr weit von einem so grausamen Vorhaben entfernt; denn in wenigen Augenblicken sah er sie schon wieder mit einem Rücken, der die Lilien an Glanz übertraf, aus dem Wasser hervor ragen. Sie hob den Kopf ein wenig empor, aber kaum erblickte sie den Prinzen, so tauchte sie wieder unter, und plätscherte unter dem Wasser fort, bis sie an die andere Seite des Brunnens kam, wo ihre Kleider lagen. Allein da sie sah, daß ihr der Prinz folgte, erhub sie sich mit halbem Leib, aber ganz in ihre lange gelbe Haare eingehüllt, die ihr in dichten wallenden Locken bis zu den Füssen herab flossen, und seinen lüsternen Augen den Anblick von Schönheiten entzogen, welche fähig waren, einen Titon zu verjüngen.

Sie sind sehr unbescheiden, Prinz /Biribinker/, sagte sie, daß sie sich in solchen Augenblicken aufdringen, da man allein seyn will.