Geschichte des Prinzen Biribinker
Part 2
Der König, dessen geringste Sorge war die Folgen seiner Entschliessungen vorher zu überlegen, war würklich im Begriff ein Edict deßhalb ergehen zu lassen, als ihm sein Parlament durch eine zahlreiche Deputation vorstellen ließ, daß es sehr hart, um nicht gar tyrannisch zu sagen, heraus kommen würde, wenn Sr. Majestät getreue Unterthanen gezwungen werden sollten, den Caffee künftig ohne Milchrahm zu trinken; und weil die vorläufige Nachricht von diesem Edict würklich schon ein grosses Murren unter dem Volk erregte: so mußten sich Seine Majestät endlich entschliessen, nach dem Beyspiele so vieler andern Könige in den Feen-Geschichten, dero Cron-Prinzen unter der Aufsicht seiner Amme, der Biene, von sich zu entfernen, und es ihrer Klugheit zu überlassen, wie sie ihn vor den Nachstellungen der Fee /Caprosine/ und vor den Milchmädchen sicher stellen wollte.
Die /Biene/ brachte also den kleinen Prinzen in einen grossen Wald, der wenigstens zwey hundert Meilen im Umfang hatte, und so unbewohnt war, daß man in seinem ganzen Bezirk nur nicht einen Maulwurf gefunden hätte. Sie baute durch ihre Kunst einen unermeßlichen Bienenkorb von rothem Marmor, und legte um denselben einen Park von Pomeranzen-Bäumen an, der sich über fünf und zwanzig Meilen in die Länge und Breite erstreckte. Ein Schwarm von hundert tausend Bienen, deren Königin sie war, beschäftigte sich für den Prinzen und das Serail der Königin Honig zu machen, und damit man seinetwegen vollkommen sicher seyn könnte, so wurden rings um den Wald alle fünf hundert Schritte Wespen-Nester angelegt, welche Befehl hatten, die Grenzen aufs schärfste zu bewachen.
Indessen wuchs der Prinz heran, und übertraf durch seine Schönheit und wunderbare Eigenschaften alles, was jemals gesehen worden ist. Er spuckte lauter Syrup, er pißte lauter Pomeranzen-Blüth-Wasser, und seine Windeln enthielten so köstliche Sachen, daß sie von Zeit zu Zeit der Königin zugeschickt werden mußten, damit sie an Gala-Tägen ihren Nach-Tisch daraus verbessern konnte. So bald er zu reden anfieng, lallte er Concetti und Epigrammata, und sein Witz wurde nach und nach so stachlicht, daß ihm keine Biene mehr gewachsen war, ob gleich die dümmste im ganzen Korbe zum wenigsten so viel Witz hatte als einer von den vierzigen der _Academie Francoise_.
Allein so bald er das siebenzehnte Jahr erreicht hatte, regte sich ein gewisser Instinct bey ihm, der ihm sagte, daß er nicht dazu gemacht seye, sein Leben in einem Bienenkorbe zuzubringen. Die Fee /Melisotte/, (so nannte sich seine Amme) wandte zwar alles an, ihn aufzumuntern und zu zerstreuen; sie verschrieb ihm eine Anzahl sehr geschickter Katzen, die ihm alle Abend ein Französisches Concert oder eine Opera von /Lulli/ vormauen mußten; er hatte ein Hündchen, das auf dem Seil tanzte, und ein dutzend Papagayen und Elstern, die sonst nichts zu thun hatten, als ihm Mährchen zu erzählen, und ihn mit ihren Einfällen zu unterhalten; allein das wollte alles nichts helfen; /Biribinker/ sann Tag und Nacht auf nichts anders, als wie er aus seiner Gefangenschaft entwischen möchte. Die gröste Schwierigkeit, die er dabey sah, waren die verwünschten Wespen, die den Wald bewachten, und in der That kleine Thierchen waren, die einen Herkules hätten erschrecken können, denn sie waren so groß wie junge Elephanten, und ihr Stachel hatte die Figur und bey nahe auch die Grösse der Morgensterne, deren sich die alten Schweitzer mit so gutem Erfolg zu Behauptung ihrer Freyheit zu bedienen pflegten. Da er sich nun einsmals voller Verzweiflung über seine Gefangenschaft unter einen Baum geworfen hatte, näherte sich ihm eine Hummel, die wie alle übrigen männlichen Bewohner des Bienenstocks die Grösse eines halb gewachsenen Bären hatte.
Prinz /Biribinker/, sagte die Hummel, wenn sie Langeweile haben, so versichere ich sie, daß es mir noch schlimmer geht: Die Fee /Melisotte/, unsre Königin, hat mir seit etlichen Wochen die Ehre angethan, mich zu ihrem Liebling zu erkiesen; aber ich gestehe ihnen, daß ich der Last meines Amtes nicht gewachsen bin. Sie hat, unter uns geredet, über fünf tausend Hummeln in ihrem Serail, die gewiß nicht müßig sind; ich wollte mich nicht beschweren, wenn sie mich den übrigen gleich hielte; aber, Sapperment! der Vorzug, den sie mir gibt, fängt mir an beschwerlich zu fallen; ich sage ihnen, daß es nicht länger auszustehen ist. Wenn sie wollten, Prinz, so wäre es ihnen ein leichtes sich selbst und mir die Freyheit zu verschaffen. -- Was ist denn zu thun, fragte der Prinz? -- Ich bin nicht allezeit eine Hummel gewesen, antwortete der mißvergnügte Liebling, und sie allein sind im Stande mir meine erste Gestalt wieder zu geben. Setzen sie sich auf meinen Rücken; es ist Abend, und die Königin ist in ihrer Celle in Geschäften begriffen, die ihr keine Freyheit lassen, sich um etwas anders zu bekümmern. Ich will mit ihnen davon fliegen; aber sie müssen mir versprechen, daß sie thun wollen, was ich von ihnen verlange. Der Prinz versprach es ihm, er setzte sich ohne Bedenken auf, und die Hummel flog so schnell mit ihm davon, daß sie in sieben Minuten aus dem Walde waren. Nunmehro, sprach die Hummel, sind sie in Sicherheit. Die Macht des alten Zauberers /Padmanaba/, der mich in diese Umstände gebracht hat, erlaubt mir nicht weiter mit ihnen zu gehen; aber hören sie was ich ihnen sagen werde. Wenn sie auf diesem Wege linker Hand fortgehen, so werden sie endlich in eine grosse Ebene kommen, wo sie eine Heerde himmelblauer Ziegen sehen werden, die um eine kleine Hütte herum weiden. Nehmen sie sich ja in acht, daß sie nicht in die Hütte hinein gehen, oder sie sind verlohren. Halten sie sich immer linker Hand, und gehen sie fort, bis sie endlich zu einem verfallenen Pallast kommen, dessen noch übrige Pracht ihnen beweisen wird, was er ehmals gewesen ist. Sie werden durch etliche Höfe an eine grosse Treppe von weissem Marmor kommen, welche sie in einen langen Gang führen wird, wo sie zu beyden Seiten eine Menge prächtiger und hell erleuchteter Zimmer finden werden. Gehen sie ja in keines derselben hinein, sonst schließt es sich augenblicklich von selbst wieder zu, und keine menschliche Gewalt kan sie wieder heraus bringen. Sie werden aber eines davon verschlossen finden, und dieses wird sich öfnen, so bald sie den Namen /Biribinker/ aussprechen. In diesem Zimmer bringen sie die Nacht zu, das ist alles, was ich von ihnen verlange. Glückliche Reise, gnädiger Herr, und wenn sie sich bey meinem Rath wohl befinden, so vergessen sie nicht, daß ein Dienst des andern werth ist.
Mit diesen Worten flog die Hummel davon, und ließ den Prinzen in keiner mittelmässigen Erstaunung über alles, was sie ihm gesagt hatte. Voller Ungedult nach den wundervollen Begebenheiten, die ihm bevor stunden, gieng er die ganze Nacht durch, denn es war Mondschein und mitten im Sommer. Des Morgens erblickte er die Wiese, die Hütte und die himmelblauen Ziegen. Er erinnerte sich des Verbots gar wohl, das die Hummel ihm so nachdrücklich eingeschärft hatte; allein er fühlte beym Anblick der Ziegen und der Hütte eine Art von Anziehung, der er nicht widerstehen konnte. Er gieng also in die Hütte hinein, und fand niemand darinn als ein junges Milchmädchen in einem schneeweissen Leibchen und Unterrock, die im Begriff war etliche Ziegen zu melken, die an einer diamantnen Krippe angebunden stunden. Der Melk-Kübel, den sie in ihrer schönen Hand hatte, war aus einem einzigen Rubin gemacht, und statt des Strohes war der Stall mit lauter Jasmin und Pomeranzen-Blüthen bestreut. Alles dieses war freylich bewundernswürdig genug, allein der Prinz bemerkte es kaum, so sehr hatte ihn die Schönheit des jungen Mädchens geblendet. In der That Venus in dem Augenblick, da sie von den Zephyren ans Gestade von Paphos getragen wurde, oder die junge Hebe, wenn sie halb aufgeschürzt den Göttern Nectar einschenkte, waren weder schöner noch reitzender als dieses Milchmädchen. Ihre Wangen beschämten die frischesten Rosen, und die Perlenschnuren, womit ihre Arme und ihre kleinen netten Füßchen umwunden waren, schienen nur dazu zu dienen, die blendende Weisse derselben zu erhöhen. Nichts konnte zierlicher und reitzender seyn als ihre Gesichts-Züge und ihr Lächeln, über ihr ganzes Wesen war ein Ausdruck von Zärtlichkeit und Unschuld ausgebreitet, und ihre kleinsten Bewegungen hatten diesen namenlosen Reitz, dem die Herzen beym ersten Anblick entgegen fliegen. Diese bezaubernde Person schien auf eine eben so angenehme Art über den Prinzen /Biribinker/ betroffen, als er über sie; halb unschlüßig, ob sie bleiben oder fliehen wollte, blieb sie stehen, und betrachtete ihn mit einem verschämten Blicke, worinne Schüchternheit und Vergnügen sich zu vermischen schienen. Ja, ja, rief sie endlich aus, indem sich der Prinz zu ihren Füssen warf, er ist es, er ist es! -- Wie? rief der entzückte Prinz, der aus diesen Worten schloß, daß sie ihn schon kenne, und daß er ihr nicht gleichgültig seye; ist der allzuglückliche /Biribinker/ -- Götter! schrie das Milchmädchen, indem sie ganz bestürzt zurück bebte, was für einen verhaßten Namen höre ich! wie sehr haben meine Augen und mein voreiliges Herz mich betrogen! Fliehe, fliehe, unglückliche /Galactine/ -- Mit diesen Worten floh sie würklich so schnell aus der Hütte, als ob sie der Wind davon führete. Der bestürzte Prinz, der den Abscheu nicht begreiffen konnte, den sie vor seinem Namen hatte, lief ihr nach so schnell als er konnte; allein das Milchmädchen flog, daß ihre Fußsolen kaum die Spitzen des Grases berührten. Umsonst beflügelten die Schönheiten, die ihr flatterndes Gewand in jedem Augenblick entdeckte, die Begierden und die Füsse des nacheilenden Prinzen; er verlohr sie in einem dichten Gebüsche, wo er den ganzen Tag hin und wieder lief, und jedem Rascheln oder Flüstern, das er hörte, nachgieng, ohne daß er die mindeste Spur von ihr finden konnte.
Indessen war die Sonne untergegangen, und er befand sich unvermerkt an der Pforte eines alten Schlosses, welches halb eingefallen schien. Denn es ragten allenthalben Mauerstücke von Marmor und umgestürzte Säulen von den kostbarsten Edelsteinen aus dem Gesträuch hervor, und er stieß sich alle Augenblicke an Trümmern, wovon der schlechteste eine Insel auf dem festen Lande werth war. Er merkte hieraus, daß er bey dem Pallast sey, wovon ihm sein guter Freund, die Hummel, gesagt hatte, und hofte, (wie die verliebten hofnungsvolle Leute zu seyn pflegen) sein holdseliges Milchmädchen vielleicht hier zu finden. Er arbeitete sich durch drey Vorhöfe durch, und kam endlich an die Treppe von weissem Marmor. Zu beyden Seiten stund auf jeder Stuffe, deren zum wenigsten sechzig waren, ein grosser geflügelter Löwe, der bey jedem Athemzug so viel Feuer aus seinen Naßlöchern schnaubte, daß es heller als bey Tag davon wurde; aber es versengte ihm nur nicht ein Haar, und die Löwen sahen ihn nicht so bald, so spannten sie ihre Flügel aus, und flohen mit grossem Gebrüll davon.
Der Prinz /Biribinker/ gieng also hinauf, und kam so gleich in eine lange Galerie, wo er die ofnen Zimmer fand, wovor ihn die Hummel gewarnt hatte. Ein jedes derselben führte in zwey oder drey andere, und die Pracht, womit sie eingerichtet und ausgeschmückt waren, übertraf alles, was sich seine Einbildungs-Kraft vorstellen konnte, ungeachtet ihm die Feerey nichts neues war. Allein dieses mal nahm er sich wohl in acht, seiner Neugier den Zügel zu lassen, und gieng so lange fort, bis er an eine verschlossene Thüre von Ebenholz kam, an welcher ein goldener Schlüssel steckte. Er versuchte lange vergeblich ihn umzudrehen; aber so bald er den Namen /Biribinker/ ausgesprochen hatte, sprang die Thüre von sich selbst auf, und er befand sich in einem grossen Saal, dessen Wände ganz mit crystallenen Spiegeln überzogen waren. Er wurde von einem diamantnen Cronleuchter erhellt, an welchem in mehr als fünf hundert Lampen lauter Zimmet-Oel brannte. In der Mitte stund ein ovaler Tisch von Elfenbein mit smaragdenen Füssen, für zwo Personen gedeckt, und zur Seiten zween Schenktische von Lasur-Stein, die mit goldenen Tellern, Bechern, Trinkschaalen und anderm Tisch-Geräthe versehen waren. Nachdem er alles, was sich in diesem Saale seinen Augen darbot, eine gute Weile voller Erstaunen betrachtet hatte, erblickte er eine Thüre, durch die er in verschiedene andere Zimmer kam, wovon immer eines das andere an Pracht der Auszierung überglänzte. Er besah alles Stück vor Stück, und wußte nicht mehr, was er davon denken sollte. Die Zugänge zu diesem Pallast hatten ihm ein zerstörtes Schloß angekündiget; das Innwendige schien keinen Zweifel übrig zu lassen, daß es bewohnt sey; und doch sah und hörte er keine lebendige Seele. Er durchgieng alle diese Zimmer noch einmal, er suchte überall, und entdeckte endlich in dem letzten noch eine kleine Thüre in den Tapeten. Er öfnete sie, und befand sich in einem Cabinet, worinn die Feerey sich selbst übertroffen hatte. Ein angenehmes Gemisch von Licht und Schatten erheiterte es, ohne daß man die Quelle dieser zauberischen Dämmerung entdecken konnte. Die Wände von polirtem schwarzem Granit stellten, wie eben so viele Spiegel, verschiedene Scenen von der Geschichte des /Adonis/ und der /Venus/ mit einer Lebhaftigkeit vor, die der Natur gleich kam, ohne daß man errathen konnte, durch was für eine Kunst diese lebende Bilder sich dem Stein einverleibet hatten. Liebliche Gerüche wie von Frühlingswinden aus frisch aufblühenden Blumenstücken herbey geweht, erfüllten das ganze Gemach, ohne daß man sah, woher sie kamen, und eine stille Harmonie, wie von einem Concert, das aus tiefer Ferne gehört wird, umschlich eben so unsichtbar das bezauberte Ohr, und schmelzte das Herz in zärtliche Sehnsucht. Ein wollüstiges Ruhebett, von welchem ein marmorner Liebes-Gott, der zu athmen schien, den wallenden Vorhang halb hinweg zog, war das einzige Geräthe in diesem anmuthsvollen Ort, und erweckte in dem Herzen unsers Prinzen ein geheimnißvolles Verlangen nach etwas, wovon er, so neu als er noch war, nur dunkle Begriffe hatte, ob ihm gleich die Tapeten, die er sehr aufmerksam und nicht ohne eine süsse Unruhe betrachtete, einiges Licht zu geben anfiengen. In diesen Augenblicken stellte sich ihm das Bild des schönen Milchmädchens mit einer neuen Lebhaftigkeit dar, und nachdem er eine Menge vergeblicher Klagen über ihren Verlust angestimmt hatte, fieng er von neuem an zu suchen, bis er es müde wurde. Weil er nun diesesmal nicht glücklicher war als vorher, so begab er sich wieder in das Cabinet mit dem Ruhebette, zog seine Kleider aus, und war im Begriff sich niederzulegen, als eines der unvermeidlichsten Bedürfnisse der menschlichen Natur ihn nöthigte, sich unter dem Bette umzusehen. Er fand würklich ein Gefäß von Crystall, an welchem noch Merkmale zu sehen waren, daß es vor Zeiten zu einem solchen Gebrauch gedient hatte. Der Prinz fieng schon an es mit Pomeranzen-Blüth-Wasser zu begiessen, als er, o Wunder, das crystallene Gefäß verschwinden, und an dessen statt -- eine junge Nymphe vor sich stehen sah, die so schön war, daß es unmöglich hätte scheinen sollen, so sehr über sie zu erschrecken, als der Prinz würklich erschrack. Sie lachte ihn so freundlich an, als ob sie einander schon längst gekannt hätten, und ehe er sich noch aus seiner Bestürzung erhohlen konnte, sagte sie zu ihm: Willkommen Prinz Biribinker! Lassen sie sichs nicht verdriessen einer jungen /Fee/ einen Dienst gethan zu haben, die ein barbarischer Eyfersüchtiger über zwey Jahrhunderte lang zu einem Werkzeug der niedrigsten Bedürfnisse mißbraucht hat. Reden sie aufrichtig, Prinz; finden sie nicht, daß mich die Natur zu einem edlern Gebrauch bestimmt hat? Sie sagte dieses mit einem gewissen Blick, dessen Directions-Linie den bescheidenen Biribinker in einige Verwirrung setzte. Er hatte, wie wir wissen, so viel Witz als man haben kan, aber wir müssen hinzu setzen, eben so viel Unbesonnenheit; er merkte, daß er der Fee etwas verbindliches sagen sollte; weil er aber gewohnt war, alles was er sprach, mit einem gewissen Schwung zu sagen, so konnte all sein Witz dißmal nicht verhindern, daß er nicht etwas sehr dummes sagte. Es ist ein Glück für sie, schönste Nymphe, antwortete er ihr, daß ich die Absicht nicht haben konnte, ihnen den seltsamen Dienst zu leisten, den ich ihnen unwissender Weise geleistet habe; denn ich versichere sie, daß ich sonst allzuwohl gewußt hätte, was der Wohlstand ----
O! machen sie nicht so viel Complimente, erwiederte die Fee, in den Umständen, worinn sich unsere Bekanntschaft anfängt, sind sie sehr überflüßig. Ich habe ihnen nichts geringers als mich selbst zu danken, und da wir nicht länger als diese Nacht beysammen bleiben werden, so müßte ich mir selbst Vorwürfe machen, wenn ich ihnen Anlaß gäbe, die Zeit mit Complimenten zu verderben. Ich weiß, daß sie der Ruhe bedürftig sind; sie sind schon ausgekleidet, legen sie sich immer zu Bette. Es ist zwar das einzige, das in diesen Gemächern ist, aber es steht ein Sopha in dem grossen Saal, auf dem ich die Nacht ganz bequem werde zubringen können.
Madame, versetzte der Prinz, ohne daß er selbst recht wußte, was er sagte, ich würde in diesem Augenblick -- der glücklichste unter allen Sterblichen seyn, wenn ich nicht -- der unglücklichste wäre. Ich muß ihnen gestehen, ich finde was ich nicht gesucht habe, indem ich suchte, was ich verlohren hatte, und wenn nicht der Schmerz, sie gefunden zu haben, die Freude meines Verlusts -- Nein, die Freude, wollt ich sagen, sie gefunden zu haben --
Je nun, wahrhaftig, fiel ihm die /Fee/ ins Wort, ich glaube sie schwärmen! Was wollen sie mir mit allem dem Galimathias sagen? Kommen sie, Prinz /Biribinker/, gestehen sie mir in guter Prosa, daß sie in ein Milchmädchen verliebt sind. ----
„Sie rathen so glücklich, sagte der Prinz, daß ich ihnen gestehen muß. ----
O! daraus haben sie gar kein Bedenken zu machen, fuhr die /Fee/ fort; und in ein Milchmädchen, das sie diesen Morgen in einer schlechten Hütte angetroffen haben, in einem Stall, was man sagen möchte. ----
„Aber, ich bitte sie, woher -- wie können sie ----
Und die auf einer Streu von Pomeranzen-Blüthen im Begriff war eine himmelblaue Ziege in einen Kübel von Rubin zu melken -- nicht wahr?
Wahrhaftig! rief der Prinz, für eine Person, die vor einer Viertelstunde (nehmen sie mirs nicht ungnädig) noch -- ich will nicht sagen was? war, wissen sie erstaunlich viel ----
„Und die davon lief, so bald sie den Namen /Biribinker/ hörte ----
Aber, ich bitte sie, Madame, woher können sie das alles wissen, da sie doch, wie sie sagen, schon zwey hundert Jahre in dem sonderbaren Stande gewesen sind, worinn ich die Ehre gehabt habe, sie so unverhoft kennen zu lernen.
Nicht so unverhoft auf meiner Seite als sie sich einbilden, antwortete die /Fee/; aber heissen sie ihre Neugierigkeit noch einen Augenblick ruhen. Sie sind abgemattet, und haben den ganzen Tag nichts gegessen; kommen sie mit mir in den Saal, es ist schon für uns beyde gedeckt, und ich hoffe, ihre Treue gegen ihr schönes Milchmädchen werde ihnen doch erlauben, mir wenigstens bey Tische Gesellschaft zu leisten. /Biribinker/ merkte den geheimen Verweiß sehr wohl, der in diesen Worten lag, er that aber nicht dergleichen, und begnügte sich mit einem tiefen Reverenz ihr in den Speißsaal zu folgen.
So bald sie hinein gekommen waren, gieng die schöne /Cristalline/, (so hieß die Fee) zum Camin, und bemächtigte sich eines kleinen Stabs von Ebenholz, an dessen beyden Enden ein diamantner Talisman befestiget war. Nun habe ich nichts weiter zu besorgen, sagte sie, setzen sie sich, Prinz /Biribinker/; ich bin nun Meisterin von diesem Pallast und von vierzig tausend elementarischen Geistern, die der grosse Zauberer, der ihn vor fünf hundert Jahren erbaute, zum Dienst desselben bestimmt hat.
Mit diesen Worten schlug sie dreymal an den Tisch, und in dreyen Augenblicken sah /Biribinker/ mit Erstaunen, daß er mit den niedlichsten Speisen besetzt war, und daß die Flaschen auf dem Schenktisch sich von selbst mit Wein anfüllten.
Ich weiß, sagte die /Fee/ zum Prinzen, daß sie nichts als Honig essen; versuchen sie einmal von diesem hier, und sagen sie mir, ob sie jemals dergleichen gekostet haben. Der Prinz aß davon und schwur, daß es nichts geringers als das Ambrosia der Götter seyn könne. Er wird, sagte sie, aus den reinsten Düften der unverwelklichen Blumen bereitet, die in den Gärten der Sylphen blühen. Und was sagen sie zu diesem Wein, fuhr sie fort, indem sie ihm eine volle Trinkschaale darbot? Ich schwöre ihnen, rief der entzückte Prinz, daß die schöne Ariadne dem jungen Bachus keinen bessern eingeschenkt hat. Er wird, versetzte sie, aus den Trauben gedruckt, die in den Gärten der Sylphen wachsen, und dem Gebrauch desselben haben diese schöne Geister die unsterbliche Jugend und Munterkeit zu danken, die in ihren Adern wallt.
Die /Fee/ sagte nichts davon, daß dieser Nectar noch eine andere Eigenschaft hatte, die der Prinz gar bald zu erfahren anfieng. Je mehr er davon trank, je reitzender fand er seine schöne Gesellschafterin. Beym ersten Zug bemerkte er, daß sie sehr schöne blonde Haare hatte; beym andern wurde er von der Schönheit ihrer Arme gerührt, beym dritten entdeckte er ein Grübchen in ihrem linken Backen, und beym vierten entzückte ihn die Weisse und Fülle eines gewissen Busens, der unter dem Nebel eines dünnen Flors seinen Augen nachstellte. Ein so reitzender Gegenstand und eine Trinkschaale, die sich immer wieder von sich selbst anfüllte, waren mehr als er nöthig hatte, um seine Sinnen in ein süsses Vergessen aller Milchmädchen der ganzen Welt einzuwiegen. Was sollen wir sagen? /Biribinker/ war zu höflich, eine so schöne Fee auf dem Sopha schlafen zu lassen, und die schöne Fee zu dankbar, als daß sie ihm in einem Hause, wo vierzig tausend Geister herum spuckten, ihre Gesellschaft hätte abschlagen können. Kurz, die Höflichkeit wurde auf der einen, und die Dankbarkeit auf der andern Seite so weit getrieben, als es möglich war, und /Biribinker/ bewieß sich der guten Neigung vollkommen würdig, welche /Cristalline/ beym ersten Anblick von ihm gefaßt hatte.
Die /Fee/ erwachte, wie die Geschichte sagt, zuerst, und konnte den Uebelstand nicht ertragen, einen so ausserordentlichen Prinzen in so guter Gesellschaft schlafen zu sehen. Prinz /Biribinker/, sagte sie zu ihm, nachdem sie ihn, man weißt nicht wie, erweckt hatte, ich habe ihnen keine gemeine Verbindlichkeiten. Sie haben mich von der unanständigsten Bezauberung, die jemals ein Frauenzimmer erlitten hat, befreyt; sie haben mich an meinem Eyfersüchtigen gerochen; nun ist nur noch eins übrig, und sie können sich auf die unbegrenzte Dankbarkeit der Fee /Cristalline/ Rechnung machen.
Und was ist dann noch übrig, fragte der Prinz, indem er sich die Augen rieb?