Geschichte der Medizin. I. Band
Part 6
In der Mythologie spielen auch Krankheiten der Götter eine Rolle. Der alternde Rā erkrankt durch einen, aus seinem eigenen Sputum bereiteten „Wurm“, welcher ihn von der Ferse aus infiziert. Isis wurde in den Sümpfen des Delta von einer Entzündung der Mamma ergriffen. Der Sohn des Osiris und der Isis, Horus, erkrankte einmal an Skorpionstichen, ein anderes Mal an einer Art von Dysenterie, im Entscheidungskampf mit dem bösen Set (Typhon) büßt dieser die Hoden ein, kommt Horus beinahe um ein Auge, wird aber wieder geheilt. Anspielungen auf die Götterkrankheiten bezw. Heilungen machen den Hauptinhalt mancher magischer Formeln aus, und Rezeptsammlungen heben jene Arzneimischungen besonders hervor, welche angeblich von Göttern stammen oder für sie bereitet wurden. Im Pap. Ebers z. B. wird ein Mittel erwähnt, das der Gott Rā, ferner andere, welche der Gott Sŭ, der Gott Seb, die Göttinnen Tefnut, Nut und Ast zusammengesetzt haben. In der Einleitung dieses Papyrus heißt es: „Möge mich Isis heilen, so wie sie Horus heilte von allen Schmerzen, die ihm sein Bruder Set angetan hat, da er seinen Vater Osiris tötete. O Isis, du große Zauberin, heile mich, erlöse mich von allen bösen, schlechten, typhonischen Dingen, von den dämonischen und tödlichen Krankheiten und Verunreinigungen jeder Art, die sich auf mich stürzen, so wie du erlöst und befreit hast deinen Sohn Horus.“ Eine der Formeln, welche über ein Augenmittel zu sprechen ist (Joachim, Pap. Ebers p. 93), enthält den Namen des Horus. Der Horusknabe, welcher von bösen Tieren, Feuer und anderem Unglück bedroht war, aber aller Gefahr durch den Zauber der Isis entging (oder Isis mit dem Horuskinde), wurde späterhin, wie Amulette bewiesen, zum Schutzgeist gegen schädliche Tiere und erfreute sich namentlich in der Krankenstube der Kinder großer Verehrung. Von den einschlägigen Stellen im Berliner Papyrus 3027 (Zaubersprüche für Mutter und Kind) seien hier nur folgende erwähnt: „Meine Hände liegen auf diesem Kinde, und die Hände der Isis liegen auf ihm, wie sie ihre Hände legt auf ihren Sohn Horus.“ -- Ansprache an ein krankes Kind, das ebenso wie Horus genesen wird: „Du bist Horus und du erwachst als Horus. Du bist der lebende Horus; ich vertreibe die Krankheit, die in deinem Leibe ist, und das Leiden, das in deinen Gliedern ist.“
~Der Arzt~ (Sun-nu) ~gehörte der Priesterschaft an~, d. h. jener Kaste, welcher neben dem Kultus die Pflege der gesamten Gelehrsamkeit anvertraut war. Wie die übrigen Wissenszweige wurde auch die Medizin in den, mit den Tempeln in Verbindung stehenden Schulen gelehrt -- die berühmtesten waren in ~On~, ~Saïs~, ~Memphis und Theben~ --, die ärztlichen Adepten empfingen aber gewiß nicht nur theoretischen Unterricht (auf Grund der vom Gotte Thot inspirierten heiligen Bücher und deren Erklärungsschriften), sondern auch praktische Unterweisung; für diese war dadurch Gelegenheit gegeben, daß sich viele Heilungsbedürftige in den Tempeln einfanden, und die Priesterärzte die Kranken auch in ihren Wohnungen besuchten. Das Aufgehen des Aerztestandes im Priestertum brachte Vorteile und Nachteile, einerseits war für eine geregelte Ausbildung gesorgt, gegen welche das Pfuschertum nicht aufkam, und die Aerzte wurden als Mitglieder der Priesterkollegien aus dem Tempelfond besoldet, anderseits aber verschmolz die Wissenschaft mit der Theurgie und verblieb im Banne einer „göttlich“ inspirierten, erstarrten Tradition, welche der individuellen Betätigung die engsten Schranken zog; ~wir hören daher vieles von berühmten Aerzteschulen, aber nichts von hervorragenden ärztlichen Individualitäten~, und mögen die Schulen in einzelnen Auffassungen voneinander abgewichen sein, von einem ärztlichen Sektenwesen konnte keine Rede sein. Die Scheidung der Priesterärzte: in den Arzt engeren Sinnes, Chirurgen und Beschwörer, läßt sich früh nachweisen (der Beschwörer besaß das höchste Ansehen), die Sonderung in Spezialärzte aber (worüber Herodot berichtet) dürfte wohl erst der Zeit des zunehmenden Kastenwesens, des Niedergangs der ägyptischen Medizin eigen sein; die einzelnen Priesterschulen haben jedenfalls, wie aus Papyrus Ebers hervorgeht, gewisse Zweige der Heilkunde besonders kultiviert.
Den Priesterkollegien kam, als Körperschaft, die Bedeutung einer Medizinalbehörde zu, welche die ärztliche Tätigkeit überwachte (der Oberpriester von Saïs z. B. führte den Titel „Oberster der Aerzte“). -- Die Geburtshilfe (und Kosmetik) lag in den Händen kundiger Frauen, an deren Spitze Oberhebammen standen.
Das Kastenwesen der Aegypter war keineswegs von solcher Schroffheit wie das indische. Daher erschlossen Fleiß und Begabung den Jünglingen aller Stände die gelehrten Berufe. Daß alle Aerzte der Priesterschaft angehörten (ähnlich wie im europäischen Mittelalter dem Klerus), scheint sichergestellt, zweifelhaft aber bleibt es, ob nicht ein gewisser Grad von ärztlichem Wissen einen Teil der Priesterbildung überhaupt ausmachte. -- Die hierarchische Gliederung der Aerzte unter Leitung eines „Oberarztes“ bestand schon im „alten Reich“. Das soziale Ansehen, das die Aerzte als Mitglieder der Priesterkollegien genossen, war ein hohes, und die Geschichte berichtet von manchem, der sogar den Königsthron einnahm, z. B. Athotis und Tosorthos. -- Die Genesenden spendeten für die Tempel ~Weihgaben~, z. B. Nachbildungen der erkrankt gewesenen Körperteile, z. B. von Armen, Fingern, Augen, Ohren u. a.
Die Priesterwissenschaft lieferte der Heilmittellehre und Arzneibereitung keine unbedeutende naturwissenschaftliche Grundlage (zoologisch-botanisch-chemische Kenntnisse; es gab botanische Gärten; die Chemie, deren Name auf die heimische Bezeichnung Aegyptens χημι zurückgeführt wird, erreichte eine ansehnliche Höhe) -- das Wissen über ~Bau und Funktionen des menschlichen Körpers~ verharrte aber auf sehr niedriger Stufe. Mögen die zugänglichen Quellen, da sie nur praktisch medizinische Werke, Rezeptbücher, darbieten, für ein abschließendes Urteil keinen hinlänglichen Stützpunkt gewähren, sie lassen doch deutlich erkennen, daß es ganz unberechtigt war, wenn man, wie es früher geschah, den Aegyptern ein bedeutendes anatomisches Wissen auf Grund des Einbalsamierungsverfahrens andichtete; denn was bisher bekannt geworden, steht weit unter dem Niveau von Kenntnissen, die bei diesem Verfahren möglicherweise hätten erworben werden können! Zudem ist nicht außer acht zu lassen, daß die der Balsamierung vorausgehende Entfernung der Eingeweide nicht durch Aerzte, sondern durch Handwerker vorgenommen wurde, und daß die kultische Weihe des ganzen Gebrauchs die Befriedigung der wissenschaftlichen Neugier beinahe ausschloß. Die spärlichen Einblicke in die Anatomie, welche der ägyptische Arzt besaß, sind auf zufällige Erfahrungen und auf die Beobachtungen beim Schlachten der Tiere zurückzuführen -- Beobachtungen, die wie bei anderen Völkern in ein Netz vorgefaßter naturphilosophischer Spekulationen verwoben wurden.
In der ältesten Zeit, der „Negadaperiode“, gab es, wie die Ausgrabungen lehren, zwei Beerdigungsarten, nämlich die Bestattung (des in Hockstellung gebrachten) mit einer Hülle von Fellen bedeckten Leichnams und die Beisetzung der Skelettteile des zerstückelten Leichnams, nach Entfernung aller Weichteile (ähnlich wie bei manchen Stämmen des heutigen Afrika). Das Einbalsamieren entwickelte sich erst allmählich; zur Zeit der zweiten Dynastie stand es bloß teilweise im Gebrauch und noch bis in die Epoche der fünften Dynastie läßt sich (neben der Einbalsamierung) die Sitte der Leichenzerstückelung (und Abschabung des Fleisches von den Knochen) verfolgen. Ausgehend von dem Glauben an die ~Auferstehung~ in irdischer Gestalt, von der Ansicht, daß das Wohl der Seele an die ~Konservierung des Leibes~ geknüpft sei, suchte man der in dem heißen Klima so rasch eintretenden Verwesung entgegenzuwirken -- die gleichzeitig zur Geltung kommenden hygienischen Vorteile bildeten wohl nur ein sekundäres, jedenfalls bemänteltes Moment. Die natürliche Ausdörrung der Leichen, wie sie bei solchen eintrat, die man in Berghöhlen beisetzte oder im Wüstensand vergrub, zeichnete den einzuschlagenden Weg vor; zur schnelleren, künstlichen Austrocknung dienten in erster Linie das Natron, welches den Geweben das Wasser entzieht und die Fettteile vernichtet, sodann fäulniswidrige Substanzen, Myrrhen, Weihrauch, Kassia u. a.; eine notwendige Ergänzung fand das Verfahren in der, sogleich nach dem Tode vorgenommenen Entfernung der Eingeweide, woran sich die Ausspülung mit Palmwein und die Ausfüllung der Höhlung mit syrischem Salz, Balsam, Zedernpech, Asphalt, Hobelspänen, Mumienbinden etc. schloß. Hierauf wurde der Leichnam mit Binden umwickelt, jeder Körperteil für sich; die fertige Mumie legte man in einen Holzsarg, der dann wohl (bei Reichen) von einem Steinsarkophag umschlossen wurde. Die Einbalsamierung erfolgte in den „Totenstädten“ (wo die mit dem Totenkultus berufsmäßig in Verbindung stehenden Leute wohnten), die Beisetzung geschah in alter Zeit in unterirdischen Kammern, später in eigenen hierzu bestimmten oberirdischen Räumen.
Bildliche Darstellungen des Einbalsamierens finden sich auf mehreren Mumien, ziemlich genaue Angaben bei Herodot und Diodor; es gab drei Arten des Verfahrens (die Leichen der Armen wurden bloß in eine Natronlösung gelegt), weibliche Leichen übergab man Frauen zum Einbalsamieren und überließ sie dem männlichen Personal frühestens nach 4 Tagen. Auf das hohe Alter der Sitte weisen gewisse Formalitäten, die gemäß den griechischen Berichten bei der Eröffnung der Leichen zum Zweck der Herausnahme der Eingeweide eingehalten wurden: zuerst zeichnete der γραμματεῦς die Richtung des Schnittes vor, worauf der παρασχίστης mit einem äthiopischen Stein -- ~Feuersteinmesser~ -- in die ~linke Unterleibsseite~ einschnitt und davonrannte, während ihm die Anwesenden Steine nachwarfen (Hindeutung auf die Todesstrafe durch Steinigung wegen des Verbrechens der Leichenschändung!). Das Gehirn entfernte man mittels eines bronzenen Hakens durch die Nase(?). Mit den Eingeweiden scheint man verschieden verfahren zu haben, nach einer Angabe brachte man sie in ein Gefäß und warf dieses unter Anrufung des Rā in den Nil, nach einer anderen legte man sie nach ihrer Reinigung und Einbalsamierung in die Leiche wieder zurück. Häufig setzte man sie aber in vier Gefäßen, entsprechend den vier Totendämonen, gesondert bei (das Gefäß, dessen Deckel den Menschenkopf des Amset zeigte, enthielt den Magen und die großen Eingeweide, das zweite, welches dem hundsköpfigen Hapi geweiht war, die kleinen Eingeweide, das dritte mit dem Schakalkopf des Duamutef barg Herz und Lunge, das vierte mit dem Sperberkopf des Kebsenuf Leber und Galle).
Die Hauptbestandteile des Körpers -- freilich ohne Berücksichtigung feinerer Einzelheiten -- spielten in der Schrift, Sprache und Mythologie der Aegypter eine wichtige Rolle. Nicht wenige Hieroglyphenzeichen stellen Körperabschnitte vor; die Sprache enthält nicht nur eine ansehnliche Zahl von Benennungen derselben, sondern benützte sie auch zur Versinnlichung abstrakter Begriffe; der ganze Himmel wurde anthropomorph vorgestellt (Sternbilder als Glieder), und selbst die Landeseinteilung war eine Gliederung im buchstäblichen Sinne des Wortes, da jeder der 14 Bezirke einem Körperteil des Osiris entsprach. Noch unterliegt die Bestimmung der ägyptischen Termini manchen Schwierigkeiten, die unter anderem darauf beruhen, daß bisweilen dasselbe Wort zur Bezeichnung ganz verschiedener Körperteile dient, z. B. von Ohr und Nase (~die gleiche Bezeichnung von Herz und Magen~ und die daraus resultierende Konfusion in der medizinischen Auffassung der entsprechenden Symptome läßt sich fortwirkend noch heute sprachlich verfolgen, Cardia, Herzgrube). Wie aus den Ideogrammen der Hieroglyphenschrift und aus bildlichen Darstellungen hervorgeht, wurden die Befunde der Tierzergliederung (Küchen- und Opferanatomie) per analogiam auf den Menschen übertragen, so figuriert z. B. die Lunge immer als sechslappig (Säugetierlunge).
Eine anatomische Spezialschrift ist nicht auf uns gekommen, doch soll angeblich eines der hermetischen Bücher eine Schilderung des Körperbaues enthalten haben, und nach einheimischer Ueberlieferung (Manetho) galt der zweite König der ersten Dynastie, ~Athotis~, als Verfasser anatomischer Werke (vielleicht eine volksetymologische Verwechslung mit dem ägyptischen Hermes, dem Gotte Thot). Zur Beurteilung der anatomischen Kenntnisse stehen nur gelegentlich eingestreute Bemerkungen zur Verfügung, z. B. Aufzählungen von Körperteilen (im Totenbuch, in Zaubersprüchen etc.); Genaueres erfahren wir höchstens über ~das Gefäßsystem, als dessen Zentrum man das Herz ansah~. ~Im Papyrus Ebers~ ist an zwei Stellen (Taf. 99 und Taf. 103) die Rede von den Gefäßen (metu), wobei unter dieser Bezeichnung außer den Adern auch Hohlgänge verschiedener Art, sowie Nerven und Sehnen zu verstehen sind. An der ersten Stelle (Joachim, Pap. Ebers p. 180-182) werden nach dem „Geheimbuch des Arztes“ folgende „metu“ genannt: 4 in der Nase (2 geben Schleim, 2 Blut), 4 an den Schläfen (sie versorgen auch das Auge), 4 im Kopf (Ausbreitung am Hinterhaupt), 2 zum Jochbein, je 2 zum rechten Ohr (für den ~Lebenshauch~) und zum linken Ohr (für den ~Todeshauch~), 6 zu beiden Armen, 6 zu den Füßen, 2 zu den Hoden, 2 zu den Nieren, 4 zur Leber (Feuchtigkeit und Luft führend), 4 zum Mastdarm und zur Milz (ebenfalls Feuchtigkeit und Luft führend), 2 zur Blase (Urin führend, also Harnleiter), 4 in den After („sie bringen in ihm hervor Feuchtigkeit und Luft“). An der zweiten Stelle (Joachim, p. 186-187), die dem uralten Buche „Vom Vertreiben der uchedu“ entnommen sein soll (vergl. S. 36), heißt es: Der Mensch hat 12 Herzgefäße, die sich in alle Glieder ausbreiten; es sind je 2 Gefäße in ihm in seiner Brustgegend, je 2 ziehen zum Schenkel, zum Arm, zum Hinterkopf, zum Vorderkopf, zum Auge, zur Augenbraue, zur Nase, zum rechten Ohr (Lebenshauch), zum linken Ohr (Todeshauch); „~sie kommen in ihrer Gesamtheit von seinem Herzen~ und verteilen sich in seine Nase, sich sammelnd in ihrer Gesamtheit in seinen beiden Hinterbacken.“ Nach dem Pap. Brugsch „hat der Kopf 32 Adern, von ihm aus schöpfen sie den Atem nach der Brust, so daß sie den Atem allen Gliedern geben“. Diese auf flüchtiger Beobachtung und Spekulation beruhende phantastische Gefäßlehre (vergl. unten die chinesische und indische) war in Aegypten noch im 14. Jahrhundert v. Chr. gültig und reichte, wenn die Angabe bezüglich der Abfassung des Buches vom Vertreiben der uchedu richtig ist, ins 4. Jahrtausend zurück. Interessant ist es, daß auch der Ausläufer der ägyptischen Medizin, nämlich die koptische Medizin, 300 Adern vom Nabel entspringen ließ, also noch in den gleichen Bahnen verharrte.
Eine sehr wertvolle Ergänzung der dürftigen literarischen Dokumente bilden hinsichtlich der ägyptischen Anatomie die erhaltenen Weihgaben (z. B. ein Ohr aus Terrakotta, eine Steintafel mit zwei ausgemeißelten Ohren, ein elfenbeinerner Vorderarm nebst Hand), namentlich aber die Skulptur und Malerei (eigenartige verfehlte Perspektive, strenger Proportionskanon, getreue Wiedergabe der Rassenmerkmale).
Die ~physiologische~ Spekulation der Aegypter beruhte auf Analogien zwischen der äußeren Natur und dem Menschen, wobei man den Blick, weit weniger als in Mesopotamien, nach den Gestirnen wandte, da in Aegypten die Jahreszeiten nicht so sehr durch den Himmel, als durch das Steigen und Fallen des Nil reguliert werden. Die scharfe Trennung des durch die Ueberschwemmung kulturfähig gemachten Bodens (~Wasser~ -- ~Erde~), der Einfluß der Sonnenwärme (~Feuer~) und der Winde (~Luft~), das periodische An- und Abschwellen des Nil, die nützliche Wirkung des Kanalisationssystems, welches die richtige Berieselung des Landes vermittelte, schien dem Bau und Leben des Organismus zu entsprechen, seiner Zusammensetzung aus festen Bestandteilen (Knochen, Fleisch -- •Erde•, Humus) und Flüssigkeiten (•Wasser•), seinem vielverzweigten Gefäßsysteme (Kanäle), welches das Blut führt und durch den Puls an das Steigen und Fallen des Nils erinnert, der inneren Wärme (•Feuer•), der Atmung (•Luft•, Wind). Eine Lokalfärbung besitzt die ägyptische Physiologie dadurch, daß -- im Gegensatz zur vorzugsweisen hämatischen Theorie des Zweistromlandes -- auf die vitale Bedeutung der ~Atmung~ ein besonderer Nachdruck gelegt (~Pneumalehre~), und daher die Körperluft als wichtigstes Agens aufgefaßt wurde.
Die höchstwahrscheinlich in Aegypten zuerst entwickelte Lehre von den ~vier~ Elementen -- manche Forscher glaubten den Gedanken sogar in der Gestalt der Pyramiden und Obelisken sichtbar ausgedrückt zu finden -- ist nirgends klar ausgesprochen. -- Die Herleitung des Lebens von der Atmungsluft und den Körperflüssigkeiten spielte auch im Kultus eine wichtige Rolle, bot dieser doch den Göttern wie den Abgeschiedenen ~gute Luft~ als Weihrauch und ~Lebenswasser~ in Form von Weihwasser. Das ~lokale~ Moment der naturphilosophischen Analogien tritt markant z. B. darin hervor, daß die Aegypter die Hypersekretion, das andauernde Wässern des Auges bei Entzündung desselben als „~Aufsteigen~ von Wasser in die Augen“ (vom Herzen aus) bezeichnen (im Gegensatz zur griechischen Auffassung, welche ein Herabfließen vom Kopfe für die Entstehung desselben Phänomens verantwortlich machte). In Aegypten entsteht eben die Bewässerung nicht, wie bei uns, durch den herabfallenden Regen, sondern durch das Emporsteigen des Nils.
Die Atmungsbewegung setzte das Einströmen der Luft in den Körper und das Ausströmen außer Zweifel -- und auch die Wege, auf denen das Pneuma im Körper zirkulieren sollte, scheinen mit täuschender Exaktheit schon in sehr alter Zeit durch die Beobachtung an Tier- und Menschenleichen aufgedeckt worden zu sein; denn ein Teil der Gefäßstränge des Kadavers fand sich stets blutgefüllt, ein anderer Teil dagegen -- die Arterien -- leer (= lufthaltig); die letzteren wurden mit dem Anschein des unzweideutigen Beweises als Kanäle des Pneuma in Anspruch genommen, indem man von den Verhältnissen am Kadaver auf den Lebenden schloß.
Als ~Ursprung der Blutadern~ wurde ~das Herz~ erkannt.
Papyrus Ebers und Brugsch enthalten in dem oben erwähnten Buche vom Vertreiben der uchedu, in welchem von luftführenden Gefäßsträngen die Rede ist, •die älteste Quelle für die Pneumatheorie•. Bemerkenswert ist es, daß hierbei ein Unterschied von gutem und schlechtem Pneuma, nämlich „Pneuma des Lebens“ und „Pneuma des Todes“, gemacht wird, welche auf verschiedenen Wegen zirkulieren, worunter kaum etwas anderes als In- und Exspirationsluft verstanden werden kann. [Dieser Unterscheidung entspricht in der vorzugsweise hämatischen Lebenstheorie der Babylonier die Sonderung des Blutes in Blut des Tages (helles Aderlaßblut, arterielles) und Blut der Nacht (dunkles Aderlaßblut, venöses).]
Herz und Magen (hieroglyphisch mit demselben Determinativ, dem Bilde des Kochtopfes bezeichnet) wurden als Doppelsystem betrachtet, in welchem die Lebenswärme aus der aufgenommenen Nahrung das Blut bereitet. -- Vom Herzen glaubte man, daß es sich mit zunehmendem Alter verkleinere.
In der ~Pathologie~ (namentlich der epidemischen Krankheiten) spielt das religiös-abergläubische Moment zwar keine geringe Rolle, doch treten rationelle Beobachtungen stark in den Vordergrund. Die Aegypter leiteten die Krankheiten meist von übermäßiger Nahrung oder Würmern (wirklichen und bloß supponierten) her.
Je nach den Texten, Zauberpapyri oder Rezeptbücher, herrscht die superstitiöse oder empirische Aetiologie vor. Der Mystizismus ließ die einzelnen Körperteile unter der Herrschaft bestimmter Gottheiten stehen und dem unheilvollen Einfluß bestimmter Dämonen ausgesetzt sein. -- Daß der „•Wurm•“ geradezu zum •Grundsymbol der Krankheit• wurde, kann nicht wundernehmen in einem Lande, wo tatsächlich tierische Parasiten so häufig als Krankheitserreger wirken. Generalisierend schloß man auf das Vorhandensein von krankmachenden „Würmern“ auch dort, wo sie nicht nachweisbar waren und meinte, daß sie aus den verdorbenen Körpersäften entstehen.
Was man „Krankheit“ nannte, waren entweder nur einfache Symptome oder Gruppen von Symptomen (Symptomenkomplexe). Die letzteren erforderten begreiflicherweise schon ein entwickelteres diagnostisches Räsonement.
Im Papyrus Ebers wird die Rezepttherapie für eine Menge von differenzierten Affektionen (Symptome und Symptomenkomplexe) angeführt; die Deutung der Krankheitsbezeichnungen ist aber mit sehr großen philologischen und medizinischen Schwierigkeiten verbunden, welche noch nicht in Gänze überwunden werden konnten. Erwähnt sind unter anderen: Abdominelle Affektionen (darunter wahrscheinlich auch Dysenterie), Eingeweidewürmer, Entzündungen am After, Hämorrhoiden, (schmerzhafte) Affektionen des Epigastriums, Herzkrankheiten, Schmerzen im Kopfe, Störungen der Harnsekretion, Dyspepsie, Schwellungen am Halse, Angina, ein Leberleiden, etwa 30 Augenkrankheiten, Haarkrankheiten, Hautleiden, Frauenkrankheiten, Kinderkrankheiten, Nasen-, Ohren-, Zahnkrankheiten, Geschwülste und Geschwüre.
Bezüglich der ~Diagnostik~ läßt sich als erwiesen annehmen, daß der ägyptische Arzt nicht nur die ~Inspektion~ und ~Palpation~ übte, sondern auch den ~Harn~ besah. Von größtem Interesse aber ist es, daß man, wie aus Papyrus Ebers hervorzugehen scheint, auch die Schallphänomene nicht außer acht ließ; denn kaum anders als im Sinne der ~Auskultation~ ist der Satz zu deuten: „Das Ohr hört darunter.“
Die ~Therapie~ umfaßt den größten Teil der ägyptischen Medizin. Die halb priesterliche, halb empirische Zwittergestalt des Arzttums brachte es mit sich, daß ~theurgische~[10] und ~rationelle~ Maßnahmen in der Behandlungsweise bald rivalisieren, bald gleichwertig nebeneinander bestehen oder sich gegenseitig durchdringen. In den jüngeren Texten und in den Laienpapyri herrschen Gebete, Segenssprüche, Zauber- und Beschwörungsformeln, symbolische Handlungen vor, in den älteren und ältesten Rezeptbüchern prävaliert die ~Pharmakotherapie~, ohne daß aber das theurgische Moment vermißt wird; denn nicht selten gehen Gebete und Beschwörungen den Rezepten voran, zauberkräftige Sprüche begleiten die Bereitung der Arzneien oder sind vom Kranken beim Gebrauch derselben zu sprechen, und zum mindesten wird die suggestive Wirkung gewisser Mixturen dadurch gesteigert, daß man ihre Komposition als göttliche Erfindung (z. B. der Isis, der Nut, des Set) bezeichnet.
[10] Wie die demotischen Texte zeigen, wurde Aegypten späterhin, namentlich in nachchristlicher Zeit die Hauptstätte der ~magischen~ Therapie. Die Sitte des ~Tempelschlafes~ dürfte schon früh in den Heiligtümern des Isis und des Serapis gepflegt worden sein (Diodor, Strabo) vergl. S. 32.