Geschichte der Medizin. II. Band, Erster Teil

v. Hirnkofen, Augsburg 1479, 1481, 1482, 1484, Ulm 1499 und noch

Chapter 354,378 wordsPublic domain

öfters a. versch. O. im 16. Jahrhundert. Enthält Vorschriften über Zubereitung und diätetisch-therapeutische Anwendung von Arzneiweinen (Kräuterweinen mit Rad. Buglossae, Melisse, Korinthen, Rosmarin, Wermut u. s. w. angesetzt), Alkohol (aus Rotwein), ätherischen Oelen (z. B. Terpentinöl), aromatischen Wässern. Um natürlichen Weinen medizinische Kräfte zu geben, machte man Einschnitte in die Weinstöcke und brachte in diese Scammonium, Helleborus u. dgl. (vgl. Avenzoar). In dieser Schrift kommt eine Stelle vor, welche einen vorübergehenden Aufenthalt des Arnaldus in Afrika wahrscheinlich macht: Fortunae impetus ... commovit super me aquilonem et duxit me in Africam ad miseriam ipsam. ~De aquis medicinalibus~ (aq. bechice s. ptisane, diuretice, purgative, adstringentes et alterative). ~De venenis~, Repertorium der Universalantidote, Symptomatologie und Therapie der Vergiftungen, Hauptquellen Plinius, Dioskurides und die Araber. ~De arte cognoscendi venena~, mehrmals separat gedr. z. B. Mediol. 1475, Pad. 1487 (mit d. Libell. de venen. des Petr. Aponens. und d. Tract. de peste des Valescus de Taranta). Vorsichtsmaßregeln gegen Vergiftungen und Gegengifte.

Zur Pathologie, Diagnostik und Therapie.

•Parabolae• ~medicationis secundum instinctum veritatis aeternae, quae dicuntur a medicis regulae generales curationis morborum~, separat gedruckt Basil. 1560, 1565, Altenburg 1638, in der Articella Lugd. 1534, Hauptwerk des Arnaldus Philipp dem Schönen (1300) gewidmet, aus sieben Doktrinen mit 345 Aphorismen bestehend (der Kommentar zu den Aphorismen rührt von einem Schüler her). Inhalt: ~Allgemeine Grundsätze, spezielle interne und~ (von der 5. Doktrin angefangen) ~chirurgische Pathologie und Therapie~. Diese Aphorismen enthalten viele bedeutsame Wahrheiten und verraten philosophischen Geist, Erfahrung, selbständiges Urteil. ~Tabulae quae medicum informant specialiter cum ignoratur aegritudo.~ Anempfehlung einer exspektativen oder mit diätetischen und indifferenten Mitteln hantierenden Therapie in zweifelhaften Fällen, nach dem Grundsatz: si non proficias, saltem non laedas. ~De parte operativa~, handelt über Nervenleiden, Gehirnaffektionen, mit einem Anhang über Magen- und Darmtumoren. ~Aphorismi de ingeniis nocivis, curativis et praeservativis morborum, speciales corporis partes respicientes~, summarische Pathologie (Lethargie, Phrenesis, Paralyse, Apoplexie, Epilepsie u. s. w.). ~Compendium medicinae practicae~ •Breviarium• ~practicae a capite usque ad plantam pedis, cum capitulo generali de urinis et tractatus de omnibus febribus, peste empiala et liparia~, erschien in Sonderausgabe Mediol. 1483, Venet. 1494, 1497, Lugd. 1532, früher von mancher Seite dem Arnaldus abgesprochen[80], besteht aus 4 Büchern, von denen die beiden ersten die örtlichen Krankheiten, das dritte die Lehre von den Frauenkrankheiten und die Behandlung bei Verletzungen durch giftige Tiere enthalten (eine Zusammenstellung, welche der Verf. boshafterweise damit begründet, „quia mulieres ut plurimum sunt animalia venenosa”); das vierte Buch handelt von der Harnsemiotik, von den Fiebern (auch in der Coll. Venet. de febr. 1576) und von einer Reihe von Respirations-, Digestions- und Nervenleiden. ~Das Breviarium nimmt unter den medizinischen Werken des Mittelalters eine ganz besonders hervorragende Stellung ein und beruht nicht bloß auf Schulmeinungen, sondern auch auf wirklich selbständiger Beobachtung~; bemerkenswert ist es, daß der Verf. sich nicht scheute, auch von Empirikern und einfachen Frauen zu lernen, wobei freilich mancher therapeutischer Aberglauben mit unterläuft. In den Zitaten sind nicht wenige sonst ganz unbekannte Aerzte angeführt. ~Practica summaria~, seu regimen ad instantiam domini papae Clementis. Therapie in 29 kurzen Kapiteln (von der Astrologie stark durchsetzt). ~Regimen sive consilium quartanae~ (in Briefform an den Papst Clemens V.? gerichtet), hauptsächlich diätetisch. ~Consilium sive cura febris ethicae~ (gleichfalls in Briefform), hygienisch-therapeutisch. ~Consilium sive regimen podagrae.~ Deutsche Uebersetzung Straßburg 1576. Rezeptsammlung gegen Gichtanfall und Gichtschmerz. ~Tractatus de sterilitate tam ex parte viri quam ex parte mulieris. Signa leprosorum.~ Als diagnostische Mittel zur Erkennung des Aussatzes werden auch gewisse Veränderungen des Harns, Pulses, des Blutes, der Stimme angeführt. ~De amore qui heroicus nominatur.~ Ueber physische und psychische Folgen der unglücklichen Liebe und die zweckmäßigste Behandlung (in Briefform an einen Arzt). Der Sitz des Leidens wird ins Gehirn verlegt, die therapeutischen Mittel sind Zerstreuungen, Spaziergänge, Musik, Bäder, religiöse Gespräche. ~Remedia contra maleficia~, handelt von Mitteln gegen dämonische Verhinderung des Geschlechtsverkehrs. Sicher eine unterschobene Schrift. ~Regulae generales de febribus.~ Unterschobene Schrift. ~Tractatus contra calculum~ (an den Papst Benedikt XI.? gerichtet). ~Regimen curativum et praeservativum contra catarrhum~, handelt nicht bloß von Katarrhen im engeren Sinne, sondern auch von rheumatischen Affektionen. ~De tremore cordis~, enthält viele eigene Beobachtungen. Versuch einer Trennung des bloß symptomatischen Herzklopfens von den primären und sekundären Herzleiden. Therapie. Diätetisches Regime, Evakuantia, Diuretika. ~De epilepsia. Recepta electuarii mirabilis praeservantis ab epidemia~ et confortantis mineram omnium virtutum. Destillat des Blutserums. ~De sanguine humano~ ad mag. Jacobum Toletanum in Briefform, gedr. mit anderen Schriften in Basel 1597 (als Anhang zu Joh. Rupescissa, de consideratione quintae essentiae), Lugd, 1572 (in angebl. Conr. Gesners Evonymus sive de remediis secretis), London 1576 (in der engl. Uebersetzung des genannten Werkes The newe Jewell of Health), neu publiziert von J. F. Payne im Janus 1903). Empfehlung eines Destillats aus Menschenblut als kräftigstes Wiederbelebungsmittel und Lebenselixir. Vgl. die Schr. Recepta electuarii mirabilis etc. ~Tractatus medicinae regalis.~ Unter den Rezepten findet sich auch dasjenige für aromatische Wässer, für das Goldwasser etc. Das Astrologische ist stark vertreten. ~De phlebotomia~, höchstwahrscheinlich unterschobene Schrift.

[80] Als Verf. wurde ein anderer Arnoldus angenommen, wobei man sich namentlich darauf stützte, daß im Breviarium eine Reihe von Neapolitanismen vorkommen.

In französischer und spanischer Uebersetzung läuft auch ein Thesaurus pauperum unter Arnaldos Namen.

Zur Kosmetik.

~De ornatu mulierum.~ Kulturgeschichtlich sehr interessant. Enthält auch Rezeptformeln gegen Hautleiden. ~De decoratione.~

Kommentare.

~Commentum super libello De mala complexione diversa cum textu Galieni.~ ~Quaestiones super libro De mala complexione diversa.~ Ganz scholastisch. ~Commentum super Regimen Salernitanum.~ Kommentar zu dem Salernitanischen Lehrgedicht (das in dieser Redaktion aus 370 Versen besteht), auf Grund der galenischen Temperamentenlehre. Die Verbreitung des Kommentars war eine enorme. Zahlreiche Ausgaben. ~Commentum super canonem: Vita brevis.~

Uebersetzungen.

Liber Costae ben Lucae de physicis ligaturis. Liber Avicennae de viribus cordis (gedr. z. B. in den Op. Avicennae, Venet. 1570, t. IV).

Zur Astrologie, Alchemie etc.

~Capitula astrologiae de judiciis infirmitatum secundum motum phanetarum~, auch unter den Titeln Compendium astronomiae, Introductorium astrologiae in scientiam judiciorum astrorum, Introductorium astrologiae pro medicis, Brevis tractatus introductorius ad judicia astrologiae. ~Sigilla.~ Ueber Talismane. ~Expositiones visionum quae fiunt in somno.~ Traumdeuterei als Wissenschaft betrachtet, wahrscheinlich unterschoben. Von den unter dem Namen des Arnaldus gehenden, gewiß nur teilweise echten alchemistischen Schriften sind gedruckt: Thesaurus thesaurorum, ~Rosarius philosophorum ac omnium secretorum~; Novum lumen; Perfectum magisterium et gaudium (auch unter anderen Titeln, z. B. Flos florum); Epistola super alchymia ad regem Neapolitanum; De lapide philosophorum; Cathena aurea; Testamentum; Novum testamentum; Speculum alchymiae; Fractica; Semita semitae; Quaestiones tam essentiales quam accidentales; Carmina Tractatus parabolarum; Explicatio compendii alchimiae Joannis Garlandii. -- Handschriftlich ist noch eine ganze Reihe angeblich von Arnaldus herrührender medizinischer bezw. alchemistischer und astrologischer Schriften bekannt.

Die Lebensgeschichte und das Wirken des berühmten Kataloniers ist zwar teilweise an Montpelliers aufblühenden Ruhm geknüpft, unbestreitbar lebt auch die Gestalt des ~Arnald von Villanova~ besonders als Arzt und Alchemist im Gedächtnis der Nachwelt fort, tatsächlich aber reichte sein Denken und Schaffen nicht nur über den Bannkreis einer bestimmten Schule, sondern über die Grenzen der Heilkunst selbst weit hinaus.

Das Wesen des merkwürdigen Mannes, der in sich den Arzt mit dem Alchemisten, den religiösen Schwärmer mit dem berechnenden Politiker vereinte und dessen vielseitige Ueberlegenheit schon von den Zeitgenossen empfunden wurde, bildet geradezu einen Ausschnitt der spätmittelalterlichen, im Ringen nach neuen Werten begriffenen Kultur. Es ist eine kraftbewußte, von faustischen Trieben nach universaler Erkenntnis erfüllte, von heißer religiöser Sehnsucht durchglühte Individualität, die uns hier entgegentritt, eine Vollnatur, die in ihren Licht- und Schattenseiten auch dort, wo sie sich bloß ärztlich manifestiert, nur aus der gesamten Weltanschauung heraus erfaßt werden kann, aus einer Weltanschauung, welche Verstandesschärfe mit Gemütstiefe, Denkklarheit mit Phantastik und Mystik wundersam verwebte.

Die Richtungen, in denen sich der Genius Arnalds reformatorisch versuchte, waren wohl recht verschiedenartig, doch im Grunde entsprang die Mannigfaltigkeit seiner geistigen Betätigung nur aus einer einzigen Wurzel, aus der, an Roger Bacon erinnernden, in reicher Lebenserfahrung, im warmen Naturempfinden, im inbrünstigen Gottessuchen erwachten Abneigung gegen jenen einseitigen Intellektualismus und dürr abstrakten Formalismus, welcher im Zeitalter der Scholastik auf den Gebieten des Glaubens und der Wissenschaften drückend lastete.

In erfreulichem Gegensatz zur sonstigen medizinischen Literatur dieser Epoche sind Arnalds Schriften keine formalen, in Begriffskonstruktionen aufgehenden Ueberarbeitungen, keine dogmatisch gebundenen Interpretationen fremder Vorlagen, vielmehr bilden sie ein von frischem Forschergeist durchwehtes Ganzes, in welchem das Tatsächliche und das Persönliche vorwaltet. Man spürt die Nähe eines geistesgewaltigen, denkmutigen Mannes, der die Tradition gebührend ausnützte, ohne von ihr erdrückt zu werden, der nicht nur aus toter Büchergelehrsamkeit, sondern auch aus Natur und Leben sein Wissen zu schöpfen wußte[81], der zwar nirgends die herkömmlichen Grundanschauungen durch umwälzende Erkenntnisse überwand, aber den überlieferten Erfahrungsstoff souverän zu meistern, zu mehren und vom Standpunkt des ~kritischen Synkretismus~ neu zu verarbeiten verstand.

[81] Im Prooemium zum Breviarium heißt es: et omnia, quae expertus sum, et quaecunque per omnes magistros et viros et mulieres etiam simplices et empiricos vidi temporibus meis experiri ... clariter enarrabo.

In dem Systeme Arnalds -- denn von einem solchen läßt sich sprechen -- sind die medizinischen Hauptrichtungen vertreten, der ~Hippokratismus~ und ~Galenismus~, die ~Salernitanerschule~ und der ~Arabismus~, aber keiner dieser Richtungen folgt der Katalonier blindlings. Er vertraut am meisten dem Kompaß seines Wahrheitsinstinkts, seiner eigenen Beobachtung, wirklichen oder vermeintlichen Erfahrung, er bewahrt sich insbesondere der arabischen Medizin gegenüber eine überraschende Selbständigkeit, er scheut unter Umständen in seiner Polemik nicht einmal vor der sakrosankten Autorität eines Galen oder Avicenna zurück[82]. Gerade, weil er tiefer als die Zeitgenossen zu den primären Quellen herabstieg[83], fand er die Kraft in sich, ein freies Urteil über den Wert der vorausgegangenen Entwicklung im einzelnen zu fällen.

[82] Abweichend oder sogar oppositionell gegen Galen tritt er wiederholt auf, z. B. an mehreren Stellen in der Schrift de intentionibus medicorum, in dem Kommentar zur Schr. de mala complexione. Im allgemeinen freilich bringt er Galen und noch mehr dem Hippokrates Ehrfurcht entgegen. Weit schärfere Worte als gegen den Pergamener findet Arnald gegen ~Avicenna~, von dem er einigemal sagt, daß er Galen ganz mißverstanden habe, ja den er geradezu einen Schriftsteller nennt, welcher den größeren Teil der abendländischen Aerzte verdummt habe („~qui in medicina majorem partem medicorum latinorum infatuat~”. De consid. oper. medic. Pars II, cap. 1). Es ist bezeichnend für Arnalds medizinische Richtung, daß er den Kliniker Rhazes im Gegensatz zu Avicenna ganz besonders verehrt und ihn mit folgenden treffenden Worten charakterisiert: „vir in speculatione clarus, in opere promtus, in judicio providus, in experientia approbatus” (De divers. intentionib. medicinae prooemium).

[83] Er wirft seinen Zeitgenossen mit Recht vor, daß sie statt der Originalschriften sekundäre Machwerke (Summae) studieren: Praeterea non in scripturis student, in quibus ars traditur supradicta Galeni et Hippocratis, a quibus medicinam divina concessione veraciter et perfecte novimus esse relevatam: immo potius in chartapellis et summis, quae potissime magni voluminis sunt, sicut in historiis ~Gilaberti~, fabulis ~Pontij~ et ~Galteri~. (De consid. oper. medicinae, prooemium.) -- Bei der unmittelbaren Berührung mit den in Spanien ansässigen Sarazenen ist es nicht verwunderlich, daß Arnald das Arabische beherrschte, daher die arabische medizinische Literatur nicht nur intensiver, wie seine Zeitgenossen, sondern mit einer, diesen fehlenden Kritik benützen konnte. Auf seine arabische Sprachkenntnis weist z. B. folgende Stelle im Commentum super libello de mala complexione diversa: nec est imputandum errori transferrentis, quia in omnibus libris Arabum, quos invenire potuimus, sic invenimus continere nec similiter imputandum est defectui vocabulo in illa lingua, quoniam ad notificandum dolorem secundo modo acceptum scimus in eo esse copiosos sermones. Fast in allen Traktaten Arnalds kommen arabische Ausdrücke, auch vulgär-arabische Worte vor. -- Vom Griechischen scheint er dagegen keine oder höchstens eine ganz oberflächliche Kenntnis besessen zu haben.

Die ~rationelle Empirie~ hält bei ihm die ~Dialektik~ in Schranken, und wenn er auch hie und da den Lockungen der letzteren zu theoretischen Subtilitäten nicht ganz zu widerstehen vermag, so gebraucht er sie doch vorzugsweise nur dazu, um seine Gedanken und Beobachtungen in das wissenschaftliche Gewand des Zeitalters zu kleiden. Ist schon die Dialektik im Vergleich zur rationellen Empirie bloß von untergeordneter Bedeutung, so gilt dies noch mehr von einem dritten geistigen Element, der ~Phantastik~, die in Form der mystischen Naturphilosophie (astrologisch-magische Wechselbeziehungen zwischen Makro- und Mikrokosmos) zwar in Arnalds medizinische Gesamtauffassung eingreift, jedoch darin keineswegs die Vorherrschaft erlangt.

Den besten Einblick in das Wissen und Können des großen Arztes gewähren seine ~Parabolae medicationis~ und sein umfassendes Kompendium der Medizin, das ~Breviarium~; im Verhältnis zu diesen beiden Meisterwerken nehmen sich die übrigen Schriften wie Ergänzungen auf einzelnen Gebieten oder in speziellen Fragen aus.

In der Anatomie[84], Physiologie und allgemeinen Pathologie[85] bietet Arnald kaum etwas, was als wesentlicher Fortschritt über Galen und die Araber hinaus angesehen werden könnte, hingegen offenbart sich sein ausgesprochener Tatsachensinn, seine glänzende Begabung zur Beobachtung in der ~speziellen Krankheitslehre~. Statt der weit ausgesponnenen vagen Hypothesen, welche sonst in den mittelalterlichen Kompendien die Hauptsache bilden, und deren Lektüre so unerquicklich machen, gibt Arnald zunächst eine kurze Definition des betreffenden Leidens, dann erörtert er eingehend die prädisponierenden und Gelegenheitsursachen sowie die pathologische Physiologie, worauf eine ungemein sorgfältige und eingehende Schilderung der Symptome unter Berücksichtigung des differentialdiagnostischen und prognostischen Moments, zum Schlusse die Behandlungsweise folgt. Wenn auch unvollkommen, sind seine oft originellen ~Versuche der Krankheitsklassifikation~ doch jedenfalls anerkennenswert.

[84] Wie sich aus vielen Stellen ergibt, besaß Arnald für die Anatomie viel Interesse.

[85] Die Grundlage seiner Physiologie und Pathologie ist die Qualitäten- und Säftelehre, jedoch räumt er den zwischen Körper und Geist vermittelnden ~Spiritus~ besondere Bedeutung für das Leben im gesunden und kranken Zustande ein.

Die Ueberzeugung, daß die kalte, trotz all ihres trügerischen Glanzes inhaltsarme Dialektik weder den seelischen Bedürfnissen, noch den wahren Erfordernissen der Wissenschaft zu entsprechen im stande ist, daß die subtilste Syllogistik über den Mangel an sinnlicher Erfahrung nicht hinweghelfen kann, also sein dem ~Scholastizismus widerstrebender Standpunkt~ ist es vornehmlich, der Arnald gerade als medizinischen Autor kennzeichnet und ihn hoch über die ärztlichen Zeitgenossen erhebt, mag er auch sonst schon in Bezug auf seine Welt- und Menschenkenntnis, umfassende Gelehrsamkeit, schriftstellerische Produktivität und praktische Tüchtigkeit eine Ausnahmserscheinung gewesen sein.

Die scharfe Bekämpfung des falschen Begriffs der Wissenschaftlichkeit bildete aber bloß die eine Seite von Arnalds verdienstvollem Wirken, denn ~ebenso energisch wie dem Mißbrauch der Dialektik in der Medizin trat er auch dem planlosen therapeutischen Empirismus entgegen~, der sich als Ausfluß skeptischer Anwandlungen und selbstzufriedener Denkträgheit unter Außerachtlassung jedweder theoretischer Grundlagen immer mehr auszubreiten begann.

Liegt schon in der Zurückweisung methodologischer Irrtümer ein anerkennenswertes Verdienst, so steigerte der Katalonier dasselbe noch erheblich, indem er von der negativen Kritik zur positiven Tat fortschritt. Denn, während alle übrigen daran verzweifelten, dem Dilemma des scholastischen Dogmatismus oder des rohen Empirismus entrinnen zu können, zeigte er, daß der Weg der ~rationellen Heilkunde~ offen stand, d. h. derjenigen, welche die ratio mit dem experimentum verknüpft, auf der beständigen Wechselbeziehung zwischen Theorie und Praxis beruht, ihre obersten Leitsätze nicht einem fremden Ideenkreise ungeprüft entnimmt, sondern aus der kritisch verarbeiteten Erfahrung abstrahiert. Und jenen entgegentretend, die den wissenschaftlichen Charakter der Medizin überhaupt in Frage zu ziehen wagten, suchte er den Nachweis zu erbringen, daß sich die Heilkunde selbst in ihrem empirischen Teile auf Vernunftprinzipien stütze, daß die allgemeinen Grundsätze des ärztlichen Handelns sich geradezu aus dem natürlichen Wahrheitsinstinkt des Menschen ergeben.

Mit der angestrebten rationellen Begründung der Heilkunst verbindet Arnald auch eine hohe sittliche Auffassung des ärztlichen Berufes, echte, von wahrer Frömmigkeit und tiefem Verantwortlichkeitsgefühl durchdrungene Humanität.

Der Kampf, den Arnald von Villanova gegen zwei Fronten, den unkritischen Empirismus und den Scholastizismus führte, spiegelt sich in einigen seiner Schriften wider. So sagt er in dem Traktat ~de considerationibus operis medicinae~, daß sich die Empiriker mit der verworrenen Anhäufung von „Partikularitäten” begnügen, die sie noch dazu aus sekundären Quellen schöpfen, „nam cum empirici sint, solum in collectione particularium elaborant et ideo de illa (sc. de arte seu regula rationis) solum notitiam crassam faciunt et obscuram”, auch protestiert er dort energisch gegen diejenigen, welche der Medizin Rationalität absprechen: De Galeno vero et Hippocrate necnon his, qui perfecte eorum doctrinam intellexerunt, scimus, quod fuerunt artifices rationis et artem habent et tradiderunt inveniendi formam rectae operationis in applicatione causarum salubrium. ~Non enim aestimandum, quod ratio sapientis artificis per incerta percurrat~, imo ad inveniendam recti operis formam certis considerationibus ambulat. In der Schrift ~de diversis intentionibus medicorum~ tadelt er anderseits die Vernachlässigung der Erfahrung (vgl. auch S. 388, Anm. 2). Eine geordnete Aufstellung der Grundsätze der praktischen Medizin bieten die geradezu von hippokratischem Geiste erfüllten ~Parabolae medicationis secundum instinctum veritatis aeternae~, wohl eines der hervorragendsten Werke des ganzen Mittelalters, welches die gegenseitige Durchdringung von Theorie und Praxis darzutun versucht. Von diesen Aphorismen seien hier einige ganz allgemeinen, meist deontologischen Inhalts mitgeteilt: Omnis medela procedit a summo bono. -- Qui non ut sapiat, sed ut lucretur, addiscit, in facultate, quam elegit, efficitur abortivus. -- Convenit medicum efficacem esse in opere, non loquacem, quia morbi non vocibus, sed rerum essentiis aut viribus expelluntur. -- Vitando nociva et utendo juvantibus, prosperatur in aegris opus curationis. -- Antequam innotescant species aut proximae causae morborum, temperatis aut neutris regendus est patiens. -- Cuicunque potest per alimenta restitui sanitas, fugiendus est penitus usus medicinarum. -- Falax aut ignorans est medicus quaerens rara et inusitata, cum possit communibus languendo subvenire. -- Potens mederi simplicibus frustra et dolose composita quaerit. -- Quanto plura sunt componentia medicinae, tanto est compositi minus certus effectus. -- In der größtenteils unechten deontologischen Schrift Cautelae medicorum (de opificio medico) findet sich ein Absatz, der seiner Tendenz nach von Arnald herrühren könnte: Nota quod medicus debet esse in cognoscendo studiosus, in praecipiendo cautus, et ordinatus, in respondendo circumspectus et providus, in prognosticando ambiguus, in promittendo justus et non promittat sanitatem, quia tunc exstirparet divinum officium et facit Deo injuriam: sed promittat fidelitatem et diligentiam, sit in visitando discretus et diligens in sermone, modestus in affectione benevolus patienti[86]. -- Arnalds hohe sittliche und warm-religiöse Auffassung vom ärztlichen Berufe kommt z. B. in der Schrift ~de conservanda sanitatis~ zum Ausdruck, wo es heißt: Natura, cujus sapientiae non est finis, omnium horum artifex est, medicus vero minister cum bonitate et adjutorio Dei benedicti. -- Die mangelhafte Ausbildung, Einseitigkeit oder Leichtfertigkeit mancher seiner ärztlichen Zeitgenossen, noch mehr das Treiben der Scharlatane und Pfuscher gibt Arnald nicht selten Anlaß, in scharfen Tadel oder Klagen auszubrechen. In der Schrift de vinis heißt es z. B.: Et qui scit naturas et potentias rerum simplicium et habet imaginativam fortem in opere naturae facit apparere mirabilia. ... Beatus igitur ille medicus, cui Deus dat scientiam et intelligentiam, quia est naturae socius. ... Sed heu multi sunt vocati, pauci vero electi, quoniam scientia medicinae redacta est jam ad opinionem eorum, qui sola universalia contemplantur: Qui enim plura singularia ad universale reduxerit, melior habetur. Ideo bene definit quidam dicens: ~Medicina scientia est, quae nescitur.~ Freilich läßt sich aber aus manchen Stellen in zweifellos echten Schriften erweisen, daß auch er selbst von einer gewissen Geheimniskrämerei und leisen Neigung zum Renommieren nicht immer ganz frei geblieben ist. Dahin ist z. B. seine Behauptung zu rechnen, daß er Geheimmittel besitze, um auf die Geschlechtsbestimmung bei der Konzeption einzuwirken (De sterilitate cap. 7), sein aus menschlichem Blute destilliertes Elixier zur vorübergehenden Erweckung vom Tode u. a.

[86] Diesem goldenen Spruch geht ein sicherlich unechter Abschnitt voran, der in 12 Regeln eine systematische Anweisung zum methodischen Betrug bei der Uroskopie bietet. Besonders häufig wurde die siebente dieser humoristisch anmutenden, kulturgeschichtlich jedenfalls interessanten Regeln zitiert und dem Arnald mit Unrecht in die Schuhe geschoben: Tu forte nihil scies, dic quod habet obstructionem in hepate; dicet, non Domine, immo dolet in capite vel in tibiis vel in aliis membris; tu debes dicere, quod hoc venit ab hepate vel a stomacho et specialiter utere hoc nomine obstructio, quia non intelligunt, quid significat et multum expedit, ut non intelligatur locutio ab eis.

Am meisten bekundet sich die Ueberlegenheit Arnalds in seiner Therapie, insoweit dieselbe durch strenge Individualisierung, sorgfältige Bedachtnahme auf den allgemeinen Kräftezustand, Bevorzugung der diätetisch-exspektativen Behandlung den unvergänglichen Prinzipien des Hippokratismus Rechnung trägt.

Arnaldus, welcher der Hygiene und Diät als Mitteln zur Krankheitsverhütung die höchste Aufmerksamkeit widmete, eine Fülle von vortrefflichen Vorschriften über die Regelung der Lebensweise in seinen Werken aufzeichnete, legte auch bei Krankheiten (namentlich bei jugendlichen Personen und bei chronischen Leiden) auf diätetische Maßnahmen[87] besonderes Gewicht (Ernährung, Bäder, physikalische Agentien etc.). Besonders hervorzuheben wäre seine weitgehende diätetisch-therapeutische Verwertung des Weins am Krankenbette, worüber eine eigene Schrift handelt[88]. Bei der Verordnung von Medikamenten berücksichtigte er sorgfältig das Alter, Temperament, die Lebensgewohnheiten etc. des Patienten; so lange die Diagnose nicht feststand, ferner im Stadium der Krise, im Paroxysmus gebrauchte er nur milde, indifferente Mittel. Die Auswahl und Dosierung der Arzneien machte er von präzis gefaßten Indikationen abhängig, auf die Zubereitung der Medikamente verwendete er peinliche Sorgfalt. In sehr anerkennenswerter Weise bekämpfte er den leichtfertigen Gebrauch von Substanzen, die noch nicht genügend erprobt waren, der Narkotika u. a. Sein Heilschatz umfaßte vorwiegend pflanzliche, aber auch tierische und mineralische Stoffe. Die subtile Heilmittellehre beruht auf den bekannten fiktiven Voraussetzungen der Qualitäten, Komplexionen, Graden der Arzneien, neu ist darin die Annahme einer „spezifischen Proprietät” der Arzneikörper. Als Therapeuten kamen Arnald seine bedeutenden chemischen Kenntnisse sehr zu gute (~Destillation des Alkohols~ aus Rotwein, ätherische Oele, aromatische Wässer, metallische Präparate)[89], jedenfalls ist er als einer der Väter der medizinischen Chemie anzusehen. Außer der Diät und den Medikamenten spielte die Blutentziehung (Blutegel, Schröpfköpfe, Aderlaß) in seiner Behandlungsweise keine geringe Rolle.

[87] Parabolae, Doctr. II, aph. 8. 9. 11. 12. Prudens et pius medicus morbum expellere satagit ante cibis medicinalibus quam medicinis puris. -- Cuicunque potest per alimenta restitui sanitas, fugiendus est penitus usus medicinarum. -- Modestus et sapiens medicus nunquam properabit ad pharmaciam, nisi cogente necessitate, cum etiam debilia, quibus corpus non indiget, sint nociva. -- In pueris et decrepitis verendum est pharmacare, juvenibus quoque suspectum est crebro sumere pharmaciam.

[88] De vinis. Vgl. über den Inhalt S. 392.

[89] Nach neueren Forschungen darf Arnald freilich die Entdeckung des Alkohols, der Terpentinessenz, der Salz- und anderer Säuren nicht zugeschrieben werden, dessenungeachtet bleibt die Einführung des Alkohols in die Medizin sein Verdienst.

Was die Chirurgie anlangt, so wandte er ihr wohl Interesse zu, doch scheint es, daß die praktische Ausübung derselben ihm fernlag, immerhin wird er auch als chirurgischer Schriftsteller von Späteren zitiert. Die Parabolae medicationis enthalten allgemeine Grundsätze, über chirurgische Krankheiten und deren Behandlung im speziellen handelt das Breviarium. Arnald erwähnt darin zwar die wichtigsten Operationen, verhält sich aber z. B. gegen den Steinschnitt, die Herniotomie, die Kropfexstirpation ablehnend. Bei dieser Gelegenheit sei hervorgehoben, daß das Breviarium manches Interessante in Bezug auf Gynäkologie (Lageanomalien, Vorfall des Uterus, Hysterie) und Geburtshilfe bietet (Lib. III, cap. 4 wird zum ersten Male in der Literatur ~die vollkommene Fußlage zu den naturgemäßen gerechnet~, ferner ist a. a. O. auch die ~Wendung auf den Kopf oder die Füße~ erwähnt). Zaubersprüche am Kreißbette werden verworfen, hingegen spielt die Astrologie in der Aetiologie und Therapie auch hier eine wichtige Rolle.

Von tiefer Einsicht zeugt es, daß er in der Krankenbehandlung dem ~psychischen~ Faktor eine besondere und weitreichende Bedeutung beimißt, gewiß dankte er selbst gerade diesem Moment viele seiner ~glücklichen Erfolge in der Praxis~[90]. Sagt er doch, „für den Arzt kommt alles darauf an, daß er in rechter Weise die Leidenschaften der Menschen benutzen kann und ihr Vertrauen zu gewinnen und ihre Einbildungskraft in Bewegung zu setzen versteht: dann kann er alles ausrichten”.

[90] Damit steht es auch im Zusammenhang, daß er ängstlichen Patienten übel aussehende Arzneien im Dunkeln gibt (De aquis medicinalibus, cap. 3), für Rekonvaleszente eine Ortsveränderung empfiehlt (Parabol. medicat., Doctr. VII, aphor. 2), daß er auf die Ideen der Geisteskranken liebevoll eingeht (De parte operativa) u. s. w.

Bei all dem wäre es ganz verfehlt, den Katalonier für einen vollwertigen Vertreter des Rationalismus (im modernen Sinne) zu halten, denn tatsächlich finden ~in Arnalds medizinischem Denken auch die verschwommenen Ideen einer mystischen Naturauffassung~ noch genügend Platz, auch als Arzt läßt er daran keineswegs vergessen, daß er der Astrologie und anderen Geheimwissenschaften, allerdings nicht bedingungslos, Zutrauen schenkte, daß er ein eifriger Alchemist[91] war. Wie hart die Gegensätze in seinem Kopfe aufeinander stoßen, wie wenig sich Arnald zur völligen Klarheit durchzuringen vermag, beweisen zahlreiche Stellen in seinen Werken. Derselbe Mann, der so exakte Krankheitsbilder zeichnete, den magischen Ursprung gewisser Affektionen, z. B. der Sterilität, bestritt[92], ließ Geisteskrankheiten etc. manchmal durch Zauberei und Inkantationen entstehen[93], verwendete Amulette zu therapeutischen Zwecken[94], hielt das Gold für ein Universalmittel[95], unterwarf Prognose und Behandlung der Beobachtung der Konstellation[96], glaubte an die Vorbedeutung der Träume[97], berichtet, wie er sich selbst die Warzen durch Besprechen vertreiben ließ[98] u. s. w.

[91] Als Alchemist hat sich Arnald einen langdauernden Nachruhm erworben, fast alle späteren Anhänger der spagirischen Kunst erwähnen ihn als einen Meister; eine Menge von alchemistischen Schriften, darunter freilich nicht wenige fälschlich, gehen unter seinem Namen. Aus der Untersuchung derselben erhellt, daß er aus der älteren Literatur schöpfte und mit ehrlicher Ueberzeugung arbeitete, ohne es freilich an Renommistereien, wie sie sich ja in allen derartigen Schriften finden, fehlen zu lassen. Rührt doch von Arnald der Ausspruch her, daß er das Meer mit seinem Elixier in Gold verwandeln wollte, wenn es aus Quecksilber bestände. Noch mehr als bei der Mitwelt stand er bei der Nachwelt im Rufe eines Zauberers, dem der Teufel die Transmutation der Metalle ermöglicht hätte. Als Principia naturalia nahm er ~Merkur~ und ~Sulfur~ an, d. h. das Prinzip des Unzersetzbaren, des Metallglanzes u. s. w. und das Prinzip der Zersetzbarkeit, Veränderlichkeit. Der Unterschied der Metalle beruhe auf der größeren oder geringeren Beimengung des schwefligen Prinzips, die Möglichkeit der Transmutation auf dem gemeinsamen Ursprung der Metalle. Arnalds schwer analysierbares Verfahren bestand der Hauptsache nach in wiederholtem Destillieren bezw. Sublimieren von Quecksilber, Kupfer-, Gold- und Silberamalgamen mit Essig und Salzzusatz, Verreiben, Filtrieren, einigen Oxydationsprozessen über dem Feuer, Trennung von den Verunreinigungen. Sehr bemerkenswert sind die beliebten ~Vergleiche der alchemistischen Prozesse mit organischen Vorgängen~, der Zeugung, Geburt, dem Wachstum etc.; die Bestandteile des Steins der Weisen entsprechen dem Leib, dem Spiritus, der Seele. -- Seit dem letzten Drittel des 13. Jahrhunderts war die Beschäftigung mit der Alchemie im Abendlande, besonders auch in Klöstern, weit verbreitet.

[92] In den Traktaten de coitu, de conceptione und de sterilitate.

[93] De parte operativa. Der Traktat Remedia contra maleficia, welcher allerlei Mittel gegen Zauber enthält, ist aber apokryph.

[94] Insbesondere unter astrologischen Einflüssen angefertigte Siegel (z. B. das Löwensiegel, vgl. S. 389 Anm. 1). Der Traktat de sigillis handelt eigens über die Herstellungsweise solcher Amulette.

[95] Die Aqua auri, erzeugt durch eine glühende, in Wein abgelöschte Goldplatte preist er als Panazee gegen Aussatz. Während aber im Rosarius philosophorum das durch ~alchemistische~ Künste bereitete Gold als Universalmittel gepriesen und demselben sogar der Vorrang gegenüber dem natürlichen Gold zugesprochen wird, heißt es in der Schrift de vinis: „Ideo falluntur in hoc alchimistae. Nam etsi substantiam et colorem auri faciunt, non tamen virtutes praedictas in illud infundunt” -- womit eigentlich über die Alchemie überhaupt der Stab gebrochen wird.

[96] Die Schriften Arnalds sind größtenteils von der Astrologie durchsetzt, speziell handelt aber der Traktat Capitula astrologiae darüber; darin wird eingehend die Wichtigkeit der Astrologie für die Stellung der Prognose (kritische Tage), für die Arzneibereitung, für die Darreichung gewisser Mittel (z. B. der Laxantien), für die Ausführung des Aderlasses etc. erörtert. Arnald beruft sich auf Hippokrates und Galen und meint, wenn jemand weiter gehe als diese, so überschreite er die Grenzen der Medizin (Speculum introductionum medicinalium, cap. 97). Daß Arnald anderseits die Unverläßlichkeit der Astrologie erkannte und die Beobachtung am Krankenbette höher stellte, geht aus einer merkwürdigen Stelle hervor, wo er sagt, der Arzt, welcher die Astrologie vernachlässigt, fällt nicht in untrügliche Irrtümer (De judiciis astronomiae, cap. 10). -- Bei Beurteilung dieses Sachverhalts muß man in Erwägung ziehen, daß man damals selbst von theologischer Seite die Vernachlässigung gewisser Konstellationen in der ärztlichen Praxis als sündhaft bezeichnete, so sehr man vom Gesichtspunkte des freien Willens die absolute Einwirkungskraft der Gestirne bestritt.

[97] Expositiones visionum. Soweit die Medizin in Betracht kommt, schließt er übrigens, was nicht zu verdammen ist, auf einen natürlichen Zusammenhang der Träume mit körperlichen Zuständen (z. B. Plethora-Alpdrücken).

[98] Breviar. II, cap. 51. Ein Geistlicher führte die Wunderkur aus durch ein Paternoster mit verändertem Schlußsatz. Gegen Halskrankheiten findet sich der Blasiussegen empfohlen.

Alle diese Diskrepanzen entbehren übrigens nicht der verbindenden Logik. Denn, was uns vom Standpunkt moderner Auffassung in unversöhnlichem Gegensatz zu stehen scheint -- das Naturgeschehen und die angeblichen magischen Phänomene --, war für Arnald durch keine unüberbrückbare Kluft voneinander geschieden, bildete doch den Kern seiner Gesamtanschauungen die Lehre von den Wechselbeziehungen zwischen der planetarischen und elementaren Welt, von der Korrespondenz zwischen Makro- und Mikrokosmus. Im Dämmerlichte der Astrologie, die ja allgemein als exakte Wissenschaft galt, lag es nur zu nahe, mit dem okkulten Begriff der astralen Influenz wie mit einem Naturgesetz zu hantieren und in ihm den Schlüssel zur Erklärung jener zahlreichen wirklichen oder bloß vermeintlichen Tatsachen zu suchen, welche die beschränkte Schulweisheit überstiegen[99]. Es beweist in der damaligen Epoche immerhin eine seltene kritische Begabung, daß Arnald, der a priori aus platt rationalistischen Gründen keine Tatsache leugnete, das Gebiet des Supranaturalismus wenigstens einzudämmen wußte.

[99] Auf astralen Einflüssen beruhe z. B. die Kraft gewisser Amulette, die aus Pflanzen, Tierteilen oder Mineralien gewonnen werden. Zauber sei besonders wirksam, wenn neben dem Instrumentarium die Person des Zauberers selbst vermöge des Sternbilds seiner Geburt eine entsprechende Kraft in sich trägt. Diese Kraft könne später noch durch Einflüsse der Himmelskörper verstärkt oder umgekehrt auch durch hemmende Konstellation vermindert und aufgehoben werden. Die geheimnisvollen Kräfte wirken durch Spiritus und Vapores, welche von den Personen ausgehen. Infolgedessen könne in Krankheiten ganz unbeabsichtigt ein Arzt oder ein Pfleger durch seine bloße Anwesenheit nachteiligen Einfluß ausüben, wenn er eben die geheime Kraft zur „Infektion” und Korruption des Spiritus in sich trägt, und diese Kraft noch durch eine ungünstige Konstellation verstärkt wird. (De parte operativa.)

~Arnald von Villanova~ gehörte einem Zeitalter an, in welchem der blinde Autoritätsglaube herrschte, die geistige Freiheit fast nur in der Mystik Zuflucht fand, die reale Forschung bloß von äußerst Wenigen gepflegt wurde. Daß er als Arzt die letztere zum Schwerpunkt seines Schaffens machte und mit der ganzen Wucht seiner Persönlichkeit gegen die Scholastik in die Schranken trat, daß er wieder aus dem Born der Antike selbst zu schöpfen und dem Boden des Arabismus echte Früchte zu entlocken verstand, sichert ihm eine hervorragende Stelle in der Geschichte der Medizin.

Wie hoch der Katalonier trotz mancher Abirrungen vom richtigen Wege zu werten ist, ergibt sich schon aus dem Vergleich mit dem berühmten und lang nachwirkenden Lehrer der Schule von Montpellier an der Wende des 13. Jahrhunderts, ~Bernard de Gordon~, noch mehr aber, wenn man Arnald mit dem geistig verwandten Pietro d'Abano in Parallele zu bringen versucht, welch letzterer im Beginne des folgenden Säkulums den Ruf der Schule von Padua begründete.

•Bernardus de Gordonio• (~Gordonius~, ~Bernard de Gordon~), einer der berühmtesten Aerzte des Mittelalters, stammte vermutlich aus einem der verschiedenen Orte Frankreichs, welche den Namen Gourdon führen (oder aus Schottland) und lehrte seit 1285 in Montpellier. Er begann im Jahre 1305 sein lange Zeit sehr angesehenes Hauptwerk ~Lilium medicinae~, sive de morborum prope omnium curatione (Lugd. 1474, 1491, 1550, 1559, 1574, Neap. 1480, Ferrar. 1487, Venet. 1494, 1498, Paris 1542, Francof. 1617; französische Uebersetzung Lyon 1495, spanische Uebersetzung Sevilla 1495, Toledo 1513) zu schreiben. Im Vorwort erklärt G. den Titel des in ~sieben Particulae~ zerfallenden Buches folgendermaßen: In Lilio enim sunt multi flores et in quolibet flore sunt septem grana quasi aurea. Inhalt: Fieberkrankheiten, Vergiftungen, Abszesse, Geschwülste, Lepra, Hautkrankheiten, Wunden, Geschwüre, Hygiene für Seereisende, Affektionen des Kopfes, Augen-[100], Ohren-, Mund- und Nasenleiden, Affektionen des Halses und der Brust, Erkrankungen des Magen-Darmtraktes, der Leber, Milz, der Nieren und Blase, der männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane, Geburtshilfliches (in diesem Abschnitt ist auch die Sectio caesarea an der Toten angeführt), Antidotarium. Die Schrift spiegelt den subtilen Scholastizismus, die Polypharmazie und den Aberglauben des Zeitalters getreulich wieder und bedeutet, der Hauptsache nach, nur eine Konservierung arabischer Anschauungen, zeichnet sich aber durch Kürze und Uebersichtlichkeit aus. Manche Behandlungsarten fallen durch ihre Seltsamkeit auf, z. B. die auch von Späteren angewandte Ekelkur gegen Liebeswahnsinn („Amor hereos”). Die chirurgischen Abschnitte verraten eine übertriebene Scheu vor operativen Eingriffen. Rühmend ist die Beschreibung der ~Lepra~ hervorzuheben. Von der Anwendung der Alchemie auf die Medizin sagt G. modus chimicus in multis est utilis in medicina, in aliis vero est ita tristabilis, quod in ejus via infinitissimi perierunt. Schwindsüchtigen erteilt er unter anderem den Rat, den Atem möglichst anzuhalten oder „ohne Erbarmen” täglich das Feuer anzublasen. Außer dem Lilium medicinae verfaßte G. noch folgende Schriften: ~Regimen acutarum~ (aegritudinum) in 3 Abschnitten, ~de ingeniis curandorum morborum~ (de indicationibus curandorum morborum, de decem ingeniis), ~de phlebotomia~ in 4 Büchern (1. de phlebotomia, 2. de urinis, 3. de pulsibus, 4. Regimen sanitatis oder de conservatione vitae humanae), ~de floribus diaetarum~, ~de prognosticis in 5 Teilen~ (sämtlich gedruckt in der Ausgabe des Lilium, Lugd. 1574), über den Theriak und über die Grade der Arzneimittel (vgl. Pagel, Pharmaz. Post, Wien 1894 u. 1895); letztere Schrift stützt sich auf die Lehre des Alkindus. Im 6. Kapitel heißt es: Will man den Grad einer gemischten Arznei bestimmen, so muß man die Verhältnisse der Bestandteile kennen und beherzigen, daß in einer gleichmäßigen Mischung die warmen Teile genau den kalten entsprechen. Eine im ersten Grade warme Arznei enthält zwei ganze Teile Wärme und die halbe Portion Kälte. Beim zweiten Grad sind vier ganze Portionen Wärme und eine Portion Kälte, d. h. ¼ der ganzen Wärmemenge. Im dritten Grade ist die Wärme mit acht ganzen, die Kälte mit einer Portion vertreten. Im vierten Grade sind es sechzehn ganze Teile Wärme und ein Teil Kälte.

[100] In diesem Abschnitt (Part. III, cap. 5) wird von den •Brillen• gesprochen. Es heißt dort nämlich von einem Augenwasser: et est tantae virtutis quod decrepitum faceret legere literas minutas sine ~ocularibus~.

•Pietro d'Abano• (d'Albano) -- ~Petrus~ (de Apono) ~Aponensis~ -- wurde 1250 als der Sohn eines Notars in dem, durch seine Schwefelquellen berühmten Dorfe Abano (in der Nähe von Padua) geboren. Ueber seinen Studiengang, der auf allseitige, gründliche Ausbildung abzielte, ist nur wenig genauer bekannt. Fest steht jedenfalls die ganz ungewöhnliche Tatsache, daß er sich während eines längeren Aufenthalts in Konstantinopel die Kenntnis des Griechischen aneignete -- hauptsächlich, um die Problemata des Aristoteles aus dem Originaltext übersetzen zu können. Von dort zurückgekehrt, setzte er seine Studien (besonders in der Philosophie, Mathematik, Medizin) in ~Paris~ weiter fort, um sodann an dieser Hochschule als Lehrer der Philosophie zu wirken -- mit einem Erfolge, der ihm den ehrenden Beinamen „~le grand Lombard~” eintrug. Wie manche andere geistvolle Männer seines Zeitalters traf aber auch ihn nur zu bald der Argwohn, die Anklage der Ketzerei und Magie von seiten der Dominikaner, doch wußte er sich gegenüber den gefährlichen Anfeindungen zu rechtfertigen und nach einer Reise an die Kurie vom Papste Bonifacius VIII. ein Absolutionsdekret zu erlangen. Noch in Paris begann er seine Hauptwerke zu schreiben, den Conciliator und den Kommentar über die Problemata des Aristoteles. Im Jahre 1306 eröffnete er -- einem Rufe der Heimat folgend -- seine medizinische Lehrtätigkeit in ~Padua~. Pietro d'Abano, der durch erstaunliche Gelehrsamkeit und tiefbohrenden Scharfsinn die meisten Zeitgenossen überragte, wurde von denselben wie ein Wunder angestaunt -- es heißt unter anderem, daß Gentilis da Foligno sich in der Nähe seines Hörsaals auf die Knie warf und ausrief: „Salve o santo tempio” --, sein Ruhm drang weithin, aber ebensowenig wollten die Verdächtigungen seiner Neider verstummen, denen er ja durch seine uneingeschränkte Verteidigung der ~Astrologie~, noch mehr durch seine Anhänglichkeit an den kirchlich verfemten ~Averroismus~ Handhaben zur Anklage der Magie und Häresie bot. Glücklicherweise verhinderte der mächtige Schutz der Stadt Padua und das Wohlwollen der Päpste das Märtyrertum des großen Arztes. Pietro d'Albano, der 1314 noch die ehrende Aufforderung erhalten hatte, an der neu gestifteten Schule von Treviso als Professor der Medizin und Physik zu wirken, starb ein Jahr darauf. Gerade in seinem letzten Lebensjahre waren seine Feinde so weit gekommen, daß die Inquisition gegen ihn den Ketzerprozeß förmlich eröffnete. Wiewohl Pietro in seinem Testamente ein feierliches Glaubensbekenntnis hinterlassen hatte, wurde der Prozeß fortgesetzt und endete mit der Verurteilung des Beschuldigten. Nach einer Version soll das Urteil tatsächlich an dem aus dem Grabe gerissenen Leichnam vollstreckt worden sein, nach anderen Angaben mußte man sich mit der Verbrennung in effigie begnügen. Das dankbare Padua setzte aber ein Jahrhundert später dem großen Mitbürger ein Denkmal.

Von seinen Schriften -- für deren langdauernde Beliebtheit schon die Frühdrucke sprechen -- wären zu erwähnen das Hauptwerk ~Conciliator differentiarum philosophorum et praecipue medicorum~ (Venet. 1471 u. ö., Mantua 1472, Venet. 1496 u. ö., noch im 17. Jahrhundert Georg. Horst, Conciliator enucleatus, Giess. 1615, 1621), ferner ~De venenis eorumque remediis~ (Mant. 1472, Francof. 1679), ~Hippocratis libellus de medicorum astrologia finitus, in latinum reductus~ (Venet. 1485, angebliche Uebersetzung einer pseudohippokratischen astrologischen Schrift), ~Quaestiones de febribus~ (in Coll. de febrib., Venet. 1576), ~Textus Mesuae emendatus~ (Venet. 1505, Lugd. 1551), auch als ~Supplementum in secundum librum compendii secretorum Mesuae~ (in den Venediger Ausgaben des Joh. Mesuë, bildet eine Ergänzung zum 2. Buche des Grabadin resp. der Practica des Mesue und besteht aus Abhandlungen de syncopi, de tumoribus mamillarum und über die Magen-Darmkrankheiten), Expositio problematum Aristotelis (Mant. 1475, Paris 1520), Liber compilationis physionomiae (Patav. 1475), Geomantia (Venet. 1549).

~Pietro d'Abano~ (1250-1315) -- •Petrus Aponensis• -- erinnert in mehrfacher Hinsicht an Arnald von Villanova und mußte gleich diesem erfahren, mit welch wachsamem Auge die Inquisition den ersten Regungen der Geistesfreiheit folgte. Wie der Katalonier, war auch der Lombarde ein kühner Denker, ein scharfer Kritiker, ein von universalem Erkenntnistrieb erfüllter ~Naturphilosoph, mit starker Hinneigung zu den Geheimlehren (namentlich zur Astrologie)~; wie Arnald, überstrahlte auch Pietro d'Abano die ärztlichen Zeitgenossen durch sein reiches, besonders aus der ~arabischen~ Literatur geschöpftes Fachwissen, durch seine umfassenden ~naturwissenschaftlichen Kenntnisse~, durch seine ~linguistische Bildung~. Beide haben auch das gemein, daß sie, unbefriedigt vom Bestehenden, die Medizin aus chaotischer Zerklüftung zu einem, in sich einheitlichen, harmonischen Ganzen erheben wollten. Die Art aber, wie der eine und wie der andere den Aufbau der Heilwissenschaft begann, die ganz verschiedene Position, die sie als medizinische Forscher, Lehrer und Schriftsteller gegenüber der Scholastik einnahmen, scheidet sie unversöhnlich voneinander -- wahre Antagonisten.

Während nämlich Arnald von Villanova der Erfahrung, wenn auch oft nur einer unkritischen, durch Vorurteile getrübten, die Suprematie so weit als möglich zuerkannte, glaubte ~Pietro d'Abano~, in felsenfestem Vertrauen auf die souveräne Macht philosophischer Spekulation, den Widerstreit naturwissenschaftlich-medizinischer Ansichten, die Fülle der theoretischen und praktischen Probleme einzig allein durch ~kritische Abwägung autoritativer Lehrsätze~, durch ~feinste Begriffsanalysen~, durch ~formal über jeden Einwand erhabene Syllogismen~ lösen zu können. Wie Arnald, soweit er auf arabischer Grundlage steht, als Jünger des Rhazes und Ali Abbas und Avenzoar erscheint, so repräsentiert Pietro d'Abano im Abendlande die Richtung des Avicenna und des ~Averroës~, welch letzterem er schon als Philosophen die höchste Verehrung entgegenbrachte. Ja, man kann sagen, ~im Abendlande wurde gerade Pietro d'Abano neben Thaddeo Alderotti~, den er aber an Weitblick, an Umfang und Tiefe des Wissens, an Subtilität und Konsequenz der Methode übertrifft, ~zum Vorbild für alle späteren medizinischen Dialektiker~.

Was das abstrakte Denken des Zeitalters auf dem Gebiete der Heilwissenschaft zu leisten vermochte, findet sich gleichsam konzentriert in dem, von averroistischem Aristotelismus ganz durchdrungenen Hauptwerk dieses Meisters medizinischer Scholastik, in seinem jahrhundertelang hochangesehenen ~Conciliator controversiarum, quae inter philosophos et medicos versantur~, nach dem er auch selbst der „Conciliator” genannt wird.

Der Conciliator, den Pietro d'Abano 1303 zu schreiben begann, behandelt alle naturphilosophisch-medizinischen Hauptprobleme, welche das 13. Jahrhundert bewegten und welche an sich interessanter als die Lösungsversuche sind. Wir teilen die vom Conciliator behandelten 210 Streitpunkte (Differentiae) mit ihren Adnexfragen hier mit, weil sie in das Wissen, in die Denkweise und in die hypertrophische Spekulationssucht der Periode ausgezeichneten Einblick gewähren.

Utrum medico sit necessarium alias scire speculationis scientias necne. -- Utrum medicum oporteat logicum esse, necne. -- Utrum medicina sit scientia, necne. -- Utrum medicina sit theorica necne. -- Utrum medicina sit artium excellentissima necne. -- Utrum corpus humanum sit medicinae subjectum necne. -- Utrum corpus humanum sit uni vel pluribus medicis committendum. -- Utrum doctrinarum ordinationum numerus sit trinus vel indiffinitus. -- Utrum natura humana sit debilitata ab eo quod antiquitus necne. -- Utrum quis medicus existens per scientiam astronomiae possit conferre in salutem aegroti necne. --

Utrum elementum sit unum necne. -- Utrum terra sit primum frigidorum necne. -- Utrum aqua sit primum humidorum vel aer. -- Utrum aer sit natura frigidus necne. -- Utrum ignis sit calidus necne. -- Utrum elementa sint in misto actu seu secundum formas in eo maneant substantiales. -- Utrum complexio sit substantia necne. -- Utrum sit complexionem aequalem seu temperatam reperire necne. -- Utrum sit ponere complexionem simplicem ex semisse vel cali. vel frigi. siccam vel hum. necne. -- Utrum melancholicus sit propinquior aequalitate ponderis vel mensurae temperamento justitialis certi necne. -- Utrum complexio calida et humida sit longioris vitae necne. -- Utrum complexio innata seu radicalis permutari possit necne. -- Utrum duo individua sive plura possint eandem complexionem habere necne. -- Utrum cerebrum sit calidum necne. -- Utrum nucha sit cerebro minus frigida necne. -- Utrum puer sit juvene temperatior necne. -- Utrum puer sit juvene calidior necne. -- Utrum masculus omnis sit foemella qualibet calidior et siccior necne. -- Utrum non simul sed successive humores generentur. -- Utrum solus sanguis nutriat necne. -- Utrum sanguis arterialis seu vitalis nutriat necne. -- Utrum eadem sit causa efficiens sanguinis et melancholiae hypostasis necne. -- Utrum humiditates humores dicti secundi sint necne. -- Utrum sperma a toto corpore sive ab omnibus decidatur membris necne. -- Utrum testiculi sint ad generationem necessarii, sed alicuius melioris gratia necne. -- Utrum genitura sive sperma viri sit pars constitutiva embryonis necne. -- Utrum sperma dictum foemellae aut humiditas dealbata seu gutta ingrediatur constitutionem embryonis necne. -- Utrum plura sint membra principalia necne. -- Utrum craneum uno constituatur osse necne. -- Utrum caput sit propter cerebrum aut oculos creatum necne. -- Utrum nervi oriantur a cerebro necne. -- Utrum caro sit organum tactus necne. -- Utrum cutis sentiat necne. -- Utrum panniculus sit para simplex an composita. -- Utrum nares sint organum olfactus an carunculae seu additamenta mammillaria. -- Utrum tunica arteriae construatur ex villis in longitudine protensis necne. -- Utrum venae oriantur ab hepate necne. -- Utrum sperma decisum sit animatum necne. -- Utrum natus octimensis vivat necne. -- Utrum digestio procedat subtiliando necne. -- Utrum attractio, quae a calido reducatur ad eam, quae a vacuo necne. -- Utrum medulla nutriat ossa necne. -- Utrum venter nutriatur chilo necne. -- Utrum pili et ungues nutriantur necne. -- Utrum virtus augmentativa sit altera a nutritiva necne. -- Utrum augmentum fiat secundum partes materiales an formales. -- Utrum virtus vitalis sit altera necne. -- Utrum virtus animalis motiva primitus influat in musculum quam in nervum. -- Utrum calor et spiritus sint idem necne. -- Utrum omnis actio a qualitate fiat tantum necne. -- Utrum frigiditas ingrediatur operationem naturae essentialiter an per accidens. -- Utrum digestio fiat frigiditate necne. -- Utrum actio membres officialibus communiter attributa ex compositione dependeat, necne. -- Utrum visus fiat extramittendo an intus suscipiendo. -- Utrum sanitas sit species sicut aegritudo ita, ut interposita vel disjunctionis nota diffiniri debeat velut aegritudo necne. -- Utrum ver sit calidum et humidum necne. -- Utrum sub aequatore diei sive linea aequinoctiali sit possibilis habitatio necne. -- Utrum carnes coclearum sint caeteris laudabilioris nutrimenti necne. -- Utrum ovi albumen sit calidum et vitellus frigidus. -- Utrum vinum calidum sit et siccum necne. -- Utrum forma specifica dicta tota substantia rei sit substantia necne. -- Utrum inter sanum et aegrum accidat medium necne. -- Utrum dolor possit esse morbus necne. -- Utrum sit quis morbus compositionis necne. -- Utrum sit quis morbus communis necne. -- Utrum una sit causa doloris tantum subita scilicet alteratio necne. -- Utrum dolor sentiatur necne. --

Utrum icteritia sit ante septimam diem bonum signum necne. -- Utrum caput parvum sit melius magno necne. -- Utrum dilatato corde simul dilatentur arteriae, constrictoque constringantur necne. -- Utrum dilatatione arteriarum fiat expulsio, constrictione vero atractio necne. -- Utrum unum sit genus pulsuum tantum necne. -- Utrum in pulsu percipiatur musicalis consonantia necne. -- Utrum egestionis coloris varietas sit laudabilis necne. -- Utrum color prius detur urinae quam substantia necne. -- Utrum ad rupturam venarum, quae circa renas sanguinis consequatur mictio necne. -- Utrum febris sit calor necne. -- Utrum humores possint periodice confluere necne. -- Utrum sanguis putrescens generet febrem sanguineam vel cholericam seu aliam. -- Utrum febris sanguinis cum aliis componatur necne. -- Utrum ex cholera prassina et aeruginosa febres causentur necne. -- Utrum in empiala sit frigus interius et calor exterior necne. -- Utrum hectica fiat incipiendo necne. -- Utrum febris pestilentialis sub ephemera reponatur necne. -- Utrum apostema intrinsecum causet febrem continuam omnino necne. -- Utrum cerebrum et ossa possint apostemari necne. -- Utrum cor possit apostemari et solutionem imparis pati necne. -- Utrum aegritudo consueta sit deterior insueta necne. -- Utrum pleuresis dextri lateris sit deterior ea quae sinistri necne. -- Utrum peripneumonia phlegmatica sit cholerica deterior necne. -- Utrum vermes seu lumbrici possint in ventre stomacho dicto generari necne. -- Utrum hyposarcha sit deterior hydrope necne. -- Utrum quod dici crisis sit laudabilior ea, quae noctis ostenditur necne. -- Utrum vigesima et decimaseptima dies sit magis critica et indicativa necne. -- Utrum crisis quartaedecimae dici sit fortior ea, quae septima necne. -- Utrum computatio critica facienda sit non a die partus, sed a principio febris necne. -- Utrum mors in morbi declinatione contingat necne. -- Utrum in principio paroxismi sit nocumentum somni deterius, quam in aliis temporibus. -- Utrum recidivatio sit una vel eadem cum sua radice necne. -- Utrum recidivatio non sit deterior sua radice necne. --

Utrum calidum innatum amplius consumat humidum radicale influenti necne. -- Utrum humidum radicale possit restaurari necne. -- Utrum mors naturalis possit beneficio aliquo retardari seu eodem vita protelari necne. -- Utrum cibus et potus magis aene nos immutent necne. -- Utrum in vere magis abbrevietur vita quam in caeteris anni temporibus. -- Utrum corpori lapsu debeatur praeservatio vel conservatio seu regimen per contrarium vel simile necne. -- Utrum complexio calida et humida et temperata et calida et sicca facilius ferant jejunium necne. -- Utrum primum sit bibendum antequam comedendum vel contra. -- Utrum cibus subtilis grossum debeat praecedere vel contra. -- Utrum semel in die naturali tantum sit comedendum vel plus. -- Utrum coena debeat esse major prandio vel contra. -- Utrum super fructus sit bibendum necne. -- Utrum super dextrum latus dormiendum sit melius vel contra. -- Utrum coitus competat in reg. sanit. necne. -- Utrum anno quolibet sit evacuandum necne. -- Utrum super pharmacum assumtum sit dormiendum necne. -- Utrum theriaca competat post assumtum pharmacum necne. -- Utrum balneum competat post purgationem necne. -- Utrum pharmacia competat in reg. sanit. necne. -- Utrum convalescentem sit opus pharmacia necne. -- Utrum vomitus conferat oculis necne. -- Utrum in continente calidiori et sicciori sint frondes populi sternendae necne. -- Utrum sit aliquis morbus, in quo nullus debeatur cibus usque in statum necne. -- Utrum regimen in diaeta procedat ingrossando vel subtiliando. -- Utrum confidentia infirmi de medico conferat in ipsius salutem necne. --

Utrum medicina sortiatur ejus complexionem ab innata complexione necne. -- Utrum sit aliqua medicina temperata necne. -- Utrum humidum frigido conjunctum possit ultra secundum gradum elevari necne. -- Utrum medicina calida in primo gradu adjuncta medicinae calidae in tertio reducat eam ad secundum gradum caliditatis vel amplius. -- Utrum sit modus, quo medicina valeat deduci ex potentia in actu et praecipue frigida vel contra. -- Utrum medicina attractiva vadat ad humorem attrahendum vel in ventre permaneat. -- Utrum medicina attractiva si non soluerit, convertatur in humorem quem habet attrahere necne. -- Utrum medicina lenitiva et lubricativa sive compressiva sit admiscenda necne. -- Utrum post evacuationem melancholiae per pharmacum effrenitans attrahatur pituita necne. -- Utrum omne amarum sit calidum necne. -- Utrum amplius decoctum reddatur amarius necne. -- Utrum paupum piperis provocet urinam vel multum ejus ventrem solvat, paucum vero scamoneae solvat ventrem vel multum urinam provocet. -- Utrum aqua lactis seu serum sit calida vel frigida. -- Utrum mentha sit calida vel frigida. -- Utrum cicuta sit calida vel frigida. -- Utrum argentum vivum sit frigidae et humidae vel calidae et sicae complexionis. -- Utrum colloquintida multum teri debeat necne. --

Utrum omnis cura perficiatur contrario necne. -- Utrum morbi cura sit forti medicina inchoanda necne. -- Utrum odor curet alterando vel alendo. -- Utrum praecantantio in cura conferat necne. -- Utrum somnium conferat in cura necne. -- Utrum digerat innaturalia necne. -- Utrum digestio debeatur causae conjunctae vel antecedenti. -- Utrum materia digesta possit febris seu morbus causari necne. -- Utrum in morbi principio competat evacuatio necne. -- Utrum evacuatio causae competat conjunctae solum necne. -- Utrum sit movendum in diebus motus aegritudinis necne. -- Utrum evacuandum sit usque ad lypothomiam necne. -- Utrum evacuatio symptomatica conferat necne. -- Utrum pharmacia in praegnante sit periculosior evacuatio phlebotomia necne. -- Utrum in acuta aegritudine post quartam diem sit phlebotomandum necne. -- Quod in prima quadra lunationis amplius quam in reliquis competat phlebotomia. -- Utrum ptisana hordacea febri conferat necne. -- Utrum syrupus acetosus aut quod hujusmodi, ut oxymel conferat in omni materia necne. -- Utrum aqua frigida competat in febribus et in acutis maxime necne. -- Quod vinum non competat in febribus et universaliter in acutis. -- Utrum balneum competat in febribus necne. -- Utrum juvenis vel cholericus causonizans ampliori egeat infrigidatione puero aut phlegmatico necne. -- Utrum in causone competat phlebotomia necne. -- Utrum apostemati competat repercussio necne. -- Utrum in lepra competat eductio necne. -- Utrum theriace venenum qualitate vel proprietate competat. -- Utrum theriace diatesseron conferat morsui canis rabidi necne. -- Utrum in scabie competat phlebotomia necne. --

Utrum solutio continui ad interius penetraos cranei possit sine ossis elevatione medicinari necne. -- Utrum in apoplexia aliquid infra 72 horas sit operandum necne. -- Utrum paralysis sinistri lateris sit curationis difficilioris ea, quae dextri necne. -- Utrum in tortura facici locale remedium ponendum sit super partem visam sanam necne. -- Utrum vinum competat in aegritudinibus nervorum necne. -- Utrum coitus conferat aegritudini phlegmaticae necne. -- Utrum sanguis desuper fluens sit compescendus necne. -- Utrum subscannatio competat in squinantia necne. -- Utrum gargarismata conferant in passionibus pectoris necne. -- Utrum centaurea conferat sputo sanguinis necne. -- Utrum in pleuresi competant repercussiva necne. -- Utrum fluxus ventris curet apostema pectoris seu pleuresim necne. -- Utrum phthisis possit curari necne. -- Utrum lac competat phtisicis necne. -- Utrum ventosae in retentione menstruorum sub mammillis sint cum scarificatione applicandae necne. -- Utrum in cura morbi calidi competant calida necne. -- Utrum in apostemate hepatis et praecipue in sanguineo phlebotomandus sit pes vel manus. -- Utrum membrum aut hepar supercalefactum sit epithemandum cerussa necne. -- Utrum bezel seu incisio super umbilicum competat in hydropisi necne. -- Utrum fluxus ventris in principio morbi factus sit compescendus necne. -- Utrum dysenteria ex sanguine facta sit deterioris curationis necne. -- Utrum in dysenteria hepatica competat stiptica necne. -- Utrum ileon ex stranguria febris curet superveniens necne. -- Utrum narcotica competant in colica necne. -- Utrum diuretica competant aegritudinibus viarum urinae necne. -- Utrum in podagra sanguinea existente in pede dextro phlebotomandum sit ex manu sinistra et in sinistro ex dextra vel contra. -- Utrum esse ulcus egeat exsiccatione necne. -- Utrum cauterium potentiale sit laudabilius actuali necne. -- Utrum medicinarum alterativarum copulatio possit conflare medicinam solutivam necne. -- Utrum composita plus perdurent simplicibus vel contra.

Im Anschluß an einzelne dieser Hauptprobleme werden noch folgende Nebenfragen erörtert: An medicina una sit scientia vel plures. -- An naturali subalternetur scientiae vel alii. -- An qualitas elementi propria sit ejus forma. -- An aer habeat gravitatem in propria sphaera. -- An complexio inaequalis quo ad pondus sit aequalis quo ad justitiam. -- An cerebrum sit frigidum amplius quam humidum vel contra. -- An phlegma generetur tantum in hepate aut etiam alibi. -- An sit ejusdem speciei sanguis genitus ex cibis et phlegmate ac universaliter ex coitu genita et sine. -- An in venis digestio perficiatur communis. -- An digestiones se possint vicissim corrigere. -- An sanguis contineatur tantum venis. -- An vir muliere amplius delectetur in coitu. -- An spermatica membra soluta possint verius consolidari. -- An ex omni parte judicandum sit membrum colobum. -- An ossa sentiant. -- An dentes sentiant. -- An per anum immissum possit nutrire. -- An pilis insint passiones plurimae ipsis attributae. -- An unus nervus possit esse principium sensus et motus. -- An musculus habeat solum virtutem innatam. -- An spiritus in animali semper idem maneat vel fluat mox alius factus. -- An quis morbus sit quantitate laedens. -- An nervus sinistretur dexter opticus absque reditu et sinister et contra. -- An oculus sit coloratus. -- An autumnus sit temperatus. -- An venti contemperent aerem. -- An vinum competat pueris. -- An sanum et aegrum actu concidant una. -- An stupor sit morbus vel accidens, puta dolor. -- An morbi complexionales sint quatuor, octo aut decem octo. -- An apostema sit morbus simplex vel compositus. -- An labor seu dolor apostemosus sit alius ab ulceroso. -- An quae et qualia de urinae esse. -- An qualis sit distinctio cholerae locus generationis et situs ejus. -- An in empiala calidum cum frigido, simul per totum sentiatur. -- An pulmo sit proprium organum anhelitus vel diaphragma. -- An motus anhelitus sit naturalis vel voluntarius. -- An plurimum mors contingat die vel nocte. -- An subjectum supponatur in scientia sua. -- An ova competant in febribus. -- An fluxus sanguinis menstrualis sit naturalis. -- An naturales temperantiae appetant similia et aegritudinales contrariae. -- An exercitandum ante comestionem vel post. -- An aer et universaliter elementum nutriat. -- An humor sit causa efficiens febris vel materialis. -- An morbus proportionalis sit periculosior improportionali vel contra. -- An formicae cura perficiatur pennae concavitate. -- An cum apoplexia possit febris concidere. -- An a septima conjugatione nervorum colli oriantur nervi pervenientes ad manus aut aliunde. -- An phthisis possit siccitate causari. -- An qualis natura lactis temperata vel alia. -- An zuccharum rosaceum competat phthisicis. -- An morbus frigidus periculosior calido. -- An cauterium melius ex auro vel argento.

Der Conciliator erörtert im Rahmen der Naturphilosophie die verschiedensten Probleme der theoretischen und praktischen Medizin wie auch der Hygiene. Jede der aufgeworfenen Fragen (~Quaesita~) wird mit einer an antike und arabische Dialektik erinnernden Spitzfindigkeit, in echt scholastischer Art beantwortet, wobei die oft mit zersetzender Kritik verbundene Widerlegung oppositioneller Lösungsversuche (opposita) ein gutes Stück der Darstellung ausmacht. Findet sich schon unter den Problemen neben Rationellem genug des Bizarren[101] -- Probleme, die bloßer Grübelsucht entsprangen --, so entbehren die gebotenen Lösungen fast in ihrer Gesamtheit des bleibenden Werts, weil in den herangezogenen Argumenten die zackigen Syllogismen mit schmaler Wahrheitsfläche über das empirische Material weitaus und entscheidend vorherrschen[102]. Damit soll freilich der interessanten Tatsache kein Abbruch geschehen, daß der Verfasser in manchen seiner Schlußfolgerungen, besonders was die Naturwissenschaft betrifft, seinem Zeitalter voraneilt und unseren Erkenntnissen nahekommt[103].

[101] Es kommen Fragen vor wie z. B.: ob das Feuer warm oder kalt ist, ob die spezifische Form eine Substanz oder ein Accidens ist, ob ein goldenes Kauterium besser als ein silbernes Kauterium wirkt u. s. w.

[102] So wird z. B. die Frage, ob die Nerven vom Gehirn oder vom Herzen entspringen, mit den Kunstgriffen der Dialektik zu beantworten gesucht. Die Frage, ob Gerstenptisane Fiebernden verabreicht werden darf, wird nach allerlei Subtilitäten in negativem Sinne entschieden, weil Gerstenwasser eine Substanz, Fieber dagegen ein Accidens sei.

[103] Pietro d'Abano sprach der Luft Schwere zu, erklärte den Regenbogen aus der Brechung der Strahlen, lehrte, daß die Aequinoktiallinie bewohnbar sei, berechnete annähernd richtig das Sonnenjahr und die Eintrittszeit der Sonne in die Hauptzeichen des Tierkreises. Was die Physiologie anlangt, verteidigte er z. B. die Ansicht, daß die Venen vom Herzen (nicht von der Leber) entspringen, daß die Respiration wenigstens quoad modum ein willkürlicher Akt sei u. s. w.

Es kann nicht verwundern, daß der Conciliator seiner Epoche durch das Gaukelspiel mit aristotelischen Kategorien als Specimen sublimster Gelehrsamkeit imponierte und durch seine anscheinend unanfechtbaren Problemlösungen noch Generationen in den Glauben an einen gesicherten Wissensbesitz einlullte[104] -- uns drängt sich bei der Betrachtung solcher Verirrungen nur das als tröstender Gedanke auf, daß gerade aus der bis zum Höchstmaß getriebenen Gegenüberstellung der Autoritäten und der erzwungenen Interpretation ihrer Lehrmeinungen -- schon an sich ~ein Zeichen erwachender Kritik~ -- der Zweifel an der Zuverlässigkeit der herrschenden Beweismethode allmählich entstehen mußte.

[104] Der Conciliator gehört zu den am frühesten gedruckten Werken.

Die Rundschau über die führenden Männer und über die Literatur ergibt, daß die wissenschaftliche Heilkunde dieses Zeitalters vorwiegend, ja beinahe ausschließlich an Italien geknüpft war, und daß die Medizin des gesamten Abendlandes lediglich von dort, direkt oder indirekt, Impulse empfing.

Italien wurde auch vorbildlich durch die ~Organisation des Aerztestandes~, durch die ~Kreierung des Apothekerwesens~ und durch manche ~behördlichen Maßnahmen sanitätspolizeilicher Richtung~.

Der Aufschwung, den das Aerztewesen und die sanitätspolizeilichen Einrichtungen in Italien nahmen, basierte auf seiner relativ hoch entwickelten städtischen Kultur und wurde durch die Folgeerscheinungen der Kreuzzüge (Durchzug von Kranken und Verwundeten in ungeheurer Zahl, Seuchen), durch den regen Verkehr mit dem Orient, durch den Zufluß fremder (sarazenischer, jüdischer) Aerzte u. a. beschleunigt. Allenthalben entstanden Hospize, ~Hospitäler~, Lazarette. Die Aerzte vereinigten sich auch außerhalb der Universitätsstädte in ~Kollegien~, welche Prüfungen mit den aufzunehmenden Mitgliedern abzuhalten hatten, z. B. in Mailand, Brescia, Florenz. Von den Aerzten schieden sich die ~wissenschaftlich gebildeten Chirurgen~, neben welchen aber noch eine aus mannigfachen Elementen zusammengesetzte Klasse von Empirikern wundärztliche Praxis ausübte (chirurgi phlebotomatores, barbitonsores, Bruch-, Zahn-, Augenärzte etc.). Frühzeitig wurde für die Anstellung von ~Stadtärzten~ Sorge getragen, welche Arme unentgeltlich behandeln, als Sanitätsbeamte (Aufsicht über Spitäler, Seuchenbekämpfung), als Sachverständige vor Gericht, eventuell auch als Feldärzte fungieren mußten. Bezüglich der forensischen Tätigkeit vgl. S. 377 und 378, Anm. 2. In Venedig erscheinen seit dem Jahre 1260 Aerzte (darunter Sarazenen und Juden) in den Registern der großen Verbrüderungen (scuole), die Bestallung der Kommunalärzte wurde dort jährlich vom Senate und dem Rate der Vierzig erneuert. -- Einige ~hygienisch-sanitätspolizeiliche Städteordnungen~ italienischer Kommunen haben Puccinotti (Storia della medicina II) und Renzi (Storia della scuola di Salerno) veröffentlicht. Die Konstitutionen Friedrichs II. (vgl. S. 344), welche vorbildlich wirkten, enthalten zweckmäßige Bestimmungen über die Reinhaltung der Luft von gesundheitsschädlichen Einflüssen, über den Verkauf von Fleisch und Fischen, von Giften und Liebestränken u. s. w. -- In Italien, wo sich infolge des Durchgangshandels orientalischer Produkte -- am frühesten im Abendlande -- ein eigentlicher ~Apothekerstand~ (vgl. S. 344) entwickelt hatte, wurde dessen Ausbildung, Tätigkeit und Verhältnis zu den Aerzten bezw. medizinischen Fakultäten bereits im 13. Jahrhundert festen Normen unterworfen (Konstitutionen Friedrichs II., Lo statuto dei medici e degli speziali in Venezia scritto nell anno 1258 u. a. Medizinalordnungen).

Auf die medizinischen Zustände außerhalb Italiens soll später im Zusammenhang zurückgegriffen werden, soweit es die dürftigen Nachrichten gestatten; hier sei nur darauf hingewiesen, daß alle Länder der Christenheit, so sehr auch die meisten unter ihnen in der Entwicklung der wissenschaftlichen Heilkunde noch zurückgeblieben waren, wenigstens in der Krankenpflege, in der ~Errichtung von Hospitälern~, Aussatz- und Siechenhäusern einen edlen, höchst anerkennenswerten Wetteifer zeigten, und daß die Betätigung auf diesem Felde der Humanität gerade im 13. Jahrhundert eine Höhe erreicht, welche die Anerkennung auch der spätesten Geschlechter verdienen wird.

Erfüllt von tief religiösem Empfinden widmeten sich der Krankenpflege nicht nur Angehörige des Klerikerstandes, der Mönchs- und Krankenpflegerorden, sondern auch Laien aus allen, selbst den vornehmsten Kreisen, es sei nur beispielsweise an die Lichtgestalten der hl. Elisabeth von Thüringen oder der hl. Hedwig erinnert. Ludwig der Heilige, der das Hôtel Dieu mit Geschenken überhäufte, ähnliche Anstalten in Fontainebleau, Pontoise, Vernon, sowie das noch bestehende Blindeninstitut der Quinzevingt in Paris stiftete, verband selbst die Wunden Lepröser und forderte von den Chirurgen, denen er Privilegien erteilte, daß sie sich der Behandlung der Armen widmen.

Allenthalben entstanden Hospitäler und Aussatzhäuser (letztere in enormer Zahl)[105]. Bei der Stiftung von Hospitälern kommen weniger die Zweigniederlassungen der ritterlichen Krankenpflegerschaften in Betracht, als die zahlreichen, über ganz Westeuropa zerstreuten Tochteranstalten des Hospitals San Spirito in Rom (vgl. S. 326), die ~Heiligengeistspitäler~. Diese letzteren verdanken der kräftigen Initiative des Papstes Innozenz III. ihren Ursprung, waren aber durchaus nicht sämtlich Stiftungen des Ordens vom heiligen Geiste selbst, sondern zum Teil, was oft verkannt wird, in städtischer Verwaltung stehende Anstalten mit gleichen Einrichtungen und Zielen.

[105] In Frankreich allein gab es im Anfang des 13. Jahrhunderts 2000, in den christlichen Ländern zusammen 19000 Leproserien (Sondersiechenhäuser, St. Georgsspitäler, Mesalleries).

Die Medizin im späteren Mittelalter.

Vestigia terrent.

Die wissenschaftliche Heilkunde des späteren Mittelalters ist das Ergebnis jener Arbeitsmethode, welche im Verlaufe des 13. Jahrhunderts von einzelnen hervorragenden medizinischen Forschern in nahem Anschluß an die Scholastik begründet und ausgebaut worden war.

Da diese Methode im wesentlichen auf ~einheitliche Gestaltung der galenoarabischen Ueberlieferung mittels der Kunstgriffe aristotelischer Dialektik~ hinauslief, so kann es nicht verwundern, daß die erzielten Ergebnisse weder für die theoretische Erkenntnis noch für die medizinische Praxis einen wirklich durchgreifenden Fortschritt bedeuten. Die Eindrücke, die man beim Studium der umfangreichen, übrigens noch nicht völlig erschlossenen Literatur dieses Zeitalters empfängt, formen sich zu einem Gesamtbilde, das kaum mehr als eine, noch dazu sehr entstellte, oft ~ins Groteske verzerrte Reproduktion des arabischen Originals im Gewande der Scholastik~ darstellt.

Der medizinische ~Scholastizismus~ und ~Arabismus~ (mit seinen Konsequenzen ~Astrologie~ und ~Uroskopie~) wurde auf die Spitze getrieben, er beherrschte hemmend Forschung und Lehre. Seinem Einflusse vermochte sich keiner der Autoren ganz zu entziehen, wiewohl nicht alle in gleich hohem Grade dem Druck der ~Tradition~ und dem Zauber der ~Dialektik~ unterlagen. Mancher wußte auch innerhalb des starren Rahmens der Doktrin selbständig erworbene ärztliche Erfahrungen gelegentlich unterzubringen, aber vergraben in einem Wuste von Zitaten und logischen Subtilitäten, fanden dieselben kaum die verdiente Beachtung und generalisierende Fortführung. Die hie und da schüchtern geäußerten Einwände gegen überlieferte Lehrsätze bezogen sich fast nur auf untergeordnete Fragen oder praktische Details, sie waren nicht von der Absicht getragen, noch weniger dazu geeignet, die Herrschaft des Systems und der Methode zu erschüttern. Erst in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts macht sich eine Wandlung leise bemerkbar, damit treten wir aber schon in ein neues Zeitalter der Kultur, welches von der Negation der mittelalterlichen Ideale seine Signatur empfing.

Wenn auch durchaus nicht frei, so doch weit weniger angekränkelt vom Scholastizismus zeigt sich die ~Chirurgie~, welche naturgemäß trotz ihres Festhaltens an den allgemeinen pathologischen Doktrinen den Weg der Beobachtung und Erfahrung nie in solchem Grade beiseite lassen konnte, wie es die damalige innere Medizin im Banne der Dialektik zumeist getan hat; langsam aber stetig machte sie mancherlei Fortschritte, deren Summe unverkennbar eine allmähliche Ueberwindung der traditionellen (arabischen) Messerscheu durch technische Gewandtheit ausmacht.

Trotzdem es an großen neuen Ideen und bahnbrechenden praktischen Leistungen mangelt, bietet die Epoche des zähesten medizinischen Konservatismus der Geschichte doch wenigstens einen hellstrahlenden Lichtpunkt dar -- die durch 1½ Jahrtausend vernachlässigte ~Sektion menschlicher Leichen~ kam seit dem 14. Jahrhundert wieder in Aufnahme.

Schon dieses folgenschwere Ereignis allein bietet Anlaß genug, der Medizin der ~Prärenaissance~ einiges Interesse zu sichern, mögen ihre Bestrebungen auch zum großen Teile nur den Wert lehrreicher Irrtümer besitzen.

Von vornherein überrascht der zähe Konservatismus der Medizin im Zeitalter der Prärenaissance, da auf den meisten übrigen Kulturgebieten neben der Abhängigkeit vom Althergebrachten schon ein kräftiges Ringen nach neuen Gestaltungen zu erkennen ist, welches das Nahen einer ganz andersartigen Entwicklung ankündigt.

Wenn man hier von den ~Veränderungen in kirchlicher, religiöser, politischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht~[1] und von der ~Vermehrung der Realkenntnisse, der technischen Fortschritte~[2] absieht, so sind es insbesondere zwei Haupterscheinungen des geistigen Lebens, die den Bruch mit den einseitigen kirchlich-mittelalterlichen Idealen[3] bezeichnen, die •Selbstzersetzung der Scholastik• und der erwachende •Humanismus•.

[1] Sinken der politischen Machtstellung des Papsttums, Exil in Avignon, Schisma, Konzile -- Entartung der Geistlichkeit, Ketzergemeinden, vorreformatorische religiöse Bewegungen (Lollharden, Wiklifiten, Hussiten), Mystik -- Verfall der Kaisermacht, Zersetzung des Feudalwesens, Erstarkung der Nationalitätsidee, Blüte der Städte (italienische Stadtstaaten), Emporkommen des Bürgertums, Bauernaufstände -- Zurücktreten der Natural- hinter die Geldwirtschaft u. a. m.

[2] Widerlegung der Lehre, daß Erde und Wasser zwei exzentrische Massen seien, Kenntnis der periodischen Ortsveränderungen von Wasser und Land, „Weltbild” des Pierre d'Ailly, Topographien, Landkarten, Reiseberichte (Niccolo De Conti u. a.), Afrikafahrten des Infanten Heinrich von Portugal -- Brillen, Papier, Schießpulver, Feuergeschütze, Turmuhren, Schlaguhren, astronomische Uhren, Verbesserung der Schiffsbussole u. s. w.

[3] Diese hatten in ~Dantes Divina commedia~ ihren letzten und erhabensten Ausdruck gefunden, zugleich mit ihnen aber auch schon die Klage über die davon wesentlich abweichenden wirklichen Zeitverhältnisse.

Die im 13. Jahrhundert mit Hilfe der Peripatetik und einem Aufwand glänzendster Kombinationsgabe zu stande gebrachte Versöhnung zwischen Philosophie und Kirchenlehre, zwischen Wissen und Glauben schmolz unter dem Einflusse Duns Scotus und seitdem der durch Occam neubegründete ~Nominalismus~ zur Herrschaft gelangt war, immer mehr dahin, um der ~Anschauung von der doppelten Wahrheit~, dem Vorhandensein zweier streng geschiedener Gebiete, des Transzendentalen und Natürlichen Platz zu machen[4]. Zu gleicher Zeit begannen sich durch ~das neubelebte Studium der Antike~ und ~das emporkeimende Naturgefühl~ die Fesseln zu lockern, in welchen das gesamte Bildungswesen und die Kunst schmachtete.

[4] Das meiste trug der Umstand dazu bei, daß mit der besseren Kenntnis und dem vertieften Verständnis des ~originalen~ Aristotelismus -- im Gegensatz zum arabisierten -- die Täuschung von der prinzipiellen Uebereinstimmung des Philosophen κατ' εξοχὴν mit den Grundlehren der Dogmatik (z. B. in der Frage der Weltschöpfung) schwinden mußte. Konsequenzen dieser Erkenntnis bildeten einerseits die ~Betonung der empiristischen Elemente~, wie sie schon im Nominalismus durchschimmert, anderseits das Aufkommen der ~Mystik~, die einer tiefinneren individuellen Religiosität entsprach, oder endlich ~leerer Formalismus~, welch letzterer unter dem Einfluß kirchlicher Autorität und der Macht der Gewohnheit freilich am weitesten verbreitet war und leider noch jahrhundertelang fortherrschte.

Der Tatsache, daß die Medizin stagnierte und mit besonderer Hartnäckigkeit alle jene Züge festhielt, welche das echt mittelalterliche Wesen ausmachen, hat •Francesco Petrarca•, der Vorkämpfer des Humanismus und der Renaissance, der Apostel des erwachenden Volksgeistes und der beginnenden Kulturverweltlichung den beredtsten Ausdruck verliehen. Gerade ihm, der zuerst den unermeßlichen Schacht des subjektiven Erlebens und Empfindens, des reflektierenden Naturgefühls entdeckte, der zielbewußt der Skepsis und Kritik den Weg ebnete, mußte schon der ganzen Denkweise nach die damalige Heilkunde zum Gegenstand des Mißfallens, der großenteils berechtigten Abneigung und des erbittertsten Angriffs werden -- mögen dabei auch untergeordnete persönliche Umstände eine gewisse Rolle gespielt haben. Wie sehr ~Petrarca~, der auch sonst die Schäden der Zeit schonungslos geißelte, die Zustände der Medizin und das Treiben der Aerzte beschäftigte, erhellt aus mehreren seiner Schriften, besonders kommen in Betracht: De vera sapientia, Epistolae de rebus senilibus, Epistolae sine titulo, De sui ipsius et aliorum ignorantia, Invectivae contra medicum quendam. Im folgenden sei der Hauptinhalt seiner Angriffe kurz mitgeteilt, soweit dieselben die zeitgenössischen Verhältnisse betreffen und durch den Lauf der Geschichte gerechtfertigt wurden -- hingegen möge hier Petrarcas, an Cato und Plinius gemahnende Polemik gegen die ärztliche Kunst im allgemeinen, wegen der totalen Verkennung des wissenschaftlichen Wesens und der hehren, weitumspannenden Aufgaben der Medizin unerörtert bleiben[5].

[5] Er billigt der Medizin, weil sie unbekümmert um die Seele nur der Leibessorge diene, keinen hohen Rang unter den Wissenschaften bezw. Künsten zu, ja er betrachtet sie eigentlich nur als Gewerbe, ohne das Streben nach wissenschaftlicher Begründung wahrhaft zu würdigen. An manchen Stellen wird allerdings diese durch überlebte Argumente gestützte Grundansicht etwas gemildert vorgebracht.

In erster Linie bekämpft und verspottet der große Humanist die Sucht der Medizin nach philosophischer Begründung. Abgesehen davon, daß sie einer solchen nach seiner Meinung überhaupt nicht fähig sei und wegen ganz anderer Ziele auch ganz anderer Methoden als die Philosophie bedürfe, eigne sich hierzu der völlig verderbte, nicht auf Tatsachen beruhende ~Aristotelismus~ am wenigsten. Sei schon die Philosophie durch mißbräuchliche -- das Mittel mit dem Zweck verwechselnde -- Anwendung der ~Dialektik~ auf Abwege geraten, so gereiche die Disputierkunst der ärztlichen Wissenschaft ganz besonders zum Schaden, weil sie von der Beobachtung und vom praktischen Handeln im richtigen Zeitpunkt ablenke. Früher hätte man die Kranken ohne viel zu vernünfteln geheilt, jetzt stopfe man ihnen die Ohren mit ~Syllogismen~ voll, ohne die versprochene Hilfe zu bringen. „Quid est opus verbis? Cura, semper dixi, medice.” Lächerlich sei es auch, daß die Aerzte auf die ~Rhetorik~ so viel Wert legen, die doch zur Sache gar nichts beitrage, die Medizin in eine hohle Wortkunst verwandle und höchstens dazu diene, die Unzulänglichkeit des Könnens durch vage Ausflüchte zu verhüllen. Des weiteren wendet sich Petrarca gegen den ~Autoritätsglauben~ der Aerzte. Bei aller Verehrung, die den großen Meistern des klassischen Altertums gebühre, dürfe man doch dem Hippokrates und noch weniger dem Galenos eine absolute Autorität zuerkennen, da auch ihre Kunst nicht auf vollkommen sicherer Grundlage fußte; die bloße Berufung auf ihre Lehrmeinungen sollte in der Medizin nicht entscheidend sein, wenn eigene Beobachtung und selbständiges Urteil dagegen sprechen. Man müsse überhaupt der Natur gehorchen, nicht dem Hippokrates, und ihr folgen, nicht weil es etwa Galen so vorschreibt, sondern weil eine innere Mahnung es uns also rate. Ueberdies stütze sich der blinde Autoritätsglaube der Aerzte bloß auf die schwankende Interpretation der Alten, und zwischen der griechischen und der gegenwärtigen Medizin bestehe nur noch durch die ~gräzisierende Terminologie~[6] eine Gemeinschaft. Am schlimmsten sei aber der ~Arabismus~[7], welcher überhaupt eine Schmach der Zeit bilde und namentlich die Medizin um ihren alten Ruhm gebracht habe. Im engsten Zusammenhange damit ständen die Verirrungen der ~Astrologie~, ~Alchemie~ und ~Magie~, der ~Uroskopie~ und ~Koproskopie~, die Petrarca insgesamt ins Gebiet der Scharlatanerie bezw. des Aberglaubens verwirft. Die ~Diätetik~, welche den Patienten in übertriebener Weise, geradezu tyrannisch vorgeschrieben, übrigens von den Aerzten selbst am wenigsten befolgt werde, kranke an inneren Widersprüchen und entbehre wirklich zuverlässiger Voraussetzungen, die ~Therapie~ sei zwar mit dem Nimbus einer Wissenschaft umgeben, doch tatsächlich bloß ein Gewebe von kritikloser Leichtgläubigkeit und bewußtem Trug; in der Praxis, die beinahe ganz dem Zufall preisgegeben sei, nähmen freilich die Aerzte jeden günstigen Ausgang als ihr Verdienst in Anspruch, während sie die Mißerfolge allen möglichen Ursachen, nur nicht der einzig wahren, nämlich ihrer Unwissenheit, zuschreiben. Aus dem Munde klar denkender und charakterfester Aerzte habe er ganz ähnliche Urteile über die, jedweder Zuverlässigkeit bare, Heilkunde vernommen. Nach dem Gesagten überrascht es nicht, wenn Petrarca über die damalige Medizin den Stab bricht und die Meinung ausspricht, daß die Tätigkeit der meisten ihrer Vertreter auf Täuschung abziele[8], wovon er köstliche Geschichten erzählt. Hingegen finden die mißachteten ~Chirurgen~ vor seinem strengen Richterstuhle Gnade[9].

[6] Er betrachtet dieselbe als einen Kunstgriff der Scharlatanerie und spricht ironisch von „Latina mors cum graeco velamine”.

[7] Gegen die Araber hegte Petrarca eine in religiösen und ästhetischen Momenten tief wurzelnde Abneigung. Ihre poetischen Produktionen erschienen ihm als saft- und kraftlos, ihre philosophischen als ein ungeheurer Irrweg, insbesondere der widerchristliche Averröes war ihm ein Greuel. Einen Freund, der sich einst auf diese Autorität berief, bat er, ihm mit den Arabern in jeder Beziehung vom Leibe zu bleiben, da er nicht glaube, daß von ihnen irgend etwas Gutes kommen könne.

[8] An einzelnen Stellen kann Petrarca freilich nicht umhin, zu betonen, daß es seltene Ausnahmen gebe -- stand er doch selbst mit mehreren Aerzten in regem Verkehr, denen er vielseitige Bildung nachrühmt, deren Bemühungen er anerkennt (Tommaso del Garbo, Giovanni de Dondi, Francesco [di Bartolomeo Casini] da Siena, Joh. de Parma). Auch verwahrt er sich energisch dagegen, ein Feind der Aerzte oder der Medizin als solcher zu sein, ja er nimmt sogar den Dank der letzteren für seine gründliche Kritik der traurigen zeitgenössischen Zustände in Anspruch: Certa ipsa mihi, vivas modo voces habeat, medicina gratias actura sit, si eorum praesentem infamiam fando nudavero, qui antiquam illius gloriam novis erroribus extinxerunt.

[9] Illos alios, quos chirurgos dicunt, quibus mechanicorum sordium et infamiae nomen impingunt, et in me et in aliis remedia optima sum expertus, et saepe vidi gravia vulnera seu foeda ulcera fomentis adhibitis aut curare velociter aut lenire. Nempe quid agant vident, mutant.

So sehr die arabistisch-scholastische Medizin hinter den Anforderungen zurückblieb, die schon damals einzelne erlesene Denker an den Betrieb der Wissenschaft stellten[10], eine unbefangene historische Betrachtungsweise darf doch gewisse mildernde Umstände nicht ganz unberücksichtigt lassen. Insbesondere das Faktum, daß die geistigen Wandlungen, welche im Zeitalter der Prärenaissance merkbar werden, erst viel später zum Abschluß gelangt sind, und daß die Heilkunde in jeder Epoche nicht von den entstehenden, sondern nur von den bereits siegreich durchgedrungenen Kulturideen beeinflußt wird. Auch kommt es sehr darauf an, ob man den gesamten Werdeprozeß der Medizin als solcher oder die allmähliche Entwicklung des medizinischen Wissens und Könnens unter den abendländischen Völkern zum Standort der Beurteilung wählt. Was im ersten Falle als absoluter Stillstand anzusprechen ist, verliert zwar auch im zweiten Falle nicht den Charakter der Verirrung, erscheint aber in hellerem Lichte, wenn man den Umfang der Literaturkenntnis, die Stufe des theoretischen Denkens und selbst das praktische Können des arabistisch-scholastischen Zeitalters mit dem Besitzstand der Medizin des Abendlands im frühen Mittelalter vergleicht.

[10] ~Nicolaus von Ultricuria~ z. B. sprach 1348 die Ansicht aus, daß nicht Aristoteles und seine Kommentatoren, sondern ~die Dinge selbst~ das Ziel der Wissensdurstigen sein müßten; später war es der Mediziner und scholastische Philosoph ~Raymund von Sabunde~, der in seiner Theologia naturalis (um 1436) neben dem Aristoteles auch das Lesen im „~Liber naturae~” empfahl.

Das medizinische Erbe des 13. Jahrhunderts traten •Bologna•, •Padua•, •Montpellier• und •Paris• an; sie bildeten die Zentren der wissenschaftlichen Tätigkeit und beherrschten mit ihren weitreichenden Einflüssen auch die übrigen Schulen, deren Zahl nicht unbeträchtlich zu wachsen begann[11]; Salernos einstige Größe lebte dagegen nur noch in der Erinnerung fort[12]. Die Bahnen, welche ~Taddeo Alderotti~, ~Pietro d'Abano~, ~Bernard de Gordon~ eröffnet hatten, bauten Schüler und Enkelschüler emsig weiter aus, während die reformatorischen Bemühungen des ~Arnaldo de Villanova~ nur ganz vereinzelt und keinesfalls einen solchen Nachhall fanden, wie es im Interesse des Fortschritts wünschenswert gewesen wäre.

[11] In Italien war die Heilkunde an den im 13. und 14. Jahrhundert entstandenen Hochschulen von Vicenza, Arezzo, Vercelli, Siena, Piacenza, Rom, Perugia, Treviso, Florenz, Pisa, Pavia, Ferrara etc. vertreten. An den, an Zahl nicht geringen Provinzialuniversitäten Frankreichs spielte die Medizin eine ganz untergeordnete Rolle. Von den Hochschulen der pyrenäischen Halbinsel kommen namentlich Salamanca und Lerida in Betracht. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts erheben sich auf deutschem Boden die Schulen von Prag und Wien.

[12] So sagt Petrarca: Fuisse Salerni medicinae fontem fama est; sed nihil est, quod non senio exarescat.

Den gewählten Vorbildern entspricht die medizinische Literatur des 14. Jahrhunderts deutlich genug. Sie ist durchaus ~rezeptiv, kompilatorisch und kommentatorisch~, wobei die Lehrsätze der Araber, des Galen und Aristoteles zur dogmatischen Voraussetzung dienen. Ueber diese hinauszustreben, fühlte niemand den mindesten Antrieb, noch die genügende Kraft, und das Endziel der Autoren lag einzig darin, ~den überkommenen Wissensstoff zu exzerpieren, zu interpretieren, von Widersprüchen zu säubern, in eine übersichtliche, leicht benützbare kompendiöse Form zu bringen~. Die literarischen Produkte, welche teils den Erfordernissen der arabistisch-scholastischen Forschungs- und Unterrichtsweise, teils den Bedürfnissen der Praktiker entsprangen, lassen gewisse Hauptgruppen unterscheiden, als deren wichtigsten (abgesehen von Spezialarbeiten) die folgenden zu nennen wären: ~Medizinische Glossarien, Sentenzensammlungen, Kommentare (Expositiones), Lehr- und Handbücher (Practica, Breviarium, Lilium~ etc. -- Einführungsschriften, Introductorium, Clarificatorium etc.) ~kasuistische Schriften~ (Consilia).

Die ~Glossarien~ (Erklärung der Kunstausdrücke, medizinische Wörterbücher) wurden umso nötiger, als die Terminologie der lateinischen Uebersetzungen arabischer Werke infolge vielfacher Entstellung und Verstümmelung oft unklar war; sie beziehen sich gewöhnlich nur auf die Namen der Heilmittel (Synonyma, vgl. Steinschneider, „Zur Literatur der Synonyma”, Anhang zu Mondevilles Chirurgie, herausgegeben von Pagel 1892). Zu den Sammelschriften im weitesten Sinne gehören ~Concordanciae~, welche unter bestimmten Schlagworten alle darauf bezüglichen Sentenzen der Autoritäten in kurzen Exzerpten wiedergeben, ferner solche Werke, welche entweder bloß das Wichtigste aus den Quellen zusammenstellen -- ~Aggregator~, ~Summa~ -- oder aber mittels der dialektischen Methode und Kritik die Widersprüche der Autoritäten auszugleichen suchen -- ~Conciliator~. Das formale Muster der medizinischen Literaturgattungen bildeten theologisch-philosophische und ganz besonders auch juristische Werke (Glossatoren, Postglossatoren), was sich schon in manchen Titeln (z. B. Concordanciae, Summae) verrät und in der ganzen Kommentatorentätigkeit deutlich zum Ausdruck kommt, wobei eben irrigerweise seitens der Aerzte den galeno-arabischen Schriften dieselbe autoritative Bedeutung beigemessen wurde, wie von Seite der Theologen den Sententiae des Lombardus, wie von Seite der Juristen dem Corpus juris. Interessant ist es, daß auch die Sammlungen von Krankheitsfällen ihr Vorbild in der juristischen Literatur hatten, schrieb doch z. B. der berühmte Rechtslehrer Baldus „Consilia”.

Das höchst voluminöse Schrifttum der Aerzte des 14. Jahrhunderts stellt ein Denkmal rastlosen Eifers und erstaunlicher Gelehrsamkeit dar, aber es liefert auch das abschreckendste Beispiel einer gänzlich verfehlten Methode. Belesenheit und Autoritätsglaube nimmt jene Stelle ein, welche der Beobachtung am Krankenbette gebührt; endlose Syllogismen usurpieren den Platz der Erfahrung; spitzfindige Definitionen, vage scholastische, rein abstrakte Erörterungen von Problemen der Physiologie, Pathologie, Therapie bedeuteten damals -- wissenschaftliche Forschung. Und wenn einmal in der dürren Wüste selbstquälerischer Quaestiones und Propositiones, unglaublich subtiler und unendlich weitschweifiger Argumentationes, Recollectiones, Quodlibetationes etc. eine Kasuistik als Oase auftaucht, dann erdrückt alsbald ein Schwall von haltlosen, dem Aristotelismus erborgten Spekulationen oder eine Unmasse von bunt zusammengewürfelten Rezepten die ohnedies dürftige Krankheitsschilderung.

Da die Autoren nicht aus dem frischen Born des Lebens, sondern aus der gemeinsamen alten Buchweisheit schöpften und sich bei der Verarbeitung der Ueberlieferung so ziemlich im gleichen Gedankengange bewegten, so herrscht eine ermüdende Einförmigkeit, eine geradezu trostlose Oede in der Literatur, ja man macht sich -- wenigstens was den Hauptinhalt anbelangt -- keiner allzugroßen Uebertreibung schuldig, wenn man sagt, wer eine oder die andere der Schriften gelesen, kennt damit auch schon die übrigen. Ueber den Wert des Geleisteten hat die Nachwelt ihr Urteil gesprochen, indem sie nur einen bescheidenen Bruchteil des umfangreichen Schrifttums der Druckerpresse übergab.

Mag es eine Aufgabe des Bibliographen und Literarhistorikers bilden, die vielen noch im Staube der Archive ruhenden Manuskripte ans Licht zu ziehen, sie zu registrieren und durch Neueditionen der Vergessenheit zu entreißen -- die pragmatische Geschichtschreibung hat den Interessen des geistigen Zusammenhangs schon dann hinreichend entsprochen, wenn sie nur die allerwichtigsten Vertreter der medizinischen Scholastik nennt, insbesondere jene, deren Ruf die Epoche überdauerte, deren Werke im ärztlichen Studiengang längere Zeit hindurch eine Rolle spielten.

Die gefeiertsten Interpreten antiker[13] und arabischer Schriften, die spitzfindigsten der medizinischen Dialektiker gingen aus Norditalien hervor, wo der gerade damals zur Höchstentfaltung gebrachte juristische Formalismus[14] und die eifrigst gepflegte arabisierte Peripatetik in besonderem Maße begünstigend auf die Entwicklung der kommentatorischen Tätigkeit einwirkten.

[13] Von hippokratischen Schriften kamen nur die mit Kommentaren Galens versehenen in Betracht.

[14] Seit Bartolus und Baldus.

Der ~Schule Bolognas~ entstammten ~Guglielmo Corvi~ aus Canneto bei Brescia, dessen Practica -- der ~Aggregator Brixiensis~ -- das Muster für eine ganze Reihe von scholastisch bearbeiteten Sammelwerken abgab, der Kommentator κατ' εξοχὴν ~Torrigiano di Torrigiani~, dessen Erläuterung der Ars parva Galens „~Commentum in librum Galieni qui microtechni intitulatur~” überaus lange als Lehrbuch benützt wurde, die Sprößlinge der Aerztefamilie ~Varignana~, von denen namentlich ~Bartolommeo~ und ~Guglielmo V.~ als Lehrer und Schriftsteller Ansehen erwarben, ferner ~Dino del Garbo~, der wegen seiner sehr geschätzten Interpretationen (besonders Avicennas) den Ehrennamen „Expositor” empfing, und dessen Sohn ~Tommaso del Garbo~, welch letzterer ein getreues Bild der damaligen Heilwissenschaft in seiner, nach „Quaestiones” geordneten „~Summa medicinalis~” lieferte.

Mit den berühmten Meistern Bolognas wetteiferten diejenigen ~Paduas~, wo die Traditionen des Pietro d'Abano und damit auch des Averroismus beständig fortwirkten. An erster Stelle verdient hier ~Gentile da Foligno~ Erwähnung, und zwar nicht allein wegen seiner berühmten ~Kommentare~ (~zur Ars parva Galens~, ~zu den Lehrgedichten des Aegidius Corboliensis~ etc.), sondern hauptsächlich wegen seiner ~Consilia~, einer kasuistischen Sammelschrift, in der sich schon der Drang nach eigener Krankenbeobachtung, freilich noch gehemmt durch Dialektik und Arzneiglauben, kundgibt. Außer ihm trugen zum Ruhme der Paduaner Schule die Mitglieder der Aerztefamilie St. Sophia -- besonders ~Marsilio~ und ~Galeazzo de St. Sophia~ -- vieles bei, ebenso der Verfasser des „~Aggregator Paduanus~” (Sammelwerk über Heilmittel) ~Giacomo de' Dondi~ und dessen Sohn ~Giovanni de' Dondi~, welcher sich gegenüber dem herrschenden Doktrinarismus eine merkwürdige Selbständigkeit des Urteils zu bewahren wußte und auch als Praktiker die höchste Anerkennung erwarb.

Zuerst in Bologna, später in Padua lehrte ~Giacomo della Torre~ aus Forli (~Jacobus Foroliviensis~), einer der berühmtesten Kommentatoren, dessen ~Interpretationen zu den hippokratischen Aphorismen, zur Ars parva und zu einzelnen Abschnitten des Kanons Avicennas~ dauerndes Ansehen genossen.

Was die Literatur betrifft, welche aus anderen italienischen Bildungszentren hervorging, so wären vor allem zwei Werke zu nennen, die für die Kenntnis der mittelalterlichen Heilkunde von Wert sind: das ~Supplementum Mesuë~ des Neapolitaner Leibarztes ~Francesco di Piedimonte~, eine noch an die Salernitaner anknüpfende Kompilation, welche einen großen Teil der speziellen Pathologie und Therapie (auch Geburtshilfe) behandelt, und die ~Sermones medicinales~ des Florentiners ~Niccolo Falcucci~ (Nicolaus Florentinus), ein riesiges Repertorium der gesamten Medizin, das insbesondere aus den Arabern geschöpft ist und den ganzen, bis zum Ausgang des 14. Jahrhunderts bekannt gewordenen Wissensstoff übersichtlich zusammenstellt.

Es ist gewiß anzuerkennen, daß die aufgewandte Geistesarbeit nicht ganz zwecklos war, daß die scharfsinnigen Kommentare und fleißigen Kompilationen das Studium der galeno-arabischen Kolossalwerke erleichterten bezw. ersetzten[15], aber darin allein liegt ihre -- temporäre -- Bedeutung, denn aufgehend in der Idolatrie der sakrosankten Autoritäten bieten sie kaum etwas von eigener, kritischer Erfahrung. Schwache Spuren selbständiger Beobachtung trifft man fast nur in den Sammlungen von Konsilien[16], noch mehr in der ~pharmakologisch-botanischen~ und ~balneologischen Literatur~. Auf diesen Gebieten bilden namentlich die ~Pandectae medicinae~ (eine alphabetisch geordnete Arzneimittellehre) des Mantuaner, später in Salerno lebenden, Arztes ~Matthaeus Sylvaticus~, welcher auf den Wegen des Simon Januensis weiter ging, und die Bäderschriften des Giovanni und Giacomo de' Dondi erfreuliche Erscheinungen.

[15] Man darf auch nicht vergessen, wie kostspielig die Anschaffung der mühevoll hergestellten Abschriften der Originalwerke war, so daß selbst die Fakultäten nur über winzige Bibliotheken verfügten.

[16] Dem Beispiele des Taddeo Alderotti folgten Barthol. Varignana, Gentilis de Foligno u. a. mit ihren „Consilia”.

Man hat es versucht, zwischen der Schule von Bologna und derjenigen Paduas einen Unterschied zu hypostasieren, insofern die erstere die gräzistische, die letztere die arabistische Scholastik repräsentieren sollte. Dies trifft höchstens für den Beginn der Entwicklung und bloß für einzelne Autoren zu, indem diese ihre Interpretationskunst entweder hauptsächlich in den Dienst galenischer und hippokratischer Schriften oder aber des Avicenna, Averroës u. s. w. stellten. Abgesehen davon, daß eine solche Differenzierung wenig wesentliche Bedeutung besitzt, weil die scholastische allgemein gehandhabte Methode das eigentlich Ausschlaggebende ist, kann die Trennung in der Blütezeit des Arabismus überhaupt nicht strikte durchgeführt werden.

Mit größerer Berechtigung ließe sich behaupten, daß ~Montpellier~, trotz aller Unterwerfung unter die Scholastik, die ~Empirie~ nicht ganz aus den Augen verlor und durch Bevorzugung des ~Rhazes~ gegenüber dem Avicenna eine mildere Nuance des Arabismus darbietet. Zwar schlummert vom Schrifttum dieser Schule noch vieles in der Verborgenheit, doch genügt schon das heute zugängliche Material, um im Vergleich mit dem der norditalienischen Universitäten einen etwas günstigeren Eindruck zu erwecken[17]. Die bekanntesten Größen sind ~Gerardus de Solo~, welcher sich als Kommentator des Rhazes auszeichnete und ein lange Zeit sehr beliebtes Lehrbuch für Studierende ~Introductorium juvenum~ verfaßte, und ~Johannes de Tornamira~, von dessen Schriften das höchst praktisch angelegte (auf Rhazes beruhende) Schulkompendium ~Clarificatorium~ die weiteste Verbreitung fand. Durch diese beiden Männer hat Montpellier auf die mittelalterliche ärztliche Ausbildung, namentlich auf den medizinischen Elementarunterricht, einen tiefen und nachhaltigen Einfluß ausgeübt. Außer ihnen bildete auch ~Johannes Jacobus~ eine Zierde der Schule. Die Vorliebe für das Praktische, die intensive Beschäftigung mit der Therapie, welche gerade die Aerzte und Lehrer in Montpellier kennzeichnet, verleitete leider manche derselben zu einer kritiklosen, oft sogar mit wüstem Aberglauben untermengten Empirie, wie dies schon bei Gilbert und Bernhard von Gordon hervorgetreten war.

[17] Gewiß hat auch die Nähe des päpstlichen Hofes in Avignon, dem hervorragende Praktiker in der Stellung von Leibärzten zugezogen wurden, fördernd gewirkt.

In noch höherem Maße muß dies von einem Nachahmer der beiden in ~Oxford~ gesagt werden, von dem Engländer ~Joh. Gaddesden~, dessen Kompendium ~Rosa anglica~ stellenweise wohl alles überbietet, was der medizinische Mystizismus selbst in diesem Zeitalter sonst auszuhecken wußte. Etwas nüchterner ist das ~Breviarium~ eines anderen Repräsentanten dieser Schule, des ~Joh. Mirfeld~, welcher außerdem auch eine lexikalisch geordnete Arzneimittellehre (Synonyma Bartholomaei) hinterließ.

Aeußerst wenig wissen wir über die literarische Produktion der medizinischen Schule von ~Paris~, wo die Schriften des Aegidius Corboliensis und des Joh. de St. Amando[18] noch immer hochgehalten wurden und nachwirkend den Arabismus einschränkten. Daß man bei aller Vorliebe für die scholastische Spekulation die Beobachtung am Krankenbette nicht gänzlich verabsäumte, beweisen z. B. jene neuerdings bekannt gewordenen Aufzeichnungen, welche ein in Paris Ende des 14. Jahrhunderts studierender junger deutscher Arzt über die Heil- und Lehrtätigkeit einiger gelehrter Praktiker[19] hinterlassen hat.

[18] Die Concordanciae desselben setzte ~Petrus de Floro~ fort.

[19] Guillaume Boucher (Carnificis) und Pierre d'Auxonne (Danszon), vgl. unten die literarhistorische Uebersicht.

Wahrscheinlich ist es teilweise dem Einflusse der beiden französischen Schulen zuzuschreiben, daß ~die frühesten Repräsentanten der scholastischen Medizin aus dem deutschen Reiche~ durchwegs eine mehr nüchterne, praktische Richtung vertreten, welche sich besonders in der Vorliebe für die Diätetik und in der Opposition gegen die Ausartungen der Alchemie, Uroskopie etc. bekundet. Die Schriften des ~Thomas aus Breslau, Bischofs von Sarepta i. p.~ und der ersten Lehrer an der ältesten deutschen Hochschule -- ~Prag~[20] -- des Magister ~Gallus~, des ~Sulko von Hosstka~ und namentlich des ~Sigismundus Albicus~ (eines begeisterten Anhängers des Arnaldus de Villanova), bilden leuchtende Beispiele dafür.

[20] Die Universität in Prag wurde von Karl IV. im Jahre 1348 nach dem Muster der Pariser Hochschule gestiftet und behauptete einige Jahrzehnte hindurch eine universale Bedeutung; die rasch wachsende Zahl ihrer Studenten rekrutierte sich nicht bloß aus Böhmen und den deutschen Ländern, sondern auch aus England, Frankreich, der Lombardei, Ungarn und Polen. Die medizinische Fakultät, zu deren ersten Lehrern die Magister Walther und Gallus (beide königliche Leibärzte) und Nicolaus de Gevička gehörten, gelangte freilich erst nach ungefähr zwanzigjährigem Bestande zu einer ansehnlichen Bedeutung.

Den traurigen Anlaß zur Entstehung einer eigenen Art prophylaktisch-diätetischer Schriften gaben die furchtbaren Pestepidemien des 14. Jahrhunderts, namentlich „das große Sterben”, der „schwarze Tod” (Höhepunkt 1348), welcher durch seine entsetzlichen Verheerungen und kulturschädlichen Folgeerscheinungen selbst in der Geschichte der Seuchen einzig dasteht. Die ~Pestschriften~ dieses und der nächsten Jahrhunderte weichen in ihren vorbeugenden hygienisch-diätetischen Vorschlägen der Hauptsache nach nur wenig voneinander ab.

Hinsichtlich der Geschichte der Pestpanepidemie des 14. Jahrhunderts muß auf die einschlägige Literatur, besonders auf das erschöpfende neueste Werk von G. Sticker, Die Pest (Abhandlungen aus der Seuchengeschichte und Seuchenlehre, I. Band, erster und zweiter Teil), Gießen 1908-10, verwiesen werden. Es sei nur erwähnt, daß man die Gesamtzahl der Opfer des schwarzen Todes in Europa auf 25 Millionen Menschen berechnet hat. Zeitgenössische Berichte besitzen wir unter anderem von Gabriel de Mussis, Villani, Boccacio, Petrarca, von Gentile da Foligno, Dionys Secundus, Colle, Simon de Covino, Guy de Chauliac; die schrecklichsten Begleit- und Folgeerscheinungen waren die Geißlerfahrten und Judenverfolgungen (Verdacht der Brunnenvergiftung).

Auf Befehl des Königs Philipp erließ die medizinische Fakultät von Paris im Oktober 1348 ein Gutachten über die Seuche, ihre Ursache, Verhütung und Heilung, ~Compendium de Epidemia per Collegium facultatis medicorum Parisiis ordinatum~ (vollständig mitgeteilt von Rébouis, Etude historique et critique sur la Peste, Paris 1888). Bezüglich der Prophylaxe und Diätetik heißt es darin (vgl. Sticker l. c.): Man soll große Massen Weihrauch und Kamillen auf den öffentlichen Plätzen und an stark bevölkerten Orten und im Innern der Häuser verbrennen.... Man soll kein Geflügel essen, keine Wasservögel, kein Spanferkel, kein altes Ochsenfleisch, überhaupt kein fettes Fleisch. Man soll nur das Fleisch der Tiere von warmer und trockener Qualität essen, aber kein erhitzendes und reizendes. ... Wir empfehlen Brühen mit gestoßenem Pfeffer, Zimmet und Spezereien besonders solchen Leuten, die gewohnheitsmäßig wenig und nur Ausgesuchtes essen. Der Schlaf darf nicht länger als bis zum Morgengrauen oder ein wenig mehr dauern. Zum Frühstück soll man nur wenig trinken, das Mittagessen um elf Uhr nehmen; dabei darf man ein wenig mehr als am Morgen trinken, und zwar von einem klaren leichten Wein, der mit einem Sechstel Wasser gemischt ist. Unschädlich sind trockene und frische Früchte, wenn man sie mit Wein nimmt. Ohne Wein können sie gefährlich werden. Die roten Rüben und andere frische oder eingesalzene Gemüse können nachteilig wirken; die gewürzhaften Kräuter wie Salbei oder Rosmarin sind dagegen heilsam. Kalte, feuchte und wäßrige Speisen sind größtenteils schädlich. Gefährlich ist das Ausgehen zur Nachtzeit bis um drei Uhr morgens wegen des Taues. Fisch soll man nicht essen; zuviel Bewegung kann schaden; man kleide sich warm, schütze sich vor Kälte, Feuchtigkeit und Regen, und man koche nichts mit Regenwasser. Zu den Mahlzeiten nehme man etwas Theriak; Olivenöl zur Speise ist tödlich. Fette Leute sollen sich der Sonne aussetzen. Eine große Enthaltsamkeit, Gemütserregungen, Zorn und Trunkenheit sind gefährlich. Durchfälle sind bedenklich, Bäder gefährlich. Man halte den Leib mit Klystieren offen. Umgang mit Weibern ist tödlich; man soll sie weder begatten, noch in einem Bette mit ihnen schlafen. -- Im Jahre 1349 ging von Montpellier ein ähnliches Gutachten aus (von Michon in Documents inédits sur la grande peste de 1348, Thèse de Paris 1860, mitgeteilt). -- Von Aerzten des 14. Jahrhunderts verfaßten ~Guglielmo da Brescia~, ~Gugl. de Varignana~, ~Tommaso del Garbo~, ~Pietro de Tussignana~, ~Jean à la Barbe~, ~Sigism. Albicus~ u. a. Pestschriften. Hauptsächlich auf die Pestepidemie des Jahres 1382 beziehen sich die genauen Schilderungen, welche ~Chalin de Vinario~ aus Montpellier in seinem Werke ~De peste libri tres~ entwirft. Bemerkenswerterweise erkennt dieser aufgeklärte Arzt, daß außer den angenommenen mystisch-astrologischen und den kosmisch-tellurischen Ursachen für die Verbreitung der Seuche die ~Ansteckung~ die größte Bedeutung besitzt.

Darüber, wie sich der Arzt beim Besuche von Pestkranken verhalten soll (Observandum ubi contingerit visitare pestilenticum), gibt ein aus dem Ende des 14. oder dem Beginn des 15. Jahrhunderts stammendes Dokument (Bibl. Riccordiana, Florenz, Ms. 854, Bl. 130), welches Sudhoff jüngst veröffentlicht und übersetzt hat (Mediz. Klinik 1910, Nr. 38 und 39), folgende Vorschriften: 1. Laß dir das Harnglas mit einem dreifachen oder vierfachen Leinentuch wohl verdeckt herbeibringen, damit der Dunst des Urins nicht ausrauchen kann. 2. Sieh zu, ob das Haus (des Kranken) einen geräumigen oder breiten Luftraum hat oder nicht; wenn nicht, laß dir das Harnglas auf die Straße bringen und beschaue dort den Urin. Hat es aber einen breiten Hof und einen weiten Luftraum, dann kannst du in Sicherheit in das Haus hineingehen und in der Mitte des Hauses selbst den Urin beschauen. 3. Ich lobe es, wenn das Uringlas lieber von den Leuten aus dem Hause des Kranken gehalten wird, als daß du es selbst in der Hand hältst und berührst. Wenn du es aber selber in die Hand nehmen mußt, berühre es nur mit den Handschuhen und setze es schnell wieder weg. 4. Die Stuhlgänge sieh dir von weitem an in freier Luft und verweile dabei nur kurze Zeit. 5. Wenn du zur Kammer des Kranken gehst, (beachte), daß du niemals in sie hineingehst, wenn sie eng, klein und nicht gut zu lüften ist; in diesem Falle läßt du den Kranken aus der Kammer heraustragen und schreibe vor, daß er höher wie du gehalten werden muß[21]; wenn es möglich ist, dann kannst du seinen Puls fühlen, niemals aber sein Bettzeug, und was um ihn ist, berühren. Ist das Zimmer weit, groß, gut zu lüften, dann kannst du mutig hineingehen, besonders wenn die Tür und die Fenster breit und groß sind, in die freie Luft sehen und ihr freien Zutritt gewähren. Dann fühle den Puls wie gesagt ist. 6. Ich lobe es, wenn du ~einen~ Arm nur anfaßt, den nämlich, welchen du leichter erreichen kannst. 7. Verordne, daß Fenster und Türe des Krankenzimmers beständig offengehalten werden, wenigstens vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang. Sollte dies dem Kranken unangenehm erscheinen, so befiehl, daß es zumindest einige Zeit vor deinem Hineintreten geschehe, andernfalls gehst du überhaupt nicht hinein. 8. Zu loben ist es, wenn alles, was aus dem Körper des Kranken ausgeschieden wird, soweit möglich vollständig gesammelt wird, wie die Stuhlgänge, der Urin und der Auswurf, und sofort aus dem Krankenzimmer getragen und an einem geeigneten, weitab liegenden Ort aufbewahrt wird. 9. Zu loben ist, wenn täglich alle Gewänder und Decken um den Kranken erneuert werden, soweit die Möglichkeit vorliegt, oder wenigstens die Betttücher und die Leibwäsche, wenn er solche trägt. 10. Verordne, daß das Krankenzimmer häufig mit Rosenwasser, untermischt mit Essig, besprengt werde, indem man einen langgestielten Sprengwedel damit getränkt durch die Luft bewegt. Auch wäre es gut, wenn einige weite Gefäße, gefüllt mit etwas erwärmtem Rosenwasser mit Essig, im Zimmer ständen, damit sich ihre Dämpfe noch gründlicher mit der Luft mischen. 11. Für löblich halte ich es, wenn du beständig, solange du im Hause des Kranken bist, an einem Schwamm riechst, der in Essig getaucht ist, in welchem ein feines Pulver von Gewürznelken, Zimt und ähnlichem gelöst ist. Beachte dabei die Not des Augenblicks und die bedingenden Umstände und sieh besonders darauf, solange du bei dem Kranken weilst, wie du denn überhaupt diesen Aufenthalt möglichst beschränken und dich im allgemeinen immer nur kurze Zeit im Hause des Kranken aufhalten solltest. 12. Für gut halte ich es, wenn du langsam einhergehst und nicht rasch und mit Heftigkeit, wenn du dich zum Hause des Kranken begibst, damit du nicht mehr als irgend notwendig den Atem einziehen mußt. 13. Gut ist es, wenn du stark Wohlriechendes und viel Duftendes bei dir trägst und diese Dinge nach den Erfordernissen der Jahreszeit auswählst und sie an deinen Kleidungsstücken und unter deinem Mantel an vielen Stellen derart aufhängst, daß ihr Duft um deine ganze Person sich verbreitet und bis zu deinen Nasenlöchern dringt, doch nicht so reichlich, daß dein Kopf zu sehr davon eingenommen werde. Du kannst sie auch in deine Kopfhülle tun und dich räuchern, wenn du vom Hause weggehst, kannst auch alle deine Gewänder damit räuchern lassen, wenn du vom Bett dich erhebst. 14. Für gut halte ich es auch, wenn oft im Zimmer des Kranken Fächelungen stattfinden; man soll zwei oder drei große lange Wedel (im Zimmer des Kranken) haben, und es sollen die Wedelungen bei offenen Fenstern und Türen des Krankenzimmers vorgenommen werden, derart, daß nahezu die ganze Luft der Kammer erneuert wird, und dies soll öfters bei Tag und (einmal) um Mitternacht geschehen. 15. Ich lobe es, wenn im Krankenzimmer kalte wohlriechende Dinge aufgehängt werden, als da sind: Orangen, Rosen, Zitronen und ähnliches, und daß auch solche wohlriechenden Dinge ins Bett des Kranken gelegt werden und er Edelsteine an sich trägt, wie Hyazinth und Smaragd und ähnliches an seinen Fingern beständig trage, weil es von großem Nutzen ist. 16. Auch für dich ist es gut, wenn du die genannten Steine beständig an dir trägst, in Ringen oder anderswie.

[21] Beruht auf der von Avicenna und Averroës vertretenen Ansicht, daß die Kontagien nach aufwärts steigen.

In den Werken der früher erwähnten Kommentatoren und Kompilatoren ist zwar gewöhnlich neben der internen Medizin auch die Chirurgie mehr oder minder vertreten[22], doch handelt es sich dabei in der Regel bloß um Lesefrüchte von Theoretikern, nur ganz ausnahmsweise um wirkliche Erfahrungsresultate. Einsicht in das damalige wundärztliche Können gewinnt man dagegen durch die ~chirurgische Spezialliteratur~, deren besten Produkte von Männern herrühren, welche in beiden Zweigen der Heilkunde erfahren waren und mit Vorliebe die chirurgische Praxis pflegten (~Aerztechirurgen~).

[22] So bei Gugl. Varignana, Dino del Garbo, Giacomo della Torre, Niccolò Falcucci -- Bernard de Gordon, Gaddesden.

Es ist kein Zufall, daß im 14. Jahrhundert die vornehmsten derselben gerade aus Frankreich hervorgingen, wo Lanfranchi eine reiche Saat ausgestreut hatte, und das Collège de Saint-Côme unter der Führung ~Jean Pitards~ auch als Unterrichtsanstalt aufblühte -- •Henri de Mondeville• und •Guy de Chauliac•.

Ueber das Leben des ~Jean Pitard~, der Lanfranchi die Wege geebnet hatte, und auf dessen Betreiben das Collège de St. Côme vom Könige die Statuten empfing, besitzen wir nur wenige wirklich verläßliche Daten. Fest steht nur, daß er 1306 Wundarzt Philipps des Schönen gewesen, und daß ihm in einem Edikt desselben Königs vom Jahre 1311 wichtige Funktionen, namentlich die Erteilung der Lizenz an die von den geschworenen Meistern der Chirurgie Geprüften, übertragen wurden. Aktenmäßig kann er noch 1328 als „chirurgien du roy” nachgewiesen werden. Außer Rezepten bildet bloß ein in jüngster Zeit von Sudhoff aufgefundenes chirurgisches Manual seine literarische Hinterlassenschaft. Die Begeisterung seiner Schüler hat das Leben des verdienstvollen Mannes, der Ende des 13. und zu Anfang des 14. Jahrhunderts an der Spitze der Pariser Chirurgen schritt, mit mancherlei legendenhaften Daten ausgeschmückt, welche der neueren Kritik nicht standzuhalten vermochten.

•Henri de Mondeville• wurde in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts vermutlich in einem Dorfe der Normandie geboren und scheint seine Ausbildung teils in Bologna, teils in Montpellier und Paris empfangen zu haben. Seine Meister in der Chirurgie waren Theoderich, Lanfranchi und Pitard, welch letzteren er peritissimus et expertissimus in arte cyrurgiae nennt. Wahrscheinlich auf Empfehlung desselben kam Henri bereits vor 1301 an den Hof Philipps des Schönen als einer der vier Leibchirurgen des Königs. Seine Lehrtätigkeit zog zahlreiche Schüler an, erlitt aber durch seine vielfachen Beschäftigungen, insbesondere durch die Notwendigkeit, den König auf Reisen und ins Feld zu begleiten, häufige und langwährende Unterbrechungen. Diese Hindernisse bewirkten es auch, daß seine 1306 begonnene „Cyrurgia” nur langsam fortschritt und noch 1312 nicht über die beiden ersten Traktate hinausgekommen war. Leider sollte dieses Werk ein Torso bleiben, denn als dem Verfasser endlich 1316 die Möglichkeit gegeben wurde, ungestört durch amtliche Verpflichtungen die unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen, nötigte ihn alsbald ein zum Ausbruch gekommenes Lungenleiden, die Feder niederzulegen; mit Uebergehung der Lehre von den Frakturen und Luxationen, der gesamten speziellen chirurgischen Pathologie und Therapie reihte er den fertiggestellten und skizzierten Abschnitten auf Bitten seiner Freunde nur noch schleunigst die chirurgische Heilmittellehre (Antidotarium) an. Die Zeit seines Todes fällt vermutlich um das Jahr 1320.

•Guy de Chauliac•, wahrscheinlich im letzten Dezennium des 13. Jahrhunderts in Caulhac, einem Dorfe (in der Diözese Mende) an der Grenze der Auvergne, geboren, wurde frühzeitig zum Kleriker bestimmt und studierte zunächst in Toulouse, später in Montpellier, wo Raymundus de Moleriis einer seiner Lehrer war. Weitere Ausbildung erlangte er in Bologna und Paris. Ob er dort oder in Montpellier zum Lizentiaten und Magister promoviert wurde, ist unbekannt, ebenso wissen wir nicht, wo er seine erste ärztliche Tätigkeit ausübte (et per multa tempora operatus fui in multis locis), nur ein längerer Aufenthalt in Lyon ist durch eine autobiographische Mitteilung sichergestellt. Den größten Teil seines Lebens verbrachte ~Guy de Chauliac~ jedenfalls in ~Avignon~ (wo er 1348 auch die Schrecknisse des schwarzen Todes mitmachte) im Dienste dreier Päpste, Clemens VI., Innocenz VI. und Urban V., nach eigener Bezeichnung als „medicus et capellanus commensalis”. Urkundlich ist er 1344 als Kanonikus des Kapitels von St. Just in Lyon, 1353 als Kanonikus (mit einer Präbende) bei der Kirche in Reims erwiesen. Zu Petrarca, der bis 1353 in Avignon gelebt hatte, stand er durchaus nicht, wie irrtümlich gesagt worden ist, in feindlichem Verhältnisse, und dessen Invektiven gegen „einen zahnlosen, aus dem Gebirge stammenden Greis” bezogen sich auf einen Kollegen am päpstlichen Hofe, auf den Physikus Jean d'Alais. Sein Hauptwerk über Chirurgie (verfaßt, wie er selbst sagt, ad solatium senectutis) gab Guy 1363 heraus. Sein Tod dürfte um 1368 anzusetzen sein.

~Henri de Mondeville~, der sich gleichwertig den großen Chirurgen des 13. Jahrhunderts anreiht und insbesondere auf den Anschauungen des Theoderich und Lanfranchi weiterbaute, hat ein unbeendigtes Lehrbuch hinterlassen, welches sich zwar streng an die scholastische Form hält[23], in seinem Inhalt aber den zur nüchternen Beobachtung neigenden, vorwiegend auf Grund eigener Nachprüfung urteilenden Praktiker verrät. Große Neuerungen pathologischer oder therapeutischer Art, schöpferische Ideen darf man freilich in dem stets auf die Autoritäten zurückgreifenden, von Gelehrsamkeit und Belesenheit strotzenden Werke nicht suchen, wohl aber stößt man darin auf eine gewisse Selbständigkeit, die sich in der Auswahl der maßgebenden Lehrmeinungen, in der chirurgischen Methodik und Technik, in der diätetisch-pharmakotherapeutischen Verordnungsweise äußert. Henri ist ein entschiedener Anhänger der eiterungslosen Wundbehandlung, er schlägt bei Schädelverletzungen ein mehr exspektatives Verfahren ein, ohne in Operationsscheu zu verfallen, er wendet sich gegen die schablonenhafte Diätbeschränkung Verwundeter u. s. w. Mit dem rationellen Standpunkt in Wissenschaft und Praxis verbindet sich bei ihm eine humane, von Aberglauben fast freie Gesinnung, ein edler Berufseifer, eine anerkennenswerte didaktische Geschicklichkeit[24]. Trotz aller Verehrung der Alten glaubte er zuversichtlich an die Möglichkeit weiterer Fortschritte und suchte sein Bestes dazu beizutragen.

[23] Der „per notabilia”, d. h. in einzelnen Lehrsätzen abgefaßte „nudus tractatus” ist mit zahlreichen kommentierenden „declarationes praeambulae”, „declarationes interlineares”, „declarationes obscurorum et obscura tangentium” förmlich umrankt. Die Darstellung ist für den modernen Leser zwar etwas weitschweifig und stellenweise durch Wiederholungen ermüdend, im Ganzen aber leidet die Uebersichtlichkeit keine Einbuße.

[24] Mit besonderer Sorgfalt ist in dem Werke die chirurgische ~Methodologie~ und ~Deontologie~ ausgearbeitet, wobei kulturhistorische, höchst interessante Streiflichter auf die ärztlichen Unterrichts- und Standesverhältnisse, auf das Kurpfuschertum etc. geworfen werden.

Henris Chirurgie, die infolge des frühzeitigen Todes ihres Verfassers ein Fragment geblieben war, mußte wegen ihrer Unvollständigkeit aus dem allgemeinen Gebrauch schwinden[25], als einige Dezennien nachher ein neues Werk ans Licht trat, welches zwar qualitativ gewiß nicht höher steht, aber den Vorzug besitzt, den Gegenstand in seiner Gänze, lückenlos und unter Benützung der gesamten vorausgegangenen Literatur, zu behandeln. Dieses Werk ist das ~Inventarium s. Collectorium artis chirurgicalis medicinae~[26] oder, wie es nach späterer Bezeichnung genannt wird, die ~Chirurgia magna~ des ~Guy de Chauliac~.

[25] Darauf ist es zurückzuführen, daß die Cyrurgia des Henri de Mondeville der jungen Druckerpresse nicht zur Veröffentlichung übergeben wurde.

[26] „Inventarium et collectaneum in parte chirurgica medicinae.”

Der Umstand, daß Guy de Chauliac durch seine wirklich erschöpfende, leicht übersichtliche, von kritischem Geiste erfüllte Bearbeitung des bisher aufgehäuften chirurgischen Wissensmaterials den Bedürfnissen der Zeitgenossen und der folgenden Generationen wie kein anderer entsprochen hat, bewirkte es, daß sein Lehrbuch als klassisches, als „Guidon” der Wundheilkunde selbst noch über das 16. Jahrhundert hinaus, nicht bloß in Frankreich, sondern zum Teil auch in den übrigen Ländern höchste Geltung bewahrte. Auch heute noch erweckt das Studium dieses Werkes den Eindruck eines ungewöhnlich belesenen Autors[27], eines besonnenen und gewandten Operateurs, eines in beiden Zweigen[28] der Heilkunde gründlichst ausgebildeten, vielerfahrenen Arztes, eines Menschen von lauterster Gesinnung, der begeistert für seine Kunst an deren Jünger die höchsten intellektuellen und moralischen Anforderungen stellte. Aber als Hauptrepräsentant der mittelalterlichen Chirurgie kann er nur insofern angesprochen werden, als er dieselbe durch Zusammenfassung und subjektive Ueberwindung ihrer Gegensätzlichkeiten zum endlichen Abschluß brachte. Seine großen Vorgänger, aus denen er reichlich zu schöpfen in der Lage war, Saliceto und Theoderich, Lanfranchi und Henri de Mondeville, überragte Guy weder an Ideen noch an neuen Erfindungen, nicht einmal durch den Umfang der Erfahrung; in gewissen fundamentalen Fragen, z. B. hinsichtlich der eiterungslosen Wundbehandlung, nimmt er sogar einen rückschrittlichen Standpunkt ein. Ebenso wie die Früheren -- denen er nachsagt „sequuntur se sicut grues” --, ist auch er noch ganz im Autoritätsglauben verstrickt und in den herkömmlichen pathogenetischen Anschauungen befangen, ja der Astrologie und manchem therapeutischen Wahn huldigt er in auffallend hohem Grade. Bescheidenerweise bezeichnete Guy übrigens selbst sein Werk als das, was es ist, als eine mit eigenen Zutaten versehene Kompilation, doch waren die ~didaktischen Nachwirkungen~ derselben bedeutend genug, um ihrem Urheber eine eminente historische Stellung zu sichern. Diese besteht darin, daß Guy de Chauliac durch seine vortreffliche Leistung ~den Grundstein zur Suprematie der französischen Chirurgie~ gelegt hat.

[27] Von den Alten kommen nicht nur Hippokrates und Galen, sondern auch der bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts sonst unbenützte ~Paul von Aegina~ in Betracht.

[28] Guy de Chauliac deutet seine Tendenz zur Wiedervereinigung der internen Medizin mit der Chirurgie schon im (ursprünglichen) Titel des Werkes an.

Der in Paris und Montpellier erfreulich aufblühende Unterricht in der Chirurgie übte alsbald auch auf die Wundheilkunde und Operationskunst der Nachbarländer den günstigsten Einfluß aus. Davon zeugen namentlich die durch Literaturkenntnis, Reichtum an Beobachtungen und manche technischen Fortschritte ausgezeichneten Schriften des Flamänders ~Jehan Yperman~ und des Engländers ~John Arderne~.

~Jehan Yperman~ aus Ypern († nach 1329) erlangte zu Ende des 13. Jahrhunderts in Paris unter Leitung Lanfranchis seine Ausbildung. Nach Beendigung seiner Studien ließ er sich (1303 oder 1304) in seiner Heimat, in der Nähe von Ypern nieder, wurde noch in demselben Jahre Hospitalarzt in Belle und praktizierte sodann seit 1318 in seiner Vaterstadt. Er erwarb sich durch seine Tüchtigkeit einen solchen Ruf, daß sein Name, im Volksmunde fortklingend, noch heute in seinem Heimatlande generell als Attribut für einen geschickten Wundarzt gebraucht wird. Seine Werke sind in vlämischer Sprache abgefaßt und beziehen sich sowohl auf die Chirurgie als auch auf die innere Medizin.

~John Arderne~, der chirurgicus inter medicos, wie er sich selbst bezeichnet, wurde 1307 geboren. Er erhielt seine Ausbildung wahrscheinlich in Montpellier. Im Jahre 1346 begleitete er die englische Armee nach Frankreich als „Sergeant-surgion” und nahm an der Schlacht bei Crécy (1346) teil. Von 1349-1370 wirkte er als Arzt in Wiltshire und Newark, von wo er schließlich nach London übersiedelte, nachdem ihm schon ein bedeutender Ruf vorangegangen war; dort praktizierte er bis 1399. Seine Practica ist noch zum größten Teile ungedruckt, ihr in mehrfacher Hinsicht höchst interessanter Inhalt betrifft hauptsächlich die Chirurgie, in geringerem Ausmaße die interne Medizin.

Schon ein flüchtiger Rundblick lehrt, daß innerhalb des scholastisch-arabistischen Dunstkreises die führenden Chirurgen noch am meisten geistige Regsamkeit, unverdorbene Sinnesfrische besaßen, und die beklagenswerte, insbesondere von der Pariser medizinischen Fakultät propagierte, Trennung der inneren Medizin von der Wundheilkunde gereichte gewiß der ersteren zu größerem Schaden als der letzteren.

Wie es vorzugsweise der kräftigen Initiative der Chirurgen zu danken war, daß der ~Anatomie~, entsprechend den wachsenden Bedürfnissen der Praxis, immer größere Aufmerksamkeit zugewendet wurde (Wilhelm von Saliceto, Lanfranchi, Henri de Mondeville), so ist es vorerst auch allein die Wundheilkunde gewesen, welche aus dem wieder beginnenden ~Studium an menschlichen Leichen~ einigen Nutzen zu ziehen verstand.

Ueber die Pflege des anatomischen Studiums in ~Salerno~ und ~Bologna~ vgl. das in den früheren Kapiteln darüber Gesagte. Ergänzend sei nur darauf hingewiesen, daß gerade der Arabismus anregend wirkte, und daß sich hinsichtlich der theoretischen Grundlagen zwei Phasen unterscheiden lassen, von denen die erste durch den Einfluß der Schriften des Constantinus Africanus (namentlich Liber Pantegni ═ lib. regalis des Ali Abbas), die zweite durch den Einfluß der lateinischen Uebersetzung des •Avicenna• charakterisiert wird. ~In Salerno wie in Bologna waren besonders die Chirurgen am Aufschwung des anatomischen Unterrichts interessiert~ und, wie erwähnt, hatte ~Wilhelm von Saliceto~ den ersten Versuch unternommen, in einem Lehrbuch die Ergebnisse der Anatomie auf die Chirurgie anzuwenden, wobei Avicenna die Hauptquelle seiner Kenntnisse bildet. Im Zeichen Avicennas steht auch die Anatomie des Ricardus Anglicus, eine Schrift, die als ältestes Beweisstück des anatomischen Unterrichts an der Schule von ~Paris~ anzusehen ist. Was ~Montpellier~ anlangt, so scheint zu einer regeren Entfaltung des anatomischen Studiums erst ~Lanfranchi~ den Anstoß gegeben zu haben. Im Jahre 1304 hielt dort „ad instantiam quorundam venerabilium scolarium medicine” der treffliche Chirurg ~Henri de Mondeville~ hauptsächlich aus Avicenna geschöpfte anatomische Vorträge und führte dabei als Erster den ~Anschauungsunterricht~ in den Lehrgang ein, indem er zu Demonstrationszwecken ein ~Schädelmodell~ und ~13 anatomische Tafeln~ verwendete, von denen leider bloß die Beschreibung erhalten ist[29]. Die anatomischen Vorträge füllen erweitert und verändert den ersten Traktat seiner Chirurgie. An Henri de Mondeville lehnen sich in der Anordnung und im Ausdruck die drei anatomischen Abschnitte einer englischen Handschrift eines Ungenannten aus dem Jahre 1392 an (vgl. Payne, On an unpublished engl. anatomic treatise of the 14. cent., Brit. med. Journ. 1896).

[29] In dem anatomischen Lehrvortrag Henris (herausgegeben von Pagel, Die Anatomie des H. v. M., Berlin 1889) heißt es: Quicunque vult anathomiam capitis ostendere intus vel extra, subtiliter et perfecte, ipse debet habere craneum artificiale, aperibile formatum, per veras commissuras divisum in quatuor partes, quod, cum anathomiam extrinsecam ostenderit, aperire possit, ut sensibiliter anathomia panniculorum et cerebri videatur. Debet autem dictum craneum exterius esse munitum aliquibus, quae capillorum et cutis et carnis lacertosae et panniculi ossa ligantis vices gerant. Debet similiter interius aliquid esse fictum, quod sensibiliter formam panniculorum et cerebri repraesentat (l. c. p. 26). Die anatomischen Unterrichtstafeln des Henri de Mondeville erregten in hohem Grade Aufsehen bei den Zeitgenossen und auch Spätere (Guy de Chauliac, Tract. I, Doctr. I, cap. 1) bringen davon Kunde. Bei dieser Gelegenheit muß aber bemerkt werden, daß diese ~anatomischen Abbildungen~ zwar teilweise eine gewisse Originalität besaßen, aber keineswegs ein Unikum im Mittelalter darstellen, denn Handschriften aus früherer Zeit beweisen die Existenz einer ~anatomischen Graphik~, deren ziemlich ~starren Typen~ und einander ~sehr ähnlichen Erklärungstexte~ in letzter Linie wohl aus alexandrinischer, auf mancherlei Wegen ins Abendland gelangter, Ueberlieferung stammen. Vgl. Sudhoff, Studien zur Geschichte der Medizin, Heft 1, Tradition und Naturbeobachtung (Leipzig 1907) und Heft 4, Ein Beitrag zur Geschichte der Anatomie im Mittelalter (Leipzig 1908). In Betracht kommen unter anderem zwei Münchner Handschriften (Cod. lat. 13002, geschrieben 1158 im Kloster Prüfling bei Regensburg, mit 5 Bildern, den Lauf der Arterien und Venen, den Knochenbau, das Muskel- und Nervensystem darstellend -- Cod. lat. 17403, im Kloster Scheyern 1250 hergestellt, ebenfalls mit 5 ganz ähnlichen Zeichnungen), eine Handschrift der Bodleiana zu Oxford (Ashmolean Manuscr. Nr. 339 mit 5 den Prüfening-Scheyernschen Bildern völlig gleichenden anatomischen Zeichnungen), ein provenzalischer anatomischer Traktat aus dem 13. Jahrhundert (Basler Univ. Bibl. D. II, 11” mit 5 von den früher erwähnten teilweise abweichenden Zeichnungen) u. s. w.

Bis zum 14. Jahrhundert beruhte der praktische Unterricht in der Anatomie -- abgesehen von der Demonstration äußerer Teile -- ausschließlich auf der ~Zergliederung von Tieren, vorzugsweise von Schweinen~.

Um die Ursache verdächtiger Todesfälle oder seuchenhafter Krankheiten aufzudecken, scheint man allerdings in Italien schon während des 13. Jahrhunderts hie und da die Eröffnung von Leichen vorgenommen zu haben[30]. ~Die erste urkundlich belegte Nachricht bezieht sich auf eine im Jahre~ •1302• ~zu Bologna stattgefundene gerichtliche Sektion~, welche zwecks Feststellung der Todesursache (Verdacht auf Vergiftung) angeordnet worden war. Bei derselben fungierte Wilhelm von Varignana.

[30] So berichtet der Minoritenmönch Salimbeni, daß ein Arzt während einer Seuche, die 1286 in Italien wütete, Leichen geöffnet habe, um die Ursache des Leidens zu ergründen.

Für die Entwicklung der menschlichen Anatomie bildeten bekanntlich gewisse, tief in der Volksseele wurzelnde Vorurteile ein schwer zu beseitigendes Hindernis, hingegen liegt der Ansicht, daß sich die Kirche grundsätzlich gegen die Leichensektion ausgesprochen und dadurch den Fortschritt der Wissenschaft gehemmt hätte, eine mißverständliche Auffassung zu Grunde. Die in Betracht kommende Bulle des Papstes Bonifacius VIII. vom Jahre 1300 (De sepulturis. Corpora defunctorum exenterantes et ea immaniter decoquentes, ut ossa a carnibua separata ferant sepelienda in terram suam, ipso facto sunt excommunicati) richtete sich nur gegen die während der Kreuzzüge entstandene Sitte, die Leichen vornehmer, in der Fremde verstorbener Personen zu zerstückeln und zu kochen, um die von den Weichteilen befreiten Knochen zur Bestattung in die Heimat zu senden. Ein derartiges Begräbnis „more teutonico” wurde z. B. dem Kaiser Barbarossa und den ihn begleitenden Bischöfen, Fürsten und adeligen Herren, dem Herzog Leopold von Oesterreich, dem König Ludwig IX., Philipp dem Kühnen und seiner Gemahlin zu teil. Auch das im 15. Jahrhundert von Papst Sixtus IV. erlassene Breve verbot nicht die Leichenzergliederung, sondern machte sie nur von der geistlichen und behördlichen Erlaubnis abhängig. -- Daß eine mißverständliche Auffassung der Bulle Bonifacius VIII. allerdings gegen manche Präparationsmethoden Bedenken erwecken konnte, darüber vgl. S. 437.

Wann zum ersten Male wieder -- nach vielhundertjähriger Unterbrechung -- Sektionen von Menschenleichen ausgeführt worden sind, läßt sich nicht mit voller Exaktheit bestimmen, wir wissen bloß, daß in Italien zu Anfang des 14. Jahrhunderts bereits jene günstigen Bedingungen vorhanden waren, welche anatomische Demonstrationen zu Unterrichtszwecken an Verbrecherleichen ermöglichten.

Das Verdienst, den seit den Tagen der Ptolemäer versiegten Wissensquell neu erschlossen zu haben, gebührt der Schule von ~Bologna~, und in erster Linie dem an ihr als Lehrer der Medizin wirkenden •Mondino de' Luzzi•. ~Dieser hat den entscheidenden Schritt von der Anatomia porci zur systematischen Zergliederung menschlicher Leichen getan und die Technik derselben begründet.~

•Mondino•[31] (~de Liucci~, de' Liuzi, de Luzzi, de Leutiis) ═ •Mundinus• Liucius, um 1275 zu Bologna als Sohn eines Apothekers geboren, studierte in seiner Vaterstadt und erwarb 1290 den Doktorgrad. Er übte in Bologna bis zu seinem um 1326 erfolgten Tode die Lehrtätigkeit aus. Bei seinen anatomischen Arbeiten soll ihn als Prosektor ~Ottone Agenio Lustrulano~ unterstützt haben.

[31] Diminutiv von Raimondo oder Remondino.

~Mondino~ war der bedeutendste Zergliederer der Epoche, ja der Hauptrepräsentant der Anatomie im ganzen späteren Mittelalter. Durch seine am Kadaver gehaltenen Vorträge übte er den mächtigsten Eindruck auf die Zeitgenossen aus -- durch seine „~Anatomia~”, ein 1316 verfaßtes Kompendium, welches eine Anleitung zu methodischen Präparierübungen enthält und dabei auch die Pathologie, namentlich die chirurgische, berücksichtigt, erhob er sich zum Lehrmeister zahlreicher ärztlicher Generationen. Die ~Anatomia Mundini~ wurde an den meisten mittelalterlichen Hochschulen eingeführt; immer wieder tradiert und kommentiert, bewahrte das Buch seine autoritative Bedeutung ungeschmälert bis um die Mitte des 16. Jahrhunderts.

Von der Anatomia (Anathomia) Mundini finden sich Handschriften in allen bedeutenderen Bibliotheken, im Druck erschienen ca. 25 Ausgaben, die erste 1478, die letzte 1580. Am vollständigsten ist die Schrift in Kethams Fasciculus medicinae und in Berengars von Carpi Commentaria super Anatomiam Mundini abgedruckt. Mehrere Ausgaben sind mit Holzschnittillustrationen versehen, so z. B. die von dem Leipziger Professor Martin Pollich von Mellerstadt besorgte.

In der Einleitung erörtert Mondino die ~rein praktischen~ Zwecke seines Werkes, welches als Schulbuch dienen und nicht bloß anatomische Beschreibungen und anatomische Technik, sondern auch physiologische, pathologische und therapeutische Erörterungen (auf anatomischer Grundlage) in sich schließen sollte. Es heißt dort: Hinc est quod, his tribus de causis promotus, proposui meis scholaribus quoddam opus in medicina componere, et quia cognitio partium subjecti in medicina quod est corpus humanum, quae loca dispositionum appellantur, est una partium scientiae medicinae ut dicit Averrois primo sui colliget cap. de definitione medicinae: hinc est quod inter cetera vobis cognitionem corporis humani partium, quae ex anatomia insurgit, proposui tradere: non hic observans stilum altum, sed magis secundum manualem operationem vobis tradam notitiam. ~Die Sektion wird an der Leiche eines Enthaupteten oder Gehenkten vorgenommen~: Situato itaque corpore vel homine mortuo per decollationem ~vel suspensionem supino~. Sodann bespricht Mondino den Unterschied zwischen Mensch und Tieren vom teleologischen Standpunkte.

Die „Anatomie” ~beginnt mit der Bauchhöhle~ („venter inferior” -- membra naturalia im Gegensatz zum „venter medius” -- membra spiritualia ═ Brusthöhle und zum „venter superior” -- membra animata ═ Schädelhöhle); als Grund für diese Anordnung wird angegeben: quia illa membra foetida sunt et ideo ut ista primitus adjiciantur, quia omnis nostra cognitio et specialiter, quae ex manuali existit operatione a notioribus incipit nobis. Die Bauchwand -- „Myrach” (Mirach) -- besteht aus der Haut, dem Unterhautfell, dem panniculus carnosus, den Muskeln und dazu gehörigen Sehnen und dem Bauchfell -- „Siphac” (siphach, sipach). Zur Präparation ist ~ein vertikaler Schnitt~ „a scuto oris stomachi directe usque ad ossa pectinis leniter incidendo” (~vom proc. xiphoideus bis zur Symphyse~) empfohlen, dem ein, über den Nabel bis zu den beiden Seiten des Rückens führender, ~Horizontalschnitt~ hinzugefügt wird (bei weiblichen Leichen Vermeidung der Vene, welche von der Gebärmutter durch die Bauchwand zu den Milchdrüsen verlaufe). Die Bauchhöhle sei nur von fleischigen Wandungen umgeben, damit sie sich in der Schwangerschaft oder bei Wassersucht ungehindert ausdehnen könne. Es gebe ~drei Arten von Bauchmuskeln~, ~longitudinale~ (ad attrahendum et expellendum), ~latitudinale~ (ad expellendum) und ~transversale~ (ad retinendum); durch das Zusammenwirken mit dem Zwerchfell werde der Unterleib „quasi inter duas manus” komprimiert. Bei der Beschreibung des Bauchfells und des Netzes (Zirbus) kommt die Operation des ~Bauchstichs~ (Eröffnung der Bauchhöhle nach vorheriger Verschiebung der Haut neben der Linea alba mit einem Rasiermesser, Entleerung durch eine Kanüle; Warnung vor zu schneller Entleerung) und die ~Behandlung der Bauchverletzungen~ zur Erörterung (eventuell Erweiterung der Wunde zwecks Reposition der vorgetretenen Partien, Resektion des Netzes, Ameisennaht; bei der Naht der Bauchwunde soll abwechselnd das Peritonaeum und die Bauchmuskulatur mittelst der Seidennähte gefaßt werden). In dem Abschnitt über das Kolon wird die ~Differentialdiagnose zwischen Darm- und Nierenkolik~ besprochen. Kolik der linken Seite sei weniger bedenklich als die der rechten Seite wegen der leichteren Entleerung der Kotmassen. Klysmen solle man in der Seitenlage nach rechts applizieren, weil bei dieser Lagerung das Kolon von den übrigen Eingeweiden nicht gedrückt werden kann, nach dem Einguß soll sich der Patient zuerst nach links und dann wieder nach rechts wenden. Das Kapitel, welches die Anatomie des Magens betrifft, ist mit weitschweifigen scholastischen Erörterungen teleologischer Richtung (über die Lage, Oeffnungen des Magens u. s. w.) ausgefüllt; die Magenwand bestehe aus der inneren, tunica nervosa, und der äußeren, tunica carnosa, die erstere vermittele die Sensibilität, die letztere bringe die Verwandlung und Verdauung des Inhalts hervor, wobei ihre Longitudinalfasern zum Anziehen, ihre Transversalfasern zum Zurückhalten, ihre Latitudinalfasern zur Ausstoßung dienen; den Pförtner nennt Mondino portanarium vel piluron (pileron). Von Krankheiten des Magens wird nichts mitgeteilt -- curatio eorum proprie ex anathomia non dependet multum (nur im Kapitel über das Netz ist von der aus der Affektion des Magenmundes entstehenden Synkope die Rede). Der Magen stehe in konsensueller Beziehung zur Leber, zum Herzen, zum Gehirn. ~Um die Milz zu demonstrieren, müsse man einige falsche Rippen der linken Seite entfernen~; zur Milz führe eine, von der Leberpforte kommende, Vene: nam ~si excarnando procedas~ videbis, quod a vena concava epatis pervenit vena una magna ad splenem. ~Die Leber des Menschen sei größer als die der Tiere, auch stehe sie in der Leiche höher als im Lebenden~: quia membra spiritualia (Brustorgane) multum evanuerunt et ideo vacuitatem eorum replet hepar comprimendo diaphragma. Die „pennulae” des linken Leberlappens, welche bei vielen Tieren fingerartig den Magen umfassen, seien beim Menschen nicht immer voneinander getrennt; jeder Leberlappen werde von den netzartig verflochtenen Blutgefäßen gebildet, die in den Hohlräumen der Netze befindliche Lebersubstanz entspreche geronnenem Blute. Ein besonderer Abschnitt ist der Beschreibung der „~vena cylis~” (chilis) ═ Hohlvene und der „~venae emulgentes~” ═ Nierengefäße eingeräumt, welch letztere die Fortleitung des Chylus zur Leber und die Harnsekretion vermitteln sollen. Ueber die Gründe für die Duplizität der Niere und über die Pathologie dieses Organs handelt Mondino in umständlicher Weise. Die Ureteren senken sich mit mehreren kleinen Oeffnungen schräg in die Blase. Im Kapitel über die Gebärmutter wird die Irrlehre von den 7 Kammern des Uterus (drei zu jeder Seite, die siebente in der Mitte) vorgetragen, das Umherwandern des Uterus dagegen geleugnet. Die Gebärmutter nehme nicht nur während der Schwangerschaft, sondern auch zur Zeit der Menstruation an Umfang zu. Hier findet sich die historisch so bedeutsame Stelle, an der Mondino die ~im Jahre 1315 vorgenommene Sektion zweier weiblicher Leichen~ erwähnt, um die verschiedene Größe des jungfräulichen und nicht jungfräulichen Uterus darzutun: •Et propter istas quatuor causas mulier, quam anatomizavi anno praeterito, scil. anno Chr. MCCCXV in mense Januarii, majorem in duplo habuit matricem, quam illa, quam anatomizavi anno eodem de mense Martii.• Gleich nachher berichtet er von der hundertmal größeren (13 Ferkelchen enthaltenden) Gebärmutter einer 1306[32] sezierten trächtigen Sau. Die Vasa spermatica münden beim Weibe in die Gebärmutter. Uterus und Brüste stehen (wie besonders an trächtigen Säuen deutlich werde) durch Blutgefäße (Vv. epigastricae und mammariae) in Verbindung. An die Schilderung der Hoden und Samenstränge schließen sich Bemerkungen über ~Hernien und deren Radikalbehandlung~. Die Definition der Hernien, „~aegritudo didimorum~”, ist folgende: Aegritudo ejus specialis, cujus cognitio et cura declaratur ex anatomia est ~dilatatio orificii ejus~ praeter naturam, quae causa est, ut illa quae intra siphac (Bauchfell) continentur descendat in osceum (Hodensack), et talis descensus dicitur hernia, et quia id, quod descendere potest, est ventositas, vel aquositas, vel intestinum, hernia triplex est: ventosa, aquosa et intestinalis. Im Kapitel über die Anatomie der Blase wird der ~Steinschnitt~ berücksichtigt.

[32] In manchen Ausgaben steht 1316.

~Der zweite Akt der Anatomie betrifft die Brusthöhle und die Halsorgane~: Brustdrüsen, Brustmuskeln (und einige Rückenmuskeln), Osteologie und Syndesmologie des Thorax, Pleura, Mediastinum, Zwerchfell, Herz, Lungen, Halsgefäße (venae quidem), Mandeln, Mund, Speiseröhre (meri), Luftröhre, Kehldeckel, Zunge. In der Beschreibung des Brustfelles findet sich ein ausführlicher Exkurs über Pneumonie und Pleuresis (vera et non vera). Das Mediastinum diene unter anderem auch dazu, den Uebertritt eines Empyems der einen Brusthälfte in die andere zu verhüten. Besonders ausführlich ist die Schilderung des Herzens[33]. An demselben werden 3 Kammern unterschieden: 1. rechte Kammer mit dreizipfeliger Klappe, Mündung der „vena arterialis” mit 3 Klappen, 2. linke Kammer mit 3 Klappen an der Mündung der „arteria adorti” (so genannt, quia immediate a corde orta), Mündung der „arteria venalis”, 3. mittlere Kammer, bestehend aus mehreren Höhlen in der Herzscheidewand. Das Lungengewebe setzt sich aus den Verzweigungen der „arteria venalis”, der „arteria trachea” und der „vena arterialis” zusammen. Die Uvula diene als Receptaculum für die aus der Kopfhöhle herabfließenden Superfluitates, ferner zur Abhaltung der kalten Luft von den Lungen, weshalb vor der Abtragung derselben in krankhaften Zuständen abgeraten und höchstens die Kauterisation gestattet wird. Die rückläufigen Aeste des Nervus vagus treten zur „Epiglottis”, worunter Mundinus den Kehlkopf versteht.

[33] „Partes autem intrinsecae cordis sunt ventriculi cordis, dexter scilicet, sinister et medius. Scinde igitur cor primum in dextra parte et incipe a cuspide ejus, sic quod alium parietem non tangas, sed a latere ventriculi medii dividas, et tunc occuret tibi statim ventriculus dexter, et videbis in eo duo orificia, quorum unum est versus epar, et est orificium, per quod ingreditur vena chilis, et est orificium maximum, quia per hoc orificium cor trahit sanguinem ab epate et ipsum expellit ad omnia alia membra. Et quia per istud orificium plus habet trahere, quum debet expellere, et aperitur, quum cor dilatatur. Et habet tria ostiola, quae aperiuntur ab extra ad intra, quia per idem orificium fit etiam expulsio sanguinis perfecta decocti. Et licet non totus expellatur, quoniam aliqua portio ejus expellitur ad pulmonem, alia pars ejus transit in septum, ordinavit natura, ne illa hostiola essent multum depressa, et ut perfecta clausione non claudantur. Nota tamen duo. Primo quod sensus tibi declarat, quod vena chilis originem suam habet a corde, quia cum substantia cordis est continua, et ipsum non pertransit. Et est maxima juxta cor, sicut stirpes arboris. Et secundo adverte, quod ab ista vena, antequam concavitatem cordis ingrediatur, oritur vena, quae circumcirca radicem cordis circulatur, et ab ea oriuntur rami dispersi per substantiam cordis. Et ex hac vena nutritur cor, i. e. ex sanguine hujus venae. -- Postea vero versus pulmonem est aliud orificium venae arterialis, quae portat sanguinem ad pulmonem a corde. Quia, cum pulmo deserviat cordi secundum modum dictum, ut ei recompenset, cor ei transmittit sanguinem per hanc venam, quae vocatur vena arterialis, quia habet duas tunicas. Et habuit duas tunicas, primo quia vadit ad membrum, quod existit in continuo motu, et secundo, quod portat sanguinem valde subtilem et colericum. Ut igitur non evaporet et ut non scindatur haec vena, ipsa habet duas tunicas, quare eam dicimus vena arterialis. Et in orificio isto vel istius venae sunt tria hostiola, quae aperiuntur ab intra ad extra, et clauduntur ab extra ad intra perfecta clausione. Quia per hoc orificium cor tantum debet expellere a se hora constrictionis, et non debet retrahere aliquid hora dilatationis. -- Hoc viso scinde ventriculum sinistrum, ita quod in medio remaneat paries, in qua est ventriculus medius, et tunc statim tibi apparebit concavitas ventriculi sinistri, cujus paries est densior et spissior pariete ventriculi dextri. Et hoc fecit natura propter tria. Primo quod hic ventriculus debet continere spiritum, dexter vero sanguinem; sanguis autem gravior est spiritu, propter quod ratione contentorum plus aggravaretur pars dextra quam sinistra, et ideo cor non fuisset aequalis staturae. Ut illa esset aequalis ponderis, fecit parietem sinistrum crassiorem, ut recompensaret sua gravitate gravitati sanguinis. Alia causa est, quod debet continere spiritum, qui facile est resolubilis. Ut igitur non resolvatur paries fuit spissus. Tertia causa est, quod hic ventriculus generare debet spiritum ex sanguine. Spiritus autem generatur ex sanguine a forti caliditate subtiliante et evaporante. Fortior autem est caliditas, quoniam est in materia et subjecto densiori, quare paries hujus ventriculi fuit spissus et densus. In concavitate autem ejus circa radicem sunt duo orificia. Unum est orificium arteriae adorti, quae dicitur adorti, quia immediate a corde orta, vel quia est principium originis omnium arteriarum, quae sunt in corpore. Et per istam transmittit cor spiritum supra sanguinem, qui in ipso generatur, ad omnia membra, cum constringitur. Et propterea ordinavit natura in principio istius orificii tria hostiola, densa valde, quae perfecta clausione clauduntur ab extra ad intra; et aperiuntur ab intra ad extra; et orificium hoc est valde profundum. Aliud est orificium arteriae venalis, quae tantum habet unam tunicam, quia natura non fuit multum sollicita de custodia ejus, quod per ipsam transit, quod est vapor caprinosus, vel aër, quem attrahit cor a pulmone. Et quia per istam venam cor attrahit et expellit, natura in hoc orificio posuit tantum duo hostiola, quae perfecta clausione non clauduntur. Et sunt hostiola illa multum elevata, ut appodientur [i. e. nitantur] parieti cordis, cum expellit et transmittit spiritum, ne per ipsum spiritus expellatur. -- Et ista sunt mirabilia opera naturae, sicut mirabile opus est ventriculi medii. Nam iste ventriculus non est una concavitas, sed est plures concavitates parvae, latae magis in parte dextra, quam in sinistra, ad hoc, ut sanguis, qui vadit ad ventriculum sinistrum a dextro, cum debent fieri spiritus, continue subtilietur, quia subtiliatio ejus est praeparatio ad generationem spiritus. Et natura transmittendo aliquid per membra vel viam aliquam nunquam transmittit illud otiose, sed praeparando illud ad formam, quam debet suscipere.”

~Der dritte Akt der Anatomie betrifft die Schädelhöhle.~ Die einschlägigen Schilderungen sind flüchtig und voll von den Fehlern der Alten (z. B. rete mirabile, 7 Gehirnnervenpaare etc.). Am Auge werden 7 Häute (cornea, conjunctiva, sclirotica, uvea, secundina, aranea, retina) und 3 humores (vitreus, crystallinus, aqueus) unterschieden. In dem Kapitel über die Ohranatomie sagt Mundinus, daß sich die Details des Felsenbeins besser zur Anschauung bringen ließen, wenn man die Knochen auskochen dürfte -- eine Prozedur, die aber wegen ihrer Sündhaftigkeit unterlassen werden müßte: ossa autem alia, quae sunt infra basilare, non bene ad sensum apparent, nisi ossa illa decocquantur, sed propter peccatum dimittere consuevi (vgl. S. 432). Den Schluß des Werkes bildet die Beschreibung der Wirbelsäule und der Extremitäten, wobei die eigenartige Terminologie auffällt[34]. Ueber das Muskelsystem sowie über die peripheren Nerven und Gefäße findet sich nichts.

[34] Adjutorium ═ humerus, subasella ═ axilla, pars doinestica ═ Beugeseite, pars silvestris ═ Streckseite, spatula ═ scapula, furcula ═ clavicula, focile superius ═ radius antibrachii, focile inferius ═ ulna bezw. tibia und fibula, rasceta ═ carpus, pecten ═ metacarpus, pixis ═ Gelenkpfanne, vertebrum ═ caput femoris etc.

Außer seiner berühmten Anatomie verfaßte Mundinus noch einige andere Schriften (z. B. Consilia medicinalia ad varios morbos, Tractatus de pulsibus), manche dürften ihm auch bloß fälschlich zugeschrieben worden sein.

Mondinos grundlegende Schrift ist im Anblick der eröffneten menschlichen Leiche[35] verfaßt, sie besitzt den großen Vorzug, den Leser an der Hand der anatomischen Präparation in die Lehre vom Körperbau einzuführen -- ~si excarnando procedas~ lautet die charakteristische Ausdrucksweise des Autors -- aber der Inhalt beweist nur zu deutlich, wie wenig der Wissenschaft auch das beste Werkzeug nützt, wenn es nicht im Geiste der freien Forschung verwendet wird. Denn Mondinos Anatomia verläßt nirgends die herkömmliche Ueberlieferung, sie enthält lediglich den Stoff, der aus den Arabern und gewissen pseudogalenischen Machwerken[36] zu schöpfen war, ohne die geringste neue Beobachtung, ohne die leiseste Berichtigung der eingewurzelten Irrtümer. Was der Bolognese am Leichentisch vorträgt -- in arabistischer Nomenklatur, in abgeschmackter teleologischer Verbrämung, unter Hinzufügung chirurgisch-pathologischer Bemerkungen -- ist die alte fiktive Anatomie, die er auch nicht einen Augenblick anzweifelt oder kritisch nachprüft, wie dies z. B. die Angaben über den vermeintlichen dritten Herzventrikel[37], über die sieben Zellen der Gebärmutter kraß genug bezeugen. Das tote Buchwissen ad oculos zu demonstrieren, so gut es eben ging, den Arzt in groben Zügen mit den „Orten der Disposition” vertraut zu machen, bildete sein Ziel, während ihm der eigentliche Wert der unbefangenen anatomischen Untersuchung als Schlüssel zu neuen fundamentalen Erkenntnissen noch verborgen blieb. So wurde denn selbst die Zergliederungskunst, die wahrlich zum Sinnesgebrauch gebieterisch aufzufordern scheint, einstweilen nur eine neue Domäne jener übermächtigen Suggestion, welche die Tradition zum unantastbaren Tabu gemacht hatte.

[35] Es ist höchst wahrscheinlich, daß Mondino nicht mit eigener Hand das Messer geführt hat, sondern daß ein Dissektor (vgl. S. 433) nach seinen Angaben die Leicheneröffnung vornahm. Der Ausdruck anatomizavi bedeutet bei den mittelalterlichen Anatomen fast nie anderes als: ich gebot zu zergliedern oder ich war bei der Zergliederung anwesend.

[36] Am häufigsten beruft sich Mondino auf die Schrift ~de juvamentis membrorum~, einen unvollständigen, aus dem Arabischen übersetzten Auszug aus Galens de usu partium.

[37] Dieser Irrtum geht auf Aristoteles zurück und findet sich in der pseudogalenischen Schrift de anatom. vivorum.

Die medizinische Forschung als solche zog aus den Sektionen noch keinen nennenswerten Nutzen, und für lange Zeit bestand die einzige Nachwirkung von Mondinos Tätigkeit fast nur darin, daß gelegentliche Demonstrationen an menschlichen Kadavern -- soweit es die obwaltenden Hindernisse zuließen[38] -- in den Lehrplan der Hochschulen, freilich zunächst nur als ~Ornament~, eingefügt wurden. Vor allem in Bologna, wo ~Bertuccio~ das von Mondino Begonnene eifrigst fortsetzte und keinen Geringeren als Guy de Chauliac zum Schüler hatte[39]. ~Bologna~ folgten ~Padua~ und andere italienische Schulen noch im Verlaufe des 14. Jahrhunderts[40]. Seit dem letzten Drittel desselben fanden auch in ~Montpellier~ Leichenzergliederungen zu Unterrichtszwecken[41] statt, während für ~Paris~ noch geraume Zeit hindurch die Nachrichten fehlen[42]. Auf deutschem Boden war ~Wien~[43] zuerst der Schauplatz einer öffentlichen Anatomie, die der aus Padua berufene Professor Galeazzo de St. Sophia (1404) daselbst vornahm.

[38] Trotzdem für den Betrieb der Schulanatomie prinzipiell von den Behörden Verbrecherleichen bewilligt wurden, herrschte doch infolge vielfacher erschwerender Einzelbestimmungen ein steter Mangel an Material, so daß stellvertretend bis ins 16. Jahrhundert zur ~Zergliederung von Schweinen~ Zuflucht genommen werden mußte, ein Untersuchungsobjekt, gegen welches damals übrigens keine theoretischen Bedenken bestanden. Hie und da suchte man durch das verwerfliche Mittel des Leichenraubes dem Mangel an Material abzuhelfen; so sollen nach erhaltenen Akten schon im Jahre 1319 Schüler des Albertus Bononiensis die Leiche eines Gehenkten ausgegraben und im Hörsaal des Magisters seziert haben.

[39] Bertuccio absolvierte die Schulsektion in 4 Vorlesungen und zwar in folgender Reihe: 1. Baucheingeweide, 2. Brustorgane, 3. Kopf, 4. die Gliedmaßen und besprach dabei wie Mondino an jedem Objekt im Anschluß an die Kategorien des Aristoteles neun Punkte: positio, substantia, complexio, quantitas, numerus, figura, colligatio, actio et utilitas, aegritudines. Dies berichtet Guy de Chauliac, der in seiner Anatomie (═ Traktat I seiner Chirurgie) von ihm sagt: et ipsam (sc. anatomiam) administravit ~multoties~ magister meus Bertrucius. Das beliebte Lehrbuch des Bertrucius „Collectorium” enthält nur ein anatomisches Kapitel mit einer Beschreibung des Gehirns.

[40] Nach späterer Bezeichnung muß übrigens zwischen einer ~Anatomia publica~, d. h. einer öffentlichen, dem allgemeinen Unterricht zu gute kommenden Zergliederung und einer ~Anatomia privata~, d. h. einer im Interesse einzelner Aerzte oder Studierender oder zu gerichtlichen Zwecken vorgenommenen Sektion unterschieden werden. Für die Schulanatomie geben die Statuten der Hochschulen den Anhaltspunkt. In ~Padua~ fand nachweislich im Jahre 1341 eine Zergliederung statt (Gentilis da Foligno), in ~Venedig~ wurde 1368 bestimmt, daß alljährlich vor den Medici phisici et cirurgici eine menschliche Leiche zergliedert werden soll und 1370 entschieden, daß Aerzte und Chirurgen gemeinschaftlich die Kosten zu tragen hätten, für ~Florenz~ liegt 1388 eine Bestimmung über Leichenlieferung vor, und in dieses Jahr dürfte eine von Nicolaus Florentinus erwähnte Sektion fallen.

[41] Dort vertrat die Anatomie des Guy de Chauliac die Stelle von Mondinos Kompendium. Wohl schreiben schon die angeblich 1340 verfaßten Statuten Bedachtnahme auf Autopsien vor, doch stammt das erste Privilegium für solche aus dem Jahre 1376 oder 1377.

[42] Bei den Chirurgen fanden allerdings jährlich vier Zergliederungen statt, Angaben über die von der medizinischen Fakultät veranstalteten Sektionen finden sich aber nicht vor der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. -- Was Spanien anlangt, so erteilte Juan I. von Aragonien 1391 der Universität ~Lérida~ das Privileg, alle 3 Jahre eine Verbrecherleiche zergliedern zu dürfen.

[43] Die Universität Wien wurde ~1365~ gegründet, 1384 reorganisiert. Die einzelnen Fakultäten erhielten 1389 ihre Statuten, aber erst seit 1399 fließen Nachrichten über die dortige medizinische Schule reichlicher (durch die am 6. Mai dieses Jahres begonnenen Acta facultatis). Zwar kamen die ältesten der in den Fakultätsakten verzeichneten Doktoren aus Paris -- dessen Hochschule in ihren Einrichtungen für die Wiener maßgebend wurde --, doch für die Medizin erwies sich nur der ~Einfluß Italiens~ als tiefgreifend und dauernd.

Es soll nicht geleugnet werden, daß man gelegentlich die Krankheitserkenntnis auf anatomischem Wege zu erweitern trachtete oder daß man zufälligen Leichenbefunden Aufmerksamkeit schenkte, von einem Einfluß der Anatomie auf die Pathologie kann aber noch keine Rede sein. Historisch interessant sind immerhin folgende Tatsachen. In ~Siena~ fanden im Jahre 1348 amtliche pathologisch-anatomische Obduktionen statt; den Aerzten des Hospitals de Ntra. Sra. de Guadalupe zu ~Extremadura~ (gegr. 1322) wurde die Erlaubnis zu Leichensektionen zwecks Ermittlung der Todesursache erteilt. Gentile da Foligna fand 1341 bei einer Sektion einen Gallenstein, Joh. de Tornamira bei einer Einbalsamierung Blasensteine.

Wenn schon der praktische Betrieb der Anatomie -- in der Art Mondinos und seiner Nachfolger -- den Arabismus nicht im geringsten erschütterte, kann es gewiß nicht verwundern, daß auch jenes literarische Ereignis noch wirkungslos blieb, welches in retrospektiver Betrachtung eine nicht zu unterschätzende Bedeutung gewinnt -- die von ~Nicolo Regino~ unternommene ~Uebersetzung galenischer Schriften direkt aus dem griechischen Original~.

Auf die Uebersetzungen, welche schon im 12. Jahrhundert Burgundio von Pisa aus dem Griechischen unternommen hat, ist früher hingewiesen worden. Der Kalabrese ~Nicolaus von Reggio~ (de Regio, Rheginus, um 1317-1345), Verfasser einer Schrift de anatomia oculi, ein gründlicher Kenner des Griechischen, übertrug das Δυναμερὸν des Nicolaus Myrepsos und einen großen Teil der Schriften Galens, darunter das so wichtige anatomisch-physiologische Werk ~de usu partium~. Nicolaus arbeitete unter der Gunst des wissens- und gelehrtenfreundlichen Königs Robert von Sizilien, welcher die Originale von dem byzantinischen Kaiser Andronikos eigens erbeten hatte. Guy de Chauliac, der die neue, korrekte Galenübersetzung bereits benutzen konnte -- ein Exemplar war an den päpstlichen Hof nach Avignon gesendet worden -- sagt: „in hoc tempore in Calabria magister Nicolaus de Regio, in lingua graeca perfectissimus, libros Galeni translatavit et eos nobis in curia transmisit, qui altioris et perfectioris styli videntur quam translati de arabica lingua” (Chirurgia, Capit. singulare). Gerade aber bei Guy de Chauliac zeigt sich deutlich, daß man den Wert der reinen Quelle noch nicht voll zu würdigen wußte und die pseudogalenischen Machwerke noch immer auf eine Stufe mit den echten Schriften Galens stellte.

~Man führte wohl Galen stets im Munde, tatsächlich war es aber der Arabismus, der unter dem Banner des Pergameners die Herrschaft innehatte.~

Vom Geiste des Avicenna, des Rhazes und Ali Abbas, des Mesuë u. s. w. ist die medizinische Literatur auch noch während des größten Teiles des 15. Jahrhunderts erfüllt, ja das Ansehen, zu dem die vorausgegangenen abendländischen Autoren -- also die Schüler der Araber -- durch den straffer organisierten Universitätsunterricht inzwischen gekommen waren, verstärkte sogar den Doktrinarismus in ganz erheblicher Weise. Die Tendenz, das Gegebene in scholastischer Art zu interpretieren, den für gänzlich abgeschlossen gehaltenen Wissensstoff immer ~kompendiöser~ für didaktische Zwecke abzurunden, blieb vorherrschend, und bloß hie und da vernimmt man bei den Besten, gedämpft, die Stimme eigener Beobachtung, selbständiger Erfahrung -- ein Säuseln im dürren Blätterwalde, das dem geübten Ohre den nahenden Sturm der geistigen Umwälzung freilich schon ankündigt.

Unter der täuschenden Oberfläche völliger Gleichartigkeit bergen sich gewisse Nüancen der Hauptschulen, zu deren schärferen Kennzeichnung das bisher nur unvollkommen erschlossene und mangelhaft untersuchte literarische Material freilich nur wenig Handhaben bietet.

~Montpelliers~ freiere, praktische Richtung vertritt der Portugiese ~Valesco de Taranta~, dessen ~Philonium~ s. Practica medica das Gesamtgebiet der Medizin (einschließlich der Chirurgie) in klarer und für Lehrzwecke erschöpfender Weise behandelt, das Tatsächliche in den Vordergrund rückt und trotz des vorwiegend kompilatorischen Charakters den Sinn für Krankheitsbeobachtungen sowie manche therapeutische Neuerungen erkennen läßt. Mit dem Introduktorium des Joh. de Tornamira trug dieses Kompendium den Ruhm der alten Schule in die Ferne und erfreute sich bis ins 17. Jahrhundert größter Wertschätzung.

~Paris~ fand den hervorragendsten Repräsentanten in ~Jacques Despars~ (Jacobus de Partibus), der seine gründliche Kenntnis ~Avicennas~ als Lehrer und Schriftsteller zu verbreiten bestrebt war. Die Kommentare dieses, auch um die äußere Entwicklung der Pariser medizinischen Fakultät verdienten Mannes sind mit denjenigen der Italiener in eine Linie zu stellen.

Was ~die italienischen Schulen~, die in regem Wechselverkehr standen und dadurch eine geistige Einheit bildeten, anbetrifft, so sind ihre vornehmsten Vertreter in toto Arabisten strengster Observanz zu nennen, jedoch bieten sie insofern gewisse Unterschiede dar, als einige unter ihnen sich noch gänzlich dialektischen Erörterungen hingeben, andere dagegen dem ~speziellen Krankheitsfall~ erhöhte Aufmerksamkeit schenken und durch Anwandlungen nüchternen klinischen, ja sogar beginnenden anatomischen Denkens überraschen.

Bezüglich des praktischen Betriebes der Anatomie in Italien wäre folgendes anzuführen. Die Universitätsstatuten von ~Bologna~ vom Jahre 1405 (Zusatz 1442) bestimmten, daß jährlich zwei Leichenzergliederungen stattfinden sollten. In ~Padua~, wo die ~anatomische Tätigkeit am regsten~ war, wurde 1446 ein ~anatomisches Theater~ errichtet; die Regelung der Verhältnisse, wonach jährlich zwei Leichen womöglich verschiedenen Geschlechtes zu zergliedern seien, bewirkten aber erst die Statuten der Artisten vom Jahre 1495. Durch urkundliche Daten ist ferner auch für ~Siena~, ~Ferrara~, ~Perugia~ und ~Pavia~ die gelegentliche Ausführung von Leichensektionen erwiesen.

In der Literatur nehmen charakteristischer Weise die kasuistischen Sammelschriften (~Consilia~) mit ihrem reichen Material von Beobachtungen die erste Stelle ein; doch enthalten auch manche der damals verfaßten ~Kompendien~, ja sogar einzelne ~Kommentare~ eigene Erfahrungen. Es würde zu weit führen, wollte man hier auf die, für die Geschichte mancher Spezialzweige interessanten Details eingehen, es kann bloß auf die wichtigsten Autoren hingewiesen werden.

Die Mehrzahl derselben gehörte durch ihre Lehrtätigkeit vorwiegend oder wenigstens vorübergehend der kräftig aufblühenden Schule von ~Padua~ an, so der glänzende Dialektiker ~Ugo Benzi~ (~Hugo Senensis~)[44] und Ant. ~Cermisone~, welche sehr geschätzte Consilia hinterließen, die Kommentatoren Giov. ~Arcolano~ und Christoforo ~Barziza~, ferner die beiden großen, wirklich fortschrittlich denkenden Praktiker Giov. Michele ~Savonarola~ und Bartolomeo ~Montagnana~.

[44] Ugo Benzi machte sich bei den Zeitgenossen nicht nur als Arzt und Interpret der alten medizinischen Literatur, sondern auch als Philosoph einen großen Namen. In Ferrara disputierte er 1438 unter dem größten Beifall mit den zur Zeit des Konzils versammelten Theologen und Philosophen über die Lehren des Plato und Aristoteles. -- Er lehrte auch ~Anatomie~ und wir wissen, daß unter seiner Leitung 1429 die Zergliederung einer Verbrecherleiche in Padua vorgenommen wurde.

Die ~Practica~ des ~Savonarola~, welche von den italienischen Aerzten durch mehr als zwei Jahrhunderte als Leitfaden benutzt wurde, bezeichnet bereits die ~beginnende Abkehr~, nicht vom Arabismus, wohl aber ~von der scholastischen Arbeitsmethode~. Sie behandelt, ~kasuistisch~ belebt, nach dem Muster von Avicennas Kanon die gesamte Medizin und rückt dabei in ganz auffallender Weise die Sinneserfahrung, die klinische Beobachtung, die ~Beschreibung der Krankheiten~ in den Vordergrund, wenn auch nirgends die Schranken der herkömmlichen Grundauffassungen durchbrochen werden. Bezeichnend ist es, daß der Verfasser der Lehre von den Elementarqualitäten keine so große Wichtigkeit für die Praxis beimißt und daß er, selbständiger forschend, den ~Einfluß der Klimate auf die Krankheiten und deren Behandlung~ berücksichtigt. Mit Recht durfte Savonarola in der Widmung des Buches -- gerichtet an den Paduaner Philosophen und Arzt Sigismundus Polcastrus -- die Hoffnung aussprechen, daß seine Erfahrungen den jüngeren Berufsgenossen nützlicher sein werden als die üblichen dialektischen Spiegelfechtereien („juniores practici plus proficere posse quam his dialecticis argumentationibus quibus in platearum angulis vane se populo ostentant”).

Aus den lange in Ansehen stehenden ~Consilien~ des ~Montagnana~ leuchtet eine nicht gewöhnliche Beobachtungskunst und diagnostische Fertigkeit hervor und, was besonders bemerkenswert ist, ~das Streben, die einzelnen lokalen Krankheitserscheinungen von einer Grundkrankheit abzuleiten~, wodurch nicht selten das traditionelle topographische Krankheitsschema gesprengt wird. Auf das reformatorische Denken dieses begabten Mannes mag auch die Anatomie nicht ohne Einfluß geblieben sein -- konnte sich Montagnana doch rühmen, 14 Leichensektionen beigewohnt zu haben (Cons. 134).

Einen grellen Gegensatz zu den erwähnten Schriften bildet das jeder Selbständigkeit entbehrende Sammelwerk des Mailänders ~Concoreggio~. Hingegen enthalten die Kompendien bezw. die Consilia des Ant. ~Guainerio~, des ~Ferrari~ da Grado, des Marco ~Gatenaria~, welch letztere hauptsächlich als Vertreter der Schule von Pavia anzusehen sind, und des ~Baverio~ eine große Zahl von guten, eigenen Beobachtungen.

Wie der inneren Medizin wurde in Italien auch der Chirurgie große Aufmerksamkeit zugewendet; freilich von Originalität ist noch wenig zu spüren. Als die bedeutendsten der auf diesem Gebiete in Betracht kommenden Autoren sind ~Pietro d'Argellata~ in Bologna und ~Leonardo da Bertapaglia~ in Padua zu nennen. Die aus sechs Büchern bestehende Chirurgie des ersteren beruht zwar zum größten Teile auf der sorgfältigst benützten vorausgegangenen Literatur, bietet aber doch in ihrer Kasuistik manches Interessante und zeichnet sich durch anschauliche Beschreibungen der gebräuchlichsten Operationen aus, unter denen besonders die Resektionen der Knochen hervorzuheben wären. Kann schon ~Pietro d'Argellata~ der Vorwurf nicht erspart bleiben, daß er die medikamentöse Therapie auf Kosten der operativen zu sehr bevorzugte, so gilt das noch weit mehr von ~Bertapaglia~, der ganz in arabischer Polypharmazie aufgeht und es überdies an nüchterner Beobachtung vielfach fehlen läßt. Sein chirurgisches Hauptwerk ist nichts anderes als eine Bearbeitung des 4. Buches von Avicennas Kanon in streng arabistischem Geiste und liefert höchstens zur Wunden-Geschwürsbehandlung sowie zur Resektionstechnik einige Beiträge; die phantastische Sinnesart des Verfassers tritt namentlich im 7. Traktat hervor, welcher die ~astrologischen~ Relationen chirurgischer Affektionen ausführlich behandelt.

Die gelehrten Aerztechirurgen wurden am Ausgang des Mittelalters an operativer Kühnheit und Tüchtigkeit weitaus überstrahlt durch die bloß empirisch gebildeten Sprößlinge gewisser italienischer Wundarztfamilien, welche seit alter Zeit die Technik der Herniotomie, des Steinschnitts, der Strikturenbehandlung, des Starstichs u. s. w. als Zunftgeheimnis hüteten. Diesen, den ~Norcinern~ und ~Precianern~, sowie den Angehörigen der sizilischen (in Catanea seßhaften) Familie ~Branca~ ist auch die Wiederbelebung der ~plastischen Operationen~ (~Rhinoplastik~) zu danken, die um die Mitte des 15. Jahrhunderts aus der Vergessenheit auftauchen, um erst viel später wissenschaftliches Gemeingut zu werden.

Die Namen ~Norciner~ und ~Precianer~ stammen von der Stadt Norcia (Provinz Perugia) bezw. einigen Orten in ihrer Umgebung, Castello und Contado delle Preci. Der Ursprung der Tätigkeit dieser Wundärztefamilien verliert sich im Dunkel des Mittelalters. Seit dem 14. Jahrhundert treten einige ihrer Mitglieder als berühmte Aerzte hervor -- z. B. Scacchi delle Preci (Leibarzt am französischen Hofe) und Benedetto da Norcia (Professor in Perugia und Leibarzt des Papstes Sixtus IV.), seit dem 16. Jahrhundert erschienen Schriften chirurgischen Inhalts, welche von Norcinern oder Precianern ausgingen, und noch bis ins 18. Jahrhundert wirkten Abkömmlinge derselben als Lithotomisten und Okulisten, zum teil in öffentlicher Anstellung, in den hervorragendsten Städten Italiens. Natürlich zog unter dem Namen der Norciner stets auch eine Menge von unwissenden Pfuschern herum.

Die früheste Nachricht über eine in dieser Periode ausgeführte ~Rhinoplastik~ ist in dem Werke des neapolitanischen Historiographen Bart. Facio († 1457) enthalten. Dieser berichtet, daß ein Wundarzt ~Branca~ aus Catanea in Sizilien verstümmelte Nasen durch Transplantation aus der Stirn- oder Wangenhaut wiederhergestellt habe, ferner daß dessen Sohn Antonio, um die Entstellung des Gesichtes zu vermeiden, die Haut vom Oberarm zu transplantieren pflegte und überdies eine Methode der ~Cheiloplastik~ und ~Otoplastik~ ersonnen habe.

Außer den beiden Hauptzweigen der Heilkunde fanden auch bereits einige Spezialfächer ihre besondere Vertretung in der Literatur, so die ~Augenheilkunde~ und ~Kinderheilkunde~, über welch letztere ~Paulus Bagellardus~ eine eigene Schrift verfaßte, ferner die ~Diätetik~ und ~Balneologie~, die ~Arzneimittellehre und Pharmazie~ (Christof. de Honestis, ~Saladinus de Asculo~, Quiricus de Augustis, Joh. Jac. de Manliis de Boscho), ja sogar die ~Toxikologie~ (~Santes de Ardoynis~).

Am Ende der Epoche angelangt, wollen wir noch darauf hinweisen, daß seit dem Hochmittelalter neben dem lateinischen Schrifttum eine ~naturhistorisch-medizinische Literatur in den Landessprachen~ einhergeht, welche -- abgesehen von den für die Unterrichtszwecke der Wundärzte bestimmten Uebersetzungen und einigen chirurgischen Kompilationen[45] -- vorwiegend ~populären oder halbpopulären Charakter~ besitzt. Den Produkten dieser Literatur ist gewiß ein nicht geringer kulturhistorischer und linguistischer Wert zuzusprechen, für die Geschichte der medizinischen Wissenschaft gewinnen sie aber nur insoweit Bedeutung, als sie manchen verborgenen Seitenweg der heilkünstlerischen Traditionen aufzuhellen vermögen. Chronologisch und zum Teil auch inhaltlich reihen sie sich den Erzeugnissen der Mönchsliteratur an, doch bildet, dem Fortschritt der Zeit entsprechend, für ihre diätetisch-therapeutischen Abschnitte hauptsächlich die ~Salernitanermedizin~ die Quelle.

[45] Uebersetzt wurde z. B. die Chirurgie des Roger von Salerno, die Augenheilkunde des Benvenutus Grapheus, die Chirurgie des Henri de Mondeville, des Guy de Chauliac u. a. Von den in flämischer Sprache verfaßten Werken des Jehan Yperman ist oben gesprochen worden.

Die Rolle, welche die volkssprachliche medizinische Literatur spielte, war umso größer, je mehr die Entfernung von den Zentren der mittelalterlichen wissenschaftlichen Heilkunde wuchs, größer also in den germanischen als in den romanischen Ländern[46]. Noch um die Mitte des 15. Jahrhunderts wird die Medizin in Deutschland vorzugsweise durch deutsche Schriften repräsentiert, ja die Wundheilkunde Deutschlands findet um diese Zeit sogar ihre einzige Vertretung durch ein in der Muttersprache abgefaßtes Werk, durch die in mehrfacher Hinsicht (Rhinoplastik etc., narkotische Inhalationen) interessante „~Bündth-Ertzney~” des ~Heinrich von Pfolspeundt~.

[46] Eine ganz eigenartige Stellung nimmt die medizinische Literatur in ~keltischer~ (irischer, gälischer, kymrischer) Sprache ein, welche von alten Aerztefamilien in Irland, Schottland und Wales ausging. Proben dieser bloß handschriftlich erhaltenen Literatur zeigen, daß sich in ihrem Inhalt die autochthone Heilkunde mit der mittelalterlichen gemeineuropäischen Medizin verbindet (vgl. Norman Moore, The history of the study of Medicine in the British Iles, Oxford 1908).

Die volkssprachliche medizinische Literatur des Mittelalters setzt sich dem Hauptinhalte nach zusammen aus: Rezeptsammlungen, Arzneibüchern (besonders Kräuterbüchern), populären diätetisch-balneologischen Schriften, Kalendern mit diätetisch-prophylaktischen und Aderlaßvorschriften, Uebersetzungen oder Bearbeitungen chirurgischer, weniger häufig medizinischer Werke (z. B. Practica Bartholomaei). Am meisten wurde bisher die einschlägige mittelhoch- und mittelniederdeutsche Literatur ans Licht gezogen[47]; sie umschließt ~naturwissenschaftliche, zur Heilkunde in Beziehung stehende Schriften und Lehrgedichte~ (~Meinauer Naturlehre~, das „~Buch der Natur”~ des ~Konrad von Megenberg~, den „~Spiegel der Natur~” des ~Everhard von Wampen~, eine Reihe in Prosa oder in Versen abgefaßter ~Steinbücher~), •„Arzneibücher”•, ~diätetische Schriften~ (z. B. „~Von der Ordnung der Gesundheit~”, ~Heinrich Louffenbergs~ „~Versehung des Leibes~”), Pestkonsilien u. a. Aus dem 15. Jahrhundert wären hier besonders zu erwähnen das „~Arzneibuch~” des ~Ortolff von Bayrland~, das ~Kinderbuch~ des ~Bartholomäus Metlinger~ und die Schrift des Wiener Professors ~Puff aus Schrick~ „~Von den gebrannten Wässern~”.

[47] Vgl. unten die Literarhistorische Uebersicht.

Der Verfasser der ~Bündth-Ertzney~ (d. h. einer Anweisung zum Verbinden), ~Heinrich von Pfolspeundt~ (oder von Phlatzpingen), entstammte einem adeligen Geschlechte, welches in dem jetzt Pfalzpaint genannten Orte (unterhalb Eichstädt) ansässig war; er genoß den wundärztlichen Unterricht italienischer und deutscher Meister und erwarb sich auf den Kriegszügen des Deutschen Ordens (in den er vor 1465 eintrat) eine umfangreiche Erfahrung. Seine 1460 verfaßte Schrift ist nur für handwerksmäßige Wundärzte, nicht einmal für „Schneideärzte” bestimmt, entspricht ganz der niedrigen Bildungsstufe des Empirikers und beschränkt sich im Wesentlichen auf „Schäden und Wunden”, doch sichern ihr die Beschreibung der Rhinoplastik, der Hasenschartenoperation und der künstlichen Anästhesie durch narkotische Inhalationen, sowie die erste flüchtige Andeutung der Schußwunden aus Feuergewehren (Herausbeförderung der Kugel), historische Bedeutung.

Während aber in ~Deutschland~ am Ausgang des Mittelalters die scholastisch-arabistische Medizin wenigstens die Oberschicht bildete -- dank ihrer Verbreitung durch Aerzte, welche in der Fremde studiert hatten[48] und entsprechend der wachsenden Zahl der Pflegestätten an den neugestifteten Universitäten[49] --, finden wir in den ~skandinavischen Ländern~ in der gleichen Periode die Heilkunde, der Hauptsache nach, noch in frühmittelalterlichen Stadien zurückgeblieben, ja bis ins 16. Jahrhundert auf jener Stufe der literarischen Produktion verharrend, deren ältestes Denkmal das Kräuterbuch des ~Henrik Harpestreng~ (13. Jahrhundert) bildet.

[48] In Paris, Montpellier, Bologna und Padua.

[49] Prag und Wien folgten die Universitäten bezw. Akademien Heidelberg (1386), Köln (1388), Erfurt (1392), Würzburg (1402/10), Leipzig (1409), Rostock (1419), Greifswald (1456), Freiburg i. Br. (1457/60), Basel (1460), Trier und Ingolstadt (1472), Tübingen und Mainz (1477).

Vgl. über die Heilkunde der skandinavischen Länder im Mittelalter die zusammenfassende Arbeit „Altnordische Heilkunde” von Fr. Grön, Janus 1908, in welcher auch manche mißverständliche Auffassungen früherer Autoren berichtigt sind. Hauptquellen bilden die Eddalieder, isländische und norwegische Sagen, die alten (norwegischen, isländischen, schwedischen) Gesetzbücher, die Historia Danica des Saxo Grammaticus, die Urkunden des Diplomaticum Norvegicum, die im Zeitraum vom 13.-16. Jahrhundert verfaßten (alt-dänischen, isländischen, norwegischen, schwedischen) Arzneibücher.

Die Heilkunde der skandinavischen Länder ging aus der gemeingermanischen Volksmedizin hervor, die sie teilweise eigenartig weiterentwickelte und unterlag seit der Einführung des Christentums zunehmend den Einflüssen der europäischen Schulmedizin, jedoch erreichte sie als Nachzüglerin kaum vor dem 16. Jahrhundert die spätmittelalterliche Phase derselben.

Wie überall, beherrschte in den ältesten Zeiten und lang darüber hinaus der Dämonismus sowohl die Krankheitsauffassung (alp ═ „mara”, „trollrida”, „alfar”) wie die Therapie (Runen[50], Zaubergesänge, Bestreichen und Bemalen, verschiedene unter der Bezeichnung Seid zusammengefaßte Zauberkünste, Zauberstein ═ Lyfstein, Amulette), wobei die heidnischen Formeln allmählich christliche Umgestaltung und Umdeutung erfuhren; ebenso häufte die Empirie vieler Generationen eine Menge von Heilgebräuchen und Mitteln an, unter welch letzteren die pflanzlichen dominieren. Als Heilkünstler fungierten ursprünglich zauber- und pflanzenkundige Weiber (besonders Wundbehandlung, Geburtshilfe) -- in der nordischen Mythologie vertritt Eir die Heilkunst unter den Göttern -- Zauberer (Medizinmänner, ausgerüstet mit dem Zaubersack, der allerlei wunderliche Dinge, wie Haare, Nägel, Krötenfüße u. dgl. enthielt), gelegentlich auch -- und dies ist den Nordgermanen eigentümlich -- die das Opfer leitenden Könige, denen die Gabe verliehen war, schon durch einfache Berührung (mit den „Heilhänden”, „Aerztefingern”) gewisse Krankheiten (Geschwülste, Geschwüre) zu verscheuchen (solche Wunder verrichtete namentlich König Olaf). Mindestens seit dem 10. Jahrhundert nahmen gewerbsmäßige, empirisch gebildete Aerzte, d. h. Wundärzte, die wichtigste Stelle ein, welche sie auch dann nicht einbüßten, als Kleriker (Benediktiner) in beschränktem Kreise die Heilkunst ausübten und die Mönchsmedizin des frühen Mittelalters nach dem Norden verbreiteten. In den Bischofsagen findet der Sprößling einer alten isländischen wundärztlichen Familie, ~Rafn Sveinbjörnsen~ († 1203), als „tüchtigster” Arzt rühmende Erwähnung unter Anführung seiner wunderbaren Heilerfolge[51]. Späterhin mögen sich hie und da auch ausländische Aerzte im Norden niedergelassen haben, wenigstens als Leibärzte (so wird z. B. in einer Urkunde vom Jahre 1313 als Leibarzt des Königs Hakon in Norwegen Raimund Calmeta genannt); umgekehrt wieder zogen in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters junge Leute (sicher aus Dänemark) nach Paris, Montpellier oder Bologna, um daselbst ärztliche Ausbildung zu erlangen. Daß sich endlich auch Barbiere und Bader mit Aderlassen, Schröpfen, der Behandlung von Beinbrüchen und Verrenkungen abgaben, sei der Vollständigkeit halber angeführt[52].

[50] Hilfrunen sollst du lernen, wenn du helfen willst und Weiber entbinden; in der Handfläche sollen sie gezeichnet werden, und man soll um das Handgelenk fassen, und die Götter um Hilfe flehen. Zweigrunen sollst du lernen, wenn du willst Arzt sein und Wunden zu beurteilen verstehen; auf Rinde soll man sie ritzen und ins Holz des Baumes, dessen Zweige sich gegen Osten neigen.

(Die Lieder der älteren Edda, herausgegeb. v. Gering, pag. 320.)

[51] Derselbe machte übrigens mehrere Reisen ins Ausland (darunter England, Frankreich, Italien, Spanien). Die von ihm berichteten Kuren bestanden in der Behandlung durch Aderlaß, Brennen und Operationen. Unter letzteren ist auch der Steinschnitt beschrieben nach dem sog. Celsusschen Verfahren, das der Isländer gewiß in der Fremde kennen gelernt hatte.

[52] Bemerkenswert ist es, daß im altschwedischen Landschaftsgesetze (Södermannalagen, Uplandslagen) definiert wird, welche Personen als legitime Aerzte anzusehen sind: „Wenn ein Mann einem anderen Wunden zufügt, soll er ihm drei gesetzmäßige Aerzte anbieten, von welchen er den einen, den er wünscht, wählen kann. Gesetzmäßiger Arzt heißt derselbe, der eine mit Eisen gehauene Wunde, einen Beinbruch, eine durchdringende Wunde, das Abhauen eines Gliedes, eine durchgestochene Wunde mit zwei Oeffnungen geheilt hat”. Von ärztlichem Honorar (Naturalien), von der Berechtigung der Barbiere zur Ausübung des Aderlasses, von Badestuben handeln schon früh gesetzliche Bestimmungen der Schweden und Norweger.

Wie sich aus den zugänglichen Quellen ergibt, war eine ganze Reihe von inneren Krankheiten bekannt und die Zahl der dagegen angewendeten Mittel nicht gering (vgl. Grön, l. c.), von größerem Interesse ist es aber, daß die Chirurgie eine verhältnismäßig hohe Stufe erreichte. Bei der Behandlung der Wunden spielte die Reinigung derselben, die Untersuchung durch Inspektion und Palpation, mittels der Sonde (schon in Gesetzbüchern des 12. Jahrhunderts erwähnt), die Blutstillung (Tamponade mit Leinwandzapfen, Kompresse, Glüheisen, Naht), die Anwendung von Salben, Pflastern und Verbänden die wichtigste Rolle; dasselbe gilt von der Behandlung der Geschwüre. Die Ausführung des Aderlassens und Schröpfens findet häufige Erwähnung, desgleichen die Extraktion von Pfeilspitzen und die Einrichtung von Knochenbrüchen (Schienenverbände); besonders auffallend sind aber jene Angaben, aus denen die Verwendung von Prothesen (Stelzfuß, Krücken) hervorgeht.

Die älteste medizinische Schrift des Nordens ist das dänische Arzneibuch des ~Henrik Harpestreng~ († 1244), welcher Kanonikus in Roeskilde, vielleicht auch königlicher Leibarzt war. Es besteht aus zwei Kräuterbüchern, die hauptsächlich auf Macer Floridus beruhen, und einem Steinbuch, das eine Bearbeitung von Marbods Lapidarius darstellt. Gleichen Charakter besitzen die in der Folge auftauchenden dänischen, isländischen, norwegischen, schwedischen (10) Arzneibücher (Kräuter- und Steinbücher), welche hauptsächlich aus der Literatur der Mönchsmedizin, der Salernitaner und der scholastischen Enzyklopädisten geschöpft sind, aber durch Verquickung mit der heimischen Volksmedizin auch den lokalen Verhältnissen Rechnung tragen. Seit dem Ende des 13. Jahrhunderts dürften übrigens auch einige Autoren des Hochmittelalters (Bernard de Gordon, Bruno de Longoburgo u. a.) im Norden bekannt geworden sein.

Im Jahre 1477 wurde die Universität Upsala gestiftet, welche aber für die Mediziner lange keine Bedeutung hatte, im Jahre 1478 die Universität Kopenhagen.

Wenn man nach dieser Abschweifung auf die abendländische Heilkunde des späteren Mittelalters zurückblickt, so ergibt sich, daß sie in ihrer höchsten Entfaltung bloß einen Abklatsch der arabischen Medizin darstellt, eine Kopie, in welcher die zahlreichen Mängel der Vorlage nur noch gröber hervortreten, während die spärlichen Vorzüge derselben beinahe ausgelöscht sind.

Die spätmittelalterliche Medizin ist ein System, das durch strenge Einheitlichkeit und konsequenten logischen Aufbau äußerlich imponiert, aber seinem realen Werte nach zum großen Teile nicht viel mehr bedeutet als ein in Formeln gebrachtes Nichtwissen.

Die Anatomie beruhte statt auf wirklicher Untersuchung lediglich auf den ungeprüft hingenommenen, halbwahren oder falschen Angaben aristotelisch-galenischer Schriften. Die Physiologie setzte sich aus Fiktionen zusammen, welche die Alten ausgeheckt, die Araber und Scholastiker immer subtiler weitergesponnen hatten. Die allgemeine Krankheitslehre verharrte auf dem Standpunkte der Qualitätendoktrin, der extremsten Humoralpathologie. Die spezielle Pathologie -- ohne ein anderes Einteilungsprinzip als das grob topographische a capite ad calcem zu kennen -- machte bloß vereinzelte und geringe Fortschritte, da nicht so sehr die unbefangene Schilderung der Symptomenkomplexe als die Unterbringung der Krankheit im herkömmlichen Schema das Hauptziel bildete.

Die Materia medica gebot über eine Unmenge von Substanzen, die mit pseudowissenschaftlicher Exaktheit nach Elementarqualitäten und Graden klassifiziert waren, deren Wirksamkeit aber nur die autoritative Ueberlieferung, nicht die frische kritische Erfahrung verbürgte. Die Therapie stützte sich blindgläubig auf die theoretischen Prämissen, aus denen die Behandlung des konkreten Einzelfalles geradezu mechanisch deduziert wurde; sie legte zwar viel Gewicht auf diätetische Verordnungen, artete aber in eine unglaubliche Polypharmazie aus und fröhnte übermäßig den blutentziehenden Methoden.

Bar jedes wahren Individualismus, unberührt von skeptischen Anwandlungen, bewegte sich das Denken und Handeln des mittelalterlichen Arztes in dem starren Gleis der Tradition -- nicht die Beobachtung, sondern einzig der gelehrte Pedantismus diente zur Führung.

Die Tätigkeit am Krankenbette leitete sich mit der Aufnahme einer überaus eingehenden Anamnese ein, welche das Alter, das Geschlecht, den Beruf, die Lebensweise des Patienten, die subjektiven Empfindungen und deren Sitz, die Ursache, Dauer, Verlaufsweise der Krankheit und vieles andere durch methodisches Fragen zu ermitteln suchte. Mit der Erhebung der Anamnese verband sich die Inspektion (Habitus, Hautfarbe etc.), eventuell die Palpation. Die äußerst subtile Untersuchung des Pulses bildete den Höhepunkt, die Besichtigung der Sekrete und Exkrete (des Expektorierten, Erbrochenen, des Harns, der Fäzes[53] u. a.) den Abschluß des objektiven Krankenexamens. Hauptaufgabe war es, aus prognostischen und therapeutischen Gründen, die Komplexion und den Kräftezustand des Kranken, die Funktionsstörungen und den Sitz derselben, die dem Leiden zugrundeliegende Dyskrasie zu bestimmen.

[53] Außer den medizinischen Handbüchern handeln in spezialistischer Weise eigene Traktate über die Untersuchung des Harns und der Exkrete (de egestione).

Unter den diagnostischen Methoden war die Harnschau, die ~Uroskopie~, am feinsten ausgebildet und spielte eine besonders wichtige, um nicht zu sagen, die wichtigste Rolle[54].

[54] Wie aus alten bildlichen Darstellungen erhellt, war das kelchartige ~Harnglas~, das •„Urinal”•, geradezu das ~Emblem der ärztlichen Kunst im Mittelalter~, und wiewohl die medizinischen Autoritäten davor warnten, stützten die Praktiker ihre Diagnose und Behandlung oft ganz einseitig allein auf die Harnschau. Die ärztliche Konsultation bestand nicht selten nur darin, daß das „Wasser” des Patienten durch einen Boten zur Besichtigung überbracht wurde. Die Unsicherheit der Methode eröffnete begreiflicherweise der Scharlatanerie, ja den plumpsten Betrügereien Tür und Tor; lügenhafte Harnpropheten erweckten und verstärkten beim Volke stets aufs neue den Glauben, daß der Kundige aus dem Harn alles ersehen könne. Mancher tüchtige, aufgeklärte Arzt mag, gegen seine eigene Ueberzeugung, nur unter dem Drucke der schwindelhaften Konkurrenz, den Schwächen des Publikums entgegengekommen sein. Insbesondere in Deutschland war der Glaube an die Harnschau tief eingewurzelt, so daß „kluge” Praktiker (z. B. in Frankfurt) ein Harnglas als Aushängeschild gebrauchten.

Vgl. S. 304, 309, 314. In Handschriften des 14. und 15. Jahrhunderts finden sich ~kolorierte~ Abbildungen, welche über die Uroskopie (Urocritica), soweit sie sich auf die ~Farbe des Urins~ stützte, orientieren. Es sind dies die sog. ~Harnglasscheiben~ (Harnschauscheiben, Harnglastafeln), vgl. Sudhoff, Tradition und Naturbeobachtung (Studien zur Geschichte d. Mediz., Heft 1), Leipzig 1907, Tafel I zeigt beispielsweise eine solche Harnglasscheibe, die im Cod. lat. 11229 der Pariser Nationalbibliothek (um 1400) enthalten ist. Man sieht an einem zentralen Baume sieben runde Scheibchen an Stamm und Aesten postiert, um diese gruppieren sich im Kreise 20 Harngläser, jedes mit entsprechend gefärbtem Inhalt und mit einer Legende im Kreisausschnitt. Der Text beginnt folgendermaßen: Ex coloribus urine sunt gradus citrinitatis sicut paliaris citrinus post flavus deinde rufus postea citrangularis postea igneus qui tincturae croceae assimilatur. Et saepe quidem est vehementer citrinus post croceus qui assimilatur capillis safrani. Et iste est quem vocant rubeum clarum. Omnes autem qui sunt post citrinum significant caliditatem ... Die Typen der Harnglasscheiben und ihre Begleittexte differieren in den Handschriften nicht unbedeutend. Aus der Farbe des Harns wurde auf das Vorherrschen einer der vier Qualitäten bezw. Kardinalsäfte oder, wie aus den Legenden der Harnglasscheiben zu ersehen ist, auf den ~Grad der Kochung~ (digestio) der Säfte geschlossen. Vgl. Vieillard, L'urologie et les médicins urologues, Paris 1903.

Die Behandlung war teils eine ~hygienisch-diätetische~, teils eine ~medikamentös-chirurgische~. Sie beruhte auf den ätiologischen, pathogenetischen Ideen ~der Elementarqualitätentheorie, der Humorallehre~[55] und hatte das ~Contraria contrariis~ zum obersten Leitprinzip. Das Maß für das therapeutische Handeln bestimmten die individuellen Verhältnisse des Patienten.

[55] Vgl. zu dem folgenden die Grundprinzipien der galenischen Therapie, auf welche (durch das Medium der arabischen) die gesamte spätmittelalterliche Behandlungsweise zurückzuführen ist.

In der Sprache der mittelalterlichen Medizin ausgedrückt, kamen folgende Momente für die Therapie in Betracht: 1. die (7) ~res naturales~ (Elemente, Temperamente, Kardinalsäfte, Körperteile, Kräfte, Funktionen, Lebensgeister), d. h. die anatomisch-physiologischen Verhältnisse bezw. deren Störungen, 2. die (6) ~res naturales~ (Luft, Getränke und Speisen, Bewegung und Ruhe, Schlaf und Wachen, Exkretion und Retention, Affekte) und deren (5) Adnexe (Jahreszeit, Klima, Geschlechtsleben, Beruf und Lebensweise des Patienten, Bäder), d. h. die hygienisch-diätetischen Verhältnisse, 3. die (3) ~res praeternaturales~ (Krankheiten, die Ursachen und Zeichen derselben), d. h. die pathologischen Zustände im engeren Sinne des Wortes.

Ungemein sorgfältige, die feinsten Einzelheiten berücksichtigende hygienisch-diätetische Vorschriften[56] bildeten stets ein Hauptstück der ärztlichen Verordnungen, ja bisweilen bestand die ganze Therapie darin. In der Regel wurde aber von den Arzneimitteln nur allzu oft und allzu reichlich Gebrauch gemacht -- unterließ es denn auch kein bedeutender Autor, seinem Werke ein Antidotarium anzuhängen[57]. In der Rezepttherapie überwogen nach arabischem Muster weitaus die kompliziertesten Arzneikompositionen -- Simplicia kamen verhältnismäßig selten zur Verwendung, --, was nicht überrascht, wenn man sich vor Augen hält, welche Fülle von Indikationen jeder einzelne Fall infolge der damaligen höchst verwickelten Krankheitsauffassung darbot. Hatte man doch -- um nur einiges hervorzuheben -- die bestehende Intemperies je nach ihrer Elementarqualität zu bekämpfen, die abnorme Menge oder Mischung der Säfte durch Verdünnung, Zerteilung, Purifizierung, durch Ableitung oder Ausleerung zu beseitigen, neben den allgemeinen lokale Wirkungen auszuüben, wobei die gesamte Komplexion und der Kräftezustand des Patienten, das Temperament des erkrankten Organs u. s. w. zu beachten und in der Rezeptierung noch überdies pharmazeutische Momente in Rechnung zu ziehen waren. Zur Erfüllung der vielen Bedingungen bot die fiktive aber streng systematische Arzneimittellehre -- mit ihren so zahlreichen und so vielfach differenzierten, nach Qualitäten und Graden gruppierten Heilstoffen -- anscheinend genügende Handhaben[58].

[56] Diese Vorschriften bezogen sich -- unter Vermeidung einer allzu brüsken Aenderung der bisherigen Lebensweise -- auf den Aufenthaltsort (Lüftung, Temperatur, Räucherung des Krankenzimmers -- Klimawechsel), die Bettruhe oder die Leibestätigkeit des Patienten, die Wahl und Zubereitungsweise seiner Nahrung, die psychische Beeinflussung u. s. w. Wie pedantisch genau -- im Geiste der Qualitäten- und Säftelehre -- namentlich die ~Krankenküche~ geregelt wurde, ersieht man aus den meisten Konsilien.

[57] Anweisungen zur Arzneibereitung waren schon deshalb nötig, weil nur in den größeren Städten Apotheken bestanden und somit die Bereitung der Heilmittel häufig noch von den Aerzten selbst vorgenommen werden mußte.

[58] Vgl. S. 370. Die Aerzte schrieben noch keine Rezepte, sondern gaben die einzelnen Bestandteile ihrer Arzneiverordnungen dem Apotheker ~mündlich~ an; dem Kranken reichten sie selbst die Arzneien in Bechern aus Zinn oder Silber, die nach dem Gebrauch in die Apotheke zurückgestellt wurden.

Von den Arzneiformen war die Potio, der Arzneitrank[59], am meisten beliebt, unter den Mitteln standen, entsprechend der Humoralpathologie, die ~Emetica~, ~Laxantia~ und ~Purgantia~[60] im Vordergrunde. Kamen diese in Betracht, wenn man auf den Schleim, die gelbe und schwarze Galle einzuwirken beabsichtigte, so diente vornehmlich zur quantitativen und qualitativen Verbesserung des Blutes die ~Venäsektion~.

[59] Auch ~Latwergen~ und ~Pillen~. Den ~Syrupen~ wurde gemäß den arabischen Doktrinen die Wirkung zugeschrieben, daß sie die „Kochung” der Säfte befördern.

[60] Auch in Form von Suppositorien und Klysmen.

Die Vorschriften über die Anwendung des Aderlasses, der ~Phlebotomia~, nehmen in der medizinischen Literatur des Mittelalters einen bedeutenden Raum ein -- entsprechend der besonderen Wertschätzung, der sich dieses Heilverfahren erfreute --, sie zeigen aber bei den einzelnen Autoren nicht unerhebliche Abweichungen von einander, was sich daraus leicht erklärt, daß schon die grundlegenden galenischen, noch mehr die arabischen Angaben an Klarheit viel vermissen ließen und daher den spitzfindigsten Interpretationen Tür und Tor öffneten. Die Hauptregel, durch die ~Aderlässe~ bloß ~überschüssiges Blut~ (und überschüssige Säfte, in denen das Blut vorherrscht) zu entziehen, ~verdorbene Säfte~ dagegen durch ~Purgation~ zu beseitigen, wurde nicht ausnahmslos eingehalten, insofern man in gewissen Fällen auch beim quantitativen Vorherrschen eines der drei anderen Säfte, z. B. der schwarzen Galle oder zur Verhütung der Putreszenz der Säfte oder zur Evakuierung der reifen Krankheitsmaterie überhaupt (gleichgiltig welchen humoralen Ursprungs), die Venäsektion vorzunehmen pflegte. Außer zur Korrektion der Säfteanomalien wurde der Aderlaß auch ausgeführt, um das erhitzte Blut zu kühlen, um die Materia peccans von einem Körperteil nach einem anderen abzuleiten, um Blutflüssen (z. B. Hämoptoë, Hämorrhoiden) zu begegnen oder umgekehrt, um stockende Menses hervorzurufen. Es gab somit nur wenige Krankheitszustände, bei denen nach den damaligen pathologischen Ansichten der Aderlaß unter Umständen nicht am Platze gewesen wäre, ja nicht selten wurden im Verlaufe einer und derselben akuten Affektion zu wiederholten Malen beträchtliche Blutentziehungen angeordnet. Nicht minder zahlreich wie die Indikationen waren aber auch die Kontraindikationen für den Aderlaß; in dieser Hinsicht spielten Klima, Jahreszeit, Windesrichtung und Tagesstunde, Alter, Geschlecht, Komplexion, Lebensweise und Kräftezustand des Kranken, die Gefährlichkeit und das Stadium der Krankheit die wichtigste Rolle. Bemerkenswert ist es, daß der ~Revulsion~ (d. h. der Venäsektion an einer von der leidenden entfernten Stelle) gegenüber der Derivation (Venäsektion in der Nähe des Krankheitssitzes)[61] der Vorzug gegeben wurde, und daß man den Aderlaß viel seltener auf der erkrankten als ~auf der entgegengesetzten Körperseite~ machte.

[61] Die Derivation wurde z. B. bei Entzündungen, wo der Prozeß bereits fixiert zu sein schien, und bei chronischen Affektionen angewendet.

Ueber das Regime des Patienten vor und nach dem Aderlaß, über die Technik der Venäsektion (Schnittrichtung) u. s. w. finden sich in der Literatur detaillierte Vorschriften, das größte Gewicht legte man aber auf den Ort des Aderlasses, auf die richtige ~Wahl der Vene~. Auf Grund der Gefäßlehre Galens, der in höchst phantastischer Weise nicht nur den Ursprung und Verlauf, die Verbindungen, sondern auch die Beziehungen der Blutadern zu gewissen Organen (Consensus) doktrinär erörterte, hatte sich nämlich allmählich ein ganzes System herausgebildet, gemäß welchem je nach dem Sitze der Affektion, je nachdem man eine allgemeine oder lokale Wirkung erzielen wollte, die eine oder andere Vene geöffnet werden sollte[62]. Die Autoren zählen gewöhnlich 26-28 (aber auch mehr) Venen auf, nebst Angabe der Körperteile, mit denen sie direkten oder indirekten Zusammenhang besitzen sollten[63]. Auf den Kopf allein entfallen 13 Blutgefäße, von den Venen der oberen Extremität kamen besonders die Cephalica, Mediana, Basilica, der als Funis brachii bezeichnete innere Zweig der V. cephalica, und die V. salvatella in Betracht, von den Venen der unteren Extremität vorwiegend die Poplitaea, die Saphena major, die sogenannte V. sciatica (V. saphena externa). Manche Handschriften enthalten eine anschaulich orientierende •Aderlaßstellenfigur• (Venenmann) mit erklärendem Text. Vgl. auf Tafel II die Reproduktion der Aderlaßstellenfigur aus Cod. lat. 11229 der Pariser Nationalbibliothek. Die Legende lautet: Omnes venae capitis incidendae sunt post comestionem excepta sola vena, quae est sub mento. -- Si dolor capitis sit causa in essentia sicut humore vel apostemate vel vulnere quod maxime cognoscitur si dolor est continuus. Videndum est an humor sit in causa, an colera vel sanguis, aut flegma vel melancolia. -- Omnes vene manuum post comestionem inciduntur, cephalica, mediana, epatica. -- Omnes venae pedum et crurium post comestionem sunt minuendae.

[62] Besonders hatten Mesuë und Serapion d. Aelt. und, ihnen folgend, Rhazes und Avicenna zum Ausbau dieses Systems beigetragen, aber in Einzelheiten herrscht bei den Autoren keine Uebereinstimmung, sondern eine unglaubliche Konfusion, wie dies ja bei den ganzen fiktiven Grundprinzipien nur zu begreiflich ist.

[63] So hat man die V. cephalica geschlagen bei Leiden des Kopfes, die V. mediana bei Anomalien des Herzens und Störungen der Lebensgeister, sowie in der Absicht, eine Repletion des ganzen Organismus herbeizuführen, die V. basilica (zumeist der linken Seite) bei Leiden des Unterleibs, die V. salvatella (namentlich der linken Hand) bei Milzleiden, die V. saphena bei Pleuresie, Krankheiten der Niere, Blase und Gebärmutter, die V. poplitaea zu gleichem Zwecke und noch außerdem zur Hervorrufung der Menses, die V. sciatica bei Gelenkschmerzen u. s. w. -- Bei Leiden des Kopfes, der Augen u. s. w. wurde zuerst die V. cephalica geöffnet, später erst kamen die entsprechenden Blutadern des Kopfes „Venae particulares” an die Reihe, um nämlich dem Blutstrom vorerst eine vermeintlich andere Richtung zu geben und sodann das örtliche Uebel direkt zu bekämpfen.

Mit dem Aderlaß gehörten in die gleiche Gruppe der Heilverfahren: die ~Arteriotomie~ (nur ausgeführt an den Schläfen und hinter den Ohren), das ~Schröpfen~ (mit oder ohne Skarifikation), als Ersatzmittel der Venäsektion (~Vicarius phlebotomiae~), das Ansetzen von Blutegeln, die Applikation von ~Kauterien~ (auch dafür waren bestimmte Körperstellen vorgeschrieben, worüber eigene Figuren orientieren), Vesikantien, Haarseilen. Alle diese Methoden wurden im Sinne der Humoralpathologie zur Behebung der quantitativen oder qualitativen Säfteanomalien, zur Ableitung oder Ausleerung der Materia peccans angewendet.

Ist es für die Medizin des späteren Mittelalters schon bezeichnend, daß die ~Uroskopie~ beinahe die wichtigste diagnostische Methode, die ~Purgation und Phlebotomie~ die souveräne Behandlungsweise bildete, so erhält sie doch ihr eigentlich charakteristisches Gepräge dadurch, daß auch die besten ihrer Vertreter dem ~Aberglauben in der Therapie~ allzu weitgehende Konzessionen machten und namentlich, daß die ~Astrologie~ das gesamte ärztliche Denken und Handeln immer mehr in ihren Zauberkreis zog[64].

[64] Die ~Astrologie~ galt allgemein als exakte Wissenschaft, und die Stimmen der Wenigen, welche sich gegen den Wahn erhoben (z. B. der Kanzler der Pariser Universität ~Gerson~, der deutsche Theolog und Astronom ~Heinrich von Langenstein~ u. a.), verhallten wirkungslos. -- Die ~Alchemie~, welche seit dem 13. Jahrhundert trotz des Einspruchs einzelner großer Denker, trotz des kirchlichen Verbots (Papst Johann XXII.) immer eifriger betrieben wurde, hatte verhältnismäßig nur geringe Bedeutung für die Medizin, abgesehen von den betrügerischen Ausschreitungen.

Ueber die Anempfehlung von ~Beschwörungsformeln~ und ~abergläubischen Heilgebräuchen~ wurde bei den bedeutenderen Autoren das Nötigste gesagt.

Die ~Astrologia medica~, welche in Ptolemäus und den Arabern ihre Hauptquellen besaß, hatte sich zu einem höchst komplizierten System entwickelt, das im späteren Mittelalter geradezu despotisch die Prognostik und Therapie beherrschte (vgl. zur Orientierung V. Fossel, Studien z. Gesch. d. Med., Stuttgart 1909, p. 1-23). Entsprechend der Lehre von der Korrespondenz zwischen Makrokosmus und Mikrokosmus wurden die Komplexionen, die Kardinalsäfte, die Körperteile, die Entstehung und der Verlauf der Krankheiten, die Heilsubstanzen und deren Wirkung mit den ~7 Planeten~ (zu denen Sonne und Mond zählten) bezw. mit der Stellung der Wandelsterne (Konjunktion, Opposition, Quadratur u. s. w.) zueinander und zu den ~12 Zeichen des Tierkreises~ in Relation gebracht[65]; jedes der letzteren beherrscht eine Region des menschlichen Leibes, Haupt und Antlitz gehören dem Widder, Hals und Kehle dem Stier, Arme und Hände den Zwillingen, der Krebs regiert die Brust, der Löwe den Magen und die Nieren, die Jungfrau die anderen Eingeweide, der Wage unterstehen das Rückgrat und Gesäß, dem Skorpion die Weichen und die Schamglieder, dem Schützen die Hüften und Schenkel, über die Kniee hat der Steinbock Gewalt, über die Schienbeine der Wassermann, den Fischen endlich sind Knöchel und Fußsohle kongruent. Inwiefern die Diagnostik, Krankheitsvorhersage und Behandlung von der Konstellation abhing[66], kann hier nicht im einzelnen auseinandergesetzt werden, nur so viel sei gesagt, daß der Mond wohl die bedeutendste Rolle in der Astrologia medica spielte, und daß sogar der Gebrauch der Brechmittel und Abführmittel[67], namentlich aber der Aderlaß nach siderischen Gesetzen geregelt war (gute, schlimme, indifferente Aderlaßtage).

[65] Saturn herrscht über das rechte Ohr, die Milz, Harnblase, Vorderarm und Schienbein; Jupiter unter anderem über Lunge, Leber und Füße; Mars über das linke Ohr, die Adern und Geschlechtsteile; die Sonne über die rechte Körperseite, das Herz u. s. w.; Venus über den Hals, das Abdomen und die Fleischteile im allgemeinen; Merkur über Arme, Hände, Schultern und Hüften; der Mond über die linke Körperhälfte, den Magen u. s. w. Das Blut ist dem Regiment des Jupiter und der Venus, die schwarze Galle dem Saturn, die gelbe Galle dem Mars, der Schleim dem Monde unterstellt. -- Saturn bringt die langwierigen, Jupiter die kurzdauernden, Venus die mittleren, die Sonne die allerkürzesten Krankheiten, Merkur die variierenden, der Mond die remittierenden Leiden hervor. Sonne und Mars verursachen die aus der Hitze stammenden, Venus und Saturn die aus der Kälte stammenden, Jupiter die durch Blutfülle bedingten Krankheiten, Merkur die Geistesstörungen, der Mond die Nervenleiden. -- Jedes Zodiakalzeichen besitzt wie jeder der Planeten eine eigene Qualitätsmischung, worin eben die Ursache seiner spezifischen Influenz auf den Mikrokosmus liegt.

[66] Auch in der Aetiologie, besonders der Seuchen, wurde der Astrologie eine wichtige Rolle zugeteilt. So leitete z. B. selbst ein Guy de Chauliac den schwarzen Tod hauptsächlich von einer ungünstigen Konstellation der Gestirne her.

[67] Brechmittel sind am meisten wirksam, wenn sich der Mond in einem retrograden Zeichen, z. B. im Krebs, bewegt, abführende Arzneien sind kontraindiziert, wenn der Mond in einem rückläufigen oder wiederkäuenden Zeichen (Widder, Stier und Steinbock) steht.

In dieser Hinsicht galt es vor allem als Grundsatz, den Aderlaß zu vermeiden, wenn der Mond in jenem Zeichen des Tierkreises steht, welches den betreffenden Körperteil regiert, so z. B. hielt man es für kontraindiziert an Armen und Händen zu venäsezieren, wenn der Mond sich im Zeichen der Zwillinge bewegt[68]. Manche Handschriften enthalten entsprechende Abbildungen, den •„Tierkreiszeichenmann”• mit zugehörigen Aderlaßverboten (vgl. Tafel III, wo eine solche Figur mit begleitendem lateinischem Text aus einer in Cambridge [Trinity College] vorhandenen Handschrift [um 1420-1430] reproduziert ist). In der Folge wurde gewöhnlich die Aderlaßstellenfigur in verschiedener Weise mit dem Tierkreiszeichenmann kombiniert und damit der Typus für den „Aderlaßmann” geschaffen[69], wie er sich in den später durch die junge Buchdruckerpresse massenhaft erzeugten „Laßzetteln”, Kalendern, Praktiken u. s. w. findet.

[68] Außerdem kam die Beziehung der Elementarqualität des Tierkreiszeichens zur Komplexion des Patienten in Betracht. Der Mondstand im Zeichen der Zwillinge, der Wage und des Wassermanns (Signa calida et humida) war am günstigsten für die Vornahme der Venäsektion, wenn es sich um einen Sanguiniker handelte, hingegen kamen für den Choleriker die Zeichen des Widders und Schützen (Signa calida et sicca), für den Melancholiker die Zeichen der Jungfrau und des Stiers (Signa frigida et sicca), für den Phlegmatiker die Zeichen des Krebses, des Skorpions und der Fische (Signa frigida et humida) als günstigste in Betracht.

[69] Vgl. über die Entwicklung der Aderlaßfiguren- und Tierkreiszeichengraphik sowie ihre Beziehung zu den frühesten anatomischen Abbildungen Sudhoff, Tradition und Naturbeobachtung (Leipziger Studien zur Gesch. d. Med. Heft 1), Leipzig 1907.

Wer die mittelalterliche Krankheitslehre und Therapie nicht bloß in den Hauptzügen, sondern in allen Einzelheiten wirklich erschöpfend verstehen will, wer in die damalige Behandlungsweise eines komplizierteren speziellen Falles tiefer einzudringen sucht, stößt auf manche unerwartet große Schwierigkeiten, da ihm eine ganz fremdartige Geisteswelt von reicher Tradition, von unglaublicher Subtilität des Denkens entgegentritt. In den Schwierigkeiten, die dem modernen Leser erwachsen, liegt schon ein Maßstab dafür, welch hohe Anforderungen man an die Belesenheit, an die begriffliche Kombinationsgabe, an den interpretatorischen Scharfsinn des wissenschaftlich vollwertigen Arztes stellte, Anforderungen, denen nur durch lange, planmäßig betriebene Geisteszucht entsprochen werden konnte. Und in der Tat war das ~medizinische Unterrichtswesen~ an den Universitäten darauf angelegt, Gelehrsamkeit zu züchten, logische Meisterschaft zu erwecken, machten doch neben dem ~Tradieren und Kommentieren~ der kanonischen ~Schriften~ die ~Disputierübungen~ -- förmliche Redeturniere -- den wichtigsten Bestandteil des Lehrplans aus. Hingegen wurde in maßloser Ueberschätzung der Litera scripta und des abstrakten Denkens, im Glauben, daß die autoritative Literatur einem völlig abgeschlossenen, unumstößlichen Gesetzeskodex gleich zu achten sei, die Erziehung zur Anschauung und selbständigen Beobachtung verabsäumt, ja man kann sagen, der Jünger empfing wohl die Anleitung, fremde Meinungen in sich denkend zu verarbeiten und vom Standpunkte oberster Prinzipien die Einzelerscheinungen a priori zu konstruieren, nicht aber die realen Dinge zu zergliedern, die Welt der Erfahrung aufzufassen. Höchstens außerhalb der Universität, die ja mit den Spitälern noch nicht die mindeste Verbindung hatte, waren für das individuelle Streben und den Privatfleiß -- unzulängliche und schwankende -- Bedingungen gegeben, unter fachmännischer Aufsicht am Krankenbette die Sinnestätigkeit einigermaßen zu üben.

Unter den Fehlern und Verkehrtheiten des medizinischen Studienbetriebes litt am meisten der ~Unterricht in der Anatomie und in der ärztlichen Praxis~.

Die Anatomie wurde hauptsächlich nach Büchern tradiert, wozu eventuell Erläuterungen an Zeichnungen und Abbildungen hinzukamen[70], die Sektionen bildeten keineswegs die Basis, sondern bloß eine gelegentliche, mehr dekorative als erkenntnisbringende Ergänzung der theoretischen Vorträge. Zergliederungen von Tieren (Schweinen, Hunden u. s. w.) blieben noch immer das wichtigste Mittel des praktischen Unterrichts in der Anatomie, auch nachdem die Eröffnung menschlicher Kadaver (Verbrecherleichen) prinzipiell gestattet worden war, da allerlei einschränkende behördliche Verordnungen die tatsächliche Verabfolgung des Leichenmaterials ungemein erschwerten. Selbst an den begünstigsten Lehrstätten Italiens, wie in Bologna und Padua, dürften kaum, wie es nach den Statuten der Fall sein sollte, alljährlich eine männliche und eine weibliche Leiche zergliedert worden sein, und an nichtitalienischen Universitäten, wo die praktische Anatomie schon Fuß gefaßt hatte, wie z. B. in Wien, vergingen oft viele Jahre, bis sich Gelegenheit zur Vornahme einer Sektion bot[71]. Eine solche Schulanatomie (Anatomia publica) war daher stets mit dem Nimbus eines sensationellen, ganz außerordentlichen Ereignisses umgeben, an welchem nebst den Doktoren, Chirurgen und Apothekern ein immer weiter gezogener Kreis von Studierenden[72], manchenorts sogar ein nichtfachmännisches, aus Gelehrten (Artisten) und Standespersonen bestehendes, Publikum teilnahm[73]. Die Sektionen fanden meist um Weihnachten oder in den Fasten statt, dauerten gewöhnlich 3-8 Tage und wurden unter freiem Himmel, in einer unbenutzt stehenden Kapelle, in einem Spitalraum, in einem Hörsaal oder in eigenen Baulichkeiten abgehalten. Es war aber nicht allein die Seltenheit, welche den Wert der Leichenzergliederung als Unterrichtsmittel beeinträchtigte, noch mehr trug dazu die kurz bemessene Zeit, die Flüchtigkeit und Unvollständigkeit der Ausführung, die Roheit der Technik bei; es handelte sich nicht um eigentliche Sektionen, nicht um Präparationen, sondern eher um Exenterationen, die mit primitiven Instrumenten vorgenommen wurden. Man folgte dem Beispiel des Mondino, begann mit der Eröffnung der Bauchhöhle, wobei zuerst die Schichten ihrer Wand, sodann die Organe des Abdomen besprochen, freigelegt und demonstriert wurden, hierauf folgte, stets von außen nach innen vordringend, die Anatomie der Brust und des Kopfes; den Beschluß sollten die Extrema ausmachen, worunter man alle Muskeln, Gefäße, Nerven und Knochen verstand, die bei den Höhlen keine Berücksichtigung gefunden hatten, doch scheint man gerade diesen letzten und wichtigen Abschnitt im Gange der Untersuchung zumeist nur in wenigen Worten abgetan oder ganz übergangen zu haben[74]. Skelette, ergänzende Präparate dürften bei der öffentlichen Anatomie nicht verwendet worden sein, wenigstens fehlt jeder Hinweis.

[70] Möglicherweise auch, wie schon im Altertum, Demonstrationen an nackten Personen.

[71] Freilich hatten in Wien die Baccalarien und Scholaren bereits 1435 vorgeschlagen, jährlich eine Anatomie zu veranstalten, aber nach der ersten 1404 stattgefundenen sind weitere nur für die Jahre 1418, 1444, 1452, 1455, 1459, 1493, 1498 bestimmt nachweisbar; eine im Jahre 1441 und 1491 beabsichtigte Anatomie mußte entfallen, weil das zur Sektion bestimmte justifizierte „subjectum” wieder zu sich kam. Aus den Akten ergibt sich, wie umständlich die Vorverhandlungen waren, welche die medizinische Fakultät mit dem Scharfrichter pflegen mußte, wie dieselben insgeheim betrieben wurden, wie man unter den in Betracht kommenden Delinquenten eine Auswahl traf, als ob es sich um Schlachtvieh gehandelt hätte. -- Viele Aerzte mögen die Schule verlassen haben, ohne die inneren Teile des Menschen aus eigener Anschauung kennen gelernt zu haben.

[72] Nach den Statuten von Bologna vom Jahre 1405 hatten bloß die im 3. Studienjahre stehenden Mediziner darauf Anspruch, der „Anatomie” beiwohnen zu dürfen, und auch von diesen sollten bloß 20 bei der Sektion einer männlichen, und 30 bei der Sektion einer weiblichen Leiche zugelassen werden, später gestattete man überall schon denen, welche das 1. Jahr zurückgelegt hatten, ja sogar den Erstjährigen den Zutritt.

[73] Studenten und Zuschauer mußten die beträchtlichen Auslagen für Instrumente, für Erwerbung, Transport, Herrichtung und Bestattung der Leiche u. s. w. bestreiten.

[74] Mondino und Guy de Chauliac deuten allerdings an, daß Muskeln, Knorpel, Gelenke, Bänder, Nerven, Gefäße u. a. an lange gewässerten, gekochten oder an der Sonne gedörrten Leichen studiert werden können, doch kam diese Methode der Schulanatomie kaum zugute.

Der Grundfehler des anatomischen Unterrichts lag darin, daß Theorie und Praxis völlig getrennt blieben, daß die Ausführung der Sektion und die wissenschaftliche Erörterung verschiedenen Personen zugeteilt war. Wie sich aus späteren Mitteilungen, am besten aber aus der Betrachtung von Abbildungen mittelalterlicher „Anatomien” ergibt (vgl. z. B. die Reproduktion einer solchen Darstellung bei Nicaise, Guy de Chauliac, Pl. III, p. 25), oblag es dem gelehrten Medicus den Text des Mondino zu interpretieren (und eventuell das Vorgetragene zu demonstrieren), die Zergliederung selbst wurde aber stets von einem Chirurgen (oder gar Barbier) vorgenommen[75]. Der Büchergelehrte, der das Wort führte und die Anweisungen gab, kannte die Dinge nicht, wie es unerläßlich ist, aus dem eigenen Gebrauch des Messers, und der Sekant wiederum besaß nicht genügende Kenntnisse, um die anatomischen Werke zu verstehen. Diese traurigen Verhältnisse, welche nur dazu dienen konnten, die alten galenischen Irrtümer zu konservieren, die Autorität des Pergameners in anatomischen Fragen zu befestigen[76], wurzelten in dem Abscheu der mittelalterlichen Aerzte vor allen manuellen Operationen[77] -- ein Vorurteil, das ja auch die Pflege der Chirurgie gänzlich ihren Händen entzog. Nicht genug, daß die schädliche Spaltung des Unterrichts diesen entwertete, wurde die für die Sektion ohnedies zu knapp bemessene Frist noch durch dazwischen geführte, die lächerlichsten Spitzfindigkeiten betreffende Disputationen bedeutend verkürzt!

[75] Der Professor ordinarius practicae oder theoricae erklärte den von einem Extraordinarius vorgelesenen Text, überließ aber die Durchführung der Sektion einem Chirurgen und den Hinweis auf das Erläuterte dem Demonstrator. Trotzdem in Italien die Wundärzte auf einer relativ hohen Stufe standen, genügten sie doch, wie der häufige Wechsel beweist, nur selten den Anforderungen. Außerhalb Italiens mag die Obduktion bisweilen eher eine Zerfleischung des Leichnams als eine kunstgerechte Zergliederung gewesen sein. Wie sah es erst mit den Demonstrationen der gelehrten Doktoren aus!

[76] Die Unfehlbarkeit Galens in der Anatomie ist von Nicolaus Florentinus vielleicht zuerst ausgesprochen worden.

[77] Dies gilt schon von den arabischen Aerzten, vgl. S. 166.

Die praktische Ausbildung am Krankenbette gehörte nicht zum Lehrplan der Universität als solcher und war daher den Zufälligkeiten des privaten Unterrichts preisgegeben, wenn auch ein überwachender Einfluß durch die ärztliche Zunft nicht gänzlich mangelte. Als Lehrling und Gehilfe erfahrener Aerzte hatte der Studierende der Medizin immerhin Gelegenheit, das Heilverfahren in der Privatpraxis oder in Spitälern kennen zu lernen, beziehungsweise nach erworbener Fertigkeit unter Verantwortung seines Mentors mit bedingter Selbständigkeit auszuüben[78]. Daß die Scholaren es an Eifer für diese Seite der ärztlichen Ausbildung übrigens nicht fehlen ließen, ja daß man ihrem Bestreben, möglichst früh in die Praxis einzutreten, Schranken setzen mußte, teils um pfuscherischen Neigungen, teils um der Vernachlässigung der theoretischen Studien entgegenzuwirken, beweisen die im Laufe der Zeit nötig gewordenen Bestimmungen mancher Fakultäten[79].

[78] Von den medizinischen Fakultäten wurde allgemein -- wenigstens späterhin -- bei der Zulassung zum Lizentiat sogar gefordert, daß der Kandidat unter fachmännischer Leitung fleißig Krankenbesuche gemacht habe, sei es in der Privatpraxis, sei es in Spitälern.

[79] Z. B. die Statuten von Wien, Köln, Ingolstadt. In Wien wollte die medizinische Fakultät 1455 die Krankenbesuche den Scholaren gänzlich verbieten, mußte sich aber auf Drängen derselben noch im gleichen Jahre zur Entscheidung herbeilassen, daß der Krankenbesuch allen denen gestattet werde, welche das 3. Studienjahr vollendet haben und sich zum regelmäßigen Besuch der Vorlesungen verpflichten.

Auch die Drogen und die Bereitungsweise der Arzneien kennen zu lernen -- ein wichtiges Erfordernis des damaligen Praktikers --, dazu bot nicht die Schule, sondern nur die Apotheke Gelegenheit, da der Universitätsunterricht in der Heilmittellehre in rein theoretischen Vorträgen bestand, höchstens manchmal durch botanische Abbildungen einige Anschaulichkeit gewann.

Der medizinische Unterricht trug also ein wesentlich theoretisches Gepräge, und wir können als typisch für denselben jene alten bildlichen Darstellungen betrachten, welche den Lehrer zeigen, wie er vom Katheder aus -- ein dickleibiges Buch vor sich -- das Wort führt, während die auf Bänken sitzenden oder in der Nähe stehenden Schüler aufmerksam zuhören oder fleißig Notizen machen. Vgl. z. B. die Miniaturen (30r, 39r, 503v, 587v, 608v) des aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts stammenden ~Dresdener Galenkodex~, welche überhaupt einen ausgezeichneten Einblick in die mittelalterlichen ärztlichen Unterrichtsverhältnisse und die ärztliche Tätigkeit gewähren[80]. Die Zahl der ordentlichen, besoldeten Lehrer (doctores regentes, lectores ordinarii) war meistens sehr gering[81], doch wurden sie in der Ausübung ihres Amtes durch die übrigen Mitglieder der Fakultät (außerordentliche Kollegien) und in begrenztem, streng vorgeschriebenem Ausmaß durch die Baccalarien unterstützt. Die Vorlesungen beruhten auf den Schriften der Alten, der Araber und der arabistischen Kommentatoren; die Behandlung des Gegenstandes bestand darin, daß der Lehrer das Buch abschnittsweise vorlas und an die Lektüre Wort- und Sacherklärungen, Erörterungen strittiger Fragen, eventuell Mitteilungen aus eigener Erfahrung knüpfte, schließlich eine kurze Zusammenfassung des Inhalts gab. Gewöhnlich wurde ein einzelnes Thema z. B. die Arzneimittellehre, die Fieberlehre, die spezielle Pathologie u. s. w. in abgerundeter Weise vorgetragen. Die Ergänzung der Vorlesungen bildeten die unter dem Vorsitz von Doktoren allwöchentlich abgehaltenen Disputationen; sie waren der Prüfstein der erworbenen Kenntnisse oder eigentlich mehr der dialektischen Gewandtheit.

[80] Miniaturen der lateinischen Galenos-Handschrift der Kgl. öffentlichen Bibliothek in Dresden, Db. 92-93 in phototypischer Reproduktion. Einleitung und Beschreibung von E. C. van Leersum und W. Martin, Leyden 1910. Die Amtstracht der Professoren der medizinischen Fakultät (des „Ordo gratiosus”) war durch die scharlachrote Farbe gekennzeichnet, sie bestand aus einem talarartigen Ober- und Unterkleid mit Hermelinbesatz und einem Barett; die Studierenden erscheinen (gewöhnlich mit Tonsur) in einfachem Ober- und Unterkleide; der Pedell ähnlich, das Zepter in Händen. -- Ordentliche Vorlesungen wurden täglich nur zwei (1-2 Stunden lang) gehalten, eine morgens und eine nachmittags. Die Unterrichtszeit erstreckte sich von Oktober bis Mai und war durch eine beträchtliche Zahl von „dies illegibiles” unterbrochen, d. h. Tagen, an denen nicht gelesen werden durfte.

[81] Der Titel „Professor” kam allmählich auf, an deutschen Universitäten erst im 16. Jahrhundert. An den italienischen Stadtuniversitäten wurden die ordentlichen Lehrer behördlicherseits besoldet, an den unter kirchlichem Einfluß stehenden Hochschulen bezogen sie ihr Einkommen aus geistlichen Pfründen. Damit hängt es zusammen, daß die Lehrpersonen wenigstens außerhalb Italiens in der Regel dem geistlichen Stande angehören (niedere Weihen), unverheiratet sein mußten. In Paris wurde das ~Zölibat~ der medizinischen Professoren erst im Jahre ~1452~ bei der Reorganisation der Universität durch den Kardinal d'Estouteville aufgehoben, in Heidelberg erst 1482. Freilich setzte man sich manchenorts über die strengen Bestimmungen hinweg und gewährte Pfründen gelegentlich an Bewerber, die nicht allen Vorschriften der kanonischen Gesetze zu genügen vermochten. -- Am geringsten war die Zahl der medizinischen Professoren an den deutschen Universitäten, dort gab es meistens nur zwei (einen für die „Theorica” und einen für die „Practica”), höchstens drei.

Das Herkommen, die Nachahmung bewährter Beispiele und statutenmäßige Bestimmungen brachten den Studiengang und das Prüfungswesen nach und nach überall in eine feste Ordnung, so daß die einzelnen medizinischen Schulen am Ausgang des Mittelalters -- entsprechend den gemeinsamen pädagogischen Prinzipien -- in ihrem Lehrplan und in ihren wissenschaftlichen Anforderungen vielfach übereinstimmten, freilich ohne völlige Identität zu erreichen. Was die Wahl der für den Unterricht benützten Autoren anlangt, so kehren in den Studienplänen die folgenden besonders häufig wieder. Von den Schriften der Araber: die ~Isagoge des Johannitius~, das erste und vierte Buch von ~Avicennas Kanon~ und das neunte Buch von ~Rhazes'~ ~Liber medicinalis ad Almansorem~. Von antiken Schriften: die ~Ars parva~ des ~Galen~, die ~Aphorismen~ des ~Hippokrates~ sowie dessen ~Prognostikon~ und das Buch ~de diaeta in acutis~. Pulslehre und Harnschau wurden hauptsächlich nach den Schriften des ~Philaretus~ und ~Theophilus~ (eventuell des Gilles de Corbeil) studiert. Viel benutzt wurde eine Sammelschrift, welche die Isagoge des Johannitius, die Ars parva Galens, die Aphorismen, die Prognostik des Hippokrates (meist auch dessen diaeta in acutis), ferner die Schriften des Theophilus und Philaretus, de urinis und de pulsibus enthielt -- die •Articella•[82].

[82] Die Articella geht ihrer Entstehung nach auf die Zeiten der Salernitaner Blüteepoche zurück.

Die medizinischen Studien gründeten sich auf eine linguistisch-philosophisch-naturwissenschaftliche Vorbildung und nahmen 4-5 Jahre in Anspruch[83]. Der Studiengang zerfiel in zwei Abschnitte, von denen der erste mit dem ~Baccalaureat~, der zweite mit dem ~Lizentiat~ endete. Um das Baccalaureat zu erlangen, mußte man 2-3 Jahre die medizinischen Vorlesungen besucht haben und in einem Examen vor den Mitgliedern der Fakultät den Besitz der allgemeinen theoretischen Kenntnisse in der Heilkunde nachweisen, daran schloß sich ein feierlicher Akt, die ~Determination~, bei welcher der Scholar eine ihm gestellte wissenschaftliche Frage erörterte. Die Zulassung zum Lizentiat, 2-3 Jahre später, setzte voraus, daß der Baccalar die vorgeschriebenen Kollegien fleißig besucht, an den Disputationen aktiv teilgenommen, über bestimmte Themata (Autoren) Vorlesungen gehalten und sich auch um seine praktische Ausbildung bemüht hatte[84]; die vor der Fakultät abgehaltene Prüfung bestand in der Erklärung eines Hippokratischen Aphorismus, der Beschreibung einiger Krankheiten und der Beantwortung der Fragen, die daran geknüpft wurden; nach erfolgreich abgelegtem Examen wurde der Kandidat durch zwei Mitglieder der Fakultät dem Kanzler der Universität präsentiert, der ihm in feierlicher Weise die Lizenz erteilte[85].

[83] Die naturwissenschaftliche Vorbildung beruhte auf dem Studium der Schriften des ~Aristoteles~, namentlich der Parva naturalia. Ueberall mußte der Scholar, wenn er vorher an der artistischen Fakultät den Grad eines Baccalars oder Magisters noch nicht erlangt hatte, ein halbes bezw. ganzes Jahr länger studieren.

[84] In ~Bologna~ und ~Padua~ erstreckte sich die medizinische Studienzeit für den Mag. artium über 4 Jahre, sonst über 5 Jahre. Den Vorlesungen wurden besonders die ~Ars parva~ ~Galens~, der ~Kanon~ des ~Avicenna~, die ~Aphorismen~ des ~Hippokrates~ und der „~Colliget~” des ~Averroës~ zu Grunde gelegt. Für die Zulassung zur Lizenz bildete es unter anderem eine Voraussetzung, daß der Baccalar über mehrere Traktate oder Bücher gelesen und mindestens zweimal respondiert oder disputiert hatte. Bezüglich ~Paris~ vgl. S. 346. In ~Montpellier~ war für diejenigen, welche an der Artistenfakultät den Grad eines Magisters erworben hatten, ein 5jähriges, sonst ein 6jähriges Studium vorgeschrieben, auch mußten die Studierenden während 8 Monaten oder 2 Sommer hindurch unter Leitung von Doktoren Praxis ausgeübt haben, bevor sie zur Promotion zugelassen wurden. Der Scholar hatte mindestens 24 Monate lang ununterbrochen die Vorlesungen zu besuchen (das entspricht 3 Studienjahren), bevor er zur Prüfung fürs Baccalaureat (wobei ihm jeder der Lehrer eine Frage stellte) zugelassen wurde; der Baccalar setzte seine theoretischen Studien noch wenigstens 2 Jahre lang fort, hatte aber außerdem über einzelne Abschnitte aus den Werken der Alten Vorlesungen zu halten und sich auch praktisches Können anzueignen. Auf Grund der Vorschläge des Arnald von Villanova wurden im Jahre 1309 besonders folgende Bücher vorgeschrieben: ~Galen~, de complexionibus, de malicia complexionis diverse, de simplici medicina, de morbo et accidente, de crisi et criticis diebus, de ingenio sanitatis (method. medendi), ars parva; ~Hippokrates~, Aphorismen mit dem Kommentar Galens; ~Johannitius~, Isagoge; ~Isaac Judaeus~, de febribus; ~Nicolaus Präpositus~, Antidotarium. Nach den Statuten vom Jahre 1340 kamen zu den genannten Schriften noch hinzu, Galen, de juvamentis memborum et de interioribus, de virtutibus naturalibus; Hippokrates, de regimine acutorum und Prognosticon; Avicenna, das erste und vierte Buch des Kanon; ~Theophilus~, de urinis; ~Philaretus~, de pulsibus, ein Regimen sanitatis, Isaac Judaeus, de dietis universalibus etc. In ~Wien~ war für den Scholaren ohne artistischen Grad eine Studiendauer von 6 Jahren, für den Magister in artibus eine Studiendauer von 5 Jahren vorgeschrieben. Das Baccalaureat konnte nach 3- resp. 4jährigem Studium erworben werden, der Kandidat mußte wenigstens 22 Jahre alt sein, alljährlich disputiert haben und in einer Disputation mit zwei Doktoren genügendes Wissen erweisen. Für das Lizentiat, das erst nach weiteren 2 resp. 3 Jahren zu erlangen war, wurde der Nachweis von mindestens einer Disputation in jedem Jahre, ununterbrochener Besuch zweier ordentlicher Vorlesungen und ein einjähriger Krankenbesuch in Begleitung eines Arztes erfordert. Den Vorlesungen lagen hauptsächlich die Isagoge des ~Johannitius~, die Ars parva ~Galens~, das erste und vierte Buch von ~Avicennas~ Kanon, das neunte Buch des ~Rhazes~ ad Almansorem, die Aphorismen, das Prognosticum und die Schrift de diaeta in acutis des ~Hippokrates~ zu Grunde. Außer diesen Werken waren im 15. Jahrhundert noch verschiedene Kommentare und Spezialschriften über Harnschau, Pulsuntersuchung, Fieber- und Arzneimittellehre als Lehr- und Hilfsbücher üblich. Ueber das Lehren und Lernen in Wien an der Wende des 15. zum 16. Jahrhundert gibt das ausgezeichnete, aber nicht offizielle Buch des ~Martin Stainpeis~, Liber de modo studendi seu legendi in medicina, die beste Auskunft. Nach dem 3. Studienjahre war es gestattet, zwecks praktischer Ausbildung unter Führung von Doktoren Kranke zu besuchen, jedoch durften dabei die Vorlesungen nicht vernachlässigt werden. Aus den Statuten der medizinischen Fakultät in ~Köln~ ergibt sich folgendes. Die Scholaren hatten täglich zwei Vorlesungen zu hören. Die Zulassung zum Baccalaureat erforderte einen Besuch der Vorlesungen durch 36 Monate (für den Lizentiaten der freien Künste durch 28 Monate) und dreimalige Responsion. Bis zum Lizentiat mußte der Baccalar ununterbrochen wenigstens 2 Jahre über Schriften, die ihm von der Fakultät bezeichnet werden, lesen, nämlich Isagoge ~Johannicii~, libri Tegni ~Galieni~ cum commentario Haly, pro uno cursu libri Aphorismorum ~Hippocratis~ cum commentario Galieni, liber regiminis acutorum Hippocratis cum commentario Galieni, libri ~Theophili~ de urinis et ~Philareti~ de pulsibus, Prognosticorum Hippocratis cum commentario Galieni, Versus ~Aegidii~ de urinis et pulsibus cum suis commentariis, Viaticus ~Constantini~, Nonus et decimus ~Almansorum~(!), liber de morbo et accidente, liber de ingenio sanitatis. Der Baccalar hatte wenigstens einmal im Jahre einem jeden Magister Regens über eine Quaestio zu respondieren, ebenso auch zu disputieren, wenn es den Magistern beliebte. Der Baccalar durfte weder innerhalb der Stadt Köln noch außerhalb derselben in einem Umfang von 6 Meilen praktizieren, wenn er nicht von einem Doktor der Fakultät hierzu besonders beauftragt wurde. Der neue Lizentiat mußte unter der Leitung seines Magisters noch ein Jahr hindurch in der Stadt oder wenigstens 10 Monate außerhalb derselben in einem volkreichen Orte praktizieren. -- Bemerkenswert ist es, daß der Baccalar vor Erteilung der Lizenz zu schwören hatte, quod non sit excommunicatus nec infamis nec homicida, ~nec publicas cyrurgicus operans cum ferro et igne~, nec transgressor statutorum, nec uxoratus. Die Statuten enthalten auch deontologische Vorschriften, in denen unter anderem der Besuch bei einem Patienten untersagt wird, welcher den früheren Arzt nicht bezahlt hat. In ~Leipzig~ erstreckten sich die Vorlesungsthemata über drei Jahre, die Medicina theorica wurde morgens -- im Sommer von 6-7, im Winter von 7-8 Uhr vorgetragen, die Medicina practica nachmittags von 1-2 Uhr abgehandelt. Für den Kursus in der Medicina theorica legte der Lehrplan im ersten Jahre den ersten Kanon des ~Avicenna~, im zweiten Jahre die ars parva ~Galens~, im dritten Jahre die Aphorismen des ~Hippokrates~ mit dem Kommentar Galens und den landläufigen Erläuterungsschriften der Arabisten (Gentilis, Trusianus, Jacobus de Partibus u. s. w.) zu Grunde, für den Kursus in der Medicina practica in der gleichen Reihenfolge, das neunte Buch der Schrift des ~Rhazes~ ad Almansorem, den ersten Abschnitt des vierten Buches des Kanons Avicennas (Fieberlehre) und den vierten Abschnitt des ersten Buches des Kanons (allgemeine Heilmittellehre). Interessant ist die Bestimmung in den Statuten vom Jahre 1429, daß der Scholar, ehe er zum Baccalariatsexamen zugelassen werden dürfe, gehalten sei, mit einem Arzte oder auch mit verschiedenen Aerzten zwei Jahre lang fleißig deren Klientel mitzubesuchen.

[85] In Paris wurde der Kandidat von jedem der Doktoren in dessen Wohnung examiniert.

~Das Lizentiat legitimierte genügend zur ärztlichen Praxis~ -- zum vollberechtigten Mitgliede der medizinischen Fakultät (Lehrbefugnis, Anteilnahme an den Beratungen mit Stimmrecht bei den Beschlüssen, Anspruch auf Benefizien) machte aber erst die Würde eines Doktors der Medizin, welche von jedem Lizentiaten erworben werden konnte, falls er ehlicher, ehrenhafter Abkunft war, kein abschreckendes Aeußeres[86] besaß und ein Alter von mindestens 26 Jahren[87] erreicht hatte. Die Verleihung des ~Doktorats~ erforderte nicht die Ablegung einer neuen Prüfung, sondern nur, daß sich der Kandidat dem allerdings sehr kostspieligen Promotionsakte (in der Kirche) unterzog[88]. Die ~Promotion~ war mit einer öffentlichen Disputation und verschiedenen Zeremonien verbunden, welche die Aufnahme in die ärztliche Zunft (Inkorporation, Receptitio) versinnbilden sollten. Die Feier wurde unter Glockengeläute und der Teilnahme der ganzen Fakultät vollzogen. Sie begann mit einem Vortrage des Doktoranden, dessen Verdienste von dem Professor, der den Akt leitete, in einer Rede beleuchtet wurden. Der Kandidat legte dann einen Eid ab, daß er jederzeit seine Pflichten gegen die Fakultät und den ärztlichen Stand überhaupt erfüllen werde. Hierauf wurde ihm der sogenannte Doktorhut (Barett) aufgesetzt, ein Ring an den Finger gesteckt als Zeichen des ritterlichen Ranges, dem die Doktorwürde gleichgeachtet war, ein goldener Gürtel umgelegt, und ein Buch des Hippokrates vor ihm aufgeschlagen. Dann wurde er eingeladen, sich an der Seite des Promotors niederzulassen, von diesem umarmt und ihm der Segen erteilt. Mit dem Dank des neuen Doktors schloß die Feier, welcher ein Gastmahl folgte, an welchem alle Mitglieder der Fakultät teilnahmen. Wiewohl die Würde eines Doktors eigentlich in allen Ländern der Christenheit Geltung hatte, machten sich doch insoferne Beschränkungen geltend, als die Fakultäten die Aufnahme von Doktoren, die an fremden Hochschulen promoviert worden waren, späterhin nur nach Erfüllung von Prüfungsformalitäten und Erlegung bestimmter Taxen vollzogen.

[86] Abschreckende Häßlichkeit, Entstellung durch auffallende körperliche Gebrechen schloß den Kandidaten aus dem Grunde von der Promotion aus, weil man fürchtete, daß Schwangere sich sonst an ihm versehen könnten.

[87] An manchen Fakultäten war ein Alter von 28 Jahren festgesetzt, von welcher Bestimmung nur dann Ausnahmen gemacht wurden, wenn der Kandidat nicht zu weibisch und jugendlich aussah.

[88] Namentlich in Paris und Montpellier, wo sich die Promotionsgebräuche durch besondere Umständlichkeit auszeichneten, waren die Kosten der medizinischen Doktorwürde durch die vom Kandidaten zu tragenden Ausgaben für die Veranstaltung, durch die Taxen, Geschenke und Schmausereien ungemein hoch. In Wien war der Kandidat verpflichtet, mindestens einem Doktor vierzehn Ellen guten Tuches für ein Kleid, den übrigen Doktoren je ein Barett und ein Paar gewirkter Handschuhe, jedem Lizentiaten und Baccalaren ein Paar gewöhnlicher Handschuhe (wobei jedoch der Anstand und die Ehre der Fakultät zu berücksichtigen waren), dem Pedell ein standesgemäßes Kleid oder zwei Gulden zu spenden und zu Händen des Dekans zwei Gulden als Eintrittstaxe zu erlegen. -- Armen Doktoranden wurden, wenn sie sich durch ihre Kenntnisse auszeichneten, ausnahmsweise die hohen Spesen erlassen. -- Außer dem Papst und dem Kaiser erhielten übrigens auch die Pfalzgrafen das Recht Doktoren zu kreieren, indessen stand die in letzterer Art erlangte Würde in geringem Ansehen.

Literarische Hilfsmittel zur Weiterbildung standen den Aerzten im allgemeinen nicht in genügendem Maße zur Verfügung, da die Anschaffung der Manuskripte eine sehr kostspielige Sache war. Privatbibliotheken[89], die 20-30 medizinische Werke umfaßten, können für die damalige Zeit schon als bedeutend angesehen werden -- die Sammlung des ~Amplonius~ Ratinck (ca. 1365-1434) ist eine einzig dastehende Erscheinung[90]. Die Fakultätsbüchereien waren in ihrer Anlage sehr dürftig und wuchsen nur langsam durch Spenden oder Legate[91].

[89] Es sind Verzeichnisse von ärztlichen Privatbibliotheken erhalten, welche einen interessanten Einblick in die geistige Struktur der Epoche gewähren. Vgl. z. B. Corradi, Biblioteca di un medico Marchigiano del secolo XIV, Milano 1885.

[90] Bestand aus 635 Manuskripten.

[91] Die medizinische Fakultät zu Paris besaß im Jahre 1395 nicht mehr als 9 Werke, unter denen der Continens des Rhazes am meisten geschätzt war. Als Ludwig XI. dieses Werk 1471 entlehnen wollte, um es abschreiben zu lassen, erhielt er hierzu erst dann die Bewilligung, nachdem er eine Kaution von 12 Mark Silber erlegt und 100 Taler in Gold hergeliehen hatte. Im Jahre 1465 besaß die Pariser Fakultät erst 12 Werke. -- In Wien wurde der Grund zur Fakultätsbibliothek dadurch gelegt, daß einige Aerzte zu Gunsten derselben letztwillige Verfügungen über ihre Bücher trafen.

Der gelehrte mittelalterliche Arzt beherrschte zwar in der Regel, entsprechend seiner ganzen Ausbildung, de facto bloß die innere Medizin, ja er überließ sogar zumeist alle manuellen Eingriffe -- aus Standesvorurteil -- einem sozial tiefer stehenden Heilpersonal, trotzdem nahm er aber, pochend auf seine vermeintlich überlegene Buchweisheit, auch in der Chirurgie und den, mit dieser zusammenhängenden Fächern eine autoritative Stellung für sich in Anspruch[92]. Diese so stolz zur Schau getragene Souveränität bestand aber mehr in der Einbildung als in der Wirklichkeit, und sie wird sofort auf ihren wahren Wert zurückgeführt, wenn man sich die medizinischen Zustände, die ärztlichen Standesverhältnisse der Epoche vor Augen hält.

[92] In der Literatur kommt die scheinbare Universalität des mittelalterlichen Arztes, abgesehen von den umfassenden Handbüchern, in gewissen ~Sammelschriften~ zur Geltung, deren eine z. B. der Cod. lat. 11229 der Pariser Nationalbibliothek enthält (vgl. Sudhoff in Arch. f. Gesch. der Medizin II, 1909, S. 84 ff.). Diese anonyme Sammelschrift besteht aus Texten, die sich um die typischen Abbildungen der Harnglasscheibe (Harntraktat), des ~Aderlaßmännleins~, des ~Tierkreiszeichenmännleins~, des ~Krankheitsmännleins~ (Krankheitssystematik mit Berücksichtigung des Krankheitssitzes darstellend), des ~Wundenmannes~ (Systematik der Verletzungen und chirurgischen Affektionen), der ~Schwangeren~ (gynäkologischer Traktat) gruppieren, also der inneren Medizin, Chirurgie, Geburtshilfe-Gynäkologie entsprechen und dabei noch überall der ~Anatomie~ (Situsbilder) Rechnung tragen.

Im allgemeinen enthielten sich die dem Klerikerstande angehörigen Aerzte infolge der wiederholten kirchlichen Verbote der Chirurgie und ihrem Beispiel folgten auch die Laienärzte, da es für unziemlich galt, daß sich ein Mann, der Aristoteles und Galen studiert hat, mit manueller Arbeit abgebe und mit wundärztlichen Empirikern in einen Konkurrenzkampf einlasse. ~Inhonestum magistrum in medicina manu operari.~ Ausnahmen gab es freilich in Italien und Frankreich, doch war auch dort die Zahl der in beiden Fächern ausgebildeten Aerzte (~Aerztechirurgen~) stets äußerst gering. An den Universitäten wurde wohl nach Büchern ~Chirurgie~ doziert, eine praktische Ausbildung darin anzustreben, lag aber durchaus nicht in den Intentionen des Lehrplans, besonders außerhalb Italiens. Mußten sich doch die Baccalaren der medizinischen Fakultät zu Paris seit 1350 sogar verpflichten -- unter Androhung der Ausstoßung -- keine manuelle Chirurgie zu treiben, ein Vorgang, der beispielgebend auch auf andere Schulen wirkte (z. B. Montpellier, wo aber das Verbot erst erlassen wurde, nachdem die Päpste nicht mehr in Avignon residierten). Dennoch maßten sich die Aerzte an, den Chirurgen Vorschriften zu erteilen, von diesen einfach die Ausführung der gegebenen Verordnungen zu verlangen, wogegen schon Henri de Mondeville und Guy de Chauliac energisch ankämpften. In Wirklichkeit ließen sich die Chirurgen freilich in der selbständigen Ausübung ihrer Praxis nicht beschränken.

In noch unvergleichlich loserer Beziehung als zur Chirurgie standen die Aerzte zur ~Geburtshilfe~, was nicht bloß aus der damaligen ärztlichen Standesethik folgte, sondern schon aus der Abneigung der Frauen gegen die Beiziehung männlicher Heilpersonen zum Kreißbett erklärlich wird. Die Geburtshilfe war nahezu ausschließlich Sache der Hebammen („Bademuhmen”), welche über die primitivsten Kenntnisse oder, besser gesagt, den traditionellen Aberglauben nicht hinauskamen[93]; höchstens im Falle, daß es sich um die Beseitigung abgestorbener Früchte oder der zurückgebliebenen Nachgeburt handelte, trat der männliche Heilkünstler (Chirurg) zuweilen auf den Plan. Gewöhnlich findet man daher in den ärztlichen Hauptwerken, abgesehen von dem hier und da besprochenen Kaiserschnitt an der Toten, nur die Kapitel de extractione secundinae und de extractione foetus mortui behandelt, und was sonst ausnahmsweise bei einigen Autoren (Arnaldus de Villanova, Franciscus de Pedemontium u. a.) vorkommt (Dammschutz, Wendung, Lösung der Arme, Reposition eines Armes u. s. w.), dürfte hauptsächlich als Lesefrucht, kaum als Ergebnis wirklicher eigener Erfahrung zu bewerten sein. Die Kindslagenbilder, welche manche Handschriften zieren (vgl. Weindler, Geschichte der gynäkologisch-anatomischen Abbildung, Dresden 1908), sind, wie Sudhoff gezeigt hat, mit größter Wahrscheinlichkeit auf sehr alte (alexandrinische?) Vorlagen zurückzuführen. Erst um die Mitte des 15. Jahrhunderts fangen die Aerzte an (soweit die vornehmen Kreise in Betracht kommen), zum Geburtsbett in nähere Beziehung zu treten, jedoch zunächst nur durch rein medizinische Tätigkeit. Um diese Zeit werden sie auch bereits zur Abfassung von Hebammenordnungen und zu Hebammenprüfungen zugezogen. Die ~Gynäkologie~ (Lageanomalien des Uterus, Dysmenorrhoe, Sterilität, Hysterie) ist bei den hervorragendsten Repräsentanten der medizinischen Literatur auf Grund der Alten etwas eingehender behandelt.

[93] Sie erwarben als „Lehrmägde” bei älteren Hebammen ihre Ausbildung; über ihre Befähigung urteilte die längste Zeit hindurch nur die öffentliche Meinung, welche in diesem Falle durch die angesehensten (ehrbaren) Frauen des Ortes vertreten war. Diese hielten eine Art von Examen ab. Erst gegen Ende des Mittelalters ist von wirklichen Prüfungen die Rede, die von den Stadtärzten vorgenommen wurden. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts wurden Stadthebammen angestellt und Hebammenordnungen erlassen (die älteste, historisch beglaubigte ist die von Regensburg vom Jahre 1452). Vgl. das kürzlich publizierte, für Hebammen bestimmte Manual aus dem 15. Jahrhundert, Janus XIV, 1909, p. 217 ff.

Aeußerst dürftig ist in der Literatur die ~Augenheilkunde~ vertreten -- und zwar lediglich soweit die Diätetik und medikamentöse Behandlung in Betracht kommt --, da sich mit der okulistischen Praxis nur Wundärzte[94] und noch weit mehr herumziehende Empiriker befaßten.

[94] Wilhelm von Saliceto schildert zuerst Augenoperationen auf Grund eigener Erfahrung. -- Im 14. Jahrhundert hatten den größten Ruf als Augenärzte ~Guido von Arezzo~ und ~Giraldus von Cumba~ (Lyon).

Die in wissenschaftlichen Traditionen erzogenen, aus Universitäten hervorgegangenen Aerzte erscheinen auf dem bunten Bilde, welches die medizinischen Zustände des späteren Mittelalters darbieten, zwar als vornehmstes, aber numerisch schwaches Element. Nicht nur, daß schon dort, wo die legitimen Vertreter der Wissenschaft wirkten, alle manuellen, operativen Maßnahmen den ~Chirurgen~ verschiedener Kategorie, den ~Barbieren~, ~Badern~, ~Hebammen~ anvertraut waren, somit eminent wichtige Zweige der Heilkunst tatsächlich von diesen ausgeübt wurden, lag die ärztliche Praxis in toto, je mehr man den Bannkreis der größeren Städte verließ, je weiter man von Italien gegen Norden vordrang, in der Hand bloß unvollkommen, handwerksmäßig ausgebildeter Heilpersonen oder gar gewissenloser Abenteuerer, von Ort zu Ort ziehender Pfuscher.

Numerisch blieben die Studierenden der Medizin überall hinter denen der anderen Fakultäten zurück. Die medizinische Doktorswürde war eben die teuerste. Nirgends entsprach die Zahl der graduierten Aerzte (Lizentiaten, Magister, Doktoren) auch nur entfernt der Bevölkerungsziffer[95], am wenigsten in den Ländern germanischer Zunge[96]. Ihre soziale Position war eine hohe[97], die bedeutende Rolle, die sie und ihre Kunst im gesellschaftlichen Leben spielten, spiegelt sich deutlich in der schönen Literatur ab[98], sei es in Form von Lob oder Tadel; über die günstigen Vermögensverhältnisse einzelner Mitglieder des Standes liegen urkundliche Zeugnisse vor[99]. Lassen sich seit dem 13. Jahrhundert auch außerhalb Italiens neben den ~Klerikerärzten~[100] schon gelehrte ~Laienärzte~ in steigender Zahl nachweisen, so erlangen die letzteren mit dem 14. Jahrhundert, entsprechend der blühenden städtischen Kultur, entschieden das Uebergewicht.

[95] So zählte z. B. die Pariser medizinische Fakultät im Jahre 1292 bloß 6, im Jahre 1395 erst 32 Mitglieder (es kam damals also in Paris ein Doktor auf ca. 8500 Einwohner).

[96] Zu den Leibärzten der Fürsten, Dynasten und Bischöfe gesellten sich dort nach Entfaltung des Städtewesens Stadtärzte, welche oft von weither berufen werden mußten und vor der Gründung einheimischer Universitäten nur im Auslande (Italien, Frankreich) ihre fachmännische Bildung erworben haben konnten. Im Gegensatz zu den Empirikern wurde der gelehrte Arzt besonders im 14. Jahrhundert als „physicus”, magister in physica, „Kunstarzt”, „pucharzt” (═ wissenschaftlich, aus Büchern gebildeter Arzt oder Baucharzt, d. h. Arzt des Leibes?) bezeichnet; seitdem aber alle, die sich überhaupt mit dem Heilen abgaben (auch Wundärzte) den Titel „Meister” (magister) führten, wurde die Bezeichnung Doktor üblicher.

[97] In gesellschaftlicher Beziehung standen sie im Range der Adeligen. Promovierte Leib- oder Stadtärzte waren den Rittern gleichgestellt. Sagt doch Geiler von Keisersberg: „Ist nōmen (nur) ein ritter oder ein doctor in eim geschlecht, mā spricht, das ist unszer docterlin das ist unszer ritter”. Zu den Privilegien, welche die Stadtärzte besaßen, gehörte das taxfreie Bürgerrecht, Steuerfreiheit, Befreiung vom Wach- und Kriegsdienst u. a. Die Aerzte waren auch den sonst so rigorosen Kleiderordnungen nicht unterworfen, manche suchten daher der Menge durch Luxus (kostbare Kleidung, goldene Ringe mit gleißenden Steinen etc.) zu imponieren.

[98] Kulturgeschichtlich sehr interessant ist folgende Stelle aus Chaucers Canterbury Tales (v. 413-446, übersetzt von W. Hertzberg):

Auch hatt' ein Doktor sich zu uns gesellt, Ein Arzt. Gewiß, sprach keiner auf der Welt So klug von Medizin und Chirurgie. Er war gelehrt auch in Astronomie Und stundenlang übt er der Patienten Geduld mit magischen Experimenten. Er wußte wirklich mit geschickten Händen Des Kranken Horoskop zum Glück zu wenden. Der Krankheit Grund sah er mit Leichtigkeit, Ob Kälte, Hitze, Trocknis, Feuchtigkeit, An welchem Ort erzeugt, aus welchen Stoffen. Er war als Praktiker unübertroffen. Hatt' er des Uebels Wurzel recht erkannt, Ward gleich die Medizin auch angewandt. Ein Apotheker war ihm stets zu Händen, Um Drogen und Latwergen ihm zu senden; Sie hatten durch einander viel gewonnen, Die Freundschaft hatte nicht erst jüngst begonnen. Die Alten konnt' er: Aesculap voran, Und Dioskorides und Rufus dann, Hippokrates, Hali und Gallien, Serapion, Rasis und Avicen, Averrhois, Damascenus, Constantin, Bernard und Gatisden und Gilbertin. In der Diät liebt' er nicht Ueberfluß, Er gab nur solche Speise zum Genuß, Die nahrhaft war und leicht zu digeriren, Nicht pflegt er viel die Bibel zu studieren. Blutrot und blau liebt er sich anzuziehen, Mit Tafft gefüttert und mit Levantin. Nicht ein Verschwender war darum der Mann, Er sparte was er in der Pest gewann, Gold gilt dem Arzt als Specifikum, Ausnehmend liebt er das Gold darum.

[99] So zeigen uns z. B. Erfurter Urkunden zwischen 1336 und 1343 mehrere Aerzte als Ländereibesitzer. In Italien gehörte der größte Teil der Aerzte den wohlhabenden Klassen an. Die Honorarverhältnisse waren im allgemeinen keine ungünstigen, wenn man die gesetzlichen Taxen, die an manchen Orten bestanden, die Besoldungen der Leib- und Stadtärzte in Betracht zieht; die enormen Honorare, welche die Zelebritäten empfingen (wie z. B. ein Thaddeus Florentinus oder ein John Arderne), bildeten freilich, wie zu allen Zeiten, seltene Ausnahmen. In Venedig sollten für jede ärztliche Visite 10 Soldi bezahlt werden, in Mailand 12-20 Soldi für jeden Tag der ärztlichen Behandlung, außerhalb der Stadt 4-6 Lire, für einen Nachtbesuch 1 Dukaten.

[100] Aerzte geistlichen Standes erscheinen häufig noch bis ins 15. Jahrhundert, trotz der mehrmals erneuerten Verbote der Päpste Honorius III. (1219), Cölestin V. (1294). Die Verbote galten hauptsächlich für die höheren Geistlichen und verwehrten aus leichtbegreiflichen Gründen namentlich die Beschäftigung mit der ~Chirurgie~ und Frauenheilkunde (vgl. S. 463). In Würzburg wurde den Geistlichen sogar die Anwesenheit bei chirurgischen Operationen untersagt. Aber gerade die häufige Wiederholung der Verbote noch Ende des 15. Jahrhunderts beweisen, wie wenig sie gehalten wurden.

Zur Heranbildung von ~Chirurgen~ (magistri in chirurgia, chirurgi physici etc.) im eigentlichen Sinne des Wortes waren bloß in Italien und Frankreich die Bedingungen gegeben. In Italien, wo sich infolge des mehr laikalen Geistes der Universitäten die fachliche Scheidung zwischen Internisten und Chirurgen nicht zur schroffen sozialen Trennung entwickelt hatte, verschmähten es die berühmten Schulen keineswegs, gründliche theoretische Kenntnisse auch den Jüngern der Wundheilkunde zu vermitteln; die praktische Fertigkeit in der Chirurgie konnte allerdings nur auf dem Wege privater Unterweisung durch einen tüchtigen Meister erworben werden. In großen Städten bestehende Kollegien, wie z. B. das Collegio de' Medici Chirurghi zu Venedig, waren, so wie anderwärts die medizinischen Fakultäten, berechtigt, darüber zu wachen, daß niemand ohne zuvor abgelegtes Examen chirurgische Praxis betreibe. In Frankreich gab es in manchen der größeren Städte Chirurgen besserer Art, doch erfreuten sich dieselben nirgends einer, nur annähernd gleich geachteten sozialen Stellung wie die Aerzte. In Paris bildete die ~Confrérie de Saint Côme et Saint Damien~ (d. h. die Korporation der Maîtres chirurgiens jurés oder der Chirurgiens de robe longue) gemäß einem königlichen Edikt vom Jahre 1311 die Behörde, welche die „licentia operandi” auf Grund erfolgreich bestandener Examina zu erteilen hatte. Aus den Statuten der mit dem Collège später verbundenen Schule (Statuta honoranda regiae et salubris chirurgicae scholae) geht hervor, daß die Zöglinge derselben die an medizinischen Fakultäten vorausgesetzte humanistische Vorbildung (namentlich die Kenntnis der lateinischen Sprache) nachweisen mußten und sich im Verlaufe eines zweijährigen, mehrmals durch Prüfungen kontrollierten Studiums ein ziemlich umfassendes (auch anatomisches) Fachwissen anzueignen hatten.

Den Anforderungen eines regulären, schulmäßigen chirurgischen Studienganges bequemten sich aber nicht gar viele an, da einerseits, wie gleich gezeigt werden soll, auch bloß handwerksmäßig gebildeten Angehörigen anderer Berufsklassen die rechtmäßige Ausübung der kleinen Chirurgie gestattet war, und anderseits die Gefährlichkeit mancher größerer Operationen im Falle des Mißerfolges gerade für den ehrlichen, bodenständigen Wundarzt die schlimmsten und abschreckendsten Konsequenzen mit sich brachte. So überließen denn auch die Chirurgen zumeist den ~Bruch-~ und ~Steinschnitt~ sowie den ~Starstich~ jenen ~Empirikern~, welche, umherwandernd, sich der Verantwortlichkeit leicht entziehen konnten, manchmal zwar über anerkennenswerte spezialistische Fertigkeit verfügten (wie z. B. die Norciner), viel öfter aber die mangelnden Kenntnisse durch Kühnheit und Gewissenlosigkeit ersetzten. Einen viel härteren Existenzkampf als mit diesen rasch auftauchenden und ebenso rasch wieder verschwindenden Abenteurern hatten die Chirurgen mit den ~Barbieren~ (barbitonsores) und ~Badern~ (balneatores) zu bestehen[101], die nicht genug damit, daß sie außerhalb ihres eigentlichen Berufes wundärztliche Funktionen, mit gewissen Beschränkungen, versehen durften, fortwährend nach Erweiterung ihrer Gerechtsame strebten und dabei leider sowohl von seiten der medizinischen Fakultäten (aus Haß gegen die Chirurgen) als auch von seiten der Regenten und Behörden Unterstützung fanden. Die Barbiere waren berechtigt, zur Ader zu lassen, zu schröpfen, Zähne zu ziehen, Frakturen und Luxationen, Geschwüre und frische Wunden zu behandeln; den Badern war das Schröpfen, das Venäsezieren und die Behandlung alter Schäden nur innerhalb ihrer Behausung erlaubt, außerhalb derselben das Einrichten von Beinbrüchen und Verrenkungen. Natürlich überschritten die Bader häufig ihre Befugnis zu Ungunsten der Barbiere, so wie diese wieder in den Bereich der eigentlichen Wundärzte übergriffen, was zu vielen, langdauernden Streitigkeiten führte. In jenen Städten, wo chirurgische Kollegien existierten, mußten anfangs die Barbiere, um die Erlaubnis zur beschränkten wundärztlichen Praxis zu erhalten, vor den Magistern der Chirurgie vorerst ein Examen ablegen[102], später wurde aber gewöhnlich den Meistern der Barbiergilde selbst das Prüfungsrecht eingeräumt[103], welches sie dort, wo sie allein dominierten, ohnedies besaßen. Verwischten sich durch die Erweiterung der Lizenz schon in Frankreich an den meisten Orten die Grenzen zwischen Barbieren und Chirurgen, so läßt sich in den übrigen Ländern[104] die Scheidelinie überhaupt kaum ziehen, weil es entweder frühzeitig zu einer Verschmelzung der Korporationen (Barbierchirurgen) kam, wie z. B. in den Niederlanden oder weil sich noch kein tieferer Unterschied zwischen den legitimierten Vertretern der Wundheilkunde entwickelt hatte. Es gilt dies insbesondere von Deutschland, wo es lediglich handwerksmäßig gebildete Wundärzte[105] gab, die neben Badern und Barbieren, aber nicht scharf von den letzteren getrennt, die Chirurgie ausübten, höchstens daß die fähigsten der „Scherer” als „Schneideärzte” wirkten[106]. Zum privilegierten chirurgischen Heilpersonal gehörten übrigens seltsamerweise auch noch -- die Scharfrichter, die insbesondere Luxationen behandeln durften[107]. Die Wundärzte beschäftigten sich auch mit der Behandlung der Augen- und Ohrenaffektionen, der Haut- und Geschlechtsleiden, sie intervenierten, wiewohl selten, in schwierigen geburtshilflichen Fällen, sie leisteten große Dienste in Pestzeiten („Pestbarbiere”, Eröffnung der Eiterbeulen), sie wurden zu forensischen und sanitätspolizeilichen Funktionen (Begutachtung von Verletzungen, Ueberwachung der Frauenhäuser, Lepraschau etc.) herangezogen („geschworene Wundärzte”), sie waren überall bei der Durchführung wichtiger therapeutischer Anordnungen (Aderlaß, Schröpfen etc.) unentbehrlich -- kann es daher verwundern, daß sie dem Volke geradezu als die eigentlichen Repräsentanten der Heilkunst, als „Meister” galten, umsomehr als sie bis zum 13. Jahrhundert tatsächlich fast die einzigen ärztlichen Personen aus dem Laienstande gewesen waren, umsomehr, als auch in späterer Zeit, in den meisten Gegenden -- teils wegen des Aerztemangels, teils aus pekuniären Gründen -- nur ihre Hilfe von den breiten Schichten der Bevölkerung in Anspruch genommen werden konnte? Daß sie unter solchen Umständen häufig in die Domäne des wissenschaftlich gebildeten Arztes, in die interne Praxis übergriffen, muß freilich als sträfliche Pfuscherei bezeichnet werden, aber neben der Gewinnsucht mag bisweilen auch die Art des Krankheitsfalles und das ehrende Vertrauen des Publikums dazu verleitet haben. Die ~Hebammen~ beschränkten sich ebenfalls nicht streng auf ihr Metier, sie dehnten ihre Wirksamkeit auch auf die Frauen- und Kinderheilkunde aus -- ein Gebiet, das sie jederzeit als das ihrige betrachteten, ja weitergehend wagten sie sogar in anderen Zweigen mit den Aerzten zu konkurrieren; dürften doch die so häufig genannten „~Aerztinnen~” (medicae, meiresses, artzatinen)[108] meistens aus diesem Stande hervorgegangen sein.

[101] Die Bader und Barbiere galten übrigens in manchen Ländern oder Landesteilen als „unehrlich”. In Deutschland hatte König Wenzel die Bader 1406 für „ehrlich” erklärt, aber diese Begünstigung wurde später wieder aufgehoben. Das Zunftzeichen der Barbiere war eine beliebige Anzahl von Becken, das der Bader ein vor der Türe aufgehängtes Handtuch.

[102] Z. B. in Paris, wo die Barbiere nach der, vor den Maîtres en chirurgie bestandenen Prüfung den Titel Barbiers-chirurgiens oder ~Chirurgiens de courte robe~ führten. Seit 1474 auch in Venedig, wo die Barbiere (Medici ignoranti) in lebensgefährlichen Fällen die Chirurgen beiziehen mußten.

[103] Z. B. in Paris bereits 1371, zugleich mit beträchtlicher Erweiterung der Lizenz, welche damit motiviert wurde, daß wegen des hohen Honorars nur Standespersonen, nicht aber das Volk die Chirurgen konsultieren könne.

[104] In England gab es allerdings eine Guild of Surgeons und eine Guild of Barber-surgeons. Den Mitgliedern der letzteren wurde verboten, die Behandlung von in Todesgefahr schwebenden Personen zu übernehmen.

[105] Bei der am Schlusse der Lehrzeit abgelegten Prüfung wurde, abgesehen von der Beantwortung einer Reihe von Fragen, die Bereitung von mehreren Salben (besonders Wundsalben), von Wundtränken und Pflastern, die Ausführung verschiedener Verbände, vielleicht auch kleinerer Operationen (z. B Zahnziehen), die Kenntnis der Instrumente u. a. verlangt. Darauf wurde auf Grund von Brief und Siegel der junge Meister in die Zunft aufgenommen. Der Scherer hielt eine Offizin und nahm in seinem Hause gelegentlich auch Kranke auf. Das Honorar war durch Taxen geregelt. In Fällen schwerer Verletzungen war er zur Anzeige bei der Behörde verpflichtet, wie er auch im Auftrage der Stadtverwaltung eine Art von gerichtsärztlicher Tätigkeit ausüben mußte.

[106] Bei lebensgefährlichen Eingriffen war die Erlaubnis der Obrigkeit einzuholen, hauptsächlich besorgten übrigens die herumziehenden Bruchschneider (Hodenschneider), Steinschneider, Starstecher u. s. w. die operative Tätigkeit.

[107] Sie richteten den durch die Tortur Gemarterten die verrenkten Glieder wieder ein, doch wurde ihre Hilfe auch von anderer Seite häufig in Anspruch genommen.

[108] Wenn wir von den Salernitanerzuständen absehen, so ergibt sich, daß in dem Maße, als die wissenschaftliche Heilkunde an Terrain gewann, die Frauen von der medizinischen Praxis zurückgedrängt und auf die Krankenpflege und vulgäre Hausmedizin verwiesen wurden. Zwar gestattete in Paris ein Edikt vom Jahre 1311 auch Frauen, auf Grund einer Prüfung vor der Confrérie de St. Côme Chirurgie zu treiben, zwar finden sich in städtischen Urkunden noch in den letzten Jahrhunderten geachtete Aerztinnen, besonders Augenärztinnen, ferner Aderlasserinnen hie und da genannt --, aber in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle gehörten die Weiber, welche sich mit der Behandlung innerer oder äußerer Leiden abgaben, sogar den Heeren auf ihren Zügen folgten (z. B. im Gefolge König Ludwigs d. H. befand sich eine Aerztin „Frau Hersend”) u. s. w., den Kreisen des Kurpfuschertums an und standen in keinem guten Rufe, umsomehr als viele nebstbei recht bedenkliche Gewerbe ausübten. Zu diesem Urteil führen nicht nur die von ärztlicher Seite inspirierten Auslassungen gegen das Pfuschertum, sondern auch die schöne Literatur, in der von den weiblichen Heilpersonen zumeist eine sehr ungünstige Schilderung entworfen wird (z. B. in des „Teufels Netz”).

Auch die Apotheker gefielen sich manchmal in der Rolle von Aerzten, dazu kamen noch kurierende Mönche, Geistliche[109], Juden, ferner Hirten, Schäfer, Schmiede etc. als weitere Schädlinge der medizinischen Profession. Das Hauptkontingent zu der gewaltigen Schar der Kurpfuscher beiderlei Geschlechts stellten aber die im Mittelalter so zahlreichen „fahrenden” Leute, welche als ~Bruch-~ und ~Steinschneider~, ~Starstecher~, ~Zahnbrecher~, ~Theriakkrämer~, Alchemisten, Harnpropheten u. s. w. umherzogen, in grotesker Kleidung besonders auf Jahrmärkten durch großes Geschrei, unter allerhand Possen, die leichtgläubige Kundschaft an sich zu locken und ihre Arkana an den Mann zu bringen verstanden[110].

[109] Dagegen eifert noch Geiler von Keisersberg mit den Worten: „Also kein priester sol keim artznei geben, wan er es schon wol künte. Er sol ein artzet der selen sein und nit des leibs.”

[110] Ein Miniaturbild des Dresdener Galen-Codex Fol. 195 (vgl. S. 458) stellt einen solchen Gaukler vor, mit einer Theriakbüchse und einer gezähmten Schlange vor sieben Zuschauern auf einer Bank stehend. Sehr oft war der in einen Talar würdig gehüllte fahrende Heilkünstler mit einem Harlekin geschäftlich vereinigt, der durch derbe Spässe die Leute anlockte und die Künste seines Meisters anpries; zum Schauplatz diente eine Marktbude, welche durch ihre Ausstattung mit chirurgischen Werkzeugen, Arzneistandgefäßen, Kuriositäten aller Art, Attesten u. s. w. auf die gaffende Menge nicht geringen Eindruck machte. „Er hat ein geschrey wie ein Zaanbrecher oder Triackerskraemer” (Theriakskrämer), war zum Sprichwort geworden.

Die Schriften der Aerzte sind voll von Klagen über das Pfuschertum[111], die medizinischen Korporationen taten nicht selten Schritte bei den Behörden, aber alle Versuche, dem Unwesen zu steuern, blieben vergeblich[112].

[111] Z. B. Henri de Mondeville, Guy de Chauliac u. a.

[112] In Paris war schon 1220 die Kurpfuscherei verboten worden. Im Jahre 1322 wurde seitens der Pariser Fakultät einer Kurpfuscherin der Prozeß gemacht, der für diese mit einer Geldstrafe und ~Exkommunikation~ endigte. Die Wiener medizinische Fakultät führte mit großer Energie den Kampf gegen eine ganze Reihe von Kurpfuschern, unter denen sich Geistliche, getaufte Juden, alte Weiber und Studierende befanden; sie erwirkte auch 1404 einen mehrmals bestätigten Bannbrief gegen die irregulären Praktiker, hatte aber im Einzelfalle gewöhnlich keinen Erfolg, weil sich die Behörden lässig zeigten und die Kurpfuscher manchmal sogar fürstlichen Schutz genossen.

Die graduierten Aerzte übten ihren Beruf als ~Leibärzte~ oder ~Stadtärzte~, späterhin auch, entsprechend ihrer Zunahme, als unbestallte Praktiker aus. Es bedurfte übrigens einer langen Entwicklung -- besonders in den germanischen Ländern -- bis wenigstens die größeren Städte Magister bezw. Doktoren der Medizin an Stelle oder neben Wundärzten in ihren Dienst zogen. Als ~Feldärzte~ blieben begreiflicherweise die chirurgischen Empiriker (Barbiere) dauernd im Vordergrund.

So wie die Leibärzte bezogen gewöhnlich auch die ~Stadtärzte~ ihren Gehalt in barem Gelde und Naturalien, außerdem genossen sie verschiedene Vorrechte. Den Stadtärzten oblag die unentgeltliche Behandlung der Armen und städtischen Angestellten, die Besorgung des Spitals, die Visitation der Apotheke, die Besichtigung der Leprösen, die forensische Gutachtertätigkeit, späterhin auch die Prüfung der Wundärzte, Apotheker und Hebammen. Unter Umständen hatten sie die städtischen Milizen ins Feld zu begleiten. Während in den Verträgen aus älterer Zeit manchmal ausbedungen war, daß der Stadtarzt in Pestzeiten seinen Aufenthaltsort verlassen durfte, bildeten in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters gerade die entgegengesetzten Bestimmungen die Regel. -- Die italienischen Einrichtungen (vgl. S. 412) wurden für die übrigen Länder vorbildlich. In Deutschland verordnete Kaiser Siegmund 1426 auf der Kirchenversammlung zu Basel, daß in jeder deutschen Reichstadt ein „~Meister-Arzt~” mit hundert Gulden besoldet werden solle („die mag er nießen von einer Kirche, und soll männiglich arzneien umsonst und soll seine Pfründt verdienen ernstlich und getreulich -- denn die hohen Meister in Physica dienen niemand umsonst, darum fahren sie in die Höll”).

Die Fürsorge für die im Kriege Verwundeten blieb den größten Teil des Mittelalters hindurch aufs ärgste vernachlässigt. Wohl hören wir, daß im Gefolge der Könige und Großen sich Aerzte und Chirurgen (meist Barbiere) befanden -- den Truppen der improvisierten Armeen kamen aber höchstens zufallsweise Hilfleistungen zu gute, am ehesten noch seitens der Barbiere („Feldscherer”), welche sich im Lager nebst Händlern, Schmieden etc. aufhielten. Schwache Spuren einer Organisation des Sanitätsdienstes finden sich zuerst bei den städtischen Milizen (italienischer, später flandrischer und deutscher Städte), ferner bei den Söldnerscharen, deren Führer manchmal Wundärzte eigenst anwarben.

In Italien gab es bei der Flotte (z. B. der Genueser) und bei den Gesandtschaften besondere Aerzte, in Florenz wurden sogar für die Gefangenen solche angestellt.

Einen wichtigen Bestandteil der laïkalen Aerzteschaft machten nahezu in allen Ländern ~die jüdischen Aerzte~ aus, welche in der Geschichte des mittelalterlichen Heilwesens eine sehr bedeutende Rolle spielten. Viele derselben standen mit ihren christlichen Fachgenossen auf der gleichen Bildungsstufe, einzelne überragten sogar -- wenn die außergewöhnliche Gunst der Fürsten und mancher Päpste oder die Volksstimme Beweiskraft besitzt -- das Durchschnittsmaß. Den ordnungsmäßigen Studiengang zurückzulegen, die höchsten akademischen Grade zu erlangen, ermöglichten ihnen freilich beinahe nur italienische Universitäten, da die übrigen Hochschulen im späteren Mittelalter den wißbegierigen Jüngern jüdischen Stammes ihre Pforten immer mehr verschlossen oder von vornherein nicht eröffneten. Wo sie wegen der konfessionellen Schranken den formalen Vorbedingungen der Lizenz nicht zu entsprechen vermochten, galten die jüdischen Aerzte freilich in den Augen der ärztlichen Zunft als illegitime Praktiker, unbeschadet dessen, daß sie sich oft auf Wegen, die von der Heeresstraße abseits lagen, ein recht ansehnliches Wissen und Können erworben hatten. Damit soll freilich nicht geleugnet werden, daß die Juden insbesondere in Deutschland, wo ihr kulturelles Niveau infolge der schweren Bedrückung weit niedriger als in den romanischen Ländern war, zum wirklichen Pfuschertum ein starkes Kontingent gestellt haben.

In den vorhergehenden Abschnitten wurde gelegentlich darauf hingewiesen, daß die jüdischen Aerzte im ~frühen~ Mittelalter fast die einzigen gebildeten Heilkünstler aus dem Laienstande gewesen sind und diese Stellung in den weniger kultivierten Ländern noch bis ins 13. Jahrhundert behaupteten (vgl. S. 276, 277, 325), ferner, daß sie zur Schule von Salerno, noch mehr zur Schule von Montpellier, in enger Beziehung standen (vgl. S. 281, 317, 318), endlich, daß sie sich um die Verpflanzung der arabischen Medizin ins Abendland, namentlich in Form der Uebersetzertätigkeit (vgl. S. 332, 335, 336), allgemein anerkannte, große Verdienste erworben haben[113]. Hinzugefügt sei noch, daß sie bei aller Verehrung für die antiken und arabischen Meister dem literarischen Schaffen des Okzidents das regste Interesse entgegenbrachten und nicht ruhten, bis auch die wertvollsten der salernitanischen und spätmittelalterlichen Autoren durch Uebertragung ins Hebräische zum geistigen Besitztum ihrer Nation geworden waren[114]. Unter den noch vorhandenen überaus zahlreichen ~hebräischen Uebersetzungen~ (vgl. Steinschneider, Die hebräischen Uebersetzungen des Mittelalters, Berlin 1893) sind folgende abendländische Autoren vertreten: Macer Floridus, die Salernitaner Bernhardus Provincialis, Constantinus Africanus, Gariopontus, Joh. de St. Paulo, Maurus, Nicolaus Praepositus, Petroncellus, Platearius, Salernus, Urso, ferner Arnaldus de Villanova, Bernardus de Gordon, Dinus de Garbo, Gentile da Foligno, Gerardus de Solo, Gilbertus Anglicus, Guainerius, Joh. cum Barba, Johannes Jacobi, Joh. de St. Amando, Joh. de Tornamira, Magnino, Montagnana, Petrus Hispanus, Petr. de Tussignana, Valescus de Taranta, Raimund Lull, Saladinus de Asculo, Thaddaeus Florentinus u. a., die Chirurgen Bruno de Longoburgo, Congeinna, Guil. de Saliceto, Guy de Chauliac, Lanfranchi, Roger, Rolando, Theoderich.

[113] Beruhten doch auch manche lateinische Uebersetzungen auf hebräischen Uebertragungen, nicht auf dem arabischen Originaltext.

[114] Der Entstehungsort der hebräischen Uebersetzungen war der europäische Südwesten und Italien. Auch relativ selbständige literarische Produkte medizinischen Inhalts sind noch erhalten, wie z. B. die von Steinschneider veröffentlichte altfranzösische Kompilation über Fieberkrankheiten in hebräischen Lettern.

Die verhältnismäßig große Zahl der mittelalterlichen jüdischen Aerzte, welche in ~Italien~, ~Südfrankreich~ (Provence) und ~Nordspanien~ auf hoher Stufe standen, ist -- abgesehen von der fast angestammten Vorliebe für die Heilkunde[115] -- schon daraus erklärlich, daß den Juden eben alle übrigen gelehrten Berufe verwehrt waren; auch vermochte aus naheliegenden Gründen gerade die Tüchtigkeit auf dem Gebiete der Medizin noch am ehesten, wenigstens für einzelne, den unsäglichen Druck zu erleichtern, der auf dem verfemten Volke lastete. Ihre Ausbildung erlangten sie teils in jüdischen Schulen[116] und durch private Unterweisung, teils an Universitäten, die ihnen allerdings bloß in sehr beschränktem Ausmaße zugänglich waren und infolge des vorherrschenden kirchlichen Charakters nur ganz ausnahmsweise den Doktortitel verliehen (wie z. B. Padua)[117].

[115] Die mosaische Gesetzgebung mit ihren trefflichen hygienischen Vorschriften erhob die Sorge für die Erhaltung der Gesundheit geradezu zur religiösen Pflicht; das Studium des Talmud machte vielfach auch die Erörterung medizinischer Fragen nötig und überlieferte eine Fülle einschlägiger Kenntnisse aus dem Altertum. Auf dieser Basis, aber stets womöglich nach Erweiterung des Wissens im Anschluß an die zeitgenössischen Fortschritte strebend, wirkten Juden als erfolgreiche Aerzte in Byzanz und Persien, unter den Arabern und endlich unter den abendländischen Völkern des Mittelalters, überallhin Traditionen verpflanzend, überall Neues rezipierend. -- In älterer Zeit leisteten in den jüdischen Gemeinden die Rabbiner auch ärztlichen Beistand, umsomehr als sie nicht besoldet waren und daher aus der medizinischen Praxis auf ehrenhafte Weise Mittel zum Lebensunterhalt gewinnen konnten. Später widmeten sich diejenigen, welche nach einem gelehrten Beruf strebten, aber die Laufbahn des Seelsorgers nicht einschlagen wollten, vorzugsweise oder nebenbei dem Studium der Medizin.

[116] Welche Schriften zum Studium der Medizin in den spanisch-jüdischen Schulen des 13. Jahrhunderts vorzugsweise benützt worden sind, ersieht man aus dem Buche Jair Natib (vermutlich um 1250 von R. Jehuda b. Samuel b. Abbas verfaßt); dort werden die Diätik des Maimonides, das Canticum und der Kanon des Avicenna, der Lib. regalis des Ali Abbas, ein Werk Galens, das Viaticum des Ibn al Dschezzar, der dritte Teil (die Pathologie) des Colliget des Averroës, die Chirurgie des Abulkasim (?) und das Buch des Nedschib-ed-Din-al-Samarkandi empfohlen (vgl. Güdemann, Das jüdische Unterrichtswesen während der spanisch-arabischen Periode, Wien 1873).

[117] Vgl. S. 347. Paris nahm keine jüdischen Studierenden auf, ebensowenig die deutschen Universitäten. Daß sich übrigens sogar in Montpellier -- 1306 waren die Juden aus Frankreich vertrieben worden, im Jahre 1360 durften sie wieder zurückkehren -- die Verhältnisse wesentlich ungünstiger gestaltet hatten, beweist die Klage eines jüdischen Uebersetzers, Leon Joseph, der 1409 schrieb, daß er 10 Jahre lang die Schriften des Gerardus de Solo und Joh. de Tornamira nicht habe erlangen können, weil die Gelehrten von Montpellier Verkäufer dieser Schriften an Nichtchristen mit dem Anathema belegt hätten.

Wenn sie einen Titel führten, so war dies daher gewöhnlich derjenige eines Magisters. In ihrer Praxis waren sie keineswegs bloß auf ihre Stammesgenossen angewiesen, sie wurden vielmehr in allen Ländern von Christen stark in Anspruch genommen, nicht nur vom niederen Volke, sondern mehr noch von den höchsten Ständen, ja selbst von Klerikern[118]; wir finden sie als ~Leibärzte~ von Päpsten, geistlichen und weltlichen Fürsten oder in ~städtischen Diensten~[119], hauptsächlich aber als ~freie Praktiker~. An manchen Orten hatten sie zeitweilig die ganze Praxis inne, so z. B. in Avignon. Außer manchen anderen Momenten war es namentlich ein Umstand, der ihnen zu gute kam, nämlich, daß sie sich im Gegensatz zu den übrigen wissenschaftlich gebildeten Aerzten mit ~Chirurgie~ häufig abgaben; manche zeichneten sich sogar besonders als Wundärzte oder Augenärzte[120] aus (z. B. Jakob von Lunel, der Wundarzt Dolan Bellan in Carcassone). Welcher Beliebtheit sich die jüdischen Aerzte bei den Kranken erfreuten, sprach sich in vielfachen Privilegien aus, die einzelnen unter ihnen zu teil wurden von seiten der Päpste, Fürsten und Stadtverwaltungen. Es sei nur beispielsweise erwähnt, daß Papst Innocenz VII. drei jüdischen Aerzten das Bürgerrecht in Rom verlieh, daß Papst Paul II. die jüdischen Aerzte davon dispensierte, den sog. Judenflecken zu tragen. All dies ist umso höher zu werten, als die Kirche seit dem 13. Jahrhundert (in Konzilien- und Synodialbeschlüssen) wiederholt den Christen aufs strengste befahl, jüdische Aerzte zu meiden[121], und es auch die medizinischen Fakultäten[122] wahrlich an Gehässigkeit gegen die außer der Zunft stehenden Praktiker nicht fehlen ließen. Vgl. zur Orientierung R. Landau, Geschichte der jüdischen Aerzte, Berlin 1895.

[118] Einzelfakten hier anzuführen, würde zu weit führen. Schon Arnald von Villanova machte es den Mönchen zum Vorwurf, daß sie jüdische Aerzte gebrauchen.

[119] In Italien schon im 13. Jahrhundert, auf deutschem Boden später und weit seltener, z. B in Frankfurt und Basel.

[120] In manchen jüdischen Familien ging die Ausübung der Augenheilkunde (auf Grund spanisch-arabischer Traditionen) vom Vater auf den Sohn über. Die Bibliothek von Besançon besitzt eine okulistische Sammelhandschrift aus dem 14. Jahrhundert, die sich im Besitze jüdischer Augenärzte befand, wie aus beigefügten hebräischen Bemerkungen hervorgeht. -- Jüdische Wund- und Augenärzte sind in Deutschland im 14. Jahrhundert urkundlich nachweisbar. -- Hier sei erwähnt, daß auch Jüdinnen ärztliche Praxis trieben und manche darunter, besonders als Augenärztinnen, großen Ruf genossen, z. B. die Judenärztin Sarah in Würzburg und die Jüdin Zerlin in Frankfurt.

[121] In Betracht kommen die Synode zu Wien 1267, zu Trier 1310, die Konzile in Avignon 1326 und 1337, das Konzil von Lavaur 1368, das Basler Konzil (1431-1449), die Synoden zu Freising 1440, zu Bamberg 1491. Angeblich lag dem Verbot nur (?) das Motiv zu Grunde, daß die mittelalterlichen Aerzte verpflichtet waren, Schwerkranke zum Empfang der Sakramente zu ermahnen, wozu eben die jüdischen Aerzte weniger angehalten werden konnten; so sei es verständlich, daß Päpste und Bischöfe häufig jüdische Leibärzte hatten, den Gläubigen aber solche verboten waren. Uebrigens wurde kirchlicherseits eine Ausnahme zugelassen, in Fällen „cum nullus alius medicus adest, vel cum est excellens aliquis medicus in Judaeis”. Wie wenig übrigens das Gebot fruchtete, beweist, daß noch Geiler von Keisersberg Anlaß zur Klage findet: „Dergleichen sein etliche, die lauffen zu den Henckmessigen Juden, unnd bringen jhn den harn, und fragen sie umb rath. Welches doch hoch verbotten ist, das man kein Artzeney sol von den Juden gebrauchen, es sey den sach, das man sonst kein Artzet mag gehaben.”

[122] Z. B. die Statuten der medizinischen Fakultäten von Köln und Ingolstadt untersagten ausdrücklich jede Gemeinschaft mit jüdischen Praktikern.

Die steigende Bedeutung, die der wissenschaftlichen Heilkunde und den Aerzten im Staate zukam, die wachsenden Anforderungen, die an sie gerichtet wurden, gaben wie schon weit früher in Italien allmählich auch in anderen Ländern, so namentlich in Deutschland, den Anlaß zur Entstehung von ~Medizinalordnungen~, welche ihre Rechte und Pflichten regelten. In dieser Hinsicht wäre insbesondere die um 1350 erlassene Nürnberger Aerzteordnung und jene zu erwähnen, die Karl IV. für Schlesien erließ[123].

[123] Gemäß dieser mußten die „Kunstärzte” vor den Rathmannen durch „Briefe” und Zeugnisse, vor den Aerzten durch eine Vorlesung den Nachweis ihrer Befugnis und Befähigung erbringen. -- Gleichzeitig wurde auch in diesen Verordnungen das Verhältnis zwischen Arzt, ~Apotheker~ und Publikum geregelt (~Verbot des Selbstdispensierens der Aerzte~, ~Verbot der Kurpfuscherei der Apotheker~, ~Apothekertaxe~, ~Apothekenvisitation~ etc.).

Diese offizielle Anerkennung der ärztlichen Berufsklasse ging aber nicht so weit, den Vertretern der Medizin die gebührende Stellung als Sachverständige vor Gericht einzuräumen[124] oder ihnen eine entscheidende Stimme bei der Beratung und Durchführung ~sanitätspolizeilicher Verfügungen~ zu sichern[125]. Was die letzteren anlangt, so hat es namentlich im späteren Mittelalter an wohlgemeinten Bemühungen zur Beseitigung der hygienischen Mißzustände, an ernsten Versuchen zur ~Abwehr der Seuchen~[126] nicht gefehlt; geht doch die Institution der ~Quarantäne~ auf das 14. Jahrhundert zurück.

[124] Zwar läßt sich in den letzten Jahrhunderten des Mittelalters eine zunehmende Verwendung der Aerzte bezw. Chirurgen in foro nicht verkennen, doch wirkte auf eine festere Gestaltung der gerichtsärztlichen Tätigkeit insbesondere in Deutschland das neuaufgenommene römische Recht zunächst hemmend ein.

[125] Am reichsten fließen die Nachrichten über mittelalterliche sanitätspolizeiliche Verordnungen aus Italien; sie beziehen sich, nach dem Beispiel des Hohenstaufen Friedrichs II. (abgedr. in Choulants histor.-liter. Jahrbuch, Leipzig 1838) und darüber hinausgehend, auf die Reinhaltung der Luft, Entfernung des Unrats, auf die Wasserversorgung, auf die Hygiene der Nahrungsmittel und Getränke, die Ueberwachung der Prostitution, das Bestattungswesen u. s. w. In manchen deutschen Städten lassen sich bis ins 12. Jahrhundert zurück sanitätspolizeiliche Verfügungen über den Verkauf der Lebensmittel (z. B. Fleischbeschau), die Reinhaltung der Straßen, das Bauwesen etc. nachweisen. -- Hervorzuheben ist es, daß im Mittelalter manche vom Geiste echter Humanität erfüllte sozialhygienische Vorschriften gegeben wurden, wie z. B. das Verbot, daß Frauen gewisse anstrengende Arbeiten verrichten (in Frankreich schon unter Ludwig IX.), gewisse Maßnahmen im Interesse des Mutterschutzes etc.

[126] Auf die, auch kulturhistorisch so bedeutungsvolle, Seuchengeschichte des Mittelalters kann hier nicht eingegangen werden, wir müssen diesbezüglich auf die einschlägigen Spezialwerke, besonders von Haeser (Geschichte der epidemischen Krankheiten im 3. Band seiner Geschichte der Medizin, 3. Aufl., Jena 1882) und Aug. Hirsch (Handbuch der historisch-geographischen Pathologie, Erlangen 1881-86) verweisen. Hier sei nur bemerkt, daß außer dem Aussatz und der Pest (mit welcher mehrere andere Infektionskrankheiten, z. B. Petechialtyphus, zusammengeworfen wurden) das St. Antoniusfeuer (Mutterkornbrand), Blattern und influenzaartige Epidemien die Hauptrolle in der Seuchengeschichte des Mittelalters spielten.

Die allgemeinen hygienischen Verhältnisse der mittelalterlichen Städte mit ihrer dichten Bevölkerung, ihrer licht- und luftlosen Bauart, ihren engen Straßen, ihrer mangelhaften Kanalisation, ihrem schlechten Trinkwasser, ihrem sanitätswidrigen Begräbniswesen etc., waren die denkbar ungünstigsten; vergegenwärtigt man sich noch außerdem, welche Gefahren der rege Handels- und Pilgerverkehr, das Bettlerunwesen, die Völlerei und geschlechtliche Ausschweifung, der überall herrschende Schmutz u. s. w. mit sich brachten, so nimmt es nicht wunder, daß Epidemien und Endemien verschiedenster Art, für deren Entstehung und Verbreitung die vielfältigsten Bedingungen gegeben waren, Hekatomben von Menschenopfern forderten, umsomehr als die gelegentlich ergriffenen prophylaktischen Maßnahmen zumeist genügender wissenschaftlicher und technischer Grundlagen entbehrten[127].

[127] Auf weit höherer Stufe als die öffentliche Gesundheitspflege stand die ~individuelle Hygiene~, die zum großen Teile auf den Vorschriften des Regimen Salernitanum aufgebaut war. Sie umfaßte nicht nur die Diätetik im engeren Sinne, sondern auch eine ganze Reihe streng geregelter prophylaktischer Maßnahmen, den ~Bädergebrauch~, das ~Schröpfen und Aderlassen~, das ~Einnehmen von Abführmitteln~ („blutreinigenden Tränken”) zu bestimmten Zeiten. Das Badewesen (~Warmwasserbäder~, ~Schwitzbäder~, ~Kräuterbäder~ etc.) war im Mittelalter sehr entwickelt, wenn auch die technischen Einrichtungen mit denen der Römerzeit nicht zu vergleichen sind (vgl. zur näheren Orientierung Zappert, Ueber das Badewesen mittelalterlicher und späterer Zeit, Archiv f. Kunde österr. Geschichtsquellen Bd. 21, 1859, Marcuse, Bäder und Badewesen, Stuttgart 1903, und namentlich das erschöpfende Werk von Martin, Deutsches Badewesen in vergangenen Tagen, Jena 1906). Im späteren Mittelalter gab es in jeder Gemeinde eine, in größeren Orten sogar mehrere ~öffentliche Badestuben~ mit Wasser- und ~Dampfbädern~; daß auch der Arme der Wohltat des Badens teilhaftig werden konnte, dafür sorgten fromme Stiftungen („Seelbäder”); statt des Trinkgeldes empfingen die Handwerksburschen und Dienstboten ein Badegeld. Die Bedienung besorgten Badeknechte und Bademägde. War das Bad gerichtet -- in vollem Betrieb stand die Anstalt nur an bestimmten Tagen in der Woche -- so wurde dies durch Ausrufen, Hornblasen, Beckenschlagen oder durch einen vor die Türe gehängten Badewedel angekündigt; namentlich abends vor den Sonn- und Feiertagen strömte dann die Bevölkerung in die Badestuben. Wannen- und Dampfbad wuchsen so in die gesellschaftlichen Ergötzungen hinein, daß sie unter ihnen eine der ersten Stellen einnahmen; leider arteten aber viele öffentliche Bäder schon sehr früh zu Sammelstätten des Müßiggangs und der Schmausereien, zu Schlupfwinkeln der Unzucht aus (gemeinsames Baden beider Geschlechter, Bedienung durch „Jungfräulein”). Die Juden hatten ihre eigenen Badestuben, der Besuch der übrigen war ihnen untersagt. -- In enger Beziehung zum Badewesen stand das Schröpfen und Aderlassen als Gesundheitsmaßregel gegen Völlerei, als Vorbeugungsmittel gegen Krankheiten; es geht dies jedenfalls auf Klostersitten zurück (vgl. S. 271). Gewöhnlich wurden jährlich 4-6 prophylaktische Aderlässe vorgenommen, für die Zeit der Vornahme (am günstigsten September, Oktober, Dezember, mit Einschränkung Februar, April, Mai, November, ungünstig Jänner, März, Juni, Juli, August), ebenso für die Wahl der Vene gab es bestimmte Regeln gemäß dem herrschenden astrologischen System. Den geeigneten Zeitpunkt zeigten die Bader und Scherer durch das Aushängen einer Aderlaßbinde an. Genaue Vorschriften über das Aderlassen mit Abbildung einer Figur (dem „Laßmännlein”), „~Laßbriefe~”, „~Laßzettel~”, „~Laßtafeln~” dienten zur Belehrung von Hoch und Nieder. Für das Aderlassen trat stellvertretend das Schröpfen ein. -- Auch das regelmäßige Einnehmen von Abführmitteln, weniger die Applikation von Klistieren zu prophylaktischen Zwecken spielte eine wichtige Rolle. -- ~Medizinische Monatsregeln für Aderlaß, Schröpfen, Baden, Arzneigebrauch, Auswahl der Speisen und Getränke~ nach salernitanischem Muster -- gestützt auf die Vorstellung vom Einfluß der vier Elemente, der Planeten und Sternbilder auf den menschlichen Körper -- bilden nicht nur einen Teil des Inhalts von populären Arzneibüchern und diätetischen Schriften, sondern wurden zwecks Verbreitung in die weitesten Kreise auch mit den ~Kalendern~ verbunden (vgl. z. B. Deutsches Calendarium aus dem 14. Jahrhundert in Haupts Zeitschr. VI, S. 351 oder den Kalender vom Jahre 1428 im Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit, 1864, S. 333). Das Leben „~nach der mensur~” war zur allgemeinen Sitte geworden!

~Von den behördlichen Abwehrversuchen sind diejenigen am wichtigsten, welche sich gegen den „Aussatz” und die „Pest” richteten.~

Was die ~Leprösen~ anlangt, so ist bereits oben erwähnt worden, daß die Staatsverwaltung schon in früher Zeit die Ausschließung der unglücklichen Kranken aus der bürgerlichen Gemeinschaft verfügte und daß man, um den Nachteilen des ungeordneten Sonderwohnens der Aussätzigen entgegenzuwirken, eigene Aussatzhäuser in großer Zahl (außerhalb der städtischen oder Landgemeinden) errichtete, für deren Erhaltung öffentliche und private Stiftungen bezw. Schenkungen sorgten, vgl. S. 276, 327, 413. Die Leprösen lebten dort unter einem aus ihrer Mitte gewählten „Siechenmeister” in einer Art von genossenschaftlicher Organisation mit klösterlichen Formen[128]. An bestimmten Tagen durften sie in die Städte kommen, um zu betteln und ihren Bedarf nach Lebensmitteln etc. zu decken. Sie mußten eine vorgeschriebene, schon von ferne leicht kenntliche ~Tracht~[129] anlegen, eine ~Klapper~ in den Händen tragen[130] und damit bei jeder Annäherung von Menschen ein Zeichen geben, sie durften Gegenstände, die sie kaufen wollten, nur mit dem Stock berühren, auch war ihnen verboten (außer in Fällen dringendster Not und dann nur unter Einhaltung gewisser Vorsichtsmaßregeln) mit anderen als ihresgleichen zu sprechen, aus öffentlichen Brunnen zu trinken, Kirchen, Wirtshäuser u. s. w. zu besuchen. Die Entscheidung, wer als aussätzig zu betrachten sei, wurde im späteren Mittelalter aus triftigen Gründen nicht mehr wie früher bloß einem einzelnen (z. B. dem Siechenmeister) überlassen, sondern einer Kommission übertragen, der neben Laien (vereidigten „Beschauern”) auch Aerzte (oder Chirurgen) angehörten[131]. Die Diagnose stützte sich großenteils auf reale Kennzeichen des Uebels, aber auch auf manche phantastische Untersuchungsmethoden[132]. Zweifellos hat man mit der Lepra nicht selten Affektionen anderen Ursprungs zusammengeworfen.

[128] Ulrich von Lichtenstein hat davon in seinem „Frauendienst” eine Schilderung gegeben.

[129] Das sog. Lazaruskleid bestand aus einem schwarzen Gewand mit verschiedenen Abzeichen, dazu wurden ein Hut mit breitem weißem Bande und Handschuhe getragen. Auf den Brustteil des Gewandes oder auch auf den Hut waren meist zwei weiße wollene Hände genäht -- zum Zeichen, daß die Hand des Herrn schwer auf dem Sondersiechen ruhe.

[130] Vgl. S. 276. Außer der Klapper kam zur Ausrüstung der Leprösen noch ein Stock, ein Fäßchen für Wasser und ein Korb.

[131] Die Entscheidung war ungemein schwerwiegend, da ja der Aussätzige der bürgerlichen Rechte verlustig ging, fortan als bürgerlich tot galt. Tatsächlich war die Erklärung der Aussätzigkeit an vielen Orten mit einer kirchlichen Totenfeier (Requiem mit allen dazu gehörigen Gebräuchen) verbunden, an deren Schlusse eine Schaufel voll Erde auf die Füße des Unglücklichen geworfen wurde. Andererseits suchten sich unter die Leprösen auch bisweilen Leute der niedersten Volksklasse einzuschmuggeln, um frank und frei den Bettel ausüben zu können. Die Zuchtlosigkeit in den Leprosenhäusern erreichte übrigens oft einen hohen Grad, ja es kam bisweilen zu förmlichen Revolten der Aussätzigen gegen die Städter. Zur Zeit Philipps des Schönen von Frankreich beschuldigte man die Leprösen, daß sie sich mit den Juden zur Brunnenvergiftung verschworen hätten, eine Anklage, die natürlich zur grausamsten Bestrafung und zur Güterkonfiskation zu Gunsten des Fiskus führte.

[132] Bei den mittelalterlichen medizinischen Autoren, z. B. bei den Glossatoren zu Roger und Rolandus (Quatuor magistri), bei Henri de Mondeville, Guy de Chauliac, finden sich vorzügliche Beschreibungen der Lepra, und unzweifelhaft wurde durch die häufige Beobachtung der diagnostische Blick der Aerzte auf diesem Gebiete sehr geschärft. Trotz der Befangenheit in humoralen Theorien (schwarze Galle als Ursache der Lepra), welche übrigens die Begründung einer rationellen Aetiologie des Aussatzes (Kontagiosität, Erblichkeit, Fischnahrung etc.) nicht hinderte, achtete man sorgfältig auf „Vormäler” und äußere Krankheitssymptome. Als sicherste Zeichen werden angeführt: Ausfallen der Augenbrauen, Verdickung der Orbitalränder, Exophthalmus, Anschwellung der Nase, livide Gesichtsfarbe, starrer Blick, Knoten im Gesichte und an den Ohren, die weißen Flecken (Morphaea alba), die dunklen Flecken (Morphaea nigra), Schwinden des Muskels zwischen Daumen und Zeigefinger, pralle, glänzende Spannung der Stirnhaut, Gefühllosigkeit der äußeren Teile der Tibien und der kleinen Zehen u. s. w. Zu den diagnostischen Methoden gehörten folgende: ~Prüfung der Hautempfindlichkeit~ in der Gegend der Tibien und Achillessehne -- positiv bei bestehender Anästhesie und beim Ausfließen einer serösen statt blutigen Flüssigkeit; ~Benetzen der Haut des Kranken mit Wasser oder Bestreuen mit Salz~ -- positiv, wenn das erstere nicht, wohl aber das letztere haften bleibt; ~Aussetzen an die kalte Luft~ -- positiv, wenn keine Gänsehaut auftritt; ~Blutprobe~ (Aderlaßblut) -- positiv, wenn es schwarz und aschfarbig ist, wenn es mit Wasser behandelt und durchgeseiht, zähe Fäden, ein sandiges, körniges, gerinnendes „Fleisch” zurückläßt, wenn es Salz schnell auflöst, wenn es sich mit Essig und Wasser rasch mischt; ~Harnprobe~ -- positiv, wenn der Harn einen feinen, weißen oder grauen Niederschlag enthält. -- Von Mitteln, die man gegen den Aussatz, begreiflicherweise ohne großes Vertrauen, empfahl, wären der Genuß von Vipernfleisch, gewisse diätische und Abführmittel, Aderlässe und Fontanellen zu erwähnen.

Energischen behördlichen Verfügungen zur Abwehr der Pest, welche auch nach dem Verschwinden „des schwarzen Todes” eine ständige Gefahr bildete, begegnen wir erst seit den letzten Dezennien des 14. Jahrhunderts, als sich die Ansicht von der ~Kontagiosität~ der Seuche[133] mehr und mehr durchgerungen hatte. Was vordem in prophylaktischer Absicht unternommen worden war, bestand hauptsächlich in diätetischen Ratschlägen und in Maßnahmen zur Beseitigung der vermeintlichen Luftverderbnis[134]. Von der ~Absperrung~, als dem wirksamsten Vorbeugungsmittel, von der Unterbringung verdächtiger Reisender in ~Quarantänestationen~, von der strengen ~Isolierung~ Pestkranker, von einer Art Desinfektion verpesteter oder pestverdächtiger Gegenstände machten italienische Städte und Hafenplätze am Mittelländischen Meere, die ja durch ihren regen Handelsverkehr mit dem Orient der Seucheneinschleppung besonders ausgesetzt waren, zuerst Gebrauch. Dem gegebenen Beispiele folgten allmählich auch Städte des Binnenlandes durch Erlassung oder Verschärfung entsprechender sanitätspolizeilicher Vorschriften[135]. ~Die Aerzte wurden von den Behörden wohl über die Natur des Uebels und die Heilmittel dawider, aber gar nicht oder nur ausnahmsweise über zweckmäßige Vorkehrungen gegen die Pestgefahr gefragt[136].~

[133] Die Erfahrungen, welche während der Zeit „des schwarzen Todes” gemacht worden waren, führten, wenn auch nicht unwidersprochen, zur Ansicht, daß die Pest vorzugsweise durch direkte Berührung Infizierter, durch Kleider, Habseligkeiten etc. Erkrankter und Verstorbener, durch den Verkehr mit den, aus verpesteten Gegenden angekommenen Fremdlingen u. s. w. verbreitet werde. Unter den medizinischen Autoren vertrat, wie erwähnt, bereits ~Chalin de Vinario~ die Lehre von der Verbreitung der Pest durch Ansteckung, ihm folgten darin die meisten Aerzte des 15. Jahrhunderts, doch fehlt es auch nicht an solchen, die sich dieser Annahme unter Anführung gewichtiger Gegenargumente widersetzten. Es darf übrigens nicht übersehen werden, daß man wohl die ~Verbreitung~ des Pestgiftes von einem Kontagium abzuleiten begann, hingegen die ~Entstehung~ der Seuche auf ganz ~andere Ursachen, kosmisch-tellurischer Natur~ (causae inferiores et superiores), d. h. astralische Einflüsse (ungünstige Konstellation, Kometen etc.), ungewöhnliche Witterungsverhältnisse, Erdbeben u. s. w. zurückführte, welche erst in ihrer Gesamtheit als „Constitutio epidemica” die „~Fäulnis~” der Säfte, namentlich des Blutes und somit die „putriden” Fieber, die Pestilenz hervorrufen.

[134] Die „~Pestkonsilien~”, welche Aerzte an Private richteten, oder welche zur Belehrung weiterer Kreise dienen sollten, enthalten außer Angaben über angeblich prophylaktisch wirkende Arzneimittel großenteils ~diätetisch-hygienische~ Vorschriften in Anlehnung an das S. 424 erwähnte Compendium de epidemia der Pariser Fakultät vom Jahre 1348 (vgl. Sudhoff, Pestschriften aus den ersten 150 Jahren nach der Epidemie des schwarzen Todes, Arch. f. Gesch. d. Med. Bd. IV, Heft 3, Leipzig 1910; Senfelder, Die ältesten Pesttraktate der Wiener Schule, Wiener klin. Rundschau 1898). -- Manchmal erließen die städtischen Behörden Verbote gegen Völlerei und Ausschweifung. -- Ausgehend von der Vorstellung, daß die Verderbnis (Vergiftung durch faulende organische Stoffe) der Atmosphäre (Miasma) die Wurzel des Uebels sei, zündete man auf den Straßen große Feuer an oder empfahl die Räucherung mit harzigen Substanzen in den Wohnungen.

[135] Vgl. Sticker, Abhandlungen aus der Seuchengeschichte, I. Bd., zweiter Teil (Gießen 1910), S. 294 ff. Abgesehen von ~Genua~ und ~Mailand~, die schon zur Zeit des schwarzen Todes vorübergehend zur Sperre griffen, war es zuerst ~Venedig~, wo ~1374~ Verfügungen gegen die Einschleppung der Seuche getroffen wurden. Im gleichen Jahre hatte der Visconte Bernabo von ~Reggio~ (bei Modena) verordnet, daß jeder, den die Pest befallen habe, seine Wohnung verlassen und auf das Feld oder in den Wald sich begeben müsse, daß jeder, der die Seuche einbringe, alle seine Habe verlieren solle, daß diejenigen, welche Pestkranke gepflegt hätten, 10 Tage abgesondert, allen Verkehr mit Gesunden meiden müßten, ferner daß außer den dazu bestellten Leuten niemand den Pestkranken beistehen dürfe. Diese Vorschriften wurden 1399 durch den Viconte Giovanni noch vermehrt (Bewachung der Stadttore wie in Kriegszeiten, um den Einlaß pestverdächtiger Fremder zu verhindern, Lüftung, Räucherung der Pesthäuser durch 8-10 Tage, Verbrennen von Kehricht, Stroh, Lumpen etc.). In ~Ragusa~ befahl der Magistrat im Jahre ~1377~, daß alle Ankömmlinge aus verpesteten Orten vom Bezirke abgewiesen werden sollten, falls sie nicht vorher in Mercana oder in Altragusa einen ~ganzen Monat~ zur Reinigung Halt gemacht haben. Personen, die mit den Abgesonderten in Berührung gekommen seien, müßten ebenfalls einen Monat isoliert und durch Wind und Sonne gereinigt werden. Die dreißigtägige Kontumaz, die Trentina, erweiterte man zuerst in ~Marseille~ zur ~Quarantina~. In der dort ~1383~ errichteten Quarantänestation wurden die Menschen und Waren von verpesteten oder verdächtigen Schiffen für 40 Tage isoliert, dem Wind und der Sonne ausgesetzt. Im Jahre 1402 begann man in ~Mailand~ damit, verpestete oder pestverdächtige Gegenstände durch Räucherungen zu reinigen. Nach dem Muster Marseilles errichtete Venedig 1403 ebenfalls ein Quarantänelazarett. Diese Vorbilder fanden im Laufe des 15. Jahrhunderts auch in anderen Hafenstädten Nachahmung. Auf Mallorca bestand bereits im Jahre 1471 eine vollständig eingerichtete Pestquarantäne, deren Reglement von ~Lucian Colomines~ entworfen worden war. Venedig setzte 1485 einen eigenen Gesundheitsrat als Seuchenbehörde ein. -- In verschiedenen Städten Deutschlands und Oesterreichs erfuhren während des 15. Jahrhunderts die Maßnahmen in Pestzeiten eine bedeutende Verschärfung, wobei den mannigfachen Verbreitungsweisen der Seuche Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Man brachte die Pestkranken in leerstehenden Leprosenhäusern oder neuerbauten Pestspitälern unter, legte Pestfriedhöfe an, errichtete Quarantänelazarette, verbot größere Menschenansammlungen, schloß vorübergehend die öffentlichen Badestuben, gab strenge Erlässe gegen pestverschleppende Landstreicher, untersagte das Halten von Hunden, Katzen, Hausgeflügel, sorgte für bessere Reinigung u. s. w.

[136] Was die Schutzmittel gegen die Pest anlangt, so kamen -- abgesehen von dem alten Rat zur Flucht, cede, recede, fuge -- magische Mittel, Amulette und Talismane, äußere ~Alexiteria~ (besonders Riech- und Räuchermittel), innere ~Alexipharmaca~ (z. B. Theriak, die Pillen des Rufus von Ephesus ═ Pil. aloëticae, die gebrannten Wässer), Fontanellen, Aderlässe u. a. zur Anwendung. In der Therapie der Pest spielten Aderlässe (von Colle und Chalin de Vinario verworfen), Schröpfköpfe, herzstärkende, blutreinigende Mittel (Abführ-, Schwitzmittel), Räuchermittel und die Behandlung der Bubonen (erweichende Pflaster und Umschläge, Kauterisation, Inzision) die Hauptrolle.

Am allerwenigsten, oder richtiger gesagt, gar nicht, kam der Arzt in der Irrenpflege zur Geltung, da man nur den Schutz der Gesellschaft gegen gemeingefährliche Personen und nur ganz ausnahmsweise die Behandlung der Geisteskranken als solcher ins Auge faßte.

In Bezug auf die Behandlung, die man den Geisteskranken zu teil werden ließ, steht das abendländische Mittelalter in schroffem Gegensatz zur Antike und insbesondere zur arabischen Kultur (vgl. S. 194); es hängt dies mit der damals und leider noch lange nachher herrschenden Anschauung zusammen, im Irrsinnigen nicht einen Kranken, sondern einen vom bösen Geiste Besessenen zu sehen.

Gutartige Irre ließ man frei herumgehen[137] oder nahm sie gelegentlich, falls sie nicht zu sehr störten, in den Spitälern auf, welche manchmal eine eigene Narrenstube besaßen. Unruhige Geisteskranke hingegen wurden, wenn der angewandte ~Exorzismus~ fruchtlos geblieben war, gefesselt und in Gefängnissen oder besonderen Räumen untergebracht, deren Name allein -- Tollhaus, Kastenhospital, Tollkiste, Torenkiste, Narrenturm etc. -- schon auf harten grausamen Zwang, nicht auf Heilabsichten hinweist. Die Wartung lag in den Händen roher Büttel (Narrenknechte). Fremde Geisteskranke ließ man, falls sie unruhig waren, einfach durch den Nachrichter fortjagen. Um ihnen das Wiederkommen zu verleiden, peitschte man sie vor dem Abschied gehörig aus. -- Einzig allein dort, wo sich die christlich-abendländische mit der arabischen Kultur direkt berührt hatte, in ~Spanien~, gab es im späteren Mittelalter wirkliche, von humanem Geiste geleitete Anstalten für Geisteskranke (innocentes), deren Errichtung hauptsächlich das Verdienst des Ordens della mercedes war. Die erste größere Irrenanstalt in besserem Sinne des Wortes wurde im Jahre 1409 zu Valencia eröffnet, darauf folgten diejenigen von Saragossa (1425), Sevilla (1436), Toledo (1483). Von einer wissenschaftlichen Bearbeitung der Psychiatrie konnte unter solchen Umständen keine Rede sein, doch besitzen wir interessante Berichte über Lykanthropie, Tanzwut u. a.

[137] Wobei mancher Spott mit ihnen getrieben wurde. Man gab ihnen eine eigene, auffallende Kleidung, hing ihnen ein rasselndes Geräte (später eine Schelle) an und versah sie zur Schutzwehr mit einem keulenartigen Stock.

Dem ärztlichen Berufe diente vorherrschend die Privatpraxis zur Wirkungssphäre -- ein Umstand, der schon von vornherein die medizinische Forschung als solche wenig begünstigte. Aber auch dann, wenn es sich um Spitalkranke handelte, wurde der Heilkünstler durch enggezogene Schranken aller Art in seinem Walten gehemmt. Denn ~die mittelalterlichen Hospitäler~ (mit ihrer primitiven Einrichtung) waren ~eher Pflegestätten für Sieche als wirkliche Krankenanstalten~, auf ihre Verwaltung hatte der Arzt keinen Einfluß, ja man darf behaupten, ~in ihren Räumen spielte die ärztliche Behandlung gar nicht die erste Rolle~.

Es gehört überhaupt zu den charakteristischen Kennzeichen der mittelalterlichen christlichen Kultur, daß die von kirchlicher Frömmigkeit erfüllte ~Krankenpflege~ gegenüber der nüchternen medizinischen Therapie weitaus den Vorrang besaß.

Die Krankenpflege als Teilstück der christlichen Liebestätigkeit und sozialen Fürsorge bildet ein Ruhmesblatt in der Geschichte des Mittelalters, mag auch die Sorge um das eigene Seelenheil, also fromme Selbstsucht, das Leitmotiv gebildet haben. Kleriker, Mönche und Laien, Angehörige der höchsten und niedrigsten Stände begegneten sich auf diesem Gebiete in edlem Wettstreit (vgl. S. 326, 412). -- Von den Krankenpflegerschaften des späteren Mittelalters wären besonders hervorzuheben die ~Begharden~, ~Lollharden~ und ~Beguinen~, die ~Kalandsbrüder~ (besonders als unerschrockene Pfleger von Pestkranken bewährt), die ~Antoniter~ (vgl. S. 328), die ~Alexianer~ oder Celliten (von cella ═ das Grab, weil sie auch als Leichenbestatter dienten). Vgl. Uhlhorn, Christliche Liebestätigkeit, Stuttgart 1895.

Gerade die Krankenpflege begünstigte aber in nicht geringem Ausmaße die ~Volksmedizin~, welche von der vordringenden wissenschaftlichen Heilkunde zwar eingedämmt, aber durchaus nicht zum Verschwinden gebracht worden war. Eine strenge prinzipielle Scheidung zwischen der wissenschaftlichen und volksmedizinischen Therapie hatte sich übrigens damals noch nicht in allen Punkten vollzogen, gegenseitige Entlehnungen kamen häufig vor; so wie die gelehrten Aerzte manchen empirischen oder sogar abergläubischen Heilgebrauch akzeptierten, unterlag auch die Hausmedizin durch Aufnahme fremder Arzneistoffe ganz bedeutenden Wandlungen. Mit dem natürlichen Heilverfahren war in der Volksmedizin der Glaube an die Wirkung gewisser Beschwörungs- und Segensformeln, gewisser sympathetischer Prozeduren unzertrennlich verbunden.

Wer es nicht unberücksichtigt läßt, wie sehr das Unglück der Hoffnung und Phantasie als tröstender Begleiter bedarf, wer sich darüber klar ist, wie oft die damalige ärztliche Kunst versagen mußte, dem wird es nicht erstaunlich erscheinen, daß der ~medizinische Wunderglaube~[138] trotz fortschreitender Kultur nicht abnahm, sondern sogar erschreckend anwuchs -- namentlich in der Zeit der furchtbaren Seuchen, welche die Ohnmacht menschlichen Wissens in erschreckender Weise offenbarten.

[138] Es sei nur hingedeutet auf die Wunderkuren an den Gräbern von Heiligen, durch Reliquien derselben u. s. w. Die Beziehungen bestimmter Heiliger zu bestimmten Krankheiten wurden in ein förmliches System gebracht.

* * * * *

Es galt somit für die wissenschaftliche Heilkunde noch manches Gebiet zu erobern! Aber vorerst bedurfte sie schon im Hinblick auf die zugewiesenen und nur unvollkommen erfüllten Aufgaben einer tiefgreifenden, den Kern ihres Wesens erfassenden ~Erneuerung~.

Dazu trug die Medizin des Mittelalters in sich selbst nicht die Kraft, ja sie drohte unter fortschreitender Systematisierung des Wissensstoffes bereits jener Erstarrung anheimzufallen, welche die Medizin der orientalischen Völker so drastisch kennzeichnet. Vor diesem Geschick bewahrten die Heilkunst auf abendländischem Boden glücklicherweise ~von außen wirkende, überaus mächtige Faktoren~ -- dieselben, die zur neuzeitlichen Kultur überhaupt den Grund gelegt haben.

Wie für das übrige Geistesleben des Abendlandes setzte in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts auch für die Medizin eine ewig denkwürdige, hellstrahlende ~Uebergangsepoche~ ein, eine Epoche, die groß war durch das, was sie leistete, größer aber noch durch das, was sie vorbereitete.

Literarhistorische Uebersicht[1].

[1] Im folgenden sind nur besonders ~wichtige~ und meist nur später im ~Druck~ erschienene oder in unserer Zeit neu herausgegebene Schriften angeführt. Selbst bei dieser Beschränkung soll auf Vollständigkeit kein Anspruch erhoben werden, namentlich auch nicht hinsichtlich der Ausgaben.

Schriftsteller des 14. Jahrhunderts.

Italien.

•Franciscus de Pedemontium• (~Francesco di Piedimonte~), geboren in San Germano in der Terra di Lavoro, wahrscheinlich ein Zögling Salernos und Leibarzt des Königs Robert und Professor in Neapel († um 1320), verfaßte eines der besten mittelalterlichen Lehrbücher der speziellen Pathologie und Therapie, in welchem die Vereinigung der salernitanischen mit der arabischen Medizin deutlich hervortritt, ohne daß der scholastischen Beweisführung ein allzugroßer Raum zugewiesen ist: ~Supplementum Mesuae~, eine Ergänzung zu dessen Practica medicinarum particularium s. liber de appropriatis ═ lib. II des Grabadin (vgl. S. 226), die dort einsetzt, wo Peter von Abano aufgehört hat (vgl. S. 405), also mit den Herz-, Baucheingeweide-, Leber-, Gebärmutter- und Gelenkkrankheiten (gedr. c. Mesue opera). Das Werk ist überwiegend kompilatorischen Charakters (erwähnt wird eine stattliche Zahl von Autoren, antike, byzantinische, arabische, salernitanische und spätere), an eigenen Beobachtungen (Krankengeschichten) bietet es nur wenig, hingegen eine Unmasse von Rezepttherapie (darunter vieles „ex inventione nostra” empfohlen). Von Interesse ist namentlich der geburtshilfliche Teil (im Abschnitt de aegritudinibus matricis). Wichtig ist die Vorschrift, daß die Hebamme bei normalen Geburten der Natur nicht vorgreife (et dimittat naturae obstetrix et nihil agat), sie solle nur beobachten und etwaigen Gefahren vorbeugen. Zu den geburtsfördernden Mitteln (~Geburtsstuhl~ mit einem Ausschnitt) zählen Einlagen, Räucherungen, Einfettung, Niesemittel, instrumentelle Dilatation des Muttermundes, Sprengen der Fruchtblase. Bei vollkommener Fußlage sind die Arme, wenn sie nicht an den Schenkeln anliegen, herunterzustrecken; bei unvollkommener Fußlage und bei Seitenlage ist die Wendung auf den Kopf anzustreben (Reposition des Fußes, Schüttelung); bleibt dieses Verfahren erfolglos, dann Herabholen des zweiten Fußes und Extraktion, ansonst ist das Kind herauszubefördern wie ein totes. Zum Herausbefördern des toten Kindes sind zunächst Arzneien anzuwenden, falls diese im Stiche lassen, ist die Extraktion mit Haken bezw. Zerstückelung am Platze. Zur Herausbeförderung der Nachgeburt sind nur medikamentöse Mittel empfohlen. Neben den rationellen Maßnahmen spielen ~abergläubische~ Prozeduren noch eine sehr bedeutende Rolle.

•Matthaeus Sylvaticus•, „der Pandectarius” aus Mantua († 1342), widmete dem König Robert von Neapel seine berühmt gewordenen ~Pandectae medicinae~ (Opus pandectarum medicinae), eine (um 1297 begonnene, 1317 fertiggestellte) die ~Synonymik~ berücksichtigende, alphabetisch geordnete Arzneimittellehre in ca. 720 Artikeln (auch unter dem Titel Liber cibalis et medicinalis pandectarum, Neap. 1474, Vicent. um 1475, Venet. 1480, 1484, 1492, 1498, 1499 u. ö., Papiae 1521, Lugd. 1524, 1534, 1541, die Ausgaben weichen nicht unerheblich voneinander ab durch Einschiebsel aus Simon Januensis' Clavis sanationis und sonstige spätere Entstellungen), möglicherweise rühren die etymologischen Erklärungen gar nicht vom Verfasser selbst her. Matthaeus Sylvaticus kompilierte sein Werk aus einer sehr großen Zahl von Autoren, die er zitiert, unternahm wahrscheinlich auch im Interesse seiner Arbeit weite Reisen. In seiner späteren Lebenszeit wohnte er als „miles et physicus regius” in Salerno, wo er einen botanischen Garten unterhielt.

Schule von Bologna.

•Guielmus Brixiensis• (Guglielmo da Brescia, G. de Corvis, 1250 bis um 1326), aus Canneto bei Brescia, war zuerst Lehrer der Logik in Padua, studierte sodann Medizin in Bologna bei Taddeo Alderotti, von dem er die Laurea empfing, und wurde später Leibarzt der Päpste Bonifaz' VIII., Clemens' V. und Johanns XXII. (in Avignon), welche ihn mit geistlichen Pfründen überhäuften; am Ende seines Lebens zog er sich nach Paris zurück. Großes Ansehen erlangte seine ~Practica ad unamquamque egritudinum a capite ad pedes~, gewöhnlich als ~Aggregator Brixiensis~ bezeichnet (Patav. 1505, 1515, Venet. 1510), ein von scholastischem Geiste durchwehtes Sammelwerk, welches über die verschiedenen Kapitel der speziellen Pathologie und Therapie die Anschauungen der maßgebendsten Autoren zusammenstellt, zumeist ohne zu einer selbständigen Kritik vorzudringen. Mit dem Hauptwerke wurden öfters noch einige andere Schriften, ~Tractatus de febribus~, ~de peste~, ~de consilio observando tempore pestilentiali ac etiam de cura pestis~, gedruckt.

•Bartolomaeus Varignana•, † um 1320, Schüler des Thaddaeus Florentinus, ein auch an den politischen Angelegenheiten hervorragend beteiligter Arzt und berühmter Lehrer; von seinen Schriften (Kommentare und Kollegienhefte -- Recollectiones -- über Galen und Avicenna, ferner Consilia) sind nur einige Proben gedruckt (bei Puccinotti, Storia della medicina, Livorno 1855, Vol. II, P. 1 App., p. CXIII ff., ~Quaestiones super libro Galeni de complexionibus~; ~quaestio: Utrum medicina nutriat~).

•Guilielmus Varignana•, † 1330, Sohn des Vorhergehenden. ~Secreta sublimia medicinae ad varios curandos morbos~, Venet. 1520, Lugd. 1526, Basil. 1597. ~Ad omnium interiorum et exteriorum partium morbos remediorum praesidia et ratio utendi eis pro circumstantiarum varietate~ (Basil. 1531). Zusammengefaßt in ~Opera medica de curandis morbis universalibus et particularibus, febribus, venenis, faciei et totius corporis mundificationibus~ (Basil. 1545, 1595, Lugd. 1560). G. de Varignana war einer der Ersten, welcher die Isolierung der Pestkranken forderte. Sein Sohn Guilielmo und seine Enkel Pietro und Matteo waren gleichfalls Professoren der Medizin in Bologna.

•Dinus de Garbo• (Dino ═ Aldrobandino del Garbo, Dinus de Florentia), geboren in Florenz als Sohn des Chirurgen Buono oder Bruno, Schüler des Thaddaeus, wirkte als gefeierter Lehrer in Bologna, vorübergehend auch in Siena und Padua und erfreute sich der besonderen Gunst des Königs Robert von Sizilien, dem Mäzen aller Gelehrten. Er starb in seiner Geburtsstadt 1327 (wenige Tage nach dem Feuertode seines wissenschaftlichen Gegners und Konkurrenten, des Dichterarztes und Astrologen ~Cecco di Asculo~, dessen Verurteilung durch die Inquisition er befördert haben soll). Dino, einer der feingebildetsten und bedeutendsten Aerzte in den Augen der Zeitgenossen, zeigte sich als starrer Anhänger der Tradition (secutus est Galenum sicut Evangelium, sagt sein etwas freier gesinnter Sohn von ihm). Von seinen Schriften sind gedruckt: ~Chirurgia cum tractatu ejusdem de ponderibus et mensuris nec non de emplastris et unguentis~ (Ferrar. 1485, Venet. 1519, 1536), hauptsächlich aus Avicenna geschöpft, ~Super IV. Fen. primi Avicennae praeclarissima Commentaria~ etc. (Venet. 1514), ~Expositio super Canones generales de virtutibus medicamentorum simplicium secundi Canonis Avicennae~ (Venet. 1514) -- von diesem Werke stammt der Beiname „Expositor” --, ~Recollectiones in Hippocratis librum de natura foetus~ (Venet. 1502, 1518), Ennarationes in guidonem de Cavalcantibus de natura venerei amoris (Venet. 1498)[2], De coena et prandio (Rom 1545), Proben aus seinem ~Kommentar zu den Aphor. des Hippokrates und zu Galens de malicia complexionis diversae~ (bei Puccinotti l. c. p. LXXXIX ff.). Dinus de Garbo wurde übrigens beschuldigt, die Werke seines Zeitgenossen Turisanus usurpiert zu haben.

[2] Erläuterung zu Guido Calvacantis bekanntem Gedicht über die Natur der Liebe, beginnend mit den Worten: „Donna mi prega”.

•Thom. de Garbo• (~Tommaso del Garbo~, † 1370), Sohn und Nachfolger des Vorigen, ein sehr beliebter Praktiker, Landsmann und Freund des Petrarca, mit dem er einen interessanten Briefwechsel unterhielt. Petrarca spricht ihn an einer Stelle seiner Rer. senil. libri folgendermaßen an: „Scis tu, quem medicinae ars omnium, non dico maximum, ne de ignotis judicem, sed haud dubie famosissimum nunc habet.” Bei einer anderen Gelegenheit sagt er von ihm: „illum alterum medicorum modo principem, si quid famae credimus, Thomam compatriotam meum.” Hauptwerk ist die unvollendete ~Summa medicinalis~ (Venet. 1506, 1521 u. ö., Lugd. 1529); der erste Band handelt de rebus naturalibus et de eis annexis humani corporis pertinentibus, der zweite de rebus non naturalibus appellatis ab extra inevitabiliter humano corpori occurentibus; in manchen Ausgaben der Summa sind auch gedr.: ~de reductione medicamentorum ad actum~ und ~de restauratione humidi radicalis~ (z. B. Venet. 1529). Ein ~Pestkonsilium~, das angeblich von ihm herrührt, ist in mehreren Ausgaben des Marsilius Ficinus de pestilentia beigefügt (neu herausgegeben, Bologna 1866). Ferner die Kommentare: Expositio super capitulo de generatione embryonis III. Canon. Fen. XXV Avicennae und Comm. in libb. Galeni de febr. diff. (Lugd. 1514).

•Torrigiano di Torrigiani• (~Petrus Turisanus~, Trusianus, de Turrisoniis etc. aus dem Hause Rustichelli und Valori, daher auch Torrigiano Rustichelli oder Trusianus Valorius), hervorragender Schüler des Taddeo Alderotti, „primus inter ceteros Taddei auditores”, lehrte eine Zeitlang in Paris, kehrte dann nach Bologna zurück und wurde schließlich Karthäusermönch, angeblich wegen seiner Mißerfolge in der Praxis; er starb um die Mitte des 14. Jahrhunderts. Von seinen Schriften ist der berühmte Kommentar zur Ars parva gedruckt, ~Trusiani plusquam Commentum in librum Galieni qui microtechni intitulatur~ (Venet. 1504, 1517, 1526 u. ö.). Dieser Kommentar bildet geradezu das Paradigma der medizinischen Scholastik, entbehrt aber doch nicht der eigenen Kritik (gegenüber manchen Lehrmeinungen des Aristoteles, Galen und Avicenna). Gegen Galen verteidigt er z. B. die Ansicht, daß die Wirkung der Laxativa nicht durch direkten Kontakt (sozusagen mechanistisch), sondern indirekt (dynamisch), vermöge Anregung der Naturheilkraft zu stande komme: Purgatio non fit a virtute naturali attractiva, quae est in medicine, sed a stimulatione et punctione multa, quam facit circa orificia venarum mesenteriacarum, ex qua sequitur ea laxari, ut contineri non possint; naturam quoque modo stimulatum exprimere illuc humores sicut ad locum dolentem. Sed expulsio nulli attribuitur medicinae sed naturae tantum. Im Gegensatz zu Aristoteles nimmt er den Sitz der Empfindung im Gehirn an etc. Derselbe Nerv leite Empfindung und Bewegung, die Kräfte der Organe seien nicht selbständig, sondern untergeordnete Kräfte der Seele etc. Wegen solcher (sachlich allerdings recht bedeutungslosen) Selbständigkeit hielt sich der Verfasser berechtigt, das Werk Plusquam commentum zu betiteln („quoniam in hoc dicto nostro libro non solum mentem Galeni proponimus comminisci, sed saepe disgredientes aliqua faciemus intercipi medicis non inutilia scire” ideo plusquam commentum appellavimus), daher sein Beiname der ~Plusquamcommentator~. In der Coll. Venet. de balneis sind aus seinem Kommentar die ~canones balneandi~ besonders abgedruckt.

•Nicolaus Bertrucius• (Bert[r]ucci, Bertuccio[3], Vertuzzo u. s. w.), lehrte die Medizin in Bologna (wo er auch Guy de Chauliac zu seinem Schüler hatte) und starb 1347 an der Pest. Seine historische Bedeutung liegt darin, daß er die anatomischen Sektionen in der Art seines Meisters Mondino fortsetzte[4]. Er verfaßte ein Handbuch der Pathologie und Therapie mit einleitenden Kapiteln (de commendatione artis medicae, de informatione medici, de corpore medicando sine regimine sanitatis et variis medici actibus). ~Collectorium artis medicae tam practicae quam speculativae~ (Lugd. 1509, 1518, Colon. 1537), ferner die Schriften ~In medicinam practicam introductio~ (Argent. 1533, 1535), ~Methodi cognoscendorum tam particularium quam universalium morborum~ (Mogunt. 1534), ~Diaeta seu regimen sanitatis de rebus non naturalibus et advertendis morbis~ (Mogunt. 1534). Die Schriften stehen unter arabischem Einflusse und erfreuten sich, besonders die an erster Stelle genannte, langanhaltender Beliebtheit; bemerkenswert ist die stark hervortretende Abneigung gegen größere chirurgische Eingriffe, trotzdem deren Beschreibung mitgeteilt wurde.

[3] Diminutivum von Alberto.

[4] Guy de Chauliac (Tr. I, Doctr. I, cap. 1) sagt: Et ipsam (sc. anatomiam) administravit multoties magister meus Bertrucius in hunc modum. Collocato corpore mortuo in scamno, faciebat de ipso quatuor lectiones. In prima tractabantur membra nutritoria, quia citius putrent. In secunda membra spiritualia. In tertia membra animata. In quarta extremitates.

•Petr. de Tussignana• (Tussignano, Tussiano). Unter diesem Namen gehen Schriften, die vielleicht von drei verschiedenen Trägern dieses Namens herrühren. Einer derselben war Lehrer des Guilielmus de Saliceto (also in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts) und schrieb ein ~Regimen sanitatis~ (Lugd. 1535, Paris 1539, 1540), von einem zweiten rührte die Abhandlung über die Thermen von Bormio, ~de balneis Burmi apud Vulturenos~ (in Coll. de balneis, Venet. 1553), aus dem Jahre 1336 her, außerdem existieren noch die Schriften: ~de medicamentorum formulis~ (Venet. 1518), ~Tabulae super problemata Aristotelis~ (Venet. 1515, 1518), ~Receptae super nono Almansoris~ (Venet. 1497, 1517), ~Consilium pro peste vitanda~ (abgedr. auch bei Joh. de Ketham Fasc. medicinae), ~Compositiones et remedia ad plerosque omnes affectus morbosque sanandos~ (Lugd. 1587). Verfasser derselben ist wahrscheinlich ein dritter Pietro de Tussignana, welcher als berühmter Lehrer in Bologna, Pavia und Ferrara wirkte und 1410 starb.

Schule von Padua.

•Gentilis Fulgineus• (~Gentile da Foligno~, de Gentilibus), Sohn eines Bologneser Arztes, Schüler des Taddeo, glühender Verehrer des Pietro d'Abano, wirkte zuerst in Bologna und Perugia, sodann (1337-1345) in Padua als Lehrer; er starb in Perugia 1348 an der Pest („ex nimia infirmorum requisitione”). Von seinen Werken sind die ~Consilia~ (Papiae 1492, Venet. 1503) am berühmtesten; dieselben enthalten manche gute Beobachtung, freilich umstrickt von scholastischer Spitzfindigkeit. Wenn sich der Ehrentitel „anima Avicennae” auf ihn (und nicht auf den früher lebenden Gentilis da Florentia) bezieht, so sind ihm auch die ~Expositiones in Canonem Avicennae~ (Pap. 1477, Venet. 1520) zuzusprechen. Gentilis de Foligno verfaßte ferner: einen ~Kommentar zu den Lehrgedichten des Aegidius Corboliensis de urinis, de pulsibus~ (in den alten Ausgaben derselben enthalten), Introductorium practicae ~de febribus~; ~Quaestiones subtilissimae in artem parvam Galeni~ (Venet. 1576), ~de proportionibus medicinarum~ (in den Venediger Ausgaben des Joh. Mesuë), de utilitatibus aquae balnei de Porrecta (in Coll. de baln., Venet.), handschriftlich ist ein Tr. de corde vorhanden.

•Jacobus• (~de Dondis~) •Dondus• (~Giacomo de' Dondi~) „der ~Aggregator~”, berühmt als Arzt, Astronom und Mechaniker, wurde 1298 in Padua geboren, machte daselbst seine Studien und übte zuerst in Chioggia, sodann in seiner Vaterstadt die Praxis aus; wahrscheinlich wirkte er daselbst auch als Lehrer der Medizin. Er starb 1359. Sein Hauptwerk ist der ~Aggregator Paduanus~ de medicinis simplicibus (zum Unterschied vom Aggregator Brixianus vgl. S. 421), auch unter dem Titel Promptuarium medicinae (Venet. 1481, 1494, 1543, 1576; italien. Venet. 1536, 1540), eine aus griechischen und arabischen Autoren geschöpfte Aufzählung der Heilmittel (meist mit schlechten Abbildungen versehen). Ferner schrieb er de causis caliditatis aquarum Aponensium, de modo conficiendi salis ex aquis calidis Aponensibus (in Coll. de balneis, Venet. 1554) -- Anfänge einer exakten Balneologie. Die seesalzhaltigen Thermen von Albano erregten seine Aufmerksamkeit und er unternahm es daher, das Salz derselben durch Verdampfung zum Arzneigebrauch zu extrahieren -- ein Projekt, das er in den genannten Abhandlungen zu rechtfertigen suchte.

•Johannes• (~de Dondis~) •Dondus• (~Giovanni de' Dondi~), der Sohn des Vorigen, wurde 1318 in Chioggia geboren, erfreute sich eines ganz außergewöhnlichen Ruhmes als Arzt und Astronom und wurde mit Ehren überhäuft. Unter anderem ernannte ihn Karl IV. schon 1349 „propter summam doctrinam” zu seinem Leibarzt. Er lehrte (Astronomie, Logik, Medizin) teils in Padua, teils in Pavia und starb unter Hinterlassung eines großen Vermögens 1389. Wegen eines außerordentlich kunstvollen Planetariums, das er nach sechzehnjähriger Arbeit herstellte, erhielt er und seine Familie den ehrenden Beinamen dell' Orologgio. Gedruckt ist von seinen wenigen Schriften nur de fontibus calidis agri Patavini (in Coll. de balneis, Venet. 1553). Das Bestreben, unabhängig von den Autoritäten durch eigene Erfahrung Kenntnisse zu erlangen, im Bunde mit seiner Begeisterung für das klassische Altertum, hatte ihm die vielbedeutende Achtung und Freundschaft Petrarcas erworben. Der große Verächter der Aerzte seines Zeitalters ließ sich bei einer Fieberkrankheit, die ihn im 66. Jahre überfiel, von Giovanni Dondi behandeln und befolgte wenigstens zum Teil dessen Ratschläge, ja er rechtfertigte sich in einem Schreiben (Senil. lib. XII, ep. 1), daß er über einen medizinischen Gegenstand mit dem „principe medicorum hujus temporis” zu streiten wage; auch an anderen Stellen bringt er ihm die höchsten Achtungsbeweise entgegen. Dondi richtete an Petrarca, mit dem er durch innige Freundschaft verbunden war, mehrere Sonette.

•Marsilius de Sancta Sophia• (~Marsilio de S. Sophia~), Sprößling einer berühmten Aerztefamilie[5], lehrte den größten Teil seines Lebens in Padua, später in Pavia und Piacenza, zuletzt in Bologna (daselbst † 1405) und erfreute sich eines großen Rufes als Erklärer des Hippokrates, Galen und Avicenna. Von seinem umfangreichen Schrifttum sind gedruckt: ~Luculenta ... expositio in divi Hippocratis particulam tertiam~ s. l. et a., ~Quaestiones~ zu den Aphorismen des Hipp. (mit dem Kommentar des Jacobus Faroliviensis vgl. unten), ~Tractatus de febribus~ (Lugd. 1507, Venet. 1514).

[5] Der Ruf der (angeblich aus Konstantinopel eingewanderten) Paduaner Aerztefamilie Sophia reicht weit zurück. Besonderes Ansehen erlangte zuerst ~Nicolo~ † 1315), der selbst schon von namhaften Aerzten abstammte. Söhne Nicolos waren ~Giovanni~ († 1389), Professor in Padua und Bologna und der oben erwähnte ~Marsilio~. Auch deren Nachkommen wirkten in hervorragender Weise als Aerzte und Professoren, so ~Galeazzo~, Bartolommeo und Francesco, die Söhne des Giovanni, und Guglielmo und Daniel, die Söhne des Marsilio.

•Galeatius• (Galeazzo) •de S. Sophia• († 1427 an der Pest), Neffe des Vorigen[(1)], lehrte in Bologna (Logik) und Padua, sodann von 1398 bis 1406 in Wien, seit 1407 wieder in Padua. Von seinen Schriften sind ein von eigener botanischer Forschung zeugendes Werk über die ~Simplicia~ und ein ~Tractatus de febribus~ (Venet. 1514, Lugd. 1517) zu erwähnen. Zweifelhaft ist es, ob ihm der Kommentar zum neunten Buche des Liber ad Almansorem (gedruckt unter seinem Namen, Hagenau 1533, ~opus medicinae practice~ antehac nusquam impressum Galeatii d. S. Sophia in nonum tractatum libri Rhasis ad regem Almanaorem etc.[6]), das Consilium tempore pestilentiae (vgl. L. Senfelder in „Die ältesten Pesttraktate der Wiener Schule”, Wr. Klin. Rundsch. 1898) und der Traktat über die Seekrankheit resp. Verhaltungsmaßregeln für Seereisende (Consilium magistri G. cuidam domino ituro per mare, ed. von L. Senfelder mit deutscher Uebersetzung, Wr. Klin. Rundsch. 1898) zuzusprechen ist.

[6] Möglicherweise rührt dieses Werk von Marsilio oder von Bartolommeo her.

* * * * *

•Jacobus Foroliviensis• (~Giacomo della Torre~ aus Forli, † 1413), einer der berühmtesten Kommentatoren des Hippokrates, Galen und Avicenna, lehrte (Philosophie und Medizin) an verschiedenen Orten Italiens, zuletzt in Bologna und Padua unter ungewöhnlichem Beifall. Zu seinen bedeutendsten Schülern gehörten Ant. Guainerio und Giov. Mich. Savonarola. Gedruckt sind von seinen Schriften: ~Expositio in primum Avicennae canonem cum quaestionibus ejusdem~ (Pap. 1488, Venet. 1479, 1495, 1547), ~Expositio super I, II et III Tegni Galeni~ (Pap. 1487, Venet. 1491), ~Expositio in aphorismos Hippocratis~ (Pap. 1485, Venet. 1490), Expositio in Avicennae aureum capitulum de generatione embryionis etc. (Pap. 1479, Venet. 1501, 1502, 1518). Gesamtausgabe Venet. 1547. Sein Kommentar zur Ars parva (Mikrotechne) diente neben dem Kommentar des Rodoam und des Torrigiani lange Zeit als Grundlage des akademischen Unterrichts. Die überschwengliche Inschrift, die man unter sein Grabdenkmal setzte, begann folgendermaßen:

Forlivius jacet hic Jacobus, quo clarior alter Non fuit Latio et Graecia doctior illo; Alter Aristoteles Italis, Hippocras fuit alter.

•Nicolaus Florentinus• (Nicolaus Nicolus Fl., N. Falcutius, de Falconiis, Niccolò Falcucci, † um 1412), berühmter Florentiner Arzt, verfaßte (außer Kommentaren zu den Aphorismen des Hippokrates) auf Grund enormer Belesenheit ein umfassendes Repertorium der gesamten Medizin, welches alles bis dahin Bekannte zu vereinigen bestrebt ist, ~Sermones medicinales~ (Papiae 1484, Venet. 1491, 1494, 1507, 1515, 1533). Die Bedeutung dieses Kolossalwerkes, in welchem alle paar Zeilen die überaus zahlreich benutzten Autoren, sehr oft mit ihren eigenen Worten, angeführt werden, ist nicht gering anzuschlagen, es bietet eine in seltenem Grade vollständige Zusammenfassung der mittelalterlichen Medizin, von originellen, dem Verfasser eigentümlichen Anschauungen dagegen verhältnismäßig wenig. Nicolaus teilt sein Werk in Sermones (mit den Unterabteilungen Tractat, Summa) ein. Der erste handelt „de subjecto medicinae et ejus conservatione”, der zweite betrifft die Fieberkrankheiten (auch in die Coll. Venet. de febribus 1570 aufgenommen), der dritte die Affektionen des Kopfes (dem Kopfschmerz sind allein 26 Folioblätter gewidmet), der vierte die Brustleiden, der fünfte die Affektionen der Baucheingeweide (den Magenkrankheiten sind 71 Folioblätter gewidmet), der sechste die Affektionen der Geschlechtsorgane, der siebente Chirurgie und Kosmetik. Die einzelnen Sermones, bezw. mehrere derselben zusammen, erschienen auch gesondert. Ob der sermo VIII, welcher nach des Verfassers Worten (in der Vorrede) die Arzneimittellehre enthalten sollte, jemals geschrieben wurde, ist zweifelhaft. Zitiert sind unter anderen folgende Autoren: Hippokrates, Aristoteles, Galen, Oribasius, Paulus, Alkindi, Johannitius, Rhazes, Isaac Judaeus, Serapion, Ali Abbas, Abulkasim, Avicenna, Avenzoar, Averroës, Maimonides, Constantinus Africanus, Roger, Rolando, Salernitani, Gilbert, Brunus, Hugo von Lucca, Theoderich, Saliceto, Dinus de Garbo, Gentilis, Bernard de Gordon, Dondi.

•Silanus• (Syllanus) •de Nigris• aus Pavia. ~Expositio super nono Almansoris~ (Venet. 1483, 1490, 1497).

Frankreich.

Chirurgie.

•Experimenta magistri Jo. Pickaert• (~Jean Pitard~) qui habuit receptas a rege Francie et valent contra omnes plagas. ~Manual der französischen Wundärzte~, auch französisch ed. ~K. Sudhoff~ (Arch. f. Gesch. d. Med. II, 1909, p. 211-278).

•Henricus de Amondavilla• (Mondavilla, Hermondavilla u. s. w.) -- •Henri de Mondeville•. Ausgaben: Pagel, Die Anatomie des Heinrich von Mondeville, Berlin 1889; Pagel, Die Chirurgie des Heinrich von Mondeville etc., Berlin 1892; A. Bos, La chirurgie de maitre Henri de M., Traduction contemporaine de l'auteur etc., Paris 1897-1898 (Ausgabe einer altfranzösischen Uebersetzung); Uebersetzungen: Nicaise, Chirurgie de maitre H. de M., traduction française avec des notes etc., Paris 1893; deutsche Uebersetzungen einzelner Abschnitte in zahlreichen, von Pagel inspirierten Dissertationen 1894-1898 (Albers, Diestel-Laemmer, Herda, Hering, Kahle, Kauffmann, Kleinhans, Krahmer, Leßhafft, Margoniner, Neuhaus, Niendorf, Osterroht, Pankow, Rawitzki, Rogge, Rudolph, Ruppin, Wachsmuth, Wagner, Weber, Wernicke, Zimmermann).

Die Anatomie des H. liegt in zwei Fassungen vor, von denen die erste (vgl. Pagels Ausgabe, Die Anat. d. H. v. M.) einen im Jahre 1304 gehaltenen Schulvortrag enthält, während die zweite, in etwas geänderter Gestalt und mit Zutaten (besonders literarischen) versehen, den Traktat I seiner umfangreichen Chirurgie darstellt.

Inhalt der (1306 in Paris begonnenen und unvollendet gebliebenen) Chirurgie: ~Traktat I~ Anatomie, ~Traktat II~ Behandlung der Wunden, Kontusionen und Geschwüre. Von ~Traktat III~ (welcher die spezielle chirurgische Pathologie und Therapie mit Ausschluß der Wunden, Geschwüre und Knochenleiden enthalten sollte) ist nur die erste und zweite Doktrin, sowie das Vorwort zur dritten ausgeführt: Lehre von den Inzisionen, der Kauterisation, Venäsektion etc., Amputation, Einbalsamierungsverfahren, Kosmetik, Dermatologie, Abszeß- und Geschwulstlehre. ~Traktat IV~ fehlt (sollte die Lehre von den Frakturen und Luxationen enthalten). ~Traktat V~ behandelt die Arzneimittellehre und enthält Rezepte sowie ein Verzeichnis von synonymen Arzneistoffen und Ersatzmitteln.

Die ~Anatomie~ des H. beruht, wie der Verfasser selbst angibt, zum größten Teile auf Avicenna, zeichnet sich aber durch eine sehr übersichtliche, vorwiegend die praktischen Zwecke des Chirurgen berücksichtigende Darstellungsweise aus. Bezüglich der Notwendigkeit anatomischer Kenntnisse für den Chirurgen beruft er sich auf Galen und Bruno von Longoburgo, doch stellt er verhältnismäßig geringe Ansprüche, wie aus mehreren Stellen hervorgeht, z. B. sufficit cyrurgico scire loca magnorum nervorum, venarum, arteriarum, ut sciat ea, cum incisiones fecerit, evitare et eorum incisionibus succurratur cum oportet. Die Terminologie ist nicht sehr reich an Arabismen, umfaßt aber eine beträchtliche Zahl von Bezeichnungen, die von den heutigen erheblich abweichen. Die Körperbestandteile zerfallen in ~Membra consimilia~ (z. B. os, cartilago, caro); ~membra officialia~ (z. B. bracchium) und ~superfluitates~ (z. B. sanguis und medulla); die M. consimilia sind teils ~simplicia spermatica~ (z. B. cartilago, nervus und vena) oder ~non spermatica~ (z. B. caro, pinguedo), teils ~composita pure spermatica~ (z. B. chorda) oder ~partim spermatica, partim non spermatica~ (musculus, lacertus). In den Handschriften des Originaltextes sind die 13 Abbildungen, deren sich H. beim Unterricht bediente, nicht vorhanden, sondern nur die Beschreibungen derselben; danach ging den anatomischen Abbildungen ein Bild voraus, welches den Chirurgen als Dissektor darstellte. Die Beschreibungen der Abbildungen lauten: Et est haec ~prima~ et praesens figura hominis, in quo depinguntur a parte anteriori sola ossa sua, cartilagines et ligamenta et juncturae praedictorum et in membris particularibus et remotis sicut coxis et brachiis apparebunt nervi simplices principales et cordae et musculi singuli eorundem (~Vorderansicht eines Menschen; Knochen, Knorpel, Bänder, Sehnen, Gelenke; Nerven, Sehnen und Muskeln der Extremitäten~).

~Figura~ (2) hominis in qua a parte posteriori apparent ossa sua, cartilagines et cetera membra omnia nunc praedicta et nervi omnes prout a nucha oriuntur (~Rückansicht~).

~Figura~ (3) hominis, in quo per fissuram pectoris et ventris apparent venae et arteriae magnae nascentes ab epate et a corde et ad remota membra corporis transeuntes et pili et ungues et capilli (~Gefäße der Brust- und Bauchhöhle~).

~Figura~ (4) hominis excoriati portantis cutem suam super humeros a baculo, in qua apparet cutis capitis capillata, et cutis manuum et pedum, et in qua apparet caro lacertosa per corpus et glandulosa alba in mammillis et emunctoriis et per fissuram ventris pinguedo, adeps et axungia (~Haut~, ~Unterhautfettgewebe~ etc.).

~Figura~ (5) hominis fissi per medium a parte anteriori a summo vertice capitis usque ad anum, in quo apparebunt craneum et cerebrum divisa per medium et dura mater dependens a craneo et nervi optici venientes a cerebro ad oculos et panniculi pectoris et ventris cum dyafragmate et suspensoria testiculorum, quae vocantur didymi, quomodo a syphacis panniculo oriuntur (~Rückansicht des Gehirns, der Hirnhäute, des Brust- und Bauchfells~).

~Figura~ (6) hominis, in quo apparet a parte dorsi, fisso craneo, medulla cerebri et medulla spinae usque ad caudam et aliae medullae omnium ossium habentium medullas (~Zentralnervensystem und Knochenmark~).

~Figura~ (7), in qua apparet conjunctio et compositio et juncturae 6 ossium capitis prout a parte superiori respiciuntur (~Schädel von oben~).

~Figura~ (8), in qua apparet conjunctio et compositio et juncturae praedictorum 6 ossium capitis et 6 ossium facieï et quomodo haec omnia simul conjunguntur et quomodo se repraesentant respicientibus ea a latere (~Seitenansicht des Schädels~).

~Figura~ (9) hominis fissi a parte anteriori per medium a fronte usque ad anum, scilicet medium nasi et oris et linguae, et in quo apparebunt integra nodus gutturis, via cibi et aëris, cor, pulmo et dyafragma, stomachus et zirbus, epar, splen et intestina et quomodo conjunguntur et sunt in homine vivente, sicut propinquius veritati (~Medianschnitt von vorn~, ~Situs viscerum~).

~Figura~ (10) forma oculi vel figura aut depinctio ipsius (~das Auge~).

~Figura~ (11) hominis fissi per medium a parte posteriori a summo capitis usque ad caudam per mediam spinam, per cujus dictam fissuram apparebit dicta pars posterior omnium praedictorum membrorum intrinsecorum (~Medianschnitt von hinten~, ~Situs viscerum~).

~Figura~ (12) est sola inferior medietas hominis a junctura spinae, quae est in medio costarum usque ad articulos pedum fissa per medium a furcula ventris usque ad anum per partem posteriorem, in qua apparet longaon (═ rectum) jacens supra spinam; et renes juxta spinae latera et pori uritides (Harnleiter) a kyli vena venientes et ab eis ad vesicam transeuntes, vesica integra et virga fissa per medium, et osseum (Hodensack) et testiculi integri (~Urogenitalsystem des Mannes~).

~Figura~ (13) est sola medietas inferior mulieris a junctura spinae, quae est in medio costarum usque ad pedum digitos fissa per medium ventris a furcula stomachi usque ad anum, in qua apparet matrix jacens supra longaonem (═ rectum) et duo testiculi (═ Ovarien) intra ipsam inter ipsius collum et magnam concavitatem et apparet vesica stans supra collum ipsius infra inter spondiles caudae et ossa hancarum (Hüftbeine) ═ ~Urogenitalsystem des Weibes~.

Die handschriftlich vorhandene altfranzösische Uebersetzung der Chirurgie des H. enthält, abgesehen von der vorausgehenden Inzisionsfigur, ~13 Bildchen~ (in Sudhoffs Studien zur Gesch. d. Medizin, H. 4, Leipzig 1908, reproduziert), welche die oben beschriebenen anatomischen Tafeln zur Vorlage hatten, aber auf dem beschränkten Raume nur eine Auswahl des Details bringen konnten.

In einigen Mondeville-Handschriften finden sich kleine Organabbildungen, welche mit den oben beschriebenen anatomischen Tafeln in gar keinem Zusammenhange stehen, möglicherweise aber auf Zeichnungen zurückgehen, die H. einstens vor seinen Schülern ausführte (gleichfalls reproduziert in Sudhoffs Studien Heft 4, Leipzig 1908).

In der mit dem zweiten Traktat beginnenden Chirurgie wird folgendes in sehr eingehender Weise besprochen: ~Blutstillung~ (Tamponierung mit Zuhilfenahme styptischer Mittel, Kauterisation, Ligatur, Naht[7]), ~Wundverband~ (als Verbandmittel ist ~starker Wein~ anderen Substanzen wie „oleum”, „unctuosa”, „pulveres” vorzuziehen, jedoch soll er nicht inter labia vulnerum recentium sanguinolentorum gebracht werden; zur Herstellung der Scharpiekissen und Wieken eignet sich Werg besser als Wolle), ~Wundnaht~ (Vorschriften über die Nadeln, Fäden, Stichführung etc., Kopfnaht, trockene Naht, Kürschnernaht, umschlungene Naht u. s. w., Entfernung der Nähte), ~Pflege der Verwundeten~ (eventuell Blutentziehung durch Schröpfköpfe oder Abführmittel; entsprechende Diät), ~Pfeilextraktion~[8], ~Therapie der Schädelverletzungen~, ~Trepanation~, ~Therapie penetrierender Brust- und Bauchwunden~ (Lagerung des Patienten, Naht, Reposition vorgefallener Teile etc.)[9], Behandlung der ~Kontusionen~ (Aderlässe, Schröpfen, Diät, warme Weinumschläge), Lehre von den ~Geschwüren~ (7 Arten, Ulc. planum, concavum, virulentum, sordidum etc., Behandlung mit Pflastern, Salben, Pulvern, Inzisionen, Kauterien, Verband), Lehre von ~giftigen Wunden, Fisteln, Krebs~ (nullus cancer curatur, nisi totus radicitus extirpatur), Indikation und Ausführung der ~Inzisionen~, ~Kauterisation~ (zumeist eiserne Cauteria, 7 Arten; Aetzkalk, Kanthariden), ~Aderlaß~ (kontraindiziert in der Regel bei Kindern unter 9 Jahren, dekrepiden Greisen, bleichen Jünglingen, menstruierende Frauen, Hydropischen etc.), ~Schröpfen~ (trockenes und blutiges, ~gläserne~ Schröpfköpfe, Ausführung an siebzehn bestimmten Stellen), ~Blutegel~, ~Amputation~, ~Einbalsamierung~, ~Kosmetik~[10], Hautkrankheiten[11] (pruritus et scabies, serpigo et impetigo, morphaea et barras aut albarras, ~Lepra~ mit den Hauptsymptomen: Ausfallen der Augenbrauen, Verdickung der Orbitalränder, Exophthalmus, Anschwellen der Nase, livide Gesichtsfarbe, starrer Blick, Knoten im Gesicht und an den Ohren, Morphaea alba ═ weiße Flecken, Morphaea nigra ═ dunkle Flecken, Schwinden des Muskels zwischen Daumen und Zeigefinger, pralle, glänzende Spannung der Stirnhaut, Gefühllosigkeit der Tibien und der kleinen Zehen), ~Parasiten~, ~Verbrennungen~, ~Warzen~, ~Abszesse und Geschwülste~ (Ganglien, Skrofeln, Pestbubonen, Parotitis, Halsabszesse, Brustfisteln, Mammaabszesse, eitrige Affektionen der männlichen Genitalorgane u. a.). Im Antidotarium[12] sind unter anderem die verschiedenen äußeren Arzneiformen erklärt (z. B. „Epithema” ═ Umschlag, Encathisma ═ Sitz- oder Halbbad, Embrocatio ═ Dusche), ausführlich ist die Arzneizubereitung besprochen, die Heilmittel zerfallen in repercussiva, resolutiva, maturativa, mundificativa, incarnativa et regenerative et cicatrizativa, corrosiva et ruptoria, remollitiva.

[7] H. beschreibt eine von ihm erfundene Modifikation für Nadel- und Fadenhalter (Ausgabe von Pagel, p. 167).

[8] H. gibt hier ein neues von ihm erfundenes Verfahren an, einen Armbrustpfeil aus dem Kniegelenk auszuziehen (l. c. p. 154).

[9] Als sehr gefährlich oder tödlich gelten die (tieferen) Wunden des Herzens und des Herzbeutels, die Wunden der großen Gefäße, der Trachea, des Oesophagus, der Lungen, gewisse Verletzungen der Unterleibsorgane (l. c. p. 247); an gleicher Stelle wird auf den glücklichen Ausgang mancher schweren Hirnverletzungen (kasuistisch belegt) hingewiesen.

[10] Betrifft die Behandlung der übermäßigen Röte, Blässe des Gesichts, des Sonnenbrands, die Enthaarungsmittel, Bartwuchsmittel, Toilettemittel für Frauen.

[11] Sehr wichtig ist der Hinweis, daß unter den Autoren keine Uebereinstimmung über die Termini herrscht. „Sie differieren so sehr, daß sie das Gegenteil sagen. Der eine nennt Serpigo, was der andere Impetigo, der dritte Pannus heißt” (l. c. p. 410).

[12] In der Einleitung wird eingehend begründet, weshalb H. ein Antidotarium schrieb und weshalb er dasselbe vor Ausarbeitung der Traktate III und IV fertigstellte. In erster Hinsicht wird bezeichnenderweise betont, ~daß auch über Galen hinaus noch ein Fortschritt möglich sei~: absurdum et quasi haereticum videtur, credere quod Deus gloriosus et sublimis dedisset ita sublime ingenium Galeno et sub tali pacto, quod nullus post ipsum posset aliquod novum invenire, immo jam Deus de propria potentia aliquid defalcaret. ~Nonne Deus cuilibet nostrum sicut Galeno dedit proprium ingenium naturale? Miserum autem esset ingenium nostrum, si semper uteremur inventis~ et iterum moderni sunt respectu antiquorum sicut nanus super humeros gigantis qui videt, quicquid videt gigas et ulterius videt quidquam, ~quare licitum est nobis scire aliqua quae non erant scita tempore Galeni et necessarium est ea scribi~. Hinsichtlich des zweiten Punktes weist er auf die Wichtigkeit des Gegenstandes, das Drängen der Schüler und auf seinen schlechten Gesundheitszustand hin: quia asthmaticus sum, tussiculosus, phtisicus et consumptus (l. c. p. 508). -- Bemerkenswert ist die Stelle (l. c. p. 509), wo vom Magneten gesagt wird, applicatus corpori extrabit ferrum infixum (Extraktion von Pfeilspitzen mit dem Magneten [?]).

Der Inhalt der Chirurgie ist der Hauptsache nach kompiliert und überreich an Zitaten (besonders oft werden Hippokrates, Aristoteles, Galen, Rhazes, Avicenna, Theoderich zitiert), die Darstellungsweise ist bei aller Weitschweifigkeit und scholastischen Manier den didaktischen Zwecken vorzüglich angepaßt. Für die Gegenwart besitzen aber namentlich jene sehr umfangreichen Ausführungen Interesse, welche sich auf ~die Hodegetik, Propädeutik und Deontologie~ beziehen; dieselben bilden eine wahre Fundgrube für die ~ärztliche Standesgeschichte~. Wir können uns nur darauf beschränken, folgendes daraus hervorzuheben: „Der Chirurg, welcher regelrecht operieren will, muß vorerst Orte besuchen, an denen erfahrene Chirurgen oft operieren; er muß ihre Operationen gewissenhaft beobachten und seinem Gedächtnis einprägen; sodann muß er sich üben, indem er mit diesen Chirurgen zusammen operiert.... Aus den Aussprüchen aller Schriftsteller, praktischen Aerzte und Chirurgen geht hervor, daß ein Chirurg seiner Aufgabe nicht genügt, wenn er die ~medizinische Kunst und Wissenschaft~ nicht kennt, so besonders die ~Anatomie~.... Ein Chirurg muß einigermaßen kühn sein, er darf nicht vor Laien schwatzen, er muß mit Vorsicht und Umsicht operieren, er darf nicht gefährliche Operationen übernehmen, bevor er alle Vorsorge zur Vermeidung gefährlicher Zufälle getroffen hat. Seine Organe müssen wohlgestaltet sein, besonders die Hände, die Finger müssen lang, zierlich und beweglich sein, dürfen nicht zittern, damit er in voller Gemüts- und Seelenruhe die gesamten Operationen gut und nach Kräften ausführen kann.... Eine zu gefährliche Kur soll er möglichst ablehnen. Auf ganz hoffnungslose Operationen soll er sich in keiner Weise einlassen. Arme soll er um Gottes willen behandeln; von Wohlhabenden lasse er sich so gut bezahlen, wie es geht; er soll von sich nicht viel Aufhebens machen, andere nicht tadeln, keinen Chirurgen mit seinem Haß verfolgen. Er soll den Patienten mit tröstenden Worten aufrichten, seinen begründeten Bitten williges Gehör schenken, wenn sie der Behandlung der Krankheit nicht hinderlich sind. Aus dem Gesagten ergibt sich unbedingt, daß an einen vollendeten Wundarzt höhere Anforderungen gestellt werden als an den vollendeten Arzt, und daß man noch mehr von ihm verlangt, nämlich manuelle Operationen” (l. c. p. 60 und 61). „Wer in irgend einer Wissenschaft oder in irgend einem Unternehmen das erstrebte Ziel erreichen will, muß auf bestimmten Wegen und durch die für den Eingang bestimmte Pforte eintreten. Will er einen anderen Weg nehmen oder tut er so, als ob er schon drin wäre, so ist er ein Einbrecher und Dieb, ein Verräter und Betrüger.... Nach Galen setzt eine Kur zwei Bedingungen voraus, erstens zu wissen, womit man operieren soll, zweitens zu wissen, wie man damit zu operieren hat. Zwei Wege führen uns mit Notwendigkeit zu jeder dieser Pforten: zu der ersten nämlich, der theoretischen Chirurgie, führt uns der erste Weg: die Kenntnis und gründliche Aneignung der Theorie der Wundheilkunde ..., der zweite Weg ist der, diese Theorie zu lesen und mit seinen Kollegen bisweilen sich darüber zu unterhalten. Um zur zweiten Pforte zu gelangen, zur praktischen Chirurgie, ist der erste Weg der, den Wundärzten bei der Operation zuzusehen. Der zweite Weg ist der, daß der Chirurg lange Zeit mit anderen operiert und dann selbständig ... Jeder also, der auf andere Weise, als besprochen, eindringt oder so tut, als ob er schon eingetreten wäre, der wird eintreten wie ein Einbrecher, und so machen es alle ungebildeten Leute, die Barbiere, Weissager, Händler, Betrüger, Fälscher, Alchymisten, Huren, Kupplerinnen, Hebammen, Vetteln, getaufte Juden, Sarazenen und sozusagen alle, die ihr Hab und Gut verpraßt haben. Sie geben sich als Chirurgen aus, um so ihren Lebensunterhalt zu finden und ihr Elend und ihren Betrug unter dem Mantel der Chirurgie zu verbergen.... Aber mehr als erstaunlich, ja geradezu töricht ist es, daß nicht nur die eben erwähnten Leute, sondern selbst Könige, Fürsten, Prälaten, Dom- und Pfarrherren, Geistliche, Herzöge, Adelige und Bürger sich in völliger Unkenntnis auf gefährliche chirurgische Kuren einlassen und besonders bei Augenkrankheiten, deren Behandlung so gefährlich, schwierig und unsicher ist, so daß man sehr selten einen in diesem Fache genügend erfahrenen Chirurgen findet. Durch die Fehler solcher Leute, besonders der Wahrsager, der Geistlichen, Mönche und Eremiten und selbst der Klausner, zu denen das Volk großes Vertrauen hat, werden an sich heilbare Krankheiten ganz unheilbar oder schlimmer als zuvor. Sie machen die kranken Glieder unbrauchbar und sehr oft töten sie den Patienten. Von diesen Geistlichen und ihresgleichen sagt das Volk, daß solche Leute die Chirurgie verstehen und daß dieselbe ihnen eingegeben ist rein durch die Gnade des Schöpfers. Und wer dies nicht ganz ohne weiteres glaubt, kommt in den Ruf eines Ketzers, eines Ungläubigen oder ruchlosen Menschen” (l. c. p. 64-66).

Höchst ergötzlich sind die Ausführungen über das Thema „Wie die Aerzte und Chirurgen sich listigerweise bei gewinnbringenden Kuren zu verdrängen suchen” (l. c. p. 66 ff.). Es heißt dort unter anderem: „Wenn bei einer lediglich chirurgischen Erkrankung, abgesehen von einer Wunde, Luxation oder Fraktur, ein schlauer Mediker hinzugezogen worden ist, so wird alsdann niemals so leicht chirurgische Hilfe in der Folgezeit beansprucht. Im Gegenteil sagt der schlaue Medicus: Lieber Herr, es ist bekannt, daß die Chirurgen hochmütig sind, vernünftige Ueberlegung fehlt ihnen vollständig, und sie sind durch und durch Ignoranten. Wenn sie wirklich etwas wissen, so haben sie das von uns Aerzten, dazu beanspruchen sie hohes Honorar.... Aus Liebe zu Euch, obwohl ich nicht Chirurg bin, werde ich versuchen Euch zu helfen.” Geschieht dies, und geht alles gut, so ist dies ja sehr schön; nimmt es aber ein schlechtes Ende, so sagt der Arzt zum Kranken: „Lieber Herr, ich habe es Euch gleich gesagt, daß ich nicht Chirurg bin, indessen habe ich getan, was ich tun konnte, und das gut und kunstgerecht, besser als irgend ein Chirurg. Jetzt bin ich seit kurzem mit einigen Geschäften überhäuft und kann Euch nicht mehr helfen, ich rate Euch, einen Chirurgen zu nehmen.” Seinem Patienten zuvorkommend, sagt dann der Arzt: „Ich rate Euch, den und den zu nehmen” ... Dann läßt er einen ganz ungebildeten Chirurgen kommen und zwar, damit er die Fehler des Arztes nicht finden kann, damit der Arzt auch weiterhin die chirurgische Behandlung leite wie vorher und nötigenfalls seine Fehler auf jenen schieben kann.... Wenn aber zuerst der Chirurg zu einem innerlich zu behandelnden Falle gerufen wird, so wird er aus mancherlei Gründen den Patienten ohne Arzt lassen und zwar weil die Aerzte nichts verständen als mit den Kranken zu schwatzen und, ob nötig oder nicht, ihn abführen lassen, ferner weil die Chirurgen täglich derartige Kranke behandeln ohne Hilfe der Aerzte.... Dies eben angeführte Verhalten, ein ähnliches oder noch schlimmeres ist dasjenige eines ungebildeten, rohen Chirurgen, hinterlistiger Aerzte und geschieht, um die erfahrenen Leute in Verruf zu bringen.... Ein jeder Leser behalte aber wohl im Auge, daß ich nichts gegen wissenschaftlich gebildete und erfahrene Aerzte gesagt habe oder sagen will, das sei ferne von mir. Es ist durchaus eine Freude mit solchen Männern zusammen zu kommen, weil sie die Bemühungen rechtschaffener, erfahrener Leute anerkennen, die Lücken ergänzen und höflich, wohlwollend und diskret wieder gut machen.

Weiterhin erörtert H. den Volksaberglauben, welcher die Pfuscher fördert und der rationellen Therapie chirurgischer Affektionen im Wege steht (l. c. p. 68), das Vorurteil gegen wissenschaftlich Gebildete (clerici) in chirurgischen Dingen[13], denen man keine manuelle Ausbildung zutraue (l. c. p. 68), die wissenschaftliche Begründung der Chirurgie (l. c. p. 69, 70), nochmals die Schliche im Verhalten betrügerischer Chirurgen und Aerzte gegeneinander, Fragen der ärztlichen Politik, das Verhalten bei reichen und armen Patienten etc. (l. c. p. 70-76). Sehr interessant sind insbesondere die sehr eingehenden und offenen Bemerkungen über die Honorarfrage. H. sagt unter anderem: Das ganze Denken des Patienten, das ihn vollständig beherrscht, ist das, geheilt zu werden, einmal geheilt, vergißt er diesen Wunsch und denkt nicht an Bezahlung; ebenso soll auch der Chirurg daran denken, honoriert zu werden, niemals nehme er von dem Patienten eine bloße Versicherung oder ein Versprechen an.... Niemals diniere er mit einem Kranken zusammen, bevor er nicht Bezahlung erhalten hat. Ein solches Diner verringert immer etwas das Honorar des Chirurgen.... Der Chirurg vertraue niemandem; die reichen Leute nämlich pflegen in dem Gewande eines Armen zu kommen; kommen sie in besserer Kleidung, so machen sie falsche Ausflüchte, um das Honorar des Chirurgen herabzusetzen. Finden sie den Chirurgen dabei, wie er den Armen hilft, so sagen sie, daß das Mitleid etwas Schönes sei und daß ein Chirurg verpflichtet ist, den Unglücklichen zu helfen, aber sie geben niemals zu, daß auch sie verpflichtet sind, es zu tun. Deshalb sagte ich oft zu ihnen: „Bezahlt uns für Euch und für drei Arme mit, wenn ich Euch heile, damit ich auch jene kurieren kann.” Aber dann schweigen sie. Ich habe niemals ziemlich reiche oder vielmehr ziemlich vornehme, anständige Menschen, ganz gleich in welchem Berufe, gesehen, die freiwillig gezahlt hätten, was versprochen wurde, ohne dazu gedrängt oder gezwungen zu sein.... Wenn einer von diesen reichen Patienten entschlüpfen kann, so wird er vorgeben, daß von seiner Krankheit etwas zurückgeblieben ist, damit der Chirurg nichts von ihm fordert und er einen Grund hat, nichts zu bezahlen.

[13] Notandum, quod nunc est consuetudo omnium principum, praelatorum et vulgalium, in omnibus regionibus occidentis, et forte in calidis regionibus non est ita, quod de nullo medico (cyrurgico) scientifico confidunt, nisi parum dicentes, quod cyrurgicus non debet esse clericus, quia interim quod clericus intrat scolas, laicus addiscat modum manualiter operandi (l. c. p. 68).

Mit ganz besonderer Sorgfalt werden Vorschriften darüber erteilt, auf welche Umstände der Chirurg bei der Behandlung Rücksicht zu nehmen habe, namentlich kommen in Betracht ~die Komplexion~, ~der Sitz~, ~die Funktion~, ~die Empfindlichkeit der erkrankten Teile~, ~der Kräftezustand~, ~das Alter und Geschlecht des Patienten~, ~die Beschaffenheit der Luft~, ~der Aufenthaltsort~, ~Ernährung~, ~Ruhe und Bewegung~, ~der psychische Zustand~ (für Aufheiterung ist Sorge zu tragen), ~Schlaf~, ~Krankheitsursache~, ~Beruf und Charakter des Patienten~, ~die Pflege~, ~die Tageszeit~ (für die Vornahme der operativen Eingriffe), ~die Witterung~ (l. c. p. 83-121). Daran schließen sich Abschnitte über allgemeine ärztliche Dinge, über den Unterricht (non solum masticare, sed iterum et pluries ruminare -- doctores et docentes ... offerant discipulis scientiam per bolos divisam sub brevibus). Kulturhistorisch bedeutsam ist schließlich die ~Schilderung eines Konsiliums~ (l. c. p. 127). Es heißt darin: ... et iste est modus faciendi collationes. Prius debent discutere de morbo praesenti videndo diligentissime et palpando. Et hoc faciunt omnes unus post alterum; deinde advertant, si expediat, iterum simul omnes considerando sibi invicem signa morbi et particulares considerationes notabiles et etiam patientis; postmodum aliquis eorum, et sit ille, qui est magis autenticus inter ipsos et maxime, si est medicus dicat patienti: Domine, bene vidimus factura Vestrum et bene videtur nobis, et bene debetis gaudere et laetari, quia sumus hic tot et tanti, qui deberemus sufficere uni regi, et quorum minor deberet sufficienter discutere, prosequi et perficere curam Vestram. Deinde quaerat ab ipso circumstancias suas morbi dicens: Domine non displiceat Vobis nec habeatis pro malo, quamdiu est, quod Vos arripuit primitus ille morbus, et sic deinceps ab ipso multas faciat quaestiones; deinde factis a patiente diligenter omnibus quaestionibus conferentibus ad intentum, exeant omnes camera patientis et subintrent aliam, in qua non sint aliqui nisi ipsi, quoniam in omni collatione magistri disputant inter se, ut melius discutiant veritatem, et quandoque gratia disputationis prorumpunt in verba, quare videretur extraneis assistentibus, quod esset discordia vel litigium inter ipsos et ita est aliquando. Deinde ille, qui est antiquior aut major aut famosior etc. Si sit aliquis, ut esset medicus regis aut summi pontificis, offerat aliis singulariter quod loquatur, qui omnes si non loquantur, sicut nec debent ante ipsum, loquatur ipse sic et quaerat ab omnibus et singulis discurrendo incipiendo a minori, a minus famoso et sic deinceps semper ab inferiori ad superius ascendendo, quia si major aut majores primitus loquerentur juniores sive minores nihil penitus immutarent et sic collatio esset nulla, sed quidquid dicant minores. Licitum est majoribus nec est vile, addere, subtrahere, interimere, approbare. Quaerat ergo per ordinem, ut dictum est, ab omnibus, quis est praesens morbus et quomodo nominatur secundum experientiam expertorum et qui actores, et ubi de ipso faciunt mentionem. Et habita responsione quaerat, utrum sit curabilis vel non, et si sit curabilis, per quem modum ... (vgl. Pagels Ausgabe p. 127).

•Guy de Chauliac• (Guido, Guidon de Cauliaco, Guigo de Chaulhaco), verfaßte außer seiner epochemachenden ~Chirurgia magna~ noch andere, aber verloren gegangene Schriften über Hernien, Katarakt, de conjunctione animalium ad se invicem, de conjunctione plantarum ad se invicem, einen Lapidarius und Consilia; handschriftlich ist eine astrologische Schrift ~Practica Astrolabii~ vorhanden (vgl. J. A. Nixon, Janus, 1907, p. 1 ff.); das unter seinem Namen gehende ~Formulare~ (später Chirurgia parva genannt, in mehreren Ausgaben der Chirurgie, z. B. Collect. chir. Venet. 1546 gedruckt) soll nicht von ihm, sondern von Guidon de Ceilhat herrühren.

Von dem Hauptwerke des Guy, der ~Chirurgia magna~ (ursprünglich „Inventarium et collectaneum in parte chirurgica medicinae” betitelt), existieren zahlreiche Handschriften und Druckausgaben[14], darunter Uebersetzungen ins Französische, Provenzalische[14], Englische[15], Deutsche, Italienische, Spanische, Katalonische, Niederländische, Hebräische[15], außerdem Auszüge und Kommentare, vgl. die letzte Ausgabe in französischer Uebersetzung: ~E. Nicaise~, La grande chirurgie de Guy de Chauliac etc., Paris 1890. In der Vorrede gibt G. zu, daß seine Arbeit zum großen Teile eine Kompilation darstelle, es heißt darin: Ratio hujus commentarii seu collectionis non fuit librorum defectus, sed potius unio et profectus.... Propterea ... moderato compendio perstringam sapientum dicta praecipua, quae in diversorum librorum voluminibus de chirurgia tractaverint. Wie sehr die Literatur verwertet wurde, beweist das Vorkommen von über 3000 Zitaten, welche sich auf ungefähr hundert Schriftsteller (antike, arabische und abendländische) beziehen; ~Galen~ ist 890mal, ~Hippokrates~ 120mal, ~Paul von Aegina~ 10mal zitiert, von den Arabern ~Avicenna~ 661mal, ~Abulkasim~ 175mal, von den abendländischen ~Lanfranchi~ 102mal, ~Roger~ 92mal, ~Henri de Mondeville~ 68mal, ~Theoderich von Lucca~ 85mal, ~Wilhelm von Saliceto~ 68mal, Bruno von Longoburgo 49mal u. s. w. Die Chirurgia magna beginnt mit einem Capitulum singulare, welches eine sehr wertvolle Skizze einer ~Geschichte der Chirurgie~ und ~methodologisch-deontologische Betrachtungen~ enthält. Die erstere ist bemerkenswert wegen der treffenden Beurteilung Galens im Verhältnis zu Hippokrates und wegen der Angaben über die bedeutendsten mittelalterlichen Chirurgen resp. der Lehrmeinungen bezüglich der Wundbehandlung. Es heißt dort propter bonam ordinationem librorum Galeni, libri Hippocratis et aliorum multorum fuerunt omissi. Galenus secutus est eum, et quae Hippocrates seminavit, tanquam bonus agricola excoluit et auxit. -- Von den chirurgischen Sekten sagt Guy: et ~prima~ (sc. secta) fuit Rogerii, Rolandi et quatuor magistrorum, ~qui indifferenter omnibus vulneribus et apostematibus saniem cum suis pultibus procurabant~ ... ~secunda~ fuit Bruni et Theodorici, ~qui indifferenter omnia vulnera cum solo vino exsiccabant~ ... ~tertia~ secta fuit Guilielmi de Saliceto et Lanfranci, qui volentes mediare inter istos, procurant omnia vulnera cum unguentis et emplastris dulcibus. Was die Anforderungen anlangt, die Guy an den Chirurgen stellt, so gehören hierzu allgemein wissenschaftliche Ausbildung nicht nur in der Wundarzneikunst, sondern auch in der inneren Medizin, namentlich anatomische Kenntnisse (~praecipue anatomiam, nam sine ipsa factum est nihil in chirurgia~), technische Fertigkeit, intellektuelle und physische Anlage, endlich die entsprechenden moralischen Eigenschaften (sit infirmis gratiosus, sociis benevolus, cautus in prognosticando: sit castus, sobrius, pius et misericors noncupidus, non extortor pecuniarum, sed secundum laborem suum et facultates infirmi et qualitatem finis et dignitatem ipsius, salaria recipiat moderate). Die Chirurgia magna zerfällt in sieben Traktate.

[14] Vgl. z. B. die Ausgabe von L. Joubert, Lugd. 1585.

[15] Nur handschriftlich.

~Traktat I handelt über Anatomie~, welche größtenteils aus Galen, Avicenna und Mondino geschöpft ist, hie und da aber auch auf Autopsie beruht. Abgesehen von der arabistischen Terminologie zeichnet sich die Darstellung durch Klarheit aus und entspricht den topographisch-chirurgischen Zwecken, indem fast bei jedem Körperteil die von demselben ausgehenden Erkrankungen Erwähnung finden (z. B. gelegentlich der Beschreibung der Fingergelenke der Tetanus traumaticus). Die Mitteilungen betreffs der ~Handhabung des anatomischen Unterrichts~ sind von großem historischen Interesse. ~Abbildungen können nach Guys Meinung die Sektionen nicht ersetzen~: „Et per istos modos in corporibus hominum, simiarum et porcorum atque aliorum multorum animalium ad notitiam pervenitur anatomia et non per picturas sicut fecit Henricus praedictus, qui cum tredecim picturis visus est anatomiam demonstrare” (vgl. S. 431). In den teleologischen Deutungen weiß er mehr Maß zu halten als seine Vorgänger, ja er verweist sogar die Lehre von den Körperfunktionen in das Gebiet der Philosophie: et hoc est pelagus, in quo non licet medicum navigare. Die Anatomie des G. diente in Montpellier bis ins 16. Jahrhundert als Schulbuch.

~Traktat II betrifft die „Apostemata”~, worunter nicht bloß Abszesse, sondern auch Tumoren verschiedener Art, Oedeme, Hernien etc. verstanden werden. In der Behandlung der Abszesse kam die Inzision oder ein Ruptorium de calce et sapone zur Anwendung. Anthrax gilt als carbunculus malignus, seine Therapie war eine medikamentöse (lokal und intern), wobei der Theriak und die Scabiose besonders geschätzt wurden. Bei Gangrän (Esthiomenus) hielt G. Aetzmittel (Arsenicum sublimatum), das Glüheisen, eventuell die Amputation mit nachfolgender Kauterisation für angemessen. Die Therapie der Drüsengeschwülste war teils auf Zerteilung oder Vereiterung (mit Hilfe von Aetzmitteln), teils auf Entfernung mit dem Messer gerichtet (Warnung vor der Exstirpation großer Geschwülste am Halse wegen der Gefahr der Verblutung oder Vagusverletzung). Bezüglich der Heilung der Skrofeln durch Königshand heißt es: Concedo tamen, quod virtute divina serenissimus rex Franciae solo manus attactu sanat multos. Von der Angina („apostema gutturis”) werden vier Arten unterschieden, eine derselben entspricht dem Retropharyngealabszeß, eine andere dem Retroösophagealabszeß; außer zahlreichen inneren oder äußerlichen Mitteln ist auch das für tief sitzende Abszesse passende Verfahren erwähnt, den Patienten ein, an einem langen Faden befestigtes, Stück halbgekochten Rindfleisches schlucken zu lassen und dann dasselbe plötzlich mit einiger Gewalt wieder heraufzuziehen. In dem Kapitel über die Apostemata der Brust bespricht Guy auch die Pestbubonen der Achselhöhle, woran sich die berühmte ~Schilderung des schwarzen Todes~, welcher 1348 in Avignon zu wüten begann, anreiht. Tract. II. Doctr. II. cap. 5. Incepit autem dicta mortalitas nobis in mense Januarii et duravit per septem menses. Et habuit duos modos. Primo fuit per duos menses cum febre continua et sputo sanguinis. Et isti moriebantur infra tres dies. Secundus fuit per residuum temporis cum febre etiam continua et apostematibus et anthracibus in exterioribus potissime in subasellis et inguinibus. Et moriebantur infra quinque dies. Et fuit tantae contagiositatis, specialiter quae fuit cum sputo sanguinis, quod non solum morando, sed etiam inspiciendo unus recipiebat ab alio, in tantum, quod gentes moriebantur sine servitoribus et sepeliebantur sine sacerdotibus. Pater non visitabat filium, nec filius patrem; charitas erat mortua, spes prostrata. Et nomino eam ingentem, quia totum mundum vel quasi occupavit.... Fuit inutilis pro medicis et verecundosa, quia non erant ausi visitare propter timorem inficiendi. Et quando visitabant parum faciebant et nihil lucrabantur. Omnes enim qui infirmabantur, moriebantur; exceptis paucis circa finem, qui cum bubonibus maturatis evaserunt.... In praeservatione non erat melius, quam ante infectionem fugere regionem et purgare se cum pilulis aloëticis et minuere sanguinem cum phlebotomia, rectificare aërem cum igne et confortare cor cum tiriaca et pomis et rebus odoriferis; consolari humores cum bolo armeniaco et resistere putrefactioni cum acetosis. In cura fiebant phlebotomiae et evacuationes et electuaria et syrupi cordiales. Et apostemata extrinseca maturabantur cum ficis et cepis coctis et pistatis et mixtis cum fermento et butyro. Post aperiebantur et curatione ulcerum curabantur. Anthraces ventosabantur, scarificabantur atque cauterisabantur.

Bei der Bauchwassersucht („apostema aquosum”) wurde differentialdiagnostisch gegenüber dem Meteorismus („apostema flatulentum”) sowohl die Sukkusion als die ~Perkussion~ benützt (si venter agitetur, sonat velut uter aquae semiplenus ... si percutiatur resonat non ut ventus, sed ut aqua); nach vergeblicher Anwendung innerlicher Mittel kam das Glüheisen oder die Punctio abdominis zur Anwendung. In der Gruppe der „apostemata ancharum et partium earum” sind Hernien und Hodengeschwülste zusammengefaßt. Die als „Hernia aquosa” bezeichnete Hydrokele sei durch den ~splendor pellucidus~, d. h. das Durchscheinen erkennbar.

~Traktat III handelt von den Wunden~ im allgemeinen und von den Wunden der einzelnen Körperteile. Heilung erfolge ~per primam oder per secundam intentionem~. Vocatur autem prima intentio, quando conjunguntur divisa absque medio heterogeneo, sed rore nutrimentali. Secunda intentio vocatur, quando conjunguntur divisa in medio heterogeneo, sicut faber aerarius consolidat plumbo.... Et istud medium dicitur porus sarcoides. Die Wundnaht könne einen dreifachen Zweck haben, nämlich als: Sutura incarnativa, suppressoria sanguinis, conservatrix labiorum ad tempus. Die Sutura incarnativa komme bei allen klaffenden Wunden deren Ränder sich zusammenziehen lassen, zur Anwendung, und zwar in fünf verschiedenen Arten, zu denen auch ~die Knopfnaht~, ~die umschlungene Naht~ und ~die Zapfennaht~ gehören. Die Sutura suppressoria sanguinis, welche dann am Platze sei, wenn andere Nähte „propter magnum impetum sanguinis in vulneribus venarum” nicht angewendet werden können, entspricht der ~Kürschnernaht~. Bei gerissenen und mit Substanzverlust verbundenen Wunden empfehle sich die Sutura conservatrix, welche nicht so fest zusammengezogen ist. Ebenso subtil werden die Binden, Wieken etc. abgehandelt. Guy kennt als ~Symptom der Nervenwunden die Läsion der Bewegung und Empfindung~, er unterscheidet Knochenwunden von Knochenbrüchen und •verwirft die Anwendung der Wundtränke•, empfiehlt aber eine antiphlogistische Diät. Als Blutstillungsmittel gelten Styptika und Druckverband, ~Naht~, ~Gefäßdurchschneidung~, ~Ligatur~, Kauterisation. In der Behandlung der Schädelverletzungen schlägt G. unter kritischer Verwertung der Methoden der Vorgänger seinen eigenen Weg ein, indem er, je nachdem es sich um eine Schnittwunde, eine Hiebwunde mit oder ohne penetrierenden Knochenbruch u. s. w. handelt, verschieden verfährt, insbesondere kommen neben allgemein diätetischen Maßnahmen und Schutz vor Kälte und Luftzutritt, Reinigung des Wundgebietes, Beseitigung von losen Knochenstücken, Sorge für den Abfluß des Eiters, entsprechende Verbände in Betracht. Vortrefflich ist die Trepanation und das dazu gehörende Instrumentarium beschrieben. Als Indikation für diese Operation gelten komplizierte Frakturen größeren Umfangs, komplizierte penetrierende Schädelfrakturen, Reizung der Dura, Beseitigung eitriger und anderer Absonderungen der Dura. Merkwürdig nimmt sich die Warnung aus, bei Vollmond nicht zu trepanieren, quia in eo cerebrum augmentatur et ad cranium appropinquat. Auch im Streite über die Behandlung der Brustwunden -- offene Wundbehandlung oder Schließung der Wunde in allen Fällen -- verläßt Guy die Schablone, indem er je nach dem Falle vorgeht, im allgemeinen ist er für die ~offene Wundbehandlung~. Erweiterung und Offenhalten der Brustwunde sei jedenfalls nötig, wenn Zeichen von Erguß und Zersetzung des Blutes in der Pleurahöhle bestehen (gravitas et pondus laterum juxta falsas costas et sputum putridum cum tussi multa et febris incipiens). Ein diagnostisches ~Zeichen penetrierender Brustwunden~ bestehe im folgenden: anhelitus per vulnus emissio, maxime quando os et nares infirmi clauduntur, quod per candelam incensam ... demonstratur. In der Behandlung des Empyems wird nur die Thorakozentese anempfohlen, bei Darmwunden (Reposition der vorgefallenen Organteile) die Kürschnernaht (Verwerfung der Ameisennaht und des Einlegens einer Holunderkanüle).

~Traktat IV handelt von den Geschwüren, Fisteln etc. im allgemeinen und an bestimmten Körperteilen.~ In diesem Traktat ist kaum etwas gebracht, was sich nicht schon bei den Vorgängern des G. fände. Bei hartnäckigen Geschwüren applizierte man auch eine mit einer Lage Quecksilber bedeckte Bleiplatte, zur Erweiterung von Fistelgängen diente die Enzianwurzel, tiefe und lange Fistelgänge wurden auf einer hölzernen Sonde der ganzen Länge nach aufgeschnitten. Karzinome rät G., wiewohl er sie für unheilbar hält, sorgfältig zu exstirpieren, mit darauffolgender Aetzung (Arsensublimat) und Kauterisation.

~Traktat V betrifft die Lehre von den Frakturen und Luxationen.~ Die Darstellung der Entstehungsweise der Frakturen (auch Längsbrüche), der Extensions- und Repositionsmethoden, der Verbände, Komplikationen ist erschöpfend. Als Erfordernisse für die Behandlung der Knochenbrüche gelten: geeignete Lagerung, geeignete Gehilfen, eine gehörige Quantität Eiereiweiß und Rosenöl, mit welchen die Kompressen getränkt wurden, Band, drei Binden, gut gezupftes Werg, flache und leichte Schienen (aus Tannenholz, Horn, Eisen, Leder), Röhrchen aus Sambucus (schon von Lanfranchi angegeben) zum Zusammenschnüren der Schienen, ~eine Beinlade oder Schwebe~. Auf die Extension der Extremität legt Guy großen Wert, insbesondere bei den (am ausführlichsten beschriebenen) Oberschenkelbrüchen (Strohladen- und Gewichtsextension). Unter den fünf Methoden zur Reposition einer Humerusluxation findet sich auch die von Avicenna beschriebene.

~Traktat VI~ handelt über eine Reihe von Konstitutionskrankheiten, Dermatosen und Unfallskrankheiten, sodann seinem Hauptinhalte nach ~über chirurgische Lokalpathologie~. Von Interesse sind die Abschnitte über Lepra (strenge Isolierung; Hauptmittel Vipernfleisch, gekocht mit über Gewürzen destilliertem Wasser), über Erhängen, Ertrinken, Verbrennungen, über Einbalsamierungsverfahren, über ~Amputation~ gangränös gewordener Glieder (~Anwendung der Säge~, Kauterisation des Stumpfes mit dem Glüheisen oder siedendem Oel), wobei der ~Anästhesierung~ nach dem Vorschlage des Hugo von Lucca gedacht wird; Guy zieht übrigens den spontanen Abfall der brandigen Teile vor. Die chirurgische Lokalpathologie folgt natürlich der Ordnung a capite ad calcem. Was die ~Augenaffektionen~ anlangt, so definiert Guy den ~Star~ als häutigen Fleck im Auge vor der Pupille, welcher das Sehen stört, hervorgerufen von einer fremden Feuchtigkeit, die allmählich ins Auge herabsteigt und infolge der Kälte gerinnt; er unterscheidet drei Phasen der Starbildung: 1. phantasia (Gesichtstäuschung); 2. aqua descendens s. gutta; 3. cataracta. Die Operation (Depression) ist ziemlich ausführlich beschrieben, die Starnadel soll aus Eisen verfertigt sein. Was die ~Ohrleiden~ betrifft, so ist die Mahnung, die Ohrmittel weder zu kalt noch zu heiß zu applizieren, noch heute bemerkenswert; zur Untersuchung ist die ~Inspektion bei einfallendem Sonnenlichte~ und gleichzeitiger ~Erweiterung des äußeren Gehörganges mit einem Spekulum~ erforderlich. Versagen bei eingedrungenen Fremdkörpern etc. die üblichen Extraktionsmethoden, so soll man zur blutigen Operation schreiten. In der ~Zahnheilkunde~ ist die starke Benützung der Zange anzuerkennen. Daß zu Guys Zeiten das Fach wohl größtenteils in den Händen der „Barbiere oder eigener Zahnärzte” (dentatores) lag, geht aus seinen Worten hervor, doch fordert er Ueberwachung durch wissenschaftlich gebildete Aerzte: quod istae operationes sunt particulares, maxime dicatae ~barbitonsoribus et dentatoribus~. Et ideo medici istam operationem eis reliquerunt. ~Tutum tamen est, ut tales operationes a medicis dirigantur.~ Ein sehr umfangreicher Abschnitt ist der ~Herniologie~ gewidmet (im Gegensatz zu den Vorgängern rechnet Guy die Hodengeschwülste, z. B. Hydrokele, nicht zu den Hernien). Es werden drei Arten von Hernien unterschieden, nämlich die ~H. epiploalis~, die ~H. intestinalis~ und die ~H. composita ex ambabus~. Die Ursache der Brüche ist in einer plötzlichen scissura oder in einer allmählichen dilatatio zu suchen. Der Darmbruch läßt sich vom Netzbruch dadurch unterscheiden, daß bei dem letzteren die Reposition ohne „quadam gurgulatione” zurückgeht. Therapeutisch kommen je nach dem Falle in Betracht diätetisches Regime, Abführmittel, Klistiere, adstringierende Fomentationen, Bruchpflaster, Bruchbänder, nach vorausgegangener Taxis, in dringenden Fällen die ~Radikaloperation~. Von den zu seiner Zeit bekannten Methoden derselben hielt Guy vier für zuverlässig: Die erste bestand in der Freilegung des Bruchsackes und Hodens durch Schnitt, Heraushebung des letzteren und Unterbindung des ersteren so hoch als möglich, Fortnahme des Hodens, Kauterisation des unterbundenen Endes des Bruchsackes; die zweite bestand in der Anwendung des Glüheisens mit querem Durchbrennen des Bruchsackes bis zum Schambein; die dritte in der Anwendung eines Aetzmittels, z. B. Arsenik; die vierte in der Anwendung der Unterbindung, indem eine Ligatur mit einer Nadel unter dem Bruchsack fortgeführt und über einem aufgelegten Stückchen Holz geknüpft wurde[16]. Er selbst bevorzugte die Anwendung der Aetzmittel.

[16] Es gab überdies noch zwei Verfahren, nämlich 1. die Freilegung des Bruchsackes durch Schnitt, Ergreifen und Erhebung desselben mit einer Zange und Kauterisieren des Schambeines unter demselben, 2. Freilegung des Bruchsackes und Unterbindung desselben mit Golddraht.

Zur Diagnose der Blasensteine soll nicht allein die Digitaluntersuchung per rectum, sondern auch der Katheter benützt werden. Der ~Steinschnitt~ ist nach den bekannten Mustern sehr kurz beschrieben (hinzugefügt aber Naht der Wunde), doch wurde die Operation ~von den herumziehenden Steinschneidern~ ausgeführt. Ehe man sich zur Operation entschloß, versuchte man es mit innerlichen Mitteln, Bädern, Umschlägen oder mit ~Einspritzungen in die Blase~. Die Schilderung des ~Katheterismus~ als Palliativbehandlung (bei zu großem Steine oder bejahrten Leuten) beginnt folgendermaßen: Patiens ponatur in balneo mollificante: deinde cathetere aut argalia seu syringa inuncta butyro, aut aliquo suavi oleo, intromissa per virgam, impingatur e collo vesicae usque ad fundum ipsius. Remanere enim potest in fundo per 40 annos, ut dicit Theodoricus, aut per longum tempus, ut dicunt alii. Est autem catheter, intromissorium longum et gracile sicut specillum, in fine cujus potest esse nodulus, ut intrinseca non offendat. Argalia seu syringa est canulla illiusmet longitudinis et gracilitatis perforata in extremitate et lateribus. In summitate sua est lati ad modum emboti (Trichter), in qua potest ligari bursa corii, seu vesica porci vel arietis: et quaedam est cum cochlea, quaedam sine cochlea in modum clysterem (Tract. VI, Doctr. II, cap. 7). -- Wiewohl die ~Geburtshilfe~ nahezu gänzlich in der Hand der Hebammen lag, füllt Guy doch zwei Kapitel des VI. Traktats mit dem Gegenstande. Normal ist nur die Geburt mit dem Kopfe voran, jede andere muß in eine natürliche verwandelt werden, während die Schenkel der Mutter in die Höhe gehoben sind. Tote Kinder sollen durch Niesemittel etc. zu Tage gefördert werden (auch unter Erweiterung des Muttermundes mittels eines Apparates mit Schraubenwirkung), eventuell durch ~Extraktion mit den Händen oder mit den Haken und der Zange~. Für den ~Kaiserschnitt~ wird die ~Schnittrichtung~ angegeben, er soll nämlich mit einem Rasiermesser an der linken Seite ausgeführt werden.

~Der VII. Traktat, das Antidotarium~, gibt eine vortreffliche Uebersicht über die in der chirurgischen Praxis damals gebräuchlichen Heilmittel und Rezeptformeln. Besprochen werden Aderlaß, Schröpfen, Blutegel, Abführ-, Brechmittel, Klistiere, Stuhlzäpfchen, Kauterien, die Bereitungsweise der Salben, Pflaster, Oele, Wundtränke, Kataplasmen, die Abszeßmittel, die Wundmittel, die Grade der Arzneimittel, den Beschluß macht eine alphabetische Aufzählung derselben und eine Rezeptsammlung. Weitläufig abgehandelt sind namentlich die Abszeßmittel und Wundmittel. Nach ihrer Wirkungsweise zerfallen erstere in: medicinae repercussivae, attractivae, resolutivae, mollificantes, maturativae, mundificativae und dolorem sedativae; letztere in: constringentes sanguinem, incarnativae, regenerantes carnem, cicatrizativae et sigillativae, corrosivae, putrefactivae, causticae, carnem atque cutem rumpentes. Von Klistieren gibt es drei Arten: (enema aut clysterium) emolliens, mundificans et constringens. Die Zahl der Glüheisen ist geringer als bei den Vorgängern, nämlich nur sechs. Das beliebteste Aetzmittel war „calx viva et sapo mollis aequaliter”.

Schule von Montpellier.

•Raymundus de Moleriis•, Kanzler von Montpellier um 1338, schrieb unter anderem einen Traktat ~de impedimentis conceptionis~ (C. Arlt, Neuer Beitrag zur Geschichte der med. Schule von Montpellier, Berlin, Dissert. 1902, veröffentlichte den ersten Teil, welcher von den Konzeptionshindernissen bei Frauen handelt, Pagel im Janus 1903 den zweiten, der sich auf die männliche Sterilität bezieht).

•Geraldus de Solo• (Gerardus, Guirardus, † um 1360), Kanzler in Montpellier nach Raymundus de Moleriis, zitiert oft als Doctor mansuetus oder Expositor, verfaßte außer einem Kommentar zur Isagoge des Johanitius: ~Introductorium juvenum sc. de regimine corporis humani etc.~ (Venet. 1535), ~Libellus de febribus~ (ibidem), ~Commentum super Nono Almansoris c. textu~ (ibidem), ~Tractatus de gradibus medicinarum~ (ibidem). In französischer Ueberarbeitung: Traité des medecines de maistre Girard de Solo reformé et abregé par monseigneur le chancelier de Montpellier Jehan de Piscis etc., Paris 1507, 1529.

•(Raymundus Chalmellus) R. Chalin de Vinario•, „Medicus de Montpellier”, päpstlicher Leibarzt in Avignon, hinterließ eine für die Geschichte des schwarzen Todes sehr wichtige Schrift über die Pest (~De peste libri III~, ~opera Jacobi Daleschampi~, Lugd. 1552), mit besonderer Beziehung auf das Jahr 1382. Bemerkenswert ist darin namentlich die Stelle, wo er von der Ausbreitung der Seuche sagt: ex neutra causa nec aliunde quam ~contagione~ malo transeunte. In der Behandlung bevorzugte er die Cardiaca und Alexipharmaca, während er den Aderlaß nur ausnahmsweise bei Vollblütigen billigte; die Bubonen suchte er durch örtliche Blutentziehungen (Schröpfköpfe) und durch Umschläge zu zeitigen und zum Aufbruch zu bringen.

•Johannes de Tornamira• (~Jean de Touremire~) wurde 1329 in Pouzols bei Albi geboren, studierte in Montpellier und übte teils in Montpellier, teils in Avignon (als Leibarzt der Päpste Gregor XI. und Clemens VII.) die Praxis aus. In Montpellier, wo er die Kanzlerwürde bekleidete, hatte er den berühmten Valescus von Taranta zu seinem Schüler. Joh. de Tornamira gehörte zu den gelehrtesten und geschicktesten Aerzten seiner Zeit. Gedruckt sind von seinen Schriften: ~Clarificatorium juvenum super nono Almansoris cum textu ipsius Rasis~ (Lugd. 1490, 1501, Venet. 1507, 1521), eines der verbreitetsten Kompendien während des 14. u. 15. Jahrhunderts, namentlich als Elementarbuch für Anfänger, ~Introductorium ad practicam medicinae~ (gedr. mit dem Philonium des Valescus von Taranta), ~Tractatus de febribus~ (Lugd. 1501). Die handschriftlich erhaltene Krankengeschichte seiner Tochter, welche an einem Neoplasma der Mamma litt und abortiert hatte, veröffentlichte in wörtlicher Uebersetzung Pansier (in Jean de Touremire, Etude bio-bibliographique, Avignon 1904).

•Johannes Jacobus•, um 1364-1384, Zeitgenosse des Joh. de Tornamira, vorübergehend Kanzler von Montpellier, päpstlicher und königlicher Leibarzt (wahrscheinlich in partibus). Seine Schriften schließen sich an Gilbert, Gordon etc. inhaltlich an, zeichnen sich aber durch eine knappe, vom Scholastizismus freiere Darstellung aus. Rühmenswerterweise verwendet er weit weniger abergläubische und Dreckmittel als seine Vorgänger und Zeitgenossen. Aus den Handschriften ist bisher bloß ein, Ende des 14. Jahrhunderts verfaßter Steintraktat herausgegeben worden (ed. Er. Wickersheimer, Arch. f. Gesch. der Medizin III, 1. Heft, 1909). Hauptwerk: Secretarius practicus med. s. Thesaurarium med. aus Galen, Rhazes, Avicenna u. a. kompiliert.

Paris.

•Petrus de Sancto Floro• (Saint Flour) veranstaltete eine bedeutend erweiterte Neubearbeitung der Concordanciae des Joh. de St. Amando colliget florum medicinae compilatus (vgl. Pagel, Neue literarische Beiträge zur mittelalterlichen Medizin, Berlin 1896).

Tituli secretorum et consiliorum ~Carnificis~ et ~Danszon~ ... collecta per quemdam magistrum de Alemania in Francia Parisius, etc. (ed. E. Wickersheimer, Les secrets et les conseils de maître •Guillaume Boucher• et de ses confrères, Contribution à l'histoire de la Médecine à Paris vers 1400). Die 111 referierten Krankheitsfälle enthalten ein recht interessantes Material, welches die konsultative Tätigkeit hervorragender Mitglieder der Pariser Fakultät beleuchtet. Mit Ausnahme dreier Notfälle handelt es sich um Patienten, die in der Behausung eines dieser maîtres régents untersucht wurden.

* * * * *

•Johannes cum Barba• (de Burgundia, ~Jean à la Barbe~), etwa 1330-1370 in ~Lüttich~, verfaßte mehrere (auch französisch übersetzte, handschriftlich noch erhaltene) Pestschriften, von denen eine von G. Guttmann (Die Pestschrift des Jean à la Barbe, Berlin 1903) herausgegeben und ins Deutsche übertragen wurde.

England.

~Johannes Anglicus~ (•John of Gaddesden•, um 1280-1361), Mitglied des Merton College in Oxford, Präbendarius von St. Paul in London, angeblich der erste Engländer, welcher als Leibarzt am englischen Hofe angestellt wurde, verfaßte zwischen 1305 und 1317 eine Practica medicinae a capite ad pedes, gewöhnlich ~Rosa Anglica~ genannt (Pap. 1492, Venet. 1502, 1506, 1516, Neap. 1508, Aug. Vindel. 1595). Dieses Werk stellt eine Nachahmung des Lilium medicinae des Gordon (vgl. S. 403) dar, entbehrt aber der logischen Anordnung. Es enthält wohl manche dem Verfasser eigentümliche Beobachtungen, erweist sich aber zum größten Teile als Kompilation und strotzt in einem, selbst für dieses Zeitalter hohen Grade von scholastischer Subtilität, von Mystizismus aller Art und auch bewußter Scharlatanerie[17]. So will er z. B. einen Mann, der 25 Jahre blind war, mit einem weinigen Aufguß von Fenchel und Petersilie geheilt haben. -- An einer Stelle sagt er von seinen Arkanen: quae sunt de summis meis secretis, quod si scirent hoc homines vulgares, vilipenderent artem et medicos contemnerent. Den Aerzten rät er, allzeit vor Beginn der Kur das Honorar auszumachen. Einen Sohn Eduards II. behandelte er wegen Pocken mit gutem Erfolge und ohne Hinterlassung von Spuren dadurch, daß er den Patienten in ein rotes Tuch einhüllen und alles um das Bett herum rot ausschlagen ließ (vgl. oben S. 369, Anm.).

[17] Von Guy de Chauliac als „una fatua Rosa Anglicana” charakterisiert.

•Johannes• (~John~) •Mirfeld• (zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts), absolvierte in Oxford die medizinischen Studien, trat sodann in das Kloster des St. Bartholomäus in London ein und wirkte an dem damit verbundenen Hospital; er hinterließ theologische und medizinische Schriften. Zu den letzteren gehören ein Glossar ~Synonyma Bartholomaei~ (ed. J. L. G. Mowat in Anecdot. Oxoniensia Mediaeval series I, 1882), welches aus ungefähr 750 Artikeln besteht und sich auf die Alphita (vgl. S 366) stützt, und das ~Breviarium Bartholomaei~; dieses behandelt in 15 Abschnitten die Fieber, die Affektionen des ganzen Körpers, die Krankheiten des Kopfes und Halses, der Brust, des Abdomen, der Beckenorgane, der Extremitäten, die Lehre von den Geschwüren, Wunden und Quetschungen, Frakturen und Luxationen, die Krankheiten der Gelenke, die Materia medica, speziell noch die Abführmittel, schließlich die Gesundheitspflege.

Das Breviarium stellt zum größten Teile eine Kompilation dar, wobei außer antiken und arabischen Autoren Macer Floridus, die Salernitaner (Constantinus, Platearius, Nicolaus Praepositus, das Regimen Salernitanum), die Chirurgen Roger, Lanfranchi, ferner Arnold von Villanova und namentlich Gordon, Gilbert Anglicus, Gaddesden in Betracht kommen; manchmal kommt auch die eigene Beobachtung des Verfassers zur Geltung. Die Therapie ist teils eine rationelle, teils eine mystische (zahlreiche, oft an Marcellus Empiricus erinnernde Beschwörungsformeln). Außer den genannten medizinischen Schriften existiert handschriftlich noch ein ganz kurzer Traktat über Prognostik: ~Speculum~. In einer theologischen Schrift Mirfelds, dem Florarium, handelt ein Kapitel über die Aerzte und ihre Medizinen vom deontologischen Standpunkte.

Chirurgie.

•John Arderne• (Ardern, Arden). Seine mit Abbildungen von Instrumenten versehenen Schriften, welche sich vorwiegend, aber nicht ausschließlich, auf die Chirurgie beziehen und neben guter Literaturkenntnis reiche eigene Erfahrung verraten, existieren zum größten Teile nur im Manuskript. Auch Uebersetzungen ins Altenglische sind handschriftlich vorhanden. Gegenüber vielen anderen mittelalterlichen Literaturprodukten fallen die Schriften Ardernes durch die ~Reichhaltigkeit an Krankengeschichten~ und die zumeist ~rationellen~ und relativ einfachen Behandlungsmethoden auf. Bei Darm- und Nierensteinkolik verwendete er mit Erfolg Klistiere, wobei eine mit Seewasser gegerbte Tierblase als Reservoir diente; andere Spritzen gebrauchte er bei Blasen- und Tripperkranken (vgl. Becket, Philosoph. Transact. 1718, wo einiges aus einer Abhandlung über den Tripper mitgeteilt ist). Jeder Mensch, meinte er, sollte mindestens 2-3mal jährlich ein Klysma nehmen. Gedruckt wurde nur die Abhandlung ~über die Fisteln~ (als Anhang zu dem Werke: Franciscus Arcaeus on wounds translated by John Read, London 1588), in englischer Uebersetzung, Arderne, John: Treatises of Fistula in Ano, Haemorrhoids, and Clysters, from an early fifteenth-century Manuscript Translation, edited ... by D'Arcy Power, Early English Text Society, Original Series, 139, London und Oxford 1910. Diese Schrift handelt über die Fisteln im allgemeinen, namentlich aber über die Entstehung und Behandlung der ~Mastdarmfisteln~ -- ein Spezialgebiet, dem Arderne seine Aufmerksamkeit in besonderem Grade zuwandte. A. nennt eine große Menge von Personen zum Teil sehr vornehmen Standes, welche er von der Mastdarmfistel geheilt hat, und behauptet, noch niemals, weder in England noch im Auslande, von jemand gehört zu haben, der wirklich imstande sei, das Leiden heilen zu können. Als erforderliche Instrumente für die Operation der Mastdarmfistel werden beschrieben und abgebildet: eine lange dünne metallene Sonde zur Untersuchung, genannt Sequere me, eine breite silberne Nadel mit gebogener Spitze „acus rostrata” und das „tendiculum” aus Holz, welches dazu diente, den Unterbindungsfaden („frenum cesaris”) allmählich fester zu schnüren. Bei sehr hoch hinaufreichenden Fisteln oder messerscheuen Patienten kam statt des Schnittes die Ligatur zur Anwendung.

Deutschland.

•Thomas• ~Bischof~ •von Sarepta• (1297 bis nach 1378). Thomas übte bis zu seiner 1352 erfolgten Ernennung zum Bischof unter dem Klosternamen ~Petrus~ ~physicus~ in Breslau und in aliis mundi partibus ärztliche Praxis aus und verfaßte außer Schriften über Aderlaß und Harnschau ein (1360 begonnenes) ~Collectorium~ (nach den Anfangsworten auch „Michi competit” genannt), von welchem bisher ein Bruchstück (im Janus 1896 von Pagel) veröffentlicht wurde. Thomas war ein entschiedener Gegner der Alchemie und Uroskopie.

Prag.

•Magister Gallus•, lehrte vielleicht um 1350-1360 Astronomie und Medizin an der Universität und dürfte Leibarzt Karls IV. gewesen sein. An diesen richtete er sein ~Regimen sanitatis~ (ed. Fr. Muller unter dem Titel Vitae vivendae ratio in grat. Carol. IV a mag. Gallo medico et mathem. conser., Prag 1819); dasselbe enthält Vorschriften über die Qualität und Quantität der Speisen und Getränke, über die Tagesordnung und den Schlaf. Außerdem verfaßte er einen kurzen Traktat über die Harnsemiotik (mit Harnfarbentafel), der im 15. Jahrhundert im Druck erschienen sein soll, eine Pestschrift u. a.

•Mag. Sulko (Meister Sulken)• ~von Hosstka~, artium et medicinae Doctor, Zögling der Prager Hochschule, der er 1413 als Rektor vorstand. Zwei seiner bisher publizierten Consilia („Regimen in febribus”, und ein deutsches „Regimen et cura colicae”, ed Sudhoff in Arch. f. Gesch. d. Med. II, 1908) verraten eine gewisse Selbständigkeit und Vorliebe für diätetische Behandlung.

•Sigismundus Albicus• aus Unczov (Mährisch-Neustadt), geboren 1347, studierte in Prag 1378-1382 und wirkte ca. 30 Jahre als Lehrer der Medizin an dieser Hochschule (vorübergehend hielt er sich auch in Italien auf, wo er in Padua als Doktor beider Rechte promovierte). Er erwarb durch seine ärztliche Geschicklichkeit großen Ruf und wurde 1394 (oder noch früher) Leibarzt des Königs Wenzel, der ihn mit Gnaden überhäufte und bis zu seinem Lebensende seinen Rat in Anspruch nahm. Im Jahre 1411, nachdem er kurz vorher die niederen Weihen empfangen hatte, wurde er zum Erzbischof von Prag ernannt, legte aber diese Würde schon nach einigen Wochen nieder, um die Propstei am Wyšehard zu übernehmen. Während der Hussitenwirren floh er zunächst nach Olmütz, später nach Ungarn (an das Hoflager des Königs Sigismund?), wo er 1427 starb. Albicus scheint ein trefflicher Lehrer gewesen zu sein, wie man nach seinen Schriften vermuten darf, die sich durch praktische Tendenz, kernige Sprache und Nüchternheit der Auffassung auszeichnen; nirgends läßt er selbständiges Urteil bei aller Anerkennung der Autoritäten, namentlich des ~Arnaldus de Villanova~[18], vermissen. Der Alchemie sprach er wohl Bedeutung für die Metallurgie zu, hingegen verwarf er sie vom Standpunkt der Medizin, indem er meinte, daß durch das Sublimationsverfahren die ursprünglichen Eigenschaften der Arzneistoffe zerstört würden; die Astrologie bekämpfte er zwar nicht so entschieden, er widmet ihr sogar ein eigenes Kapitel, doch wie viel er von ihr hielt, geht daraus hervor, daß er bezüglich der Zeit, wann der Aderlaß anzuwenden sei, den radikalen Ausspruch tat: Sed necessitat frangit legem, womit eigentlich das ganze Gebäude der medizinischen Astrologie untergraben wird. Außer einem ~Regimen tempore pestilentiae~ (Lips. 1484-1487) und einem ~Medicinale~ (Lips. 1483), worin ohne Ordnung verschiedene Fragen der Pathologie (Paralyse, Pest, Rheuma, Kinder-, Frauenkrankheiten, Augenkrankheiten etc.), Diätetik und Therapie behandelt werden, verfaßte er den für König Wenzel bestimmten ~Tractatus de regimine hominis~ -- später ~Vetularius~ genannt, eine Art Makrobiotik (Lips. 1484), eine Schrift, die sich von vielen anderen aus dieser Zeit durch Rationalität der Ratschläge, Geistesfreiheit und heiteren Lebenssinn vorteilhaft unterscheidet. Albicus empfiehlt mit Rücksicht auf die verschiedene Körperbeschaffenheit und Beschäftigung in der Diät sorgfältigst zu individualisieren und erklärt Bewegung, Arbeit, Mäßigkeit in Speise, Trank und Geschlechtsgenuß, diätetisches Regime und last not least ~heiteren Lebenssinn~ als wichtigste Schutzmittel der Gesundheit[19]. O gaudium, o solatium, motus et labor -- interpone tuis interdum gaudia curis. -- Ecce vulva muliebris est spoliatrix totius vitae humanae. -- Anderseits: Non est potus nisi vinum, non est cibus nisi caro, non est gaudium nisi mulier. Sehr eifrig verbietet er den Mittagschlaf und das Schlafen auf dem Rücken, das Faulenzen, langes Sitzen, übermäßige Mahlzeiten, viel Essen vor dem Schlafengehen, frühen und allzu häufigen Koitus, auch wirken nach seiner Meinung Sorge, Trauer, Furcht, Neid, Ueppigkeit, lebhafte Einbildung, tiefes Denken, Fasten, schwere Arbeit, anhaltendes Studium und Schreiben schädigend. Merkwürdigerweise ist Albicus ein Feind des häufigen Bädergebrauches, namentlich in öffentlichen Badehäusern: er habe nirgends in den ärztlichen Schriften gefunden, daß Bäder in bestimmten Krankheiten von Nutzen seien, sie verkürzen vielmehr das Leben und trocknen die Säfte durch Schweiße aus, weshalb auch die Italiener, Lombarden, Engländer Bäder nur selten gebrauchen. Bäder seien mehr für Schuster, Riemer, Schlosser und ähnliche Gewerbsleute, welche die Haut sehr verunreinigen, für höhere Stände eigneten sich nur Reinigungsbäder, selten gebraucht, in der Wanne, mit einigen Zusätzen. Von Lebensperioden unterscheidet er nicht, wie es damals allgemein üblich war, sieben, sondern vier, entsprechend den Jahreszeiten; aus seiner treffenden Charakteristik derselben sei diejenige des Greisenalters hervorgehoben: Senectus et senium sunt multum tristes et iracundae et rigidae aetates, quia tunc homo canescit, infirmatur et de die in diem deficit et vires in eo frigescunt et licet interdum jocundantur sicut asinus in majo attamen jocunditas illa cito evanescit etc. In Kürze und doch treffendster Weise werden Ratschläge für die Wahl des Arztes erteilt, welcher heiteren Sinnes sein soll und sich namentlich auf das Individualisieren verstehen müsse (das rechte Auge habe er für die Kräfte des Kranken, das linke für die Krankheit). Eine Reihe von Kapiteln behandelt die Prophylaxe und Therapie einzelner Krankheiten, z. B. der „maledicta” paralysis, des Rheuma (welches die Quelle der mannigfachsten Affektionen in den Augen und Ohren, in der Brust, im Bauch und in den Gliedern sei), der Pest und anderer kontagiöser Leiden (febris acuta, phthisis, scabies, pedicon ═ morbus caducus, ignis sacer, anthrax, lippa, frenesis, lepra). Unter den Präservativmitteln gegen die Pest empfiehlt Albicus z. B. das sal sacerdotale zu gebrauchen, auch rät er dringend die infizierten Orte zu fliehen, doch die Furcht beiseite zu stellen, denn „timor de peste et imaginatio et loquela facit hominem pestilentem”. -- Die an König Sigismund gerichtete Schrift ~Regimen contra reumata~ (Schrutz, Časopis čes. lékařův, 1909), in welcher „reuma” als Quelle der meisten Krankheiten angesprochen wird, enthält nebst verschiedenen Rezepten für innerlich oder äußerlich anzuwendende Medikamente ebenfalls eine rationelle Diätetik, insbesondere auch für Gichtleidende.

[18] Dieser ist ihm der „peritissimus medicorum”.

[19] ~moveri, laborare, jocundari, abstinentia summa medicinae~ -- cavendo a cavendis et bona diaeta praeservant homines a morbis.

Wien.

•Galeazzo de St. Sophia• dürfte 1398 von Padua nach Wien berufen worden sein (in den Fakultätsakten von 1399-1405 nachweisbar), wo er als einer der bedeutendsten Lehrer, Schriftsteller (sein Werk de simplicibus entstand auf Wiener Boden) und als Leibarzt der Herzöge Albrecht IV. und V. von Oesterreich wirkte.

Schriftsteller des 15. Jahrhunderts.

Italien.

•Hugo Senensis•, H. de Sena (~Ugo Benzi~, Benzo, Bencius, Bentius, † zu Ferrara wahrscheinlich um 1439) aus Siena, lehrte in Pavia, Piacenza, Florenz, Bologna, Parma, ~Padua~, Perugia und machte sich bei den Zeitgenossen einen großen Namen als Philosoph sowohl wie als Arzt. Außer ~Kommentaren zu Hippokrates, Galen und Avicenna~ (In primum canonis Avicennae fen primam, Venet. 1523, Super quarta fen primi Avicennae expositio, Venet. 1485, 1517 u. ö., Super aphorismos Hipp. et super comment. Galeni, Ferrar. 1493, Venet. 1498 u. ö., In tres libros microtechni Galeni expositio, Venet. 1498, 1523) hinterließ er ~Consilia~ (Perutilia consilia ad diversas egritudines, Bonon. 1482, Venet. 1518, 1523), welche durch ihre kasuistischen Mitteilungen (z. B. periodischen Wahnsinn, Spermatorrhöe, Magenschwindel, Nasenrachenpolyp, Tränenfistel, Epilepsie) von Interesse sind. Opera omnia, Venet. 1518.

•Antonius Cermisonius• (A. Cermisone, Cermesone) aus Padua, Professor in Pavia und in seiner Vaterstadt († 1441), verfaßte ~Consilia medica~ contra omnes fere aegritudines a capite usque ad pedes (Venet. 1496 u. ö., zumeist z. B. in der Ausgabe Venet. 1514, mit einer Schrift des ~Franc. Caballus~ über den Theriak, den Consilien des Montagnana angehängt). In den „Consilia” überwiegen die Rezeptformeln, doch finden sich auch manche gute Beobachtungen und zweckmäßige therapeutische Vorschläge darin, z. B. Fuß- und Handbäder als ableitende Mittel; Bäder, Vesikatore, Brechmittel, Terpentin gegen Ischias.

•Antonius Gainerius• (~Antonio Guainerio~, † um 1445), eine Zeitlang Professor in Pavia und Chieri, Leibarzt mehrerer Fürsten (Ludwig von Savoyen, Amadeus VIII., Filippo Visconti), verfaßte unter anderem einen Kommentar zum 9. Buche des Rhazes (In nonum Almensoris commentaria etc., Venet. 1497, 1498) und eine ~Practica~ (Papiae 1481 u. ö., Venet. 1508), auch unter dem Titel ~Opus praeclarum ad praxim non mediocriter necessarium~ (Lugd. 1534), welche aus 12 Abschnitten besteht: de egritudinibus capitis, de pleuresi, de passionibus stomachi, de fluxibus, de egritudinibus matricis, de egritudinibus juncturarum, de calculosa passione (Erwähnung der ~Bougie~ cap. 15 foramini virgae candelam subtilem ceream vel virgulam stanneam aut argenteam immitte), ~de peste~, ~de venenis~, ~de febribus~, de balneis, Antidotarium. Aus dem Inhalt sind besonders jene Mitteilungen, die sich auf die Pathologie des Nervensystems (z. B. Aphasie, Epilepsie, Manie) und auf die Gynäkologie beziehen, bemerkenswert. Wenn Guaineri abergläubische Prozeduren als Hilfsmittel bei der Geburt aufzählt, so scheint er mehr der Zeitrichtung als eigener Ueberzeugung Rechnung zu tragen.

•Johannes Michael• (~Giovanni Michele~) •Savonarola•[20], wahrscheinlich 1390 bis 1462, Professor in Padua, später in Ferrara, Physicus ordinis equestris hyerosolomitanus (Johanniter-Ritterorden), verfaßte außer den Schriften ~Practica canonica de febribus~ etc. (Venet. 1498 u. ö., Lugd. 1560), ~de arte conficiendi aquam vitae simplicem et compositam~ (Hagenov. 1532, Basil. 1597), ~in medicinam practicam introductio~ (Argent. 1553), ~de balneis omnibus Italiae sicque orbis~ (Venet. 1592), ~de pulsibus, urinis et egestionibus~ (Venet. 1497, 1552) u. a. nach dem Muster von Avicennas Kanon eine, das Gesamtgebiet der Medizin betreffende ~Practica de aegritudinibus a capite ad pedes~ (Papiae 1486, Venet. 1497, 1498, 1502, 1518, 1547, 1559, 1561). Das Werk zerfällt in sechs Traktate. ~Traktat~ I handelt über das Verhalten des Arztes am Krankenbette, die Erhebung der Anamnese und die Krankenuntersuchung (Inspektion des ganzen Körpers, des Harns, Blutes, Schleims, des Stuhles, des Erbrochenen u. s. w., Prüfung der Körperfunktionen), worauf dann die Zeichen der wichtigsten Symptomenkomplexe (Zeichen des hitzigen Symptomenkomplexes der Cholera rubea, der Verstopfung, der Tympanitis, der Anschoppung, der Verstopfung in den Gefäßen, der feuchten und hitzigen, der warmen und trockenen, der kalten und feuchten, der kalten und trockenen Komplexion), die Fieberarten, die Diätetik und medikamentöse Therapie (mit Rücksicht auf die Zeit der Verabreichung, Dosis, Indikation, Kontraindikation), endlich die Prognostik und ärztliche Politik erörtert werden. ~Traktat~ II handelt über die sex res non naturales. ~Traktat~ III handelt über die Krankenküche. ~Traktat~ IV betrifft die Pharmakodynamik. ~Traktat~ V zählt die Arzneimittel aus den drei Reichen und die Arzneiformen auf. ~Traktat~ VI enthält in 22 Abschnitten die spezielle Pathologie und Therapie. Jeder Abschnitt wird mit einer anatomisch-physiologischen Einleitung eröffnet, darauf folgt die Aetiologie, Symptomatologie, die Indikationsstellung, die Therapie, den Beschluß machen verschiedene Streitfragen „Dubia” und einschlägige hippokratische Aphorismen. Neben der inneren Medizin ist auch die Chirurgie berücksichtigt (Erwähnung eines Spiegels zur Erweiterung der Nase bei operativen Eingriffen, der direkten Laryngoskopie [Sichtbarwerden der geschwollenen Epiglottis nach starkem Hinunterdrücken der Zunge], Beschreibung eines Instrumentes nach Art des Syringotoms, mechanische Behandlung der Wirbelsäulenverkrümmung u. a.), desgleichen die Geburtshilfe; hinsichtlich letzterer ist hervorzuheben, daß unter den Ursachen der schweren Geburt auch der ~schmalen Hüften~ (mulieres, quae non sint in suis anchis bene amplae) gedacht und der Hebamme empfohlen wird, sich nach dem Verlauf etwa früher stattgehabter Geburten zu erkundigen. Außer einer Schwangerschaftsdiätetik gibt S. auch eine Wochenbettsdiätetik an. Aus einer Stelle geht hervor, daß damals der Arzt schon etwas mehr als früher mit der praktischen Geburtshilfe zu tun hatte, allerdings vorerst nur in schweren Fällen und bei den „dominae magnae” (pro pauperculis non multum laborat medicus).

[20] Großvater des berühmten Girolamo Savonarola, der 1498 als „Ketzer” verbrannt wurde.

•Johannes de Concoregio• (~Gioanni da Concoreggio~), geboren um 1380 in Mailand, lehrte in Bologna (1433), Pavia, Florenz und seit 1439 in seiner Vaterstadt; er hinterließ ein echt arabistisches, jeder Selbständigkeit entbehrendes Werk über die gesamte Medizin, welches eigentlich eine Sammlung mehrerer seiner Schriften darstellt unter dem Titel: ~Practica nova medicinae. Lucidarium et flos florum~ medicinae nuncupata. Summula ejusdem de curis febrium etc. (Papiae 1485, Venet. 1515, 1521, 1587).

•Bartholomaeus• (~Bartolommeo~) •Montagnana•[21], Professor in Padua, † um 1460. Seine lange Zeit sehr geschätzten ~Consilia~ (Rothomag. 1476, Venet. 1497, 1499, 1514, 1564, Lugd. 1524, 1525, 1568, Francof. 1604, Norimb. 1652), an Zahl 305, bilden eine medizinische Kasuistik, welche nach folgenden Gesichtspunkten geordnet ist: Diät, Krankheiten des Gehirns, der Nerven, der Augen, des Ohres, der Nase, des Mundes, der Kehle, der Lungen, des Herzens, der Brustdrüsen, des Magens, der Leber, der Milz, der Därme, des Afters, der Nieren, der Blase, der männlichen, der weiblichen Geschlechtsorgane, Krankheiten der Wirbelsäule und der Extremitäten, Dyskrasien, Fieber, Hautkrankheiten, Lepra. ~Im Abschnitt von der Lepra ist die knollige Form nicht mehr beschrieben.~ Im Anhang zu den Konsilien sind noch einige kleinere Schriften des Montagnana enthalten: ~Tractatus tres de balneis Patavinis~, ~Tractatus de modo componendi medicinas et de dosi earum~, ~Antidotarium~.

[21] Ein Heremias de Montagnana aus Padua (gegen Ende des 13. Jahrhunderts) verfaßte ein Compendium de significatione vocabulorum medicorum. -- Bartolommeo Montagnana war Stammvater einer bis in das 17. Jahrhundert blühenden ärztlichen Familie.

•Johannes Arculanus• (Herculanus, ~Giovanni Arcolano~, d'Arcoli) aus Verona, soll zuerst (1412-1427) in Bologna, sodann in Padua und Ferrara gelehrt haben († 1460 oder nach anderer Angabe 1484). Er schrieb ~Expositio in primam fen quarti canonis Avicennae~ (Ferrar. 1488, Lugd. 1518, Venet. 1560, 1580, Patav. 1684) und ~Practica medica s. Expositio in nonum librum Almansoris~ (Venet. 1483 u. ö., noch 1560, Basil. 1540). Letztere Schrift stellt zwar formell nur einen Kommentar dar, welcher sich von anderen durch die weit geringere Weitschweifigkeit und Zitatensucht vorteilhaft unterscheidet, enthält aber nicht wenige selbständige Anschauungen über die spezielle Pathologie und Therapie. Treffend ist z. B. die Symptomatologie des Säuferwahnsinns geschildert, in den chirurgischen Abschnitten, welche durch Abbildungen von Instrumenten verständlicher gemacht werden, finden sich manche interessante Stellen, die den Fortschritt in der Technik beweisen (z. B. Beseitigung von Wasser aus dem Gehörgang mittels einer Art von Spritze, Füllen hohler Zähne mit Goldfolie, Anwendung von Kathetern aus biegsamem Material bei verschiedenen Harnleiden).

•Christophorus Barzizius• (~de Barziziis~, Cristoforo Barziza) „novello Ippocrate”, „Monarca della Professione”, Professor in Padua (1434 bis mindestens 1440), hinterließ ~Introductorium sive janua ad omne practicum medicinae~ (Pap. 1494, Aug. Vindel. 1518), eine allgemeine Pathologie und Therapie, de febrium cognitione et cura liber (Pap. 1494, Lugd. 1517).

•Johannes Mattheus de Ferrariis• (Ferrarius) •de Gradi• oder Gradibus (Giamatteo ~Ferrari da Grado~), † 1472, wirkte mit großem Erfolge als Professor der Medizin in Pavia, als Leibarzt am Hofe des Francesco Sforza und als angesehener, von den vornehmsten Persönlichkeiten in Anspruch genommener Praktiker. Schriften: ~Practica~ vel commentarius textualis cum ampliationibus et additionibus materiarum in nonum Rhazis ad Almansorem (Pars I Pap. 1471, 1497, Lugd. 1519, 1527, Venet. 1520, 1560; Pars I et II Pap. 1497; Pars III Mediol. 1471), ~Expositiones super vigesimam secundam fen tertiae canonis Avicennae~ (Mediol. 1494), ~Consiliorum secundum viam Avicennae ordinatorum utile repertorium~ (Venet. 1514, 1521, Lugd. 1535). Practica und Consilia (für die Zeitgeschichte nicht ohne Interesse) enthalten nicht wenige selbständige Beobachtungen und von eigenem Urteil geleitete Angaben, z. B. diätetische Regeln für Studierende und Reisende, Fälle von Schreibkrampf, Gesichtslähmung, Speichelfluß, Haemoptoe bei Dysmenorrhoe, Sterilität infolge von Lageveränderung des Uterus, Empfehlung eines ~Pessarium~ in der Behandlung des Uterusprolapses, eines Bruchbandes (brachale) mit flacher und quadratischer Pelotte zur Behandlung der Hernien u. a.